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Gutenberg > William Shakespeare >

Titus Andronicus

William Shakespeare: Titus Andronicus - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
booktitleHeinrich der Fünfte, Heinrich der Achte, Titus Andronicus
authorWilliam Shakespeare
translatorWolf Graf von Baudissin
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20640-2
titleTitus Andronicus
pages211-213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Aufzug

Erste Szene

Vor dem Hause des Titus

Der junge Lucius, mit Büchern unterm Arm, läuft vor Lavinien, die ihm nachfolgt. Dann kommen Titus und Marcus

Knabe.
Großvater hilf! Muhme Lavinia
Verfolgt mich allenthalb, weiß nicht, warum.
Sieh, Oheim Marcus, sieh, wie schnell sie kommt!
Ach liebste Muhm, ich weiß nicht, was du willst?

Marcus.
Komm zu mir, Lucius, fürchte nicht die Muhme.

Titus.
Sie liebt dich, Kind, zu sehr, dir Leids zu tun.

Knabe.
O ja, als noch mein Vater war in Rom! –

Marcus.
Was deuten diese Zeichen, teure Nichte?

Titus.
Fürchte nicht, Lucius: etwas meint sie jetzt; –
Sieh, Lucius, sieh, wieviel sie von dir hält;
Sie will, daß du ihr dorthin folgen sollst.
Ah, Kind, Cornelia las mit ihren Söhnen
So eifrig nie, als sie mit dir studiert
Die Poesie und Tullius' Redekunst.

Marcus.
Errätst du nicht, was sie von dir begehrt?

Knabe.
O Herr, ich weiß nicht, noch errat ich es,
Wenn nicht ein schneller Wahnsinn sie ergriff:
Denn oftmals hört ich vom Großvater schon,
Den Geist verwirr' ein Übermaß des Grams;
Und las, wie die trojansche Hekuba
Toll ward durch Kummer: das erschreckte mich,
Obschon ich weiß, die edle Muhme liebt
So zärtlich mich, als meine Mutter tat,
Und nur im Fieber könnte sie mich schrecken.
So warf ich denn die Bücher hin und lief
Vielleicht um nichts: doch, Muhme, seid nicht bös;
Und, Base, wenn mein Oheim Marcus folgt,
Dann will ich mit Euch gehn, wohin es sei.

Marcus.
Das will ich, Lucius.

(Lavinia wendet die Bücher um, die Lucius hat fallen lassen.)

Titus.
Wie nun, Lavinia? Was bedeutet dies?
Hier muß ein Buch sein, das sie wünscht zu sehn:
Von diesen, welches? Knabe, schlag sie auf:
Doch du hast mehr und andre Schrift gelesen;
Komm, wähl in meinem ganzen Büchersaal,
Und so vergiß dein Leid, bis das Geschick
Enthüllt den argen Stifter dieser Tat. –
Was hebt sie wechselnd ihre Arm empor?

Marcus.
Sie meint wohl, denk ich, daß noch mehr als ein
Verschworner mitgewirkt. – Gewiß, so wars. –
Wo nicht, ruft sie des Himmels Zorn herab.

Titus.
Lucius, welch Buch ist das, woran sie stößt?

Knabe.
Herr, des Ovid «Metamorphosen» sinds,
Die Mutter gab sie mir.

Marcus.
Aus Liebe zur Verstorbnen
Wählte sie's aus der Menge wohl hervor.

Titus.
Still, still, wie emsig sie die Blätter dreht!
Helft ihr:
Was sucht sie doch? Lavinia, soll ich lesen?
's ist Philomelens tragische Erzählung,
Des Tereus böse List, Gewalt und Raub;
Und Raub war, fürcht ich, Wurzel deiner Marter.

Marcus.
Sieh, Bruder, merk, wie sie die Blätter prüft.

Titus.
Wardst du so überrascht, mein süßes Kind,
Beraubt, entehrt, wie Philomele ward?
Geschwächt im wüsten, mitleidslosen Wald?
Seht, seht! –
Ja, solch ein Tal ist dort, wo wir gejagt
(O hätten wir doch nie, nie dort gejagt!),
Genau, wie uns der Dichter Kunde gibt,
Zu Mord und Notzucht von Natur geprägt.

Marcus.
Wie schuf so wüsten Talgrund die Natur,
Wenn Götter der Tragödien sich nicht freun?

Titus.
Gib Zeichen, Kind – hier sind ja Freunde nur –
Wer ist der Römer, der die Tat gewagt?
Schlich Saturnin heran, wie einst Tarquin,
Als er vom Heer sich zu Lukretien stahl?

Marcus.
Setz dich, Lavinia; – Bruder, setz dich her.
Apollo, Pallas, Jupiter, Merkur,
Erleuchtet mich, den Täter zu erspähn! –
Bruder, sieh her – geliebte Nichte, sieh:

(Er schreibt seinen Namen mit seinem Stabe, den er mit dem Munde und den Füßen führt.)

Hier auf dem ebnen Sande, wenn du kannst,
Schreib du, wie ich jetzt meinen Namen zog,
Ganz ohne Hilf und Beistand unsrer Hände.
Verfluchtes Herz, das zu dem Spiel uns zwingt!
Schreib, süßes Kind! und zieh ans Licht zuletzt,
Was unsrer Rach entdecken will der Himmel:
Lenk ihre Feder, Gott! ihr Leid zu schreiben,
Tu uns den Frevler und die Wahrheit kund! –

(Sie nimmt den Stab in den Mund, führt ihn mit den verstümmelten Armen und schreibt.)

Titus.
O Bruder! Lies, was sie geschrieben hat!
Stuprum – Chiron – Demetrius.

Marcus.
Was? Tamoras verbuhltes Knabenpaar
Vollbringer dieser blutgen, schwarzen Tat?

Titus.
– Magni dominator poli,
Tam lentus audis scelera? tam lentus vides?

Marcus.
O, ruhig, teurer Bruder; schrieb sie gleich
Mehr als zuviel auf diesen Boden hin,
Die Sanftmut selbst zum Aufruhr zu empören
Und Kinder aufzustürmen zum Entschluß. –
Knie mit mir nieder, Bruder, Nichte, knie,
Und Knab, auch du, des römschen Hektors Trost:
Schwört mir (wie dem unselgen Gatten einst
Und Vater der entehrten keuschen Frau
Held Brutus bei Lukretiens Leiche schwur) –
Ausüben wollen wir nach bestem Rat
Tödliche Rach an jenen tückschen Goten,
Sie morden, oder sterben in der Schmach.

Titus.
Recht schön von dir, wenn du nur wüßtest, wie?
Doch triffst du nur die Jungen, dann gib acht,
Du weckst die Alte; wittert sie den Streich,
Ei, mit dem Löwen ist sie eng im Bund
Und wiegt ihn ein, auf ihrem Rücken spielend,
Und schläft er erst, darin tut sie, was sie will.
Du bist zur Jagd noch jung, drum laß es gut sein.
Wart nur! ein Täflein hol ich her von Erz
Und grabe drauf mit scharfem Stahl die Namen,
Und berg es: sonst verweht der tücksche Nord
Wie der Sibylle Blätter diesen Sand,
Und dann, wie ständs um unsre Lektion?
Was sagst du, Knabe?

Knabe.
Ich sage, teurer Herr, wär ich ein Mann,
Nicht ihrer Mutter Schlafgemach beschützte
Dies Knechtsgezücht, das römsche Ketten trug.

Marcus.
Recht, wackrer Knab! Oft tat dein Vater schon
Das gleiche für sein undankbares Volk.

Knabe.
Und leb ich, Oheim, tu ich so wie er.

Titus.
Komm, geh mit mir in meinen Waffensaal.
Lucius wird ausgestattet; und mein Knabe
Soll gleich von mir den Söhnen Tamoras
Geschenke bringen, die ich senden will.
Komm, du bestellst die Botschaft; willst du nicht?

Knabe.
Großvater ja; mein Dolch für ihre Brust!

Titus.
Nein, Kind, nicht so; ich lehr dich andern Weg.
Lavinia, komm; Marcus, geh in mein Haus.
Lucius und ich, wir setzens durch bei Hof,
Ja traun, das tun wir, und wir finden Gunst.

(Sie gehn bis auf Marcus)

Marcus.
Götter! Könnt ihr den Guten weinen sehn
Und lenkt nicht ein und hegt kein Mitgefühl?
Marcus, verlaß ihn nicht in diesem Wahnwitz;
Mehr Narben trägt sein gramverwundet Herz,
Als Feindesscharten sein zerstoßner Schild;
Und doch so treu, daß er nicht Rache sucht;
Rächt Götter denn den Greis Andronicus! (Ab.)

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