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Tiergeschichten

Hermann Löns: Tiergeschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMümmelmann und andere Tiergeschichten
authorHermann Löns
year1991
publisherAdolf Sponholtz Verlag
addressHameln / Hannover
isbn3-8766-071-3
titleTiergeschichten
pages7-206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Achtzacks Ende

Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; aber etwas Gutes war es nicht. Es haßte den Frieden und liebte die Zerstörung.

Alle Böcke diesseits des Flußbaches hatten das erfahren. Dem Gabelbock vom Schälwalde war die linke Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom Jagen drei fehlte ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock vom Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem Ziemer abhanden gekommen.

Keiner von ihnen wußte, wie es zugegangen war. Friedlich hatten sie mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es in der Dickung gebrochen, etwas Großes, Braunes war herausgepoltert, hatte sie über den Haufen gerannt, die Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung verschwunden.

Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre Bräute vergaßen sie nicht.

Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht mehr aus. Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm munden, weder Klee noch Brombeerblätter, weder Gras noch Johannistrieb. Tag und Nacht zog er umher und dachte an sie.

Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein feiner, warmer Regen fiel, faßte er sich ein Herz. An dem Weidenbusche vor dem Holze wetzte er seine Dolche, daß Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand.

Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den er aus dem Lager jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er von der Salzlecke scheuchte, ließ sein Herz klopfen. Aber dann warf er wieder mutig den Kopf auf, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen.

Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem Stangenorte klang ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein Laut der Sehnsucht, des Verlangens, der Zärtlichkeit. Das war sie, die er so lange nicht gesehen, sein kleines, hübsches Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus entgegenduftete, das war ihrer Fährte Witterung.

Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte fort, durch das Altholz, durch den Stangenort, nach dem Ellernbruch am Fuchsbach. Und da sah er auch schon ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem Himbeerblättergrund.

Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht bei ihr war, bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, und dort stand ein alter, hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock mit fast weißem Gesicht, über dem acht weiße, scharfe, lange Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten. Das war Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli hier erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen Augenblick lief es dem Vierjährigen kalt und heiß über den Ziemer. Dann warf er trotzig den Kopf auf, verdrehte die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch leuchtete, senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche gefährlich funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß Laub und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, böses Keuchen aus und zog, die Läufe im spanischen Tritt setzend, dem Nebenbuhler entgegen.

Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit war ihm doch noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, der ihm Trotz bot? Ein zurückgesetzter Bock, der noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt ihm stand? Zu lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig senkte er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte er ihn abtun, den Dummkopf. Der aber war auf seiner Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren, wich er zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es klirrte hell und klang hohl, und als beide voneinander abließen und sich gegenüberstanden, keuchend und jappend, da hing Achtzacks linkes Licht als feuerroter, häßlicher Klumpen aus der Augenhöhle heraus.

Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den Zweigen über den beiden Kämpen sich im Flöten geübt hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm war mit einem Male ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig. Ein Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, als schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und schließlich kam ein Röcheln.

Endlich hörte der Blätterwirbel auf, und Achtzack tauchte daraus hervor. Seine Dünnungen bebten, seine Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein tiefes Keuchen. Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker Seite es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot.

Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf begann. Achtzack zog ihm auf der Fährte nach, sprengte es, als es vor ihm flüchtig wurde, schlug es noch in die Rippen und trieb es in die Tannen.

Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den Wald, tauchte hinter einem Stamme auf, verschwand hinter einem andern, kam wieder hervor und war wieder verschwunden. Laut schimpfte die Amsel über das Waldgespenst, und der Kauz in der Eiche machte große Augen und schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos jagen, hatte er gedacht, könnte außer ihm niemand.

Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, junger, blonder, blauäugiger Mann mit braunen Backen und Händen, der Förster. Er war wütend. Er hatte eben festgestellt, daß die zwölf achtjährigen Weißtannen, die zwischen den vielen Rottannen standen, und die zehn Edelebereschen zuschanden gefegt waren von einem Bocke.

Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen hatte. Er sollte einen auf das Schloß liefern. Vor Tau und Tag war er zu Holze gezogen, jetzt war es neun Uhr, und nichts hatte er gesehen, außer einer alten Ricke. Wenn da nur nicht wieder Achtzack die Schuld hatte. Seit drei Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm hatte er sich gepirscht und krumm gesessen, aber nie konnte er ihn fassen. Fünfzig Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, hundert Abende auf ihn gelauert, aber alles war für die Katz' gewesen.

Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch das Holz zog, lang und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da blieben seine Augen am Boden hängen. Zwei Fährten standen auf die Dickung zu, die zierliche eines Schmalrehs, die grobe eines ganz alten Stückes.

Ganz tief bückte er sein Gesicht zu Boden. Seine großen Augen glänzten, als er sah, daß an der Fährte des rechten Vorderlaufes eine Lücke war.

Gerade als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner Linken rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte sich mit einem Geröchel. Der Förster trat einen Schritt vor, noch einen, wie eine Katze dahinschleichend, aber im nächsten Augenblicke kniete er nieder, faßte den geforkelten Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten Hand nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine schnelle Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der streckte sich und ließ den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute Moos fallen.

Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«, murmelte er, als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei, drei, sechs, acht, zehn, vierzehn Mal hat er ihn geforkelt. Nun aber ist Schluß, mein Lieber! Heute mußt du stürzen, oder ich will die Kunst nicht verstehen!«

Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er im weiten Bogen nach dem Fuchsbach zurück.

Vor einer großen Samenbuche machte er sich einen Stand zurecht, scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden.

Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern, die raubend über dem Bach hin und her strich. Einmal ruckste fern ein Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine Maus raschelte im Fallaube.

Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte lautlos die Büchsenflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt es gegen die Lippen.

Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtig verlangende Fiepen des Schmalrehs, einmal, zweimal, dreimal.

Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher Achtzacks.

Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war; mehr als einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch und jung.

Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm gehörte, was hübsch und fein war!

Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz aus der Dickung heraus.

Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen die dürren Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne, als er von den Tannen her ein ganz feines Geräusch vernahm. Ein leises Lächeln ging um seinen Mund. Er hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen Spalt.

Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen wieder. Aber dieses Mal lauter, näher. Dem Förster schlug das Herz, und die Büchse zitterte in seinen Händen. Er schloß die Augen ganz und atmete tief und langsam.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung einen grauen Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten Lauschern, das schwere, weitausgelegte Gehörn mit den roten Enden.

Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis Leben in den grauen Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das Blut wild durch die Adern jagte und den Schweiß aus allen Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich verschob und ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse an die Backe und machte den Finger krumm.

Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal brach es noch in den Tannen, dann war alles still. Er trat leise an die Dickung, bückte sich, nickte befriedigt, als er hellrote Blasen auf den blauen, zerdrückten Glockenblumen sah, und ging fort.

Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, als sein grober Bräutigam es verließ. Das war sonst seine Art nicht, bei hellichtem Tage in den raumen Bestand zu ziehen. Und er hatte nicht einmal von ihm verlangt, daß es mit sollte.

Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine Flucht gemacht. Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte es vor seinem rohen Gebieter. Es wußte, er suchte doch auf der Fährte, und dann setzte es Hiebe, hageldicht.

Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die dürren Zweige. Da war er! Aber was ihm nur fehlte? Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete sich mühsam wieder auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen und blieb liegen.

Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte ihr liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, roher Kerl, der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig als ihr erster Liebster.

Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ ihn wieder fallen. Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte aber zurück, denn er hatte eine so seltsame, unheimliche Witterung jetzt an sich.

Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und zu versuchte er, aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd zusammen, und jedesmal quoll es rot aus seinen Blättern.

Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal schrecklich, machte sich lang, und von da ab rührte er keinen Lauf mehr.

Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh stand auf. Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein Hund, so recht, mein Hund! Such verwundt, mein Hund!«

Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes tönte heran. Das Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt.

Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals des Hundes erklang, dann des Waldhorns heller, froher Ruf: »Bock tot!«

Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete er den Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren von dem Mord.

Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte sich einsam. Laut rief es nach einem fühlenden Herzen. Das fand sich bald. Es war ein dreijähriger stattlicher Bock. Und er war viel liebenswürdiger und nie so grob wie der alte Achtzack.

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