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Tiergeschichten

Manfred Kyber: Tiergeschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
authorManfred Kyber
titleTiergeschichten
isbn3-498-03420-0
publisherRowohlt
created20030207
senderLehmayerGertraud@aol.com
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Professor Bohrloch

Professor Dr. Bohrloch, Ritter pp., stand mit seinem Assistenten vor dem Affenkäfig. Es war noch früh am Morgen, und im Zoologischen Garten waren nur wenige Besucher.

Professor Bohrloch hatte das mit reiflicher Überlegung so eingerichtet. Er wollte möglichst ungestört sein, besonders von solchen Leuten, die als nicht-akademisch anzusehen waren. Odi profanum vulgus!

Denn die frühe Morgenstunde sollte eines der unerhörtesten Experimente wissenschaftlicher Forschung bringen. – »Dank den profunden Resultaten der Vivisektion«, sagte Professor Bohrloch, »aus denen sich unsere herrliche Gehirnlehre von heute entwickelt hat, bin ich auf den erhabenen Gedanken gekommen, diese zwei Exemplare von cynocephalus babuin nach sorgfältiger phrenologischer Untersuchung von den anderen Affen zu isolieren. Nach fleißiger Fütterung mit gehirnbildenden Nährstoffen werde ich heute in der Lage sein, nachzuweisen, daß das Gehirn des cynocephalus babuin bei entsprechender Behandlung nicht nur menschliche Ausdrücke den Begriffen nach richtig zu erfassen vermag, sondern sogar fähig ist, dieselben in adäquaten Gutturallauten sinngemäß wieder von sich zu geben.«

Der Assistent verbeugte sich stumm. Ihm war weihevoll.

»Sie haben doch fleißig mit Bananen gefüttert«, wandte sich Professor Bohrloch an den Wärter. »Ist Ihnen eine Zunahme der intellektuellen Funktionen aufgefallen?« »So wat is mich nich uffjefallen«, sagte der Wärter.

»Dem Mann fehlt der geschulte Blick«, sagte Professor Bohrloch.

Die Paviane kamen ans Gitter.

»Wer ist denn das?« fragte der eine, und sein Fell sträubte sich.

»Ich finde ihn eigentlich ganz nett«, sagte der andere, »er erinnert mich so an meinen verstorbenen Onkel.« Der Pavian hatte viel Familiensinn.

Professor Bohrloch kramte erregt in seinen Taschen und suchte nach seinem Notizbuch.

»Er laust sich«, sagte der erste Pavian mit Sachverständnis. »Jetzt hat er was«, sagte der zweite voller Interesse.

»Wir müssen uns natürlich auf stark akzentuierte Gutturallaute beschränken«, sagte Professor Bohrloch; »beginnen wir mit einfachen Vokalen!«

Professor Bohrloch setzte sich in kauernder Stellung vor dem Gitter hin.

»E-e-e-Es-sen-Es-sen«, sagte er und machte schnappende Bewegungen mit den Kiefern.

»He-he«, grinsten die Affen.

»Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch zu seinem Assistenten. »Beachten Sie bitte die Schädelbildung!« »Sieh bloß mal dem seinen Kopf an!« sagte der eine Pavian. Professor Bohrloch horchte aufmerksam auf die soeben erfolgten Gutturallaute und machte sich eifrig Notizen.

»Nun einen etwas komplizierten Begriff, der vom reinen In

stinkt ins Vorstellungsvermögen übergreift. O-o-o-Vo-gel-Vogel-Vo-gel!

Professor Bohrloch hob den Lodenmantel und stelzte sonderbar vor dem Käfig auf und ab. Er flatterte mit den Ärmeln und schnatterte dabei in einer noch nicht dagewesenen Weise. Der Wärter näherte sich. Ihm schien, er wäre nötig.

»Ho-ho«, grinsten die Affen und schmissen mit Bananenschalen.

»Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch. »Wir gehen nun zu einem Umlaut über. Ö-ö-ö-Grö-ße-menschliche Grö-ße.« Professor Bohrloch reckte sich im Lodenmantel zu voller Höhe auf.

Die Affen hatten es satt. Der Vogel hatte ihnen noch Spaß gemacht. Das hier nicht mehr. Sie wandten sich um und zeigten dem Professor ihre Hinterseite. Es waren ansehnliche, nicht mißzuverstehende Körperteile. »Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch. »Das Tier verkriecht sich vor der menschlichen Größe. Das ist mehr als Verständnis. Hier liegt bereits eine psychische Reaktion vor. Wir nehmen nun zum Schluß unserer phänomenalen Untersuchung einen Doppellaut«, wandte er sich an seinen Assistenten. »Beachten Sie, bitte, die vielen kleinen Steine im Käfig! Ich habe sie aus experimentellen Gründen scheinbar achtlos verteilen lassen ...«

Professor Bohrloch nahm einen Stein auf und preßte die Brillengläser ganz dicht ans Gitter. »Ei-ei-ei-Stein-Stein-Stein«, sagte er. Die Affen hatten sich am Ende des Käfigs schlafen gelegt und rührten sich nicht.

»Stein-Stein-Stein«, sagte Professor Bohrloch meckernd. Er sagte das einhundertunddreiunddreißigmal. Da flog ihm ein Hagel von Steinen ins Gesicht! »Es ist erstaunlich«, sagte Professor Bohrloch.

Am anderen Tage stand Professor Bohrloch auf dem Katheder.

»Wir kommen nun zum Schluß unserer interessanten Ausführungen«, sagte er, »und können mit Stolz konstatieren, daß es der menschlichen Wissenschaft gelungen ist, ihre leuchtenden Funken sogar bis in die stumpfe Tierwelt zu senden!«

Die Affen im Käfig spielten »Professor Bohrloch«. Sie stelzten sonderbar auf und ab und schnatterten in einer noch nicht dagewesenen Weise.

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