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Tiergeschichten

Manfred Kyber: Tiergeschichten - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
authorManfred Kyber
titleTiergeschichten
isbn3-498-03420-0
publisherRowohlt
created20030207
senderLehmayerGertraud@aol.com
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Das Faultier

Das Faultier hing an einem Ast und duselte vor sich hin.

»A-i«, sagte das Faultier und seufzte.

Es seufzte herzbeweglich. Seufzen hielt es für schlafbefördernd.

Unten am Stamme des Baumes saß ein kleines Pinseläffchen und las in einem Buch. Das Buch war auf Baumrinde geschrieben und in Lianengeflecht gebunden. Den Entwurf dazu hatte eine Giftspinne gezeichnet – eigenbeinig. Darum war der Einband giftgrün geworden. Das Buch hieß: »Wie werde ich energisch?« Solches hatte das Äffchen sehr nötig. Denn Pinseläffchen sind zarte und schüchterne Geschöpfe. Das Faultier seufzte herzbeweglich.

»Was fehlt Ihnen denn eigentlich?« fragte das Äffchen teilnehmend und guckte nach oben. »Ist Ihnen nicht wohl?«

»A-i«, sagte das Faultier und seufzte.

»Sie sind gewiß krank«, sagte das Äffchen und kletterte hilfsbereit nach oben.

Das Faultier rührte sich nicht.

»Ich bin hungrig«, sagte es und seufzte.

»Aber dicht über Ihnen hängen ja die schönsten Früchte und Blätter«, sagte das Äffchen erstaunt.

Das Faultier blinzelte nach oben.

»Ich bin zu faul«, sagte es und seufzte.

»Sie müssen das Buch lesen ›Wie werde ich energisch?‹«, sagte das Äffchen eifrig und zeigte auf den giftgrünen Einband. »Eine Tante von mir hat das Buch gelesen und ist so energisch geworden, daß kein Affe mehr mit ihr leben kann. Meine Tante fletscht die Zähne und schmeißt mit Steinen. So energisch ist siegeworden.«

»Daß ich ein Buch lese, ist vollständig ausgeschlossen«, sagte das Faultier.

»Ja, was machen wir denn da?« sagte das Äffchen ratlos. »Sie können doch nicht einfach verhungern vor den reifen Früchten!

»A-i«, sagte das Faultier und seufzte.

Das Pinseläffchen hatte ein sehr weiches Herz. Es konnte das Seufzen nicht mehr anhören. Es nahm ein Bündel Blätter und stopfte es dem Faultier ins Maul. Das Faultier kaute schwer und mühsam, mit geschlossenen Augen. Das Äffchen stopfte und half mit den Füßen nach.

»So geht es aber nicht weiter«, sagte das Pinseläffchen nach dem eingestopften Diner. »Sie müssen energisch werden. Ich werde Ihnen das Buch ›Wie werde ich energisch? ‹ vorlesen, da Sie schon zu faul sind, es selbst zu lesen. Aber Sie müssen aufmerksam zuhören.«

»Daß ich zuhöre, wenn ein Buch vorgelesen wird, ist vollständig ausgeschlossen«, dachte das Faultier. Es sagte das aber nicht mehr. Es war zu faul dazu.

Das Äffchen setzte sich neben das Faultier und nahm den giftgrün en Einband zur Hand. Es las das ganze Buch mit lauter Stimme von Anfang bis zu Ende.

»Sind Sie nun energisch geworden?« fragte das Äffchen und sah

das Faultier erwartungsvoll an.

Das Faultier rührte sich nicht. Es war eingeschlafen.

Da nahm das zarte Pinseläffchen das Buch ›Wie werde ich energisch?‹ und warf es dem Faultier wütend an den Kopf. So energisch war es geworden – beinahe wie seine Tante, die mit . Steinen schmiß und die Zähne fletschte.

»A-i«, sagte das Faultier und seufzte.

Man sagt, daß die Faultiere aussterben. Das glaube ich nicht. Wenn sie aber wirklich aussterben, so sind sie der beste Beweis für die Seelenwanderung.

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