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Theodor, der Seifensieder

Heinrich Hansjakob: Theodor, der Seifensieder - Kapitel 1
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authorHeinrich Hansjakob
booktitleWaldleute. Ausgewählte Erzählungen
titleTheodor, der Seifensieder
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
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senderwww.gaga.net
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1.

Es ist das Jahr 1833 und Sommer. In der Nähe der Stadt Kassel liegen am Eingang eines Dorfes sechs Handwerksburschen. Der eine, ein alter Knabe, meint, in diesem Dorfe sei heute Kirchweih, da müßte man fechten, es gebe »Küchle«. Der Vorschlag wird angenommen. Die Kumpane verteilen unter sich das Dorf, um, jeder für sich, ans Küchlefechten zu gehen.

Der jüngste unter ihnen, ein achtzehnjähriger, frischer Bursche, elegant und zünftig gekleidet in blauen Tuchanzug, einen Zylinder mit Wachstuch überzogen auf dem Haupt, einen mächtigen Ziegenhainer in der Rechten und ein großes ledernes Felleisen auf dem Rücken, schickte sich bebenden Herzens zum Fechten an.

Ihm waren die letzten Häuser des Dorfes zugefallen, aber er des Fechtens nicht gewohnt, weil in jener Zeit die Handwerksburschen nur in der Not fochten und ihnen überall die Zunft unterstützend zur Seite stand.

In drei Häusern bat er um Küchle, in allen dreien wurde er mit seiner Bitte abgewiesen.

So kam er an das allerletzte Haus: es schien ihm das Pfarrhaus zu sein, hier, dachte er, bekommst du gewiß Küchle. Mit diesem Gedanken ging er die steineine Treppe hinauf und im Haus der Küche zu, wo zwei weibliche Wesen hantierten, während in einer Ecke, mit einem weißen Tuch bedeckt, ein Korb stund, in dem der Fremdling sicher den Leckerbissen vermutete.

Bescheiden tat er seinen Spruch: »Ein armer Handwerksbursche bittet, da es Kirchweih ist, um ein Küchle.« »Es tut mir leid,« sagte die ältere der Köchinnen, »wir haben keine.« So ging der junge Fechter leer ab.

Unweit dieses letzten Hauses trafen alle Burschen wieder zusammen; jeder hatte etwas erfochten, Geld oder Küchle: nur der jüngste mit dem blauen Anzug hatte nichts. Vergeblich probierten jetzt die andern, in dem Pfarrhause etwas zu erfechten. Alle wurden abgewiesen.

In dem Garten beim Hause erblickten sie nun schöne Gurken und beschlossen, an diesen Rache auszuüben für die beharrliche Abweisung. Der älteste Geselle meinte, er wisse in Kassel eine Wirtschaft, wo billig zu leben sei. Dort müsse ein Gurkensalat gemacht und Rindfleisch dazu gegessen werden. Er garantiere, es koste nicht mehr als 16 Kreuzer auf den Kopf.

Auch mit diesem Vorschlag des erfahrenen Wanderers waren alle einverstanden, und der mit dem blauen Anzug sprang alsbald über den Gartenhag, füllte die Taschen mit Gurken und war im Augenblick wieder bei seinen Kameraden. Nun ging's auf und davon.

Als sie aber eine halbe Stunde gen Kassel zu marschiert warm, merkte der Gurkendieb, daß seine Tabakspfeife fehle, die ihm sein Bruder, der Xaver, geschenkt, als er in die Fremde zog.

Die liegt in des Pfarrers Gurkenbeet, dachte er, lehrte flugs um, sprang abermals über den Zaun, ergriff mit einer Hand seine Pfeife, mit der andern noch zwei Gurken und eilte dann seinen Gefährten nach.

Die Pfeife aber verwahrte er fortan so gut, daß er sie heute, 1897, da ich seine Geschichte niederschreibe, noch besitzt. –

In Kassel eingerückt, suchten sie die Handwerksburschenkneipe auf, ein finsteres, unheimliches Quartier, bestellten ihr Rindfleisch und machten sich daran, die Gurken eigenhändig zu präparieren.

Während sie diesem Geschäft sich hingaben, kam ein Gendarm und nahm den Wirt geheimnisvoll in sein Nebenzimmer. Da erfaßte den jungen Gesellen im blauen Gewand die Angst, es könne sich um seine Gurken handeln.

Er sieht sich im Geiste arretiert und als Dieb per Schub in die Heimat spediert und malt sich den Schrecken der Eltern. Diese Aussichten veranlassen ihn, ehe der Gendarm wieder in die Stube zurückkommt, sein Felleisen umzuschnallen und aus Kassel hinauszustürmen, was er laufen konnte.

Er lief, lief, fortwährend von dem Donner und Blitz des auf Sinai gegebenen Gebotes: »Du sollst nicht stehlen,« verfolgt, lief bis nach Heidelberg, wo badische Grenzpfähle ihn schützten vor dem hessischen Gendarmen. Hier trifft er einige Tage darauf wieder einen der Gesellen, der ihm sagt, der Gurkensalat habe gut geschmeckt und sich kein Gendarm darum gekümmert.

Der im blauen Gewande und vom Gewissen Verfolgte war – Theodor, der Seifensieder, ein Schwarzwälder, ein Kinzigtäler und ein Waldmann.

Seine engere Heimat ist Wolfe, das Waldstädtle, zwei Stunden oberhalb Hasle, zwischen die Berge eingeengt, aus denen die Wolf und die Kinzig ihre Wasser drängen.

Seines Geschlechts ist der Theodor ein Armbruster.

Im obern Kinzigtal muß, ehe das Schießpulver erfunden war, ein kriegerischer Menschenstamm gewohnt haben, denn der dritte Mensch heißt dort heute noch Armbruster. Dieser Name aber deutet hin entweder auf Armbrustschützen oder auf Armbrustfabrikanten, welch' letztere geradezu Armbruster genannt wurden. In jedem Falle aber spricht der Name dafür, daß einst im Kinzigtal viele Leute jene kriegerische Waffe bedurften und trugen.

Theodors Vater war »Schiffer«. Schiffer in Wolfe, wo es keine Schifflein gibt und wo die Kinzig selten, auch nur eine Viertelstunde weit, schiffbar ist? Und doch war des jungen Gurkendiebs Vater ein wirklicher Schiffer und verschiffte Ladungen, die heute einem holländischen Indienfahrer zu schwer wären.

Er hieß Johann, ward aber in seiner Vaterstadt allzeit von allen Wolfachern französisch tituliert und »Schang« geheißen.

Die Wolfacher waren von jeher gebildeter als ihre demokratischen Nachbarn, die Haslacher. Sie zählten stets viele Leute unter sich, die in Paris waren und französisch redeten, und besonders die Schiffer wurden durch ihre Handelsverbindungen der welschen Sprache mächtig. Darum gab es in Wolfe nur Jacques, Jeans, Charles, Laurents etc.

Der Schang vorzugsweise aber hieß Theodors Vater, der erste und angesehenste aller Schiffer. So wurden die Mitglieder der alten, privilegierten Flößerzunft in Wolfe genannt.

Graf Wolfgang von Fürstenberg, Herr im Kinzigtal, war der Gründer dieser ehrsamen Zunft und der erste Flößer nach den Niederlanden. Kaiser Maximilian I. gestattete ihm 1504, 200 Stämme ohne Zoll »an zwein Flotzen und darauf soviel pretter, als sie in oblast zu tragen mügen, nach dem Niederland zu flötzen.«

Dieser Graf gab zur Förderung seiner Residenz Wolfach deren Bürgern das Privileg und Monopol, in seiner Herrschaft allein mit Holz handeln und es verflößen zu dürfen, und untersagte beides den Bauern. Aehnlich tat bald darauf der Herzog Ulrich von Württemberg in seinen weiter oben an der Kinzig gelegenen Städtchen Schiltach und Alpirsbach. So entstanden in diesen drei Kinzigstädtchen Flößerzünfte, Schiffergesellschaften, die, bald allein, jeder Zünftige für sich, bald in Kompagnie das Flößergewerb betrieben. Ihre Gesellen waren die Floßknechte, welche, in Gespanne von 10 – 12 Mann eingeteilt, mit einem Obmann an der Spitze, im Dienste der Schifferherren stunden.

Die Bauern des Kinzigtales waren nie besonders entzückt von dem Monopol der Schifferzünfte, denen sie das Holz verkaufen und die Flöße bis in die Kinzig anliefern mußten. Doch trösteten die Schiffer die Bauern in etwas, indem sie ihnen, so oft sie nach Wolfe oder Schilte oder Alpirsbach kamen, die Zunftstuben öffneten, heizten und sie mit Essen und Trinken regalierten.

Die Schifferzunft zu Wolfe enthielt eine Summe von Poesie. Im 16. Jahrhundert war jeder Schiffer von der Herrschaft aus gezwungen, Reben anzulegen, um so dem Weinbau aufzuhelfen. Die Flößer sorgten dadurch auch für sich und ihre Knechte, da beide ein trinkbares Geschlecht waren.

Sauer muß er gewesen sein, der selbstgepflanzte Wolfacher, auf dessen Boden längst wieder Tannen stehen; aber getrunken haben sie ihn doch, die biederen Flößer und ihre Knechte, vom Morgen bis in die sinkende Nacht. Und bald mußte die Herrschaft »die schlaftrünke als ein Überfluß und unnöttige füllerei den schiffherrn und den knecht« bei ein Pfund Heller Strafe verbieten.

Der Durst aber blieb bis in unser Jahrhundert herauf, und ich kannte in meiner Knabenzeit noch manch durstigen Flößer.

Vom Frühjahr bis Martini kamen jede Woche einige »Flöze« die Kinzig herunter und an Hasle vorbei. Hab' ihnen manchmal die Logel Ein längliches, fäßchenähnliches Gebinde mit einem Röhrchen zum Trinken. gefüllt beim Adlerwirt oder, wie die Fuhrleute und Flözer ihn nannten, »beim Frankfurterhans«, so benannt, weil er früher als Frachtfuhrmann zwischen Frankfurt und Schaffhausen verkehrt hatte.

Vor Tagesanbruch waren sie in Wolfe abgefahren, wobei sie zuerst entblößten Hauptes ein Vaterunser gebetet und das Kreuz über sich gemacht hatten.

»Die Fahrt ins Land« nannten die Flözer den Weg von Wolfe beziehungsweise Schilte und Alpirsbach bis nach Willstätt unweit der Mündung der Kinzig in den Rhein. Eine von der Zunft mit Wein gefüllte Logel lag bei der Abfahrt auf dem Floß, und so oft sie unterwegs gefüllt werden mußte, ging es auf Kosten der Schifferherren.

Hatten sie Glück, so fuhren sie in zwei Tagen bis nach Willstätt; bei einer minder glücklichen Fahrt hatten sie eine Woche zu tun. Lohn, ob viel oder wenig Zeit gebraucht wurde, bekam jeder Knecht einen Kronentaler. Die Sperrflößer, welche die schweren Sperrklötze bedienten, erhielten einen Gulden Zulage als Sperrgeld.

Blieben sie an einem Orte liegen, sei es aus Wassermangel oder weil der Steuermann auffuhr, so war bei der vielen Mühe, den Flöz loszubringen, der einzige Trost die Logel, welche der jüngste Flößer füllen lassen mußte, wenn keine Buben um den Weg waren.

Wir Buben in Hasle kannten die Flößer alle am Dialekt. Die Schiltacher und die Schenkenzeller, welch letztere die Flöße der Alpirsbacher Schiffer brachten, schwäbelten weit mehr als die von Wolfe, die Schiltacher am stärksten.

Die durstigsten waren die von Wolfe, die derbsten die von Schilte. Diese waren aber auch Kraftgestalten, und ihren prächtigen, stark schwäbischen Dialekt hörte ich am liebsten, lieber als den alemannischen meiner Heimat. Einzelne Schiltacher waren Schiffer und Flößer zugleich, so der Glaser-Christof, der Glaser-Ulrich und des Salzbecken Abraham. Flözerknechte, deren Namen ich oft hörte, waren der Huber am Roa (Rain), der Roa-Wöhrle, der alt' Grenadier, 's Groschupen Kanonier und der G'west. Die letztern drei waren Soldaten aus den napoleonischen und den Befreiungskriegen. »I bin in Frankreich g'west,« sprach stolz und vornehm der Flözer Andreas Trautwein; drum hieß er »der G'west«, so lange er durch die Kinzig dem Rhein zufuhr. Zu den genannten zählten noch der Salpeter-Christi, der Lehbeckle, der Sammel-Isaak, der Duschi, der groß' Bombis und der klei' Bombis. Der Salzbeck, der Brünnelihafner, 's Nagelschmieds Hans, der Stegbeck verließen zur Floßzeit ihre Werkstätten und flözten.

Der derbste war der rot' Jos, dessen Haare schon weither leuchteten, wenn er auf dem Floß daherfuhr und wir Buben auf der Kinzigbrück zu Hasle stunden. Ihm riefen wir im Schiltacher Dialekt zu: »Rauter, hausch ou scho a Schoppe ghau heit?« Da schimpfte der Jos teufelmäßig, während er unter der Brücke durchfuhr.

Kamen Schiltacher Flözer ohne den Roten, so machten wir sie wild, indem einer von uns hinunterlief: »Flözer, wo haunt ihr den Raute glau?« Wo habt ihr den Roten gelassen? Sie wurden jeweils teufelswild und wetterten: »Gau hoim, dau Gau = geh', dau = du. Esel dau oder dau kriegst a Stange auf dei Eselskopf nauf gschlage!« Oder: »Gau hoim und b'schau dei Muatter, des isch au a raute!«

Die Schiltacher ließen uns Buben nicht leicht mitfahren, während die von Wolfe und Schenkenzell, wenn wir die Logel füllten, gerne ein Stück weit uns mitnahmen, uns Buben ein Hochgenuß, von dem ich in meinen Erinnerungen aus der Jugendzeit gesprochen habe.

Die Schenkenzeller hatten allein noch das uralte Privileg der Flößerknechte, das darin bestund, daß abwechselnd jeder auf seine Rechnung auf dem Floß eine Partie Bretter mitführen durfte, mit denen er dann Handel trieb. Es hieß dieses Privileg »der Katzenfloz«. Wie eine Katze auf dem Tisch, so lag der kleine Floz des Knechts auf dem großen seines Herrn, daher der Name.

Zu den Schenkenzellern gehörten in meiner Knabenzeit der Flözer-Nazi, der Flözer-Xaveri, der Flözer-Karle, der Schmider am Tannensteg, der Almend-Basche, der Salesi uf'm Almend und der Bachvogt Wolber im Wolbersloch.

Von diesem Bachvogt geht heute noch ein geflügeltes Wort durchs obere Kinzigtal. Als einst ein Floß aus dem Kaltbrunn im Reinerzauer Bach lag, der bei Schenkenzell in die Kinzig mündet, und nicht in diese geschafft werden konnte, weil er »nicht laufen« wollte, kam ein anderes Floß aus dem hinteren Tal des Baches daher und konnte, da dieser zu schmal war für zwei Flöße und der erste still lag, nicht passieren.

Da erschien der Amtmann Fernbach von Wolfe mit dem Bachvogt Wolber und fragte diesen, ob man nicht den hinteren Floß über den vorderen wegfahren lassen könne. Nun legte der Vogt vor allen Flözern seinen Zeigfinger auf die Stirne, schaute den Amtmann an und sprach: »O, wie dumm, Herr Amtmann!« Seitdem, wenn einer was recht Gescheites sagt und der andere begreift's nicht, heißt's im oberen Kinzigtal: »O, wie dumm, Herr Amtmann!« –

Ich sah in meiner Knabenzeit auch manch Flößergespann auf seiner Heimkehr vom Rhein herauf beim Frankfurterhans einkehren und trieb mich bei ihnen in der Wirtsstube herum, denn die Adlerwirtin war meine Göttle (Patin), und ich hatte deshalb freien Zutritt.

Hatten sie gute Fahrt gemacht, die Wald- und Wasserleute, so fuhren sie auf einem Leiterwagen daher: hatten sie lange Fahrt gehabt und wenig verdient, so kamen sie zu Fuß das Tal herauf, ihre gewaltigen Aexte auf der Schulter und daran die Tauringe hängend. Es waren lauter wetterharte Männer, die im Winter im Wald, im Sommer auf dem Wasser ihr Leben zubrachten.

Unter ihnen befanden sich von den Wolfachern der Turm-Sepple oder Turmpuberle, weil er auf dem Schloßturm zu Wolfe wohnte und zugleich Nachtwächter war, der vom Turm herab die Stunden pubte; dann der Grete-Hans, Hans Trier, nach seiner Frau, die Grete hieß und im Hause das Regiment führte, so benannt; der Muserle, welcher in freien Zeiten Mäuse fing; der Kohli und der Longinus. Der letztere war Obmann eines Gespanns und beim Flözen stets mit heiler Haut davon gekommen, verunglückte aber auf der Eisenbahn. Er stieg einst zu Offenburg in den Zug, um heimzufahren; da fielen ihm die Flözerstiefel aus den Händen und auf den Bahnkörper. Er will sie aufheben, als der Zug sich eben in Bewegung setzt, und wird zermalmt.

Einer der Wolfacher hieß der Birekorb und ein anderer der Russ', weil er einer der wenigen gewesen war, die, mit Napoleon nach Rußland gezogen, heimkehrten. Der Russ' hieß nach seinem Vornamen auch der »Remigi«.

Dieser, schon ein älterer Mann, kam in meiner Knabenzeit einmal bei Steinach unter das Floß. Da es lange ging, bis seine Kameraden ihn wie leblos unter demselben hervorbrachten, so hielten sie ihn für tot. Der Muserle schrie ihm noch in die Ohren: »Remigi, glaubst du an die heiligste Dreifaltigkeit?« Der Remigi schwieg, und jetzt erklärte ihn der Muserle für maustot. Sie holen im Dorfe Steinach einen Karren, legen ihn darauf und führen ihn zum Adlerwirt in dessen Hausflur. Die schweren Flößerstiefel müssen aber dem toten Remigi ausgezogen werden. Doch sie sind zu naß und halten zu fest am nassen Leib und gehen nicht. Der Birekorb meint: »Wir schneiden sie auf!« Das hört der Remigi und ruft plötzlich: »Laßt mir meine Stiefel ganz!« »Er lebt, er lebt!« schreien jubelnd die Kameraden, bringen den Russen in ein warmes Bett und am andern Tag ist er wieder kreuzfidel und hat noch manchen Flöz ins Land gefahren und manchen Schoppen getrunken beim Frankfurterhans. Aber er mußte noch oft hören: »Remigi, glaubst du an die heiligste Dreifaltigkeit?« Und wenn die Wolfacher Flößer in Hasle durchfuhren, gab es böse Buben genug, die ihnen zuriefen: »Glaubt ihr an die heiligste Dreifaltigkeit?« –

Die Flözer wußten immer was zu erzählen, wenn sie zum Frankfurterhans kamen, und ich höre diesen jetzt noch lachen, und lachen konnte der dicke Hans, daß die Fenster zitterten.

Einmal war der Flößer und Seiler Oberle von Wolfe als Steuermann unterhalb Offenburg in einen Winkel des Flusses gefahren, und es hatte »Haufen« gegeben, d. h. die hinteren Gestöre waren auf die vorderen geworfen worden.

Das gab viele Arbeit, den Flöz wieder flott zu bekommen, und seine Mitflözer schimpften den Oberle, weil er so schlecht gerudert habe. Der aber, ein älteres »Male«, meinte: »Wenn alle zwölf Apostel am Ruder gestanden, wären sie in den Winkel gekommen.« Fortan hieß jene Krümmung bei den Flözern der Apostelwinkel, ein Name, den der Oberle nicht gerne hörte.

In Willstätt angekommen, wurde der Flöz den dortigen Flößern übergeben, die ihn bis Kehl führten. Die Kinzigtäler aber erhielten auf Rechnung der Schifferherren ein flottes Mahl im Adler oder in der Krone, und dann ging's wieder landaufwärts, um einen neuen Flöz »einzubinden« und abermals ins Land zu fahren.

Die schönste Fahrt alljährlich war die letzte – um Martini. Bei dieser bekam ein jeder der braven Männer, die seit Frühjahr so manche Todesfahrt gemacht, nach der Flözerzeche von der Wirtin zum Abschied einen Strauß auf den Hut, die Schifferherren ließen sie auf ihre Kosten heimführen, und an allen Stationen das Kinzigtal hinauf erhielten sie von jedem Wirt, bei dem sie während der Flößzeit eingekehrt, einen Freitrunk.

Das war eine Flözerleistung, von Willstätt bis Wolfe, 12 Wegstunden weit, sich durchzu–trinken. Die Flößerknechte selbst hatten das Sprichwort: »Nach der letzten Fahrt gibt's a Strüßle und a Rüschle.«

Aber die Wackeren vergaßen an jenem Tag auch Weib und Kinder nicht; jedes bekam ein »Martini-Krämle«, wenn der Vater heimkam von der letzten Fahrt, denn Mutter und Kinder hatten, ehe sie zu Bett gingen, das Jahr über manch ein Vaterunser gebetet, auf daß der Vater glücklich heimkomme von der gefährlichen Fahrt ins Land.

Wenn dann die Nebel über die Wälder des oberen Kinzigtals hinzogen, die Meisen an die Fenster kamen und den Winter ankündigten, zogen die Flößer als Holzmacher ins Tannengrün, fällten die Bäume für die Flöze des kommenden Frühjahrs und erzählten sich beim Waldfeuer von den Flözerzechen und den guten Trünken des Sommers.

Die durstigen und lustigen Wasserleute wurden bis zum Frühjahr genügsame Waldleute, und der alte Remigi tröstete sie, wenn's recht kalt war im Walde und Eiszapfen an den Tannen hingen, mit der Schilderung seiner Strapazen auf den Eisfeldern Rußlands.

War das Poesie oder nicht? Jetzt wanken die Leute im Kinzigtal matt und blaß und krank aus den Fabriken, und die schöne Flößerzeit ist nicht bloß im Heuwich, sondern auch auf der Kinzig, wo sie noch etwas länger lebte, tot.

Selbst die derben, massiven Schiltacher Flößer haben der in ihrer Volksseele gelegenen Poesie nicht zu widerstehen gewußt und gefühlt, was sie begruben, da sie 1894 den letzten Flöz das Kinzigtal hinabführten. Drum haben sie ihn mit grünen Tannen besteckt, diese Tannen mit schwarzem Flor behangen und auch sich und ihre Stangen und Aexte mit der Farbe der Trauer umschlungen.

Wehmütig fuhren sie so den Fluß hinab, noch wehmütiger kehrten sie heim, denn auch ein Flözer ist ein Naturkind, und Naturkinder fühlen es, wenn jene Göttin irgendwo stirbt, deren Namen sie nicht einmal verstehen, deren beseligendes Wehen sie aber inne werden in ihrer Volksseele. –

heute leben die braven Flößer, diese tapferen Wald- und Wasserleute, nur noch im Sprichwort: »Grob wie ein Flözer.« Als ob Leute sein sein konnten, die keine Zahnstocher und keine Zündhölzer, sondern Tannenbäume transportierten und jahraus jahrein in Wasser und Wald in Todesgefahr standen!

Wahrlich, mir ist ein derber, grober, ehrlicher Flözer lieber, als ein hohlköpfiger, faulenzender Gigerl und Komplimentenmacher. Und ich habe deshalb immer gerne gehört, wenn vor Jahren mein Landtagskollege Hofrat Buß, auch ein Kinzigtäler, mich wegen meiner großen Gestalt, wegen meines großen Hutes und wegen meiner »derben Bauernnatur« stets nur »den Flözer« nannte.

Mir waren die Flözer von Jugend auf liebe Leut', und so oft ich in späteren Jahren noch solche die Kinzig herabfahren sah, hab' ich mich gefreut und freue mich jetzt, ihnen und ihren Schifferherren hier ein kleines Denkmal setzen zu können.

Und drum wieder zurück zum Schiffer-Schang und zu seinen großen Taten und Fahrten.

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