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Tiergeschichten

Manfred Kyber: Tiergeschichten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
authorManfred Kyber
titleTiergeschichten
isbn3-498-03420-0
publisherRowohlt
created20030207
senderLehmayerGertraud@aol.com
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Der Mann mit dem schwarzen Gesicht

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht ist Boxer. Ich bin sehr befreundet mit ihm, und so beschloß ich eines Tages, ihn zu interviewen. Man kann doch allerlei dabei lernen, dachte ich, ein Einblick in die Verschiedenheit der Natur ist immer wertvoll, und vielleicht gibt der Mann mit dem schwarzen Gesicht mir interessante Streiflichter aus der Hundeperspektive – aus der wirklichen natürlich, nicht aus der, welche die Menschen darunter verstehen.

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht benagte gerade einen respektablen Knochen, den er in den Küchenräumen eingefordert hatte. Es ist das so, als ob wir nach Tisch eine Zigarre rauchen.

»Hol dir auch einen Knochen aus der Küche!« sagte er gönnerhaft. Wir duzen uns nämlich.

Ich wehrte dankend ab. »Ich wollte dich heute einiges fragen. Ich schreibe ein Buch. Da brauch' ich deine Ansichten. Über die Menschen, zum Beispiel.«

Der Knochen splitterte.

»Über die nackten Zweibeiner also. Das ist ein sehr knorpeliges Thema.«

Er knurrte leise.

Ich war einigermaßen verblüfft. »Wie meintest du? Nackte Zweibeiner? Ich meinte über uns.«

»Ja, so heißt ihr«, sagte der Mann mit dem schwarzen Gesicht ruhig, –»die Bezeichnung ist sehr treffend. Findest du nicht auch?«

Ich fand es also auch.

»Darüber gebe ich eigentlich nicht gerne Auskunft«, sagte er, »das Thema ist wie ein Stück Fleisch. Auf einer Stelle gut, auf der anderen kann man sich die Zähne dran zerbeißen, so sehnig ist es.«

»Aber etwas könntest du mir doch sagen. Nur einige allgemeine Gesichtspunkte. Man hat doch über sich selbst nicht das Urteil.«

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht begann den Knochen von der anderen Seite.

»Schön«, sagte er wohlwollend. »Aber mehr als das bißchen, das wir so als junge Hunde lernen, kann ich dir nicht sagen. Das geht nicht. Auch kann ich mich nur ganz objektiv äußern und auch nur in der Form der Unterhaltung. Weißt ich halte gerade Nachmittagsruhe.« Er wies mit der Pfote auf den Knochen.

»Natürlich. Es ist nur ein Interview. Bloß so. Laß dich ja nicht stören! Also was lernt ihr – pädagogisch betrachtet – als junge Hunde über die nackten Zweibeiner?«

»Nur das Nötigste. Das andere ergibt sich von selbst und ist auch zu verschieden. In erster Linie ist der Wert der nackten Zweibeiner ein rein wirtschaftlicher. Je näher der Küche, desto besser. Ausnahmen gibt es natürlich. Naturwissenschaftlich wäre folgendes zu sagen: Die nackten Zweibeiner haben in der Urzeit offenbar eine Art Räude gehabt; denn sie haben alles Fell verloren bis auf die geringe und geradezu albern wirkende Behaarung auf dem Kopf. Beim weiblichen Geschlecht ist diese stärker, dafür setzen die männlichen nackten Zweibeiner in der Schnauzengegend einige Haare an, die sie sehr pflegen, obwohl das keinen Sinn hat. Von einem eigentlichen Fell kann man nicht sprechen. Ihr Gang ist sehr merkwürdig und ähnelt dem eines Storches. Sie stellen sich auf die Hinterbeine und gehen mit gravitätischen Schritten von grotesker Komik verhältnismäßig langsam vorwärts, während sie die Vorderpfoten hängenlassen oder in der Luft schlenkern. Das alles sieht, besonders von weitem und wenn sie in größeren Mengen herumspazieren, sehr sonderbar aus. Dazwischen verneigen sie sich und nicken mit den Köpfen oder sie stoßen ein merkwürdiges Lachen aus, das dem Wiehern eines jungen Pferdes sehr nahekommt. Aber ich möchte nicht taktlos sein. Am Ende kränkt es dich?«

»Oh, gar nicht, ich habe ja selbst darum gebeten.« Im stillen war ich wohl etwas gedrückt.

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht hatte meine Stimmung bemerkt.

»Die nackten Zweibeiner«, lenkte er gutmütig ein, »würden ja gar nicht so unsagbar komisch wirken, wenn sie sich nicht so wichtig vorkämen. Sie laufen mit einem Gesicht herum, als röchen sie alles. Dabei haben sie eine miserable Nase und finden beinahe nie eine Spur, nicht mal die allereinfachste.«

»Ja, mit dem wichtigen Ausdruck hast du recht«, sagte ich seufzend und dachte an sehr viele Leute dabei. »Das andere ist mir allerdings etwas neu und überraschend. Du verstehst.«

Er sah diskret weg und knabberte an seinem Knochen.

»Die nackten Zweibeiner«, fuhr er fort, »haben also kein Fell bis auf die wenigen Haare, die zudem bei älteren Exemplaren ausfallen oder grau werden. Die Jungen – selten mehr als eins – kommen ebenfalls nackt zur Welt und sind sehr lange unbeholfen. Um nicht zu frieren, hüllen sich die nackten Zweibeiner in Lappen von verschiedenen Farben. Es sieht sehr häßlich aus; aber die hilflosen Geschöpfe können schließlich nicht anders, sie kämen ja um vor Frost.« Ich schwieg dazu. Ich hatte keine Lust, ihn über unsere sittlichen Grundsätze aufzuklären, die den Körper für etwas Unanständiges halten.

»Das Gesicht und die Vorderpfoten bleiben frei«, erklärte der Mann mit dem schwarzen Gesicht weiter. »Nur wenn die nackten Zweibeiner große Versammlungen haben und sich verneigen und mit dem Kopf nicken, dann verdecken sie meist auch die Vorderpfoten. Warum, weiß ich nicht.« – Ich wußte es auch nicht.

»Ihre Zähne sind schwach, obwohl sie viel und gerne fressen. Aber eine richtige Beißerei habe ich nie gesehen. Im Gegenteil, oft habe ich bemerkt, daß, wenn zwei nackte Zweibeiner besonders wütend aufeinander waren, sie sich doppelt so oft voreinander verneigten und sich allerlei Angenehmes sagten. Die Vorderpfoten sind ungemein entwickelt, und sie sind äußerst geschickt damit, wie die Affen, mit denen sie überhaupt die meiste Ähnlichkeit haben. Der Schwanz fehlt bei allen Exemplaren; daher können sie nicht wedeln. Sie zeigen die Zähne, wenn sie vergnügt sind. Auch reißen sie sich gegenseitig an den Vorderpfoten, wenn sie sich begrüßen und verabschieden. Flöhen können sie nicht. Kannst du flöhen?«

»Nein«, sagte ich verlegen, »leider nicht. Ich hatte keine Gelegenheit dazu.«

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht schluckte mißbilligend.

»Auch in anderen Dingen sind die nackten Zweibeiner recht sonderbar«, fuhr er fort, »weiße glatte Gesichter zum Beispiel halten sie für schön. Was würden wir sagen, wenn die Boxerdamen nicht den samtnen schwarzen Teint hätten und die vielen pikanten Falten? Ganz merkwürdig ist auch die Vorliebe der nackten Zweibeiner für ein gewisses schmutziges Metall. Sie laufen den ganzen Tag herum und arbeiten, um es zu bekommen. Auch geben sie es ungern wieder her. Wenn man das schmutzige Metall hat, kriegt man die schönsten Dinge, und wer am meisten davon hat, vor dem wedeln alle anderen – wenn man von Wedeln sprechen kann bei dieser trüben Schwanzlosigkeit.«

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht hatte seinen Knochen beendet. –»Mehr kann ich dir nicht sagen. Ich weiß noch eine ganze Menge; aber das geht über das hinaus, was ich sagen darf. Das sind persönliche Dinge, über die ich nachgedacht habe, und ich bin Philosoph. Philosophen sagen nie alles. Sdion damit ihnen kein Maulkorb umgebunden wird.«

»Das ist bei uns auch so«, sagte ich.

»Siehst du. Das bißchen kannst du aber ruhig erzählen. Es ist nur Junge-Hunde-Weisheit. Viele werden auch das nicht verstehen.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte ich.

»Im übrigen«, schloß er, »laß die Ohren nicht hängen, wenn du auch nur ein nackter Zweibeiner bist! Seele können alle haben, nackte Zweibeiner und befellte Vierbeiner. Auf Wiedersehen!«

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht gab Pfote.

Ich verabschiedete mich. Mir war hundsmiserabel.

»Du möchtest also jedenfalls kein nackter Zweibeiner sein?«

Der Mann mit dem schwarzen Gesicht fletschte die Zähne: »Rrrrrrrrrrrrr!«

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