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Till Eulenspiegel

Hermann Bote: Till Eulenspiegel - Kapitel 73
Quellenangabe
typenarrative
booktitleTill Eulenspiegel
authorHermann Bote
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32036-9
titleTill Eulenspiegel
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1510
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Die 72. Historie sagt, wie es Eulenspiegel fertigbrachte, daß eine Frau auf dem Markt in Bremen alle ihre Töpfe entzweischlug.

Als Eulenspiegel diese Schalkheit vollbracht hatte, reiste er wieder nach Bremen zum Bischof. Der hatte Eulenspiegel gern und hatte auch viel Kurzweil mit ihm. Allezeit richtete ihm Eulenspiegel ein scherzhaftes Abenteuer her, so daß der Bischof lachte und ihm sein Pferd kostfrei hielt. Da tat Eulenspiegel so, als ob er der Narrenstreiche müde sei und lieber in die Kirche gehen wolle. Deshalb verspottete ihn der Bischof sehr, aber Eulenspiegel kehrte sich nicht daran und ging beten, so daß ihn der Bischof zuletzt bis aufs äußerste reizte.

Nun hatte sich Eulenspiegel heimlich mit einer Frau verabredet, die die Frau eines Töpfers war. Sie saß auf dem Markt und hielt Töpfe feil. Die Töpfe bezahlte er der Frau allesamt und vereinbarte mit ihr, was sie tun solle, wenn er ihr winkte oder ein Zeichen gäbe.

Dann kam Eulenspiegel wieder zum Bischof und tat so, als sei er in der Kirche gewesen. Der Bischof überfiel ihn wieder mit seinem Spott. Schließlich sprach Eulenspiegel zum Bischof: »Gnädiger Herr, kommt mit mir auf den Markt! Da sitzt eine Töpfersfrau mit irdenem Geschirr. Ich will mit Euch wetten: ich werde weder mit ihr sprechen noch ihr mit den Augen einen Wink geben. Ohne Worte werde ich sie dahin bringen, daß sie aufsteht, einen Stecken nimmt und die irdenen Töpfe alle selbst entzweischlägt.« Der Bischof sprach: »Es gelüstet mich wohl, das zu sehen.« Und er wollte mit ihm um 30 Gulden wetten, daß die Frau das nicht täte. Die Wette wurde durch Handschlag bekräftigt, und der Bischof ging mit Eulenspiegel auf den Markt. Eulenspiegel zeigte ihm die Frau, und dann gingen sie auf das Rathaus. Eulenspiegel blieb bei dem Bischof und machte Gebärden mit Worten und Zeichen, als ob er die Frau dazu bringen wollte, daß sie das Gesagte tue. Zuletzt gab er der Frau das verabredete Zeichen. Da stand sie auf, nahm einen Stecken und schlug die irdenen Töpfe sämtlich entzwei, so daß alle Leute darüber lachten, die auf dem Markt waren.

Als der Bischof wieder in seinen Hof kam, nahm er Eulenspiegel beiseite und forderte ihn auf, ihm zu sagen, wie er das gemacht habe, daß die Frau ihr eigenes Geschirr entzweischlug. Dann wolle er ihm die 30 Gulden geben, die er in der Wette verloren habe. Eulenspiegel sagte: »Ja, gnädiger Herr, gern.« Und er erzählte ihm, wie er zuerst die Töpfe bezahlt und es mit der Frau verabredet hatte; mit der schwarzen Kunst habe er es nicht getan, und er berichtete ihm alles. Da lachte der Bischof und gab ihm die 30 Gulden. Doch mußte Eulenspiegel ihm geloben, daß er es niemandem weitersagen wolle. Dafür wollte ihm der Bischof zusätzlich einen fetten Ochsen geben. Eulenspiegel sagte ja, er wolle das gern verschweigen, machte sich reisefertig und zog von dannen.

Als Eulenspiegel fort war, saß der Bischof mit seinen Rittern und Knechten bei Tisch und sagte ihnen, auch er verstünde die Kunst, die Frau dazu zu bringen, daß sie alle ihre Töpfe entzweischlüge. Die Ritter und Knechte begehrten nicht zu sehen, daß sie die Töpfe zerschlug, sondern wollten nur die Kunst wissen. Der Bischof sprach: »Will mir jeder von euch einen guten, fetten Ochsen für meine Küche geben, so will ich euch alle die Kunst lehren.« Das war im Herbst, wenn die Ochsen fett sind, und jeder dachte: du solltest ein paar Ochsen wagen – sie werden dich nicht hart treffen -, damit du die Kunst lernst. Und jeder Ritter und Knecht bot dem Bischof einen fetten Ochsen. Sie brachten sie zusammen, so daß der Bischof 16 Ochsen bekam. Ein jeder Ochse war vier Gulden wert, so daß die 30 Gulden, die er Eulenspiegel gegeben hatte, zweifach bezahlt waren.

Als die Ochsen beieinander standen, kam Eulenspiegel dahergeritten und sprach: »Von dieser Beute gehört mir die Hälfte.« Der Bischof sagte zu Eulenspiegel: »Halt du mir, was du mir gelobt hast; ich will dir auch halten, was ich dir gelobt habe. Laß deinen Herren auch ihr Brot!« Und er gab ihm einen fetten Ochsen. Den nahm Eulenspiegel und dankte dem Bischof.

Danach versammelte der Bischof seine Diener um sich. Er hob an und sprach, sie sollten ihm zuhören, er wolle ihnen jetzt die Kunst sagen. Und er erzählte ihnen alles: wie sich Eulenspiegel zuvor mit der Frau verabredet und wie er ihr die Töpfe vorher bezahlt hatte. Als das der Bischof gesagt hatte, saßen alle seine Diener da, als ob sie mit einer List betrogen worden wären. Aber keiner von ihnen wagte es, vor dem andern etwas zu reden. Der eine kratzte sich den Kopf, der andere den Nacken. Der Handel reute sie allesamt, denn die ärgerten sich alle wegen ihrer Ochsen. Schließlich aber mußten sie sich zufriedengeben und trösteten sich damit, daß der Bischof ihr gnädiger Herr sei. Wenn sie ihm auch die Ochsen gegeben hatten, so blieben sie dabei, es sei alles im Scherz geschehen. Aber sie ärgerte nichts so sehr daran, als daß sie so große Toren gewesen waren und ihre Ochsen für eine solch wertlose Kunst hingegeben hatten. Und daß Eulenspiegel auch einen Ochsen bekommen hatte!

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