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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Zehntes Kapitel

Ungeheure Wut entfesselte sich. Vor einer gereizten Bestie, die tückisch anschlich gegen ihn, wich Michalek zurück. Ohne Gegenwehr, ohne Gegenkraft wurde Olga vom Wahnsinn überwältigt; die Brust machte ihr der Wahnsinn weit, er riß sie ihr auseinander mit ungeheurem Schmerz! Schonend drückte er ihr die Brust wieder zusammen. Sie hörte sich selbst schreien, wie von ferne, tief, in jagenden Wellen heulen ...

Sie zuckte an ihm empor mit den Händen, den gekrallten, mit den Füßen, die sich wild klammerten an seine haltlosen, bleischweren Glieder. Er stürzte nieder mit ihr.

Der Strick, funkelnd mit tausend Messingnesteln, schlängelte sich hurtig in ihre Finger, schon kniete sie auf Michalek, auf seiner keuchend emporgehobenen Brust, blitzend schlängelte sich die Messingschnur unter seinem dicken, graubehaarten Kopf durch, schon würgte sie ihn, überkreuzend ihre Hände, dumpf gurgelnd, Bestie über der Bestie!

Da raffte er sich auf, mit dem letzten Aufbäumen wälzte er die Last von sich, floh durch das Zimmer (an die Tür pochten hart Gendarmen); verfolgt von ihren jagenden, weiten Sprüngen verbarg er sich unter Stühlen, nahm schwer keuchend die Tür des Schrankes, das Tuch des langen Mantels als Schild vor der Tobsüchtigen.

Aber sie verfolgte ihn nicht. Nicht mehr. Entfesselt war ganz ihr Körper, nur dumpf, wie durch Wände, ahnte sie sich selbst.

Geschmeidig schwingend über spitzen Kanten, harten Mauern im Sprung ausweichend, besann sie sich ... aber schon steigerte sich die Welle, raste vor, an ihr empor.

Sie wollte die Achseln zucken , aber ungeheuerliche Hände packten ihre Schultern, rasten sie hinein in Kreiselschwung, wirbelten sie wie eine Kugel, gleich nach allen Seiten! Sie hieben sie krachend vorne an den Tisch, ließen sie anprallen wie ein lebloses Gewicht an den Schrank, der stürzend Michalek fällte.

Wie ein Stück Eisen, fortgewirbelt vom zerschmetterten Schwungrad, warf sie sich umher, dumpf knirschten die Zähne in Tobsucht: im Frieden des Tobens, in der letzten Erfüllung.

In Spiralen funkelten ihre Hände weiß durch das halbdämmerige Zimmer, niedrig, hart das Kinn an das Schlüsselbein gepreßt, schimmerte das elfenbeinerne Gesicht, wieder verdeckt von der schwarzen Wolke ihrer Haare.

Krachend zerspaltenem Holze gleich schwang sich dahin mit ihr: das Geheul.

Blindheit war in ihr. Schlaf, kaum tastete sich feines Weich um ihre Brust.

Ihr Körper aber schleuderte mit nie erlebter Gewalt sich selbst durch den Raum. Rollendes Gestirn, unbeseeltes. Sie strebte hinaus, schwang sich, leichtgeflügelt, durch das Fenster.

Zweige umfingen sie; feucht zitternd spritzten sie ihr Tropfen ins Gesicht, Tropfen an die schlanken Beine, an denen die schwarzen Strümpfe schlotternd hingen.

Von oben herab griff Olga in das regenweiche Erdreich mit geballten Händen ... Langsam verhallte ihr Gebrüll ... In die Zweige hinein, gekühlt von langem Regen, ragten Schultern, nach vorn gebogen, mädchenhaft, unzerstörbar – ragte das Haupt, nach rückwärts überstreckt, gelöst in Erschlaffung.

In die weit aufgerissenen Augen regnete es.

So fanden sie die Gendarmen.

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