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Tiergeschichten

Hermann Löns: Tiergeschichten - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMümmelmann und andere Tiergeschichten
authorHermann Löns
year1991
publisherAdolf Sponholtz Verlag
addressHameln / Hannover
isbn3-8766-071-3
titleTiergeschichten
pages7-206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Der Mörder

Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger in Aufregung; es spürte sich ein fremder Haupthirsch. Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der Uhlenflucht trat er zur Äsung aus, und vor Tau und Tag zog er wieder in die Dickung.

Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem zehnten Kopfe; bequem konnte ein Mann die vier Finger der Hand hineinlegen. Es war eine Fährte, die tief und fest in dem Sande stand; danach gab man dem Hirsche dreihundert Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies als die der Standhirsche, so schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her zugewechselt sein mußte.

Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in diesem Forst, morgen war er verschwunden, und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen einige Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander stand der Jäger auf der Schneise in der wilden Hudewohld und sah das Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah wenige Schritte hinter sich ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach seiner Büchse, aber da schnaufte es, und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein.

Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter, weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wieviel Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Knie gekommen und Nebel vor seine Augen.

Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand, tritt er in den wilden Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding; wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu, wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post.

Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das Bruch; nirgendwo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem verwachsenen Altwege in die modrige, muffige, schwüle, enge Wildnis hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt. Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen Himmel lieb herabsehen.

An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte.

Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen heraus wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades? Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es ist so still, nur Meisen zirpen fernweg, und Hummeln brummen nahebei. Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor; träumende Augen sehen hintendrein, besinnen sich, rufen sich selbst zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich öffnet, um mitzuhorchen.

Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht wie in einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen, und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in der Sonne leuchtet, den Mann an, starr wie der böse Feind eine arme Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer, und mit Kling und Klang und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden.

Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Weile weiter vor dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren, häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein Hirsch geschrien. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht, wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der Förster hat das Glas vor Augen und späht das silberne Gatter ab, mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit zornig in den Wald hinein; weiß springt ein Atem vor ihm her. Aus dem Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm her röchelt ein heißer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes, gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstisch, höllisch. Der Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still, bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel.

Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen Augenbinde und den langen Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich, so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie, und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein.

Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken.

Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen. Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei; er hängt an der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender, der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.

Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsam Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte. Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da, an eine Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen, die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war. Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten.

Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den grünen Rock trug, einen roten Kopf. Alle Jagdneid, jeder Grenzhaß war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde, überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies, sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin und her fuhren und im Nebel verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung oder saß in der Suhle im wilden Bruche.

Keine fünfzig Schritte vor dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zuschanden. Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen, hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe, bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend wie Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung, dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer rund um die Wiese.

Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl wie eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen, kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die Läufe weit von sich gestreckt. Der Lecker hängt aus dem Geäse, die Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in die Leber brachte ihn um.

Der Forstmeister sendet reitende Boten ab, und sein Sekretär steht den halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half, soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter, Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am anderen Morgen meldet der Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten, verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise, schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade die Gestelle rund um den Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben.

Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!« Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hinterher. Alle Mühen waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das Stiftsmoor, und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er wohl übelgenommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute Hirsche zuschanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er geblieben war.

Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten. Als er so durch den verwachsenen Moorwald strich, sein Fuchsgesicht gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimasse verziehend, ab und zu einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte sich geduckt wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote Haar auf seiner sommersprossigen Stirne zuckte hin und her, und seine abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorn ging etwas Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise, wie Hein Thomann kroch. Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er, den kurzen Totschläger in der Faust haltend, schnell, aber lautlos näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum Schlage. Aber dann fuhr er zurück, und sein fahles Gesicht wurde weiß, denn was er sah, das war gräßlich.

Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing, zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt, ein starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden, und das Geweih berührte mit den langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein hohles, trockenes, hoffnungsloses Stöhnen.

Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge zappelnd, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen Schluck, sah scheu hin und her und schlich näher. Ein dumpfer Schlag, das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen Moorboden; bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an Weidenruten in der Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen drei hungrigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.

In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers, des Schadhirsches, der sich selbst richtete und den langsamen, schrecklichen Tod starb, den Tod des Mörders.

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