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Till Eulenspiegel

Hermann Bote: Till Eulenspiegel - Kapitel 72
Quellenangabe
typenarrative
booktitleTill Eulenspiegel
authorHermann Bote
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32036-9
titleTill Eulenspiegel
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1510
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Die 71. Historie sagt, wie ein Stiefelmacher in Braunschweig Eulenspiegels Stiefel spickte und Eulenspiegel ihm die Stubenfenster einstieß.

Christoffer hieß ein Stiefelmacher in Braunschweig auf dem Kohlmarkt. Zu dem ging Eulenspiegel und wollte seine Stiefel schmieren lassen. Als er nun zu dem Stiefelmacher in das Haus kam, sprach er: »Meister, wollt Ihr mir diese Stiefel spicken, daß ich sie am Montag wiederhaben kann?« Der Meister sagte: »Ja, gern.« Eulenspiegel ging wieder aus dem Haus und dachte an nichts Böses.

Als er fort war, sagte der Geselle: »Meister, das war Eulenspiegel, der treibt mit jedermann seine Schalkheit. Wenn Ihr ihn das geheißen hättet, was er Euch geheißen hat, so täte er es wörtlich und ließe es nicht.« Der Meister sprach: »Was hat er mich denn geheißen?« Der Geselle sagte: »Er hieß Euch die Stiefel spicken und meinte schmieren. Nun würde ich sie nicht schmieren, sondern spicken, wie man die Braten spickt.« Der Meister sprach: »Höre, das ist gut! Wir wollen tun, wie er uns geheißen hat.«

Er nahm Speck, schnitt ihn in Streifen und spickte damit die Stiefel mit einer Spicknadel wie einen Braten. Eulenspiegel kam am Montag und fragte, ob die Stiefel fertig seien. Der Meister hatte sie an einen Haken an die Wand gehängt, zeigte sie ihm und sagte: »Siehe, da hängen sie!« Eulenspiegel sah, daß die Stiefel »gespickt« waren, fing an zu lachen und sprach: »Was seid Ihr für ein tüchtiger Meister! Ihr habt mir das so gemacht, wie ich es Euch geheißen habe. Was wollt Ihr dafür haben?« Der Meister antwortete: »Einen alten Groschen.« Eulenspiegel gab ihm den alten Groschen, nahm seine gespickten Stiefel und ging aus dem Haus. Der Meister und sein Geselle sahen und lachten ihm nach und sprachen zueinander: »Wie konnte ihm das geschehen? Nun ist er geäfft!«

Währenddem stieß Eulenspiegel mit dem Kopf und den Schultern durch das Glasfenster – denn die Stube lag zu ebener Erde und ging auf die Straße – und sprach zu dem Stiefelmacher: »Meister, was ist das für ein Speck, den Ihr zu meinen Stiefeln gebraucht habt? Ist es Speck von einer Sau oder von einem Eber?« Der Meister und der Geselle waren ratlos. Schließlich sah der Meister, daß es Eulenspiegel war, der in dem Fenster lag und mit Kopf und Schultern die Butzenscheiben wohl zur Hälfte hinausstieß, so daß sie zu ihm in die Stube fielen. Da wurde der Stiefelmacher zornig und sagte: »Willst du Schurke das nicht lassen? Sonst will ich dir mit diesem Querholz vor den Kopf schlagen!« Eulenspiegel sprach: »Lieber Meister, erzürnt Euch nicht, ich wüßte nur gern, was das für Speck ist, womit Ihr meine Stiefel gespickt habt. Ist er von einer Sau oder von einem Eber?« Der Meister wurde noch zorniger und rief, er solle ihm seine Fenster unzerbrochen lassen. »Wollt Ihr mir das nicht sagen, was es für Speck ist, so muß ich gehen und einen andern fragen.« Damit sprang Eulenspiegel wieder aus dem Fenster heraus.

Der Meister wurde nunmehr zornig auf seinen Gesellen und sprach zu ihm: »Den Rat hast du mir gegeben. Nun gib mir Rat, wie meine Fenster wieder ganz gemacht werden!« Der Geselle schwieg. Der Meister aber war unwillig und sagte: »Wer hat nun den andern genarrt? Ich habe alleweil gehört: wer von Schalksleuten heimgesucht wird, der soll die Schlinge abschneiden und die Schälke gehen lassen. Hätte ich das auch getan, so wären meine Fenster ganz geblieben.« Der Geselle mußte darum wandern, denn der Meister wollte von ihm die Fenster bezahlt haben, weil er den Rat gegeben hatte, daß man die Stiefel »spicken« sollte.

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