Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Tiergeschichten

Hermann Löns: Tiergeschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMümmelmann und andere Tiergeschichten
authorHermann Löns
year1991
publisherAdolf Sponholtz Verlag
addressHameln / Hannover
isbn3-8766-071-3
titleTiergeschichten
pages7-206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
Schließen

Navigation:

Goldhals

Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, die Krähen rudern hastig am roten Himmel hin, die Misteldrossel beendet ihr Abendlied, und das Rotkehlchen schnurrt von dem dürren Zacken in sein Schlummerversteck.

Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der Nacht heimliche, stille Geschöpfe. Aus dem faulen Laube schiebt sich der Salamander hervor, die Rötelmaus rutscht durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk, und die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her.

Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, der auf der Platte der hohen, grauen Klippe schläft, ein leises Kratzen unter sich. Er hält den Kopf schief, aber was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so zieht er den Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht um das, was unter ihm geschieht.

Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales Felsband an der Klippe entlang. Darauf huscht ein schwarzes Ding hin und her. Es ist lang und schmal wie ein Aal und schnell wie eine Natter. Es huscht lautlos nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen die Wand und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde lang.

Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler Knäuel, der sich einen Augenblick ruhig verhält, dann zu einem schwarzen Pfahl emporwächst, der sich in seltsamer Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so daß die beiden grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben oder unten schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, die bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu Zacke, von Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben auf der Platte der Klippe auftaucht.

Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, der stärkste Edelmarder des Berges, der Schleicher und Schweifer, der Meister aller Künste, der Schrecken der Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner ganzen braunseidenen Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier immer tut, er löst sich.

Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, der Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er morgens auf seinem Luginsland die frische Losung findet. Goldhals beschnuppert die Reste einer Krähe, die neben den Blumen liegen, dreht sie hin und her und stößt sie schließlich über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in das Fallaub fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen Ast der Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten Buche und fährt an ihrem Stamme herab.

Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. Bei jeder Dohne macht er halt, aber jedesmal schnürt er mißmutig weiter. Endlich fällt ihm ein, wie gestern und vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der Bärenlauch stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pirschpfad ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. Richtig, dort, halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine fette Rötelmaus ist geliefert.

»Spaß muß sein«, denkt Goldhals, und läßt sie los, faßt aber sofort zu, ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal läßt er sie springen, siebenmal packt er sie wieder, beim achten Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch was, sagte Schnabel, und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er die Maus binnen hat, und schleicht den Pirschsteig weiter. Da raschelt es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!« ein Salamander. Er niest und prustet und reibt den Fang im taunassen Moose, denn das ist ja noch schlimmer als das Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar vor Heißhunger herunterwürgen mußte. Schnell einen Mistkäfer hinterher, dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort.

Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst abgesucht. Aber nur deswegen, denn im Mai, da mag Goldhals keine trockene Wurstpelle und harte Käserinde. Ein kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird den Förster ebenso freuen wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen Hals. Ach so, Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf sitzt dort und knabbert an einem Brotreste, den es in den Pfötchen hält. Schon hat der Marder es am Wickel. Einmal noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen Rute, dann läßt er alle viere hängen.

»Ein bißchen wenig daran«, denkt Goldhals, als er den armen Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter«. Dreiviertel davon läßt er auf dem Tische liegen und legt seine Visitenkarte daneben, dann verschwindet er in den Pflanzengarten. Dort ist nichts, nicht einmal eine Maus, nur eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen boshaft ansieht. Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter, den Holzweg entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in dessen Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein und hinaus, bis an den Bach. Dort gibt es immer etwas: junge Wasseramseln oder Bergbachstelzen, einmal sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett wie Schnecken; ein anderes Mal erwischt er eine zweipfündige Forelle, die nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten dort, und wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. Heute gab es gar nichts als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz wurde unverschämt. Er hatte seine drei quappenfetten flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in einem fort knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den Wald zurückkehrte.

»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas«, dachte Goldhals und huschte an einer Eiche empor. Dort saßen drei Eichkatzenkobel. Im ersten war nichts, im zweiten dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn es so beibleibt«, dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da riecht es ja nach Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. Autsch, da hatte er eins darauf. Mutter Spechten versteht keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase reibt, saust sie an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, er macht das Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein kann.

»Wenn nicht, denn nicht«, faucht der und holzt weiter. Sitzt da nicht ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! Taubeneier schmecken fein, junge Tauben noch viel feiner; natürlich nur, wenn man sie hat. Das ist dieses Mal nicht der Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab mitsamt den Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein andermal!« tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. Aber da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht früher gedacht hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn schlafen ja immer die hagestolzen Ringeltäuber. Mehr als einmal hat er sich einen von ihnen dort gelangt. Darum schnell den Stamm hinab, in die Klippen hinein, die Schlucht hinauf und hinab, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle, das es herauswürgt, ihm heftig im Halse kratzt, den Pirschweg unter dem Hang entlang, rechts ab nach dem Erdfall hin, in dem Murrjahn Grämlich, der Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz vorüber, wo man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber an der Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, auf dem die Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als habe sie Leibweh, und dann ist er da.

Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte Fichte, und läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals schnüffelt um ihren Stamm herum: Taubenfedern mit frischer Witterung, frisches Gestüber, die Sache ist richtig! Aber nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner nicht aufwachen! Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast entlang, vermeidet geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den zweiten Ast, den dritten, vierten, fünften, hält inne, zieht sich auf den nächsten Zweig, faßt den folgenden, schleicht darauf entlang und hängt sich an den Stamm.

Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der Mondschein macht sie kenntlich. Aber rundherum spreizt sich dürres Gezweig. Goldhals überlegt; heranschleichen geht nicht, denn einige sind schon erwacht; er hört, wie sie sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt. Da bleibt nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den Rücken krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, noch einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte Sprung, und da poltern die Täuber ab, und Goldhals sitzt da, starrt ihnen mit den grünschimmernden Sehern nach und hört ihrer Fittiche klingenden Schlag verhallen. Der halbe Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab.

Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm hinab. Wütend ist er nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht zum Kleestück, aber die Mäuse sind seit dem letzten Märzregen selten geworden. Er sucht die Raine entlang, aber Ammer und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er mißmutig einen Maikäfer nach dem anderen hinab und hofft, daß ihm der Morgen Besseres bringt.

Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die erste Lerche. Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen ihr Läuten ein, und immer noch sucht Goldhals im taufeuchten Felde, die Wasserfurchen entlang schleichend, die Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein Hummelnest findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege, kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch schief hängt, es wird Zeit, an den Heimweg zu denken. »Der Tag ist keines Marders Freund«, das hat die Mutter ihn gelehrt.

Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet sich auf: Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? Und daneben, die zwei braunen Dinger, erst recht? Und jetzt trägt der Wind ihm die bösen Witterungen zu, die die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von Mensch und Hund.

Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste Zeit, denn da hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!«, und hinter ihm her keucht es. Schnell in den Brombeerbusch, wo er am dicksten ist. Aber die Hunde achten der Dornen nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch dahinein folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert es. Schnell aus dem anderen Ende hinaus, aber das geht nicht, ein schwarzes nach Hund riechendes Ding steckt darin.

Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! Der aber faßt zu, jault auf, denn scharfe Fänge griffen um seine Lefzen, aber jetzt fühlt sich Goldhals vom andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt, und heraus geht die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der erste Dackel ihn am Hinterteil, und so wird Goldhals langgezerrt; zwei auf einen, das ist auch zu viel, und nun weiß er, daß es aus ist mit Freijagd und Berg und Busch und Minnefahrt über Stock und Stein. Noch einmal, ehe sein Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein: »Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut und lieb.«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.