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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
projectid2c82630d
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Dritter Teil

Erstes Kapitel

Kaum war Olga im Zuge, als sie bereute, die kleine Iboya nicht mitgenommen zu haben. Sie war allein im Abteil, wie damals auf der Reise ins Bad. Mitgenommen hatte sie das Geld, um es der heiligen Kirche zu spenden, die letzten Flaschen mit Arankaschnaps, um sie Franz zu bringen, das rotseidene Kleid, sich selbst zur Freude.

Sie war klar, ruhig, am guten Weg. Herrlich war das Entweichen aus der schweren »Verträumung«; Moorschlamm, Kupferdunst, Pferdekadaver, alles ließ sie in dem kleinen weißen Hause, sichtbar von der Bahn, inmitten der Ebene. Aber die Einsamkeit, die abgesperrte Luft, die Sonne, die, wandernd mit der Biegung der Strecke, in ihre Augen sich drängte, machten sie wild, trieben sie auf, ließen sie taumeln.

Glücklich war sie, als sie an der nächsten Station Gesellschaft bekam, eine alte Dame, die sofort einschlief und im Schlafe wie mit Ketten rasselnd keuchte, später einen ungeheuer großen, tiefbrünetten Mann, der mit zwei sehr eleganten jungen Damen reiste; sie sprachen Französisch, aßen ununterbrochen, der Herr lachte, zeigte Zähne wie Mandeln, auch die zwei Mädchen waren schön, hatten schweres, dichtes Haar, goldgetönte Haut wie Pfirsiche: alle sprachen mit der gleichen Stimme, waren wohl eine Familie; ihnen blinkerten viele Ringe an den Händen, den Mädchen Perlen und Türkise, dem Herrn ein erbsengroßer Brillant am kleinen Finger und ein breiter Ring mit blaßrotem Stein am Daumen.

Es war im Herbst, aber noch sehr warm; die Sonne, wie heißer Kalk, zischte auf dem blendend blauen Himmel. Die Fremden zogen japanische Fächer aus dem Necessaire und fächelten sich, auch der Herr hatte einen, den er mit seinem Lächeln Olga anbot. Da die zwei jungen Damen unaufhörlich plauderten, einander mit ihrer zwillingsgleichen Stimme zu überschreien versuchten, einander kleine, silberne Spiegelchen vorhielten, lachend den Herrn in die Seite stießen, aufkichernd hinter der zitternden Seide der blütenfarbigen Fächer, kam es zwischen Olga und dem Herrn zu keinem Gespräch. Olga, eingeschläfert durch das Gezwitscher der fremden Sprache, durch die Hitze und den Geruch von konzentriertem Parfüm, schlief ein. Sie erwachte in der Dämmerung, sah den »starken Blick« des eleganten Herrn auf sich gerichtet. Die alte Dame war ausgestiegen, die Fremden lachten noch immer, tranken Likör ... Auch Olga wurde ein Glas angeboten, sogar eine besondere Flasche für sie entkorkt. Der Schnaps roch sehr stark, war dunkelgrün, der Geruch erinnerte an Rosen und Himbeeren zugleich.

Der Zug raste um eine scharfe Kurve, einige Tropfen des Likörs fielen auf die Bluse, brannten schwer auf der Haut. Olga war überrascht durch den fremdartigen Geschmack, lehnte aber ein zweites Glas nicht ab. Unerträglich schwül wurde das Abteil; kurz vor Wien waren noch viele Reisende eingestiegen. Alle waren jetzt ruhig, atmeten schwer, keuchten im Dunkeln, litten unter der Hitze. – –

Olga kam um elf Uhr nachts am Staatsbahnhof an; ein Gewitter stand dunkel über der dunklen Stadt. Die Luft erstickend wie im Moorbad, wie in der alten Ölfabrik, war dick wie zum Greifen. In den engen Korridoren des Bahnhofes lagerten Auswanderer, Pußtahirten, in weißen, rotgeränderten Flausen; galizische Bauern, auch jetzt, in der Hitze, in erdfarbenen Pelzen, hatten in dem zottigen Fell ihre Füße verborgen, schliefen mit eingesunkenen Augen, vertrocknetem Mund, ganz eingekrümmt in ihrem Mantel wie Hunde.

Geklemmt zwischen bunt mit Zwiebeln bemalten Koffern und weißen, mit Betten gestopften Sacken, hockten junge Burschen, umwogt vom Geruch ihres Schweißes, besät mit gelblichen, scharfen Splittern von Spelt, Grannennadeln an den hohen Stiefeln, mit denen sie durch die Felder gegangen waren.

Weiber lagen da, die fast schwarzen Hände um kleine Bündel zu beiden Seiten geklammert. Kinder mit Gesichtern wie unreife Birnen, die Adern der Schläfe wie mit violetter Tinte auf die früh vergilbte, zerknitterte Haut gezeichnet, streckten sich weit aus, waren paarweise quer über die vielgefalteten bunten Baumwollröcke der Mütter gebreitet. Olga stieß sie mit dem Fuß an.

Olga wollte nur schnell fort aus dieser Luft, aber der ganze Korridor strotzte von diesen Menschen. Ein alter Mann mit weißem Haar über dem sonnenverbrannten Gesicht, ein einziges, grauenhaftes Geschwür an Stelle des rechten Auges, starrte Olga mit dem linken Auge an; aber auch dieses spiegelte nur matt die hohe Lampe, das im Nebel schwebende Licht; er war blind, schlief im Stehen, an seinen mit Erde getränkten Stock gelehnt, wie die andern, keuchend atmete er, und in seinen schlaffen Lippen blähte sich die Luft.

Die Stadt war verändert. Olga kannte die Straßen, jeden Stein: diese Nacht war so wie die, in der sie mit Michalek hierhergekommen war ... auch damals waren Auswanderer hier zusammengepfercht gewesen, dieselben Gesichter, ja, sie glaubte auch den Alten mit den Geschwür hier vor Jahren gesehen zu haben. Auch damals hatten sie die Absicht gehabt, hier am Bahnhof zu übernachten, Geld zu sparen, die letzten Groschen zusammenzuhalten: am nächsten Tag eine Stelle zu suchen, Blusen zu nähen oder Knopflöcher mit der Maschine in Massenkonfektionskleider zu setzen; Franz, der arme, degradierte Herr, sollte daheim, in einem billigen Kabinett, auf sie warten, fleißig sein, sich für die Postprüfung vorbereiten, was keineswegs einfach war. Aber er sollte es ja ihr zuliebe tun ...

Aber die Auswanderer, den Bahnhof mit ihren Kindern, Sacken, Bündeln, Hirtenhunden, mit der schweren Luft ihres Lebens füllend, hatten sie fortgetrieben, Olga hatte eine vornehme Bekanntschaft gemacht, und Michalek hatte sie erwartet, wahrend er in einem kleinen Kaffeehaus mit dem Kellner Billard um die Zeche spielte. Er fragte nicht, als sie zurückkam und den Monatszins für ein besseres Zimmer im Täschchen brachte, und sie sprachen nie darüber ...

Auf dem Bahnhofsplatz, wo früher freies Feld gewesen war, wo Zigeuner, gedeckt durch Haufen noch ungebrauchter Pflastersteine, ihre Wanderlager hatten, da wehte jetzt ein Park, weit, unabsehbar in der Nacht. Trotz der Hitze waren Blätter und Gras getränkt von Feuchtigkeit, auch die Gartenwege waren feucht ...

Um fünf Uhr morgens ging der erste Zug in Michaleks Stadt. Am besten war es, ein paar Stunden in einem Nachtkaffee zu verbringen, und für das Geld, das das Hotelzimmer gekostet hatte, einen großen Haufen Zigaretten mitzubringen, die sie dann im Haus 37 verteilen – oder auch für sich selbst in einem sicheren Winkel, gut versteckt, aufbewahren konnte, als letzten Vorrat, als eiserne Ration.

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