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Tiergeschichten

Manfred Kyber: Tiergeschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorManfred Kyber
titleTiergeschichten
isbn3-498-03420-0
publisherRowohlt
created20030207
senderLehmayerGertraud@aol.com
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Die Haselmaushochzeit

An einem alten Gemäuer stand ein Haselnußstrauch. Feine Spinnwebfäden spannen sich von der alten Mauer zum Haselnußstrauch hinüber. Der Mond stand groß und silbern am Himmel. Er beschien eine kleine, befellte und gerührte Gesellschaft. Die Haselmäuse feierten Hochzeit. »Mein Haselstrauch ist auch dein Haselstrauch. Meine Haselnüsse sind auch deine Haselnüsse«, sagte eine alte Haselmaus. Alle waren sehr ergriffen und falteten die Pfoten. Der Haselmausbräutigam bekam das Schnucken und fuhr sich über die Schnauze. Die Haselmausbraut schluchzte in ein Haselnußblatt-Taschentuch.

Dann ging man auf einer Gartenbank zu Tisch, und jeder bekam eine Haselnuß in die Pfote serviert. Man knabberte und unterhielt sich höflich piepsend. Es sah überaus manierlich aus. Haselmäuse sind bescheiden und sehr sittsam. Nach dem Diner tanzte die Haselmausjugend den Haselhupfer.

Man pfiff zweistimmig dazu.

»So haben wir auch einmal gepfiffen sagte die Haselmausgroßmutter zum Haselmausgroßvater und strich sich mit altmodischer Koketterie über das diesjährige Fellkleid. Der Haselmausgroßvater kraulte sich behaglich die weiße Kehlkrawatte und wippte den Takt des Haselhupfers mit der Hinterpfote.

»Ja, wenn man so dran denkt«, sagte er. Er dachte aber an Nüsse.

Das Haselmausbrautpaar hatte sich auf einen einsamen Ast zurückgezogen. Hier war die neue Wohnung, ein kugeliges kleines Nest. Die Verwandten hatten Moos und Blätter beigesteuert und sogar weiche Magenhaare, die sie sich ausgerupft hatten. Man tat schon ein übriges, wenn Hochzeit war. Die Haselmausbraut hielt das Haselnußblatt-Taschentuch geballt in der Pfote. Es war feucht von Tränen. Der Haselmausbräutigam saß neben ihr und hielt sie umpfotet. Er küßte sie auf die Schnauze und hinter die Ohren. Die Ohren waren sehr klein. Es war ein schönes Haselmausmädchen. Der Mond schien hell. Die Spinnwebfäden spannen sich silbern von der alten Mauer zum Haselnußgeäst. Von ferne hörte man den Haselhupfer pfeifen. Die jungen Haselmäuse chassierten graziös aneinander vorbei und trugen dabei den Schwanz über die Pfote gelegt. Es sah sehr zierlich aus. Aber das Haselmausbrautpaar achtete nicht darauf. Es saß in eich versunken da – Pfote in Pfote. Keines piepste ein Wort. Da geschah etwas Entsetzliches. Der Haselmausbräutigam hatte so intensiv hinter den Ohren geküßt, daß er das Gleichgewicht verlor und rückwärts umkippte. Bei der Liebe verliert man so leicht das Gleichgewicht! Ein schriller, piepsender Schrei – dann verschwand er in der Tiefe. Die Haselmausbraut preßte das Haselnuß-Taschentuch vor die Augen. Wo bist du?« piepste sie. –»Krabble hoch! Hast du dir am Ende weh getan?«

Unten raschelte es angstvoll.

»Ich bin in eine Grube gefallen«, piepste es gedämpft herauf. »Sie ist ganz glatt. Ich kann nicht mehr hinauf. Lebe wohl!« Man hörte kleine Pfoten verzweifelt an den Grubenwänden trommeln.

»Gibt es denn gar keinen Aufstieg?« rief die Haselmausbraut fassungslos. »Versuche es nur! Du hast doch erst neulich die grüne Nuß im Preisklettern errungen!« Das Trommeln verstummte.

»Die Grube verbreitert sich nach unten. Es muß eine Art Falle sein. Es ist aussichtslos. Vergiß mich nicht! Lebe ewig wohl! Ich muß hier sterben. Es ist furchtbar. Wirf mir dein Haselnußblatt-Taschentuch herunter! Ich will mich darin einwickeln, wenn meine Stunde kommt. Oh!« Das Haselnußblatt-Taschentuch flog in die Tiefe. »Dein Haselstrauch ist auch mein Haselstrauch«, dachte die Haselmausbraut. »Ist dann nicht auch deine Grube meine Grube?« Es war ein großer Kampf in einem kleinen Geschöpf. Es dauerte nicht lange. Da nahm die kleine Haselmaus ihr Herz fest in beide Pfoten und sprang in die Grube nach. Nun saßen beide Haselmäuse in der Grube und schluchzten beide in das Haselnußblatt-Taschentuch.

Als das Blatt ganz naß war und es keinen Zweck mehr hatte, zu weinen, hörten sie beide auf und sahen sich um im Gefängnis ihres gemeinsamen Todes. Da sahen sie einen großen Zweig, der sich quer in die Grube gelegt hatte, von oben nach unten. Die Haselmausbraut mußte ihn mitgerissen haben beim Sprung in die Tiefe, obgleich er eigentlich viel zu groß war, als daß ihn eine Haselmaus hätte mitreißen können. Er mußte wohl schon vorher gelockert gewesen sein. Aber auch dann war es wunderbar. Man konnte dran hochkrabbeln, wie auf einer Treppe, wenn man eine Haselmaus war. Das taten die beiden Haselmäuse und piepsten voller Dankbarkeit aus ganzer Haselmausseele. Nur das Haselnußblatt-Taschentuch blieb unten liegen – ein nasses Wahrzeichen der Liebe.

Auf leisen Sohlen gingen die beiden in ihre Wohnung aus Blättern, Moos und Magenhaaren.

»Es ist eigentlich ein Wunder sagte die Haselmausbraut, »ich kann den Zweig unmöglich allein abgerissen haben. Es ist, als hätten uns unsichtbare Pfoten geholfen.«

Feine Fäden spannen sich herüber von dem alten Gemäuer – Franziskus von Assisi hatte einstmals darin gelebt.

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