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Till Eulenspiegel

Hermann Bote: Till Eulenspiegel - Kapitel 77
Quellenangabe
typenarrative
booktitleTill Eulenspiegel
authorHermann Bote
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32036-9
titleTill Eulenspiegel
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1510
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Die 76. Historie sagt, wie Eulenspiegel in ein Haus schiß und den Gestank durch die Wand in eine Gesellschaft blies, die ihn nicht leiden konnte.

In großen Tagesreisen wanderte Eulenspiegel nach Nürnberg und blieb da 14 Tage. In der Nähe der Herberge, in der er sich aufhielt, wohnte ein frommer Mann, der war reich und ging gern in die Kirche. Er verabscheute jedoch die Spielleute. Wo die waren oder wenn die dorthin kamen, wo er war, da ging er davon. Dieser Mann hatte die Gewohnheit, einmal im Jahr seine Nachbarn zu Gast zu laden. Dann tat er ihnen gütlich mit Kost und Wein und mit den besten Getränken. Und wenn in den Häusern seiner Nachbarn fremde Gäste waren, etwa zwei oder drei Kaufleute, die lud er allezeit mit ein, und sie waren ihm willkommen. Da kam die Zeit, in der jedermann Gäste einlud. Eulenspiegel wohnte zur Herberge nebenan im Nachbarhaus. Und der reiche Mann lud, wie es seine Gewohnheit war, seine Nachbarn und ihre Gäste ein, soweit es ehrbare Leute waren. Aber Eulenspiegel lud er nicht ein; den betrachtete er als Gaukler und Spielmann, die er nicht einzuladen pflegte.

Als nun die Nachbarn zu dem frommen Mann zu Gast in sein Haus gingen zusammen mit den ehrbaren Leuten, die er ebenfalls eingeladen hatte und die sie in ihren Häusern beherbergten, da ging auch der Wirt, bei dem Eulenspiegel zur Herberge war, mit seinen sonstigen Gästen, die gebeten worden waren, dorthin zu Tisch. Und der Wirt sagte zu Eulenspiegel, daß ihn der reiche Mann als einen Gaukler ansehe; darum habe er ihn nicht zu Gast geladen. Eulenspiegel gab sich damit zufrieden. Er dachte aber: Bin ich ein Gaukler, so sollte ich ihm die Gaukelei beweisen. Und ihn ärgerte doch, daß der Mann ihn so verschmäht hatte.

Es war bald nach Sankt-Martins-Tag, als das Gastmahl stattfand. Der Wirt saß mit seinen Gästen in einem köstlichen Gemach, wo er ihnen das Mahl gab. Und das Zimmer war unmittelbar neben der Wand des Hauses, wo Eulenspiegel wohnte. Als sie beim Mahl saßen und sehr guter Dinge waren, kam Eulenspiegel und bohrte ein Loch durch die Wand, die an das Gemach stieß, in dem die Gäste saßen. Dann nahm er einen Blasebalg, machte einen großen Haufen seines Drecks und blies mit dem Blasebalg durch das von ihm gebohrte Loch in das Zimmer. Das stank so übel, daß niemand in dem Gemach bleiben wollte. Einer sah den andern an: Der erste meinte, der zweite rieche so, der zweite meinte, es sei der dritte. Eulenspiegel aber hörte mit dem Blasebalg nicht auf, so daß die Gäste aufstehen mußten und vor Gestank nicht länger bleiben konnten. Sie suchten unter den Bänken, sie kehrten in allen Winkeln, nichts half. Niemand wußte, wo der Gestank herkam, so daß jedermann nach Hause ging.

Auch Eulenspiegels Wirt kam zurückgegangen. Ihm war von dem Gestank so schlecht geworden, daß er alles ausbrach, was er im Leibe hatte. Er erzählte, wie übel es in dem Gemach nach Menschendreck gestunken habe. Eulenspiegel fing an zu lachen und sagte: »Wenn mich der reiche Mann auch nicht zu Gast laden und mir seine Kost gönnen wollte, so bin ich ihm doch viel günstiger und getreuer gesonnen als er mir: Ich gönne ihm meine Kost. Wäre ich da gewesen, hätte es nicht so übel gestunken.« Und sogleich rechnete er mit seinem Wirt ab und ritt hinweg, denn er befürchtete, daß es herauskäme.

Der Wirt merkte an seinen Worten, daß er von dem Gestank etwas wußte. Aber er konnte nicht begreifen, wie Eulenspiegel das gemacht hatte, und wunderte sich sehr. Als Eulenspiegel aus der Stadt heraus war, begann der Wirt, in seinem Haus zu suchen, und fand den Blasebalg, der arg beschissen war. Er fand auch das Loch, das Eulenspiegel durch die Wand in seines Nachbarn Haus gebohrt hatte. Da durchschaute er die Sache sogleich, holte seinen Nachbarn dazu und erzählte ihm, wie Eulenspiegel dies alles getan habe und wie seine Worte gewesen seien.

Der reiche Mann sprach: »Lieber Nachbar, von Toren und Spielleuten hat niemand einen Vorteil. Darum will ich sie nicht in meinem Haus haben. Ist mir nun diese Büberei durch Euer Haus geschehn, so kann ich nichts dabei tun. Ich sah Euern Gast als einen Schalk an, das las ich an seinem Wahrzeichen. So ist es besser in Euerm Haus als in meinem Haus geschehen, vielleicht hätte er mir noch schädlichere Dinge angetan.«

Eulenspiegels Wirt sagte: »Lieber Nachbar, Ihr habt es wohl gehört, und also ist es auch: Vor einen Schalk soll man zwei Lichter setzen, und das muß ich wohl auch tun, denn ich muß immer allerlei Gäste beherbergen. Wenn ein Schalk kommt, muß man ihn aufs beste bewirten.«

Damit schieden sie voneinander. Eulenspiegel war dagewesen und kam nicht wieder.

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