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Thomas Rendalen

Bjørnstjerne Bjørnson: Thomas Rendalen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleThomas Rendalen
publisherBerlin Franz Wunder
printrunDritte Auflage
translatorWilhelm Lange
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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created20061219
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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17.

Frau oder Kind?

Der Frühling stellte sich sehr zeitig ein. Im Lager der Jugend herrschte großer Jubel. Die erwachende Natur steckte ihr im Blut. Wie das lärmte und rumorte! Es gab Tage, an denen die Schulmaschine in Stücke zu gehen drohte und die Autorität ernstlich in Gefahr war. Es erforderte ungemein viel Menschenkenntnis und Diplomatie, um das kleine Schiff durch die gefährlichen Frühlingswogen zu lenken ohne ernstliche Zusammenstöße und Erschütterungen.

Sogar der Verein schwebte in Gefahr.

Fräulein Hall hatte in den obersten Klassen mit Energie eine Art Grundlage zu schaffen gesucht für die Vorträge, welche sie in diesen Klassen zu halten hatte. Die Folge war, daß die Schülerinnen bei dieser strengen Arbeit volles Vertrauen gefaßt hatten zu dieser kleinen Dame; mit aller Offenheit wurde von allem gesprochen, was die Konstitution und Gesundheit der Frau betraf.

Für den Verein hatte dieses Wissen und vor allem dieses vertrauliche Verhältnis zur Folge, daß die Frauenfrage allmählich auf das physische Gebiet hinübergespielt wurde und dort ihre Begründung suchte. Ein Buch, das den Satz entwickelte, die Freiheit, welche der Mann sich vor der Ehe und oft auch später noch nehme, untergrabe den Charakter des Mannes und die Stellung der Frau und vererbe gleichsam die Treulosigkeit und Tyrannei von Geschlecht zu Geschlecht, – dieses Buch wurde von neuem hervorgezogen.

Karen Lothe hatte in ihren kulturhistorischen Studien namentlich der Entwicklungsgeschichte der Ehe besondere Beachtung geschenkt. Sie wußte jetzt, daß der Ausweg, der so oft vorgeschlagen worden, nämlich der Frau dieselbe Freiheit zu geben, welche der Mann sich nehme, ein Rückschritt, ein unerhörter Bruch mit der Kulturentwicklung sein würde; mit großem Nachdruck vertrat sie den Standpunkt der vollständigen Monogamie; die müsse dem Manne ebenso heilig sein wie der Frau.

Jetzt nahm Fräulein Hall in der nächsten Versammlung die Sache von ihrer physischen Seite. Kann physisch bewiesen werden, daß der Mann größeren Versuchungen ausgesetzt ist als die Frau, und deshalb eher zu entschuldigen ist? Sie bewies, daß im Gegenteil die Frau größere Versuchungen zu überwinden habe. Trotzdem sei die Regel, daß die Frau die Ehe in einem keuschen Leben respektiere, während man wohl durchweg mit Recht behaupten könne, daß auf seiten des Mannes das Gegenteil der Fall sei.

Das rief eine heftige Aufregung hervor. Der Mann hatte also auch hier sich das Recht des Stärkeren angemaßt, – angemaßt zu seinem vermeintlichen Vorteil, aber in Wirklichkeit zu seinem eignen Verderben und dem der Gesellschaft. Die Frau dagegen hatte in der zivilisierten Gesellschaft durch Hunderte von Gliedern nur einem Manne angehört. Dadurch hatte sie eine angeborene Fähigkeit erlangt, die Treue zu bewahren. Folglich könne sich auch der Mann diese Fähigkeit erwerben. Während des Meinungsaustausches, der dem Vortrag folgte, stieg noch die Erregung, und im Laufe der Woche gingen den jungen Damen so viele Gedanken über diesen Gegenstand durch den Kopf, daß eine neue Versammlung angesetzt werden mußte.

Zum erstenmal seit Gründung des Vereins nahm Tinka Hansen das Wort. Die Frau, welche einen Mann heirate, der eine unsittliche Vergangenheit hinter sich habe, mache sich mitschuldig. Sie billigte es, daß ihr Geschlecht so behandelt werde. Und sie selbst erhielt die Strafe dafür. Ob denn die Frau sich einbilde, daß ein Mann, der an ein solches Leben sich gewöhnt habe, je damit brechen könne?

Jedenfalls könnten diejenigen sich das nicht einbilden, welche in den letzten Jahren einen Teil der Vorträge gehört, in welchen bewiesen worden, daß die Gewohnheit eine Nervenfrage sei. Kaum der Hundertste besiegt eine Gewohnheit aus freien Stücken; in der Regel muß dem guten Willen eine harte Notwendigkeit zu Hilfe kommen.

Wie immer hatte Tinka die Frage mit Fredrik verhandelt; kein Wunder daher, daß sie mit solcher Zuversicht sprach.

Das hatte eine ungeheure Erregung zur Folge. Überall vernahm man Äußerungen wie: »Denke dir, einen Mann zu umarmen, der –!« – »Denke dir, Leib an Leib mit einem Manne, der –!«

Diese geflüsterten Beweise des Ärgernisses sammelte Nora, als sie das Katheder bestieg und erklärte: Heute abend dürften sie sich nicht trennen, ohne einander zu geloben, daß sie wenigstens alles tun würden, damit die Frau sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt werde und vor sich selbst Achtung hegen lerne. Noch hatte sie nicht ausgeredet, als alle sich erhoben und dies Gelübde ablegten.

Einige Tage später fand wieder eine Versammlung statt. Es war etwas Neues geschehen.

Thora trug gern phantastische Märchen und abenteuerliche Geschichten vor, – ihr Lieblingsbuch war Bulwers seltsame Geschichte. Ihr kleiner Augustuskopf, der schon so voll war von putz- und farbenreichen Stoffen, fremden Sprachen, heimlichen Klatschgeschichten und aller weiblichen Eitelkeit, – er schwärmte noch für Musik!

Plötzlich jedoch hörte man nichts mehr davon. Wo sie auch mit Karl Wangen zusammentraf, sei es allein, sei es in Gegenwart anderer – sie wußte es so einzurichten, daß sie miteinander flüsterten. Worüber ihre Freundinnen sich nicht wenig wunderten. Was in aller Welt hatte sie mit dem Geistlichen zu verhandeln? Er hatte ihr just in diesen Tagen »John Wesley« zu lesen gegeben. Sie verschlang das Buch, wie sie alle Bücher verschlang, und dann unterhielten sich die beiden über John Wesleys plötzliche Bekehrungen. Die Menschen, welche unter den Einfluß seines Blickes, seiner Rede kamen, waren von dem Augenblick an wie verwandelt. John Wesley stammte von Vaters- und von Muttersseite von einer alten Predigerfamilie; natürlich hatte das in hohem Grade in ihm die Fähigkeit entwickelt, auf gläubige Gemüter einzuwirken. Seine Rede war wie ein elektrischer Schlag, dem gewisse Naturen nicht zu widerstehen vermochten.

Wie dies Thora auf das Kurtsche Geschlecht führte, welches sie um diese Zeit außerordentlich interessierte, – das ist ihr Geheimnis. Aber gar bald erzählte ihr der ehrliche Karl Wangen begeistert von Thomas Rendalens Kampf, um sich von dem Erbübel seiner Familie zu befreien. Auch früher schon hatte eine Blutmischung in dem Geschlecht und ein Kampf mit dessen Gewohnheiten stattgefunden; allein Thomas Rendalens Selbsterziehung und Kampf waren bewundernswürdig. Geheimnisvoll fragte Karl, ob ihr nicht Thomas' Sauberkeit, seine ausgesuchte Art sich zu kleiden, der leichte, fast unmerkliche Duft seiner – und o so teurer! – Essenzen aufgefallen sei. Der sei stets und überall an ihm zu spüren; fortwährend wasche und bade er sich, fügte der junge Geistliche errötend hinzu ...

Die meisten Leute glaubten, das rühre von Eitelkeit her – und eitel sei er ja wirklich, aber ob sie nicht ahne, was das zu bedeuten habe? ... Thomas Rendalen hätte infolge seiner Kämpfe schließlich denselben Sinn für die Reinlichkeit sich angeeignet, welcher jungen Mädchen angeboren sei. Ihm wäre die Pflege und das Schmücken des Körpers eine Art Tempeldienst – ganz so wie den jungen Frauen, wenn Mittel und Zeit es ihnen gestatteten ... Durch verschiedene Äußerungen hätte Thomas ihn auf diese einzig richtige Deutung gebracht. Ja, wäre es nicht seltsam, daß es diese Form angenommen? Aber das rührte vielleicht daher, daß er unter Mädchen aufgewachsen wäre. Was sie dazu sage? ...

Karl Wangen stellte diese halbe Frage mit großer Scheu; aus mehr als einem Grund lege er Gewicht darauf, daß sie ja nicht außer acht lasse, man könne sehr wohl ein makel- und tadelloser Mann sein, ohne sich gerade zu schmücken und mit Essenzen zu besprengen.

Von diesem Augenblick an schwärmte Thora Holm noch für einen andern Mann.

Jetzt bildete sie sich ein, Thomas Rendalens Lebensplan und Verhalten zu verstehen – und begriff sie die Ursache seiner Stimmungsunruhe, seiner Haltlosigkeit auch nicht, oder vielmehr dachte sie auch nicht darüber nach – es störte nicht mehr das Bild, das sie sich von dieser »energischen« Natur gemacht hatte. Sie liebte ihn! Es gab kein anderes Wort dafür, daß sie alles, ja alles für ihn tun konnte, und so teilte sie es auch mit; zunächst ihren Busenfreundinnen, dann ihren gewöhnlichen Freundinnen. Mit wie großem Nachdruck erzählte sie dieselbe Geschichte in derselben begeisterten Stimmung zehn-, zwanzigmal der ganzen großen Schar ihrer Freundinnen!

So viel Begeisterung steckt an; wer von ihren Freundinnen bisher noch nicht für Thomas Rendalen geschwärmt hatte, die schwärmte jetzt! Trotz des roten Haares, trotz der Sommersprossen und der flachen Nase, der fahlen Augen und des unruhigen Gesichts ohne Augenbrauen war er das Ideal eines Mannes! Er selbst dämpfte diese Begeisterung einigermaßen, wenn er in die Klasse kam und an den Bänken auf und ab zu rennen begann, ohne eine einzige anzusehen. Oder wenn er hitzig – ja sogar zornig, so daß sie erschreckt zusammenfuhren – sich auf etwas stürzte, das den Unterricht störte – denn in dieser Beziehung war nicht mit ihm zu scherzen! ... Aber kaum hatte er das Klassenzimmer verlassen, so stand sein Idealbild wieder rein und makellos da, namentlich aber wenn er besonders aufgelegt war und mit seinem wunderbar pädagogischem Talent in großen Zügen eine überaus anschauliche Darstellung irgendeiner geschichtlichen Begebenheit gab – dann war auf der ganzen Welt kein Mann mit ihm zu vergleichen!

Aber eben darum, weil es nur einen Thomas Rendalen gab, war es so natürlich, daß einige von den schwächeren Naturen sich zu fragen anfingen: »Aber, du lieber Gott, – da es nur einen gibt, und unser so viele sind? ...« Ja, diese Frage legten sie sich vor.

Ich will nicht sagen, wer es war, nicht einmal, wie viele es waren, welche sich diesem Zweifel hingaben. Die Frage selbst ist das Unbedeutendste an der Sache; es kommt nur auf die Antwort an. Die Antwort! Denn wir können nicht umhin zu verraten, daß einige dieser Mädchen an dem Abend, da sie so einstimmig ja sagten zu Tinka Hansens hochherziger Darstellung und Thoras Gelübde, sich ein wenig über ihre Kräfte angestrengt hatten. Das erkennt man erst später, wenn man die Ruhe an den einen denkt, den man liebt oder von dem man so gern geliebt sein möchte ... und von dem man weiß, daß er schon – – Ja, ja; denn das alte Städtchen war ein fürchterliches Klatschnest.

Dann kommen einem leise Zweifel. Sollte nicht der betreffende junge Mann, gleichviel was er getan, Vertrauen verdienen, wenn er ihr etwas gelobte? Und wenn sie auch ihrerseits etwas gelobte? O gewiß! Er sollte schon ein ganz netter, lieber fügsamer Junge werden, wenn sie seiner nur habhaft werden könnte. Von großen Worten und erhabenen Grundsätzen kann man nicht leben.

Aber da fand eine von ihnen, daß dies ein Verrat sei an ihrem Gelübde, und so gerieten sie hart aneinander, und es mußte eine neue Versammlung abgehalten werden. Darin wurden diejenigen aufgefordert sich zu rechtfertigen, welche sich erkühnt hatten ihre Ansicht zu ändern. Anfangs wollte keine hervortreten; aber schließlich sagte doch wirklich ein mutiges, schwarzlockiges Mädchen ganz offenherzig: Nach ihrer Meinung wären sie in der letzten Versammlung zu weit gegangen. Wären alle Männer so, – so, wie man sie damals sich gewünscht habe, – ja, dann! Aber sie seien nun einmal nicht so – und was sei bei dieser Lage der Sache zu tun? ... Ja, nun stehen wir allein da!

»Gut, so bleiben wir allein dastehen!« lautete die Antwort. Auch auf diese heroische Antwort erfolgte eine Replik, – und so bildeten sich zwei Parteien und eine Mittelpartei. Auf die letztere war jedoch nicht fest zu bauen, was bei Mittelparteien gewöhnlich der Fall ist. Tinka Hansen (und Fredrik) und alle, die mit ihr und ihm (der Partei Fredrik) einverstanden waren, stellten den Antrag, die unbedingte Gleichheit der beiden Geschlechter zu proklamieren. Die Unkeuschheit dürfte fortan nicht mehr so streng beurteilt werden, mochte der Mann oder die Frau sich ihrer schuldig machen.

Fräulein Hall war die einzige Lehrerin, welche an dieser Versammlung teilnahm, und sie sprach sich sehr energisch für die »Partei Fredrik« aus. Wenn unser Wissensgebiet sich mehr erweitert habe, äußerte sie, dann brauchten auch die Folgen der Unkeuschheit für die beiden Geschlechter nicht mehr verschieden zu sein. Selbst dieser Grund könnte also nicht als eine besondere Anklage gegen die Frau aufrechterhalten werden. Diejenigen, welche den Unterschied darin erblickten, daß das Vergehen der Frau die Familie schände, während das des Mannes eines anderen Familie, eines anderen Frau, eines anderen Tochter schände, diese sollten sich schämen und schweigen.

Zweimal kam Fräulein Hall hierauf zurück, weil niemand darauf antwortete. Die Gegenpartei glitt über das Ganze hinweg; sie wiederholte in einem fort: ein Mann könne sehr gut sein, auch wenn er, wie die Verhältnisse nun einmal wären, sich vergangen habe. Nur die offenkundige Unsittlichkeit mache eine Ehe unmöglich.

Die Partei Fredrik nahm argen Anstoß an diesen »leichtfertigen« Worten. Das hieß ja, einem nichtsnutzigen Leben einen Freibrief erteilen. Es wurden so starke Worte gebraucht, daß auch die Gegenpartei zornig wurde. Man ward sehr erregt; alle redeten zugleich und niemand wollte zuhören.

Das war am Donnerstag. Am Abend hatte der Generalstab sich bei Milla versammelt. Man hatte mit demselben Gegenstand begonnen, war jedoch nach und nach auf Rendalen zurückgekommen.

Tinka saß da und kritzelte seine Handschrift auf großen Halbbogen nach. Die anderen folgten diesem Versuche mit besonderer Aufmerksamkeit. Seine Handschrift bildete geradezu einen Gegensatz zu seiner sorgfältigen Toilette, so sorglos, ja so gleichgültig reihten sich Buchstaben und Worte aneinander.

Tinkas karikierte Proben glichen einem Stickmuster.

Sie schrieb: »Ich halt's nicht mehr aus – erwarte mich heute abend neun Uhr auf dem Markt!« – Sie schrieb das als Randglosse zu dem, worüber sie sprachen, und Blatt für Blatt füllte sie kreuz und quer mit diesen Worten an.

Welche aber war es, welche vorschlug, was jetzt folgte? Darüber konnten sie später nicht einig werden. Nur das stand fest, daß nur Milla eine Einwendung machte; aber diese war so schwach, daß sie mit Recht für das Gegenteil dessen gehalten wurde, wofür sie sich ausgab. Jede von ihnen besorgte am Sonnabend vormittag ihren Brief. Der eine wurde in Karen Lothes Manteltasche, der andere in die Tasche der Zeichenlehrerin gesteckt; der dritte und der vierte mußten sich in die Jacken des Fräuleins Hall und einer Sprachlehrerin schleichen.

Die Briefe waren nicht unterzeichnet, die Umschläge offen und ohne Adresse; – die Aufforderung war so flott hingeworfen, daß das Ganze für einen Scherz gelten konnte. Aber das war gerade das Verlockende an der Sache.

Denn man durfte hoffen, daß gerade die scheinbar achtlos hingeworfene Schrift als von Rendalen herrührend betrachtet wurde, wenn die Sache eine unangenehme Wendung nahm.

Um neun Uhr am Samstagabend lag eine solch milde Ruhe in der Luft, daß kein Mensch an Arges dachte. Friedlich kehrten die letzten Spaziergänger von ihrer poetischen Tour zurück; die meisten führte der Weg über den Marktplatz. Um dieselbe Zeit kamen die Mädchenscharen von der Schule durch die Allee gestürmt. Es war so ausgerechnet, daß der Generalstab sich an eine dieser Scharen anschließen konnte, um keinen Verdacht zu erregen.

Natürlich waren alle vier zur Stelle. Sie schlossen sich an einige Freundinnen an, welche mit saurem Gesicht aus der Schule kamen. Es wurde so eingerichtet, daß sie gerade um die angesetzte Stunde über den Markt gingen. Richtig – da wandelte Karen Lothe auf dem Marktplatz umher; ja, sie war es; ihre schlanke Gestalt, ihr grauer Mantel und ihre Hutfeder ließen keinen Zweifel darüber. Gerade sie hier zu finden, war ihnen so unerwartet, daß sie sich beinahe verraten hätten. Konnte das wirklich Karen Lothe sein? Da wandte sie sich wieder nach links. Ganz offen vor aller Welt wanderte sie also hier auf und ab und erwartete jemand!

Die vier sahen sich starr an; sie lachten nicht, sie gaben sich kein Zeichen, – sie waren geradezu erschreckt.

Aber ihre Stimmung schlug plötzlich um, als sie die lange Zeichenlehrerin in die Allee einbiegen sahen! Schnell kam sie auf sie zu; sie hatte nämlich ganz um dieselbe Zeit ein Stelldichein in der Allee. Milla kroch hinter Thora, und Thora hätte sich ebenfalls gern hinter jemand verkrochen. Sie mußten irgendeinen Streich ersinnen, um einen Vorwand zum Lachen zu finden.

Als die Zeichenlehrerin mit fieberhafter Hast vorbeisegelte, hatten sie Tinka Hansen gerade in einen Graben gestoßen, der zum Glück trocken war.

Jetzt galt es noch zu erfahren, ob auch die beiden anderen Lehrerinnen in die Falle gegangen waren! Die vier kehrten in die Zimmer der Pensionärinnen zurück, von wo sie den Hof überschauen konnten. Fräulein Hall hatten sie hinter dem Turnlokal ein Stelldichein gegeben; aber wenn sie nicht ganz regungslos an der bezeichneten Stelle stand, so hatte sie sich nicht eingefunden. Die Sprachlehrerin war hinter den Garten beordert. Und richtig, da kam sie den Fußpfad vom Walde her herunter. Aber sie war nicht allein; und dabei sah sie sich nicht ein einziges Mal um. Wenn sie den Brief gelesen, so hatte sie ihn für Scherz gehalten ... Die vier schlichen sich durch das Gartenpförtchen auf demselben Wege von dannen; sie wollten Karen Lothe nicht noch einmal begegnen.

Aber einige Stunden vorher hatte sich etwas zugetragen, das, wäre es nicht dazwischen gekommen, alles an den Tag gebracht hätte; und dann würde keine der vier jungen Damen wieder einen Fuß in die Schule gesetzt haben.

Fräulein Hall hatte, als sie um sechs Uhr von ihrem Spaziergange nach Hause gekommen war, sehr nervös und sehr dringend Herrn Rendalen zu sprechen verlangt. Als er kam, reichte sie ihm sofort den Brief. Er nahm und las ihn, hielt ihn auf Armeslänge von sich und begann zu lächeln; und als sie die Sache ernst nahm, verwandelte sich sein Lächeln in ein helles übermütiges Lachen ...

Zehn Minuten später hatte er einen Brief von Fräulein Hall in Händen, worin sie ihm mitteilte, daß sie mit dem nächsten Dampfer abreise. Ganz wütend suchte er seine Mutter auf, teilte ihr den Vorfall mit und bemerkte, Fräulein Hall müsse verrückt geworden sein.

Jetzt stürmte Frau Rendalen zu Fräulein Hall. Diese war noch in der größten Aufregung, weinte und gab wunderliche, heftige Erklärungen ab, während Frau Rendalen sich ein über das andere Mal die Brille abriß; die Sache war ihr ein vollständiges Rätsel. Vielleicht, dachte sie, kommt Licht hinein, wenn wir englisch miteinander reden. Aber es blieb alles so dunkel und geheimnisvoll wie zuvor.

– Kurz und gut: weshalb war sie so aufgebracht? Warum wollte sie abreisen? Was sollte geschehen? Welche Genugtuung verlangte sie?

– Sie verlangte, daß die Schuldige ihre Strafe erhielt! – Weiter nichts! ...

Beide eilten in die Zimmer der Pensionärinnen. Sie waren leer. Da begannen sie die Schreibbücher und Briefmappen zu untersuchen. Es mußte sich doch herausstellen, welche von den Schülerinnen so nichtsnutzig gewesen, Rendalens Handschrift nachzuahmen. Dann hinunter in die Klassenzimmer. Die der obersten Klassen waren noch ganz so wie in dem Augenblick, da die Schülerinnen sie verlassen. Sorgfältig wurden alle fortgeworfenen Papierschnitzel gesammelt und studiert, die Schreibbücher, die Schulbücher und die Pulte untersucht. Sie wollten und mußten es heraushaben, wer die unglückselige war, welche Rendalens Handschrift nachahmte.

Das taten allealle miteinander!

Als diese Tatsache offenbar wurde, als gar kein Zweifel mehr darüber obwalten konnte, daß alle erwachsenen Mädchen in der Schule sich unablässig mit Rendalen, mit Thomas Rendalen und nur mit Rendalen beschäftigten, da ward Fräulein Hall ruhiger, und schließlich verließen die beiden Damen die Schulzimmer, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Fräulein Hall hat niemals wieder von der Sache gesprochen ...

Aber Frau Rendalen sprach mit Karl Wangen. Am nächsten Montag nahm er in der Religionsstunde die Worte zum Text: »Was man nicht wollte, daß andere uns täten, müßte man auch niemals einem andern tun.« Das gelte namentlich von der Jugend, welche eine große Freude daran habe, eines anderen schwache und empfindliche Seite aufzusuchen.

Die vier wagten nicht aufzusehen, – was sie jedoch nicht hinderte, verstohlen von der Seite nach der Zeichenlehrerin zu blicken, welche gerade an diesem Tage den Einfall gehabt, sich an den Tisch des Laboratoriums zu setzen. Sie stützte ihre langen Arme auf den Tisch, und der Kopf ruhte etwas seitwärts geneigt auf der Handfläche; die andere Hand war mit einem Gegenstand auf dem Tische beschäftigt, den sie unverwandt betrachtete; aber da rollte ihr Träne auf Träne über das Gesicht, ohne daß sie sich rührte oder die Tränen trocknete; sie war ganz außer Fassung.

Alle vier sahen es. Als die Lehrerin in der vierten Pause noch ebenso trostlos war, noch ebenso heftig weinte, – da vermochte Nora es nicht mehr auszuhalten. Sie zog sie mit sich in eines der Pensionszimmer, schlang die Arme um ihren Nacken und bat sie leise wieder und wieder um Verzeihung. Was verziehen werden sollte, wurde nicht gesagt.

In stummer Vertraulichkeit schmiegten sie sich aneinander; Gram, Mitgefühl, Scham, Verzeihung – das alles verschmolz zu einer einzigen Empfindung ... Das große arme Mädchen, dem sie durch ihren Streich ihr teuerstes Herzensgeheimnis entlockt, tröstete sich schließlich angesichts einer so grenzenlosen Reue, eines so tiefen Verständnisses, einer so herzlichen Hingebung.

Noch am selben Tage erfuhren Thora und Tinka, was Nora getan. Sie wollten dasselbe tun; aber das untersagte sie ihnen; die Unglückliche durfte um keinen Preis ahnen, daß mehr als eine der Schülerinnen um ihr Geheimnis wußte. Karen Lothe wurde krank. Thomas mußte ihren Unterricht übernehmen und trat einige seiner Stunden an Fräulein Hall ab.

Alle drei fühlten, daß niemand sich Karen Lothe nähern dürfe.

Wie hatten sie nur auf einen so abscheulichen Streich verfallen können? Und das, während sie gerade tiefernste Debatten über die Stellung, die Ehre und die Verantwortlichkeit der Frau geführt?!

Milla wollte mit den anderen gar nicht mehr reden. In der Schule hielt sie sich ganz für sich, und besuchte sie jemand zu Hause, so war ihre Tür abgeschlossen. Alle hatten eine Empfindung, als befänden sie sich am Vorabend eines Sturmes.

Aber daß Milla sich von ihnen zurückzog, als ob sie allein die Schuldigen wären – das konnte Nora nicht ertragen ... Eines Tages nahmen sie daher alle drei Milla auf die Seite und verlangten Rechenschaft von ihr. Beleidigt wollte Milla sich entfernen; aber das nützte ihr nichts. Und da erklärte denn Milla, sie hätten sie zu diesem Unrecht verleitet. Sie wollte mit solchen Dingen nichts mehr zu tun haben.

Die ganze Antwort, die sie bekam, bestand darin, daß Nora große Augen machte; aber Milla errötete vor diesen großen Augen.

»Natürlich sei auch sie an dem Geschehenen mitschuldig; aber sie möchte nicht noch einmal in die Lage kommen, sich schämen zu müssen.« – Da fragten die anderen, ob sie etwa meine, sie hätten sich nicht geschämt.

Jetzt vertraute ihnen Milla etwas vornehm an, in ihrem ersten Schreck über Karl Wangens Rede habe sie ihren Vater gefragt, ob er sie auf seiner Reise nach Süddeutschland mitnehmen wolle. Mit großer Freude habe er sich bereit erklärt; sie könne jetzt nicht mehr zurücktreten; in einigen Tagen reise sie ab.

Die Freundinnen fühlten sich etwas gekränkt, daß Milla die Absicht gehabt, so ohne weiteres zu verschwinden. Aber auch Milla fühlte, daß ihr Verhalten ein wenig kränkend war; denn sie versuchte den üblen Eindruck möglichst zu verwischen. Jetzt war sie in jeder Beziehung die Liebenswürdigste.

Als dann die Zeichenlehrerin in einem sehr schönen Mantel und Hut auftrat, ohne daß man herausbekommen konnte, wer die gute Freundin war, welche ihr diese Sachen verehrt hatte, – da war es den drei sofort klar, daß Milla die Spenderin sei. Zwar stellte Milla das in Abrede; aber das war ja nur ein neuer schöner Zug von ihr. Und so verwandelte die kurze Verstimmung auf beiden Seiten sich in ein noch innigeres Verhältnis während der wenigen Tage bis zur Abreise. Ihr Vater veranstaltete ein Abschiedsfest. Das Hauptereignis dabei war die Enthüllung eines Kuchens, auf dessen Spitze vier Zuckermädchen einander an fingerlosen Händen hielten und um eine rote Fahne mit der Inschrift »Emanzipation« herumtanzten. Und rings um den Sockel stand: »Der Verein«.

Aber dieser Spott machte keinen Eindruck. Am folgenden Tage veranstaltete dieser selbe Verein Milla zu Ehren ein Abschiedsbankett. Alle guten Geister waren bei dieser letzten Zusammenkunft zugegen und umschwebten gewissermaßen die vielen kurzen Reden, die Musik, den Gesang, die ganze Stimmung ... Ein sehr ernstes Mädchen erinnerte daran, daß all das Schöne, das sie in diesem Schuljahr erlebt, gleichsam an der Grabstätte der Frau Engel begonnen hatte, und jetzt fand es hier mit dem Abschiedsfest für Milla seinen Abschluß. Da wurde Milla von ihren Gefühlen überwältigt. Sie erklärte, sie sei ihrer Freundinnen ganz unwürdig; sie verdiene all die Liebe nicht, welche ihr erwiesen wurde, sie sei nicht so gut, als ihre Freundinnen glaubten.

Da trat Thora zu ihr und umarmte sie. Thora fühlte sich, wie sie Milla zuflüsterte, von unendlicher Dankbarkeit erfüllt für die schönsten Tage ihres Lebens.

Man beschloß Milla nach Hause zu begleiten, und sie nahm Thora unter den Arm.

»Jetzt kommen für mich böse Tage,« sagte Thora schluchzend.

»Aber ich kehre ja doch wieder, Thora!«

Als sie an Millas Tür Abschied nahmen, eilte Thora die Treppe hinauf und hinein in den Hausflur. Dort zog sie ein Kästchen hervor, das Milla sofort wiedererkannte. Darin lag ihr einziges Kleinod, das sie von ihrem Oheim geerbt; dieser hatte es in seiner Jugend aus Kalifornien mitgebracht. Es waren kleine, ungeprägte Goldstücke, welche an einer schweren Kette befestigt waren. Ein Prachtstück! Sie drückte es Milla in die Hand; sie selbst hatte es nie getragen.

Milla wollte das Geschenk um keinen Preis annehmen; sie wußte nicht einmal, wie sie einen solchen Schritt vor ihrem Vater rechtfertigen sollte. Sie schlug es auf das bestimmteste und schließlich sogar in kaltem Tone aus, so daß Thora gekränkt forteilte. Aber Milla holte sie wieder ein und nötigte sie zu sich hinauf in ihr Zimmer, wo sie sie herzlich küßte. Ob sie meine, Milla wisse es nicht zu schätzen, was sie ihr zugedacht habe. Aber es sei Milla eine Gewissenssache, das Geschenk abzulehnen. So jedoch dürften sie nicht scheiden. Thora müsse bei ihr bleiben, die ganze Nacht mit ihr zusammen sein, »Nicht wahr?«

Und Thora blieb. Wenn junge Mädchen sich wirklich lieben, müssen sie auch zusammen schlafen. Die da draußen warteten eine Weile. Als Thora nicht zurückkehrte, entfernten sie sich eine Strecke. Sie ärgerten sich über sie. Doch kehrten sie bald wieder um und begaben sich leise in den Garten. Und kurz darauf vernahmen die beiden Freundinnen da oben im Schlafzimmer einen gedämpften Damenchor unter dem Fenster. Sie sangen zu Tinkas Altsolo das Lied: »Ruhe sanft!«

Da ward die Gardine zurückgeschoben, und die Blonde und die Brünette, beide in weißem Nachtgewande und fest umschlungen, nickten lächelnd in den Garten hinab.

Am folgenden Tage war die ganze Schule an der Landungsbrücke. Frau Rendalen, die Lehrer und die Lehrerinnen, kurz alle mit Ausnahme von Anna Rogne; sie hatte auch an dem Abschiedsessen des Vereins nicht teilgenommen.

Lautes, allgemeines Weinen und Küssen; doch eine ebenso große Bewunderung für Millas Reisetoilette. Auch die Kleinen mußten dabei sein; zwar weinen konnten sie noch nicht, aber küssen.

Die verweinte Thora war zugleich mit Milla und ihrem Vater erschienen, der eitel Höflichkeit gegen sie war; aber jetzt hielt sie sich ganz zurück. Milla mußte sie geradezu aufsuchen, um ihr den letzten Händedruck, den letzten Kuß zu geben.

Als der Dampfer bei seiner letzten Wendung an der Brücke vorbeifuhr und die schlanke schwarze Mädchengestalt – deren Hutschleier sich halb losgerissen, so daß er im Winde flatterte – mit ihrem Taschentuch den Freundinnen zuwinkte, da ward es augenblicklich weiß auf der Brücke; die kleinen sowohl wie die hinter ihnen stehenden großen Schülerinnen, alle winkten mit ihren Taschentüchern; und vom Dampfschiff nahm sich das aus, als hätte ein Wasserfall mit hohen Schaumwogen sich dort ins Meer gestürzt ...

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