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Tiergeschichten

Manfred Kyber: Tiergeschichten - Kapitel 13
Quellenangabe
typefairy
authorManfred Kyber
titleTiergeschichten
isbn3-498-03420-0
publisherRowohlt
created20030207
senderLehmayerGertraud@aol.com
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Die fünfte, sogenannte feuchte Sinfonie

Auf dem Teich ruderten elf kleine Entchen mit ihrer Entenmama. Zusammen war's also ein Dutzend, ein richtiges Dutzend. Es war eine Familienflotte. Und nicht nur das. Es war eine Flotte der Gefräßigkeit.

»Das Leben besteht aus der Familie und dem Fressen«, sagte die Entenmutter.

»Ja, Mama«, sagten die Kleinen und fraßen den ganzen Tag. In einer verschwiegenen Ecke des Teiches hatten sich Frösche versammelt.

Es war der philharmonische Chor, der sich zu einer Generalprobe eingefunden hatte. Die fünfte, sogenannte feuchte Sinfonie wurde einstudiert. Die Aufführung des gewaltigen Chorwerkes sollte an einem der nächsten Abende stattfinden. Zu beiden Seiten des Dirigenten, eines dicken, echauffierten Frosches, hatten der Damenchor und der Herrenchor Aufstellung genommen. In der Mitte war nichts, denn der Dirigent konnte wohl vorzüglich nach beiden Seiten zugleich sehen, aber nicht geradeaus. Seine Augen waren mal so eingerichtet, und man nahm Rücksicht darauf, denn es war ein sehr berühmter Dirigent. Das Wasser klatschte nur so, wenn er dirigierte. So berühmt war er.

Die fünfte, sogenannte feuchte Sinfonie begann.

Der Dirigent klopfte mit dem grünen Finger auf ein Blatt. »Zuerst das Andante«, sagte er. »Die Damen und Herren singen gemeinsam. Bitte piano, pianissimo. Mit halber Kehlblase.«

»Die Rosen ruhen im Wasser.

Quabblig wird mein Sinn.

Mein Bräutigam, mein nasser,

Quakt vor sich hin.«

»Sehr gut«, sagte der Dirigent, »nur ›quabblig‹ bitte ganz amoroso. Bedenken Sie, daß es sich um eine mädchenhafte Regung handelt! Nun das Scherzo. Ich bitte die Damen, mit den Füßen leise im Wasser zu klatschen, staccato in lappigen Lauten. Die Damen singen allein. Die Herren bitte ich dringend, unterdessen keine Fliegen zu fangen. Die schnappenden Töne stören in einer Sinfonie ganz ungemein.«

»Nun plätschert er, nun kreucht er,

Nun hupft er auf den Sand.

Mein Bräutigam, mein feuchter,

Winkt mit grüner Hand.«

»Bitte, ›winkt mit grüner Hand‹ etwas neckischer«, sagte der Dirigent. »Er spritzt mit der grünen Hand beim Winken. Es ist gleichsam symbolisch, die ersten Tropfen, verstehen Sie. Nun die Herren allein das Allegro. Ich bitte die Damen, unterdessen keine Fliegen zu fangen. Die Herren bitte ich, sich crescendo aufzublasen.«

»Nun wird er kühn und kühner.

Dahin ist meine Ruh.

Mein Bräutigam, mein grüner,

Krabbelt auf mich zu.«

»Sehr gut«, sagte der Dirigent, »nur ›krabbelt auf mich zu‹ etwas mehr passionato. Nun, bitte, die Damen und Herren zusammen das Finale. Forte, fortissimo. Mit vollen Kehlblasen.

»Die Rosen schwanken im Wasser.

Die Augen quellen so groß.

Mein Bräutigam, mein nasser,

Quakt in meinem Schoß!«

Mit mörderischem Geschnatter fuhr die Flotte der Gefräßigkeit mitten in das Finale der fünften, sogenannten feuchten Sinfonie. Sie schnappten voll Appetit nach den Beinen der Philharmoniker.

»Familie und Fressen!« rief die Entenmutter triumphierend. »Ja, Mama«, schrien die Kleinen und durchstöberten das ganze Schilf.

Aber sie fanden nichts mehr. Die Philharmoniker hatten sich gerettet. Sie saßen tief aufatmend an einer sicheren Stelle und schluckten Fliegen.

»Es ist ein wahres Glück«, sagte der Dirigent, »daß die Flotten der Gefräßigkeit stets vorher ein so mörderisches Geschnatter erheben. Da kann man sich vorsehen. Sie würden sonst alle Philharmoniker einfach auffressen, und wo bliebe dann die fünfte, sogenannte feuchte Sinfonie'!«

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