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Tiergeschichten

Manfred Kyber: Tiergeschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorManfred Kyber
titleTiergeschichten
isbn3-498-03420-0
publisherRowohlt
created20030207
senderLehmayerGertraud@aol.com
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Onkel Nuckel

Onkel Nuckel war ein Karnickel. Darum spielt auch die Geschichte von Onkel Nuckel in Karnickelkreisen, und zwar in den besseren, den gutsituierten – wir begegnen hier lauter Leuten, die satt sind, die ein soigniertes Fell haben und in komfortablen Höhlen wohnen. So war Onkel Nuckel, so war seine engere Familie und die ganze Kolonie, und all das war das Werk seiner Pfoten. Denn es war nicht immer so gewesen – o nein! Onkel Nuckel hatte ganz klein angefangen, jeder Schritt seines Lebens war mühsam erhupft, er hatte Hunger, Nässe und Kälte kennengelernt und hatte oft mit klappernden Zähnen das letzte Radieschenblatt bekümmert verschluckt. Und dazu die vielen, vielen Kinder – Tante Nuckel war so fruchtbar! Es war schwer, sehr schwer. Aber Onkel Nuckel war ein Charakter, ein hochachtbares Karnickel. Er ließ die Ohren nicht hängen, sondern stand allzeit auf den Hinterbeinen dem Schicksal gegenüber und meisterte es mit schwieliger Pfote! Onkel Nuckel ist ein Vorbild, dem man nachhupfen sollte, und darum erzähle ich diese Geschichte. Onkel Nuckel war das Kind kleiner, ärmlicher Karnickelleute und hatte eine liebreiche, aber salatarme Jugendzeit. So kam es, daß er auch bei seiner Heirat mehr auf Liebe als auf Salat gab. Das war groß und erhaben, denn Liebe ist groß und erhaben, Salat aber ist das nicht. Onkel Nuckel heiratete ein Kaninchen aus sehr alter, aber gänzlich mittelloser Familie. Das war Tante Nuckel – eine geborene von Döskopp. Sie hatte viel Gemüt, sehr viel, und liebte Onkel Nuckel heiß und innig, ihre Aussteuer jedoch bestand nur aus einer Haselnuß. Diese war ein altes Familienerbstück, und die Familie der Karnickelbraut tat sehr wichtig und geheimnisvoll damit, eben weil es doch ein Familienerbstück war. Es hatte eine Bewandtnis damit – man wußte freilich nicht welche, aber eine Bewandtnis ist viel wert, wenn kein wirkliches Futter vorhanden ist, und mit einer Bewandtnis kann man immerhin schon die alte Familie repräsentieren. Am Hochzeitstage sollte die Bewandtnis aufgeknackt werden, und Tante Nuckels Verwandte murmelten dabei was von einer alten vornehmen Tradition. Onkel Nuckel war die Sache peinlich, von Tradition wird selbst ein Karnickel nicht satt, und außerdem konnte niemand die Nuß aufknacken.

«Das ist das Alter, das ist vornehm«, sagten Tante Nuckels Verwandte.

Endlich bat man eine Eichkatz darum, mit der man auf nachbarlichen Pfoten stand, die man aber nicht eingeladen hatte, weil sie arg mit ihrem Schwanz kokettierte und überhaupt ihre prunkvolle Toilette empörend zur Schau trug. Sie nahm die Nuß in die Pfötchen und knackte sie im Nu, mit der routinierten Geschäftsmäßigkeit, wie sie nur der Beruf verleiht. Aber die Nuß war hohl. Bewandtnisse sind meist hohl. Man war allgemein schockiert und bewegte verlegen die Ohren.«Das ist das Alter, das ist vornehm«, sagten Tante Nuckels Verwandte.

Tante Nuckel selbst war es furchtbar unangenehm, und sie errötete tief – auf der Schnauzenspitze natürlich, denn sonst woanders kann ein Karnickel nicht erröten.«Es kostet einen Tannenzapfen«, sagte die Eichkatz rücksichtslos.

Tante Nuckels Vater nahm sie beiseite und bat sie, den Tannenzapfen einstweilen zu kreditieren. Bei einer so guten Familie könne sie sicher sein, daß sie den Tannenzapfen richtig erhielte.

»Ach was, gute Familie«, knurrte die Eichkatz,«ich hole mir nächstens den Tannenzapfen, und wenn ich statt des Tannenzapfens nur die gute Familie treffe, dann setzt's was um die langen Ohren!« Sie zeigte ihre Krällchen. Das Karnickel schwieg pikiert. Was soll man sagen zu solchen Manieren, wenn man ein vornehmes Karnickel ist und einen dunklen Fleck auf dem Kopf hat, grad auf dem Gehirn! Das hatten alle Verwandten Tante Nuckels, und auch Tante Nuckel hatte ihn. Das war die Vornehmheit. Dieser dunkle Fleck auf dem Kopf wurde sehr gepflegt, denn er war das Kennzeichen der Familie von Döskopp. Darum lernten auch alle von Döskopps nichts, aus Furcht, der dunkle Fleck auf dem Kopf könne verschwinden. Einmal nämlich war dieser traurige Fall wirklich eingetreten, und zwar gerade durch die ja auch sonst so gefährliche Bildung. Dabei hatte das betreffende Karnickel der Familie von Döskopp nicht einmal viel gelernt, sondern nur grade den allerbescheidensten Anfang der gefährlichen Bildung, nämlich den Satz, daß die Welt größer ist als ein Kaninchengehege. Aber dieses verderbliche Wissen hatte schon genügt; der dunkle Fleck verschwand und kam trotz aller Versuche der verzweifelten Familie und trotz aller Pfotenmassage nicht wieder. Die Ansicht, daß das eigne Kaninchengehege die Welt ist, ist eben die unerläßliche Vorbedingung für den dunklen Fleck auf dem Kopf, was ich zur Warnung aller von Döskopps feststellen muß, auch wenn es keine Kaninchen sind. Seitdem war ein so scheußliches Familienereignis nicht wieder eingetreten; denn man kannte ja nun die Gefahr der Bildung für den dunklen Fleck auf dem Kopf und vermied sie gänzlich.

Die Eichkatz hatte inzwischen gar keine Antwort abgewartet, sondern war an einem Baum hochgegangen. Sie lachte dazu ihr eigentümlich schnalzendes Lachen, das – wir wollen gerecht sein – wirklich etwas leichtfertig klingt. Dabei glänzte ihr Fellehen in der Sonne, und ihr Schwanz sträubte sich kokett, unsagbar kokett ...

Dem Karnickel von Döskopp senior wurde blümerant.«Demi-monde«, murmelte er und rieb sich den dunklen Fleck auf dem Kopf.

Das war die Hochzeit von Onkel Nuckel und Tante Nuckel. Onkel Nuckel und Tante Nuckel gingen nun auf die Wanderschaft. »Wir gehen nach Amerika«, sagte Onkel Nuckel, »es soll allerdings Wasser und so allerlei dazwischen sein, aber Herr Schlups, der Biber, hat mir eine Empfehlung mitgegeben. Wo Wasser dazwischen ist, geht's nicht ohne Empfehlung. Die geb' ich einem Biber ab, der da lebt, wo das Wasser anfängt. Dann baut er uns ein Boot, und zwei Radieschen nehmen wir auch mit. Herr Schlups wäre selbst nach Amerika gegangen, wenn nicht eine Kleinigkeit dazwischengekommen wäre.Tante Nuckel seufzte. Erstens wußte sie wegen des dunklen Flecks auf dem Kopf überhaupt nicht, wo Amerika war, und zweitens bekam ihr das Wandern nicht gut. Aber sie hielt tapfer mit, Tage und Wochen, vier ganze lange Wochen, wenn sie auch heimlich wünschte, es käme auch was dazwischen, wie bei Herrn Schlups – irgendeine Kleinigkeit. Das kam auch, und es waren sogar acht Kleinigkeiten. Tante Nuckel legte sich hin und bekam acht Kinder.

Onkel Nuckel legte sich natürlich nicht hin, aber er setzte sich. Denn bei solch einem Ereignis ist es für den Vater das einzig Mögliche, sich vorläufig einmal hinzusetzen. Er setzte sich also, legte die Ohren zurück und dachte nach. Mit acht Kindern kann ich nicht nach Amerika, dachte er, sehr richtig, also muß ich hierbleiben, und zwar dauernd, denn Tante Nuckel kriegt wieder Kinder, und diese Kinder kriegen Kinder und deren Kinder kriegen Kinder ... und zwar sehr schnell ... Oh, Onkel Nuckel wußte das. Es schwamm ihm vor den Augen, und er sah lauter kleine Ohren, die sich hin und her bewegten, immer eins grade und eins schief, so wie seine Ohren, oh, ganz genauso ... ein ganzes Feld von Ohren – aber kein Feld, von dem man ernten kann. Doch war es nur eine Anwandlung, die viele nachfühlen werden. Onkel Nuckel war kein Karnickel, das untätig die Pfoten faltet. Er sprang mit einem Satz auf und grub eine Höhle, daß ihm der Sand um die Löffel flog. Noch bis zum Abend möblierte er sie mit weichem Moos und ähnlichen Dingen des allernötigsten Komforts, so daß die vervielfachte Familie sich nachts schon beruhigt aufs Ohr legen konnte, was für Karnickel wegen der Beschaffenheit dieses Organs besonders weich und angenehm ist. Nur Onkel Nuckel schlief nicht. Selten schlafen Väter in solchen Fällen.

So stand er morgens schon sehr zeitig auf und suchte mit übernächtigen Augen und nervös heißer Schnauze nach Lebensunterhalt. Es war ein schwerer, sorgenvoller Gang, noch dazu in fremder Gegend, wo man die Gefahren nicht kannte. Onkel Nuckels kleines Herz schlug ängstlich, er äugte nach allen Seiten und bewegte die Ohren. Oft blieb er stehen und nuckelte kummervoll vor sich hin. Aber seine Pfoten waren schon manchen schweren Gang gehupft, und Onkel Nuckel wäre kein tapferes Self-made-Rabbit gewesen, wenn nicht das Rammlerbewußtsein die Oberpfote gewonnen hätte. So machte er noch ein paar gewaltige Sätze ins Unbekannte und befand sich plötzlich an einer großen Mauer. Er schnüffelte emsig an den bröckligen Steinen entlang und entdeckte bald ein Loch, das, ungefähr drei Ohrenlängen groß, ihn bequem durchschlüpfen ließ. Was Onkel Nuckel nun sah, durchrieselte ihn mit einem tiefen Glücksgefühl von der Nase bis ins Schwänzchen, und die nervös heiße Schnauze bekam wieder die normale kühle Temperatur, die sie als Schwammgebilde zu beanspruchen hat. Was Onkel Nuckel sah, war wundervoll: Salat, Salat und nichts wie Salat, nur dazwischen noch einige Radieschenbeete. Essen, reichliches Essen für sich, für Tante Nuckel und seine acht Kinder und noch für viel, viel mehr Kinder, für eine ganze Kolonie kleiner nuckelnder Leute – oh, Onkel Nuckel traten die Tränen in die Augen, und er wischte sich gerührt mit der schwieligen arbeitsharten Pfote über die Nase, die schon Kummerfalten aufwies, obwohl Onkel Nuckel noch in den rüstigsten Rammlerjahren stand. Aber nun würde alles gut werden. Tante Nuckels Wochenmoosbett würde glänzend verlaufen und viele Wochenmoosbetten nach sich ziehen, und die Kinder würden Kinder kriegen, und alles würde eine große, unabsehbare, befellte Multiplikation sein! ... Und all das würde satt sein, satt und dankbar, wie Onkel Nuckel es war.

Die Dankbarkeit des Geschöpfes ist das beste Gebet, und diese Gebete sind wirkliche Religion, denn ihre Kirche ist die Natur und ihr Altar sind Gottes Himmel und Gottes Sonne. Und über all dem Salat und der Dankbarkeit des kleinen Kaninchens schien eben die Sonne, die die Sonne aller Geschöpfe ist.

Onkel Nuckel stärkte sich erst mal etwas und nahm einen flüchtigen Lunch ein. Die Blätter waren exquisit und dabei durchaus verschieden im Aroma. Die Hauptmahlzeit wollte er erst im Kreise der Familie schlucken; denn Onkel Nuckel hatte, wie wir wissen, eine durch und durch anständige Gesinnung.

Dann prüfte er das Terrain auf seine architektonischen Werte für Tiefbau, aber es erwies sich als zu locker. Zur dauernden Wohnung ist im Überfluß der Boden stets zu locker. Auch sind das meistens Mistbeete und nicht jedermanns Geschmack. Nur harter Boden gibt sichere Heimat.

«Nein, hier ist kein Tiefbau möglich«, sagte Onkel Nuckel nachdenklich,«aber das schadet nichts. Hier ist Essen, und wenn ich fleißig hinübertrage, so kann ich einen Laden eröffnen und für Salate Terrain eintauschen. Es gibt hier gewiß viel Kaninchen, die besitzlich sind.«

Onkel Nuckel war eben reell bis in die Krallenspitzen. Er hätte sich nie widerrechtlich Boden angeeignet und nahm nach den trüben Erfahrungen seiner Jugend an, daß alles besetzt sei. Denn Onkel Nuckel stammte aus einer sehr bevölkerten Gegend, wo alles besetzt ist, wenn man sich setzen möchte. Mit menschlichem Eigentum, wie Salaten, ist das was anderes: das ist vogelfrei in der Tierwelt, weil man hier die menschliche Moral notwendig übertragen hatte. Onkel Nuckel nahm an Salat und Radieschenblättern, soviel er tragen konnte, ins Mäulchen und hupfte beseligt nach Hause, wo acht kleine blinde Kinder eifrig an Tante Nuckels Magengegend saugten.«Wenn sie erst Augen haben«, murmelte Onkel Nuckel glücklich,«und die Sonne sehen können, so wie ich sie heut sah über den Salaten ... oh!« Onkel Nuckel leckte ergriffen Tante Nuckel die Stirn. Da sah er, daß der dunkle Fleck weg war. Die Not des Lebens hatte ihn fortgewischt, und die Erkenntnis, daß das Karnickelgehege derer von Döskopp nicht die Welt war. Jetzt war Tante Nuckels Stirn rein und klar, als sie Onkel Nuckel ansah, von den Salatsegnungen hörte und mit zärtlicher Mutterpfote über acht kleine Geschöpfe fuhr, die zweiunddreißig Beinchen bewegten. Als Karnickelmama lernt man zählen. Onkel Nuckel war recht froh, daß der dunkle Fleck fort war. Er hatte nie viel davon gehalten.

Es ist doch besser, man hat den dunklen Fleck nicht und weiß, was Amerika ist, dachte er,, sonst wäre ich ja gar nicht hierhergekommen.

Dann aßen Nuckels mit dem gesunden Appetit, den Kaninchen haben, und besonders hungrige Karnickelleute, denen es schwer ergangen ist.

Bleib nur im Moosbett, sagte Onkel Nuckel später und wischte sich den Bart,«ein Salatblatt ist noch übrig, damit eröffne ich einen Laden, und abends hole ich neuen.«

»Warum willst du denn einen Laden eröffnen?« fragte Tante Nuckel und rieb sich unwillkürlich die Stelle, wo der dunkle Fleck gewesen war. Von Döskopps hatten nie gehandelt, lieber lagen sie anderen auf dem Fell. Das ist vornehm, und nicht nur bei Kaninchen.

»Ich will Terrain erwerben zu unseren Höhlen«, sagte Onkel Nuckel, »hier werden auch noch andere Karnickelherrschaften sein und sicher auch besitzliche. Ich tausche gegen Salat. Das kann ich dir nicht so erklären. Das ist merkantil. Auch greift es dich an«, schloß er stolz und liebevoll.

»Merkantil« verstand Tante Nuckel nicht. Sie dachte, es wäre was zu essen, und schlief ein.

Onkel Nuckel aber grub schnell noch eine Höhle, eine kleine mit offenem Eingang, legte das Salatblatt hinein und schrieb mit sicherer energischer Kralle in den Erdboden:

Dann setzte er sich davor und wartete. Er rührte das Salatblatt nicht an, obwohl es appetitanregend roch und er noch nicht ganz satt war. Schließlich setzte er sich drauf, um es nicht zu sehen. Onkel Nuckel war eben ein Charakter! Es dauerte eine ganze Weile, aber es kam niemand. Sollten hier wirklich keine Kaninchen sein, dachte Onkel Nuckel, dann könnte ich doch beinahe frei graben und das Salatblatt selbst essen.

Er holte zaghaft etwas unter seinen Hinterbeinen hervor. Aber er blieb standhaft. Onkel Nuckel war eben groß! Wie wenige sind so!

Endlich erschien etwas Weißes im Buschwerk. Onkel Nuckel äugte ängstlich. Ja, es war ein Kaninchen, aber ein ganz weißes. So was hatte Onkel Nuckel noch nie gesehen. Mußten das vornehme Leute sein! Er sah ganz bedrückt an seinem graubraunen Röckchen hinunter und strich es unwillkürlich mit den Vorderpfoten glatt. Am Ende war das hier ein ganz fremdes Land.

Das weiße Kaninchen hatte das Salatblatt unter Onkel Nukkels Hinterbeinen bemerkt und kam eiligst auf ihn zugelaufen. Dann setzte es sich und machte Männchen, wobei es kokett den hellen Schnurrbart mit der Pfote strich. –Äh – gestatten«, sagte das weiße Karnickel schließlich, »M-m-m ist mein Name.«

Die Sprache ist dieselbe wie unsere, dachte Onkel Nuckel, nur schnarrte es etwas und sagte äh. Dann sagte er »Nuckel« und legte verbindlich die Ohren nach vorne.

»Welch ein schönes Salatblatt!« sagte Herr M-m-m flötend und nahm es ohne weiteres zu sich.

Onkel Nuckel stand unwillkürlich auf und sah wehmütig zu, wie das kostbare Gut, das merkantil wirken sollte, allmählich verschwand. Nun mußte er gleich den weiten Weg noch einmal laufen, und auch die Selbstbeherrschung war umsonst gewesen. Weg war es. Es hätte auch in seinem Magen sein können.

»Eigentlich wollte ich es verkaufen«, meinte er schließlich schüchtern und wies mit der Pfote auf seine Erdannonce. »Sehr gut«, sagte Herr M-m-m, »das ist laitue.« Herr M-m-m war ein geborenes zahmes Kaninchen und hatte menschliche Dekadenz, wie er selbst sagte. Darum unterschied er die einzelnen Salate mit französischen Namen. Richtig brauchten sie nicht zu sein.

Wenn was weg ist, ist es egal, ob es laitue hieß oder anders, dachte Onkel Nuckel. »Ich wollte Terrain dafür eintauschen«, sagte er nun fest und ruhig, denn das weiße Fell imponierte ihm nach dieser Gesinnung nicht mehr. »Also bitte bemühen Sie sich, wenn Sie hinuntergeschluckt haben! Sie werden mir wohl Auskunft geben können.«

Er trommelte drohend mit den Hinterbeinen.

Herr M-m-m wurde höflicher und schluckte schnell den Rest. Man muß immer schnell den Rest schlucken, wenn andere mit den Hinterbeinen trommeln.

»Mein bester Herr Nuckel«, sagte er und machte eine legere Pfotenbewegung, –Terrain tauschen? Hier ist alles frei. Glauben Sie, ich würde meinen full dress hier spazierenführen, wenn das eine volkreiche Gegend wäre? Nein, nicht in die Pfote! Das hier ist eine alte Besitzung von sogenannten Menschen – eine Art Raubzeug von großen Dimensionen –; aber sie steht leer, nur das Raubtier, das die Salate züchtet, lebt darin. Daher bin ich, und darum gehe ich nicht gern in den Garten. Es ist ja alles sehr elegant, aber es bleibt doch – wie soll ich sagen? – eine Art Bevormundung. Paßt mir nicht. Auch sind die Raubtiere, die die Salate züchten, nur halb gezähmt. Man weiß nie, ob sie einen nicht plötzlich totschlagen Oh, ich weiß Geschichten.«

Onkel Nuckel schauderte. –Das ist ja schrecklich«, klagte er, »ich habe mich so gefreut, diese Salatstelle entdeckt zu haben. Ich habe Frau und Kinder.«

Herr M-m-m tupfte Onkel Nuckel nachsichtig auf die Schulter.

»Nur Mut, junger Mann«, sagte er großartig, »ich zeige Ihnen die sicheren Stellen und die richtigen Zugänge, es ist keine Schwanzbreite Gefahr dabei. Dafür geben Sie mir eine Höhle und bringen mir das Essen aufs Zimmer. Ich bin nervös und kann nicht arbeiten. Auch verträgt es der weiße Dreß nicht – äh. Eigentlich gehöre ich gar nicht hierher, aber ich will Ihnen den Gefallen tun.«

Onkel Nuckels gutes Herz schwoll in Dankbarkeit. »Oh, wie gerne – man kann hier graben??«

»Ungeniert. Wissen Sie was? Wir gründen eine Terraingesellschaft. Das heißt, Sie graben sie, und ich gründe sie.« Onkel Nuckel spitzte die Ohren. »Was ist denn das, eine Terraingesellschaft?«

Herr M-m-m wiegte sich überlegen auf den Hinterbeinen. »Das ist eine menschliche Einrichtung. Eine Terraingesellschaft ist, wenn man viele Höhlen baut und niemand hineinläßt.«

»Ja – aber dann??«

»Dann läßt man doch jemand hinein, aber nur gegen Salat.« Aha, dachte Onkel Nuckel, das ist merkantil, und zwar im großen Stil, im Hupftempo.

»Schließlich«, fuhr Herr M-m-m fort und schnalzte mit der Zunge, »sitzen Sie so alle Tage, trommeln mit den Hinterbeinen eine leichte Melodie und essen den Salat, den andere holen – laitue oder was Sie wollen. Das ist vornehm. Das ist Dekadenz – äh ...«

»Nein, das ist nichts für mich, ich muß meine Pfoten bewegen«, sagte Onkel Nuckel, »aber sonst ist es ja natürlich alles sehr schön.«

»Na, das können Sie halten, wie Sie wollen«, meinte Herr M-m-m gnädig, »ihr Bauern seid nun mal so. Ich kann mir das nicht leisten bei meinem weißen Dreß, wissen Sie, und bei der ganzen Dekadenz überhaupt.« Herr M-m-m blies vornehm durch die Nase. »Aber nun ans Werk! Graben Sie, und ich gründe – und abends, bitte vergessen Sie nicht, ich speise dann laitue, aber nur die zarten inneren Blätter – und nicht wahr, auf meinem Zimmer...«

Herr M-m-m machte es sich nonchalant in der Höhle bequem, die Onkel Nuckel als Gemüseladen gedacht hatte.

Onkel Nuckel aber hüpfte eiligst zur Salatstelle, nachdem er sich den gefahrlosen Zugang hatte beschreiben lassen. Denn nun mußte man noch viel mehr laufen. Noch einer mehr war zu beköstigen, und dazu einer, der nervös war und nur die inneren Blätter aß. Aber dafür gründete er ja. Nur graben und Futter schleppen mußte Onkel Nuckel. Oh, Onkel Nuckel war so dankbar! Abends grub er schon, und bei Mondschein grub er auch noch weiter.

Onkel Nuckel war eben immer voll und ganz dabei, was er auch in die Pfote nahm.

So grub Onkel Nuckel, und so verging die Zeit.

Harte Arbeit war es, und Bau um Bau wurde angelegt mit kunstvollen Röhren, schön separat alles und doch dem Familiensinn entsprechend durch Korridore und Klubräume verbunden. Auch zahllose Vorratskammern entstanden, alles sachgemäß und nach einem sinnreichen Plan, denn Onkel Nuckel war ein Meister im Tiefbau. Besondere Sorgfalt wurde auf die Innenarchitektur verwandt, und die Fauteuils für den Winterschlaf entsprachen allen Anforderungen der Neuzeit. Den ersten Anfang zu allem grub Onkel Nuckel allein und eigenpfötig. Nachher gruben Kinder und Kindeskinder mit. Man grub oder sammelte Vorräte für den Winter. Nur Herr M-m-m grub nicht und sammelte nicht. Er chassierte bloß durch die fertigen Räume, sprach von Dekadenz und laitue und kniff schäkernd die jungen Karnickelmädchen in die Löffel. Herr M-m-m war eben ein Weltmann. Das Weltmännische besteht darin, durch fertige Räume zu chassieren und von Kohl zu sprechen, wenn er nur einen französischen Namen hat. Richtig braucht er nicht zu sein. Aber Herr M-m-m sollte noch trübe Erfahrungen machen, wie ja überhaupt die fertigen Räume immer weniger von den Arbeitenden zum Chassieren hergegeben werden. Das ist ein schreckliches Zeichen der Zeit! Wie leicht kann da die Spezies der Weltleute aussterben samt dem Chassieren und dem Kohlsprechen! Aber so weit sind wir noch nicht – ich meine natürlich in dieser Karnickelgeschichte. Es kommt noch ganz anders, und einen gräßlichen Schicksalsschlag sollte Onkel Nuckel noch erleben, ehe er ganz auf der Höhe stand und mit ihm seine Multiplikationsfamilie.

Der Tiefbau war gerade so weit gediehen, daß ein Teil der Höhlen entbehrlich war und zum Vermieten bestimmt werden konnte. Die Höhlen wurden mit Moos möbliert, und zwar elegant und komfortabel, wie überhaupt alle Räumlichkeiten jetzt den Charakter eines gediegenen Wohlstandes trugen, der auf sicheren Pfoten stand. Herr M-m-m memorierte eine Einweihungsrede, die mit laitue anfing, und übte sich eine cäsarenhafte Pfotenbewegung ein, als der Schreckensruf erscholl, Schlangen seien in den Räumen gesehen worden. Alles stürzte wild durcheinander und brachte die Botschaft in Onkel Nuckels Privatkontor.

Onkel Nuckels Nasenspitze erbleichte vor Entsetzen. Er befahl mit energischer Rammlerstimme, sofort die Zugänge zu den Neubauten zu schließen. Dann brach er ganz in sich zusammen, zum ersten Male in seinem Leben. Die verarbeiteten Pfoten klappten wie ein Taschenmesser ein, Tante Nuckel zog sich die Ohren über die Augen und schluchzte, und alles rundherum nuckelte ratlos und kummervoll. »Nun ist alles umsonst«, klagte Onkel Nuckel, »man soll eben keine Höhlen bauen, um andere nicht hineinzulassen. Das ist menschlich und unnatürlich. Das ist eben die Terraingesellschaft. Wie gern würde ich darauf verzichten! Aber nun müssen wir alle hinaus aus den schwer erworbenen Höhlen samt den gesammelten Salaten. Die Schlangen werden auch hierherkommen. Leute, die so kriechen, kommen überall durch!«

Oft sagen einfache Geschöpfe, wie Onkel Nuckel, in ihrer Herzensangst große Wahrheiten.

Inzwischen war Herr M-m-m hinzugekommen. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Zugänge zu den Schlangenräumen alle gut verschlossen waren, machte er die eingeübte cäsarenhafte Pfotenbewegung und sagte: »Ach was, jetzt gründe ich erst recht. Warum sollen wir denn nicht vermieten? Nun gerade. Haben wir darum so lange gearbeitet?? Wenn die Schlangen die möblierten Herren haben, lassen sie uns in Ruhe. Wir bleiben im Hintergrund. Bei allen Geschäften muß man im Hintergrund bleiben. Das ist menschlich.« Da richtete sich Onkel Nuckel zu seiner ganzen Höhe auf. »Ob das menschlich oder laitue ist, ist mir gleich«, sagte er, »das ist unter meiner Karnickelwürde, und dazu gebe ich meine Pfote nicht her!«

Alles nuckelte beifällig.

Aber Herr M-m-m, der seine Mooschaiselongue und die inneren Blätter des Salates bedroht sah, schlich sich hinaus und schrieb an alle Eingänge folgende Erdannonce:

MÖBLIERTE HÖHLEN zu vermieten.
Nur an solche, die zu Tisch nicht auf Karnickel reflektieren, weil Vermieter selbst Karnickel.
ONKEL NUCKE

Er schrieb Onkel Nuckel darunter und nicht M-m-m; denn er wußte von den Menschen her, daß man bei einer Terraingesellschaft, wenn Schlangen irgendwelcher Art darin entdeckt werden, immer einen fremden Namen darunterschreibt. Herr M-m-m hatte eben die menschliche Kultur. Dann machte er noch einige sezessionistische Schnörkel um die Erdannoncen, chassierte wohlgefällig auf und ab und wartete auf Reflektanten.

Sehr bald kam auch jemand. Es war ein Igel, der mit der charakteristischen Eile dieser Herrschaften alle Eingänge abgelaufen und alle Erdannoncen durchgelesen hatte. »Ich bin der Direktor der Internationalen Schlappfuß-Stachel-Transportgesellschaft«, sagte er geschäftsmäßig, »ich will hier mieten.«

»Bitte sehr«, sagte Herr M-m-m und machte einige weltmännische Männchen.

»Ich will Onkel Nuckel selbst sprechen«, zischte der Direktor, »Sie sind kein Arbeitskaninchen. Sie sind ein weißer Fatzke!«

»Laitue ...«, hauchte Herr M-m-m, aber er kam nicht weiter. Das Wort erstarb ihm auf der Schnauze.

Wie verschieden wird man doch bewertet! Es kommt immer auf den Maßstab an, und man ist stets das Karnickel des Maßstabs. Das sah Herr M-m-m in diesem furchtbaren Augenblick ein und setzte sich hin und verfärbte sich. Das können Kaninchen und andere Tiere, und das heißt Assimilation. Die Menschen verfärben sich meist jeden Tag, aber leider nicht, wenn sie die Wahrheit hören, sondern schon im voraus, um die Wahrheit nicht zu hören. Darum heißt es auch nicht Assimilation, sondern anders. Aber das gehört nicht hierher. Denn dies ist eine harmlose Karnickelgeschichte und kein Injurienlexikon.

Unterdessen war der Igel in seiner geschäftsmäßigen Eile durch eine Menge Höhlen und Röhren gepilgert und hatte sich bis zu Onkel Nuckel durchgefragt. Onkel Nuckel war entsetzt, als er von der frivolen Erdannonce hörte.

»Ich lecke meine Pfoten in Unschuld«, sagte er, »sie sind rein von dieser Erdannonce. Das war M-m-m.«

Schon gut«, sagte der Igel. »M-m-m sitzt oben und verfärbt sich zu einem anständigen Arbeitskarnickel. Aber ich will hier mieten, und zwar schnell – ich habe wenig Zeit.«

»Oh«, sagte Onkel Nuckel, »wenn Sie hier mieten, haben Sie bald gar keine Zeit mehr. Sie sind dann tot. Denn hier sind Schlangen! Huh!«

»Also inklusive voller Beköstigung«, sagte der Direktor der Schlappfuß-Stachel-Transportgesellschaft. Er war Geschäftsmann bis in den letzten Stachel und behielt stets seine kühle Schnauze.

»Wie?« rief Onkel Nuckel, »jawohl Beköstigung, aber Beköstigung andersherum. Sie werden die Beköstigung sein! Oh, wie furchtbar!«

Als Beköstigung andersherum entpuppt sich vieles im Leben.

»Lieber Mann, haben Sie eine Ahnung!« sagte der Igel, »das sind ja Delikatessen! Ach, Sie meinen wegen der Giftzähne? Delikatessen haben oft Giftzähne. Das tut nichts. Wir sind immun dagegen. Immun ist, wenn man kann, wo man möchte. Wir machen das ganz einfach: Knacks, weg mit den Giftzähnen – und was dann kommt, schlürft sich so angenehm fettig und glitschig – ah – deliziös.«

Der Direktor leckte sich die spitze Schweineschnauze. »Also, es bleibt dabei. Ich miete die Räume. Kost und Logis. Sie sollen Salat geliefert bekommen, soviel Sie wollen. Ich bin der Direktor der Internationalen Schlappfuß-Stachel-Transportgesellschaft, wissen Sie. Es geht alles furchtbar schnell« – er zeigte seine Pfote – »das sind Schlappfüße. Es klatscht nur so, und wie das fördert! Das ist praktisch, sehen Sie. Modell der ›American Paw Society‹.«

»Die amerikanischen Society-Tatzen sind sehr schön«, sagte Onkel Nuckel höflich und fand im stillen seine Beine schöner, »ich glaube wohl auch, daß das sehr fördert. Aber viel können Sie doch auch nicht forttragen an Salat. Ich weiß, wie mühsam das ist. Oh, ich weiß das aus Erfahrung! Ich bin Ihnen ja schon sehr dankbar, wenn Sie mit den geehrten Ihrigen Delikatessen speisen und keine zu uns hereinlassen. Darum möchte ich wohl bitten. Es mag ja vielleicht sehr gut schmecken, aber wir sind einfache Karnickelleute.«

»Sie kriegen Ihren Salat«, sagte der Igel, »eine Pfote wäscht die andere. Wozu wären wir denn sonst eine Transportgesellschaft?! Wir legen uns einfach auf den Rücken und spießen den ganzen Salat auf. Das ist praktisch, wissen Sie. ..« .

»Ich weiß schon«, sagte Onkel Nuckel. »American Society oder so...«

»Nein, diesmal nicht so. Aber ich habe gar keine Zeit«, sagte der Direktor, »also auf Wiedersehen! Ich hole die Meinigen, es sind mehrere Familien. Wir nehmen alle disponiblen Räume.«

Abends speisten die Mitglieder der Transportgesellschaft schon die sehr unangenehm überraschten Delikatessen, die Karnickelleute aßen den pünktlich gelieferten Salat, Herr M-m-m verfärbte sich weiter, und Onkel Nuckel tat einen tiefen, tiefen Atemzug.

Nun habe ich doch noch gegründet, dachte er dankbar und gerührt, und es überkam ihn die Stimmung voll Sonne und Salat von jenem Tage nach Tante Nuckels erster Niederkunft. Jetzt bin ich auch – wie hieß es doch? – immun, denn jetzt kann ich, wo ich möchte.

Onkel Nuckel war stolz und froh, daß er immun war, und tat einen Rückblick, was man nur tun soll, wenn man schon immun ist.

Was war nicht alles erreicht in diesen Jahren! Die vielen Höhlen und der viele Komfort und die vielen, vielen Karnickel.

Onkel Nuckel flimmerte es vor den Augen. Nun war das Feld von kleinen Ohren Tatsache geworden, das er damals visionär und keineswegs angenehm vor sich gesehen, als er sich zum ersten Male als Vater hingesetzt hatte.

Nun war er so weit, daß die Zahl seiner Familie im besten Fall eine Wahrscheinlichkeitsrechnung war – und das kam von der Liebe und nicht vom Salat, so nötig auch Salat ist. Denn Liebe ist groß und erhaben, Salat aber ist das nicht. Das war Onkel Nuckels Wahlspruch gewesen, und so herrlich weit hatte er ihn gebracht!

Nur die eigenen Kinder konnte er noch zählen. Das tat Onkel Nuckel auch, und schließlich wurde Tante Nuckel wieder leidend und bekam nebst einigen anderen Kindern das hundertste Kind. Murkchen wurde es genannt. Da feierte Onkel Nuckel ein Jubiläum, und alle feierten mit. Sogar die Delikatessenkonsumenten von nebenan sandten eine Deputation, die in Gratissalat eingehüllt war. Onkel Nuckel aber thronte inmitten all seiner statistisch nicht mehr faßlichen Familie wie ein Patriarch! Ein Patriarch ist einer, vor dem alle die Ohren zurücklegen. Das war Onkel Nuckel!

Hupft ihm nach!

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