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Till Eulenspiegel

Hermann Bote: Till Eulenspiegel - Kapitel 44
Quellenangabe
typenarrative
booktitleTill Eulenspiegel
authorHermann Bote
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32036-9
titleTill Eulenspiegel
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1510
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Die 43. Historie sagt, wie Eulenspiegel einem Schuhmacher diente und wie er ihn fragte, welche Formen er zuschneiden solle. Der Meister sprach: »Groß und klein, wie es der Schweinehirt aus dem Tore treibt.« Also schnitt er zu Ochsen, Kühe, Kälber, Böcke usw. und verdarb das Leder.

Einst diente Eulenspiegel bei einem Schuhmacher. Der schlenderte viel lieber auf dem Markt umher, als daß er arbeitete. Er hieß Eulenspiegel, Leder zuzuschneiden. Eulenspiegel fragte, was für eine Form er haben wolle. Der Schuhmacher sagte: »Schneide zu, groß und klein, wie es der Schweinehirt aus dem Dorf treibt.«Eulenspiegel sagte: »ja, Meister, gern.«

Der Schuhmacher ging aus, und Eulenspiegel schnitt zu. Er machte von dem Leder Schweine, Ochsen, Kälber, Schafe, Ziegen, Böcke und allerlei Vieh. Der Meister kam des Abends heim und wollte sehen, was sein Geselle zugeschnitten hatte. Da fand er aus dem Leder diese Tiere geschnitten. Er wurde böse und sprach zu Eulenspiegel: »Was hast du daraus gemacht? Warum hast du mir das Leder so unnütz zerschnitten?« Eulenspiegel sagte: »Lieber Meister, ich habe es gemacht, wie Ihr es gern habt.« Der Meister sprach: »Das lügst du, ich wollte es nicht haben, daß du das Leder verderben solltest. Das habe ich dich nicht geheißen.« Eulenspiegel sagte: »Meister, was ist die Ursache Eures Zornes? Ihr sagtet zu mir, ich solle von dem Leder zuschneiden klein und groß, wie es der Schweinehirt aus dem Tor treibt. Das habe ich getan, wie Ihr seht.« Der Meister sprach: »So meinte ich das nicht. Ich meinte das so, daß es kleine und große Schuhe sein sollten. Die solltest du nähen, einen nach dem andern.« Eulenspiegel sagte: »Hättet Ihr mich das so geheißen, so hätte ich das gern getan und tue es auch noch gern.«

Nun, Eulenspiegel und sein Meister vertrugen sich wieder miteinander. Der Meister vergab ihm das Zuschneiden, denn Eulenspiegel gelobte ihm: er wolle es fortan so machen, wie der Meister es haben wolle und wie er es ihn hieße. Da schnitt der Schuhmacher Sohlenleder zu, legte es vor Eulenspiegel hin und sagte: »Sieh her, nähe die kleinen mit den großen, einen durch den andern.« Eulenspiegel sagte ja und fing an zu nähen. Sein Meister zögerte mit dem Ausgehen, wollte Eulenspiegel beobachten und sehen, wie er das machen wurde. Denn er hatte erkannt: was er ihn geheißen hatte, das würde er hernach tun.

Und Eulenspiegel tat auch nach des Meisters Gebot. Er nahm einen kleinen Schuh und einen großen, steckte den kleinen in den großen und nähte sie zusammen. Da der Meister wieder umherschlendern gehen wollte, war es ihm leid, was Eulenspiegel tun wollte und auch tat: er sah, daß Eulenspiegel einen Schuh durch den andern nähte. Da sprach er: »Du bist mein rechter Geselle, du tust alles, was ich dich heiße.« Eulenspiegel sagte: »Wer tut, was man ihn heißt, der wird nicht geschlagen, was anderenfalls wohl möglich ist.« Der Meister sprach: »ja, mein lieber Geselle, das ist so: meine Worte waren also, nicht aber meine Meinung. Ich meinte, du solltest zuerst ein kleines Paar Schuhe machen und danach ein großes Paar. Oder die großen zuerst und die kleinen danach. Du tust nach den Worten, nicht nach der Meinung.« Und er wurde zornig, nahm ihm das zugeschnittene Leder weg und sagte: »Sei vernünftig, sieh her, da hast du anderes Leder; schneide Schuhe zu über einen Leisten!« Und er dachte nicht mehr weiter darüber nach, denn er mußte ausgehen.

Der Meister ging seinem Gewerbe nach und war beinahe eine Stunde fort. Dann erst dachte er daran, daß er seinen Gesellen geheißen hatte, die Schuhe über einen Leisten zu schneiden. Er ließ alle seine Geschäfte stehn und liegen und lief eilig nach Hause. Eulenspiegel hatte derweilen gesessen, das Leder genommen und alles über den kleinen Leisten geschnitten. Als der Meister kam, sah er, daß Eulenspiegel alle Schuhe über den kleinen Leisten geschnitten hatte. Da sagte er zu ihm: »Wie gehört der große Schuh zu dem kleinen Leisten?" Eulenspiegel sprach: »Ja, wollt Ihr das auch noch haben, so will ich das noch hernach machen und den größeren noch nachschneiden.« Der Meister sagte: »Besser könnte ich einen kleineren Schuh aus dem größeren zuschneiden, als einen größeren aus dem kleinen. Du nimmst nur einen Leisten und der andere Leisten wird nicht benutzt.« Eulenspiegel sagte: »Wahrhaftig, Meister, Ihr hießet mich, die Schuhe über einen Leisten zuzuschneiden.«

Der Meister sprach: »Ich heiße dich wohl so lange etwas, bis ich mit dir an den Galgen laufen muß.« Und er sprach weiter, er solle ihm das Leder bezahlen, das er ihm verdorben habe; wo solle er anderes Leder hernehmen? Eulenspiegel sagte: »Der Gerber kann des Leders wohl mehr machen.« Dann stand er auf, ging zur Tür, kehrte sich auf der Schwelle noch einmal um und sprach: »Komm ich auch in dieses Haus nicht wieder, so bin ich doch hier gewesen.« Damit ging er zur Stadt hinaus.

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