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Gutenberg > William Shakespeare >

Titus Andronicus

William Shakespeare: Titus Andronicus - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleTitus Andronicus
pages211-213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Ein Zimmer im kaiserlichen Palast

Von der einen Seite treten auf Aaron, Chiron und Demetrius; von der andern der junge Lucius und ein Diener, der ein Bündel Waffen trägt, um welches Verse geschrieben stehn

Chiron.
Demetrius, hier ist des Lucius Sohn,
Der eine Botschaft uns bestellen soll.

Aaron.
'ne tolle Botschaft wohl vom tollen Alten!

Knabe.
Ihr Herrn, mit aller schulden Demut meld ich
Titus Andronicus' ergebnen Gruß;
(Beiseite.) Und fleh die Götter Roms, euch zu verderben.

Demetrius.
Hab Dank, mein artges Kind! Was Neues gibts?

Knabe (beiseite).
Daß wir euch beid entlarvt, das Neue gibts,
Als räuberische Schurken. – (Laut.) Edle Herrn,
Mit Vorbedacht schickt mein Großvater euch
Die schönsten Klingen seines Waffensaals
Als eurer würdgen Jugend Lust und Schmuck,
Der Hoffnung Roms: denn also sagt' ers mir,
Und so bestell ichs jetzt, und liefr' euch ab
Sein Gastgeschenk: daß, wenn ihrs einst bedürft,
Ihr stattlich seid gerüstet und bewahrt. –
Und somit laß ich euch (beiseite) als blutge Schurken. (Ab.)

Demetrius.
Nun, was ist dies? Ein Blatt rundum beschrieben?
Laßt sehn:

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Non eget Mauri iaculis neque arcu.

Chiron.
Der Vers steht im Horaz, ich kenn ihn wohl;
Ich las ihn in der Schul als Knabe schon.

Aaron.
Jawohl, das schreibt Horaz, Ihr traft es gut.
(Beiseite.) Nun sieht man doch, ein Esel hat kein Arg!
Dies ist kein Scherz; der Alte hats entdeckt,
Und schickt mit solcher Aufschrift sein Geschoß,
Die, ohne daß sie's ahnen, trifft ins Herz.
Wär unsre witzge Kaiserin wohlauf,
Sie klatschte Beifall Titus' spitzem Wort:
Doch mag sie ruhn, unruhig wie sie ist.
(Laut.) Nun, junge Herrn, wars nicht ein gut Gestirn,
Das uns als Fremde hergeführt nach Rom,
Ja als Gefangne, zu so hohem Glück?
Es tat mir wohl, als ich am Burgtor trotzte
Im Beisein seines Bruders dem Tribun.

Demetrius.
Und mich ergötzt noch mehr, daß solch ein Held
Uns frönt in Demut und Geschenke beut.

Aaron.
Hatt' ers nicht Ursach, Prinz Demetrius?
Gingt Ihr nicht freundlich mit der Tochter um?

Demetrius.
Ich wollt, wir hätten tausend römsche Fraun,
So in der Eng, uns wechselnd zu erfreun.

Chiron.
Ein liebevoller Wunsch! Ein fromm Gebet!

Aaron.
Wär Eure Mutter hier, sie spräche Amen.

Chiron.
Das täte sie für zwanzigtausend mehr.

Demetrius.
Kommt, gehn wir; und zu allen Göttern fleht
Für unsre Mutter, die in Wehen liegt.

Aaron (beiseite).
Zu Teufeln fleht; kein Gott will von uns wissen.

(Man hört Trompeten im Palast.)

Demetrius.
Was blasen die Trompeten im Palast?

Chiron.
Vielleicht erfreut den Kaiser jetzt ein Sohn.

Demetrius.
Still da! Wer kommt? –

Eine Wärterin kommt mit einem schwarzen Kinde.

Wärterin.
Gott grüß euch, liebe Herrn!
O sagt mir an, wo Aaron ist, der Mohr

Aaron.
Aaron ist hier; was solls mit Aaron sein?

Wärterin.
O lieber Aaron! Alles ist vorbei! –
Nun hilf, sonst komme Fluch auf dich hinab!

Aaron.
Was gibts? Was soll das Zeter, das Geschrei?
Was wickelst und verhüllst du in dein Tuch?

Wärterin.
Oh, was ich vor der Sonne gern versteckt,
Der Kaisrin Schmach, des großen Roms Entehrung;
Sie ist entbunden, Herrn, sie ist entbunden!

Aaron.
Von welchem Eid?

Wärterin.
Sie kam ins Wochenbett.

Aaron.
Nun denn, der Himmel
Geb ihr 'ne gute Nacht! Was schickt' er ihr?

Wärterin.
Einen Teufel.

Aaron.
Eines Teufels Mutter? Welch erwünschter Sproß!

Wärterin.
Verwünschter, schnöder, schwarzer, wüster Sproß!
Hier ist das Kind, so widrig wie ein Molch
Bei weißen Kreaturen unsres Lands.
Dein Siegel, deinen Abdruck schickt sie dir,
Und mit des Dolches Spitze tauf ihn jetzt!

Aaron.
Geh mir, du Hur! Ist Schwarz so schlimme Farbe?
Du Pausback bist 'ne schöne Blüte, gelt?

Demetrius.
Schurk, was hast du gemacht?

Aaron.
Gemacht, was du
Nicht kannst zunichte machen.

Chiron.
Unsre Mutter
Hast du vernichtet!

Aaron.
Nein, verpflichtet, Schurke.

Demetrius.
Und eben dadurch, Höllenhund, vernichtet.
Fluch dieser Tat! Fluch ihrer eklen Wahl!
Verflucht der Sprößling solches schnöden Teufels!

Chiron.
Er soll nicht leben!

Aaron.
Sterben soll er nicht.

Wärterin.
Aaron, er muß, und seine Mutter wills.

Aaron.
Was muß er? Nun, so soll kein Mann als ich
An meinem Fleisch und Blut den Spruch vollziehn.

Demetrius.
Auf meinen Degen spieß ich gleich den Molch:
Gib mir ihn her, so ist es abgetan.

Aaron.
Eh wühlt dies Schwert in Euern Eingeweiden! –

(Nimmt der Wärterin das Kind fort und zieht.)

Halt Mörder! Euern Bruder schont ihr nicht?
Nun, bei dem Sternenglanz des Firmaments,
Der lustig schien, als ich den Schelm gezeugt –
Der stirbt durch meines Säbels scharfen Stahl,
Der meinem ältsten Sohn und Erben naht.
Ich sag euch, Burschen, nicht Enceladus
Mit seiner drohnden Schar aus Typhons Brut,
Noch Herkules, noch selbst der Gott des Kriegs
Raubt diese Beut aus seines Vaters Hand.
Was? Ihr blutdürstgen Buben, schalen Geistes,
Weißkalkge Wände, bunte Bierhauszeichen,
Kohlschwarz gilt mehr als jede andre Farbe;
Denn alle Wasserflut im weiten Meer
Wäscht nicht des Schwanes schwarze Füße weiß,
Obschon er stündlich sie im Meere spült. –
Sag du der Kaisrin, ich sei alt genug,
Was mein, zu schützen; trag sie's, wie sie mag!

Demetrius.
So willst du deine Herrin frech verraten?

Aaron.
Herrin ist meine Herrin; dies ist selbst,
Das Mark und Abbild meiner Jugendkraft;
Dies ist mir teurer als die ganze Welt,
Dies will ich retten trotz der ganzen Welt,
Sonst glaubt noch mancher dran von euch in Rom.

Demetrius.
Dies bringt auf unsre Mutter ewgen Schimpf!

Chiron.
Rom wird ob dieses Fehltritts sie verachten!

Wärterin.
Des Kaisers Wut wird sie dem Tode weihn!

Chiron.
Ich muß erröten, denk ich dieser Schmach! –

Aaron.
Da seht das Vorrecht, das euch Schönheit bringt!
Pfui, feiges Weiß, das durch Erröten meldet,
Was insgeheim das Herz beschließt und fühlt! –
Hier ist ein Bursch, geprägt aus anderm Ton:
Seht, wie der schwarze Schelm anlacht den Vater,
Als wollt er sagen – «Alter, ich bin dein».
Der ist eur Bruder, Prinzen; frisch genährt
Vom selben Blut, das euch das Leben gab;
Aus jenem Schoß, wo ihr gefangen wart,
Ist er entfesselt und ans Licht gebracht;
Eur Bruder von der sichern Seite, traun,
Obgleich sein Antlitz meinen Stempel trägt.

Wärterin.
Aaron, was meld ich nun der Kaiserin?

Demetrius.
Bedenk dich, Aaron, wie zu helfen sei,
Und wir sind alle deinem Rat geneigt;
Rette das Kind, wenn du uns all errettst.

Aaron.
Setzen wir uns und überlegt mit mir.
Mein Sohn und ich, wir sind hier außer'm Schuß.
Bleibt dort; nun, wie's euch gut dünkt, sprecht von Rettung.

(Sie setzen sich auf die Erde nieder.)

Demetrius.
Wie viele Frauen sahn dies Kind von ihm?

Aaron.
Seht, liebe Herrn, wenn wir uns einig sind,
Bin ich ein Lamm: doch bietet Trotz dem Mohren,
Und Aaron stürmt, wie das empörte Meer,
Wie Eber wild und Löwen im Gebirg. –
Nun sag noch einmal, wieviel Frauen sahn's?

Wärterin.
Cornelia, die Hebamme, und ich selbst;
Sonst kein' als die entbundne Kaiserin.

Aaron.
Die Kaisrin – die Hebamme – und du selbst?
Zwei schweigen wohl, ist nur die Dritte fort;
Geh hin zur Kaisrin, sprich, dies sagt ich dir!

(Er ersticht sie.)

Quiek, Quiek! – So schreit das Ferkel, das man spießt.

Demetrius.
Was meinst du, Aaron? Warum tatst du dies?

Aaron.
Nun, meiner Treu, aus weiser Politik;
Ließ' ich sie gehn, verriet' sie unser Spiel,
Die schwatzende Gevattrin! Nein, ihr Herrn;
Und nun erfahrt den Plan, den ich ersann.
Mein Landsmann Muley wohnt nicht weit von hier,
Des Weib erst gestern in die Wochen kam;
Der gleicht das Kind und ist so weiß wie ihr.
Geht, kartet's ab und gebt der Mutter Gold,
Und beiden sagt den Hergang recht genau
Und wie ihr Kind hiedurch zu Ehren kommt
Und als des Kaisers Erbe gelten wird
Und an die Stelle tritt des meinigen,
Den Sturm zu sänftgen, der am Hofe droht.
Der Kaiser mög es herzen dann als seins.
Hört nun: Ihr seht, ich gab ihr Arzenei,
Und ihr müßt jetzt ihr Totengräber sein.
Das Feld ist nah, ihr seid ein rüstig Paar;
Dies wohl besorgt, verliert mir keine Zeit,
Schickt die Hebamme mir im Augenblick.
Hebamm und Wärterin beiseit geschafft,
Dann laßt die Weiber schwatzen, wie's beliebt.

Chiron.
Aaron, ich merke, nicht einmal der Luft
Vertraust du.

Demetrius.
Daß du so der Mutter schonst
Muß sie, wie ihre Söhne, herzlich danken.

(Chiron und Demetrius gehn ab.)

Aaron.
Nun zu den Goten schnell wie Schwalbenflug!
Dort bring ich diesen Schatz in Sicherheit
Und grüß der Kaisrin Freunde insgeheim. –
Komm, du dicklippger Schelm, ich trag dich fort,
Denn du hast uns in all die Not gebracht.
Mit Wurzeln füttr ich dich und wilden Beeren,
Mit Rahm und Molken; Ziegen sollst du saugen,
In Höhlen wohnen; so zieh ich dich auf
Zum tapfern Kriegesmann und General. (Ab.)

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