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Thomas Rendalen

Bjørnstjerne Bjørnson: Thomas Rendalen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleThomas Rendalen
publisherBerlin Franz Wunder
printrunDritte Auflage
translatorWilhelm Lange
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5587b04b
created20061219
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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10.

Erziehungssorgen.

Die nächste Folge dieses Besuches war, daß sie die Überzeugung gewann, sie müsse jemand haben, mit dem sie sich beraten könne; denn es gab noch andere Erbübel in der Welt als die der Kurts, und darüber mußte sie Bescheid haben. Sie wählte ohne Bedenken den Mann, vor dem sie die tiefste Ehrfurcht hegte, den »alten« Pastor Green. So gewiß wie der Nachmittag selbst kam der alte Pastor nachmittags auf seinem Spaziergang an ihrem Garten vorüber.

Thomasine stellte sich am Gartenpförtchen auf, um ihn zu erwarten. Aber in der letzten Zeit hatte sie ihn fast niemals allein gesehen; immer befand sich in seiner Gesellschaft der Schuhmacher Nils Hansen, das größte Original der Stadt, der zudem mit einer Frau verheiratet war, die Thomasine vom Auslande her kannte und die eine Freundin von ihr gewesen.

Als eines Tages Thomasine wieder an der Gartenpforte stand, um zu sehen, ob der Pastor allein sei, vernahm sie schon von weitem seine und Hansens Stimme. Damals machten im Norden die Mormonen, welche um diese Zeit ihre ersten Sendboten ausschickten, viel von sich reden; fortwährend war in den Blättern allerlei über die neue Lehre zu lesen.

»Mormonen?« hörte sie Nils Hansen mit seiner lauten Stimme sagen; »hier bei uns zulande gibt's ebensogut Mormonen wie in Amerika. Wie viele Frauen hat denn ein Mann, eh' er sich in der Kirche trauen läßt?«

Sie kamen näher, und Thomasine vernahm, wie der Pastor antwortete:

»Sehen Sie, Hansen, ich bin der Ansicht, daß noch wenige Geschlechter sich bis zur Monogamie – zur wirklichen Monogamie entwickelt haben; die meisten sind noch Polygamisten.«

»Was ist das für eine Menschenrasse?«

Der Pastor blieb stehen:

»Monogamisten – das sind Menschen, die sich mit einem Weibe begnügen; Polygamisten solche, welche mehrere Frauen haben.«

»Aha – – ja, ja!«

Sie gingen weiter – Thomasine hörte nichts mehr. »Es gibt noch andere Erbübel in der Welt als die der Kurts,« dachte Thomasine wieder.

Da sie nicht den Mut hatte, ohne weiteres den Pastor aufzusuchen, ging sie erst zu Nils Hansen. Der lebte in den besten Verhältnissen; trotzdem hatte er den Haß der ganzen wohlhabenden Bürgerschaft auf sich geladen. Sein Verbrechen bestand darin, daß er vor einigen Jahren überall eine Kontrolle, sowie eine Verteilung der Gemeindelasten durchgesetzt hatte, welche die leitenden Männer höchst verderblich fanden. Sein ärgster Schurkenstreich aber war vermutlich der, daß er mit Hilfe auswärtigen Kapitals für die kleinen Leute eine Sparkasse eingerichtet hatte, so daß viele aus ihren bedrückten Verhältnissen sich herausgearbeitet hatten und unabhängig geworden waren.

Es hatte die größte Heiterkeit erregt, als eine der Lehrerinnen der Stadt, eine schöne, blonde Dame von mehr als gewöhnlicher Bildung – die zudem eine Erbschaft zu erwarten hatte – mehrere »ausgezeichnete« Partien ausschlug, um sich mit dem rohen, häßlichen Schuhmacher Hansen zu verheiraten! Obendrein war sie noch vollständig in ihn verliebt! Sie errötete über das ganze Gesicht, so oft von ihm gesprochen wurde, geschweige denn, wenn er leibhaftig vor ihr stand mit seinem schnurrigen Gesicht, den blinzelnden Augen und den ungeheuren Schultern und Händen. Es wurden hinter ihrem Rücken klassische Witze über sie gemacht; unter anderm behauptete man, daß sie als Braut und später als neuvermählte Frau für ihren Hansen eigens eine Privatschule eingerichtet habe.

Sie war einige Jahre älter als Thomasine, aber früher ein paar Monate in England mit ihr zusammen gewesen. Als Thomasine nach Hause zurückkam, war Laura schon ein Jahr verheiratet. Infolge dieser Verheiratung war sie aus dem Kreise, in dem Thomasine verkehrte, herausgekommen, Thomasine aber suchte sie häufig auf, weil ihr die kleine gesunde Frau gefiel.

Eben darum ward sie vor allem böse auf sie, weil sie ihr nicht mit einem Worte abgeraten, obgleich sie sehr wohl wußte, was John Kurt für ein Mann war. Nach Johns Tode hatte Laura wiederholt Thomasine zu sprechen versucht; doch immer vergebens.

Aber jetzt dachte Thomasine: Wenn fast alle Frauen über irgend etwas zu klagen haben und doch keine sich dadurch von der Ehe zurückschrecken läßt – warum dann verlangen, daß sie mir einen anderen Rat geben sollten, als sie vielleicht selbst befolgt hätten?

Und so ging sie hinunter zu Laura Hansen. Sie wohnte in einem kleinen, altertümlichen Hause am Markt. Sie war eine zarte, aber wohlgewachsene Frau mit klaren Zügen. Einige fanden sie zu keck, andere zu schüchtern. Diese nannten sie redselig, jene wortkarg. Es kam eben auf die Personen an, mit denen sie redete.

Die Freundinnen hatten einander seit fünf Jahren nicht gesehen. Laura saß in der Stube hinter dem Laden und nähte. Verwundert und etwas rot und erregt erhob sie sich. Da stand also Thomasine wieder vor ihr!

Anfangs hatten sie beide etwas Steifes in ihrem Wesen. Auf einem kleinen Schemel saß ein kleines, schwarzlockiges, dralles Mädchen und lernte nähen; sie schaute so klug zu ihnen auf! Sie wurde hinausgeschickt; die Mutter begriff sofort, daß die beiden ehemaligen Freundinnen allein sein müßten.

Nach verschiedenen Einleitungen sagte Thomasine, was sie gegen die Freundin auf dem Herzen hatte, rücksichtsvoll, aber doch verständlich genug. Laura antwortete:

»Wenn ein Mädchen sich von einem Leben, wie das, welches John Kurt geführt, nicht abgestoßen fühlt, so können andere wohl kaum in der Sache etwas tun.«

Laura ihrerseits hatte mehrere Männer abgewiesen, eben weil sie in dieser Hinsicht zweifelhaft oder eigentlich mehr als zweifelhaft gewesen. Von Hansen aber wußte sie, daß er auch in diesem Punkte echt war.

Die große Thomasine sank zusammen unter den festen Augen und der ruhigen Rede der kleinen Laura. Die Klägerin ward zur Angeklagten. Und zudem hatte sie sich noch mehrere Jahre oben auf dem Gute vornehm abgeschlossen gehalten! Oh, nur wenige Worte hatten genügt, ihr ganzes stolzes Gebäude umzustoßen.

Sie bekam wenig Respekt vor ihren eigenen Fähigkeiten, ja einen Augenblick war sie sehr unglücklich über ihre Kurzsichtigkeit. Es war ihr ordentlich ein Bedürfnis, zu beweisen, daß sie in anderen Dingen nicht so dumm sei. Doch gewann sie bald so weit das Gleichgewicht wieder, daß sie begriff, wie man zum großen Teil infolge der Verhältnisse dazu komme, die Dinge so einseitig zu betrachten.

Ohne ein Wort zu sagen, ja ohne auf Lauras Rede noch weiter zu hören, saß sie da. Und Laura benutzte diese Gelegenheit, sich in die Küche zu begeben, um ihrer Freundin eine Tasse Schokolade zu bereiten. Da streckte ihr Mann den Kopf zur Tür herein. Er war so glücklich über Thomasinens Besuch. Er hatte das Schurzfell vor und hielt in der Linken den Spannriemen. Thomasine stand auf, um seine Rechte zu ergreifen. Aber lachend hielt er sie hin: sie war nicht zum Anfassen. »Ich wollte nur einem guten, alten Freunde guten Tag sagen!« bemerkte er und zog sich nickend wieder zurück. Aber in demselben Augenblick kam die kleine Auguste wieder vom Laden herein.

Sie war ungewöhnlich groß und kräftig für ihr Alter. Sie war ungefähr ein Jahr älter als Thomas. Verwundert betrachtete Thomasine dieses Kind. Ihre Augen und ihre Stirn waren so klar wie bei einem erwachsenen Mädchen; auch ihre Sprache hatte etwas ungemein Klares und Bestimmtes. Es war der vollständigste Gegensatz zu ihrem nervösen Rotkopf, der nie drei Sätze über ein und denselben Gegenstand sprechen konnte, sondern unruhig fortwährend von einem zum andern übersprang.

Die kleine Auguste hörte nicht eher auf zu fragen, bis sie über alles Bescheid wußte; erst dann kam sie ganz ruhig auf etwas anderes. Ihre Hände waren rund und doch fest; die seinen mager, sommersprossig und unruhig. Sie hatte dunkles und ungewöhnlich volles Haar; trotzdem wurde es nur von einem Zopfband zusammengehalten; das seine stand ihm gleichsam in starren roten Büscheln vom Kopfe ab. Er war starkknochig und mager; sie voll und von gesunder Kraft.

Thomasine empfand etwas wie Neid. An der kleinen Samtjacke, die Auguste trug, bemerkte sie nicht einen Fleck, und doch war sie durchaus nicht mehr neu. Thomasine suchte so lange nach einem Fleck, bis das ganze Mädchen ihr vorkam wie solider, fester Samt.

Die Mutter kam mit der Schokolade herein, und nun war das Eis gebrochen, und sie unterhielten sich über die verschiedenartigsten Dinge, namentlich als das Kind wieder hinausgeschickt war. Thomasine fragte, wie denn die Kleine so liebenswürdig, ruhig und verständig geworden, und mußte nun hören, daß sie nie unruhig gewesen.

»Auch in der ersten Zeit nicht?«

»Niemals.«

Es hatte früher Thomasine unmöglich geschienen, daß sie einmal nachteilig von ihrem Sohn sprechen könnte; aber der Gegensatz war so auffallend... Und nun sprach sie davon, was sie alles mit ihrem Kinde habe erleben müssen, und wie außerordentlich sorgfältig sie auch jetzt noch darüber wachen müsse.

Laura gewann die feste Überzeugung, daß Thomasine das auf die Dauer nicht aushalten könne. Dann begaben sie sich zu Pastor Green; und von diesem Tage an sah man den würdevollen Herrn in seinem langen Rock und breiten Hut seinen Weg oft die Allee hinauf nehmen, statt wie früher um den Garten herum, wenn er seinen Nachmittagsspaziergang machte.

Nach und nach kam Thomasine auch wieder mit andern Freundinnen zusammen; verschiedene brachten bei ihren Besuchen auf dem Gute ihre Kinder mit, und so kehrte allmählich ihre Lebensfreudigkeit zurück, was in mehr als einer Hinsicht wohltätige Folgen für sie hatte.

Denn jetzt, da mit Thomas' Unterricht begonnen werden sollte, geschah das in anderer Weise, als sie es sich bisher gedacht. Er kam in eine Schule, die sie selbst für ihn und eine kleine Mädchenschar, die Kinder ihrer Freundinnen, eingerichtet hatte. Anfangs fand er das außerordentlich spaßhaft und war über alle Maßen glücklich und diensteifrig, ja sogar aufopfernd. Aber als er von anderen Knaben hörte, es sei eine Schande, bloß mit Mädchen umzugehen, wollte er wissen, warum denn er dazu verurteilt sei. Konnte die Mutter all die Mädchen nicht wieder fortschicken und statt ihrer Knaben nehmen? Er bat und flehte darum, zürnte, weinte, wurde wütend; aber die Mädchen blieben.

Er hatte nämlich viel auszustehen von den Knaben, die eine öffentliche Knabenschule besuchten. Und diese hatten Männer zu Lehrern! Sobald er den Kopf über die Gartenmauer steckte, hörte er rufen: »Das Muttersöhnchen, das Schoßkind, das Jüngferchen, die Sommersprosse« usw. Namentlich das letzte Scheltwort ärgerte ihn schrecklich, denn er war sehr sommersprossig, geradezu rotgefleckt im Gesicht und auf den Händen; und dabei dieses unverschämt rote Haar!

»Jüngferchen!« Welch ein abscheulicher Spitzname! Den hatte er nur der Mädchenschar zu danken! Bei Gott, er verachtete sie!

Aber er hatte den Mut, es ihnen zu sagen – und ein Junge, dem das Herz auf dem rechten Fleck sitzt, fühlt dazu oft das Bedürfnis. Er konnte doch seine Verachtung nicht immer still im Busen verbergen! Die Folge war, daß er Prügel bekam, richtige, derbe Prügel, – von seiner Mutter? Behüte! Das hätte er ertragen; nein, von diesen selben elenden Mädchen! Die einen hielten ihn fest und die andern prügelten auf ihn los, und zwar keineswegs zum Spaß; es tat ganz verwünscht weh. Und die Mutter sah sich das an und lachte; sie lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie mußte sich die Brille abnehmen und die Gläser trocknen.

Die Mädchen wollten von einem kleinen, herrschsüchtigen Tyrannen, einem hochmütigen jungen Herrn nichts wissen. Wenn sie fertig waren, erklärten sie ihm, daß ein artiger Kavalier und guter Kamerad ihnen stets willkommen sei. Und wenn er dazu ein saures Gesicht machte, ging's von neuem los: wieder auf die Erde und die Bank mit ihm, und immer neue Prügel. Und wenn sie wieder fertig waren, machten sie einen Knix vor ihm, die eine nach der andern. Sie amüsierten sich köstlich.

Doch das Ärgste haben wir noch nicht berichtet: In die eine war er zugleich sterblich verliebt! Das wußte sie selbst recht gut, das undankbare Ding, – ja auch seine Mutter. Er war überzeugt, nur deshalb lachte die Mutter so schrecklich. Es war die drallste von ihnen, Auguste Hansen, Lauras Tochter, – Auguste, mit der er zusammen Kirschen gegessen, in der Weise nämlich, daß sie sich die Kirschen gegenseitig aus dem Munde nahmen, erst sie aus dem seinen – wobei er den Stengel im Munde und die Kirsche nahe daran hatte –, dann umgekehrt er aus ihrem Munde. Auguste, die ihm ihren Gürtel geschenkt, damit er ihn bei seinen Turnübungen, die er übrigens ganz allein veranstaltete, als ritterliches Abzeichen trage, – Auguste, welcher er als Gegengeschenk seine ganze Sammlung ausgeblasener Eier verehrt – er hatte sie sämtlich selbst gefunden. Auch dazu hatte er die Mutter um Erlaubnis gebeten, denn ohne sie ging es nicht gut an; er hatte es ihr rückwärts ins Ohr geflüstert: sie durfte ihn dabei nicht ansehen; und da hatte ihn die Mutter gefragt, ob er Auguste gern leiden möchte, und er hatte ihr vertraut, daß es namentlich ihr Haar sei. Zudem war sie ja auch die artigste und klügste; was Auguste sagte, war richtig; und auch über diesen Punkt war die Mutter mit ihm einverstanden gewesen; denn sie hatte nicht gelächelt. Aber nun stand sie da und sah sogar zu, wie Auguste ihn puffte und knuffte. Und Augustens Hände schmerzten ihn am meisten.

Nach einer solchen Verräterei – leider war dies nicht die einzige – pflegte er mehrere Tage mit Auguste nicht zu sprechen; einmal dauerte es sogar drei Tage. Auch mit der Mutter versuchte er es; aber er konnte es nie dahin bringen, ernst zu bleiben, wenn sie ihn ansah; sie reizte ihn stets zum Lachen. Da versuchte er's mit einer ernsteren, mehr regelmäßigen Verhandlungsmethode, um das Verhältnis für die Zukunft zu ordnen; galt doch dieser Kampf nichts Geringerem als dem richtigen Verhältnis zwischen den Geschlechtern – einem Verhältnis, dessen tiefe Bedeutung er freilich noch nicht ahnte, das aber, wie sein männlicher Instinkt ihm sagte, ganz verfahren war da oben auf dem Gute; es mußte anders werden.

Eigentlich machte er den Pastor Green für das Schlimmste verantwortlich. Jedenfalls war nur dieser darauf gekommen, er müsse Klavierspielen lernen. Thomas haßte den Pastor mit dem langen Rock und der Adlernase und den buschigen Brauen, der so oft nach dem Gute kam und immer lächelte, wenn er ihn sah; er haßte ihn derart, daß, wenn er nach der Scheibe schoß, er ihn immer abzeichnete und ihn auf die Nase und ins Auge zu treffen suchte. Aber er mochte ihn treffen, wohin er wollte, es wurde nicht anders; es blieb beim Klavierspielen; auch die Mädchen blieben; und kam auch wohl gelegentlich ein Knabe zu ihm in den Garten, so wurden sie doch nie allein gelassen; nein, die abscheulichen Mädchen drängten sich ihnen immer auf. Und dann später all die Geschichten – was hatte der Knabe dann nicht alles gesagt oder getan! – was zur Folge hatte, daß der Knabe nicht wiederkam, – und wie hatte Thomas vor seinen Kameraden so recht den Großen gespielt! Dafür setzte es dann nachher immer Prügel.

Manchmal teilten sie seine Vergehen in verschiedene Posten, so daß er bald für dieses, bald für jenes Verbrechen Prügel bekam.

Auguste machte die Exekution immer mit. Sie schlug mit der größten Herzlichkeit, ohne der Kirschen und Eier und anderer kleiner Gefälligkeiten zu gedenken. Einmal über das andere kündigte er ihr seine Huld und Treue. Wenn aber Auguste dann sich nicht im mindesten daran kehrte, sondern stolz vor ihm paradierte mit ihren üppigen Flechten und drallen Beinen – ja dann geruhte er sich zu demütigen. Er mußte ihr zu verstehen geben, daß seine Verachtung sich vielleicht doch wieder in gnädiges Wohlwollen verwandeln könnte. Sie tat, als hätte sie gar nichts gemerkt – worauf er dann sich das Ansehen gab, als sei das alles nicht der Beachtung wert.

Oh, wie er sie trotz alledem bewunderte, und wie oft er ihr das sagen mußte! Und wie er sich ärgerte, daß er es nicht lassen konnte, es ihr zu sagen! Endlich kam es dahin, daß er gemeinsam mit ihr auf dem Klavier üben mußte – und von der Zeit an war das Klavierspielen sein liebstes Fach.

Nach diesen ersten kampflustigen Jahren kamen andere; schließlich nämlich eignete er sich so viel Überlegenheit an, daß er sich seiner Kameradschaft mit den Mädchen nicht mehr schämte. Er ließ sich sogar herbei, Hilfe von ihnen anzunehmen, wenn andere Knaben ihn herausforderten, ja – wer hätte das gedacht! – es kam sogar die Zeit, wo er sich mit großem Heldenmut für seine tapferen Freundinnen schlug, wenn einer der Knaben Auguste das »Schustermädel« tituliert hatte. Dann wäre er für sie gern »in den Tod gegangen,« und das war keine Prahlerei, denn im Alter von neun Jahren wäre er beinahe zuschanden geschlagen worden, weil er wegen dieses Schimpfwortes es einmal mit einer Schar von zehn, zwölf Knaben allein aufgenommen, von denen drei älter waren als er. Es war das Schönste, was er je erlebt, als er dalag mit Essigumschlägen und Auguste hereinkam und statt der Mutter die Essigumschläge wechseln mußte. Jetzt, da er wirklich etwas getan hatte, das der Rede wert war, sprach er kein Wort davon.

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