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Tiergeschichten

Hermann Löns: Tiergeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMümmelmann und andere Tiergeschichten
authorHermann Löns
year1991
publisherAdolf Sponholtz Verlag
addressHameln / Hannover
isbn3-8766-071-3
titleTiergeschichten
pages7-206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Sein letztes Lied

Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da flog Fuchs- und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.

Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte, verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen, das Wollgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom blühenden Sauerklee fort.

Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied, schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwischerte die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh, Reinke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges stolzestes Geflügel, der Urhahn.

Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort, wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht, wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren seinen Stand, lebt er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot.

Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt. Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs waagerecht fünf Fuß über den Abgrund, und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr für Jahr versuchte der Sturm, ihn zu morden, wie er ringsumher die Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umspannen hielt, aber der alte Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und Holz gehärtet.

Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den Fichten stand. Jeden Morgen klang eine Strophe in das große Schweigen des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und hart, den alten Hahn focht das nicht an, sein Herz war heiß, seine Kraft zu groß. Der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum herab.

Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten, Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel, als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen, was sein gutes Recht war als ihr Herr Gemahl und das ihm kein anderer Hahn länger als eine Viertelstunde streitig machte, ohne zerzaust und geschunden dorthin zu streichen, wo kein so grimmer Kämpe wie der Hahn vom rauhen Hang seinen Harem schirmte.

Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er noch abends, wenn er sich auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, nicht gleich den Kopf versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde Einsamkeit hinaussang.

Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt der Hahn ab, und der Fuchs hatte von seinem ganzen Waidwerken weiter nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts Besseres fände als nur Rüsselkäfer und weiter nichts als Rüsselkäfer, und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus.

Aber es war noch jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte. In aller Hergottsfrühe war er im Tale entlang geschlichen, immer die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf seine Witterung gekommen und hatte ihn mit hellem Halse durch die Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als er sich in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen ihn verscheucht, und wieder war er bergan geflüchtet, bis er über den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn der Hunger hinausgetrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen als eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die Schläfer zu gut.

So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit hungrig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben sich leichter lebt als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen, und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser als hier, wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug, und das große Geflügel, das hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd ein.

Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er bisher hoch ausgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab, daß sie laut klatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt einige Male leise, ordnet hier und da noch eine Feder, wird mit einem Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger zu balzen.

Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine Hinterpranken an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während er die Vorderpranken um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen, Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz aufhört.

Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter im Tal erlöschen, der Abendwind pustet hohler, ein Reh schreckt irgendwo, ein aufgestörter Pieper klagt ängstlich. Schneewasser kluckst zwischen Gestein, in schneller Folge schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie ein Uhrwerk tickend, weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird Nacht im Berge.

Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel wird es rosig schimmern; von der Wetterfichte an der kahlen Wand wird die Misteldrossel singen, unter der hohen Klippe wird ihr die Zippe antworten, Fink und Pieper werden wieder schlagen, Zaunkönig und Braunelle werden singen, aber niemals wieder wird von der alten Eberesche am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier sang.

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