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Thomas Rendalen

Bjørnstjerne Bjørnson: Thomas Rendalen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleThomas Rendalen
publisherBerlin Franz Wunder
printrunDritte Auflage
translatorWilhelm Lange
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5587b04b
created20061219
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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20.

Auf der Jagd.

Sie kam fast gleichzeitig mit ihrem Vater nach Haus, der mit einigen Kollegen eine Kahnpartie gemacht hatte. Die Kinder flüchteten, Thora schloß sich in der Bodenkammer ein und wagte nicht einmal hinunterzugehen und zu Abend zu essen, obgleich sie sehr hungrig war. Dann mußte sie ihren Schwestern öffnen. Sie geriet mit ihnen in Streit. Diese hatten ihre feinsten Schuhe getragen und fast vollständig zugrunde gerichtet. Der Streit endete damit, daß eine ihrer Schwestern ihr die Schuhe an den Kopf warf; und so gerieten sie in eine Prügelei. Über dem lauten Lärm kam auch die Mutter zornig herauf. Thora weinte, bis sie einschlief, ganz wie ein Kind.

Am andern Tage versuchte sie der Mutter im Haushalt behilflich zu sein; aber auch das ging nicht ohne harte Worte und spitze Bemerkungen ab: So feine, vornehme Fräulein wären nur im Wege. Aber sie setzte ihren Willen durch, das heißt, sie fuhr fort, der Mutter zu helfen. Von ihrer kleinen Leibrente steuerte sie bei, was sie nur irgend entbehren konnte, so daß sich die Verhältnisse etwas erträglicher gestalteten. Aber dagegen, meinte Thora, habe sie das Recht, ein wenig für sich zu leben. Kurz vor dem Abendessen ließ sie sich nach der anderen Landzunge hinübersetzen und begab sich entweder in den Wald oberhalb des Gutes oder hinaus in die »Haine«; zu Hause herrschte ja nur Unfrieden.

Mit etwas beklommenem Herzen ging Thora in der Nähe des Marktes an dem Hause vorbei, welches dem Leutnant Fürst gehörte – obgleich der schreckliche Mensch gar nicht hier, sondern draußen auf dem Orlogsschiffe war. Diese Angst war ihr eine Veränderung, eine Beschäftigung, so daß sie gleichsam mit zu ihrem Spaziergange gehörte.

In den kleinen norwegischen Städtchen geht ein junges Mädchen ganz allein, wohin es nur will. Unterwegs begegnet es anderen jungen Mädchen und schließt sich ihnen entweder an oder setzt den Weg allein fort. Thora hatte in der Regel nur den Wunsch, ein paar Stunden ganz allein zu sein. Gewöhnlich hatte sie ihre festen Punkte und Plätze; und dort angekommen, zog sie ein Buch hervor und las oder gab sich Träumereien hin. Oder – und das war heut der Fall – sie schrieb lange Briefe über all das Merkwürdige, was ihr begegnet war. Sie hatte eine Mappe und ein Tintenfaß mitgenommen; mit der Mappe vor sich auf einem Stein legte sie sich ins Gras, oder sie setzte sich auf den Stein mit der Mappe auf dem Schoß und dem Tintenfaß neben sich. Es ging ausgezeichnet, die Worte kamen ihr so frei und leicht wie der Wind, der sie umfächelte. Und wie herrlich war es da in dem Dickicht, in welches sich da und dort die Sonnenstrahlen hineinstahlen, in welchem sie unaufhörlich das Gezwitscher der Vögel vernahm, welche nur die Eichhörnchen zu erschrecken vermochten, wenn sie geräuschvoll über die Zweige hüpften. Der ferne Lärm im Hafen, der Fabrikstätten am Elv oder der im Hain oder auf der Landstraße Lustwandelnden war nur geeignet, ihr die Waldeinsamkeit noch traulicher zu machen. Das war ihre einzige Sommerpoesie.

Sobald sie des Morgens die Augen aufschlug, sehnte sie sich hinüber in die »Haine«. Das Lärmen und Zanken zu Hause glitten an ihr ab, als ginge sie das alles nichts an; hier, hier im Walde war sie heimisch, hier lebte sie! Ihr großer Ausflug zu Frau Gröndal und ihre merkwürdige Dampfschiffahrt nach Hause zurück wurden natürlich hier draußen im Walde in einem Briefe an Milla, in einem zweiten an Nora und in einem dritten an Tinka geschildert. Am vierten Tage wollte sie diese Beschreibungen wieder durchlesen, – sie freute sich förmlich darauf. Sie wußte, sie hatte den Gegenstand mit viel Glück variiert.

Aber schon beim Lesen des ersten Briefes wurde sie ein wenig bedenklich. Die Verschiedenheit der Darstellung in den drei Briefen war doch etwas zu auffallend. Sollten ihre Freundinnen einmal zufällig ihre Briefe vergleichen – ja, dann konnte es leicht zu einem ärgerlichen Auftritt kommen, wenn Thora zur Rechenschaft gezogen wurde. Nein, das mußte vermieden werden.

Im ersten Brief hatte sie die Sache mit Ernst behandelt, ihre Verlegenheit und Angst geschildert; wer den Brief las, konnte nicht im Zweifel darüber sein, daß sie es mit einem Manne zu tun gehabt, vor dem sie sich fürchtete. In dem zweiten Briefe machte sie sich über sich selbst und ihn und die ganze Sache lustig. In dem dritten schilderte sie ein junges Mädchen mit dunklem Haar. Dies Mädchen wandelte an einem fremden Gestade. Da entstieg ein Meermann mit blonden Whiskers und Lockenhaar den Schaumwogen. In ihrer Angst floh das dunkelhaarige Mädchen an Bord eines Schiffes, um in die Heimat zurückzukehren; aber der Meermann schwamm die ganze Zeit hinter dem Schiffe her mit der Hand auf dem Herzen. Als sie ans Land stieg, stieß er einen schmerzlichen Klageruf aus; der tönte ihr während der folgenden Nacht in ihren Träumen beständig in den Ohren.

Sie zerriß alle drei Briefe, ohne einen neuen zu schreiben.

Aber ihren Wanderungen blieb sie treu. Sie ahnte nicht, daß Nils Fürst in die Stadt zurückgekehrt war, daß ein Kamerad seinen Dienst übernommen, daß er in aller Stille fremde Sprachen studierte, um sich auf eine neue glänzendere Karriere vorzubereiten, ohne daß er jetzt in seinem Hause wohnte. Noch weniger ahnte sie, daß er sie an dem ersten Tage, da er sich wieder in der Stadt befand, in seinem Fensterspiegel vorübergehen und etwas scheu nach seinem Hause blicken sah; und daß er das auch am folgenden Tage beobachtete. Er wußte, daß dies nicht der kürzeste Weg nach dem Walde war. An beiden Tagen war er ihr gefolgt. Jetzt am dritten Tage saß er zum Ausgehen bereit, um ihr nicht bloß zu folgen; er wollte sich auch anschließen... Er glaubte sie jetzt zu verstehen.

Er kannte die Mädchen, welche wollten und auch wieder nicht wollten; genau so benahm sie sich.

Richtig, auch heute blickte sie ängstlich zum Fenster hinauf und wanderte dann weiter mit ihrer Mappe am Arm. Sie ward von jemand aufgehalten, infolgedessen blickte sie zurück. Da entdeckte sie ihn! Schnell kam er auf sie zu; er war auf der Jagd, er hatte ihre Spur gefunden.

Sobald es ohne Aufsehen geschehen konnte, verabschiedete sie sich und verließ ihren gewöhnlichen Weg; sie war ängstlich, unerklärlich ängstlich geworden. Sie hätte sich nicht umwenden sollen; aber heut konnte sie seine Augen nicht ertragen, und hier war niemand in der Nähe. So eilte sie denn weiter, schnell, immer schneller; aber es ahnte ihr, daß er ihr nacheilte; sie fühlte es beinahe.

Zu laufen wagte sie nicht auf der Landstraße. Aber sie verließ sich darauf, daß sie im »Hain« besser Bescheid wußte als er und ihm so leicht entschlüpfen konnte. Sie verließ daher die Straße und schlug einen in den Wald führenden Pfad ein. Zu ihrem Schrecken sah sie, daß auch er sofort in den Wald sprang, um ihr zu folgen. Da wagte sie es, zu laufen; aber nach der Richtung hin, woher er kam; dann duckte sie sich hinter einem großen Stein.

Das war ein guter Einfall; denn im nächsten Augenblick sah sie ihn vorbei- und weiter fortstürmen, ganz nahe an der Stelle, wo sie sich versteckt hatte. Das Herz pochte ihr so gewaltsam, daß die Brust sie schmerzte. Hier, wo niemand ihn sehen konnte, sprang, lief, hüpfte er; er kannte gar kein Hindernis.

Sie wartete, bis er ihren Augen vollständig entschwunden war, und eilte dann in der entgegengesetzten Richtung fort durch den Wald. Sie machte nicht eher halt, als bis sie hoch oberhalb des Gutes an einem Stein unter einer einsam stehenden Tanne mit Laubbäumen rings umher angelangt war. Und während sie mit fliegendem Atem und flammenden Blicken sich umsah, stand er vor ihren Augen da so, wie er unten an dem Stein im Walde an ihr vorübergestürmt war... Er war häßlich, widerwärtig!

Und niemals ward sie sein Bild wieder los. Stets und überall stand er vor ihr, als gäbe es nichts anderes in der Welt. Oder vielmehr: fortwährend flüchtete sie vor ihm; aber überall ward sie von ihm verfolgt.

Ihre Schwestern teilten ihr mit, daß er in der Nähe des Hauses herumlungere und nach ihr hinaufblicke; daß er sie auf der Straße anrede und bitte, Thora von ihm zu grüßen. Das brachte sie in Feuer und Flammen; sie war ganz entrüstet; die Behauptung, daß Thora das »verflixt hübscheste Mädel« sei, war auch ihnen zu Ohren gekommen.

Aber je hartnäckiger er sie verfolgte, um so größer wurde ihre Furcht vor ihm.

Wo sollte sie hin? Frau Rendalen sowohl wie ihr Sohn waren verreist, und die Ferien dauerten noch fast drei Wochen. Anderen Menschen konnte sie sich nicht anvertrauen. Einen Augenblick dachte sie an Frau Hansen; aber diese war so streng in diesem Punkt; sie würde das kaum verstehen. An ihre eigene Mutter dachte sie nicht einmal.

Aber das Ganze war ihr etwas, das sich nur in ihrem Innern zutrug; sie brauchte sich ja in keines Menschen Gewalt zu begeben, wenn sie nicht wollte.

Gewiß nicht; aber wenn sie ihn nicht einmal aus ihren Gedanken bannen konnte?...

Am Samstagabend warf sie sich müde auf ihr Bett, als hätte sie den ganzen Tag die anstrengendste körperliche Arbeit verrichtet. Durch das Fenster betrachtete sie die Rahen eines vorüberfahrenden Schiffes; sie folgte dem leicht im Winde flatternden Segel. Es schien ihr so nahe, als könnte sie es mit der Hand berühren.

Am nächsten Tage mußte sie zur Kirche. In dem Augenblick, da sie daran dachte, stand ihr Karl Wangens mildes, würdiges Gesicht vor Augen, und das beruhigte sie einigermaßen. Wäre er ein Mädchen gewesen, sie würde sofort zu ihm hingegangen sein und ihm alles anvertraut haben.

Sie setzte sich am andern Morgen in der Kirche auf die letzte Bank. Karl Wangen war ihr begegnet, hatte sie gegrüßt und ihr gesagt, mit Beginn des neuen Schuljahres würde sie ja wieder in der Schule wohnen.

Diese Worte hatten sie veranlaßt, sich auf die hinterste Bank zu setzen; sie war sich nicht gewiß, ob ihr nicht das Weinen ankommen würde.

Aber sie wußte sich zu beherrschen. Die Kirche sowohl wie die Menschen darin hatten etwas so Kühles und Stilles an sich; es war gar nicht, als ob da draußen ein heller Sommertag lachte. Und zudem, als Karl Wangen die Kanzel bestieg und zu beten begann, wurde sie an den Tag erinnert, da sie zum erstenmal die Schule betrat. Und diese Erinnerung beengte sie. Auch das Gebet, das Karl Wangen sprach, – es hatte für sie etwas wie eine Zurechtweisung. Ebenso die Predigt. Das brachte sie in eine eigentümlich traumhafte Erregtheit.

Wie lange sie in diesem Zustand dasaß, wußte sie nicht. Fortgehen konnte sie noch nicht, da die Predigt noch nicht zu Ende war; und noch ferner zuhören wollte sie nicht.

Endlich konnte sie die Kirche verlassen.

Während all dieser Tage war sie nicht draußen gewesen; heute nachmittag aber mußte sie hinaus in die freie Natur. Aus Furcht vor dem Leutnant Fürst begab sie sich nach dem »Berge« und von dort in den Wald in der Nähe des Kirchhofs; von hier gelangte sie wieder zu der großen Tanne. Sie setzte sich auf den Stein darunter; er war niedrig und flach.

Sie trug sich mit einem sehr ernsten Plan. Nicht Träumerei und Genuß suchte sie, nein, Hilfe! Diese letzten schweren Tage hatten sie aufgeklärt. Sie wußte jetzt, wie leichtbeweglich ihre Natur war, und daß sie deshalb viel leichter als jede andere die Beute eines Schurken werden konnte. Sie hatte sich nicht von Anfang an gewehrt; sie war vollständig unvorbereitet; ja die Gefahr hatte sogar etwas Verlockendes für sie!...

Das mußte überwunden werden. Sie mußte sich Arbeit schaffen, gleichviel welche; wenn sie nur davon festgehalten wurde. Es war nicht mehr Ehrgeiz, was sie beherrschte, sondern nur noch Angst...

Sie warf sich auf die Knie und richtete ein heißes Gebet an Gott. Es war das demütigste, beklommenste Flehen, das je aus einem geängsteten Mädchenherzen emporgestiegen ist. Sie war geradezu verzweifelt in ihrer Not...

Oh, dieser Widerstreit in ihrem Innern! Sie sah sich im Geiste mit aller Kraft ausgerüstet, sie sah sich frei von aller Furcht; sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und das war ihr so tröstend. Ja, in diesem Augenblick konnte sie sich kein größeres Glück, keine größere Ehre, keinen größeren Reichtum denken als eine schwere Aufgabe zu haben.

Da nahm ihr Gedankengang plötzlich eine andere Richtung. Es war ihr wie eine Störung, daß sie mit einem Male an ihre Freundinnen denken mußte, Millas größte Besorgnis in ihrem letzten Briefe hatte darin bestanden, daß das Wetter in den nächsten Tagen vielleicht weniger herrlich sein möchte; und Nora hatte die Befürchtung ausgesprochen, man könnte vergessen, ihr die neueste Musik zu schicken. Warum hatte sie allein, die sich hier in der Einsamkeit versteckte, ein so schweres Los getroffen? Ihre verlassene Lage hätte die Menschen barmherziger machen sollen; aber gerade diese wurde ausgenutzt...

An die große Tanne gelehnt, hatte sie sich von der Landschaft abgewendet. Vor ihr lag ein Erlengehölz, junges, aber üppig wucherndes Buschwerk und blühende Farnkräuter.

Mein Gott, wie wertlos und nichtig war alles, was sie im Verein besprochen und verabredet hatten! Kaum einige Wochen waren vergangen, und schon mußte sie sich hier verstecken. Wurde das bekannt – wer weiß, ob sie dann nicht von ihren Freundinnen verachtet wurde; ja vielleicht sogar von Frau Rendalen!

Das preßte ihr Tränen in die Augen. Aber sie wollte sich zusammennehmen. Das schweißbedeckte, erhitzte Gesicht da unten aus dem Walde – oh, wie sie es verabscheute! Es machte sie schaudern... Sie mußte sich selbst gestehen, daß die Angst, mit der sie sich fortwährend peinigte, gefährlicher für sie war als ihr Verfolger selbst.

*

Gerade als Thora zum Berge hinaufging, schlenderte Nils Fürst auf dem Deck eines Schiffes umher, dessen Kapitän ein Bekannter von ihm war. Und gerade als sie den flachen Stein unter der Tanne erreichte, probierte er das neue Schiffsfernrohr. Er stellte es und richtete es auf die Anhöhen, um die daran hinaufführenden Pfade zu verfolgen. Kaum hatte sie sich auf den Stein gesetzt, da erreichte sie das Fernrohr ... Er erkannte sie ...

Er schlug den Pfad rechts von den Gärten des Gutes ein ...

In den letzten Tagen hatte er an nichts anderes gedacht. Er konnte nichts mehr vornehmen, ja sogar der Schlaf drohte ihn zu fliehen. Ein solches Prachtwild hatte er noch niemals gejagt. Wenn sie Tag für Tag an seinem Hause vorüberging und sich dennoch versteckte, sobald sie seiner ansichtig wurde, so war sie noch unschuldig. Es galt also nur, sie in ihrem Versteck aufzufinden. Einen angenehmeren Dienst konnte ihr niemand erweisen. Je öfter sie sich versteckte, um so heißer wurde ihr Wunsch gefunden zu werden. Jetzt begriff er, warum sie damals Frau Gröndal verlassen hatte; jetzt begriff er, warum sie auf dem Dampfer geweint hatte – oh, diese unschuldigen kleinen Mädchen!

Aber diese Jagd wirkte aufreibend, wenn sie sich zu sehr in die Länge zog. Auch seine »Ehre« konnte dabei zu Schaden kommen; denn auf den Gedanken durfte niemand geraten, daß man ihn – den Leutnant Fürst! – zum besten halten könnte! ...

Als er in die Nähe der Tanne gekommen war, verließ er den Pfad und schlich sich vorsichtig durch das Unterholz weiter. Wenn er sich nur erst so weit an sie herangeschlichen, daß er sie sehen konnte –!

Sie befand sich noch immer in der früheren Stellung; aber während der ganzen Zeit hatte sie mit der Versuchung gekämpft, sich umzuwenden ... Da knackte ein Zweig hinter ihr, tiefer unten im Walde ... War denn da irgend etwas hinter ihr? ... Sie blickte hinunter ... Im ersten Augenblick gewahrte sie nichts ... Ja doch, da bewegten sich einige Zweige ... Auch vernahm sie ein Rascheln im Laube ... Das konnte ein Pferd oder eine Kuh vom Gute sein; man ließ sie ja um diese Zeit frei umhergehen ... Aber es wurde doch etwas zu heiß hier oben ... Sie wollte aufstehen und weitergehen ... Allein ihre Augen blieben unwillkürlich an einem Zweige da unten haften ... Es schien sich etwas Dunkles darunter zu befinden ... Da kam ein Kopf zum Vorschein – ein Mann – er! ... Wie in aller Welt – ?! Wußte er, daß sie –? ... Ein namenloses Entsetzen packte sie ... Da blickte er auf. Mit aller Macht stand sie auf, obgleich es ihr war, als hätten sich zentnerschwere Lasten an sie gehängt ... Aber sie wendete den Blick nicht von ihm ab, und es war ihr nicht möglich, den Fuß von der Stelle zu setzen ... und nach und nach verlor sie auch den Willen dazu ... Jetzt trennte sie nur noch der Stein ... Ein kalter Schauder überlief sie ... Jetzt wandte sie den Kopf und tat strauchelnd einige Schritte ... und stieß auf ihn.

Sie wandte sich hastig nach der Seite. Er berührte ihre Hand, sein Arm schmiegte sich unter den ihren ... es war ihr, als legte sich ihr ein eiserner Gürtel um den Leib ... Da fiel sie so unerwartet und schwer, daß er beinah mit ihr gefallen wäre ...

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