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Tiere in Ketten

: Tiere in Ketten - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/weiss/tiereink/tiereink.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleTiere in Ketten
publisher Kurt Wolff Verlag
printrun11.?21. Tausend
year1922
firstpub1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101230
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Siebentes Kapitel

Vorbei an des Doktors ewig ruhelosen Händen schlich Olga zum Kleiderschrank: »Das weiße Kleid, das Gott versprochene, für den heiligen Tag?«

Aber bloß dunkle Kleider waren da, alles war dunkel, auch ihre Hände, sonst schneeweiß, schwelten blaurot; sie sah sie nicht mehr unter den Kleidern, sie merkte nur, daß die Kleider Falten schlugen, hin und her wogten; sie suchte, suchte, heißer glimmte ihr Blut durch sie; der tiefe Ton der Glocken schlug unaufhörlich nach ihr hin, wollte sie aufheben, hineindrängen, in die dunkle Höhlung des Schrankes niederwerfen, sie ersticken lassen mitten unter alten Kleidern.

Sie schauerte zurück. Die Glocken kannten kein Aufhören, bliesen großmächtig, wie Trompeten.

So ließ sie es sein, schlug das schwerschwarze Seidenkleid um sich.

Herrlich dachte sie sich die eiskalte Stille der Kirche, eiskalt wie Apothekereis, das feine Klingeln der winzigen Silberglocken beim Allerheiligsten, die weißen Decken, spitzengekräuselt, am Hochaltar.

Langsam schleppte sie sich zur Kirche. Schwer war der Himmel verhängt. Sie wollte in die Vorstadtkirche. Dort hatte man sie getauft, gefirmt, dort war sie gut bekannt, eingetragen ins Kirchenbuch; dorthin wollte sie auch Kerzen bringen, Geld in den Klingelbeutel spenden, alles, alles abgeben bei »ein und demselben Herrn«.

Aber sie war schon lange nicht mehr dort gewesen, der Regen, großkörnig niederprasselnd, verwirrte sie, es hemmte sie die feuchte Schleppe, die sich spießte, nicht schnell genug mitwollte. Und die Glocken, in der schweren Luft dumpf gröhlend, betäubten sie, die Häuser kamen ihr unbekannt vor, schwarz: vom Regen wie von Erde verschüttet ...

War denn die Kirche immer noch nicht hier? Ins Ohr hinein brüllten ja die Doppelglocken ...

Die Häuser verloren sich, waren ganz wie Regen gefärbt, tauchten plötzlich wieder auf, kaum daß sie ausweichen konnte, und blieb sie stehen: ihr entgegen schienen sie sich zu drängen, aber zum Glück knapp vor ihr stehenzubleiben; sie hastete weiter, machte sich los von ihnen, rettete sich in einen Hohlweg. Von rechts und links war sie geschützt, eng erhoben sich neben ihr die Wände. Spärliches Gras hatten vorüberfahrende Karren abgeschabt. Ganz nackt, ganz gelb gleiste im Regen der Lehm. Kaum konnte sie vorwärts. Sie stand fest auf dem Kleid, aber sie riß, schleuderte sich weiter, sie krallte an der Schleppe herum, immer noch sah sie die Hände nicht, doch blieb der abgerissene Fetzen hinter ihr ... der Regen zielte ihr in die Augen, machte alles dunkel, zitterte an ihr herab, tötete die Nerven ab, machte alles dunkel, versunken.

Mit Wonne ließ sie den Kopf nieder, stützte sich auf die Knie, auf vier Gliedern ging sie. Tierisch, selig versunken. Mit beiden Händen arbeitete sie sich die lehmigen Wände des Hohlweges entlang. Wonnevoll fühlte sie Erde unter allen Gliedern.

Auf der Höhe: mühsam richtete sie sich auf, ließ die Arme an sich herabgleiten, leicht glitt der Regen über sie, zum erstenmal sah sie die Hände wieder weiß, rein, nahe vor sich.

Nahe vor sich, mitten im Mittagsgewitter, erschien ein Turm, ein breites Haus, vom letzten Regen umprasselt. Sie ging näher, glückselig, daß die Glocken endlich ausgespielt hatten. Die Sonne brach durch, weiß flammte es vor ihr: das weiße Haus, der hohe Schlot der riesigen Knochenfabrik.

Hitze schwelte, flimmernd hell im letzten Sprühnebel des Regens, durchblutet von brennenden Strahlen, durchdonnert vom dröhnenden Schwingen.

Wo war die heilige Stille am Hochaltar, die Eiseskälte, die herrliche Kühlung?

Knapp vor ihren Füßen breitete sich das Pferdebegräbnis , die Kadavergrube.

Acht tote Pferde lagen da, rührten sich nicht mit ihren ehernen Gliedmaßen, jedes achtmal so schwer wie ein Mensch. Das Fell war ihnen abgezogen, bald verweste das schäbige Fleisch der geendeten Tiere, bald waren die starken Knochen reif für die Knochenmühle.

In der Tiefe der Erdgrube lagen die Leichen der Tiere, schlafend Kopf an Kopf, und Glied an Glied gepreßt.

Wo waren die Beter, aufgerichtet beim Knien neben ihr?

Alle Tiere waren dunkel, dunkel wie das Seidenkleid, dunkel wie der tiefe Schrank ...

Die Bäuche, mächtig geschwellt, glänzten grün, schillerten. Ein kleiner Knabe, knallend mit langer Peitsche, war plötzlich da, lachte still vor sich hin, zog kantige Steine aus der Tasche, warf sie, einen nach dem anderen, in das Pferdebegräbnis, klatschte in weiche Massen, mitten hinein.

Es dröhnte eine Glocke. Grün schillernd hob sich weich, in langen Wellen sich beugend, eine Decke, glimmernd wie Samt: Milliarden von Fliegen summten, drehten sich in kleinen Kreisen.

Grauenhaft nacktes Fleisch, süß rosenrot, braun vertrocknete Sehnen, alles beschneit mit weißen Würmchen, offenbarte sich auf einen Augenblick, und schon senkte sich der Fliegenschwarm wieder. Bloß eine Stelle blieb weiß, ein Knochen, den ein Hengst, grauenhafter noch als die anderen in seinem Fleisch, sich zu Lebzeiten gebrochen hatte; denn noch lag Erde an den Knochenkanten.

Wo waren die weißen Decken, spitzenumkräuselt am Hochaltar?

Wieder lachte der Knabe, wieder plumpste weich ein Stein; Därme, von spitzigem Splitter getroffen, zischten los, teuflischer Gestank explodierte mit Wut:

Grauen drückte Olga nieder, Glocken dröhnten zum zweitenmal, ungeheure, glockensummende Fliegen machten sich heran an sie, setzten sich ihr ins Ohr, verstummten erst spät, als Olga mit den Fingern die Ohren verstopft hatte.

Wonnevoll still wurde es, Olga war daheim ...

Das war ihr heiliger Tag?

War das der heilige Tag?

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