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Tiergeschichten

Hermann Löns: Tiergeschichten - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMümmelmann und andere Tiergeschichten
authorHermann Löns
year1991
publisherAdolf Sponholtz Verlag
addressHameln / Hannover
isbn3-8766-071-3
titleTiergeschichten
pages7-206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Das Eichhörnchen

Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still ist es. Der Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, hat sich gelegt. Dem scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft Platz gemacht. Das gefällt den Rehen, die langsamer als in den drei letzten Tagen den Dickungen am Hang zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast plätzend, und dem Kauz sagt die laue Luft ebenfalls zu; so laut, als wäre es im April, juchzt er auf, und dann streicht er lautlosen Fluges zwischen den dunklen Stämmen der Buchen einher.

In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten Zwille der langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. Ein halblautes Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der leise den Holzweg hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, aber mißmutig trabt er weiter. Das ist nichts für ihn. Es hat zwar Haare und keine Federn, es hält sich zuzeiten auch auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat es, macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum in die Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt-kwutt-kwutt-kwutt«, so wie das da oben.

Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille raschelt es stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen und putzt sich. Ab und zu hebt sie den Kopf und schnuppert in den Wald hinein. Das Wetter gefällt ihr. Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über den schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der Hunger ist groß. Drei Tage und drei Nächte vom eigenen Fette zu leben, das hält nicht vor. Wer weiß, wie lange das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht zu trauen. Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee, und dann heißt es abermals: schlafen und hungern.

Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert an der Rinde, knabbert ein paar dünne Knospen ab und ist mit einem jähen Satze in der nächsten Krone. Dünn sind die Zweige und brüchig vom Frost, aber ehe sie dazu kommen, abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los, federn rasselnd empor, und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig in dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft einen dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den fünften Baum befördert, und dann noch ein Sprung und noch einer, und sie fällt in den Wipfel der alten Samenfichte.

Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in die Spitze. Schwer beladen war er im Herbst mit langen Zapfen, wenige hängen noch daran. Einen nach dem anderen holte sich das Eichkätzchen und half sich mit der mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der ganze Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen, überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor, und auf den halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen Haufen die Überreste der kärglichen Mahlzeiten. Und zwischen dem Geröll liegen auch allerlei Knochen, die die Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer fand und hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die knorpeligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr dran saß, so nagte es doch jeden Tag aus Langeweile daran herum.

Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hang hinzieht, macht eine jähe Flucht und zieht laut schreckend ab, denn vor ihm rauscht und rasselt es ganz gefährlich. Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen, hält ihn im Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, ganz eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten spähend. Dann ein Sprung, und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, hoch aufgerichtet, zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges nahen sollte. Aber es kommt nichts Arges. Da hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen Buchenaufschlag, ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen mit den Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die Schuppen, beißen sie durch, und hastig nehmen die Lippen ein Samenkorn nach dem anderen fort. Eben war das Ding noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt liegt nur noch der Kern hier, und rundherum bedecken die Schuppen den grauen Stein.

Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen Stämme schimmern silbern, die Schneedecke des Bodens leuchtet goldig. Zwitschernd und pfeifend lärmt ein Zug Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt, ein Bussard klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher, kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke ein Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend und die Rute schnellend, dann ganz regungslos verharrend und schließlich wieder hastig über den Boden hüpfend, jetzt einen Zweig der Knospen beraubend, dann eine Buchennuß zerknabbernd und nun einen weißfaulen Ast zerfasernd, in dem die Puppen von Käfern stecken.

Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne auch nur einmal haltzumachen, ohne rechts und links zu äugen, und erst am Rande des Holzes hält sie ein. Da recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk über dichtem Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne sich zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe Gras, springt hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, scharrt das Laub auf, zernagt gierig eine Eichel, verspeist eilig eine Mehlbeere, schält den Schlehenstein aus seiner Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an einer Abwurfstange vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut sich an drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der Jäger von dem Hochsitz warf, findet noch eine dicke Brotrinde, einen Apfelkropf mit vielen leckeren Kernen und zuletzt noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben Knorpelenden.

Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß es ganz allein ein langweiliges Leben im Walde sei. Die Sonne scheint so schön warm, da gelüstet es sie nach einem kleinen Spiele kopfüber, kopfunter, stammauf, stammab. Den ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht gehabt; sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in den Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, Weibchen oder Männchen, Hunger hatten sie alle, und so ganz viel gibt es wintertags im Bergwalde nicht. Aber wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt man sich doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine frische Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten sieht oder auf dem Geäst das bekannte Gerassel und das liebe Schnalzen und Fauchen hört. Und so, ganz Ungeduld und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der Holzkante entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine Weile weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt zusammen.

Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den Pirschsteig entlang in schnellen, hastigen Sprüngen. Und jetzt macht es auch halt. Steif sitzt es da, ein kohleschwarzes Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig sieht es aus; die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab und an zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es hier kupferrot in der Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht das schwarze Männchen einen Satz, und sofort schnalzt das rote Weibchen und wendet um. Über den hellen Schnee und das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste verschwindet das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher saust der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, rasselt über das Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, hopst die Klippe hinab und prallt auf eine dritte Eichkatze, eine große, braunrotes deren Balg ganz grau bereift ist.

Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme einer Buche und äugt regungslos hinter sich. Regungslos sitzen die beiden anderen auf ihren Keulen, die Vorderpfoten fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die Ruten in schönem Schwunge fast an den Rücken gelegt. Sie sitzen und stieren sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren sich nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. Da raschelt es hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die beiden Männchen auf, das Weibchen macht einige Sprünge am Stamme empor, und dann jagen ihm die beiden Männchen nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins, ein fuchsrotes mit breitem, schwarzem Rückenstrich und dunklem Schwanze, das der Spur des Weibchens gefolgt ist.

Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und Zaunkönig schimpfen mörderlich, denn das ist ihnen doch ein bißchen zu viel des Lärms. Das ist ja beinahe so schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde herumtolpatschte. Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert, hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln, und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, bald da schnalzt und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es durch die alte Fichte, nun saust es in der entwurzelten Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig hin und her treten und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie weiterkommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager unter der dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt heraus, einen Regen von Schnee um sich werfend, denn es fiel plötzlich etwas rasselnd in den Busch.

Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade zu viel wurde mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie Ruhe gehabt seit einer vollen Stunde. Bald war ihr das schwarze Männchen auf den Fersen, bald das braune, und wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit dem schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, dann rückte ihr das schwarze auf den Leib, und so ging es in einem fort, bis es ihr zu dumm wurde und sie sich, als die drei in einem einzigen Klumpen verfilzt von der einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten, von der anderen Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht den drei Männchen nach, die nach drei Richtungen im Walde verschwinden. Dann eilt sie in hastigen Sprüngen auf die Klippenwand zu.

Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort steht ein krummer Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier alte Nußsträucher spreizen sich dort unter zwei sturmzerfetzten Samenfichten, und obgleich dort keine Eiche wächst, so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu finden, die die Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft jedes zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs riecht. Auch ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, am Ausgange der Schlucht stehen Vogelkirschen, und an Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es nicht. Ist es mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier findet sich immer etwas für den Magen, und unter der Felswand gibt es das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, würzige Trüffeln. Nicht weit davon liegt das Forsthaus, und in dem Garten wachsen Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich ist es dort freilich, denn seitdem der Förster dahintergekommen ist, wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, paßt er sehr auf, doch vor Tau und Tag lebt es sich da herrlich.

Das wissen alle Eichhörnchen am Berge, und darum finden sie dort immer Gesellschaft, und kaum ist das rote Weibchen dort angelangt, so ist auch schon ein braunrotes Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof macht. Anfangs ziert sich das Weibchen, und es gibt eine kleine Hetzjagd durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist noch müde von vorhin, und da das Männchen mit seinen Liebenswürdigkeiten nicht abläßt, wird es quer über die Nase gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen und zieht schließlich ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das Weibchen dann bedächtig an der Wand herum und sucht im Laube nach Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, als die Sonne hinter Wolken verschwindet, sucht es sein nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf, einen weichen, warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend hier bei den Klippen überrascht.

Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter tritt ein, und die Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. So manchen Käfer scharrt sie aus dem Laube und findet Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie dann noch die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln schüttet, da geht es ihr besser als bisher, und ohne sich um die Rehe zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, schleppt auch manche Eichel beiseite und stopft sie unter das Moos oder verbirgt sie in Fels- und Baumritzen. Fällt kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine rauhe Luft, dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger Balgerei und fröhlicher Hetz mit irgendeinem netten Männchen herbei, das ihr in den Weg läuft.

Schließlich hört diese Spielerei auf. Die Männchen laufen ihm nicht mehr nach, und das Weibchen hat andere Sachen im Kopfe. In einer ganz langen, hochschäftigen Buche baut es ein großes, festes, dickwandiges Nest. Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt es Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes Laub herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten zusammen, dreht sich so lange darin herum, bis die Höhlung glatt und eben ist, setzt ein dichtes Dach darauf, stopft jede Ritze zu, in die der Wind hineinschnauben könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der Morgenseite weht.

Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote Eichkatze ist jetzt nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh am Morgen sucht sie nach Nahrung und in der Abenddämmerung, und gierig fällt sie über alles her, was sie vorfindet. Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter den schnellen Zähnen, und die Blütenknospen des Ahorns werden ebensowenig verschmäht wie die keimende Eiche und die treibende Buchecker. Magerer noch als der Winter ist die Frühlingszeit, und die Eichkatze hat vierfachen Hunger, denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. Da heißt es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die Kleinen satt Milch bekommen.

Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit der Kost wird es nur langsam besser. Maikäfer sind noch nicht da, und die Raupen sind noch gar zu klein. Eicheln und Bucheckern gibt es nicht mehr, und die Knospen sind alle aufgegangen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. Hunger, Hunger, immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei der Käfer- und Raupenjagd stößt sie auf ein Drosselnest. Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie reife Eicheln. Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt, ist ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt den Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht darin, nur nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die Alte flattert wild und schimpft und zetert, aber es ist doch besser als Baumrinde oder junge Sprossen, und die Hauptsache ist, es sättigt mehr als das sechsbeinige Grabbelzeug, das im Moose und Grase herumwimmelt.

Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen zu an Länge und Dicke, und die Grashüpfer werden immer fetter. Nun läßt es sich allmählich schon leben im Walde. Außerdem liegt an der Waldstraße ein eingegattertes Stück Land, in dem sind Löcher, und darin stecken Eicheln, die zwar schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind. Wie die sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei bessere Sachen. Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, die Nüsse haben kleine milchige Kerne, es wimmelt von Raupen und Heuhüpfern, und die Roggenähren lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; von den tief herabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen sich die Ähren leicht pflücken und aushülsen. Das Herrlichste aber, was der Wald in dieser Zeit zu bieten hat, das ist der säuerliche, schäumende Saft, der aus den alten Eichen quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich die Eichkatze dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, die sich dort laben, und leckt den gärenden Saft, bis ihr ganz sonderbar im Kopfe wird und sie anfängt, wie unklug hin und her zu springen, zu schnalzen und mit dem Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling. Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihren Rausch, und wenn sie sich nicht im letzten Augenblick in das Gebüsch gestürzt hätte, so wäre sie in den Fängen des Habichts geblieben, der wie ein Schatten durch das Geäst fuhr.

An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. Vor dem Habicht ist die Eichkatze nie sicher. Mitten im fröhlichsten Hetzspiel griff er ihren letzten Liebhaber, das kohleschwarze Männchen, und strich damit ab. Zwei von den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich kopfüber aus ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder sie fassen wollte, und einmal hetzte er sie am hellen Tage über eine halbe Stunde lang von Baum zu Baum, bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so gewitzt geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl ging es ihr ab und zu hart am Leben vorbei. Einige hundert Schritte vom Waldrande steht ein hoher Birnbaum im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt niemals eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das Eichhörnchen eine nach der anderen durchgebissen und die Kerne verzehrt. Eines Tages erwischte sie aber der Bauer dabei und schickte seinen Jungen in den Baum, während er mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, bis sie im Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der Hund sie beim Wickel gehabt, aber im letzten Augenblicke schlüpfte sie in das enge Entwässerungsrohr und von da in den Schlehbusch und aus diesem in den Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. Seit der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde immer nur in der ersten Morgenfrühe; denn die halbreifen Roggen-, Hafer- und Weizenkörner entbehrt sie nicht gern, und am Waldrande finden sich auf dem Raine überall die Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten.

Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im ganzen Walde Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen und Hainbuchen liegen massenhaft die geflügelten Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln, die Haselbüsche tragen schwer, und in den Kronen der Buchen reifen die fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, die von weit und breit sich hierher zusammenziehen. Überall am Boden hüpft und schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen aus dem Hügellande treffen sich hier mit den schwarzen und braunen aus den Fichtenbeständen von den höheren Lagen des Gebirges, wo es jahrein, jahraus weiter nichts gibt als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde alle ein tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr leichtes Sommerkleid mit dem dichten, langhaarigen, graubereiften Winterpelz vertauscht haben, dann verteilen sie sich wieder, und der alte Stamm hat den Wald ganz für sich.

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