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Thomas Rendalen

Bjørnstjerne Bjørnson: Thomas Rendalen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleThomas Rendalen
publisherBerlin Franz Wunder
printrunDritte Auflage
translatorWilhelm Lange
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5587b04b
created20061219
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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11.

Die letzten Flegeljahre.

Um diese Zeit erfuhr sein äußeres Leben bedeutsame Wandlungen.

Zunächst bekam er einen Kameraden. Vor mehreren Jahren war nämlich in der Stadt der Kaplan Wangen gestorben, der mit einer schwärmerischen dänischen Dame verheiratet gewesen. Sie hatten ein Schäferleben miteinander geführt und sich buchstäblich nie um den folgenden Tag gesorgt.

Die Frau bekam nach ihres Gatten Tode so viel, daß sie sich und die Kinder in den ersten Jahren ernähren konnte; aber dann war das nicht mehr notwendig: sie starb ebenfalls. Auf Veranlassung des Pastors Green kam der Sohn Karl »probeweise« zu Frau Rendalen. Er zählte damals elf Jahre, war also zwei Jahr älter als Thomas.

Karl Wangen war ein schlanker, schmaler, brünetter Bursch mit großem Kopf, an dem namentlich die mächtige Stirn, die tiefen Augenhöhlen, die sanften blauen Augen und der breite gerade Mund auffielen, um den fast immer ein Lächeln schwebte.

Er war still und sehr bescheiden; und in seiner neuen Umgebung sogar ängstlich. Als er am Abend mit Thomas schlafen ging, kniete er vor dem neuen Bett nieder, das in Thomas' Zimmer für ihn aufgestellt war; und dann betete er lange und still mit dem Kopfe auf die Hände gestützt. Als er sich wieder erhob, blickte er mit Tränen in den Augen lächelnd auf seinen Kameraden herab; doch ohne ein Wort zu sagen. Später hörte Thomas ihn unter der Decke schluchzen ... lange, sehr lange ... Endlich mußte auch Thomas weinen, aber er hütete sich, den anderen das merken zu lassen.

Alle waren herzensgut gegen den neuen Schüler; aber niemand so wie Thomas. Karl besuchte die lateinische Schule, in der er einen Freiplatz hatte, so daß die Knaben fast den ganzen Tag getrennt waren. Und wenn er zu Hause war, machten sie deshalb auch ihre Aufgaben nicht zusammen; zudem ließ Karl sich nicht viel Muße: er war außerordentlich fleißig. Er war der Erste in seiner Klasse, und das wollt' er auch bleiben. Infolgedessen konnte Thomas seiner nie habhaft werden, wenn er am liebsten mit ihm zusammengewesen wäre. Kam dann endlich Karl nach Hause, so war er müde. Auch wußte er's nicht so recht zu würdigen, was der andere alles für ihn angestellt hatte; er hatte kein Verständnis dafür, wie Thomas auf ihn gewartet, wie er sich seiner freute ... Er war Thomas' erster Kamerad; Karl aber hatte schon mehrere gehabt ... Im allgemeinen fand Thomas seinen Freund zu bedächtig und blöde; immer war er um seine Kleider besorgt, und peinlich gehorsam, wenn ihm etwas gesagt wurde. In diesen und anderen Dingen war er das gerade Gegenteil von Thomas.

Schließlich fand dieser, daß Karl im Grunde doch nur ein Mädchen war – er hatte ein Mädchen mehr um sich, und das war nicht einmal halb so lustig wie die anderen ... Bald fing er an ihn »Karolinchen« zu nennen und ihm nachzuäffen, wenn ihn fror oder er etwas Unrechtes zu tun fürchtete; und wenn Karl, statt böse zu werden, gutmütig lächelte, machte Thomas seinen Mund so lang wie derjenige Karls war, indem er ihn mit den beiden Zeigefingern breit zerrte. Und ging's wirklich lustig her, waren gleich auch die Mädchen dabei. Sie rühmten Thomas wegen seiner Ritterlichkeit gegen sie; er war ja auch selbst stolz auf seine Ritterlichkeit; aber mitunter konnten er und die Mädchen recht unritterlich gegen Karl sein – ohne sich dessen bewußt zu werden.

Dann stürzten sie, sobald Karl sich zeigte, auf Thomas' Weisung eine nach der anderen auf seinen Freund zu und bürsteten ihm mit den Händen die Kleider, weil sie sahen, daß er immer so ängstlich darum besorgt war – er hatte ja immer so wenig gehabt! Und er ward gebürstet und gebürstet, bis er zu weinen anfing. Dadurch erwarb er sich den Spitznamen »Tränenjüngferchen«. Noch ärger ward es, als sich herausstellte, daß Karl, obgleich älter und größer als Thomas, doch etwas schwächer war. Da mußte ja Thomas sich zeigen, und es gab eine grausame Prügelei.

Im Grunde hatte nun Karl nicht viel dagegen, den Märtyrer zu spielen; das war in seinen Augen etwas Großes. Aber das entdeckten die anderen bald, und so ward es noch viel ärger für ihn.

Und Auguste? Sie war gut gegen Karl, und je schlimmer die anderen ihm mitspielten, um so freundlicher wurde sie; aber sie mischte sich nie in das, was die anderen trieben; überhaupt mied sie in der letzten Zeit mehr und mehr alle Aufregungen. So oft aber Karl ihren Schutz suchte, war er geborgen; daher geschah das immer häufiger, immer häufiger; schließlich ward sie förmlich seine Schutzpatronin: er wagte gar nicht mehr ohne sie in den Garten zu kommen.

Thomas war zu stolz, sich etwas merken zu lassen; aber Karl ließ er's entgelten. Und als Thomas einst in einer Klavierstunde über die Freundschaft der beiden spöttelte, erklärte Auguste, sie würde Karl so lange eine treue Freundin bleiben, bis Thomas ein so braver Junge geworden wie Karl – da schwur Thomas Rache.

Am Samstagnachmittag besuchte Karl immer den Kirchhof, um auf seiner Eltern Grab frische Blumen zu pflanzen. Am nächsten Sonnabendnachmittage paßte ihm Thomas, als Karl mit seinem Körbchen gehen wollte, in der Allee auf, und dort sollte er ihm versprechen, nicht mehr mit Auguste zu reden. Aber der sonst so fügsame Karl wollte dies Versprechen nicht geben; und als Thomas ihn deshalb schlug, wollte er erst recht nicht. Thomas schlug und schlug; aber Karl blieb standhaft. Ganz außer sich trat Thomas ihn mit dem Fuße und traf ihn an einer gefährlichen Stelle. Karl schrie laut auf und wurde ohnmächtig.

Thomas mußte ihn selbst nach Hause tragen helfen, selbst nach dem Arzt laufen, und während er mit dem Angstschweiß auf der Stirn an der Stelle vorüberstürzte, wo der arme Junge mit einem traurig auf ihn gerichteten Blick hingesunken war, da verwandelte sich Karls Bild. Der schweigsame vater- und mutterlose Knabe, der am ersten Abend, da er auf das Gut kam, vor seinem Bett kniete und betete, schwebte ihm wieder vor der Seele ... Noch vor dem Arzt war Thomas wieder zu Hause; er mußte fort, Hals über Kopf fort, um, ohne daß jemand es sah, niederzuknien, wo Karl hingesunken war, und dort weinen und beten.

An demselben Abend saßen seine Mutter, Andreas Berg und er allein im Zimmer. Andreas Berg war auf Frau Rendalens Bitten hereingekommen, um dem Knaben seines Vaters Kindheit zu erzählen; ohne irgendwelche Umschweife und in ihrer Gegenwart.

Berg war ein ernster, etwas strenger Mann. Thomas' Benehmen gegen Karl hatte ihn mehr als einmal gewurmt, Und nun erzählte er all die verschiedenen Begebenheiten aus John Kurts Knabenzeit, indes ohne auch nur mit einem Wort ein Urteil darüber abzugeben. Aber das eine war ärger als das andere; das war schon aus Bergs Stimme herauszuhören. Die Mutter fand es nicht notwendig, irgendein Wort hinzuzufügen.

Später am Abend hörte sie Thomas vor Karls Bett flüstern und schluchzen; und am andern Tage sah sie ihn draußen im Gange mit Auguste reden. Wiederholt hatte er im Laufe des Tages die Arme um die Mutter gebreitet und geweint, aber nichts gesagt.

Diese Gärung währte ziemlich lange. Mittlerweile war Karls Probezeit abgelaufen, und von jetzt an sollte er wie ein Kind des Hauses gelten. Der Arzt hatte erklärt, daß er sein ganzes Leben lang einen Schaden von dem Tritt behalten würde, den Eifersucht und Herrschsucht ihm zugezogen – und das hatte den Ausschlag gegeben.

Etwas später fand eine zweite große Revolution statt. Die Mädchen, welche gemeinsam mit Thomas Frau Rendalens Unterricht von Anfang an genossen, hatten so ausgezeichnete Fortschritte gemacht, daß viele Bürger der Stadt wünschten, sie möchte doch ihre Klasse zu einer Schule erweitern und die ganze Mädchenschule der Stadt nach dem Gute verlegen. Dieser Wunsch wurde schließlich von allen geteilt und fand sogar den Weg in die Presse.

Pastor Green gab ihm beredten Ausdruck. Wie könnte sie ihre Kenntnisse und ihre Lebenserfahrungen schöner verwerten?

Wie, wenn das alte Haus der Kurts widertönte von frohem Kinderlachen; wenn dort die zukünftigen Frauen und Mütter sich zu einer unabhängigen Stellung emporarbeiten lernten – innerhalb wie außerhalb der Ehe? ...

Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet erhielt die Sache gleichsam etwas Symbolisches. Sehr wenige von uns achten darauf, daß gewisse Anzeichen, bestimmte Ahnungen, zufällige Erinnerungen weit schwerer wiegen bei unseren Entschlüssen, als ganz bestimmte Vorsätze. Thomasine Rendalen bildete keine Ausnahme.

Sie war praktisch genug, sich manchmal zu fragen, ob sie auch wirklich all die Tüchtigkeit einer Erzieherin besitze, die der Pastor bei ihr voraussetzte. Sie merkte, daß er, wie alle Reformatoren, ein Sanguiniker war; daß er vieler Menschen Arbeit von einer einzelnen Person verlangte. Auch war sie verständig genug, zu bezweifeln, ob etwas mehr Sprachkenntnisse, etwas besser erzählte Weltgeschichte und dergleichen die Sittlichkeit und Unabhängigkeit sonderlich fördern würden.

Aber das Symbol hatte eine größere Macht als diese Einwendungen des Verstandes. Ja, hier schien einer bestimmten Person ein bestimmter Beruf beschieden zu sein. Sie saß ja hier auf dem Kurtschen Erbe, mit allem wohlausgerüstet, um ein großes Erziehungswerk zu beginnen. Wie, wenn hier fortan statt der bisherigen bösen Beispiele gute gegeben würden ... sie hatte ja schon eine Art Übung darin ...

Jedenfalls verlieh ihr das neue Kräfte ...

Sie nahm ein neues Anlehen auf und ließ das Haus vom Keller bis zur Dachstube reparieren.

Alle Fenster wurden ausgenommen und vergrößert. Die Zimmer vom Eingang rechts blieben im ersten Stock wie sie waren; aber die zur Linken und im Flügel und der ganze zweite Stock erfuhren fast alle die Veränderung, daß die Türen zwischen ihnen vermauert wurden, so daß sie nur noch einen Ausgang auf den langen Korridor hatten.

Der große Rittersaal verwandelte sich in einen Turn- und Versammlungssaal; auch sollten hier die Morgenandachten stattfinden. Die große geteilte Treppe, welche zum zweiten Stock führte, wurde von dem äußeren Gang durch eine Wand und zwei Türen darin abgesperrt. Auf diese Weise behielt Frau Rendalen den äußeren Gang für sich; die berühmte breite Treppe des Hauses führte bloß in ihre Wohnung und bei großen festlichen Gelegenheiten in den Rittersaal. Die Schülerinnen bekamen einen besonderen Eingang vom Hof her, wobei der unterste Stock des großen leeren unnützen Turms zum Vorzimmer eingerichtet wurde. Von außen wurde das Haus von seinem Kalkbewurf befreit, und die rote Ziegelsteinfarbe wieder aufgefrischt; es sah wie neu aus.

Als das Ganze fertig war, begann eine große Wallfahrt nach dem Gut. Man setzte außerordentliche Hoffnungen auf die neue Schule.

Thomasine hatte sich in große Schulden gestürzt. Zudem mußte sie die Schule, welche sie übernahm, förmlich kaufen, und zwar für eine bedeutende Summe. Aber der Zudrang war gleich von Anfang an sehr bedeutend; vom Lande, ja sogar von den nächsten Städten wurden Schülerinnen angemeldet. Diese wurden bei verschiedenen Bürgern der Stadt, die sie empfahl, in Kost gegeben; sie selbst wollte vorläufig niemand ins Haus nehmen; sie hatte genug mit der Einrichtung der Schule zu tun.

Manchmal zweifelte sie daran, ob sie je ihr Ziel erreichen würde. Zunächst fehlte es an einem tüchtigen Lehrkörper. Wie manche Lehrer und Lehrerinnen mußten geprüft und wieder verabschiedet werden. Das regellose Leben, die Unannehmlichkeiten und Überanstrengungen, welche solche Dinge im Gefolge hatten, ertrug sie geduldig in Erwartung besserer Zeiten. Aber die tägliche Arbeit, die endlose Unruhe und die Geldsorgen jagten sie von einem Tag zum andern. Das Ziel, das sie sich ursprünglich gesetzt, das große Symbol – jetzt erschien es ihr als eine Lächerlichkeit. Eines aber schien ihr sicher: sie entfremdete sich dabei ihren Sohn. Nicht als ob er weniger hingebend und gehorsam gewesen, und als ob sie seinen Unterricht nicht mehr hätte überwachen können; aber die Leitung seines Charakters ward ihr unmöglich, und das Vertrauliche ihres Verhältnisses, die Freude an seiner Entwicklung gingen verloren.

Seinen Spielen, seinen Plänen, seiner Ausdrucksweise haftete etwas Heftiges, Phantastisches, Schwärmerisches an, und das betrübte sie. Wies sie ihn zurecht, so bemerkte sie in seinen Augen eine nervöse Ungeduld. Der Umgang mit Karl bestärkte ihn im Grunde noch in seinem Fehler; denn Karl war selbst ein Schwärmer. Sie bat daher Auguste, des Knaben heißes Gemüt zu dämpfen und den Versuch zu machen, ihn bei der nüchternen Wirklichkeit festzuhalten. Aber Auguste ließ sich auf solche Gespräche nicht ein. Und so mußte Frau Rendalen sehen, wie diese Anlage in ihm mehr und mehr sich entwickelte. Das verdarb ihr die Freude an der Schule, als diese wenigstens äußerlich zu gedeihen anfing.

Alles in allem: sie fragte sich, was sie bei diesem ruhelosen Leben anders gewonnen als eine größere Schuldenlast und größere Sorgen.

Thomas hatte von diesen Sorgen der Mutter nicht die geringste Ahnung. Er lebte glücklich in den Tag hinein. Er entwickelte sich sehr schnell. Dabei waren ihm Karls größere Kenntnisse sehr von Nutzen; sie schwärmten und liebten miteinander, sie gerieten auf die unglaublichsten Dinge, um den »Damen« sich nützlich und angenehm zu machen, sie und ihre Kameraden; denn nach und nach waren noch andere in den Kreis gezogen worden, und es war mehr Schönheit, mehr Abwechslung in allem, was sie anstellten, seitdem die Knaben und Mädchen beständig zusammen waren.

Thomas ward ein kräftiger Bursch; aber er schien nicht sehr groß zu werden, obgleich beide Eltern von hohem Wuchs waren. Sein Körperbau war vortrefflich, seine Bewegungen leicht und anmutig und seine Füße so klein, daß er Mädchenschuhe tragen konnte; aber trotz seiner schlanken Gestalt ziemlich breit in den Schultern. Als er zwölf Jahre zählte, erhielt er seine erste Prämie im Turnen.

Er hatte einen stark geformten Kopf mit hervortretenden Backenknochen und schmalen feingeschnittenen Lippen. Die grauen Augen waren klein und schienen noch kleiner dadurch, daß er die Gewohnheit angenommen, die Stirnhaut zusammenzuziehen und zu blinzeln; sie hatten einen unruhigen und doch scharfen Ausdruck. Die reine Stirn erinnerte an die des Vaters; aber Gesicht, Hals und Hände waren so mit Sommersprossen bedeckt, daß sie so rot aussahen wie das Haar. Dieses war buschig und stand starr zu Berge.

Schön war er nicht. Neben dem großen, brünetten Karl mit der schweren Stirn, den großen Augenhöhlen, dem langen, geraden Munde und dem sanften, langsamen Wesen sah er aus wie ein sprühender Kobold; und darum vielleicht fühlte die Mutter sich mehr beunruhigt als notwendig war.

Er war jetzt Karl ein treuer Freund geworden; er liebte ihn von Herzen – wie er überhaupt im Lieben und Hassen keinen Mittelweg kannte; das eine oder das andere.

Er zählte nahezu vierzehn Jahre, als er im Herbst mit seinem Oheim, einem Bruder seiner Mutter, der Schiffsführer war, nach Hamburg und von dort nach England und zurück fahren sollte. Der Reiseplan war bereits im Sommer entworfen, die Reise aber wieder aufgeschoben worden. Da Thomas eine Privatschule besuchte, konnte er sie jederzeit unternehmen, und das Mannhafteste war ja, während der Herbststürme zu reisen; seine Ausrüstung war fertig; man wartete nur auf günstigen Wind ...

Eines Sonnabend nachmittags saßen Auguste und er auf einem Obstbaum, um Äpfel zu pflücken. Aber die leinenen Beutel, die sie sich umgebunden hatten, hingen schlaff herab. Er hatte den Arm um einen Ast geschlungen, und darauf ruhte nun sein Kopf: sie saß ihm gegenüber und hörte ihm zu.

Sie hatten den neuen Doktor, Kurt Holmsen, zu Frau Rendalen hineingehen sehen, und dieser wunderlich neue Doktor gehörte zu denen, die Thomas »liebte«. Er hatte vor kurzem gemeinsam mit ihm in Mommsens römischer Geschichte den Abschnitt über die Gracchen gelesen, und davon erzählte er jetzt Auguste. In ihrem Geschichtsbuch stand so etwas über die Gracchen nicht zu lesen. Diese waren jetzt sein Ideal! Aber gerade mitten in einer begeisterten Auseinandersetzung fiel es ihm ein, daß, wenn sie beide, er und Karl, die Gracchen wären, Auguste die Mutter der Gracchen sein müsse; etwas Größeres konnte es für eine Frau nicht geben als zugleich Scipios Tochter und die Mutter der Gracchen zu sein.

Aber dazu hatte Auguste keine Lust; es gefiel ihr nicht, daß die Mutter der Gracchen am Leben geblieben, nachdem man ihre Söhne erschlagen. Auguste hatte immer eine so schreckliche Angst vor dem Tode ... Der Tod hatte etwas so Häßliches an sich ... Sie saß da mit dem Kopf auf dem Arm und sagte das still vor sich hin. Wie lieblich sie dabei aussah! ... Oder war sie müde?

– Nein, müde war sie nicht; aber sie hatte ein solches Verlangen nach Ruhe.

– Ja, sie konnte ja noch ein Weilchen sitzenbleiben.

Sie änderte ihre Stellung, und sie sprachen weiter. – Als dann die Mutter der Gracchen ihre Söhne im Himmel wiederfand –

– Ja, kamen denn die Gracchen und ihre Mutter in den Himmel? Sie glaubten ja nicht an Christus.

Nach verschiedenen Unterhandlungen wurden die Kinder darüber einig, daß sie jetzt vermutlich über Christus unterrichtet und folglich in den Himmel gekommen seien. Aber was weiter? Was machten sie dort? Auguste schauderte; die Unendlichkeit erfüllte sie mit solchem Schrecken. Sie verbarg ihr Gesicht, und als sie die Hände wieder davon entfernte, hatte sie geweint. Stumm sah er sie lange an.

»Hör', Auguste,« begann er wieder, »niemand von uns beiden wird sterben, eh' wir uralt geworden – nicht wahr? So alt, bis wir gar nicht mehr gehen können; denn dann liegt einem ja nichts mehr am Leben ... nicht wahr?«

Auguste lächelte.

»Als du mir das Ruhrkraut gabst, sagtest du, ich sollte deiner gedenken, wenn du tot seist.«

»Ja, an dem Tage fühlte ich mich so schrecklich unglücklich ... Und dann hatt' ich auch gerade das Bild mit König Eduards Söhnen bekommen ... Du, Auguste!«

»Nun?«

»Auf dem Meere, inmitten der Herbststürme – die Herbststürme können sehr gefährlich werden! – will ich dir genau alles schreiben, was ich denke. Und dann mußt auch du mir aufschreiben, was du denkst, wenn du das liest.«

»Das muß ja schrecklich sein!« lachte Auguste; sie war älter als er.

Er wurde verlegen, und so bewahrte er eine Weile Schweigen; betrachtete aber ihre volle Gestalt, ihr gutmütiges Gesicht, die üppigen Flechten und die langen Wimpern ... Sie blickte hinab ... Ja, Auguste war bereits ein großes Mädchen ... auch Busen hatte sie schon ... und diese eigentümlich festen Handgelenke ... So lange betrachtete er sie, daß er endlich sagte:

»Aber Auguste!«

»Nun?«

»Karl schreibt mir alle Tage; die Mutter hat versprochen, ihm dazu Postgeld zu geben. Kannst du da nicht ein paar Zeilen hinzufügen – wie?«

»Täglich, Thomas? Das wäre sehr oft!«

»Aber –«

»Alle Tage kann ich etwas Merkwürdiges doch nicht erleben. Du, das würde sehr langweilig werden.«

Und sie sah ihn treuherzig an.

»Aber,« fuhr er fort, »das tun doch alle, die mich gern leiden mögen.«

Er war feuerrot geworden und wandte sich ab; sie wird gewiß lachen.

Aber sie lachte nicht. Und kurz darauf hörte er sie sagen (denn er wandte sich noch immer nicht um): »Ja, ja, dann muß ich's schon tun.« Und nun begann sie Äpfel zu pflücken.

Um dieselbe Zeit stand seine Mutter mit dem Doktor im Zimmer am Fenster. Sie sah bald den Doktor an, bald hinaus zu den Kindern draußen im Apfelbaum. Der Doktor hatte ihr gerade erzählt, daß Lars Tobiassen vollständig wahnsinnig geworden und daß auch sein Sohn nicht mehr seinen Verstand habe. Es sei die »Kurtsche Erbkrankheit«, wie die Leute auf dem Berge sagten; es habe so viele verrückte Kurts gegeben, Männer wie Frauen.

Darauf hatte Frau Rendalen geantwortet, das sei ihr bekannt und kurz nach der Geburt ihres Sohnes habe auch sie Befürchtungen gehegt; aber jetzt sei sie ohne Besorgnis – obgleich setzte sie hinzu, Thomas etwas unbegreiflich Überspanntes und Phantastisches an sich habe.

Dabei sah sie den Doktor fragend an, der antwortete:

»Ja, ja seine Nerven sind vollständig ruiniert.«

Doktor Knut Holmsen gehörte zu jenen Junggesellen, die sich zwar manchmal aus Unbedachtsamkeit zum Ehestande verleiten lassen, sich aber nicht die Mühe geben, mit irgendeinem anderen Menschen gemeinsam zu denken und zu empfinden, sondern stets und überall wie für sich dasitzen. Und so war er jetzt mit einer Antwort herausgeplatzt, die Frau Rendalen im höchsten Grade erschreckte.

»Könnte Thomas auch wahnsinnig werden?« fragte sie.

Das hatte er nicht gemeint: und um sie zu beruhigen, setzte er hinzu: »Er nicht; aber seine Kinder.«

Sie fuhr auf und starrte ihn leichenblaß an; und dann suchten ihre Blicke ihr Kind draußen im Garten.

»Wissen Sie auch, was Sie sagen, Doktor?«

Holmsen errötete; denn so ungeniert er zu reden pflegte, war er doch im Grunde ein sehr schüchterner Mensch. Und wie um sich zu entschuldigen, begann er von einem Buche zu reden, das er gerade studiert und das alle lesen sollten. Es war Prospers Lucas' Werk über die Vererbung ...

Kurz darauf sahen die Kinder im Apfelbaum Doktor Holmsen und Frau Rendalen nach der Stadt gehen. Nach einer Weile kam Frau Rendalen mit zwei großen Büchern unter dem Arm zurück ...

Am Abend des folgenden Tages reiste Thomas ab. Er war etwa zwei Monate abwesend, und in den beiden Häfen, die das Schiff angelaufen, hatte er Briefe gefunden. Der treue Karl hatte Tag für Tag geschrieben. Auch einige herzliche Briefe seiner Mutter waren darunter; aber nicht eine Zeile von Auguste. Sie war krank; sie litt an einem Herzübel; es sei Herzerweiterung, wie die Leute sagten. Jetzt erinnerte sich Thomas, daß sie in der letzten Zeit sich immer so sehr nach Ruhe gesehnt: sie war schon herzkrank gewesen. Aber einer solchen Riesin wie Auguste konnte eine Krankheit natürlich nichts anhaben; sie ward sicherlich wieder frisch und gesund!

In später Abendstunde lief eines Tages das Schiff im Hafen wieder ein; niemand auf dem Gute hatte eine Ahnung davon, bis Thomas zum Zimmer hereinstürmte und seiner Mutter um den Hals flog; sie saß gerade ganz allein bei ihren Rechnungen.

Sie rief: »Thomas!« – als hätte er sie wirklich erschreckt; und das machte ihn nur noch mehr ausgelassen vor Freude; er schmiegte sich aus allen Kräften an ihre schwere Gestalt ... Da ... da merkte er, daß sie geweint hatte. Verwundert ließ er ab und betrachtete sie ... Da warf sie sich schluchzend über den Tisch. Auguste war vor zwei Tagen gestorben ...

Früh am folgenden Morgen ging er mit Blumen in den Händen erschreckt und verweint mit seiner Mutter hinunter nach der Stadt. Als Nils Hansen Augustes Spielkameraden und besten Freund erblickte, brach er in heftiges Weinen aus und zog sich zurück. Auch Frau Hansen vermochte den Anblick des Knaben nicht zu ertragen. Sie befand sich gerade im großen Zimmer und war um die Tote beschäftigt; ihr zweijähriges jüngstes Kind saß bei ihr am Boden, als Frau Rendalen eintrat.

Laura dankte ihr, daß sie auch heute gekommen sei. Die arme Mutter schien gefaßt; aber kaum hatte sie den untröstlichen Knaben mit seinen Blumen erblickt, da sank sie auf einen Stuhl und begann laut zu weinen. Und nun fing auch das Kind an zu weinen.

Das vermochte Thomas nicht zu ertragen. Er legte die Blumen aus der Hand, er wußte selbst nicht wohin, und eilte wieder hinaus. Er hatte die großen Flechten auf dem weißen Linnen gesehen, und ein Antlitz, das zu schlummern schien, und dann in ihren gefalteten Händen das Ruhrkraut. Er erkannte es sofort an dem Band.

Wie empfand in dieser Zeit Frau Rendalen ihre Schule als eine schwere Bürde! Denn das verwundete kleine Herz verlangte beständig nach ihr und nur nach ihr. Sie fürchtete um ihn wegen seines Hanges zur Schwärmerei, und daß diese jetzt zuviel Nahrung finden möchte. Sie sann hin und her, wie sie das verhindern könnte, ohne ihm seinen einzigen Trost zu nehmen. Wie verwundert war sie daher, als sie merkte, daß Augustas Tod die gerade entgegengesetzte Wirkung geübt.

Auguste hatte sich vor dem Tode und vielleicht noch mehr vor der Unsterblichkeit gefürchtet. Daran hielt er unerschütterlich fest; hier mußte er sie also in Ruhe lassen. Die meisten Kinder schaudern bei dem Gedanken an die Ewigkeit. Jetzt war es namentlich Karl, der gern auf diesen Gegenstand einging; aber er mußte schweigen; Thomas wollte nichts davon hören. Er war überzeugt, sie würden gegen Augustas ausgesprochenen Willen handeln, wenn sie es versuchten, sie dort oben in der Ewigkeit sich zu denken.

Karl gab nach; es war ja nicht die Unsterblichkeit selbst, an der sein Freund zweifelte; er durfte sich ihm also fügen.

Versuchte denn Thomas gar nicht, sich Auguste jetzt vorzustellen? Ja, wenn er auf dem Piano klimperte ... Dann war sie es ganz unzweifelhaft, mit der er Umgang pflegte; dort hatten sie Seite an Seite gesessen. Er dachte also nur an das Vergangene ...

Als er eines Tages eine etwas heftige Antwort gegeben, sah ihn die Mutter zu ihrer Verwunderung sofort wieder hereinkommen und sich ihr an den Hals werfen. Sie hatte sich an seine Heftigkeit so sehr gewöhnt, daß sie sie, wenn er nicht gerade unhöflich war, oft gar nicht bemerkte. Jetzt sah sie ihn an: »Was ist geschehen?« – Da errötete er und flüsterte ihr etwas ins Ohr, wie er zu tun pflegte, wenn sie ihn nicht ansehen sollte, während er ihr etwas sagte.

»Als ich dir einmal scharf geantwortet hatte, Mama, kam Auguste zu mir heraus auf die Treppe und sagte: ›,Du, Thomas, du sollst deiner Mama nicht so antworten.‹, Damals kehrt' ich mich nicht daran, aber jetzt – als ich jetzt auf die Treppe kam, dacht' ich wieder daran.«

Um diese Zeit lasen sie zusammen bald diesen bald jenen Abschnitt in dem Werke von Lucas. Diese oft wunderbaren Beweise für die Vererblichkeit der Eigenschaften und Anlagen, die wieder zum Vorschein kommen können, nachdem mehrere, ja oft viele Mittelglieder davon unberührt geblieben sind, machten einen starken Eindruck auf ihn. Er sammelte sich eine ganze Reihe von Fragen und damit begab er sich zum Doktor.

Nach und nach war er wieder in sein altes Gleis gekommen; aber er war jetzt stiller als früher.

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