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Thomas Rendalen

Bjørnstjerne Bjørnson: Thomas Rendalen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleThomas Rendalen
publisherBerlin Franz Wunder
printrunDritte Auflage
translatorWilhelm Lange
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5587b04b
created20061219
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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19.

In den Ferien.

Schon am folgenden Tage hörte Thora, Nils Fürst habe gesagt, sie sei das »verflixt hübscheste Mädel«, das er je gesehen. Anfangs wollte sie das nicht glauben; aber von allen Seiten wurde es ihr bestätigt. Als sie das nächste Mal mit Kaja Gröndal zusammentraf, erzählte auch diese es; die beiden Damen hatten sich durch Milla kennen gelernt. Wenn Leutnant Fürst nicht einen so schlechten Geschmack hätte, gab Thora zur Antwort, so würden sich die jungen Damen in einer unangenehmen Lage befinden.

Der Sommer stellte sich mit großer Wärme ein; alle, denen es die Mittel erlaubten, waren aufs Land gezogen, entweder an die Küste oder hoch in die Gebirgsgegenden. Sobald die Ferien begannen, verschwanden die Schülerinnen; nur einige arme blieben zurück. Unter diesen befand sich auch Thora. Nora reiste mit ihrer Mutter in ein Bad; Tinkas Eltern waren ja reich, sie besaßen irgendwo ein Gut. Anna Rogne blieb in der Stadt; mit Thomas' Hilfe bildete sie sich zur Lehrerin aus. Es war ihr die Stelle Karen Lothes, welche die Schule verlassen hatte, zugedacht.

Aber Anna war wenig zugänglich, namentlich für Thora, und zwar wegen ihrer Freundschaft mit Milla. Und als Thora trotzdem wieder mit ihr anzuknüpfen suchte, fand sie Anna so beschäftigt und ängstlich – sie wollte schon gleich nach den Ferien in den untersten Klassen unterrichten –, so daß Thora sich wieder zurückzog.

Thora wohnte wieder auf der Landzunge bei ihrer Mutter (vom Vater war gar nicht die Rede). Sie wohnte gemeinsam mit zwei Schwestern in einer ziemlich ärmlichen und unordentlichen Dachstube. Es hatte sie eine große Unlust erfaßt, welche sie dadurch von sich abzuschütteln suchte, daß sie häufig Wanderungen unternahm in den Wald oberhalb des Gutes oder nach den »Hainen«. Es war dies ein Vergnügungsort im Walde unmittelbar an der Landstraße, ein großer freier Platz mit zahlreichen kleinen »Hainen«, d. h. ausgerodeten Stellen, auf denen Bänke und Tische angebracht waren.

Als sie an einem Sonnabendnachmittag diesen Ort wieder aufsuchen wollte, begegnete sie in der Stadt Kaja Gröndal. Sie war nach der Stadt gekommen, um ihren Mann abzuholen; er war aber nicht gekommen. Ob Thora nicht mit ihr aufs Land fahren wolle? Der Dampfer ging in einer Stunde ab.

Thora war allen Einladungen gegenüber sehr schwach. Ehe die Stunde um war, kehrte sie mit einer großen Hutschachtel zurück, in welcher sich ein weißes Kleid befand.

Am nächsten Morgen – einem Sonntag – stand sie vor Gröndals kleinem Landhaus auf dem Altan. Rechts von ihr waren sämtliche Blumen des Hauses hinausgetragen, damit sie vom Regen erquickt würden. An den Garten zur Rechten schloß sich unmittelbar der Tannenwald; sie konnte die ersten Bäume und einen Teil des sich nach der See hinunterziehenden Berges sehen; auch ein matt schimmernder Streifen des Meeres war hier oben sichtbar. Die wassergefüllten Wolken hingen sehr tief, und kein Lüftchen regte sich.

Sie hörte den Dampfer fahren; kurz vorher hatte sie von der Landungsstelle her ein scharfes Pfeifen vernommen; jetzt eilte der Dampfer in weiterer Ferne vorüber. Durch den Garten und zwischen den alten, hohen Bäumen dahinter führte ein Pfad nach einem anderen sich weithin dehnenden Garten. Sie wußte, daß dort mehrere Häuser lagen, die sie auf dem Altan nicht sehen konnte. Dort nämlich wohnten Wingards, und dort sollte heut der Jugend zu Ehren ein Fest stattfinden. Wem konnte sie dort begegnen? Darüber grübelte sie jetzt nach. Frau Wingard war eine geborene Fürst ... Ob wohl Nils Fürst auch zugegen war?

Warum nicht? Es ist ja heut Sonntag. Und warum sollte er nicht verschiedene Kameraden mitgebracht haben?

Hätte Thora das gewußt, ehe sie sich gestern auf das Dampfschiff begab – würde sie dann hierher gefahren sein? Wiederholt legte sie sich diese Frage vor. Sobald sie von dem Fest gehört, hatte eine eigentümliche Empfindung sie durchzuckt; und auch heute war ihr noch eigen zumute; doch waren es keine unangenehmen Empfindungen mehr. Wünschte sie ihm denn wirklich zu begegnen? ... Sie wünschte nicht von ihm berührt zu werden. Nein, nein! – Auch mochte sie nicht wieder so von ihm gesehen werden wie das letztemal ... Aber ihn sehen? Und von ihm gesehen werden – wenn es ganz zufällig geschehen konnte ...? Ja, danach verlangte sie.

Wenn sie auf dem Altan bis nach der Treppe ging, welche links heraufführte, konnte sie ins Wohnzimmer sehen; ja auch in einen Spiegel konnte sie blicken, wenn die Tür zu Frau Gröndals Schlafzimmer offen stand. Nein, diese Tür war jetzt verschlossen. Sie trat wieder zurück.

Noch immer konnte sie dem Dampfer folgen, das heißt einem beweglichen dunklen Punkte. Das Geländer des Altans war feucht; sie trocknete sich die Hände, vergaß das und legte sie wieder auf das Geländer. Es fiel ein sehr feiner Regen. Die Vögel badeten sich in der feuchten Luft und sangen dabei rings um sie her. Auch die Bäume, Blumen und Gräser badeten sich, und gierig sog Thora die kräftigen, so verschiedenartigen Düfte ein. Einer dieser Düfte führte ihre Gedanken weit, weit fort nach einem Landhaus bei Havre, an die Meeresküste... Blaue scharfe Luft, Segelschiffe, ein langer Sandstreifen und darüberhin das dumpfe Gemurmel der Wellen. Unmittelbar an der See ein Landhaus, plump und grau; darin wohnte sie; das schmale Gartenpförtchen war offen; in kurzem Kleidchen und mit nackten Armen stand sie im Garten auf einer Steinbank; sie betrachtete ihre langen, gestreiften Strümpfe, die sie so bewundert hatte, als sie sie zum erstenmal anzog. Sie lugte über den Zaun, und dabei führte die Luft ihr stoßweise den Duft zu, den sie auch hier einatmete.

Es ging auf den Abend; sie erwartete ihren Oheim, der nach der Stadt gegangen war. Der Pfad durch den dunkeln Garten war mit Kies bestreut... Da vernahm sie seine Schritte.

In dem feinen Regen, da zur Linken gewahrt sie einen ungeheuren Schirm, und darunter weiße Beinkleider. Sie kann nicht sehen, wer sich unter dem Schirm befindet; selbst jetzt, wo ein Gartenpförtchen geöffnet werden soll, wird er nicht gehoben. Er gleitet noch tiefer vornüber... Aber sie weiß jetzt, daß jene Schritte in dem Sande nicht nach dem Landhaufe bei Havre führen... Es war nicht ihr Oheim, sondern...?

Der Schirm wird emporgehoben; da steht der Träger des Schirmes im Garten. Sie gewahrt einen dunklen Rock, einen Strohhut und ein sehr verwundertes Gesicht. Es erfaßt sie etwas von jener Beklommenheit, von der sie sich völlig befreit glaubte. Aber in dem Augenblick, wo er sie bemerkte, ging es vorüber – ganz anders, als da sie sich zum letztenmal sahen. Offenbar hatte er nicht erwartet, eine Dame auf dem Altan zu finden. Aber unangenehm war es ihm durchaus nicht! Er lächelte und grüßte ... heut hatten seine Augen gar nichts Stechendes. An der Treppe blieb er stehen.

Der Schirm ruhte auf dem rechten Arm, während er den linken auf das Geländer legte, um sich daranzulehnen. Eine wohlgeformte Hand mit einem Siegelring. Er war schlank und geschmeidig, der Kopf zeichnete sich durch drei Dinge aus: eine nervöse, sinnliche Mundpartie, die fortwährend in Bewegung war; ein Paar große schelmische lachlustige Augen, die aber sehr stechend blickten, wenn er den Kopf etwas zurücklegte und sie halb schloß; ein volles, in das Gelbliche spielendes Lockenhaar und rötliche, lange Whiskers.

Still und ruhig, wie um den Anblick voll zu genießen, betrachtete er sie, während er am Geländer lehnte. Seine Haltung hatte etwas an sich, das unwillkürlich an die Katze erinnerte. Das sah und fühlte Thora; aber trotzdem empfand sie heute mehr Neugierde als Furcht.

»Sie hier zu treffen kommt mir wirklich unerwartet. Sind Sie schon lange hier?«

»Ich bin gestern abend mit Frau Gröndal gekommen,«

Und nun gerieten die beiden in ein Gespräch über die Fahrt auf dem Dampfer, das Wetter, den Ort, ohne daß sie einander vorgestellt waren – ein Gespräch, das keinen anderen Zweck hatte, als einen Vorwand zu haben, sich miteinander unterhalten zu können. Was sie sagten, war bedeutungslos, ohne Farbe, manchmal sogar ohne Sinn; wenn nur das zuletzt Gesagte nicht das letzte blieb. Er stand da unten und studierte sie mit wachsendem Wohlgefallen. Diese Kopfform, diese auffallend harmonische Gesichtsbildung – und dann der Ausdruck dieses Antlitzes! Die Augen funkelten förmlich unter den dichten langen Wimpern. Was für eine Farbe mochten sie nur haben! Es schien, als seien sie dunkel; aber ...? Und dann die Büste! Und die Figur! Hals, Brust, Arme, Hautfarbe, das tiefschwarze Haar, ihr Anzug ...

Wie lange er sie betrachtete, wußte keiner von beiden; aber es dauerte ziemlich lange. Er wollte sich und sie wollte ihn nicht stören. Sie betrachtete sich gleichsam in einem lebenden Spiegel; aber unschuldig war das Vergnügen nicht; denn allmählich berauschten sie sich daran.

Endlich nahm sie sich zusammen und brach ab; sie trat quer über den Altan zu einigen Blumen und machte sich mit ihren Blättern, die sie grausam mißhandelte, zu schaffen.

Dann ging er hinauf auf den Altan, langsam, mit dem Regenschirm auf der Schulter, die linke Hand auf dem Geländer.

»Sie kommen doch auch heute nachmittag mit zu meiner Schwester?«

»Frau Gröndal will mir eine Einladung verschaffen.«

»Natürlich; wir werden auch tanzen ... Darf ich um den ersten Walzer bitten?«

Sie blickte nicht auf.

»Wollen Sie den ersten Walzer mit mir tanzen?«

Sie fühlte, daß sie hierauf nicht antworten konnte.

»Um Verzeihung, da fällt mir eben ein, daß ich mich noch nicht vorgestellt habe. Aber wenn Sie wissen, wer meine Schwester ist, so dürften Sie auch wissen, wer ich bin?«

Er lächelte und kam näher, immer noch unter dem großen Regenschirm, während die linke Hand noch fortwährend über das Geländer glitt.

Sie richtete sich auf, antwortete aber nicht.

»Wir sind also einig über den ersten Walzer?«

Er sagte das achtlos, etwas überlegen, beinahe als fühlte er sich verletzt.

Er machte den Regenschirm zu und wandte sich nach dem Eingang. »Frau Gröndal ist doch zu Hause?«

Er trat ein. Thora wollte schnell hinzufügen: »Aber sie ist noch nicht aufgestanden,« – allein das wäre ja gleichbedeutend gewesen mit der Bitte, er möchte noch bleiben, und zudem war Frau Gröndal jetzt wohl so weit aufgestanden, daß sie ihn selbst abwehren konnte, wenn sie ihn ins Zimmer treten hörte.

Und er trat ein; aber er kehrte nicht zurück. War denn Frau Gröndal schon zu sprechen? ... Nein, gesprochen wurde noch nicht im Zimmer.

Sie ging nach der Treppe hin und blickte in den Spiegel: die Tür des Schlafzimmers stand weit offen.

Sie eilte die Treppe hinunter durch den Garten, und aus dem Garten hinaus in den Wald. Aber sie kehrte bald wieder um, denn es war dort sehr feucht. Sie begab sich hinaus auf die Anhöhe an der See. Dort setzte sie sich auf einen großen Stein. Sie bebte, und der Busen wogte, als wollte da drinnen etwas zerspringen.

»Fräulein Holm!« rief Frau Gröndal.

Sie hatte also schon Toilette gemacht. Ihr Ruf mußte vom Altan oder aus dem Garten kommen. Frau Gröndal war vielleicht schon draußen gewesen, als er ins Zimmer trat.

Aber Thora konnte Frau Gröndal nicht sofort antworten; sie fühlte sich so beengt. Da sie nicht zum erstenmal geantwortet, glaubte sie auch beim zweiten Ruf schweigen zu müssen. Dann vernahm sie nichts mehr.

Wieviel Uhr war es? Schickte es sich denn, daß er schon so früh am Morgen eine Dame besuchte? Daß er unmittelbar vom Dampfer sich zu Frau Gröndal begab – und nicht erst zu seiner Schwester? Wieviel Uhr ist es?

Aber sie hatte ihre Uhr nicht bei sich ...

Da nähern sich ihr ja wieder die weißen Beinkleider... und auch der Regenschirm! Sie war in größter Aufregung ...

»Aber, liebes Fräulein, hören Sie denn nicht, daß Frau Gröndal nach Ihnen ruft?«

Thora antwortete nicht.

»Und wie naß Sie sind! ... Und ohne Schirm? ... Bitte ... Warum sind Sie denn fortgelaufen?«

»Wieviel Uhr ist es?«

»Wieviel Uhr? ... Elf!«

»Elf?«

»Ja, sehen Sie!« Er hielt ihr eine massive amerikanische goldene Uhr hin, wobei er den Deckel aufspringen ließ. Sie schwieg und folgte.

Als sie den Garten wieder erreicht hatten, wollte sie wissen, wie er sie so schnell gefunden. Er hatte ihre Fußspur hier im Sande entdeckt und das übrige hatte er sich zurechtgelegt; denn in den nassen Wald konnte sie ja nicht gegangen sein.

Dann frühstückten sie zusammen. Aber eine Stunde später saß Thora allein in ihrem Zimmer. Sie hatte sich eingeschlossen. Und um sechs Uhr nachmittags, gerade als die Gäste sich bei Frau Wingard einfanden, saß sie auf dem Dampfer, der nach der Stadt zurückkehrte.

Was war geschehen? Nichts, gar nichts. Aber gleich der Wolke, welche noch immer, wenn auch nicht mehr so niedrig wie am Vormittag über der Landschaft hing, lagerte auch hier überall etwas, das ihr unklar, unbegreiflich, unfaßbar war. Es war ihr unmöglich, mit Leutnant Fürst und Frau Gröndal zusammenzusein; sie kam sich dann so unnatürlich, so gekünstelt vor; alles, was sie sagte und tat, war verkehrt.

Daher wagte sie sich nicht in die Gesellschaft; und schon bei dem Gedanken, mit dem Leutnant den Walzer tanzen zu müssen, erbebte sie. Das war ihr unmöglich. Nun, so blieb ihr denn nichts anderes übrig, als zu fliehen. Sie gab sich schreckliche Blößen, indem sie alle möglichen Gründe für ihre Flucht zu erfinden suchte.

Aber gleichviel: jetzt saß sie auf dem Dampfer. Das war fast eine Tat, und sie freute sich ihrer.

Die übrigen Passagiere saßen teils auf dem Deck, teils in der Kajüte, wo die Fenster geöffnet waren. Sie trat nach vorn, wo ein paar Arbeiter saßen.

Nicht weit von ihnen suchte sie sich ein einsames Plätzchen. Es wurde ihr freier zumute, als der Dampfer sich mehr und mehr von der Küste entfernte und in die offene See gelangte.

Trotz des bewölkten Himmels war der Abend schön und milde; auch regnete es nicht mehr. Die Inseln, zwischen denen sie hindurchfuhren, lagen so hell und klar da; ihre vielfarbigen Anhöhen, die grünen Grasflächen, die Gärten mit den Häusern darin – alles war so deutlich zu sehen; ebenso die Menschen, welche vor den Häusern standen, um den Dampfer vorüberfahren zu sehen. Sie wünschte sich ein solches Häuschen zum Wohnsitz ... Es träumte ihr, daß sie wirklich in einem solchen Häuschen wohne ... und sie richtete es ganz nach ihrem Geschmack ein.

Und dann kehrten die unheimlichen Empfindungen zurück; sie fühlte sich so bedrückt und beunruhigt – aber wovon? ...

Natürlich ist es die Erinnerung an ihn, dachte sie. Unwillkürlich wandte sie sich um und blickte zurück.

Da stand er! Vier fünf Schritt von ihr stand er auf dem Deck! ... Er grüßte und lächelte ...

Kreidebleich und im nächsten Augenblick feuerrot, wandte sie sich mit großer Erbitterung von ihm ab.

»Nein, Sie müssen nicht böse auf mich sein! ... Ich will lieber mit Ihnen nach der Stadt fahren, als hier bis fünf Uhr morgen früh tanzen. Ist denn das so seltsam? Verdiene ich darum Ihre Verachtung?«

Jetzt setzte er sich hinter sie. Sie fühlte es und rückte ein wenig von ihm ab.

»Warum tun Sie das? Natürlich bin ich nur mitgefahren, um mit Ihnen plaudern zu können ...«

Es erfaßte sie ein eigenes Gefühl der Scham und zugleich der Furcht. Jetzt war sie allein, fern von den anderen; sie hätte nach ihnen rufen mögen. So oft Thora sich verlassen fühlte, begann sie zu weinen. Das sah er, und mit ganz veränderter Stimme sagte er:

»Liebes Fräulein, Sie müssen mich nicht mißverstehen! Ich will Sie durchaus nicht belästigen; nicht im mindesten! Es ist wahr, ich hätte mich so gern mit Ihnen unterhalten. Darf ich das nicht? Warum wünschen Sie das nicht?«

Sie gab keine Antwort; aber sie weinte auch nicht mehr. Er begann von gleichgültigen Dingen zu reden, und sie beruhigte sich allmählich. Er bedauerte, daß sie sich nicht schon früher kennen gelernt. »Als ich Sie zum erstenmal sah, sagte ich mir: – aber das ist ja gleichgültig, was ich mir sagte. Jedenfalls hatte ich den Wunsch, Sie noch einmal zu sehen. Ganz unerwartet ist mir heut dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Aber unterhalten haben wir uns nicht. Sie waren wirklich etwas seltsam. Warum? ... Oder waren Sie etwa nicht seltsam? Zum Beispiel, warum wollten Sie nach Hause zurückkehren? ... Ich mußte ja glauben, daß ich daran schuld sei. Vor meiner Ankunft hatten Sie ja nicht die Absicht, wieder zurückzureisen ... Nun ja, ich gestehe es, das machte mich neugierig. Wenn ich Sie erschreckte ... Vielleicht mit meinem großen Regenschirm? Sehen Sie, Fräulein, nun lächeln Sie! Aber wirklich, liebes Fräulein, warum wollten Sie unbedingt abreisen? Sagen Sie mir das.«

Er rückte etwas näher, und sie blieb sitzen. Unaufhörlich plauderte er, leicht und scherzend. Endlich wandte sie sich einmal halb nach ihm um; da sah sie sein Spaßvogelgesicht und stimmte ein in sein Lachen. Immerhin war er ein lustiger Gesellschafter.

In der Nähe einer der vielen Haltestellen lag ein rotes Haus, vor welchem eine Anzahl junger Leute um einige Turnapparate herumstanden. Ein junger Mann und ein junges Mädchen hielten sich an einem Seil im Rundlauf. Aus allen Kräften suchte er sie zu erhaschen. Erst berührte er einige Mal die Erde, dann ein langer Luftsprung, darauf wieder einige Schritte, dann von neuem ein großer weiter Luftschritt. Ob er sie je erreichte? Niemals. Sie war leichter und geschmeidiger und ihre Beine augenscheinlich viel elastischer; es war, als flöge sie durch die Luft! Das Haar und das Kleid flossen ihr nach wie auf einer Iris.

Gespannt, aber stumm folgten Thora und ihr Begleiter dieser Jagd . .. Mit einemmal fühlte Thora seine Gegenwart in ihrem Rücken wie Feuer; er war ihr noch näher gerückt. Und mit einem plötzlichen Sprung erhob sie sich, trat in die Kajüte und setzte sich mitten unter die anderen Passagiere ...

Sie wollte vor dem Hafen aussteigen. Er eilte ihr voraus, um ihr die Hand zu reichen. Aber sie entzog sich ihm. Er wollte ihre Schachtel tragen; sie lief fort ...

Er begab sich wieder an Bord, um im Hafen abzusteigen ...

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