Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henriette Paalzow >

Thomas Thyrnau - Zweiter Theil

Henriette Paalzow: Thomas Thyrnau - Zweiter Theil - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHenriette Paalzow
titleThomas Thyrnau ? Zweiter Theil
publisherVerlag von Albert Heitz
printrunSiebente Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071106
projectidcbe7b672
Schließen

Navigation:

Ehe die Grafen Wratislaw auf ihrer Herrschaft Tein das neue Herrenhaus erbauten, war die alte Teinburg nicht viel mehr als ein Obdach für gesellige Mahle oder für ein kurzes Nachtlager, wenn die Besitzer mit ihrem Gefolge und ihren heitern Gästen die großen Forsten zum fröhlichen Weidmannswerke besuchten. Daher kam es darauf an, daß sich ein großer Raum vorfinde, der die oft sehr zahlreichen Gesellschaftszüge, an denen fast immer Frauen Theil nahmen, beim Gelage zu fassen vermochte. Dagegen ward man mit den Nachtlagern leichter fertig; hier fand man oft wunderliche Verschlage ausreichend, weil überhaupt der Ruhe da wenig Antheil ward, wo der erste Strahl des Tages die Jäger hinaus lockte, um dem behaglich den Thau leckenden Wilde auch diese kurze Feierstunde zu schmälern.

Als mit den wechselnden Bedürfnissen der Zeit diese einfache Behausung nicht mehr ausreichen wollte, und die Herren und Damen in Seide und Sammet zur Jagd zogen, ließ der reiche Besitzer von Tein das größere Schloß emporsteigen, welches zwischen zwei Flügeln ein schönes Hauptgebäude zeigte. Dem Walde ward rund herum von der Kultur nachgeholfen, und bald sah man ihn zu jenen ernsten majestätischen Gartenanlagen umgeschaffen, die sich mit den Terrassen in Verbindung setzten und von Laubwänden geschützte offene Säle bildeten, in denen Kaskaden und Marmorsitze, von der ganzen Schaar der alten Götterwelt bevölkert, ihre reizvollen Räume den Festen ihres Besitzers darboten.

Es ist jedoch vorläufig nicht dieser glänzende Schauplatz, wie Manches er auch für unsere späteren Mittheilungen enthalten mag, der unsere Aufmerksamkeit fesselt; wir bleiben zuerst bei dem bescheidenen Aufenthalte stehn, der den Vorfahren jener prachtliebenden Nachkommen für ihre Ansprüche ausreichend schien.

Wie schon gesagt, fragte es sich dabei nur um einen großen Raum, der einen vielversprechenden Heerd enthielt und in welchem die Tafeln Platz hatten, an denen der lebhaft erregte Appetit bei lauten Scherzen Befriedigung fand.

Dieser Zweck zeigte sich hier in einer merkwürdigen Ausdehnung erreicht, und wie wenig auch die damaligen Herren nachfragten, wie dies alte Haus, von wem und zu welchem Zwecke es erbaut sein möchte? – zufrieden, daß es da war und sich ausreichend erwies, – der spätere Beobachter, welcher der grauen Vorzeit nur noch als grübelnder Forscher angehörte, mußte voll Erstaunen nachfragen, zu welcher Zeit und welchem Dienste geweiht, es entstanden sein konnte.

Es gab hierüber so viel Meinungen als Forscher. Alle kamen aber darin überein, daß es einer vorchristlichen Zeit seine Entstehung danke. Eben so trat es hervor, daß es später seine Bestimmung geändert habe. Es wollten sich Konstruktionen zeigen, die nach und nach hinzugefügt, allen Scharfsinn verwirrten, denn während immer der letzte Besitzer die Ansprüche und Einrichtungen des Vorgängers wenig beachtet, oder sie noch weniger verstanden hatte, waren neben und durch einander die seltsamsten sich widersprechendsten Motive gehäuft, und da keine schriftlichen Urkunden vorhanden waren, wäre es nöthig gewesen, daß die alten Mauern selbst die Kronik ihres Daseins und der Veränderungen, welche sie erleiden mußten, erzählt hätten, denn ihre Forscher scheiterten an unlösbaren Problemen.

Dies alte Haus lag am Rande des Waldes, in dessen Mitte sich das neue Schloß gelagert hatte, und war von der einen Seite nur durch einige mit Gräben umzogene und von einzelnen Baumgruppen bedeckte Weideplätze von der Dorf- oder Landstraße getrennt, die neben der ganzen Vernachläßigung früherer Zeiten doch eine Art Leben zeigte, da der Ort selbst in Folge mancher Vergünstigungen seiner Herren sich gehoben hatte. Durch einige Handeltreibende und mehrere Werkstellen von Handwerkern zeigte sich hier eine größere Thätigkeit, und die Nachbardörfer, die keine Aufmunterung zu solchen Unternehmungen erhielten, traten in einen lebhaften Verkehr mit den Bewohnern von Tein, welche ihnen manches Bedürfniß zu liefern vermochten, was sie sonst aus der entfernteren Stadt bezogen hatten.

Nach dieser Dorfstraße nun lag die vordere Seite des Hauses; die hintere Seite lag dagegen ganz in den uralten Ulmenbäumen, die es hier wie ein Gürtel umschlossen. Die Aussicht aus den wenigen Fenstern reichte hier nur bis in ihre dicht verwachsenen Blätterkronen, oder auf die schonend gehauenen Wildwege, oder ließ die einzelnen Weideplätze mit ihrem schimmernden, helleren Grün durch die dunklen Stämme der alten Riesenbäume hindurch leuchten. Auch trug das Haus hier einen noch viel älteren Karakter. Es waren nur wenige Fenster zu sehen, und diese nicht an der Hauptfront, sondern in den Thürmen, die das Haus an allen vier Ecken zeigte. Die Hauptwand aber war von großen Steinmassen an einander gefügt und zwar im wunderlichsten Gemisch, denn der Unterbau, schwer und breit austragend, war von sorgfältig behauenen Granitblöcken, und darüber lagen die Wände in Sandstein geschichtet, und Karniese und Rundbögen, die auf niedrigen halb hervortretenden Säulen ruhten, waren von Marmor, wiewol jetzt verwittert und vielleicht nie von sorgfältiger Arbeit und Politur. Diese Wand schien allerdings die Behauptung zu rechtfertigen, daß hier zuerst ein Tempel beabsichtigt war, denn selbst die Ausfüllungen zwischen den Säulen konnten späteren Ursprungs sein.

Jedenfalls gehörten aber die vier runden Thürme, die an den Ecken aufgeführt waren, einer neueren Zeit an, denn sie waren von gebrannten Ziegeln in die Höhe geführt und hatten eine Mauerkrone, wie sie zuerst an römischen Kastellen sichtbar wurde. Diese Thürme nun gaben die Veranlassung, daß der am längsten gekannte Name des alten Hauses, nämlich der der Teinburg, unterging, denn seit undenklichen Zeiten horsteten auf den beiden Thürmen, die an der eben beschriebenen Waldseite lagen, zwei Dohlen-Familien, die durch die Länge der Zeit und durch den Umstand, daß dies alte Haus nie regelmäßig besucht und oft eine Reihe von Jahren ganz leer gestanden, ein solches Uebergewicht erlangt hatten, daß man ihren Bau schon aus der Ferne sehen konnte und ihr Geschrei oft weithin vernahm. So war ihr Besitzthum unter dem Namen des Dohlennestes in der ganzen Gegend bekannt geworden, und als endlich wieder namhafte Besitzer einzogen, hatte die Gewohnheit bereits den früheren Namen so verdrängt, daß es nun dabei verblieb, und so sagte Jeder: Herr Thomas Thyrnau sei ins Dohlennest gezogen, als dieser treue Freund des Grafen von Lacy das alte feste Haus für sich und seine Familie zu einem Sommer-Aufenthalt einzurichten versuchte.

Diese, durch ihn bewirkte, allerspäteste Ausstattung, die noch jetzt vollständig erhalten war, hatte freilich am meisten die Spuren verlöscht, welche früher Neugierde und Forschung anregten. Dessenungeachtet behielt das Ganze auch von Innen stets ein merkwürdiges und abweichendes Ansehn. Das ganze Haus bildete nämlich einen einzigen viereckigen Raum ohne Zwischenwände, und als Stützpunkt seiner darüber ruhenden runden Gewölbe diente ein kolossaler Pfeiler, der, in der Mitte des Vierecks stehend, der Träger dieses schweren Deckengewölbes war. Von ihm, wie von einem Palmbaume, stiegen die Zweige des Gewölbes in die Höhe und ließen sich dann an den vier Wänden auf regelmäßig verteilte, halb eingemauerte Säulen nieder. Die Höhe des Raumes war bedeutend, und dachte man sich die Gewölbe ohne die Zugaben, die jetzt die Form verwirrten, konnte man kaum anders glauben, als daß er bei seiner ersten Bestimmung dem heidnischen Tempeldienste angehört habe. Jetzt war der mittlere Pfeiler bis zu den Gewölben mit Eichenholz begleitet, und von ihm aus hob sich ein Holzgeflecht nach allen Seiten in die Höhe, das sich anfangs den Gewölben anfügte, dann aber wo diese sich rundeten, sie verließ und in gothischen Spitzbogen emporstieg. Obwol das Eichenholz von der Länge der Zeit zu einer an schwarzen Marmor erinnernden Substanz verwandelt war, hatte doch der geschützte Raum die reiche Schnitzarbeit daran wol erhalten, und so gab es ein Tage langes Studium, die phantastischen Bildungen zu verfolgen, die, wie aus heißen Fieberträumen entstanden, die schauderhaftesten Ungeheuer halb Mensch, halb Thier zwischen den lieblichsten Blumengeflechten, der treuesten Nachbildung zahmer Hausthiere oder Waldbewohner, bei kenntnißreicher Anwendung architektonischer Ornamente hier aufs kunstreichste vereinigt darstellten.

So hatte die Familie des Advokaten den Raum gefunden, denn mehreres hatten die fröhlichen Jäger, die vor ihnen hier zuweilen gehaust, nicht bedurft. Doch müssen wir noch einer großen wohl eingerichteten Feuerstelle gedenken, welche man damals, als die Grafen von Wratislaw hier rasten wollten, beim Wegräumen eines Berges von Schutt entdeckt hatte, und welche rechts vom Eingang die Mitte der Wand in ziemlicher Ausdehnung einnahm.

Der Eingang nun war eine große Thür von Eichenholz mit zwei Flügeln, zu der man von Außen durch einen kleinen Vorbau gelangte, wie man wol an Kapellen findet, worin das Glöckchen wie in einem Schreine hängt und Heilige aufgestellt sind. Auch hier bildete das Kreuz, an welches sich die Doppelthüren anschlossen, einen kunstreich geschnitzten Pfeiler, auf dem die Himmelskönigin stand mit der Krone auf dem Haupte und dem Jesuskinde im Arme; unter den Füßen befand sich versilbert die Sichel des Mondes. Es war eine jener anmuthigen farbigen Holzsculpturen, die hier durch schön gelungenen Ausdruck und harmonische Färbung ein sehr ansprechendes Kunstwerk ward. Die breite Schwelle davor war von schwarzem Marmor so wie die Pfosten der Thür, an der – wie herausgewachsen – das Becken zum Weihwasser hing. Das Erste, was die Aufmerksamkeit fesselte, sobald man über die Schwelle getreten, war der Fußboden im Innern, welcher nach sonderbaren hieroglyphischen Formen in schwarz und weißen Marmor gelegt, offenbar aus einer Zeit mit den Holzbogen der Decke war. An den Wänden zeigte sich bis zu einer mäßigen Höhe eichenes Täfelwerk, wodurch der kalte steinerne Raum bedeutend wärmer und behaglicher geworden war, und an den drei Wänden der Thür gegenüber liefen vom selben Holze Gallerieen herum, an denen auf der hintersten Wand zwei spiralförmige Treppen hinauf führten, deren fein durchbrochene Geländer, wie die der Gallerieen, zu einer Zierde des Raumes dienten.

Die Treppen führten zu den Thurmzimmern, die sonst nur von Außen durch jetzt verfallene Stufen, die daran gebaut waren, erreicht werden konnten, nun aber für das feinere Bedürfniß der späteren Bewohner durch diese inneren Treppen viel zweckmäßiger geworden waren. Jeder Thurm hatte zwei über einander liegende Räume; im oberen waren die Schlaf- und Geheimzimmer der Herrschaft, im unteren waren Schlafstellen für die Dienerschaft und Gelaß für die wirtschaftlichen Vorräthe. Die kleinen Eingangsthüren lagen in dem Täfelwerk versteckt. Zwei große Fenster zu beiden Seiten der Hausthür reichten nicht hin, diesen weiten Raum zu erhellen; aber im Sommer öffnete man noch die mächtigen Flügel dieser großen Thür und gewann dann Licht genug zu dem leichteren Verkehr, dem dieser Raum bestimmt war. Im Winter zeigte man sich um so mehr befriedigt, da der Kamin und die Lampe bald und gern in Thätigkeit gesetzt wurden.

Dieser Kamin, der zugleich der Heerd war, spielte eine große Rolle, und in Wahrheit, der kirchenartige Raum des Hauses, in dem sein Ansehn behauptet ward, mußte so groß sein, damit sein oft sehr anmaßliches Treiben doch fast unbeachtet vorübergehen konnte. Sein hoher gemauerter Rauchfang stieg bis in die Gewölbe der Decke empor und ihn umbaute die um ihn geschwungene fortlaufende Gallerie im abenteuerlichen Zuschnitt. Um die Fortschritte der Küchenherrschaft etwas einzuschränken, waren Gitter gezogen, die diesen Raum in einem regelmäßigen Viereck abzweigten und ganz verschlossen werden konnten, ebenfalls durch Gitterthüren, gewöhnlich aber nach dem mittelsten Pfeiler zu, der dem Kamin gegenüber lag, geöffnet standen. Um den Pfeiler herum liefen Bänke, und es stand davor, nach dem Kamin zu, eine lange Tafel von polirtem Eichenholz mit dazugehörenden Stühlen.

Dieser Platz ward jedoch mehr für Wintertage und für die Abendzeit benutzt. Der Hauptruheplatz der Familie war aber linker Hand von der Thür unter dem einen der schon erwähnten großen Fenster. Zwischen der Thür und diesem Fenster trat eine Wand in den größeren Raum, vielleicht zwölf Fuß weit, hinein. Sie war eben so hoch und von demselben Getäfel, wie das, welches die Wände umzog, und endete in einem zierlich gewundenen Säulchen. Wenig mehr als einen Schirm beabsichtigend, bildete sie durch ihr festes Material doch ein kleineres Zimmer, was wieder nach vorn offen in den großen Hausraum ausmündete. Ein langer schmaler Tisch von köstlicher Arbeit, mit den seltensten Hölzern eingelegt, stand in der Mitte; blanke Beschläge ließen sich an den schönen Fußgestellen und den darunter weglaufenden Fächern sehen – um diesen Tisch standen zwölf eben so kunstreich gearbeitete Lehnstühle mit roth sammetnen Kissen belegt, und den Fußboden bedeckte ein türkischer Teppich von großer Schönheit. An dem Fenster befand sich in vergoldeten Ringen ein schwerer Damastvorhang von dunkelrother Farbe, und in seinem Schatten standen in der tiefen und breiten Fensternische leichtere Lehnstühle und ein kleiner Schrein, in welchem Frauenarbeiten, Andachtsbücher oder die Historien aufbewahrt wurden, welche die langen Winterabende verkürzen halfen.

Hier versammelte man sich zum Frühstück und Mittagstisch, empfing seine Gäste und betrieb die leichteren Arbeiten, bei denen man nicht ganz der Geselligkeit entbehren wollte.

Die Thurmzimmer dagegen waren nach dem Bedürfniß der Familienglieder vertheilt, und wir werden sie später kennen lernen.

Es war gegen die Mittagszeit, als an dem Heerde, den wir so eben beschrieben, eine wachsende Thätigkeit das Herannahen der Tafelstunde verkündigte. Ein lieblicher Duft verbreitete sich in seiner Nähe, und neben siedenden Töpfen und Kesseln drehte sich der Bratspieß mit dem zarten Rücken des jungen Reh's, während in kupfernen Gefäßen die fetten Wachteln zwischen jungen Kräutern in ihrem eigenen Fette dämpften und eben die Kellen sich arbeitend rührten, die feineren Backwerke zu bereiten, ohne die eine süddeutsche Tafel zu keiner Zeit herzustellen war.

In diesem lebhaften Treiben führte eine bejahrte Frau die Oberaufsicht, die durch ihr stilles leises Wesen um sich her eine Herrschaft übte, die weit von dem gewöhnlichen Verkehr in einer thätig besorgten Küche abwich. Dabei schien es weder Furcht noch Trübsinn, was hier waltete; denn der Knabe, der den Bratenwender besorgte, ergötzte sich dabei, indem er bald pfiff, bald mit großer Täuschung die Stimmen von Vögeln oder von verschiedenen Hausthieren nachmachte, und zwei Mägde unterhielten sich bei ihrer Arbeit, zwar mit leiser Stimme, doch oft durch lautes Gelächter unterbrochen.

Dies Alles ging an der würdigen Dame, welche von Allen Frau Gundula genannt wurde, unbeachtet vorüber. Sie bewegte sich ruhig von einem Ort zum andern, rührte hier in einem Topfe oder Kessel, legte dort das Holz zurecht, blickte in die Schüssel, in der die eine Magd einen Teig rührte, und warnte die andere, den Fisch sorgsam zu schuppen. Zuweilen verließ sie dazwischen das Gitter des Küchenreviers und richtete ihre Blicke auf die kleine Tafel, die unter dem obenerwähnten Fenster zu drei Gedecken von einem Diener zugerüstet ward. Hierbei erhob sie hin und wieder ihre sonore Stimme zu einigen Worten oder öffnete mit dem an ihrer Seite hängenden Schlüsselbunde eins der Schränkchen, die in dem Getäfel verborgen waren, um einen schönen Pokal oder ein fein geformtes Silbergefäß zu irgend einem Gebrauch der Tafel dem alten Diener zu übergeben, der mit besonderer Aufmerksamkeit sein Geschäft zu treiben schien.

Jetzt setzte er noch, mit der größten Sorgfalt bemüht, die Mitte der oberen Tafel zu treffen, das kunstreich in Silber getriebene Salzfaß auf, und nachdem sein Blick wohlgefällig über jeden Gegenstand hinweg glitt, rieb er sich die Hände und nickte vergnügt mit dem Kopfe.

»Ich denk', es ist nun ohne Tadel,« sagte er – »und wenn wir auch nur im Walde hausen und von den vornehmen Wienerschen Leuten nichts absehen können – wir wissen doch zu leben und der Hochmuth kann auch nicht weiter, als Alles haben, was er braucht! und ich denke, hier soll nichts fehlen – Alles wohl und genügend sich finden!« Er richtete diese letzten Worte an Frau Gundula, und diese übersah mit ihm die wohlgerüstete Tafel und nickte ebenfalls wohlgefällig. »Ohne Tadel! ohne Tadel! mein lieber Veit! Alles an seinem Ort,« sagte sie dann – »nur daß wir nicht die Flaschen zu kühlen vergessen!«

»Nun, Madame!« sagte Veit, schon etwas beleidigt – »da hätte Ihr gehorsamer Diener denn freilich die Hauptsache vergessen und möchte wohl wissen, wie der Herr Doktor Hieronymus den Mund ziehen würde, wenn der alte Johannisberger flau wäre.«

»Ja!« sagte Gundula – »und der Herr versteht auch keinen Spaß, wenn's einen andern gilt.«

»Der Herr, ja, der Herr, Madame,« – fuhr Veit nachdenkend fort – »heute wird er es merken, wenn der Wein kühl ist und Euer Braten saftig und die Tafel vollständig – aber sagt selbst – thäten wir's nicht alle Tage zu unserm eignen Vergnügen, würde er es merken, wenn wir's unterließen!«

»Ich möcht's nicht versuchen!« entgegnete Gundula – »das Ungehörige hat er überall schnell fort, das Gute aber ist ihm bequem. Er darf es fordern, es fällt ihm nicht auf, daß es da ist – warum soll er es erwähnen?«

»Ja! ja!« sagte Veit – »es muß sich immer Alles von selbst bei ihm verstehen, und Alles findet seinen Platz. Ißt er – denkt man, er thäte nie Anderes und Lieberes als Essen – schläft er – o Himmel! ein alter Herr – und ich wollte meine lauteste Jagdflinte an seinem Bette losknallen – er thät wie nach einer Fliege schlagen und schlief weiter.«

»Dafür ist er auch mäßiger als der jüngste Mann,« erwiederte Frau Gundula – »und wie oft er auch mit dem Leben von Vorne hat anfangen müssen, immer kommt er wieder oben auf.« »Ja! er hat seine Kräfte alle Tage nöthig gehabt! Er hat viel erlebt, Frau Gundula – und wir beide mit ihm.«

Gundula seufzte. »Wenn ich die Tafel zwischen sonst und heute denke – wie viel Plätze hier leer sind – ach Veit! als wir nach der langen Trennung hier zuerst wieder einzogen, da war's mir anfangs, als könnte ich es bei meinem alten Herrn nicht aushalten. Fort wollte ich, weit von ihm fort, um hier dem Schmerz zu entlaufen, all die leeren Stellen zu sehn, wo meine Engel sonst lebten. Aber bessrer Rath kam von Oben. Mußte er es doch tragen, der gute Herr – und trug es leichter, wenn er uns alte Diener Alles in die gewohnte Ordnung bringen sah.«

»Das soll wohl sein!« erwiederte Veit – »er hat aber nicht, so wie wir, nur die eine Stelle. Was uns hier fehlt, das fehlt unserm ganzen Leben. Er aber – fehlt's hier – so blieb es ihm vielleicht wo anders. Wo ist seine Heimat – wissen wir's. Ist sie hier – ist sie in Prag – ist sie auf dem Schlosse – ist sie gar drüben bei den französischen Herren? Wir wissen's nicht!«

»Wir wissen es nicht,« wiederholte Gundula – »doch denke ich immer, das ist des Menschen Heimat, wo er Weib und Kind ansiedelte und wohin er das trägt, was er lieb hat.«

»Freilich, man sollte es denken,« sagte Veit – »und was Liebes hat er freilich wieder nach Hause gebracht. Wie sie ihrer Mutter gleicht – nicht!«

»Wohl! wohl!« sagte Gundula – »ich sehe Gottes Wunder. Wer hat sie's gelehrt – wo hat sie's abgesehn? Wenn sie Gundula ruft, so glaube ich, ihre Tante zu hören – derselbe Ton der süßen Stimme – wenn sie niederduckt, daß ich suchen soll, von welcher Seite sie ruft – gerade wie ihre Mutter. Die kleinen Füße, wenn sie die Treppe herunter springt und bei den letzten Stufen sich an das Geländer hängt und wie ein abgeschossener Pfeil hinunter fliegt, wer hat ihr gesagt, daß es ihre Mutter eben so machte? Dann – wenn sie was haben will, die Augen – wie sie blitzen von Ungeduld! Sie bittet wohl, aber schon wird sie unruhig und denkt böse zu werden, wenn man nicht gleich nachgiebt.«

Im selben Augenblick flog eine dunkelrothe Nelke wohl gezielt der alten Frau Gundula in das hoch gesteifte weiß leinene Busentuch. »Marie und Joseph!« schrie die erschreckte Frau hell auf – und ein kurzes leises Gekicher über ihrem Haupte lenkte ihre Blicke nach der Gallerie empor. Magda's reizender Kopf sah über das Geländer lachend herüber.

»Siehst Du! alte Verläumderin!« rief sie – »da hast Du Deine Strafe! Ihr beiden alten Bösewichte! da steht Ihr und redet von Eurer armen Herrschaft, daß ihr auch kein gutes Haar bleibt. Wartet, das soll Euch heim kommen! Erst Euren alten Herrn durchgehechelt – und nun ward Ihr bei mir angekommen. He? sollte ich demüthig zuhören, wie viel Sünden Ihr mir auf mein altes Register zuschriebet? Schämt Euch, Ihr alten Gevattern! Fort! fort an Euren Platz! Du, sieh nach meinem Gebacknen – und Du alter Veit vor die Thür – hinaus mit Dir – es kommen Reiter über die Dorfstraße, gleich werden sie herein sein!«

»Wir gehen schon, mein Liebchen,« rief Gundula entgegen, während Veit dienernd und viel freundliche Worte murmelnd sich dem Eingang näherte. »Komm auch bald hernieder, mein Liebchen!« fuhr Gundula fort – »sieh nur, wie schön wir Dir's hier zurecht gemacht haben.«

»Denkst Du,« rief Magda – »ich guckte hier mit blinden Augen? Längst sah ich Dein Putzen und Trippeln und Rücken und Streichen – und doch hast Du's Beste vergessen – Du alter Leichtsinn!«

»Hilf Himmel! was denn mein Püppchen?« rief Gundula, die Augen forschend über den Tisch sendend. Doch im selben Augenblick flog ein solcher Regen von Blumen über die Alte her, daß ihr das Sehen verging, und als sie sich abgestreift und abgeschüttelt hatte, stand Magda schon vor ihr und hielt ein zierliches Gefäß von Silber in den Händen, worin die schönsten Blumen geordnet waren.

»Siehst Du,« rief Magda – »wenn ich nicht an's Beste dächte – wo bliebe es dann? Die schönste Tafel, die Du da mit Deinen schwerfälligen Geschirren beladen hast, ist todtes Gerüste ohne dieses hier. Mitten im Sommer eine Tafel ohne Blumen! Fort da mit dem alten Salzfaß – dahin müssen meine Blumen kommen!«

»Ach, Du Herzensschätzchen!« rief Gundula – »Das hast Du schön gemacht. Sieh! sieh! was das gut thut, wenn ein junges frisches Leben hinzu kömmt, wo so alte Leute steif und grau mit einander werden.«

»Siehst Du! Du alte böse Frau Du!« rief Magda, und schnell schlang sie beide Arme um ihren Hals und drückte sie ungestüm an sich. »Alte Verläumderin!« fuhr sie fort – »sag! machst Du mir heute auch meine Sahnentörtchen?«

»Ja! ja! mein Engel! sie backen schon!« rief Gundula, leuchtend vor Freude. »Nun sag' mir nur, Schätzchen – Du bist doch nicht im Ernst böse?«

Magda sah ihr so neckend in die Augen, als ergötze sie sich an der Ungewißheit der Alten. Eben wollte sie ihr antworten, da ging die Thür auf, und vor Veit, der die Flügel weit aufriß, trat der Gast ein, dessen Ankunft Magda verkündigt. Aber nicht der erwartete Pater Hieronymus, der Arzt des Hauses und der Gegend war es, sondern ein Anderer; ein Fremder, wie es Allen schien.

Wer aber, ohne viele Nachfrage, wie es schien, gesonnen war, hier Herberge zu nehmen, blieb eine ziemlich schwierige Aufgabe zu enträthseln, da es nicht in seinem Plan zu liegen schien, sich selbst bekannt zu machen. Unwirsch fragte er nach Herrn Thomas Thyrnau, und als man ihm sagte, er werde zu Mittag erwartet, brummte er etwas Uebellauniges in den Bart und befahl dem alten Veit, sein Pferd zu besorgen und ihm einen Becher Wein zu bringen.

Veit verneigte sich und sagte, der Reitknecht habe bereits das Pferd in den Stall gezogen und der Wein stehe zu Befehl.

Während dieser Worte schritt die breite muskulöse Gestalt des Fremden mit dreisten Schritten durch den ganzen Hausraum bis zum Tragpfeiler dem Kamin gegenüber, und die Stühle zurück werfend, die ihn hinderten, setzte er sich auf die Bank, die um den Pfeiler herlief, nahm seinen runden Jagdhut vom Kopfe, warf ihn auf den Tisch und stemmte dann beide Arme auf denselben, in die starken Hände von beiden Seiten den Kopf stützend.

Es lag eine Sicherheit, eine Bequemlichkeit in seinem ganzen Wesen, die den alten erfahrenen Dienern, trotz manches Widerspruches in seiner Erscheinung, doch zu dem Glauben verhalf, sie hätten es mit einem vornehmen Manne zu thun. Sein kurzer Jagdrock von Brabanter Tuch war zwar ohne Stickerei, aber von der feinsten Qualität; eben so war der Hut ohne Tressen und Federn, aber der Hirschfänger, den er so eben heftig mit sammt dem Gurte abnahm und zum Hute auf den Tisch warf, war von kostbarer Arbeit in Gold, Silber und Elfenbein, und ein Saum von farbigen Edelsteinen faßte den Rand der Scheide ein. An den großen über die Knie reichenden Reiterstiefeln hatte Veit goldene Sporen bemerkt, und Gundula sah an dem Ringfinger einen geschnittenen Stein, ebenfalls reich in Gold gefaßt.

Als ihm Veit den Becher mit Wein brachte, den er begehrt, zog er die Hände vom Kopfe und zeigte sein starkes gefurchtes Gesicht, was nach Art der Jäger von Luft, Sonne und starken Getränken, welche zur Jagdlust gerechnet werden, in dunkler Farbe glühte. Seine Stirn war breit, aber niedrig gebaut, die Nase kurz und mit dicken beweglichen Nüstern. Er hatte volle aufgeworfene Lippen, die sich trotzig in den Winkeln senkten, ein Zeichen hochmüthiger Gesinnung. Die Augen lagen tief in beiden Augenliedern und hatten die undeutliche Farbe, die den Stern des Auges mit dem Augapfel verschwimmen macht. Hier war der sonst weiße Grund fast immer röthlich unterlaufen, der Blick hatte ein stolzes Ueberhinfahren; faßte er aber, so fühlte man ihn wie einen Stich und fragte sich, wo man verletzt worden. Sein Haar war ohne Perücke oder Puder, wie die Herren es wohl bei der Jagd trugen, rund um den Kopf gleich lang geschnitten; es ergraute bereits stark und überhaupt mußte man ihn für einen Mann halten, der über sechzig Jahre zählte.

Nachdem er den Becher in einem Zuge zur Hälfte geleert, setzte er ihn auf den silbernen Teller, den Veit hielt, und senkte sein umherirrendes Auge auf den alten Diener.

»Das ist das alte Dohlennest?« sagte er dann mit rauher Stimme, und ein heiseres Lachen entstellte ihn ungemein nach diesen Worten.

»Ja, Herr!« erwiederte Veit, und dem Beherzten graute vor dem höhnischen Ausdruck, der diese Worte begleitete. »Das Volk hier umher hat das Haus meines Herrn, ehe er es bewohnte, so getauft. Danach ist es so geblieben.«

»Aber für ein Nest, denke ich, ist es ziemlich leer,« fuhr die höhnende Stimme fort. »Die alte Dohle hat ihre Brut nicht gut beisammen gehalten und ist selbst unstät geworden; sonst, will mir scheinen, paßt das alte Nest gut für derlei Kreatur!«

Bei diesen Worten ließ sich ein kurzes Dohlengeschrei hören und der Fremde fuhr nach allen Seiten mit dem Kopfe herum; da es aber schon verstummte und er in den Zügen des Dieners keine Auskunft fand, blickte er mürrisch vor sich nieder.

»Herr, begehrt Ihr noch zu trinken?« rief hier der alte Veit, dem das Herz vor Unwillen schwoll und der es vielleicht sehr stolz fand, daß der ungerufene Gast ihn wie einen leibeigenen Diener den Becher halten ließ.

»Alter Bursch!« rief der Fremde mit einem zornigen Augenblitz – »hast Du Geschäfte, wenn Du die Ehre hast, mich zu bedienen?«

»Da ich nicht weiß, wer meine Dienste begehrt,« entgegnete Veit mürrisch, »kann ich keine große Ehre drin erkennen. Indessen wird es Euch an billiger Höflichkeit nicht fehlen, da Ihr das Gastrecht in meines Herrn Hause ansprecht.«

Ein kurzes spöttisches Lachen brach aus dem Fremden hervor. »Gottes Blitz!« rief er – »alter Narr, Du bist sehr herablassend. Nun gieb den Rest her – ich will den Becher ausleeren auf die blühende Nachkommenschaft des Herrn Thomas Thyrnau – auf die alten und die jungen Dohlen dieses Nestes!«

Es schnitt dem Alten wie Messer durchs Herz und traurig senkte er den Kopf und schwieg, während Jener trinkend über den Becher ihn beobachtete. Doch im selben Augenblick ließ sich das Dohlengeschrei viel lauter hören, ja! es war, als ob zu gleicher Zeit Mehrere sich heftig zankten. Anfänglich schaute der Fremde wieder umher, dann schien er sich über seine eigene Aufmerksamkeit zu ärgern und fuhr höhnisch fort: »Nun, hab' ich's noch nicht recht gemacht?« rief er in roh neckendem Tone. »Sag', Alter, wie viel Nachkommen zählt jetzt Dein Herr? Ich denke, er muß Schwiegersöhne und Enkel in Fülle haben, daß dies ganze Nest davon voll werden kann.«

»Der Wille des Himmels hat es anders gewollt!« erwiederte der Alte düster – »mein Herr hat wenig von seinem reichen Stamme und seinem Familienglück übrig behalten.« »So« – sagte der Fremde – »kam ein mächtigerer Stoßvogel unter die junge Brut, vor dem die alte Dohle sie nicht decken konnte?«

Doch während dieser Worte sah er, daß der Diener die Augen nach der Decke erhob, und unwillkürlich folgte er derselben Richtung und sah jetzt grade vor sich auf einer offnen Gallerie, die über dem Rauchfang des Kamins schwebte, ein so schönes, junges und phantastisch gekleidetes Mädchen, daß ihm das Wort ausging, und er erstaunt mit seinen Blicken an der reizenden Erscheinung haften blieb.

Diese dagegen schien, des Eindrucks sicher, bemüht, ihn durch ihre stolze feste Haltung noch zu verstärken. Ihr Auge ruhte zürnend unter leicht zusammengezogenen Brauen auf dem anmaßenden Gaste, und ihre Haltung drückte eine stumme doch unverkennbare Wichtigkeit aus. Der Fremde erhob sich, nahm seinen Hut und wedelte damit, während er den steifen Rücken zu krümmen suchte, wie zu einem mißglückenden Gruße.

Das Mädchen hob die Hand auf und machte eine so stolze Bewegung damit, wie etwa Maria Theresia auf dem Throne ihrer Väter.

»Wer? wer ist die Dame? sagte der Fremde eifrig, seine Augen unverwandt auf sie geheftet.

»Es ist die letzte Dohlenbrut, die der Stoßvogel verschonte!« antwortete statt des Dieners das Mädchen von Oben herab mit einer ernsten sonoren Stimme, die den Fremden so erschreckte, daß er zurück fuhr und mit beiden Händen die niedrige geheimnißvolle Stirn bestrich, wodurch der eiserne, anmaßende Mann fast den Anschein von Verlegenheit oder Schrecken erhielt. Die Stimmung schien ihm fremd; er konnte sich nicht begreifen; er hob den Blick entschlossen zu der Gallerie empor – da stand dasselbe Mädchen noch eben so ruhig wie vorher und ihren scharfen Augen war die Wirkung ihrer Worte nicht entgangen. Es schien ihren Muth zu heben, daß sie den rauhen Gast verblöden sah.

»Nun? wollt Ihr vielleicht der Stoßvogel sein, der in das Dohlennest eindringt, die junge Braut zu vertilgen?« fuhr sie fort. »Versucht's! wenn Ihr Uebung habt und erhebt Euch – denn jetzt steht die Dohle über dem Geier! Der offene Kampf wird schwer, denn Eure Flügel sind wohl nicht mehr die geschwindesten?«

»Ha!« rief der Fremde ungestüm – »was wagst Du? Mädchen! Mädchen: welche Sprache!« Er war glühend roth geworden und die wildeste Ader, die der Jähzorn gebildet, schoß wie eine ringelnde Schlange auf der Stirn hervor. Er hoffte sie mit seinen Blicken zu erschrecken, aber er schoß sie vergeblich hinauf. Jetzt erst legte Magda ihre beiden runden Arme auf die bunte Brüstung des Geländers und schaute hinab, wie in ein Schauspiel, und eine Laune, aus Zorn und neckendem Muthwillen gemischt, lockte sie zur Verfolgung des unbändigen Mannes.

»Was meinst Du, Herr Stoßvogel, daß ich wage? Dachtest Du, Dohlen hätten keine scharfe Schnäbel – könnten sich vor giftigem Biß nicht wehren? Sahst Du den Augenblick aus, wo das Nest leer von dem alten Dohlenvater ist – und bist nun verwundert, daß die junge Brut auch mit den Flügeln schlagen kann?«

»Wildes, unbändiges Mädchen!« rief der Fremde zornig. »Hüte Dich, den Stoßvogel zu reizen! Er ist mächtig genug, sich zu erheben, und Du – die Letzte der alten verwünschten Dohlenbrut, wirst ihm nicht zu hoch stehn, Dich zu erreichen; denn Der, den Du höhnest, hat auf derlei Geschmeiß einen sicher erprobten Stoß.«

»Ja!« rief Magda lachend – »so siehst Du aus – und träfe ich den Herrn Stoßvogel im Walde, flöge ich, wo das Rohr am dicksten ist. Doch hier schien es mir Zeit, daß dem Herrn gelehrt würde, er horste nicht im eignen Neste, sondern wo die Dohlen das Regieren und Befehlen haben. He! Fledermäuse und Käuze, meine getreuen Diener, herbei! schenkt dem Herrn Stoßvogel noch einmal den Becher voll! Solche hochziehende Herren haben immer Durst! Auf Wiedersehn!«

Bei diesen Worten verschwand Magda und ließ den erzürnten Gast in einem Zustande zurück, den er selbst nicht deutlich zu fassen vermochte. Das Mädchen hatte ihn auf eine Weise gereizt, als wisse sie die empfindlichsten Stellen seines Innern. Er war durch Umstände, die nur zu mächtig in sein Leben eingeschnitten, bis zur Wildheit durch ihr ganzes Wesen erschüttert worden. Er haßte sich wegen der Niederlage, die er erfahren, aber er ballte zugleich die Faust und drohte ihr nach, als sie verschwand. Und dennoch war es so unglaublich, daß sie gerade so ihn habe treffen wollen! Es war Zufall, mußte er sich eingestehn. Plötzlich sprang seine ganze Stimmung um, und er fand es höchst belustigend, was hier vorgefallen; sogleich brach ein lautes rohes Gelächter aus seinem Munde und der alte Veit, der ihm so eben den zweiten Becher Wein brachte, fuhr erschrocken zusammen.

»Nun, Herr Kauz!« rief er – »Deine Herrin ist eine wilde Hexe, die ihr Nest gut vertheidigt, und Du scheinst nicht halb so viel Courage zu haben.«

»Ich habe so viel, als es einem Diener zukommt, Herr! Mit Worten geziemt es uns nicht in den Krieg zu gehn!«

»Geht! Alle geht!« sagte der Fremde verächtlich – »laßt mich in Frieden, ich bin müde und will schlafen, bis Euer Herr kommt, dann könnt Ihr mich wecken.«

Hiermit schlug er die Arme in einander, zog die Schultern in die Höhe und bald trat das unliebliche Schlummern eines von Luft und Anstrengung erhitzten Reisenden ein. Sein Athem war schwer und dumpf röchelnd, als koche es in der breiten Brust, und die Nüstern schnauften, als entlüden sich durch sie Rauchsäulen von diesem glühenden Heerde.

Die alten Diener fühlten sich durch diesen Gast ungemein in ihrer Würde gekränkt. So ungebührlich das Haus ihres Herrn in Anspruch zu nehmen, schien ihnen eine Beleidigung, die sie um so mehr mit Abneigung vergalten, da ihnen keine andere Gegenwehr zustand. Aber das kleine Gitter am Heerde faßte sie nun Alle zusammen, um sich ihre Freude auszusprechen, daß der Liebling Aller, ihre junge Herrin, so muthig eingeschritten war.

»Das ist ein Kind,« sagte Veit – »immer auf dem Platz! Nichts läßt sie sich gefallen, immer kennt sie ihr und der Andern Recht und hält es fest und weiß es zu handhaben!«

»Ja,« sagte Gundula – »warum ist sie ein Mädchen geworden! Die müßte den Namen des alten Herrn fortpflanzen – da könnte die Welt noch einen Thomas Thyrnau erleben.«

Vom Bratenwender her ertönte ein leises Dohlengeschrei. »Bezo,« sagte Frau Gundula – »laß die Thorheiten! Wir sind, denke ich, Alle froh, daß der Eindringling schläft. Wecke ihn nicht durch Dein Gekrächze.«

»Stoßvogel kratzen Augen aus – für Magda« – rief der arme halb blödsinnige Mensch. »Magda, junger Bachstelz – wie die Sonne hell – alten Stoßvogel würgen!«

Alle lachten. »Seh' nur Eins den Buben!« sagte die Großmagd – »da denkt man, er hat seine Sinne nicht, und oft weiß man nicht, ob er nicht klüger ist, wie ein Begabter.«

»Dem sitzt der Verstand in seinem treuen Herzen,« sagte Gundula – »Oft schon habe ich bemerkt, daß es seine Sinne weckt, wenn er den Namen derjenigen hört, die er liebt – und dann ist's wieder vorbei, so schnell wie es kam. Seht ihn jetzt einmal an, wie mehr als kindisch, wie ganz blöde er vor sich hinstarrt; jetzt ist der Jagdhund an seiner Seite klüger als er.«

Das war eine traurige Wahrheit. – Bezo war eine Waise – ein Findling, wie der Krieg sie oft auf seine Straße streut. War es frühere Verwahrlosung, waren spätere schreckliche Eindrücke aus den Verheerungen dieser Zeit, Veranlassung – man fand ihn den wilden Thieren ähnlich, von Wurzeln lebend, unter den Bewohnern des Waldes, die ihn duldeten wie einen Gefährten, deren Futter er theilte, unter denen er wie unter seines Gleichen schlief. Jäger hatten ihn gegen den Winter auf den Futterplätzen entdeckt und nach vieler Mühe endlich eingefangen. Menschenfreundlich hatten die Bewohner des Dohlennestes ihn aufgenommen. Lange dauerte es, ehe er nur die Sprache wiederfand, ehe er es ertrug, unter Menschen, unter einem schützenden Dach, in wärmenden Kleidern zu leben. Nach und nach tagte sein Bewußtsein; aber, obwol fortgesetzt gütig behandelt, erhob sich sein Verstand doch nur bis zu den Verrichtungen und Beobachtungen eines klugen Hausthieres. Dennoch war er von Allen geliebt, denn er hatte auch alle Tugenden dieser Thiere – anhänglich, wachsam, aufopfernd, unverdrossen; und so bildete sich bald ein kleiner Kreis für ihn, in welchem er thätig ward und worin, durch das sich immer mehr entfaltende Bewußtsein des Herzens, sich oft Blitze eines höhern Zustandes zeigten, die, freilich ohne Zusammenhang, auch nichts in ihm förderten, weshalb man ihn endlich gewähren ließ, erwartend, was er selbst gelegentlich an sich entfalten würde. Wie alt er sein mochte, war schwer zu bestimmen. Seine Natur war zurückgedrängt, die Beine krumm und dünn, die Arme lang und der eine kürzer als der andere. Das Gesicht war gelb, alt und von thierischem Ausdruck; dennoch schätzte ihn der Arzt jetzt erst höchstens zwanzig Jahr und ein Fremder wußte beim ersten Anblick nicht, ob er ein Kind oder einen Greis sah. Bezo hatte er sich selbst getauft, denn es war das erste Wort, das er zum Menschen zurückkehrend herausstieß. Dabei war er ein Meister im Rennen, Klettern, Springen und außerdem lernte er manche Geschicklichkeiten; er schnitt zierlich in Holz aus, er putzte die Gemüse, er säuberte und pflegte die Hunde und Vögel, er war unschätzbar auf der Jagd und schoß, als sei es ihm angeboren, mit einer Schärfe des Blicks und einer Schlauigkeit der Berechnung, daß ihn kein indianischer Wilder hätte übertreffen vermocht. Dagegen liefen Magda's Bemühungen, ihn lesen zu lehren, schlecht ab; er sah sie immer starr an und lachte wie ein Wahnsinniger zu ihren Bitten, ihr zuzuhören. Doch hatte sie ihm einige Gebete beigebracht, die er zuweilen hersagte, wenn er sie sah, und regelmäßig jeden Morgen und Abend auf seinem Lager. Sie hoffte, er habe durch ihr Bemühen eine Ahnung von dem höchsten Wesen, wozu Alle liebevoll schwiegen, obwol es den Meisten schien, daß er Magda für das hielt, was sie als erwachendes Bewußtsein für die Güte Gottes auffaßte.

Seine Liebe zu ihr war die entwickeltste Erscheinung in ihm, und da Magda sie nicht ahnte und in ihrem menschenfreundlichen Eifer seine Erziehung im Sinne hatte, fehlte es nicht, daß sich ihren Bemühungen oft überraschende Zeichen erweckten Bewußtseins zeigten. Er hatte sie bei ihrer Anwesenheit immer im Auge, ja er nahm ihre Nähe mit einer Schärfe der Sinne wahr, die über die Verrichtungen des Gehörs und Augen gingen, und zeigte ihre Annäherung immer durch eine seiner neckischen Nachahmungskünste an, entweder durch das Nachsingen eines Vogels oder durch Bellen und Miauen. Er, der ihren Bedürfnissen so fern stand, erkannte oft Beziehungen, die ihr lästig oder hinderlich werden konnten, mit einer instinktartigen Schärfe, und die Art, mit der er sich anschickte, sie davon zu befreien, belehrte erst darüber, daß sein Geist selbst eine gewisse List und Schlauheit entwickeln konnte.

Doch waren alle Versuche diese Entwickelung, die Magda in ihrer Gewalt hatte, auf andere Gegenstände zu übertragen, vergeblich! Für die übrige Welt blieb er taub und blödsinnig, und seine Treue, Güte und Umsicht erhob sich, wie gesagt, nicht über die eines gelehrigen Hausthieres, wozu noch nach Magda's Entfernung jeder Zeit eine höchst trübe Periode eintrat, in der man ihn zwingen mußte zu essen, um ihn gegen Verhungern zu schützen, und wo das Aufblitzen Intelligenter Kräfte völlig wieder zurücktrat.

Auch jetzt war er wieder in die gleichgültige Ruhe versenkt, aus welcher er dann nur durch Magda zu wecken war, und diese hatte sich auf die Plattform ihres Thurmzimmers zurückgezogen; sie beobachtete den Weg, den der Großvater kommen mußte, und den sie über die Wipfel des Waldes hinweg ein Stück in das Dorf hinein von dort aus verfolgen konnte. Jedoch sah sie den Erwarteten nicht; statt seiner aber den Pater Hieronymus, den alten Arzt, ihren Reisegefährten. Seine Ankunft war ihr ein Trost; denn unheimlich hatte sie der fremde Gast aufgeregt, und trotz dem, daß sie ihn so mit all den kleinen Wortgeschützen, die ihr zu Gebote standen, angegriffen hatte, fühlte sie doch keineswegs – und vielleicht eben darum nicht, weil sie sich zu Anfang gleich so verschossen hatte – eine große Sicherheit, und sie lief daher die kleine halsbrechende Treppe, die, in ganz rohe Stufe gehauen, sich von Außen her um den Thurm herumzog, eilig herab, und durch den Wald einen Seitenweg nehmend, erreichte sie das Maulthier des guten Hieronymus, ehe er sich dem Vorplatz des Hauses nähern konnte.

Bei ihrem Anblick stieg der Alte sogleich von seinem Sattel, und dem Maulthiere die Zügel überwerfend, sicher, daß es allein den bekannten Stall finden werde, folgte er seinem geliebten Pflegling durch einen kleinen Waldweg, der sie der Beobachtung entzog. Hier erzählte ihm Magda in fliegenden Worten von dem unheimlichen Fremden und ihrer Neckerei mit ihm, und begehrte, er solle jetzt voran gehn und ihn ernstlich fragen, wer er sei und was er wolle.

»Aha! meine Tochter!« sagte der Arzt lachend – »bei aller Keckheit fürchten wir uns jetzt ein wenig und wollen lieber im Hinterhalt bleiben, nachdem wir anfangs so muthwillig geplänkelt haben.«

»Du magst sagen, was Du willst,« rief Magda – »Furcht ist es nicht! Ich könnte jetzt zu ihm gehn, ihn aufrütteln aus seinem bärenhaften Gegrunze – ich könnte ihm sagen, wie widerwärtig, wie bös, wie gottlos er mir vorkommt – ich könnte ihm Vorwürfe machen – und da ich nicht weiß, worüber, weshalb – so würde ich ihm Vorwürfe machen, daß er überhaupt lebt – und wenn ich mir denke, er führe auf mich los wie ein wildes Thier, so lache ich vor Trotz, denn ich wollte ihn doch treffen und ihm gebieten, dünkt mir!«

»Und doch soll ich es für Dich thun, doch bleibst Du im Rückhalt! Der große Muth sitzt also doch wol nur in Deiner kecken Einbildung?«

»Nein, Hieronymus! Du bist alt und mußt Jedem Rede stehn, dem Guten wie dem Sünder, das hat Dich Dein Amt gelehrt. Du kannst es eher thun! Ich – nun ja – ich bin mir zu gut dazu – ich fühl's, wie eine Befleckung mit ihm – ich fühl' ein Grauen vor ihm. Das ist nicht Mangel an Vertrauen zu meinem Muthe, das ist, daß ich ihn meines Muthes nicht werth halte!«

Hieronymus lachte laut auf und sein väterliches Auge streifte den Liebling mit Wohlgefallen. »Mädchen,« rief er – »Dein Verstand hat Schliche! da kommt ein Anderer nicht nach. Aber Du machst Dir Alles zurecht, wie Du's brauchen kannst – gieb Acht, da keiner die Erziehung bei Dir übernommen hat, wird das Leben selber kommen und wird Dein Lehrmeister werden.«

»Das glaube ich selbst,« sagte Magda ernst – »und ich warte darauf, denn was Anderes lenkt und beugt mich nicht. Es möge aber nur kommen; ich habe immer die Gedanken, daß ich darauf eigentlich warte.«

»Behüte Dich Gott,« sagte Hieronymus – »und lenke Dein Herz, daß es nicht in eitlem Selbstvertrauen verhärtet. Mädchen! Mädchen! Du hast ein stolzes sündhaftes Vertrauen auf Deine Kraft; das ist aber der Stab, der zuerst bricht oder Dich an Abgründe und schwindelnde Höhen hinlockt, wo der Untergang Dir gewiß ist.«

»Du thust mir bitter Unrecht, Hieronymus!« rief Magda und faltete ihre Hände über die Brust zusammen. – »Was Du Selbstvertrauen nennst, ist nichts Anderes als Vertrauen zu Gott, um deß Willen ich den inbrünstigen innern Trieb fühle zu leben, so recht wie es sein Wille ist. Das kann ich nicht ohne seine Hülfe, darum kommt mir meine Seele vor, als läge sie immer in meinem geheimsten Innern vor Gott und bäte ihn, mit ihr zu sein! Dieser vor Gott betenden Seele thue ich aber nie genug, nie das Rechte – wie sollte mir also Selbstvertrauen kommen? Hörst Du es wohl? Selbstvertrauen ist es nicht! Aber Vertrauen, daß alles, was das Leben thun kann – ein Grashalm unter meinem Fuße wird, wenn Gott mit mir ist.«

»Das ist so übel nicht,« erwiederte Hieronymus und verbarg seine Rührung unter gleichgültigem Wesen. »Beten ist freilich die einzige Hülfe – und so laß denn nur Deine Seele vor Gott liegen; nimm Dich aber in Acht, daß Magda sie da nicht liegen läßt und indeß was Anderes thut.«

»Ja, Du hast Recht, Hieronymus! Magda thut oft ganz was Anderes, als die Seele will, die vor Gott liegt. Ich höre ihren Ruf – ich fühle, sie weint – und ich stehe ganz verhärtet dabei und sehe zu, wie ich mich von ihr getrennt habe. Das ist dann ordentlich schrecklich! Ich richte meine Augen so angstvoll darauf hin, und kann doch nicht wieder mit ihr zusammen kommen – und sehe, wie sie ringt und kämpft, um sich mit mir zu vereinigen, und wie ich leblos, todt, eine bloße leere Hülle, athmend ohne Leben, davor stehe! Das dauert oft seine Zeit – dann hat sie mich doch endlich los gebeten – mit eins geschieht das Wunder – ich bin wieder mit ihr vereinigt und sie ist dann voll göttlichen Odems – und mir schwillt von unaussprechlicher Seligkeit die Brust. Ich stürze dann hin in meinem Glücke und dann betet Magda oder die Seele – das ist dann gleich – aber es ist ein Jubel von Dank, was ich bete! Was denkst Du, Hieronymus? Glaubst Du, daß das Selbstvertrauen auf diesem Wege wächst? O so klein wird es – so klein! wie dies Würmchen, welches unter dem Moose vorkriecht, um ein wenig Sonne zu erhaschen.«

»Nun,« sagte Hieronymus – »immer habe ich gedacht, Gott bliebe selbst den Irrthümern gnädig, mit denen die Menschen sich oft belasten, um den Weg zu ihm anzutreten. Glaube an ihn – so wird er Dein Warten nicht trügen.«

Sie waren tiefer in den Wald eingedrungen, als sie gewollt. Jetzt hatten sie einen um so längeren Rückweg; Hieronymus ging wegen der Mittagsstunde langsamer und Magda war still geworden und trieb auch nicht zum schnelleren Gehen.

Daher kam es, daß, als sie sich dem Hause näherten, sie erfuhren, der Herr sei schon eine Zeit lang zurück und wünsche allein zu bleiben, und als sie an der Hausthür vorüber gingen, standen die Flügel derselben beide geöffnet, wie es Thomas Thyrnau liebte, und man sah ihn an der Seite des Fremden lebhaft redend im Innern auf und nieder wandeln.

Kaum war ein größerer Kontrast zu denken, als beide Männer, die vielleicht im Alter wenig unterschieden waren. Thomas Thyrnau war freilich eben wie sein Gast das Bild der Männlichkeit, aber es war nicht wie bei seinem Gefährten, das der rohen Kraft, der Ausdruck unbeugsamer Leidenschaft. Thomas Thyrnau war größer als der Fremde, kräftig und breit in Brust und Schultern gebaut; wenn aber der Fremde auch starke wohlgebaute Beine hatte, waren sie doch durch Vernachlässigung oder vom vielen Reiten gekrümmt und sein Gang hatte die ungleiche Bewegung, welche davon entsteht. Im Gegentheil waren bei Thomas Thyrnau Bein und Fuß von vollkommen eleganter Haltung; sein Gang hatte eine militärische Genauigkeit; er schritt weit aus und sein Kreuz wie seine Gestalt war gerade und fest gebaut. Dabei ließ er jedoch gern den Kopf etwas auf die Brust sinken und trug – wie auch eben jetzt – beim Gehen gewöhnlich die Hände gefaltet auf dem Rücken. Sein Haar war zurückgestrichen und fein gepudert; es erhob sich ein wenig toupirt an den Schläfen und war in einem kleinen schwarz seidenen Catalion im Nacken zusammengefaßt. Niemals wäre Thomas Thyrnau auf irgend einem Platz der Erde zu übersehn gewesen. Wo er erschien, erregte er Aufmerksamkeit, und unwillkürlich richtete man auf ihn die Blicke, wenn man sprach und etwas Wichtiges zu sagen glaubte. Er war immer ungesucht, doch elegant gekleidet und trug auch heute einen vollständig wohlerhaltenen Anzug von dunkler Farbe, den Sammet seines Rockes mit einer feinen Goldstickerei eingefaßt. Sein Gesicht war bis auf eine grade edle Nase weder regelmäßig noch schön; aber seine feurigen schwarzen Augen, die unter starken weißlichen Augenbrauen hervorleuchteten, beherrschten sein Gesicht so, daß man dem Uebrigen wenig nachfragte. Seine Farbe war sehr dunkel, nur die Stirn war merklich weißer; sie trug vorzüglich den Stempel einer ungemeinen Kraft, hatte in der Mitte den antiken Spalt und die Furchen, die wir an der Jupiterstirn kennen lernten – wogegen der Untertheil des Gesichts, wenn es ohne Aufregung war, eine große Güte und eine Jovialität ausdrückte, die dann in den Winkeln der Augen ein eigentümliches Zwicken erregte und diese Feuerbälle umwandelte, als wären sie nur zum Lachen da.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.