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Thomas Rendalen

Bjørnstjerne Bjørnson: Thomas Rendalen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
titleThomas Rendalen
publisherBerlin Franz Wunder
printrunDritte Auflage
translatorWilhelm Lange
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5587b04b
created20061219
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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9.

Auf dem »Berge«.

Sie hatte ihn stets unter ihrer eigenen Aufsicht. Aber dem lebhaften begabten Kinde mußte ein sorgsames Auge wachen. Trotzdem erreichte sie seinen vierjährigen Geburtstag mit gutem Mut. Auch an diesem begab sich etwas, das bestimmend für die Zukunft wirkte.

Er hatte einige Spielkameraden gehabt; und da er gewohnt war, allein zu sein, wollte er alles auf seine Weise haben, so daß er bisher durchaus nicht gewesen, was man ein artiges Kind nennt.

Da erhielt er an seinem vierjährigen Geburtstag unter anderen Geschenken ein Buch über Brüderchen und Schwesterchen, und darin stand zu lesen, wie hübsch artig Brüderchen stets gegen Schwesterchen gewesen, oh, und so bescheiden und dienstfertig! Und auf den Bildern in dem Buch war es auch deutlich zu sehen, wie Brüderchen sich gegen Schwesterchen benahm.

Thomas jedoch zog eine andere Lehre aus dem Buche. Er fragte, warum nicht auch er ein Schwesterchen habe, und ob er nicht ebenfalls eins bekommen würde.

Thomasine Rendalen hatte zwar oft daran gedacht, daß er eine Schwester hatte; aber nicht wie an etwas, das sie angehe. Auch jetzt noch meinte sie, es gehe sie nichts an. Aber er redete ihr so lange die Ohren voll, bis sie diese Sache etwas ernster erwog.

Wie, wenn seine kleine Schwester Not litt? Ihr Besitztum lieferte einen durchaus befriedigenden Ertrag, dank dem Umstand, daß das Feld, welches oberhalb des Hauses lag, auch in Gärten verwandelt worden, wodurch die Gartenerzeugnisse sich nahezu verdoppelt hatten. Ihres Sohnes Schwester durfte keinen Mangel leiden; das war eine selbstverständliche Sache.

Sie erkundigte sich nach dem Kinde und vernahm, daß die Kleine sich bei ihrer Großmutter Marit Stöen – gewöhnlich Mutter Stöen genannt – befand. Sie war die Witwe eines Lotsen, der sich durch sein wackeres Verhalten in seinem schweren Beruf einen ehrenvollen Namen an der Küste gemacht hatte.

Mutter Stöen wohnte oben auf dem »Berge«, links vom Gut, und Thomasine nahm sich vor, das Kind aufzusuchen. Aber sonderliche Eile hatte es damit nicht, sie wollte an einem Sonntage, wenn gutes Wetter sei, hinaufgehen. Nun traf es sich so, daß der eine Sonntag nach dem andern schlechtes Wetter brachte, so daß es Mittsommer wurde, ehe ein Sonntag kam, an dem sie Lust zum Ausgehen hatte.

Andreas Berg begleitete sie.

Der Weg führte links vom Markt an dem neuen Friedhof vorüber. Aber es war ein mühseliger Weg durch Tümpel und Schmutz: man hatte seinerzeit die kleinen Leute bauen lassen, wie sie wollten und konnten.

Unten an der See lag Boot an Boot so dicht wie möglich; denn hier an der linken Seite des Berges waren sie vor den Stürmen sicher. Auf den Booten und in deren Nähe tummelten sich unzählige kleine Buben und Mädchen, und ein Schreien und Lärmen erfüllte die Luft wie von tausend Stimmen.

Thomasine hing dem Gedanken nach, ob die, welche sie suchte, sich wohl darunter befinden möchte. Sie betrachtete all die kleinen, schon etwas verwetterten Gesichter, die ihr entgegenkamen, ob sich vielleicht bekannte Züge entdecken ließen. Sonderlich amüsant war das nicht.

Und als sie nach Mutter Stöen fragte, sammelten die zerlumpten Kleinen sich wie ein Schwarm um sie, und mindestens zwanzig zeigten am Berge hinauf; aber ihr war es nicht möglich, das Häuschen herauszufinden, das sie alle sofort sahen. Da sie sich nicht länger aufhalten wollte, begann sie mit Andreas Berg all den Schlangenwindungen des Weges zu folgen; und das Geschrei der Kinderschar begleitete sie, aber keins der Kinder selbst, woraus sie schloß, daß auch keines darunter zu Mutter Stöen in irgendwelchen Beziehungen stehe.

Der Weg wand sich von rechts nach links, von links nach rechts; nicht vier Häuser standen in derselben Richtung. Und wie wunderlich manche gebaut waren! Ja, einige sahen aus wie Kajüten. An vielen lag die Treppe zum zweiten Stock außerhalb des Hauses; an einzelnen führte die Treppe sogar über das Dach in eine Dachkammer. Verschiedene Häuser waren so gebaut, daß der untere Stock seinen Ausgang nach Westen hatte, während der Ausgang des oberen Stocks nach Osten lag. Fast alle Häuser hatten wunderliche Anbauten, zumeist aus einem Bootsende bestehend.

Überall waren kleine Gärtchen angelegt, oft an den unmöglichsten Stellen. Ein heftiger Gestank, hin und wieder von Teergeruch angenehm gemildert, lagerte über dem »Berge«, bevor er emporstieg und sich als fette Opferluft im Sonntagshimmel verteilte.

Das Lärmen der Kinder unten an der See tönte hier oben wie gleichmäßiges Glockengeläut, in das sich von Zeit zu Zeit ein wimmernder Ton mischte. In einiger Entfernung krähte ein Hahn, im Hafen bellte ein Schiffshund ein vorübersegelndes Boot an, und hier oben auf dem Berge erhob sich ein zottiger Kamerad und bellte die Antwort hinunter.

Im übrigen vollkommenes Schweigen ringsum. Thomasine und ihr Begleiter vernahmen nur ihre eigenen Schritte auf dem steinigen Grund, und als sie etwas näher gelangt waren, zugleich heftiges Kindergeschrei.

Thomasine blieb stehen und schaute hinunter über die Inseln und Sunde und die weite Meeresfläche. Spiegelglatt und ruhig und hoch lag sie da unter der Himmelswölbung. Auf den Straßen der Stadt da und dort ein vereinzelter Spaziergänger und hin und wieder kleine Kinderscharen. Aber die Entfernung war zu groß, als daß irgendein Ton von ihnen hätte heraufdringen können.

Zur Rechten das Gut, das gerade die ersten Rauchsäulen aus dem Schornstein emporsendete. Hier oben auf dem Berge rauchten schon alle Schornsteine rings um sie her; auch in der Stadt begann allmählich Rauch aufzusteigen.

Es war ein warmer Tag, und der Gang an dem steilen Bergeshang hinauf trieb ihr den Schweiß aus allen Poren. Sie dachte an jene, die nach harter Arbeit Abend für Abend diese zwanzig oder dreißig, ja vielleicht fünfzig Stufen heraufsteigen mußten zu ihrem kargen Abendbrot und ihrem harten Nachtlager.

Niemand begegnete ihr. Aber da und dort sah sie jemand, zumeist alte Männer mit der Pfeife vor der Tür sitzen; die Arbeiter schliefen wohl jetzt am Sonntag vor dem Mittagessen; die Frauen waren in der Küche beschäftigt. Hin und wieder sah man jedoch ein Mädchen auf einer Treppe sitzen und mit einem andern plaudern, das vermutlich herübergekommen war, um sich mit der Freundin über die Abendvergnügungen zu beraten. Auch gewahrte man da und dort einen halbwüchsigen Schiffsjungen, der mit der Pfeife im Munde und den Händen in der Tasche sich an eine Wand hingeflegelt hatte und mit einem Mädchen plauderte, das in bescheidener Haltung vor ihm stand.

Als der Weg etwa bis zur Mitte zurückgelegt war, stieß sie auf einen Haufen meistens halbwüchsiger Burschen und Mädchen, welche um eine große Steinfliese lagen und saßen. Nicht der geringste Lärm, ja sie sprachen nicht einmal miteinander. Thomasine bemerkte sie nicht eher, als bis sie unmittelbar neben ihnen stand. Und hier herrschte der übelste Geruch, aber es schien, als ob sie das gar nicht belästigte. Was mochten sie hier treiben? Nichts verriet das. Sie erkundigte sich nach dem Wege. Einige erhoben sich ein wenig, und nur einer der älteren Knaben gab Antwort und deutete nach einem roten Hause mit weißen Fensterrahmen.

Sie hatte sich gerade die Brille geputzt und gewahrte das Haus, aber zugleich las sie auf aller Mienen, daß jedermann sie kannte und erriet, was sie bei Mutter Stöen wollte; aber nicht ein einziger sagte etwas, doch vernahm sie ein leichtes Zischeln und Kichern, als sie sich ein wenig von ihnen entfernt hatte.

Sie fragte Andreas Berg, was sie wohl treiben möchten, da sie so still seien. Andreas meinte, die Knaben spielten Karten und die Mädchen sähen zu. Da es jedoch während der Sonntagspredigt sei, versteckten sie die Karten, wenn Fremde vorübergingen.

Thomasine stellte in Gedanken einen Vergleich an zwischen den Arbeitern in einer kleinen norwegischen Stadt und jenen in den großen Städten des Auslandes, und eine ganze Reihe von Bildern und Erinnerungen aus ihrem Leben im Auslande tauchte vor ihrer Seele auf.

Aber daneben beschäftigte sie noch etwas anderes – etwas, das nicht angenehm war. Es ließ ihr gar keine Ruhe – was war es, was mochte es doch sein? ...

Ja richtig, es war das jämmerliche Kindergeschrei oben am Berge. Das verursachte ihr eine schmerzhafte Empfindung: das tönte ja ganz wie ehedem nach heftigem Streit das Schreien ihres Sohnes!

Ganz derselbe Klang der Stimme, dieselbe Energie, dieselbe Beharrlichkeit im Schreien, so daß es ihr sogar einen körperlichen Schmerz verursachte... Es war doch wohl nicht ihres Sohnes Schwester, die ihr da oben so heiser entgegenschrie? ... War es ihr bisher heiß gewesen, jetzt geriet sie in eine förmliche Gluthitze. Es erfaßte sie etwas von dem alten Schrecken, und wie ehedem, als sie mit ihrem Sohne Krieg führen mußte, gingen ihr wirre Gedanken durch den Sinn...

»Aber, gnädige Frau, Sie gehen viel zu schnell!«

Es war Andreas Berg, der ihr das tief unten vom Wege herauf zurief.

Sie konnte ihn fast gar nicht sehen; ihre Brillengläser waren ganz feucht geworden. Sie trocknete sie, atmete tief auf und mußte lächeln.

Inzwischen hörte das Kindergeschrei noch immer nicht auf; allein jetzt, da sie wieder ganz ihrer Vernunft mächtig war, bedachte sie, daß das Schreien ja von rechts kam, während sie das Haus der Mutter Stöen – das rote mit den weißen Fensterrahmen – fast gerade vor sich am Bergeshang links erblickte. Es war das größte hier oben... Sie fühlte sich völlig erleichtert und schritt darauf zu.

Doch nicht auf geradem Wege konnte sie dahin gelangen; sie mußte eine Biegung machen und um das Gartengehege, das ebenfalls angestrichen war, wenn auch schon vor langer Zeit, herumgehen. Die beiden Fenster des Hauses sahen auf das Meer. Man hatte hier eine weite Aussicht. Aber die Tür des Hauses befand sich an der entgegengesetzten Seite; es hatte einen kleinen Anbau, zu dem ein paar Treppenstufen führten.

Vollständige Stille innen und außen. Aber der Jubel der Knaben unten am Strand und das Kindergeschrei drüben an der Bergseite begegneten sich hier oben in der Luft. Der Garten, an dem sie entlang gingen, war der größte, den sie auf dem Berge gesehen. Doch sauber und gut unterhalten war weder das Haus noch der Garten; aber man empfand hier oben ein so wohliges Gefühl – oder wie man's nennen mochte ... Thomasine fand nicht sofort das rechte Wort; denn in diesem Augenblick bemerkte sie ein Kind mit dunklem Haar und frischen, verwunderten Augen, das sich gerade von der Türschwelle mit irgendeinem Gegenstand im Schoß, den es fallen ließ, erhob, um in die Stube zu laufen.

Im nächsten Augenblick gewahrte sie eine ältliche große Frau mit dunklem, ungekämmtem Haar und einem schönen, lebhaften, noch ungewaschenem Gesicht. Sofort erkannte die Frau Thomasine, welche jetzt die Treppe hinanstieg und in den Anbau trat.

Die Frau lächelte.

»Will die gnäd'ge Frau zu uns?« fragte sie.

Thomasine mußte wieder ihre Brille zur Hand nehmen. Und als sie sich diese wieder aufsetzte, hatte die Frau in der Stube aufgeräumt, so gut es in der Eile geschehen konnte, denn hinten an ihr Kleid hatte sich mit beiden Händen ein kleines Mädchen festgeklammert, in der Weise, daß es, wenn die Frau sich umwandte, stets den Blicken der fremden Dame entging. Andreas Berg war draußen geblieben.

Marit Stöen entschuldigte sich, daß es noch so unordentlich in der Stube aussehe. Ihre Stimme hatte einen angenehmen Klang, und sie sprach mit natürlicher Offenherzigkeit. Da es bereits auf Mittag gehe, müßte es eigentlich schon anders hier aussehen; aber am vorhergehenden Abend hätte es hier eine Art Tanzvergnügen gegeben; da war es denn etwas spät geworden. Auch in die Kammer konnte sie die gnädige Frau nicht hineinbitten; denn da sähe es noch ärger aus, bemerkte sie lächelnd. Die Stube brächte ihr eine nicht unbedeutende Einnahme, so oft sie sie der Jugend zu ihrem Tanzvergnügen hergäbe. Es war die größte Stube an dieser Seite des Berges. Dazu kam noch der Verdienst, den sie an solchen Tanzabenden am Kaffee hatte.

Thomasine Rendalen hatte sich gesetzt. Aber als sie sich in der Stube umsehen wollte, entdeckte sie, daß sie erst wieder die Brille abnehmen mußte; sie war doch gar zu warm geworden. Mittlerweile erkundigte sie sich nach der Mutter des Kindes.

Petrea sei verheiratet, gab die Frau zur Antwort.

»Verheiratet?«

»Ja, mit dem Steuermann Aslaksen. Oh, ein so geschickter Bursch,« erzählte sie; partout wollte der sie haben. Sie wohnten nicht mehr hier in der Gegend, – und Marit Stöen erzählte umständlich, wie es ihnen ginge.

Von Zeit zu Zeit lugte das Kind hinter dem Kleide der Großmutter hervor, und jedesmal nahm Thomasine es in Augenschein. Es hatte wirres, dunkles Haar, ganz wie die Großmutter und war im übrigen eine Mischung von John Kurt und derjenigen, die da vor ihr stand, – eine Mischung, die wirkte – – ja, sie konnte sich nicht helfen: sie wirkte unangenehm. Und doch war es ein schönes Kind. Die Augen – es waren die wilden Augen des John Kurt, das litt keinen Zweifel; aber es lag doch zugleich etwas Lachlustiges darin.

»Das Kind wird also bei Euch bleiben?« fragte Thomasine, und deutete mit dem Sonnenschirm dorthin, wo es sich versteckt hatte.

»Ja das Kind – dafür muß ich schon sorgen,« antwortete die Großmutter, es am Kopfe fassend. »In der ersten Zeit, als Petrea ins Unglück kam, zahlte John Kurt für sie; und bei der Taufe, – oh, da ging's hoch her. Und dann gab er ihr ein Sparkassenbuch mit hundert Speziestalern drin; und auch von seinem Vater bekam sie eins mit ebensoviel.«

Und dann begann Marit Stöen zu weinen. Sie weinte aus Dankbarkeit, daß John Kurt seinem eigenen Kinde hundert Taler gegeben! Von solchen Verhältnissen hatte Thomasine bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt.

»Habt Ihr noch etwas von dem Gelde?«

»Ob wir noch was von dem Gelde haben!« lachte Marit. »Na, das wär' schön! Das kleine Ding kann doch noch nicht alles verbraucht haben – gelt, he?«

Sie lachte und griff wieder nach dem Krauskopf und zog ihn hervor, aber sofort schlüpfte das Kind wieder hinter die Röcke.

»Ist Euch das Kind nicht sehr lästig, wenn Ihr allein seid und Eurer Arbeit nachgehen müßt?«

»O behüte! Wir nehmen's hier nicht so genau. Dann muß es da hübsch für sich allein sitzen,« sagte sie und wandte sich ein wenig, um lächelnd auf das Kind hinter sich hinabzublicken.

»Ist sie leicht zu behandeln? Ist sie nicht querköpfig?«

»Na, so'n bißchen,« lachte Marit, »aber sonst so'n lustig's und liebes Balg!«

Jetzt zog sie das Kind mit Macht hervor; aber die Kleine widersetzte sich.

»Ach, sei doch nicht so widerspenstig!«

Aber Thomasine war es nicht darum zu tun, in nähere Berührung mit dem Kinde zu kommen; sie stand schnell auf und blickte sich in der Stube um. Der Kamin stand drüben in der Ecke an der Tür zur Kammer; hier am Fenster stand der Tisch mit Frühstücksresten, sowie einer Kaffeetasse und einer Milchkanne. Gerade gegenüber an der Wand, also zwischen dem Kamin und der Türwand, hingen einige Daguerreotypien und ein paar Bilder. Die Daguerreotypien stellten vermutlich Aslaksen und Petrea vor, – Thomasine blickte darüber hinweg, ohne sie zu sehen –; von den Bildern stellte das eine ein großes, mit vollen Segeln fahrendes Schiff vor, das andere den neuen Kaiser und die Kaiserin von Frankreich. Ein Bild der Kaiserin hatte Thomasine noch nicht gesehen, sie trat deshalb näher. Der Kaiser hatte eine große Nase und präsentierte sich als einen jungen Mann von beiläufig vierundzwanzig Jahren; seine Gattin war halbnackt, allein trotzdem noch ein sehr unschuldiges kleines Mädchen von kaum sechzehn Jahren.

»Mein Gott, was ist das für ein Kind, das da fortwährend so jämmerlich schreit?« fragte Thomasine, an das offene Fenster tretend.

Marit lachte:

»Oh, das ist Lars Tobiassen sein Junge.«

»Immerzu tut der schreien,« hörte sie plötzlich die Kleine hinter dem Rücken der Großmutter sagen.

In ihrem Eifer war sie ganz zum Vorschein gekommen. Aber vor Schreck über ihre eigene Stimme steckte sie eiligst den Kopf wieder in das Kleid.

»Kennen gnäd'ge Frau Lars Tobiassen?«

Thomasine wurde aufmerksam.

»Nein; was ist der Mann?«

»Das läßt sich so leicht nicht sagen,« antwortete Marit; »denn er ist so mancherlei. Erst kürzlich ist er Schlächter geworden ... hat gnäd'ge Frau ihn nie gesehen?«

»Nein. Aber warum fragt Ihr das?«

»Ach, das durft ich wohl nicht sagen?« Und sie blickte Thomasine schelmisch an.

»Warum nicht?«

»Ich sag' ja auch nur, was die Leute sagen. Ich hab's nicht erfunden!« lachte sie.

»Was denn?«

»Die Leute sagen, auch der wär' ein Kurt ...«

Sie sah, daß dies auf Thomasine Eindruck machte und setzte schnell hinzu:

»Vielleicht ist's nur so'n dummes Gerede. Er gleicht gar nicht denen, die ich gesehen ... Der hier, oh, das ist ein wahrer Hüne!«

»Das sind einige der Kurts auch gewesen,« antwortete Thomasine – um doch etwas zu sagen, trat ans Fenster und blickte hinaus.

»Ja, das hab' ich auch gehört. Es soll zwei Arten von Kurts gegeben haben,« versetzte Marit, und ihre Hand suchte nach dem Kinde.

In demselben Augenblick wandte Thomasine sich um und gab Marit ein Zeichen. Hinter dem Gartenzaune hatte sich eine ganze Schar Menschen zusammengedrängt. Dort stand auch Andreas Berg, und er redete mit einigen von ihnen; vielleicht um sie abzuhalten, sich der Tür zu nähern. Zumeist waren es junge Burschen und Mädchen; und jetzt sah sie, daß es dieselben waren, an denen sie unten vorbeigekommen – die, welche um die Steinfliese herumsaßen. Und alle gafften jetzt nach dem Fenster hinauf.

»Seht Ihr den zerlumpten Jungen dort – den mit dem hellen Lockenhaar?« fragte Thomasine.

»Ja, der ist schon 's Ansehen wert!«

Thomasine hörte aus ihrer Stimme heraus, daß Marit merkte, was Thomasine wissen wollte.

»'s ist ein Sohn des jungen Konsuls Fürst; gleicht ganz seinem Vater,« fuhr Marit fort.

Ganz recht; denn mit diesem hellen Lockenhaar und diesen lachenden Augen hatte Thomasine oft, sehr oft getanzt. Sie ward feuerrot.

»Nu, Herrgott, dafür kann doch gnäd'ge Frau nicht! ... Aber nun muß ich die gnäd'ge Frau mal was fragen. Kennen Sie das Mädel dort – die da, die so an ihrer Schürze zupft? ... Die da mit dem Haar, das nicht gelb und nicht rot ist, und doch so 'ne merkwürdig weiße Haut hat. Gott, die da ... Nein, kann gnäd'ge Frau denn gar nicht sehen, was das für eine ist?«

Thomasine hatte es längst gesehen. In den großen Erziehungsanstalten des Auslandes hatte sie eine Übung darin bekommen, die Eltern an den Kindern und die Kinder an den Eltern zu erkennen. Aber sie schwieg.

»Herrje, das ist ja ein Fräulein Engel – das sieht man doch gleich!« lachte Marit, »wenn sie auch nicht in Samt und Seide geht.«

Thomasine trat vom Fenster zurück. Marit lachte wieder, und diesmal nicht ohne eine gewisse Bosheit. »Man trifft gewissermaßen überall bekannte Gesichter hier oben auf dem Berge,« fügte sie hinzu.

Um weiteren Vertraulichkeiten der Frau vorzubeugen, beeilte Thomasine sich zu sagen, daß sie dem Kinde jährlich sechzig Speziestaler zu geben gedenke. Hier waren die ersten dreißig für das laufende Halbjahr.

Fehlte es an irgend etwas anderem, so brauchte die Großmutter nur zu kommen und es zu sagen. Würde das Kind größer, so wollten sie sich miteinander besprechen, was weiter zu tun war.

Marit stand da mit dem Gelde in der Hand. Das war ja weit mehr, als man verlangen konnte! Wenn alle so wären gegen die, welche ins Unglück kamen, dann – – und sie weinte wieder.

Als das Kind hörte, daß draußen jemand am Garten stand, hatte es das Kleid fahren gelassen und sich hervorgewagt. Verstohlen hatte es sich in den Anbau geschlichen, um durch eine Ritze hinauszulugen. Jetzt kam es wieder hereingestürzt, und in demselben Augenblick tönte lautes Lachen von draußen. »Lars Tobiassen!« konnte die Kleine nur noch ängstlich rufen, packte dann mit beiden Händen das Kleid der Großmutter und wickelte sich hinein.

Thomasine befürchtete, er möchte hereinkommen und trat deshalb eiligst auf die Tür zu, ohne sich auch nur zu verabschieden, wobei sie die Hutbänder, die sie gelöst hatte, festknüpfte. Infolgedessen wäre sie beinahe gefallen, und so gelangte sie mit noch größerer Hast auf die Treppe hinaus. Aber Lars Tobiassen war gerade vorübergeeilt. Die Jugend da draußen hatte wahrscheinlich über seinen Gang gelacht, denn er war vollständig betrunken. Als Thomasine hinausging, bemerkte sie seinen kahlgeschorenen Nacken – wo hatte sie doch früher diesen bronzefarbenen Stiernacken gesehen? Und den kleinen Haarbüschel mitten im Nacken? ... O Gott, das war ja jener schreckliche Nacken, den sie am Abend vor ihrer Niederkunft über sich gesehen! Der Nacken des ältesten Kurt – ja derselbe! Und jetzt rief der Nacken da oben dem wimmernden Kinde zu:

»Na warrrt! Ich werd' dich schrrreien lehren!«

Thomasine eilte die Treppe hinunter am Garten, an den Burschen und Mädchen vorüber. Sie wollte das Fluchen und Schlagen und das wahnsinnige Kindergeschrei nicht hören! ... Ja sie lief förmlich, und es war ihr, als hörte sie hinter sich lachen; aber sie eilte nur noch schneller, so daß sie stolperte und beinahe gefallen wäre. Trotzdem hörte sie unablässig hinter sich das entsetzliche Kindergeschrei und die Branntweinstimme; und dann auch das Gekreisch einer wütenden Frau. Hunde erwachten und begannen zu bellen; aber nicht nahe genug, um das Geschrei da oben zu übertönen, jenes entsetzliche Geschrei, bis endlich, endlich – Gott sei Lob und Dank! – die Glocken zweier Kirchen in der Stadt fast im selben Augenblick zu läuten anfingen; und ihre Töne füllten von jetzt an die ganze Luft allein aus.

Sie war jetzt bis an die großen Steinfliesen gekommen, wo sie vorhin die jungen Leute getroffen. Jetzt waren die Fliesen leer, und erschöpft sank sie nieder und brach in krampfhaftes Weinen aus ...

Endlich holte Andreas Berg sie ein. Sie fühlte es an seinem würdevollen Schritt, daß sie sich nicht richtig benommen. Sie wagte nicht, sitzenzubleiben; bis er sie erreicht hatte. Ohne sich umzusehen, stand sie auf und ging weiter. Die Knie schlotterten ihr; aber sie ließ sich nicht mehr von bösen Geistern jagen. Die freundlichen Kirchenglocken bewahrten sie davor, etwas anderes zu hören; und sie fuhr fort zu laufen, bis sie hinunter an den Strand gekommen war.

Die Kinder waren nicht mehr zugegen; es war mittlerweile Mittag geworden. Eine Viertelstunde später saß auch sie daheim mit ihrem kleinen Jungen auf dem Schoß. Er machte große Augen wegen ihres heftigen Wesens und ihrer Tränen. Und er versicherte ihr mit großem Eifer, er wäre die ganze Zeit »so artig« gewesen.

Dafür belohnte sie ihn einmal über das andere mit freundlichem Streicheln, Umarmungen und Küssen; konnte aber die Tränen noch immer nicht unterdrücken.

Sie fühlte jetzt, wie schlecht es von ihr gewesen, daß sie seiner kleinen Schwester nicht einmal freundlich die Hand auf das Krausköpfchen gelegt, obschon auch sie »so artig« gewesen. Das Spielzeug des Knaben lag am Boden umher; sie dachte jetzt an das mit Tuchlappen umwickelte Stück Holz, das sein Schwesterchen hatte fallen lassen, als es erschreckt von der Türschwelle aufgesprungen war. Thomasine hatte es wohl gesehen; war sie ja doch fast darüber gefallen, da sie hinausstürmte. Aber nichts hatte sie gerührt. Was konnte das arme Kind dafür, daß es denselben Vater hatte!

Niemand anders als Thomasine war an diesem Vormittag »unartig« gewesen.

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