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Tischreden

Martin Luther: Tischreden - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMartin Luther
titleTischreden
publisherDeutsche Bibliothek, Verlagsgesellschaft m. b. H.
yearo.J.
editorA. Frederking
correctorJosef Muehlgassner
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Colloquia oder Tischreden des heiligen Mannes D. Martin Luthers, seliger Gedächtniß,

so er in vielen Jahren gegen gelehrten Leuten, auch frembden Gästen und seinen Tischgesellen geführet, aus etlicher gottseliger Theologen Collectaneis, die solche Tischreden aus seinem Munde angehöret und aufgeschrieben, mit Fleiß zusammengetragen und nach den Hauptstücken unserer christlichen Lehre und Glaubens verfasset.

 

I. Tischreden D. Martin Luthers von Gottes Wort oder der heiligen Schrift

 

Von der heiligen Biblia.

Er sagte einmal der Ehrwürdige Herr Doctor Martinus Luther zum Herrn Philippo Melanchthone, item zu Doctor Justo Jona und Andern von der Biblia oder heiligen Schrift, »daß sie wäre wie ein sehr großer weiter Wald, darinnen viel und allerlei Bäume stünden, davon man könnte mancherlei Obst und Früchte abbrechen. Denn man hätte in der Biblia reichen Trost, Lehre, Unterricht, Vermahnung, Warnung, Verheißung und Dräuung usw. Aber es wäre kein Baum in diesem Walde, daran er nicht geklopft und ein Paar Aepfel oder Birnen davon gebrochen und abgeschüttelt hätte.« Ein ander Mal sagte D. M. Luther: »Ich zwar hab nun etliche Jahr her die Bibel jährlich zweimal ausgelesen; und wenn sie ein großer mächtiger Baum wäre, und alle Wort wären Aestlein und Zweige, so hab ich doch an allen Aestlein und Reislein angeklopft und gerne wissen wollen, was daran wäre und was sie vermöchten, und allezeit noch ein paar Aepfel oder Birnlein heruntergeklopft.«

 

Daß man den Text der Bibel fleißig lesen soll und bei ihm, als dem einigen wahren Fundament, bleiben.

Es kam einmal in Doctor Martini Luthers Haus eines vornehmen Doctors Sohn, ein ehrbarer fleißiger und züchtiger Student, der sich nicht auf hohe Dinge begab, noch in Lüften hin und her flatterte, sondern ließ sich begnügen am Niedrigen und blieb bei dem Fundament und bei den ersten Gründen, nämlich bei seinen Institutionibus juris. Dieselbigen studirete er fleißig. Wie denn die Tischgesellen ihn dem Herrn Doctori Martino Luthero fleißig commendireten, da sprach Doctor Martinus: »Das thut er ohn Zweifel aus seines Vaters Rath und Befehl. Denn wer einen guten Grund geleget hat und im Text wohl gestaffiret ist, daß er ein guter Textualis wird, der hat, darauf er gewiß fußen und gründen kann, er läuft auch nicht leichtlich übel an, noch irret nicht. Und zwar ist solches einem Theologo auch hoch von Nöthen. Denn ich hab mit dem Text und aus dem Fundament der heiligen Schrift alle meine Widersacher übertäubet und erleget, denn sie gehen nur schläferig einher, lehren und schreiben alles aus ihrem Sinne und nach der Vernunft, und meinen, es sei ein schlecht leicht Ding um die heilige Schrift. Gleich wie der Pharisäer gedachte, es wäre balde geschehen, da der Herr Christus Lucä am 10. Kap. (V. 28) zu ihm sprach: Thue das, so wirst du leben. Denn die Flattergeister und Schwärmer verstehen nichts in der Schrift, sondern gehen dieweil in der Irre mit ihren wankenden, unbeständigen und ungewissen Büchern, die sie erdacht haben.

Summa, wer mit Text wol gefasset, der ist ein rechter Pastor. Und das ist auch mein bester und christlichster Rath, daß man aus dem Bronne oder Quelle Wasser schöpfe, das ist, die Bibel fleißig lese. Denn wer im Text wohl gegründet und geübet ist, der wird ein guter und vortrefflicher Theologus, sintemal ein Spruch und Text aus der Bibel mehr gilt denn viele Scribenten und Glossen, welche nicht stark und rund sind, und sie halten doch den Stich auch nicht.«

 

Die Bibel ist das Häupt aller Künste.

»Lasset uns«, sprach einmal Doctor Martin Luther, »die Bibel nur nicht verlieren, sondern sie mit Fleiß in Gottes Furcht und Anrufung lesen und predigen; denn wenn die bleibet, blühet und recht gehandelt wird, so stehets alles wohl und gehet glücklich von Statten. Denn sie ist das Häupt und die Kaiserin unter allen Facultäten und Künsten; wenn sie, die Theologia, liegt, so schmisse ich auf den Strumpf.«

 

Reime Doctor Martin Luthers von dem Neuen Testamentbuch.

»Das Testament ist ein edels Buch,
Groß Kunst, Weisheit es lehren thut.
Wohl dem, der sich auch hält darnach,
Dem wird Gott segnen all sein Sach;
Denn Gottes Wort bleibt ewiglich
Und theilt uns mit das Himmelreich.
Wir müssen doch von dieser Welt,
Als denn das Wort fest bei uns hält,
Und stärket uns in Sterbens Noth,
Und hilft uns aus dem ewigen Tod.«

 

Andere Reime D. Martin Luthers über die Worte des Psalms: Beati omnes, qui timent Dominum. Gefunden in M. Erasmi Sarcerii Liberei unter den Colloquiis Lutheri.

»Dies Wort gewißlich bleibet wahr,
Wiewol es hat so manche Fahr,
Noch soll's nicht fehlen um ein Har,
Es wird erfüllet ganz und gar,
Und solln's nicht wehrn der Höllen Schar.
Verzeucht's sich dies und etlich Jahr,
Gar bald die Zeit wird kommen dar,
Die es wird machen offenbar,
Und alle Ding so zeigen klar,
Daß man davon frei reden thar.
Denn wird man ja bekennen zwar,
Daß Gott erhält sein Wort und Lahr.«

 

Daß die heilige Schrift zu verstehen ein schwer Ding sei.

Doctor Martinus Luther sagte: »Ich, wiewohl ich ein alter Doctor der heiligen Schrift bin, so bin ich doch noch nicht aus der Kinderlehre kommen und verstehe die zehn Gebote Gottes, den Glauben und das Vater Unser noch nicht recht; ich kanns nicht ausstudiren noch auslernen, aber ich lerne noch täglich dran und bete den Katechismum mit meinem Sohn Hansen und mit meinem Töchterlein Magdalenen. Wenn verstehet man doch durchaus und gründlich nur das erste Wort im Vater Unser, als da wir sagen: Der du bist im Himmel? Denn wenn ich diese wenigen Worte verstünde und gläubete, daß Gott, der Himmel und Erden und alle Creaturen geschaffen und in seiner Hand und Gewalt hat, sei mein Vater, so schlösse ich bei mir gewiß, daß ich auch ein Herr Himmels und der Erden wäre; item, Christus sei mein Bruder, und alles mein sei. Gabriel mußte mein Knecht und Raphael mein Fuhrmann und alle Engel meine Diener sein in meinen Nöthen; denn sie mir von meinem himmlischen Vater zugegeben wären, daß sie mich auf meinen Wegen behüteten, daß ich nicht irgend meinen Fuß an einen Stein stoßen möchte.

Aber daß nun mein Glaube geübet und bewähret werde, so lässet mich mein Vater im Himmel in einen Kerker werfen oder im Wasser ersäufet werden, alsdenn sehen und erfahren wir, wie wohl wir diese Wort verstehen, und wie der Glaube zappelt und wie groß unser Schwachheit sei. Da fahen wir denn an, gedenken und sagen: Wer weiß, obs auch wahr ist, das in der heiligen Schrift geschrieben stehet?

Darum ist das einige Wörtlein Dein oder Unser am allerschwersten in der heiligen Schrift; wie auch im ersten Gebot zu sehen ist: Ich bin der Herr dein Gott. Die Ketzer, wie denn auch Campanus, heißen das Plerophoriam und eine Gewißheit in der Lehre, nämlich die angeborne und angenommene Hoffart des Herzens und die Vermessenheit, daß einer steif auf seinem eigenen Sinne stehe, den er gefasset und in die Schrift nach seinem Verstande bracht hat.«

Zu einer andern Zeit redete Doctor Martinus Luther auch davon »daß in der Welt keine leichter Kunst wäre, denn die Theologia und Gottes Wort zu verstehen; denn es wollten die Weltkinder und fast Jedermann dafür angesehen und gehalten sein, als hätten sie die heilige Schrift und den Katechismum nur gar ausgelernet und verstundens nur gar wohl.« Aber er sagte darauf, daß es noch weit fehlete, und sprach: »Ich wollte alle meine Finger drum geben, allein drei ausgenommen, daß mir die Theologia auch so leicht wäre. Es ist der Überdruß des göttlichen Worts; item, das Klügeln und Meistern gar viel, Jedermann lernet Gottes Wort balde aus. Also haben wirs in der Welt gefunden, wir müssens auch also bleiben lassen; im Auskehrich (wie man saget) wird sichs aber wohl finden, denn in fine videbitur, cuius toni

 

Von der Verachtung des göttlichen Worts.

Auf ein ander Mal redete D. Justus Jonas gegen dem Herrn Doctor Luthern von einem Stattlichen vom Adel im Lande zu Meissen, der sich um nichts so sehr bekümmerte, denn wie er viel Geldes und Guts und große Schätze sammlete, und daß er also sehr verblendet wäre, daß er der fünf Bücher Mosi nichts achtete. Derselbige hätte dem Kurfürsten zu Sachsen, Herzog Johanns Friederichen (da sein Kurfürstliche Gnade mit ihm viel von der Lehre des Evangelii geredet hatte), diese Antwort gegeben und gesaget: Gnädigster Herr, das Evangelium gehet euer Kurfürstliche Gnade nichts an. Da sprach D. M. Luther: »Waren auch Kleien da?« Und erzählete eine Fabel, »wie der Löwe alle Thiere hatte zu Gaste gebeten und ein köstlich, herrlich Mahl lassen zurichten, und auch die Sau dazu geladen. Als man nu die köstlichen Gerichte auftrug und den Gästen vorsetzte, sprach die Sau: Sind auch Kleien da? Also sind jetzt unsere Epikurer auch. Wir Prediger setzen ihnen in unsern Kirchen die allerbeste und herrlichste Speise vor, als ewige Seligkeit, Vergebung der Sünde und Gottes Gnade; so werfen sie die Rüssel auf und scharren nach Thalern; und was soll der Kuh Muscaten? sie isset wohl Haberstroh.

Also geschah einmal einem Pfarrherrn, Ambrosio R., von seinen Pfarrkindern. Da er sie zu Gottes Wort vermahnete, daß sie es fleißig höreten, sagten sie: Ja, lieber Herr Pfarrherr, wenn Ihr ein Faß Bier in die Kirche schroten und uns dazu berufen ließet, so wollten wir gerne kommen.

Das Evangelium ist zu Wittenberg wie der Regen, der ins Wasser fället, da der Regen wenig Nutz schaffet; aber fället der Regen auf ein sandiges Feld und da die Saat mager und von der Sonnen verwelket und verbrennet ist, da erquicket solcher Regen das Land und macht es fruchtbar.«

Zur Lochau wurde zu Doctor Martin Luthern gesagt, daß im Bischoffthum Würzburg 600 reicher Pfarren ledig wären, die keine Pfarrherrn hätten. Da sprach der Doctor: »Daraus wird nichts Guts folgen; aber also wird es einmal bei uns auch gehen, wenn wir in solcher Verachtung Gottes Worts und seiner Diener werden fortfahren.« Und sprach D. Luther darauf: »Wenn ich jetzt wollte reich werden, so wollt ich nicht predigen. Es sagten die Bauern einmal zu den Visitatoren, da sie gefraget wurden, warum sie nicht wollten ihre Pfarrherrn ernähren, da sie doch müßten die Kühehirten und Säuhirten unterhalten? Ja, sprachen sie, einen Hirten müssen wir haben, wir können sein nicht entbehren. Meineten, sie könnten eines Pfarrherrn wohl entrathen.

Pfui dich an, so weit ists kommen, weil wir noch leben! Was wills nach unserm Tode werden? Dazu haben die Antinomer fein geholfen, welche die sichern Herzen noch dazu vermessen machen. Und ich sehe jetzt eine solche große Vermessenheit an den Antinomern, den Gesetzstürmern, daß sie unter dem Schein des Vertrauens auf Gottes Barmherzigkeit dürfen thun, was sie nur gelüstet. Gleich als könnte ein Gläubiger nicht sündigen, sondern sie wären also gerecht, heilig und fromm, daß sie auch der Predigt des Gesetzes nicht bedürfen. Denn sie lassen ihnen träumen, gleich als wäre die Kirche so gerecht, wie Adam im Paradies war, welchem doch Gottes Zorn vom Himmel offenbaret ward, nachdem Gott ihm gesagt hatte: Adam, du sollt von allen Früchten essen, aber wenn du von diesem Baum issest, wirst du sterben.« (Genes. 2, 16. 17.)

 

Die Leute widerstehen Gottes Wort mutwillig.

Doctor Luther sagte einmal: »Hätte ich in der Erste gewußt, da ich anfing zu schreiben, das ich jetzt erfahren und gesehen habe (nämlich, daß die Leute Gottes Wort so feind wären und setzten sich so heftig dawider), so hätte ich fürwahr stille geschwiegen; denn ich wäre nimmermehr so kühn gewesen, daß ich den Papst und schier alle Menschen hätte angegriffen und sie erzürnet. Ich meinte, sie sündigten nur aus Unwissenheit und menschlichen Gebrechen, und unterstünden sich nicht, vorsetzlich Gottes Wort zu unterdrücken; aber Gott hat mich hinan geführet wie einen Gaul, dem die Augen geblendet sind, daß er die nicht sehe, so zu ihm zurennen.«

Und sagte der Doctor darauf, »daß selten ein gut Werk aus Weisheit oder Vorsichtigkeit vorgenommen werde oder geschehe, sondern es müsse alles in einem Irrsal oder Unwissenheit geschehen. Also bin ich zum Lehre- und Predigtampt mit den Haren gezogen; hätte ich aber gewußt, das ich jetzt weiß, so hätten mich kaum zehn Roß dazu ziehen sollen. Also klaget Moses und Jeremias auch, daß sie betrogen sind; dergleichen nähme keiner kein Weib, wenn er sich recht besonne, was man im Ehestand und in der Haushaltung haben mußte.« Darauf antwortete Philippus Melanchthon: er hätte es mit Fleiß in den Historien observiret und gemerket, daß keine große sonderliche Thaten von alten Leuten gethan und geschehen; des großen Alexanders und Sanct Augustinus Alter, die thätens; darnach wird man zu weise, und nehmen alte Leute ein Ding bedächtiglich für, ehe sie es thun. Da sprach D. Martinus: »Ihr jungen Gesellen, wenn ihr klug wäret, so könnt der Teufel nicht mit euch auskommen; weil ihr es aber nicht seid, so bedürft ihr unser auch, die wir nun alt sind. Unser Herr Gott thut nichts Großes mit Gewalt, wie man saget: Wenn das Alter stark und die Jungen klug wären, das wäre viel Geldes werth. Die Rottengeister sind eitel junge Leute, Icari, Phaetontes, die in den Lüften flattern, Gemsensteiger, oben an und nirgends aus, und die zwölf Kegel auf dem Boßleich umschieben wollen, da ihr nur neune darauf stehen, wunderliche Köpfe, wie Zwingel und Oecolampadius auch waren.«

 

Was Bischofs Albrecht von Mainz von der Bibel geurtheilet.

Doctor Martinus Luther sagete zu Eisleben kurz vor seinem Tode, »daß auf dem Reichstage zu Augsburg Anno 1530 Bischoff Abrecht von Mainz einmal in der Bibel gelesen hätte; nun kömmt einer seiner Räthe ungefährlich dazu, und spricht: Gnädigster Kurfürst und Herr, was machet euer kurfürstliche Gnade mit diesem Buch? Da hat er geantwortet: Ich weiß nicht, was es für ein Buch ist, denn alles, was nur darinnen ist, das ist wider uns.«

 

Gottes Wort soll man gewiß sein.

Doctor Luther sagte einmal: »Vor allen Dingen müssen wir wissen, ob diese unsre Lehre, so wir führen, Gottes Wort sei; denn wenn wir solches wissen, so können wir festiglich darauf bauen, daß diese Sache soll und muß bleiben, und kein Teufel soll sie umstoßen, viel weniger die Welt mit all ihrem Hofgesinde, wie sehr sie dawider toben und wüthen. Ich, Gott Lob, halte meine Lehre gewiß für unsers Herrn Gottes Wort und hab nun aus meinem Herzen weggejagt alle andere Glauben, sie heißen auch, wie sie wollen. Und hab diese schwere Gedanken und Anfechtungen schier überwunden, da mein Herz eine Weile also sagte: Bist du denn allein der, so das rechte Wort Gottes rein hat? Und die andern allzumal habens nicht? Also ficht uns der Satan auch an, und stürmet mit Gewalt zu uns ein mit dem Namen und Titel der Kirchen. Ja, spricht er, was die christliche Kirche bisher beschlossen und so viel Jahr für recht gehalten, dasselbige stößest du um, als wäre es unrecht, und verrüttest beide, das geistliche und weltliche Regiment, mit deiner neuen Lehre.

Dieß Argument finde ich durchaus in allen Propheten, da die vornehmesten Häupter, beide in der Kirchen und Polizei sagen: Wir sind Gottes Volk, denn wir sind im ordentlichen Regiment, von Gott gestiftet und eingesetzet. Was wir, als der größte und beste Hauf, schließen und für Recht erkennen, das soll man halten; wer seid ihr Narren, daß ihr uns lehren wollet? ist euer doch kaum eine Hand voll! Da muß man wahrlich nicht allein mit Gottes Wort wohl gefastet und gerüstet sein, sondern auch die Gewißheit der Lehre haben, sonst kann man im Kampf nicht bestehen; man muß sagen können: Ich weiß gewiß, daß dasjenige, so ich lehre und halte, Gottes, der hohen Majestät im Himmel, eigenes Wort und endlicher Beschluß, und die ewige unwandelbare Wahrheit ist; das ander alles, was mit dem nicht übereinstimmet oder dawider ist, das ist eitel Teufelslügen, Falsch und Unrecht.

Und das thuts auch alleine, daß einer ein Spiel anfähet und dabei beständig bleibe und sage: Ihr andern allzumal irret und habt unrecht, aber meine Lehre ist allein recht und Gottes gewisse Wahrheit, dabei bleib ich, wenn gleich die ganze Welt anders sagte. Denn Gott kann nicht lügen, da hab ich sein Wort, das kann mir nicht fehlen, noch von allen höllischen Pforten überwältigt werden, und hab den Trost dazu, daß Gott saget: Ich will dir Leute und Zuhörer geben, die es sollen annehmen; laß mich nur sorgen, ich will über dir halten, bleibe du nur fest bei meinem Wort.

Man muß gewiß sein, daß die Lehre recht und die ewige Wahrheit sei, und darnach nichts fragen, wie sie werde von den Leuten gehalten.«

 

Prophezei D. M. Luthers von seiner Lehre.

Doctor Martinus Luther sagete einmal, »daß diejenigen, so bei seinem Leben von seiner Lehre nicht wollten den Kern haben, die würden froh werden, wenn er nun todt wäre, daß sie die Schalen möchten davon bekommen, und die Finger darnach lecken, wenn sie nur dieselbigen haben könnten.« Und sprach darauf: »Ein Jeglicher schicke sich in die Zeit und gebrauche sie, und schneide ein, weil noch Ernte ist, und wie der Herr Christus Joh. am 12. (V. 35) spricht: Wandelt im Licht, weil ihrs habt, daß euch die Finsterniß nicht überrasche.«

 

Die Bibel ist verhasset von den Weltklugen und Sophisten.

Doctor Usingen, ein Augustiner-Mönch, der etwa mein Präceptor war im Augustiner-Kloster zu Erfurt, sprach einmal zu mir, da er sähe, daß ich die Bibel so lieb hatte und gerne in der heiligen Schrift las: Ei, Bruder Martine, was ist die Bibel? Man soll die alten Lehrer lesen, die haben den Saft der Wahrheit aus der Bibel gesogen, die Bibel richtet allen Aufruhr an. »Das ist der Welt Urtheil«, sprach Doctor Martinus Luther, »von Gottes Wort, wie man solches auch im andern Psalm siehst. Denn, saget man zu den großen Hansen: Und nun ihr Könige, lasset euch weisen usw., so sagen sie Nein dazu und wollen die Lehre nicht leiden; so müssen wir sie auch hinfahren lassen als die guten Gesellen.«

 

Majestät und Herrlichkeit des göttlichen Worts, daß Gott dadurch mit uns redet.

»Die Majestät und Herrlichkeit des göttlichen Worts ist unaussprechlich, und wir können Gott nimmermehr dafür danken. Die Vernunft gedenkt also: Ei, wenn ich Gott den Herrn, den Schöpfer Himmels und Erden, hören sollt, ich wollt an der Welt Ende laufen. Höre, Bruder! Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, redet mit dir durch seine Diener, Pfarrherrn und Prediger, täufet, unterrichtet, lehret und absolviret dich selber durch das Geheimniß des Worts und Sacrament; dieselbigen Wort sind nicht Platonis, Aristotelis oder anderer hohen gelehrten Menschen, sondern Gott redet selber da.

Und da sind die besten Prediger, die da den gemeinen Mann und die Jugend auf das Einfältigste lehren, ohn eine Subtilität und Weitläufigkeit, gleich wie auch Christus das Volk durch grobe Gleichniß lehrete. Dergleichen sind das die besten Zuhörer, so Gottes Wort gerne hören und gläubens einfältiglich; ob sie gleich schwach im Glauben sind, wenn sie nur nicht zweifeln an der Lehre, ist ihnen noch zu rathen und zu helfen. Gott kann Schwachheiten, ja auch grobe Knollen und Fehle leiden, wenn mans nur erkennet und wieder zum Kreuz kreuchet, auch um Gnade bittet und sich bessert, und das göttliche Wort fleißig höret, demselbigen gläubet, und das sündliche Leben darnach ändert.

David spricht (Ps. 119, 113): Ich hasse die Flattergeister und liebe deine Gesetze; will, daß wir sollen auf die Kraft des göttlichen Worts fleißig Achtung haben, und nicht das mündliche Wort, wie jetzt die Enthusiasten und vornehmlich Schwenkfeld thut, verachten. Denn Gott will durch solche Mittel mit uns handeln, auch in uns wirken. Mir ist das ein großes, wenn Doctor Johann Pommer oder Herr Michael Stefel mir ein Wort aus dem Evangelio saget; da soll ich wissen, daß mirs Gott im Himmel selber hat gesaget. Darum haben die alten Väter wohl gesaget, man soll nicht ansehen die Person, die da täufet oder das Sacrament reichet, sondern auf Gottes Wort soll man sehen.

Bei Bileams Zeiten waren beide, rechtschaffene und falsche Prediger und Lehrer. Daß nun der Text (Num. 23, 3) saget, Bileam sei hingegangen und habe den Herrn gerathfraget, das soll man also verstehen, daß er hat rechtschaffene Lehrer um Rath gefraget, welche ihm gerathen haben, daß er nichts wider Gott vornehmen sollte. Darnach erkläret sich Moses selber und spricht: Er ging nicht mehr zu dem Richter wie zuvor, sondern zu einem falschen Lehrer und Schwärmer.

Diese Art und Weise zu reden, daß sie Gott haben um Rath gefraget, gibt uns ein Anzeigung, daß sie Gottes Wort hoch gehalten haben, und daß sie nicht diejenigen, so es geredet, angesehen haben, sondern betrachtet, was sie geredet haben. Also hat Rebecca (Genes. 25, 22) nicht Gott selber, sondern Sem oder einen Erzvater um Rath gefraget. Denn Gott hat alleweg gewisse Personen und Orte in der Welt gehabt, durch und an welchen er seinen Willen zu erkennen gegeben hat. Also sandte er Mosen und offenbaret durch ihn sein Wort den Kindern Israel, daß sie mußten sagen, wenn er etwas redete: Das hat nicht Moses, sondern Gott selber gesaget.

Nach Mose schickt er Christum. Deß Lehre ist gewiß, so ist seine Person auch gewiß, also, daß wir nicht können fehlen, noch betrogen werden, was wir von ihm hören, daß es Gott selber gewiß geredet hat; wie denn der himmlische Vater saget (Matth. 17, 5): ›Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören.‹ Und da Christus gen Himmel fuhre, sendet er die Apostel in die ganze Welt, setzet zuvor die Taufe und sein Nachtmahl ein. Wenn nun Gottes Wort gehöret und die Sacrament empfangen werden, so können wir mit Wahrheit sagen: Das sagt Gott. Also hat mich oft, wenn ich in Anfechtung lag und in Angst gewesen bin, Philippus Melanchthon oder D. Pommer, ja wol meine Hausfrau mit Gottes Wort getröstet, daß ich darüber zufrieden ward und fühlte: Das saget Gott, weil es der Bruder sagte entweder Amts halben oder aus Pflicht der Lehre; denn Gott befiehlt ernstlich, man soll Christum hören, und Christus spricht, wir sollen die Apostel hören.

Und das betrüget auch die Sacramentirer und andere Schwärmer, die da von Gottes Sachen reden nach ihren Gedanken. Aber wir sagen, daß man hören soll, was Gott saget. Nun spricht Gott vor der Schöpfung der Welt: ›Es sei die Welt!‹ Da ward und stund die Welt alsbald da. Dergleichen spricht er auch im Abendmahl, daß das Brod, so er seinen Jüngern gab, sei sein Leib; so ist es nun auch gewiß also da, wie die Worte lauten, und hindert des Bullingers Cavillation hie nichts, da er vorgibt, daß, weil Christus Leib nicht gesehen wird, so sei er nicht vorhanden oder gegenwärtig; denn hie hat er nicht geschaffen die sichtlichen, sondern die unsichtlichen, auf die Form und Weise, wie er gewollt und ihm gefallen hat.

Daß nun Gott sein Wort in der Welt erhalten hat und daß des Herrn Christi Reich in der Welt geblieben ist im Papstthum, das ist unsers Herrn Gottes größter Wunderwerke eins. Aber unser Herr Gott nimmet etliche Herzen, denen offenbaret er sein Wort und gibt ihnen einen Mund dazu, und erhält es nicht durch Schwert, sondern durch seine göttliche Gewalt.«

 

Gottes Worts Kraft.

»Groß ist die Kraft des göttlichen Worts, darum heißt es die Epistel zun Hebräern (Kap. 4, 12) ein zweischneidig Schwert, denn es hat zweierlei Kraft, nämlich es schrecket und tröstet. Weil wir aber Gottes reines Wort nicht geachtet haben, noch das frische kalte Springwasser getrunken, so sind wir von den hellen Bornen zu den Pfützen gerathen, und daraus warm, faul, stinkend Wasser gesoffen; haben die alten Scribenten und ungewisse Lehrer gelesen mit großer Mühe und Arbeit, aber mit kleinem Nutz und Frommen. Chrysostomus schreibet schier nichts Reines, denn von der jungen Kinder Taufe. Hieronymus handelt und saget nichts, denn von seiner Andacht, wie er gelebt hab, und lobet die Jungfrauschaft und das Klosterleben über alle göttlichen Stände und Orden. Ihrer keiner lobt die weltliche Obrigkeit und Regiment, sondern gehen allein mit ihren andächtigen Gedanken und Speculation um wie die Mönche. Chrysostomus ist wohl zu Hofe gewesen, er hat aber die Hofweise, Sitten und Leben nicht können dulden noch leiden; es hat Alles sollen mönchisch einher gehen. Summa, wer ein Lehrer und Prediger in der Kirchen sein will, der muß auch in der Welt sein gewesen und derselbigen Händel gesehen oder je zum Theil erfahren haben; denn es thuts nicht, daß ein Mensch mit Klostergedanken etwas regieren sollte.«

 

Daß man nach dem göttlichen Wort all unser Thun und Leben richten soll.

»Gott hat auch seine Richtschnur und Kanones, die heißen die zehn Gebote, die stehen in unserm Fleisch und Blut; und ist die Summa davon das, was du willt dir gethan haben, das thue du einem andern auch. Und darüber hält unser Herr Gott; denn mit dem Maß, damit du missest, soll dir wieder mit gemessen werden. Mit dieser Richtschnur und Winkelmaß hat Gott die ganze Welt gezeichnet; welche nun darnach leben und thun, wohl denen, denn Gott verlohnets ihnen reichlich hie in diesem Leben, und derselbigen Belohnung kann sowohl ein Türk und Heide teilhaftig werden als ein Christ.«

 

Wer Gottes Wort lehren und bekennen will, der darf nicht Ehre, sondern das heilige Kreuz gewarten.

»Was unser Herr Gott den Leuten in der Welt für Gaben gibt, da nimmst man ihm die Ehre davon; also rühmen sich die Leute Guts, Gewalts, Reichthums, Weisheit, Kunst usw. Das läßt unser Herr Gott also passiren und leidets, allein Gottes Wort und die Religion ists (so sie anders rechtschaffen, rein und unverfälscht ist), da er allein will die Ehre von haben und behalten, wie billig. Darum hänget er uns, die wir rechtschaffene treue Lehrer sind, an den Hals das liebe Kreuz, Schmach, Verfolgung, die Welt und den Teufel, die uns in Demuth erhalten, und er ja allein die Ehre behalte, und wir nicht hoffärtig werden. Derhalben reimet es sich eben, wenn einer in Theologia und bei Gottes Wort will Ehre und Gut suchen, als wollt er Kohlen aus einem feurigen Ofen nehmen; der würde sich gewißlich verbrennen. Darnach wisse sich ein jeder Theologus zu richten, ja ein jeder Christ; anders wird nicht daraus, will er anders nicht ein falscher Lehrer und Maulchrist sein.«

»Die Schrift verstehet man nicht, man erfahre es denn im Kreuz.«

 

Gottes Worts Art.

»Gottes Wort ist zur Zeit des Herrn Christi und der Apostel ein Lehrwort gewesen, das man allenthalben in der Welt geprediget hat. Darnach unter dem ganzen Papstthum ist es nur ein leserlich Wort gewesen, das man allein gelesen und nicht verstanden hat. Aber nun ist es streitbar worden, das da um sich schlüget und hauet, und will seine Feinde nicht länger leiden, sondern es räumet sie aus dem Wege.«

 

Durch wen Gott sein Wort erhalte.

»Unser Herr Gott wird sein Wort und Sprach auf Erden erhalten durch die Schreibfeder; die Theologen sind der Kopf oder der Kiel von der Feder, die Juristen aber der Strumpf. Wenn nun die Welt den Kopf oder Kiel von der Feder nicht will behalten, das ist, die Theologen und Prediger nicht hören, so muß sie doch den Strumpf, das ist die Juristen, behalten, und diese werden sie recht Mores lehren.«

 

Gottes Wort soll man nicht nach den Früchten und Leben der Zuhörer urteilen.

»Die Schwärmer,« sagt Doctor Martinus Luther, »sind unsinnige Narren und fehlen weit, und werden samt allen denen, die Gottes Wort aus den Früchten der Zuhörer urtheilen und richten wollen, schändlich betrogen. Denn also schreien sie: Ja, zu Wittenberg werden die Leute nichts frömmer aus der Predigt des Evangelii, und dieweil die Leute nichts frömmer werden, so muß die Lehre nicht recht sein. Darum sprechen sie: Das Evangelium hören ist nicht genug, sondern man muß auch etwas mehr thun, nämlich Weib und Kind verlassen, einen Hut und grauen Rock tragen, und eigene Gerechtigkeit erwählen. Das, sagen sie, ist die rechtschaffene Rechtfertigung, also wird man vor Gott fromm und gerecht. Verachten also Gottes Wort, dieweil es nicht in Allen Frucht bringet.«

 

Niemand ärgere sich an der einfältigen Rede der heiligen Schrift.

»Ich bitte und vermahne treulich einen jeglichen frommen Christen, daß er sich nicht ärgere noch stoße an den einfältigen Reden und Geschichten, so in der Bibel stehen, und zweifele nicht daran; wie schlecht und albern es immer sich ansehen lässet, so sinds doch gewiß eitel Wort, Werk, Geschicht und Gerichte der hohen göttlichen Majestät, Macht und Weisheit. Denn dies ist das Buch, das alle Weisen und Klugen zu Narren machet und allein von den Albernen und Einfältigen kann verstanden werden, wie Christus saget Matth, am II. Kapitel (V. 25). Darum laß dein Dünkel und Fühlen fahren und halte viel von diesem Buch, als von dem allerhöchsten, edelsten Heilthum, auch als von der allerreichesten Fundgruben, die nimmermehr genug ausgegründet noch erschöpft werden mag. Auf daß du darinnen die göttliche Weisheit finden mögest, welche Gott in der Bibel so albern und schlecht vorleget, auf daß er aller Klüglingen Hochmuth dämpfe und zu Schanden mache. In diesem Buch findest du die Windeln und Krippen, darinnen Christus lieget, dahin auch der Engel die Hirten weiset. Es sind wohl schlechte und geringe Windeln, aber theuer ist der Schatz Christus, so darinnen lieget.«

 

Klage D. Luthers über die Menge der Bücher, und Vermahnung, daß man die Bibel wohl lesen solle.

Doctor Luther klagte einmal über die Menge der Bücher, daß des Schreibens kein Ende noch Maß wäre und ein Jeglicher wollte Bücher machen, und sprach: »Eines Theils thätens aus Ehrgeizigkeit, daß sie auch wollten gerühmet sein und einen Namen davon bekommen. Etliche aber thätens um Genießes und Gewinstes willen, und förderten also solch Übel. Also wird durch so viel Comment und Bücher die liebe Bibel begraben und verschorren, daß man des Textes gar nicht achtete. Da doch in allen guten Künsten und Facultäten diejenigen die aller besten sind, so im Text wohl belesen und gegründet wären. Denn im Rechten ist der ein guter Jurist, welcher im Text wohl geübet und bekannt ist; jetzt aber begeben sie sich auch bald auf die Scribenten und Comment. Da ich jung war, gewöhnet ich mich zur Biblia, las dieselbe oftmals, und machete mir den Text gemein; da ward ich darinnen also bekannt, daß ich wußte, wo ein jeglicher Spruch stünde und zu finden war, wenn davon geredet ward; also ward ich ein guter Textualis. Darnach erst las ich die Scribenten. Aber ich mußte sie zuletzt alle aus den Augen stellen und wegthun, dieweil ich in meinem Gewissen damit nicht konnte zufrieden sein, und mußte mich also wieder mit der Bibel würgen; denn es ist viel besser, mit eigenen Augen sehen, denn mit fremden. Darum wollt ich auch wünschen, daß alle meine Bücher neun Ellen in die Erde begraben würden um des bösen Exempels Willen, daß mir sonst ein Jeglicher will Nachfolgen mit viel Bücher schreiben, dadurch einer denn will berühmet sein. Nein, Christus ist um unserer eitel Ehre willen nicht gestorben, daß wir Ruhm und Ehre hätten, sondern er ist gestorben, auf daß allein sein Name geheiliget würde.«

 

Von der Bibel.

»Ich hab genug geschrieben. Schreib ein andrer auch! Doch wenn ich könnte ein Buch schreiben, das jedermann lesen wollte, so möchte ich noch ein Buch schreiben. Es fehlt an Lesern; will man doch dem heiligen Geist sein Buch nicht lesen. Ich wills einem Andern befehlen.«

 

Gottes Wort wird ohne Anfechtung nicht gelernet.

Doctor Luther sprach einmal: »Meine Theologiam hab ich nicht gelernt auf einmal, sondern ich habe immer tiefer und tiefer darnach forschen müssen. Da haben mich meine Anfechtungen dazu gebracht; denn die heilige Schrift kann man nimmermehr verstehen, außer den Praktiken und Anfechtungen. Solches fehlet den Schwärmern und Rotten, daß sie den rechten Widersprecher, nämlich den Teufel, nicht haben, welcher es einen wohl lehret. Also hat S. Paulus auch einen Teufel gehabt, der ihn hat mit Fäusten geschlagen, und also ihn getrieben hat mit seinen Anfechtungen, fleißig in der heiligen Schrift zu studiren. Also hab ich den Papst, die Universitäten und alle Gelehrten und durch sie den Teufel mir am Halse kleben gehabt; die haben mich in die Bibel gejagt, daß ich sie hab fleißig gelesen und damit ihren rechten Verstand endlich erlanget. Wenn wir sonst einen solchen Teufel nicht haben, so sind wir nur speculativi Theologi, die schlecht mit ihren Gedanken umgehen und mit ihrer Vernunft allein speculiren, daß es so und also sein solle; wie etwa die Mönche in den Klöstern auch gethan haben.

Kann man doch andre gute Künste oder Handwerke nicht lernen ohne Übung. Was wäre doch das für ein Medicus oder Arzt, der stets für und für allein in Schulen bleibet und liefet? Er muß wahrlich die Kunst in Brauch bringen und anfahen, sie zu prakticirn, und je mehr er denn mit der Natur handelt, je mehr siehst und erführet er, daß er die Kunst noch nicht recht und vollkommen hat. Also muß auch ein Jurist und ein jeglicher Handwerksmann und Künstler thun; was sollt denn solches in der heiligen Schrift nicht sein, da unser Herr Gott gar einen gewaltigen Widersacher hat?

Es ist auch eine große Gnade Gottes, daß einer ein gewissen Text der Bibel für sich hat, davon er kann sagen: Das ist recht, das weiß ich gewiß. Die Leute meinen, sie könnens bald Alles, wenn sie eine Predigt gehöret haben. Zwinglius meinete auch, er wüßte es wohl, es wäre eine schlechte Kunst. Ich aber weiß, daß ich das Vater Unser noch nicht recht kann, wie ein gelahrter alter Doctor ich sonst bin oder sollte sein. Ohne Übung und Erfahrung kann Niemand gelehrt sein. Derhalben hat jener Bauer wohl gesaget: Harnisch ist gut, wer ihn weiß recht zu gebrauchen. Also ist die heilige Schrift auch gewiß an ihr selbst genug, aber Gott gebe, daß ich den rechten Brauch auch erhasche und treffe; denn wenn der Satan mit mir disputiret, als: ob mir Gott auch gnädig sei? so darf ich diesen Spruch wider ihn nicht führen, daß, wer Gott liebet von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kräften usw., der wird Gottes Reich besitzen. Denn der Teufel wirft mir balde vor und rucket mir auf und spricht: Du hast Gott nicht geliebet, wie mich denn dieß mein Gewissen überzeuget; sondern ich muß den Spruch ergreifen und wider den Teufel gebrauchen, daß Jesus Christus für mich gestorben ist, denn durch den hab ich einen gnädigen Vater, derselbige hat mich ihm versühnet, und wie S. Paulus 1. Kor. 1. (V. 3o) sagt, so ist er mir von Gott gegeben zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.«

 

Wahrhaftige Christen sind bereit, den Tod und alles Unglück um des Evangelii willen zu leiden, aber Heuchler fliehen das Kreuz.

Doctor Luther sagte: »er hatte einen Tischgänger zu Wittenberg gehabt mit Namen Matthias de Vai, einen Ungar, welcher auch in Lutheri Haus zu Wittenberg gewohnet hatte. Dieser, nachdem er heim in Ungarn kommt und allda ein Prediger wird, da war er mit einem Papisten-Prediger uneins worden. Als nun der Papist ihn vor dem Mönch Georgen, des Woida Bruder, damals Statthaltern und Regenten zu Ofen, verklagt, wie nun in dem Verhör einer den andern hart verdammet hatte und der Mönch die Parten nicht konnte eins machen, denn es wollte ein jeglicher recht haben, da saget der Mönch George: Harret, ich will bald erfahren, welchs Theil recht habe oder nicht. Und fähret zu und setzet zwo Tonnen Pulvers auf den Markt zu Ofen, und spricht: Wer seine Lehre vertheidigen will, daß sie recht sei und das wahrhaftige Wort Gottes, der setze sich auf der Tonnen eine, so will ich Feuer unterstoßen; welcher denn lebendig bleibet, wenn das Feuer mit dem Pulver angehet, daß er nicht verbrennet, deß Lehre ist recht. Da springet Matthias von Vai flugs auf der Tonnen eine und setzt sich drauf, aber der Papist wollt mit seinem Beistand nicht auf die andere Tonne. Da saget der Mönch George: Nun sehe ich, daß der Glaube und Lehre des Vai recht und euer, der Papisten, Religion falsch ist; strafete denselbigen papistischen Pfaffen und seinen Beistand um vier tausend ungarische Gülden, und mußten ihm eine Zeit lang zwei hundert Kriegsknechte besolden und unterhalten; aber den Matthiam de Vai ließ er öffentlich das Evangelium predigen.«

Und sagete D. Luther drauf: »Es will auf der papistischen Seiten keiner ins Feuer sich wagen, aber unsere Leute gehen getrost ins Feuer, ja in den Tod; wie man vorzeiten an den heiligen Märtyrern S. Agnes, S. Agatha, Vincentio und Laurentio erfahren. Sollte man die Papisten jetzt um ihrer Lehre und Religion willen zum Feuer treiben, o wie viele würden ihrer abfallen. Sie sind Märtyrer active, nicht passive. Kaiser, Könige, Fürsten und Herrn verjagen und ermorden jetzt die Christen, so nimmet der Türk sie an, vertheidiget, schützet und handhabet sie. Die Papisten wollen das Reich Christi nicht, so haben sie das Reich des Teufels.« Solches redete D. M. Luther zu Eisleben Anno 1546 kurz vor seinem Tode, und saget ferner: »Wir sind in der Welt geachtet wie die Schlachtschafe.«

»Nähest sind zu Paris auf einmal zween vom Adel und zween Magistri um des Evangelii willen verbrannt worden; da haben die Theologen den König von Frankreich vermocht, daß er selbst das Feuer mit einem Strohwisch angezündet hat. Wir sind wie ein Haufen Schafe, die nicht auf die Weide gehen, sondern im Stall stehen und warten, wenn sie an den Spieß oder in den Topf gesteckt werden.«

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