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Thomas Rendalen

Bjørnstjerne Bjørnson: Thomas Rendalen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleThomas Rendalen
publisherBerlin Franz Wunder
printrunDritte Auflage
translatorWilhelm Lange
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5587b04b
created20061219
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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5.

Thomasine.

In dem Herbst des Jahres, da John Kurt von seiner Weltreise heimkehrte, kam auch ein junges Mädchen nach Hause zurück, das sofort in der ganzen Stadt der Gegenstand aller Gespräche wurde. Und zwar aus doppeltem Grunde. Sie hieß Thomasine Rendalen und war die Tochter des Oberlehrers Rendalen, der diesen Namen trug, weil sein Vater aus der Gegend Rendalen ausgewandert war.

Der Oberlehrer Rendalen war ein großer, kräftig gebauter Mann, der ruhig und still seinen etwas schweren pädagogischen Pflichten oblag. Nach dem Tode seiner Frau versagte er sich alle gesellschaftliche Zerstreuung; seine Schule und der Leseverein der Stadt nahmen ihn vollständig in Anspruch. Er hatte mit niemand Umgang, und seine Kinder und die alte Marianne herrschten unumschränkt in seinem Hause.

Thomasine war sein ältestes Kind. Sie war außerordentlich begabt in Sprachen und hatte das resolute Wesen der Mutter. Als sie kaum sechzehn Jahre zählte, lieh sie sich eine kleine Summe, begab sich in ein Erziehungsinstitut in England und lernte gründlich Englisch. Von dort kam sie in eine französische Anstalt, wo sie die Schülerinnen in der englischen Sprache unterrichtete und selbst Französisch lernte. Alsdann fand sie eine Stelle in einem deutschen Pensionat, wo sie im Französischen und Englischen unterrichtete und selbst Deutsch lernte.

Sie war nahezu fünf Jahre im Auslande gewesen und eine außerordentlich tüchtige Lehrerin geworden, so daß sie gleich nach ihrer Rückkehr damit beginnen konnte, Knaben und Mädchen Unterricht zu erteilen und ihre Schuld abzuzahlen.

Das erregte ungeteilte Bewunderung in der Stadt. Von allen wurde sie als gute Freundin gegrüßt. Eine nicht minder ungeteilte Bewunderung erregte ihre Gestalt. Dazu gehört sehr viel. Ein schönes Gesicht wird immer bewundert; denn das kann nie ganz entstellt werden; eine schöne Figur dagegen wird nicht so ohne weiteres bewundert. Aber sie war schlank und kräftig und ging stets nach der neuesten Mode gekleidet. Wie alle jungen, gesunden Mädchen hatte sie von Kindesbeinen an das Bedürfnis gefühlt, ihre Kräfte zu üben, und sich auch stets Gelegenheit dazu verschafft. In England begann sie deshalb sofort zu turnen; und während all dieser Jahre hatte sie es niemals aufgegeben, ja das Turnen war ihr zur Leidenschaft geworden. Deshalb trat sie jetzt ganz anders auf als die übrigen Mädchen.

Es tat der Bewunderung, die ihre Figur erregte, keinen Abbruch, daß sie eine etwas flache Nase hatte und ihr Haar so hellblond war, daß es in einiger Entfernung aussah, als wäre sie kahlköpfig. Von Augenbrauen konnte bei ihr nicht einmal die Rede sein. Die Augen selbst waren grau und der Mund viel zu groß. Aber die Zähne waren regelmäßig und so gesund, als hauste ihr Geschlecht noch in Rendalen und nährte sich bloß von Schwarzbrot. Sah man sie von der Seite an und erblickte dann unverhofft ihr Gesicht, so fühlte man sich enttäuscht. Ihre Figur aber half über alle Bedenken hinweg.

Da sie kurzsichtig war, trug sie zuweilen eine Brille – und sie war das einzige brillentragende junge Mädchen in der ganzen Stadt. (Es war damals noch nicht Mode, sich eines Pincenez zu bedienen.) Auch das verlieh ihr etwas Besonderes. Ihre ganze Erscheinung strotzte förmlich von Kraft und Klugheit.

Im Winter wurde sie unbedingt die erste Balldame. Ihre Freude darüber, daß sie sich wieder zu Hause befand und zwanglos unter einer lustigen weiblichen und männlichen Jugend sich bewegen konnte, daß alle so überaus freundlich gegen sie waren und daß es ihr gut ging, war ihr deutlich auf dem Gesicht zu lesen. Auch sprach sie das oft ganz frei und offen aus. Darum erweckte sie nirgend irgendwelche Mißgunst. Vielleicht fiel dabei ins Gewicht, daß sie selbst wußte, sie sei keine Schönheit.

Dieser Winter war ein wahrer Ballwinter, und an allen Festen nahm sie teil. Sie kannte kein größeres Vergnügen als das Tanzen.

Gegen den Ausgang des Winters begann auch John Kurt die Rolle eines Ballkavaliers zu spielen. Aber nur ihretwegen, wie er ihr sofort versicherte. Das fiel ihr nicht sonderlich auf, da sie ja wußte, daß auf ihn nicht die allgemeinen Schicklichkeitsregeln anzuwenden waren; daß er überall auf eine besondere Freiheit der Meinungsäußerung Anspruch erhob.

Sie fand ihn neu und höchst eigentümlich. Sie selbst aber benahm sich ihm gegenüber wie alle andern; sie lief weder von ihm fort, noch fiel sie in Ohnmacht, wenn er in ihrer Gegenwart sehr kräftige Ausdrücke gebrauchte und sogar fluchte. Sie lachte darüber – just wie die andern Mädchen. Sie besaß nicht eine Spur von Menschenkenntnis. Die erwirbt man sich nicht, wenn man von einer Erziehungsanstalt in die andere wandert, mögen diese auch in verschiedenen Ländern liegen.

Gar bald besuchte er sie auch in ihrem Hause. Er wußte, wann sie ihre Mußestunden hatte und ihre Spaziergänge machte, – und überall suchte er sie auf. Sie sorgte dafür, daß sie nie allein war, im übrigen waren ihr seine Besuche sogar angenehm.

Er erzählte ihr und ihren Freundinnen amüsante und bisweilen auch rührende Erlebnisse. So einmal von einer verlassenen Brut Rebhühner, die er einst in der Heide, wo sie in ihrem ersten Flaum umherliefen, Stück für Stück aufgelesen und mit nach Hause genommen. Er erzählte dies mit einer solchen, man möchte sagen waldursprünglichen Frische, daß den jungen Mädchen die Tränen in die Augen traten. So etwas war ihm eine Inspiration. Mitten in den wildesten Geschichten erhielt seine Erzählung dann ein überaus feines, rührendes Gepräge.

Auch die Art, wie er von seinem Vater sprach, nahm die Mädchen für ihn ein: es war eine Mischung höchst schnurriger und rührender Erzählungsweise, die sich beständig auf der Grenze zwischen dem Weinen und dem Lachen bewegte. Die Mädchen gewöhnten sich an seine rohen Bilder, seine saftige Sprache; ja sie mochten sie bald gar nicht mehr entbehren. Seine Geschichten erhielten dadurch eine sehr eigentümliche Färbung, welche sie oft erschreckte, aber immer entzückte ...

Als sie eines Tages zufällig allein waren, teilte er ihr die Geschichte einer Lotsenwitwe mit, für welche er gerade mit bemerkenswerter Beharrlichkeit Geld sammelte. Er sah, daß dies auf Thomasine einen guten Eindruck machte; und ohne jeden Übergang sagte er ihr, sie, Thomasine Rendalen, sei ihm, was einer Karawane in der Wüste eine Stadt wäre. Ja, wenn sie darüber lache, so geschehe das nur, weil sie nicht wisse, was es heiße, Tage, Wochen, Monate lang durch denselben Sand und in demselben Sonnenbrand sich müde, hungrig und durstig dahinzuschleppen. Dann wirke es ganz anders auf den Menschen, wenn aus der Ferne die Zinnen einer Stadt herüberwinkten! Sie war ihm der Minaretturm und die Platanen und der Springquell, der verbotene Wein und das gastliche Zeltdach ... Wie, wenn sie zusammen sich ihr Zelt bauten? Sie verkauften dann den ganzen Plunder hier und reisten ins schönste Land der Welt, lagerten sich unter den Sonnenzelten und ließen sich von andern Speis und Trank geben! ... Oder sie konnten ja auch bleiben und das wilde Land um das Gut herum urbar machen und in Gärten verwandeln. Denn was konnte da nicht alles wachsen an einer solchen Sonnenseite! Dann wollten sie sich dort oben in den Kugel eingraben wie so zwei Dachse und reiche Leute werden ...

Aber er sah, wie sie bei seinen Worten immer mehr erschreckte! Und ohne innezuhalten, ging er zu einer begeisterten Lobrede auf seinen Vater über. Das Ganze war nämlich weiter nichts, als ein Einfall seines Vaters; er hätte den Sohn so gern verheiratet gesehen. Sein Vater konnte mitten in Winternächten, wenn es plötzlich kalt wurde, aufstehen und Bastmatten und Wollumpen um die verfrorenen Obstbäume winden, als wären es nackte Kinder. Wollte sein Vater einen Busch umhauen, so nahm er zuvor die Vogelnester und trug sie in einen anderen Busch. Es dürfe sie darum nicht wundern, wenn sein Vater auch an ihn denke, aber er selbst könnte noch warten. Er sei glücklich und mit der Gegenwart durchaus zufrieden. Worauf er dann eine Geschichte begann von ein paar Kühen, welche nicht in das Gras beißen wollten, weil es zu bleich aussah; aber er setzte ihnen große grüne Brillen auf, und da sah das Gras ganz frisch aus, und sie bissen tapfer zu.

Soviel jedoch begriff sie, daß John Kurt sich enttäuscht fühlte. Sie selbst war ängstlich geworden; sie wußte selbst nicht recht warum ... Doch, sie wußte, woher es kam: Just an diesem selben Tage hatte sie dies und jenes über seinen entsetzlich unsittlichen Lebenswandel gehört.

Da ereignete sich das Seltsame, daß eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu ihr kam, um nach einer passenden Einleitung zu seinen Gunsten zu reden. Und nach einiger Zeit kam noch eine Freundin ihrer guten Mutter und dann noch eine! Freilich, er war nicht wie die andern; aber er ward ganz gewiß ein ausgezeichneter Ehemann; davon waren sie alle überzeugt. Und was seinen unsittlichen Wandel anging, – ja, damit stand es freilich schlimm; aber ärger als der so vieler anderer Männer war er doch wohl kaum; selbst verheiratete Männer konnten ja mitunter hier in der Stadt auf häßliche Abwege geraten. Der ganze Unterschied war nur, daß er kein Hehl daraus machte.

Die Reden der drei Damen hatten eine auffallende Ähnlichkeit miteinander, und Thomasine konnte die Übereinstimmung nicht entgehen. John Kurt stellte seine Besuche eine Zeitlang ein, nur daß er auf allen seinen Gängen zur Stadt und auf dem Rückwege stets am Hause des Oberlehrers vorbeikam, obschon es etwas abseits lag. Und jedesmal grüßte er nach dem Hause hin, selbst wenn nur die Katze im Fenster saß.

Zudem schickte er jeden Morgen ein Bukett; das Bukett stellte sich ebenso sicher ein wie der Tag. Die alte Marianne, welche es entgegennahm, hatte immer das eine oder andere Wort über Thomasine, das er fallen gelassen, hinzuzufügen.

Nachdem die besten Freundinnen der Mutter bei Thomasine gewesen, um Johns Sache zu führen, fanden auch ihre eigenen besten Freundinnen sich ein. Einige davon hatten früher sich im entgegengesetzten Sinne bemüht; sie hatten seinen Namen fast nur mit Abscheu genannt; seine »Lügengeschichten« und »rohe Sprache« waren ihnen ebenso verhaßt wie er selbst; »er war scheußlich«. Allein jetzt begannen sie einzuräumen, daß er doch etwas Interessantes an sich habe, gewissermaßen etwas Dämonisch-Berückendes.

Natürlich hatte er sie aufgesucht. Zunächst die, von der er wußte, daß sie ihn am wenigsten leiden mochte. Er sagte ihr, daß er das sehr wohl empfinde, und sie eben darum achte. Gewiß, er sei ein elender, verächtlicher Mensch. Aber gerade deshalb komme er. Denn sie sei ja das ehrlichste und scharfsinnigste Gewissen der Stadt; darüber seien alle einig. Sie müsse ihm helfen. Sie kenne seine Lebensgeschichte nicht; das sei die Sache. Darum könne sie auch nicht wissen, weshalb er schon von seiner Kindheit an mißverstanden worden und ein Sonderling hätte werden müssen. Ja, im Grunde brauchte er ihr nicht einmal sein Leben zu erzählen, denn sie schaute den Menschen so tief in die Seele hinein!

Die andern betäubte er förmlich mit seinem Wortstrom, so daß sie bald erschreckt, bald gerührt waren. Sie verloren darüber nicht die Besinnung; sie begriffen sehr wohl, daß nicht alles echte Ware, unmittelbare Natur war; aber gerade das diente zu seiner Entschuldigung. Er gab sich nicht die Mühe, sein innerstes Wesen zu verstecken. Die meisten andern Männer waren einschmeichelnd und liebenswürdig, wenn sie etwas erreichen wollten!

Da plötzlich tönte ein unbändiges Gelächter von einem Ende der Stadt bis zum andern. Denn zu Beginn des Frühlings wurde er von einem kleinen frischen Nähmädchen als der Vater ihres Kindes bezeichnet; und er bekannte sich vor aller Welt zu dem Kinde und ließ es mit großem Pomp in die Kirche zur Taufe tragen, in welcher es den Namen – Thomasine erhielt.

Kurz nachher entstand neues Gelächter. Denn als die Leute ihn fragten, wie in aller Welt er auf einen solchen Einfall geraten, antwortete er: stände es in seiner Macht, so sollten von jetzt an alle Kinder Thomas oder Thomasine heißen. Es war rührend.

Um diese Zeit starb sein Vater, und zwar unter besonderen Umständen. Der alte Mann hatte Thomasine sagen lassen, ob sie so freundlich sein wolle, auf ihrem nächsten Spaziergang bei ihm vorzusprechen; er sei nicht wohl.

Die beiden waren alte Bekannte. Als sie noch ein kleines Kind war, hatte er ihr oft die Taschen voll Kirschen gesteckt; denn sie hatte ein so frisches, gesundes Aussehen; für so etwas hat ein alter Gärtner ein besonderes Auge.

Und sie ging zu ihm und fand ihn in dem Zimmer links vom Eingang. Sie betrat es zum erstenmal. Die Wände waren mit einem steifen, dunklen Stoff bedeckt; vermutlich Leder, das einst bemalt und vergoldet gewesen. In der Ecke neben dem Fenster stand ein großer Schrank, ein herrliches, mindestens zweihundert Jahre altes Möbelstück mit kunstvollen Schnitzereien. Gerade vor dem Fenster stand ein roher, plumper Tisch, auf dem allerlei Papiere, Samenproben, Zeitungen und Speisereste lagen. Und an diesem Tische saß er selbst, der alte Konrad Kurt, in einem altfränkischen Lehnstuhl mit kurzem, breitem Lederrücken.

Er stand auf und nötigte sie, in dem Stuhl Platz zu nehmen. Er trug seinen grauen Linnenrock, die lange Schürze und schlurfende Pantoffel. Auf dem Kopf hatte er die Mütze mit dem großen Schirm; um den Hals war ein dickes Tuch gewunden.

Er war etwas heiser und auch sonst unwohl; der Frühling war so scharf in diesem Jahr! Der große, hagere Mann begann zwischen dem Tisch da am Fenster und dem Bett auf und ab zu traben. Und er trabte hin und her an dem großen Ofen vorbei mit den zwei Dänenkönigen aus dem Oldenburger Hause – beide mit entsetzlichen Perücken. Er trabte nach dem Takt einer alten Stubenuhr, die an der Wand gegenüber dem Ofen hing; schnarrend und lärmend schlug sie gerade sieben. Die Bettstelle war von frischem, poliertem Birkenholz; an den Wänden dagegen standen alte, gichtbrüchige Stühle mit einem oder zwei neuen Beinen, einige auch mit neuer Halblehne. Die Wände selbst waren mit Schildereien behängt, auf denen noch ein rotgelber Arm oder ein braunrotes Kleid zu erkennen waren; alles andere zeigte eine gleichmäßige Dunkelheit. An den Rahmen gewahrte man mehr Spuren von den Fliegen als von der Vergoldung.

Und Konrad Kurts polternde Rede während des Hin- und Hermarschierens glich gewissermaßen der Stube; eine Mischung alter und neuer Reden über die Familie; doch war mehr Altes als neues darin; auch wurde es nicht ohne Prahlerei vorgebracht. Er sprach ohne die Flüche und Bilder seines Sohnes, aber doch mit einer gewissen Kraft. Gleich dem Sohn spöttelte er in dem einen Augenblick, um im nächsten arg zu übertreiben. Allein der Sinn des Ganzen blieb doch, daß es aus sei mit dem berühmten Geschlecht; der Stamm tauge nichts mehr. Sollten dieser und das letzte Besitztum der Familie noch gerettet werden, so mußte gepfropft werden. Es galt einen neuen, starken Baum zu finden.

Fast zwei Stunden saß sie da und hörte ihn an. Sie versäumte die Zeit für ihren Abendkursus und das Abendessen. Er wollte sie nicht fortlassen. Ein Mädchen öffnete die Tür nach dem Gange, um zu fragen, ob sie decken sollte; aber das Mädchen wurde hinausgewiesen ...

Als Thomasine durch die Allee, welche von Regenströmen zerrissen war und in der die alten Bäume in einem heftigen Sturme sausten, nach Hause zurückging, da beschlich sie eine Empfindung, als käme sie aus einem Mausoleum, worin sie einem einzigen lebenden Menschen begegnet, der dort einsam hauste und seiner Toten wartete. Sie empfand nicht das leiseste Verlangen, sich ebenfalls in dieses Mausoleum zu begeben. Unwillkürlich wandte sie sich um und schaute zurück nach dem übertünchten schmutzigen großen Gebäude mit den kleinen Fenstern, und ganz laut sagte sie vor sich hin: »Nein, nein!« ...

Als sie am folgenden Morgen ins Wohnzimmer trat, war das gewöhnliche Bukett von John Kurt nicht gekommen. Das gab ihr einen Stich ins Herz; sie wußte selbst nicht warum; denn war es jetzt nicht just so, wie sie es sich wünschte? ... Hatte sie es wirklich nicht selbst so gewünscht? ...

Gerade als sie hierüber nachzugrübeln anfing, trat ihr Vater von seinem Morgengang herein. Er war sehr bleich und erzählte, der alte Kurt sei während der Nacht gestorben. Man hatte ihn heut früh leblos in seinem Stuhl vor dem Tische gefunden.

Gleich darauf kam John Kurt. Ohne ein Wort zu sagen, warf er sich auf einen Stuhl und begann zu weinen, Und er weinte so, daß sie und ihr Vater beide ganz erschreckt wurden. Und welche Selbstanklagen richtete er gegen sich!

Von jetzt an kam er wieder Tag für Tag und schüttete sein Herz vor ihnen aus, immer ergreifender und nachdrücklicher. Andere Familien besuchte er nicht, ja er redete nicht einmal mit anderen Menschen. Nur mit ihnen und seinen Dienstleuten. Und Tag und Nacht arbeitete er mit ihnen; denn auf der großen Treppe des Hauses wurde ein Blumentempel gebaut; von dort sollte der alte Kurt zur ewigen Ruhe bestattet werden.

Dieser Blumentempel wurde über alle Maßen schön. Allgemein ward davon gesprochen, und am Abend vor dem Begräbnis kamen die Leute herbei, um ihn zu sehen. Auch Thomasine erschien mit ihrem Vater. Kurz darauf gewahrte man in der Allee auch den Freund des Verstorbenen, Pastor Green, und hinter ihm den halben »Berg«; Kinder und Erwachsene, – alle kamen, um den Blumentempel und den Verstorbenen zu sehen und ihm Lebewohl zu sagen. Und der alte Geistliche ging die Treppe hinan und hielt eine Ansprache über den Blumenfreund, der aus unserm Lenz zu dem ewigen Frühling eingegangen sei. Es entstand eine allgemeine Rührung, so daß der Sohn sich zurückziehen mußte.

Am folgenden Tage begab er sich vom Begräbnis sofort in das Haus des Oberlehrers. Aber er fand Thomasine nicht zu Hause. Hierüber fühlte er sich so enttäuscht und war so von Herzen betrübt, daß er lange stumm dastand und endlich bemerkte: Nun habe er niemand, nein, niemand mehr auf der ganzen Welt! Und er wünsche, daß man auch ihn unter den Friedhofsrasen bette. War er ja doch selbst denen zur Last, denen er zugetan, das merkte er an allem.

Und darauf ging er von dannen. Das rührte die alte Marianne, welche diese Worte gehört. Und als Thomasine endlich nach Hause kam, erzählte die alte Magd es ihr so, daß auch Thomasine gerührt wurde. Sie war nicht zu Hause gewesen, weil sie sich vor ihm gefürchtet. Sie hatte nicht den Mut gehabt, Zeuge seiner Erregung zu sein, die vielleicht eine eigene Richtung nehmen konnte.

Jetzt reute es sie. Sie nahm plötzlich ihre Brille ab und putzte sie, setzte sie wieder auf und betrachtete sich im Spiegel. War sie denn nicht groß und stark genug, um es zu wagen? Sie nahm sich gleichsam Maß zur Ehefrau.

Die Mädchen trugen damals mit Vorliebe ein krauses Leibchen mit Gürtel und Krinoline. Sie drückte den Gürtel mit ihren beiden festen Händen etwas herab. Die weißen, losen Ärmel hatte sie beim Hereinkommen abgenommen; die des Kleides waren weit offen, so daß die Handgelenke und die Unterarme sich vorteilhaft von dem schwarzen Kleide abhoben. Und sie weidete sich an ihrer Stärke.

Aber unwillkürlich suchten die Augen das Gesicht, den schwachen Punkt. Es war doch unglaublich häßlich! Diese flache Nase, dieser große Mund und dieses Haar das dieselbe Farbe hatte wie die Stirn; es war fast gar nicht zu sehen! Und diese Augenbrauen – helle kurze Stacheln; und sie waren so dünn, daß sie geradezu unsichtbar blieben ... Ach nein, es war ja nicht nötig, daß sie sich herausputzte, John Kurt liebte sie ja wirklich ... Und er war unglücklich ... Ganz mutterseelenallein in der Welt und unglücklich ... Und sein Vater hatte ihr seinen eigenen Stuhl angewiesen ...

Eine halbe Stunde später schritt die alte Marianne so schnell durch die Allee, als ihre alten Beine sie tragen konnten. Doch einige Male blieb sie stehen und wickelte aus einem Zeitungspapier ein feines, o so feines Briefchen hervor; das mußte sie wieder und wieder betrachten.

Als sie es John Kurt überreichte, riß dieser es heftig auf und zog eine dicke englische Briefkarte mit einer Taube darauf hervor. Es war außerordentlich solides Papier und die Taube sehr gut gezeichnet.

Und er las folgende, von einer geübten Hand geschriebenen Worte:

»Ich bin bereit!

Thomasine

John Kurt wandte sich nach Marianne um:

»Nein,« rief er, »war das ein Mann, mein Vater selig! Ohne ihn hätt' ich sie nie bekommen!«

Gleich am folgenden Tage sollte die Hochzeit sein. Zu seiner größten Verwunderung aber widersetzte sie sich diesem Vorhaben; auch in der nächsten Woche noch nicht. Sie kündigte all ihren Schülerinnen, um noch etwas von dem lernen zu können, was sie in ihrer neuen Stellung wissen mußte; sie verstand gar nichts vom Haushalt; nur daß sie um ihre eigene Person her alles in Ordnung halten konnte; von Kindheit an hatte sie sich ja nur mit Büchern beschäftigt.

John Kurt war ganz entzückt, als er von diesen ihren Mängeln hörte! Er verstand das alles. Zweifelte man vielleicht auch daran? Er konnte aufwaschen und scheuern, in der Küche wie in den Zimmern, besser als ein Dienstmädchen. Und er schob sofort die alte Marianne beiseite und bewies durch die Tat, was er alles verstand. Und so hurtig und nett ging es ihm von der Hand, als wäre er sein Lebenlang in der Küche beschäftigt gewesen. Und dann konnte er auch alle möglichen Gerichte bereiten – Gerichte, die viele nicht einmal dem Namen nach kannten; kochen, braten, schmoren, alles verstand er; auch stricken, nähen, stopfen; und Wäsche stärken und plätten! ... Er und niemand anders mußte Thomasine unterweisen ... Warum nicht sofort damit beginnen?

Und das geschah denn auch. Er selbst machte alle Einkäufe und lud Gesellschaften ein in das Haus seiner Braut. Es waren dies die fröhlichsten Tage, welche die Familie Rendalen je gekannt. Und in der ganzen Stadt sprach man davon, welch heiteres Leben dort herrsche; und die Freundinnen und die Freundinnen der Freundinnen mußten kommen, um sich selbst zu überzeugen. War das ein Humor! Und dann all die Geschichten und Erzählungen darüber, wo und wie er dies alles gelernt! Bald unter den Goldgräbern Australiens bei fortwährender Lebensgefahr. Dann auf einem Nilboot bei einer englischen Herrschaft. Wieder ein anderes Mal in Brasilien in einem Negerhotel. Dann in den Bergwerken fern in Südamerika. Plötzlich auf Haiti mit einem großen Dampfschiff! ... Er sparte nicht mit Lokal- und anderen Farben; und grauenhafte Begebnisse und Flüche zuckten nur so wie der Blitz vom Himmel über all die verschiedenen Länder und Völker herab. Aber inzwischen ging die Arbeit flott vonstatten.

Thomasine war Unterköchin, zweite Waschfrau, Hilfsplätterin! Und er arbeitete ebenso schnell und eifrig, als er erzählte. Er hielt nur inne, und zwar in der lebhaftesten Weise, wenn sie einen Fehler machte.

Aber ebensogut, ja noch besser konnte ja diese Unterweisung und diese fröhliche Beschäftigung da oben auf dem Gute vor sich gehen? ... Darüber wurden allmählich alle einig – und Thomasine gab nach.

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