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Tiergeschichten

Hermann Löns: Tiergeschichten - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMümmelmann und andere Tiergeschichten
authorHermann Löns
year1991
publisherAdolf Sponholtz Verlag
addressHameln / Hannover
isbn3-8766-071-3
titleTiergeschichten
pages7-206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Hausfriedensbruch

Er war von jeher dagegengewesen, aber sie wollte es gern, und so mußte er sich fügen; was sollte er machen.

»Sieh mal, Watschelinchen«, hatte er gesagt, »zu was willst du in der Stadt wohnen? Erstens kennst du niemand dort, zweitens wohnt dir allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die Luft! Na, ich sage dir bloß, du wirst dich wundern! Dein schönes Changierendes ist da bald hin von dem Ruß. Und was muß man weit fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast du die fettsten Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, dir singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper, sie alle sind nett zu uns. Und ist dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut dir eine andere. Laß uns nur im Walde bleiben.«

Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an:

»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und du hast gut reden von Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus, immer dasselbe und immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: du fliegst hierhin und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst du immer allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich dumm und albern und sehe und höre von der Welt nichts. Höchstens, daß Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die Wohnung? Ach, du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten, hellsten, luftigsten Villen frei!«

Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht. So sagte er ja und amen, und sie zogen in die Stadt.

Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken; Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon am Teiche eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht.

Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Haus, schlug mit den Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber sie ließ sich nichts merken.

Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß; darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den Gliedern.

Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn, dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe.

Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja auch die Kleinen da; und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen und brüten.

Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug loswurde, schaffte sich ein piekfeines, schöngemustertes Reisekleid an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war man am Fluß, wo Tausende von Staren ins Grummet Käfer suchten, morgen besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen.

Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, meinte Dickkopp, jetzt sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst nach der Pfalz, wo jetzt die schönen Trauben reif wären, dann nach Italien und Spanien, vielleicht auch nach dem Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel. Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr milde gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie hatten es bereut, denn es regnete viel, und wenn einmal Frost und Schnee einsetzte, dann sah es mit der Beköstigung recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse erst noch einmal nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. So flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla.

Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen Baum zwischen den blaubereiften Zwetschen. Als sie aber näher kamen, saß ein dicker, frecher, alter Spatz darin und tat so, als ob er immer darin gewesen wäre. Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann setzte sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl von diesem höheren Standpunkte aus an, überlegend, was da zu machen sei. Watscheline aber fuhr wie wild auf den Eindringling los.

»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? Was machen Sie da?«

»Ich sitze hier, wie Sie sehen«, sagte der Spatz, und seine Augen funkelten höhnisch.

»Solche Unverschämtheit«, zeterte Watscheline los, »er sitzt da in anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß Sie herauskommen, oder ich bringe Ihnen Manieren bei.«

»Sie haben ja selber keine übrig«, ödete der Sperling, »behalten Sie das bißchen man alleine; ich will Sie nicht berauben.«

»Mann, Vater«, schrie Watscheline, »hast du gehört? Das ist doch zu frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, Dickkopp!«

»Dickkopp ist gut«, sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, Dickkopp kann so bleiben.«

»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit solchem Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es erst mit Güte.

»Entschuldigen Sie, Herr Sperling«, begann er höflich, »das ist unser Haus.«

»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« fragte trocken der Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? Und gleich bar bezahlt oder was?«

»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des Besitzers bewohnt und darin zweimal gebrütet und haben so ein historisches Recht darauf.«

»Historisches Recht ist gut«, meinte der Spatz. »Das sagte die Katze auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne ich es mit Erlaubnis des Besitzers und beanspruche ebenfalls ein historisches Recht, denn meine Frau wollte schon früher darin brüten, und auf einmal waren Sie da.«

»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten«, meinte Dickkopp höflich. »Sie hätten sich nur zu melden brauchen. Aber ich denke, wir einigen uns. Wir haben uns nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen jetzt bis zum März, solange können Sie drin wohnen.«

»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte«, höhnte der Spatz.

Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang sich noch: »Und im März treten Sie es uns dann wieder ab, nicht wahr, Herr Sperling?«

»Dieses nicht, sondern nein«, meinte der.

»Ja, aber zum Donnerkeil«, schrie Dickkopp, dem die Sache zu dumm wurde, »sind Sie denn verrückt?«

»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück.

»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!«

»Danke, habe selber welche!«

»Wollen Sie heraus oder nicht?«

»Ich ziehe das letztere vor!«

Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, der aber kannte das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline so unvorsichtig war und in das Schlupfloch kroch, faßte er sie beim Hals und kniff sie, daß sie schrie.

Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in das Haus, fiel über den Spatz her und hackte gewaltig auf ihn los. Als der Sperling merkte, daß er an den Unrechten gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun kamen sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit Verbal- und Realinjurien über das Starenpaar her.

»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen und schnorren sich in der Stadt satt. Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind! Bagage! Kirschendiebe! Schneckenfresser! Und krumme Beine haben sie! Und gelbe Schnäbel bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen. Wartet nur, wir wollen es euch beibringen! Euch die bunten Lappen abreißen! Mit uns wolltet ihr anfangen! Ihr! Mit uns! Na, wartet bloß!«

»Komm, Dickkopp«, sagte Watscheline, der es ängstlich zumute wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns mit dem Gesindel herumschlagen!«

Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie draußen über der Wiese auf dem Telegraphendraht ihre Federn ordneten, rückte die Frau an ihren Mann heran und sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im Walde, nicht wahr?«

»Na, siehst du, Alte«, meinte er, »habe ich es nicht gleich gesagt. Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht hören!«

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