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Theklas Erbschaft oder die Geschichte eines schwülen Tages

Wilhelm Raabe: Theklas Erbschaft oder die Geschichte eines schwülen Tages - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 9. Band, 2. Teil
authorWilhelm Raabe
year1976
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20120-6
titleTheklas Erbschaft oder die Geschichte eines schwülen Tages
pages145-163
created20010603
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wilhelm Raabe

Theklas Erbschaft

oder die Geschichte eines schwülen Tages

Eines Sommers, wie der des Jahres achtzehnhundertfünfundsechzig, konnte sich der bekannte, gottlob zu jeder Zeit vorhandene »älteste Greis« nicht erinnern, und es wurde dadurch den Meteorologen künftiger Jahrhunderte ein gewiß recht merkwürdiger Präzedenzfall geschaffen. Die Tage vom Mai bis zum September gemahnten den Schreiber dieses sehr lebhaft an eine Reihe durchgesägter Schädeldecken von Selbstmördern, welche er einst in einem anatomischen Museum mit Wehmut und mit unendlichem Respekt vor den Staatsgesetzen, die einen solchen unglücklichen Prädestinierten, welcher Hand an sich legt, noch immer der Anatomie von Rechts wegen und nicht von Nützlichkeits wegen zuweisen, betrachtete. Diese Hirndecken zeichneten sich sehr abnorm durch Gewicht und Textur vor denen der Leute, welche eines sogenannten natürlichen Todes oder durch die Hand des lieben Nächsten zu sterben berufen sind, aus, und ruhig kann ich es dem Leser überlassen, die Verbindungsstriche des Gleichnisses selber zu ziehen.

Unter diesen schwülen, schweren, bewegungslosen, drückenden Tagen befanden sich einige, an welchen die Sonne nicht schien, und diese waren natürlich die schlimmsten. Man atmete das höchste Unbehagen ein, ohne zu wissen, wo es gekocht wurde, man fühlte eine glühende Hand auf dem Gehirn, aber man sah sie nicht; glücklich waren die, welche matt oder stark genug waren, um sich ergeben hinwerfen zu können und das Fallen des Thermometers regungslos zu erwarten. Verloren in allem Jammer waren aber die, welche das Fieber zwischen Erschlaffung aller Lebensgeister und höchster Spannung umtrieb, und es gab für sie kaum eine andere Rettung als eine wahnsinnig energische Lektüre von Dante Alighieris Hölle.

In einem Garten meinen Fenstern gegenüber hatte ein Tertianer seine Lektion zu lernen, und dieser Schlingel war mein einziger Lichtpunkt an einem solchen Tage; denn seine Qualen waren noch größer als die meinigen. Als mein Auge ihn über meinen Schreibtisch hinweg zuerst erfaßte, saß er noch anständig, wenn auch schon sehr verstimmt, auf einem Gartenstuhle und betrachtete die auf seinen Knieen liegende Grammatik mit berechtigtem Ekel und Überdruß. Bei einer solchen Witterung sich mit dem Accusativus cum infinitivo abgeben zu müssen! Es war ein heilloses, ein über alle Maßen unverschämtes Begehren, und ich blickte mit nicht größerer Abneigung auf meine Manuskripte als der Junge auf sein Buch. Ich sah aber bald mit Vergnügen auf den Jungen. Seine Anstrengungen, dem verruchten syntaktischen Regelngewirr beizukommen, waren wunderbar – fabelhaft. Er versuchte es auf jede Weise, und aus jedem neuen Modus schwitzte die Verzweiflung und das haarsträubende Grauen vor dem morgenden Tage und dem Professor Hauländer. Ich hatte den Tag über mehr als einmal seufzend die Feder fortgeworfen, aber die herbe Notwendigkeit, welche mich am Kragen hielt, war doch nichts gegen den ehernen Finger, welcher diesem jungen Unglücklichen seinen Weg durch die graue Schwüle der Zeit kategorisch andeutete.

In anständiger Weise ging's nicht – der Herr Tertianer saßen also jetzt balancierend auf der Lehne des Stuhls und probierten es im nächsten Augenblick im Dauerlauf um ein gelbes Rasenbeet, auf welchem sämtliche Kinder Floras, die bekanntlich die Gemahlin Zephyrs, aber heuer von ihrem Gemahl schmählich im Stich gelassen war, kläglich die Köpfe hingen. Nichts, nichts! Auf dem Bauche liegend, soll Blaise Pascal, der Verfasser der Lettres provinciales, seine merkwürdigsten Inspirationen empfangen haben – auch mein Scholar legte sich auf den Bauch in das versengte Gras und den heimtückischen Vater Zumpt vor sich hin. Der Knabe wurde allmählich zu einem wahren Schauspiel, und seine Versuche, die hundsköpfige Schwüle des Tages und die eingeborene Faulheit zu bewältigen, hätten ausreichenden Stoff zu einer mehr als homerischen Epopöe gegeben. In seinem Garten stand ein chinesischer Pavillon, und an diesem Pavillon lehnte eine Leiter: mein junger Freund zerwühlte auf jeder Sprosse derselben seine Haare; aber sein Elend stieg, je höher er sich mit ihm erhob. Auf dem Dache dieses Miniaturtempels des Konfuzius machte er den letzten verzweifelnden Versuch, dem lateinischen Doktor gerecht zu werden, und dann – dann gab er den Kampf mit dem Geschicke auf.

Als ich nach einem luftfächelnden Gang durchs Zimmer wieder an das Fenster trat, lag die Grammatik freilich noch offen auf dem Dache des Gartenhäuschens; der Herr Tertianer aber war nicht mehr vorhanden. Evasit – erupit – er war durchgebrannt! Der Professor Hauländer mochte morgen sein Schlimmstes tun, das heißt, wenn auch er noch die Kraft dazu hatte: die Würfel waren gefallen, die Schiffe verbrannt, der Kampf mit dem Fatum, wie gesagt, abgebrochen, und meine mitfühlende stille Betrachtung war zum ebenso stillen, aber fressenden Neide geworden.

Ich hatte mit meinen Pflichten und Verbindlichkeiten noch nicht abgeschlossen; nur ein verzweifelter Sprung aus allen diesen physischen und moralischen Anfechtungen des Tages konnte auch mich einzig und allein erretten. Da mir die Möglichkeit abgeschnitten war, mich an einer Säule des chinesischen Häuschens in den Nachbargarten hinabgleiten zu lassen, so schlug ich des Cicero Buch von den Pflichten zu und ließ mich in die Phantasie, in die kühle Erinnerung hernieder; ich spann mir meinen eigenen Faden dazu aus dem heißen Tage, und – hier ist er.

Ich war ein Student, und ich studierte in Berlin die schönen Wissenschaften und die häßlichen für das Vergnügen und ums liebe Brod. Ich studierte aber auch das Leben, und in ihm das Schöne und das Häßliche von demselben Blatt – o großer Gott, was studierte ich alles! Es ist mir heute noch ein Mirakel, daß ich nicht mit einem Riß, einem Sprung im Hirnkasten oder einem darum gelegten eisernen Bande herumlaufe: die Gehirnerweiterung war zu mächtig! Unter mir im zweiten Stockwerk des sehr anständigen Hauses, in welchem ich mein Zelt aufgeschlagen hatte, wohnte ein bayerischer Gesandtschaftsattaché; über mir, im vierten Stockwerk, lebte und liebte Thekla samt ihrem Gemahle; mein Mietsherr aber war ein Königlicher Tafeldecker, und seine Gattin führte das Ministerium meiner inneren Angelegenheiten und unterzeichnete sich Madam Amanda Billig, was unter ihren Monatsabrechnungen stets einen sehr angenehmen und beruhigenden Eindruck machte.

Als ich die Wohnung bezog, mangelten mir natürlich alle näheren und ferneren Beziehungen zu diesen Hausgenossen; aber mein Äußeres erweckt Zutrauen, und mein Inneres täuscht dasselbe nicht. Wo mir das Leben entgegenkommen will, biete ich ihm gern die Hand; indiskret bin ich erst dann, wenn das Gras, welches über den Geschichten wächst, die man mir mitteilt, längst zu Heu geworden ist. Die Geschichten, die ich selber erlebe, sind mir ein sehr schätzbares Material zur Weiterbildung und Vervollkommnung meiner Individualität, auf welche letztere ich wie jeder anständige Germane etwas halte und welche ich gerne bereit bin, so lange als möglich, das heißt bis zu der Grenze, wo die unanständigen Germanen anfangen, grob und unverschämt zu werden, – auch in den andern heiligzuhalten.

Ich lernte von den Pflastersteinen in der Gasse und den Wänden meines Zimmers, und von den letzteren, sowie von der Decke und dem Fußboden fast noch mehr als von den ersteren, denn sie waren sehr dünn und pflanzten die Schallwellen eher fort, als daß sie dieselben aufhielten. Von dem Wandel des diplomatischen Vertreters Bayerns erfuhr ich höchstwahrscheinlich mehr, als er von der großen europäischen und außereuropäischen Politik; Theklas gute und böse Stunden konnten mir nicht verborgen bleiben, und das Leben der Familie Billig zitterte bis in die leisesten Regungen über mein Trommelfell. Acht Tage nach meinem Einzug war ich wahrhaft kriminalrichterlich instruiert und hätte jede Geschworenenbank, welche über dieses Haus zu Gericht gesessen haben würde, mit präsidentlicher Bestimmtheit ad absurdum geführt; – ein halbes Jahr später durfte ich an jenen wilden, rührenden und heiteren Ereignissen, deren Erinnerung mich an dem grauen, heißen Sommertage des Jahres fünfundsechzig über die schwülste Stunde hinweghob, teilnehmen. –

Es war auch ein grauer Tag, aber ein Tag im kühlen, luftigen Monat Dezember. Es war ein feuchter Tag, ein nebliger Tag, ein Tag, welcher mehr versprochen hatte, als er zu halten imstande war, und es war jener Tag, an welchem auf dem Stadtgericht das Testament des Onkels Krellnagel eröffnet wurde.

Am frühen Morgen schon hatte die Wirtin mit emporgezogenen Augenbrauen mich an die Bedeutung des jungen Lichtes erinnert, und diese Erinnerung war kaum nötig gewesen, denn wie konnte mir dieses Datum, an welchem sich Theklas Geschick so glänzend wenden sollte, aus dem Gedächtnis entschwinden? Hatten wir uns doch schon wochenlang darauf vorbereitet, die großen Ereignisse sozusagen mit allen Poren des Leibes und der Seele in uns aufzunehmen!

Thekla! Dieser jeder deutschen Jungfrau so sympathische Name bedeutet mir an dieser Stelle keineswegs das Mägdlein wandelnd an Ufers Grün, den Königlich Kaiserlichen romantischen Kürassieroberst Max Piccolomini und den Überfall bei Neustadt, sondern das ehelich angetraute Weib des Lotteriekollekteurs Strinatzky, welches diesem, wie der diplomatische Bojoarier bemerkt haben sollte, als beneidenswerter Ersatz für das große Los, das er nicht gezogen hatte, in der Lotterie des Lebens höchst unmotivierterweise zugefallen war.

Der Herr Kollekteur schien in der Tat wenig Seide in seinem Lebensberufe gesponnen zu haben; aber wie seine Kunden lebte er in der Hoffnung und seine Gattin mit ihm; besagte Hoffnung aber lehnte sich nicht, mit einem grünen Gewande angetan, am Ufer des Meeres auf einen Anker, sondern sie trug jeden Nachmittag von drei bis vier Uhr, wenn es die Witterung erlaubte, ein sehr anzuerkennendes Bäuchlein unter den Linden auf und ab und nannte sich Krellnagel – Rentier J. J. Krellnagel, Hausbesitzer und emeritierter Korsettenfabrikant; sie war vor allem Theklas Hoffnung, denn sie war Theklas Onkel; aber auch Theklas Gatte erlaubte sich, Schulden auf sie zu machen, und hätte seine Berechtigung dazu durch mehr als einen Grund darzutun vermocht.

Thekla! Heute noch klingt mir ihre Stimme im Ohr! und wie!! So und nicht anders mußte Elisabeth von England der schönen schottischen Marie oder dem Grafen von Essex ihre Ansichten mitgeteilt haben. – Ihre Taille! Ja, ein Modell derselben war in dem Schaufenster von J. J. Krellnagels Nachfolger zu sehen, und ganz Berlin, die Garde ausgenommen, erklärte das Ding für unmöglich. –

Von sämtlichen Damen des Hauses wurde Madam Thekla Strinatzky gehaßt, verleumdet und verspottet, von sämtlichen Männern offen oder im geheimen angebetet; das Rauschen ihres Kleides auf den Treppen fand einen Widerhall in jedem Busen, aber nicht ein und denselben. Am gerechtesten gegen die Holde war der junge Diplomat, und am unbilligsten gegen die Arme erschien meine Madam Billig. Letztere brachte mir an jedem Morgen mit dem Kaffee eine neue Historie über die Leute im vierten Stockwerk oder doch einen Zusatz zum Bulletin des vorigen Tages, und da sie für alles die Verantwortlichkeit übernahm, so durfte ich in ihrer Gegenwart an der Wahrheit der atemlosen Mitteilungen durchaus nicht zweifeln. Daß der Onkel Krellnagel kein Mythus war, stand aber unter allen Umständen zweifellos fest; daß er an den Folgen eines Loyalitätsessens zu Ehren und zur Anerkennung des Ministeriums Manteuffel und zur Aufrechthaltung der kirchlichen Interessen sanft in das von den letzteren vorgemerkte, wo nicht bessere, so doch ebenso loyale Jenseits hinübergegangen war, hatte mir die Vossische Zeitung verbürgt, und daß er kein Testament gemacht haben sollte, konnte man von einem solchen Mann nicht erwarten.

Der Onkel Krellnagel war keine Mythe, das Testament des Onkels war keine Mythe; ich aber ließ die Konsequenzen dieser beiden großen Wahrheiten mit ganzer Hingebung an dieselben auf mich wirken.

»Das ist doch eine Merkwürdigkeit, wie das da oben zugeht«, sagte meine Madam Billig. »Na, ich sage nichts, aber das muß ich sagen, da erfährt man schon, ohne an der Türe zu horchen, was man zu wissen braucht. Hören Sie nur – fährt so ein anständiger Mensch in die Stiefel? Das Haus sollte einem über dem Kopfe zusammenfallen. Und sie! O du liebstes Leben; ich habe freilich meiner Rosa eine Tachtel gestochen, als ich sie mit dem Auge am Schlüsselloch erwischte, aber eine Schande ist es doch, den Kindern im Haus ein so schlechtes Beispiel zu geben. Das geht drunter und drüber – hören Sie nur, hören Sie! Und wenn ich eine Million erben sollte, auf diese Weise machte ich es der Menschheit doch nicht bekannt. Und die hat Solo singen wollen in der Oper – o du meine Güte! Na, wenn ich der Onkel Krellnagel gewesen wäre! Übrigens weiß doch auch noch niemand, was eigentlich in dem Testament steht, und die Vögel, die zu früh singen, frißt am Tage der Habicht. Hören Sie nur! Sonst liegen sie sich vom Morgen bis zum Abend in den Haaren, und der Skandal reißt nicht ab; jetzt aber tanzen sie einen Galopp zusammen, und daß ihnen der Hauswirt von wegen des Hauses noch nicht vors Quartier gerückt ist, das nimmt mich wunder. Ich wünsche gewiß jedem Menschen das Beste; aber was diese Erbschaftsgeschichte anbelangt, da will ich meine Meinung lieber für mich behalten; – alles was recht ist, aber hier käme der Segen Gottes doch zu unverantwortlich an die Unrechten.«

Der Wortschwall verrauschte, die Wirtin schoß in nervösester Aufregung hinaus; die gehobene Stimmung des großen Tages hielt an. Der Attaché verschob die wichtigsten diplomatischen Geschäfte auf eine andere Zeit und blieb zu Hause; ich versäumte mit Freuden sämtliche Kollegia; das Leben selbst saß heute auf dem Katheder, und Weisheit predigte mehr denn je die Decke meines Zimmers: die Freundinnen und Freunde langten allmählich an, rauschten und polterten die Treppe hinauf und vermehrten von Augenblick zu Augenblick in jeder Weise den Tumult über mir. Jeder Fußtritt hatte seine Bedeutung.

Um zwölf Uhr sollte das Testament des Onkels Krellnagel unter den üblichen Gebräuchen auf dem Stadtgericht geöffnet werden, um zwanzig Minuten nach zehn Uhr öffnete der Lotteriekollekteur Strinatzky meine Türe und sank kraftlos auf den nächsten Stuhl.

»Sie sind meine letzte Rettung gegen meine Gefühle, gegen meine Freunde und gegen meine Frau«, stammelte er. »Geben Sie mir ein Glas Wasser, womöglich mit einigen Tropfen Arrak; – o Ruhe, Ruhe, Ruhe! O diese Schwingungen, diese Schwingungen, diese Seelenschwingungen! Junger Freund, ich versichere Sie, es ist keine Kleinigkeit, so vor die Pforte der Zukunft gestellt zu sein und mit der Uhr in der Hand warten zu müssen, bis man ›Herein!‹ ruft. Ich habe Sie als einen anständigen Menschen kennengelernt, und so rette ich mich in diesem feierlichen Moment an Ihren Busen; – lassen Sie mich hier Atem schöpfen; Thekla liegt oben auf dem Sofa und hat den Kopf in die Kissen gesteckt.«

»Aber weshalb das? weshalb diese Unruhe, dieses unmotivierte Fieber?« fragte ich mit der Gelassenheit eines Menschen, der nicht hundertundfünfzehntausend Taler und ein sechsstöckiges Doppelhaus zu erben hatte. »Weshalb diese Hast und Exaltation? Der Onkel Krellnagel ist Ihnen ja sicher, in anderthalb Stunden sehen Sie von der Höhe eines halben Millionärs auf die Stadt Berlin herab; – lassen Sie uns nun auf ewig Abschied nehmen, denn was kann ich heute nachmittag Ihnen noch sein?«

»Sie werde ich immer kennen!« sprach Strinatzky mit naivster Überzeugtheit von der Vortrefflichkeit seiner Natur. »Aber darum handelt es sich wirklich nicht, und wenn Sie mir sagen könnten, Herr, daß der Alte nicht den Fuchsschwänzer gegen mich und seine Nichte gespielt habe, so wollte ich hier so kühl sitzen wie ein Eiszapfen bei zwanzig Grad Kälte. Wer kann aber noch irgendeinem Menschen trauen? Ein Lotteriekollekteur gewiß nicht und ein Erbe noch viel weniger. Zehn Minuten habe ich noch Zeit; ich will Ihnen während derselben unsere Geschichte erzählen und hoffe auf diese Art leichter über sie, das heißt diese Minuten, hinwegzukommen.«

»Bemühen Sie sich nicht, Bester, Ihre Geschichte kenne ich«, sagte ich lachend. »Sie haben dem Onkel Krellnagel ein Lotterielos verkauft, auf welches ein Gewinn von fünftausend Talern fiel, und daraufhin die Hausgelegenheit in Hinsicht auf Fräulein Thekla Krellnagel, Ihre jetzige Gattin, erkundet und benutzt. Sie waren durch die Gunst und das Glück Ihrer Kollekte ein Familienfreund geworden; aber das genügte Ihnen nicht; Sie wollten mehr und immer, immer mehr sein, und als einem hübschen, welterfahrenen jungen Manne konnte das weder Ihnen und noch viel weniger Ihrem prachtvollen Backenbart schwer fallen. Thekla gab Ihnen ihre Hand, und der Alte gab Ihnen sein Herz –«

»Den Teufel tat er!« schrie der Lotteriekollekteur. »Sie wissen merkwürdig genau Bescheid; aber wenn Sie sich nicht, was diese Nummer anbetrifft, über mich lustig machen wollen, so muß ich Ihnen sagen, Herr, daß Sie doch nicht ganz genau Bescheid wissen. Das Herz würde ich dem Herrn Onkel gern gelassen haben; aber den Schlüssel zum Geldschrank hätte ich sehr gern herausgehabt, und Herz und Schlüssel, und Schlüssel und Herz waren derartig miteinander verwachsen, verlötet und vernietet, daß der grauköpfige Barbar und Unmensch sie lieber beide für sich behielt, und darum – setzte er uns vor die Tür, ohne seiner Nichte etwas jährliches auszusetzen: mich speziell aber verwies er mit Hohnlachen auf die Devise meiner Firma: Gottes Segen bei Felix Strinatzky!«

»Ja«, fragte ich verwundert, »wie können Sie sich unter solchen Umständen noch die geringste Hoffnung auf das Testament des Onkels machen? Ich erlaube mir, ein gewiß begreifliches Erstaunen zu äußern.«

»Mit Recht, mit vollstem Recht«, seufzte der Mann mit der gottvertrauenden Devise, und dann, indem er mir mit einem krampfhaften Ruck näher rückte, flüsterte er: »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nur meine Frau mich in diese Exaltation hinein- und hinaufgeschroben hat. Wissen Sie, ich will es nicht leugnen, daß ich das Kind im Anfange des Onkels wegen genommen habe; aber ich schäme mich gar nicht, zu gestehen, daß ich mich allmählich in es verliebte, und das ist ein Geständnis, das der Mann nur in einem Augenblick, wie der jetzige, freiwillig ablegt. Sehen Sie, wir sind besser als unser Ruf in diesem vermaledeiten Hause; – Thekla erhebt sich in jeder Weise hoch über das Gewöhnliche, und das können ihr die über oder unter ihr vegetierenden Kreaturen niemals verzeihen. Ich verachte Bayern und alle darauf bezüglichen Insinuationen; ich verachte – doch die Zeit drängt, und tausend Shakespeare wachsen mir in der Brust, jedesmal wenn ich auf das Thema meines häuslichen Glückes gerate. O Jüngling, o jugendlicher Gelehrter, wenn jener kindliche Schütz mit dem Pfeil und Bogen auch schon an Ihren Busen gepocht hat, dann können Sie mich begreifen, sonst nicht. Sie ist schön, sie ist tugendhaft, und sie versteht es, mich dann und wann auszulachen. So hat sie meinen borstigen Mannesstolz ganz peu à peu aufgetrennt, gewendet und neu zugeschnitten; – o Freund, Sie hätten mich vor fünf Jahren kennen sollen, ehe jene glückliche unglückliche Nummer in meine Kollekte fiel! Lassen wir das jedoch; es handelt sich nicht um meinen, sondern um Theklas Charakter. Sie hat mit mir allerlei durchgemacht, was jedem andern Frauenzimmer die Haube verschoben hätte; unser Lebensschifflein war nichts weniger als eine Vergnügensjacht, und wir sind dem Stranden einige Male mit genauer Not entgangen. Wir haben uns herumgeschlagen mit Gläubigern und Schuldnern, mit Illusionen, Spekulationen und Tribulationen aller Art, und häufig, wenn ich in aller Desperation die Karten auf den Tisch werfen wollte, ist Thekla wie eine Heldin und Jungfrau von Orleans vorgesprungen, und gottlob ist ihr der Mund der nichtswürdigen Welt gegenüber nicht zugewachsen. Auf ihre Rechnung fällt nun auch unsere allerneueste Illusion in betreff des Onkels Krellnagel. Das arme Ding hat sich in den Kopf gesetzt, der Gute habe ihr unsere eheliche Glückseligkeit verziehen, und es sei richtig mit dem Hause, dem Mobiliar und sonstigen Vermögen. Der Traum hat etwas Angenehmes – was!? Er hat etwas Einschmeichelndes für einen armen Teufel – wie?! Wir haben leise, ganz leise angefangen zu hoffen, aber allmählich sind uns unsere Hoffnungen über den Kopf gewachsen, und die Idee eines eigenen Wagens und eigener Pferde ist im vollen Galopp über uns gekommen. Am Tage vor dem Festessen, welches den Hintritt des Seligen zur Folge hatte, haben wir zum erstenmal wieder seit Jahren bei ihm zu Mittag gegessen, und ich muß sagen, der Alte hatte in der Tat etwas Versöhntes, wenngleich er stellenweise schauderhaft grob und anzüglich war. Thekla nannte es auf dem Heimwege eine ›biedere Grobheit‹ und die Art, wie er uns behandelte, ›patriarchalisch‹, und zu Hause gab sie mir einen Kuß und versicherte mir, daß wir ihn ›hätten‹. So steht denn das Kartenhaus lustig da, in einer Stunde ist die Ziehung; aber ob wir es überleben, wenn wir nicht als Gewinner herauskommen, das ist eine Frage, die ich jetzt noch nicht an das Schicksal stellen werde. Um Gottes willen – elf Uhr – da hält die Droschke – und der Seiger hat vollbracht den Lauf – noch einen Tropfen Spiritus – da ist Thekla – leben Sie wohl, leben Sie glücklich, wenn wir uns nicht wiedersehen sollten – achtungsvoll Ihr ergebenster Strin –«

Er brach ab, schlug sich mit beiden Fäusten vor die Stirn und stürzte hinaus. Thekla rauschte in schwarzer Seide die Treppe herab – ein unbestimmtes Schwirren, Surren und Murren ging durch das ganze Haus, die Droschke rasselte davon, und dann – waren wir unter uns, und sämtliche Bewohner des Gebäudes stürzten aus ihren Türen – jegliches Privatinteresse war untergegangen in der großen Frage des Tages. Das war auch schwül, schwül wie der schwülste Tag des Sommers achtzehnhundertfünfundsechzig.

Ich stand am Fenster, sah in den Nebel und lauschte den aufgeregten Schritten des Bayern unter mir; – keine Ahnung mehr von diplomatischem Leisetreten!

Und wieder schob sich die Haube meiner Madam Billig in die Tür.

»Na, gottlob, sie sind abgefahren – ah, es liegt mir wie Blei in den Beinen – entschuldigen Sie.«

Sie saß auf derselben Stelle, auf welcher Strinatzky gesessen hatte.

»Das ganze Haus ist in Rebellion; wahrhaftig, es wäre nötig, daß man einen Schutzmann auf dem Flur aufstellte. Sind das Menschen! Bei solchen Gelegenheiten merkt man erst, wie sanft es tut, wenn man seinem Nächsten das Gute und das Beste gönnt. Wahrhaftig, mich soll's freuen, wenn sie mit ihrer Million heimkommen, recht sehr soll's mich freuen; aber den Lärm möcht ich doch hören, wenn's nichts damit ist. Ich kann Ihnen sagen, wir warten alle mit Schmerzen darauf, und meine Rosa hat ihnen ihre Türe bekränzen wollen mit einem Strohwisch und einer Handvoll alter Besenreiser; ich habe es aber aus christlicher Barmherzigkeit nicht gelitten, denn die hochnäsige Person hätte mir vielleicht einen Kriminalprozeß an den Hals gehängt. O je, wenn es nichts mit der Erbschaft und dem Onkel Krellnagel gewesen wäre! Ich glaube, wir würden bis Sonnenuntergang noch manches erleben; im Hinterhause sollen sie ein Ständchen mit Männerquartett und ›Ach du lieber Augustin‹ für zwei Klarinetten und eine Geige vorbereitet haben, und gegenüber der Bäcker hat seine Rechnung auf Rosapapier mit Goldschnitt geschrieben und will sie mit einem Gedicht von vier weißgekleideten Lehrjungen präsentieren lassen. Der Viktualienladen wartet auch auf den Glockenschlag, und von der Spannung beim Tailleur Stibbe will ich lieber gar nicht reden. Entschuldigen Sie, man hat an keinem Orte Ruhe, man merkt bei solcher Gelegenheit, daß man seine Nerven hat.«

Ich war wieder allein und zählte die Minuten: ein Viertel – halb zwölf – – –

zwölf Uhr!

Der Glockenschlag fand einen Widerhall in der tiefsten Tiefe meiner Seele – ich hatte jetzt selber ein Glas Wasser mit einigen Tropfen Arrak nötig; dieses Harren war fürchterlich, war entsetzlich, obgleich ich mir alle fünf Minuten sagte, daß mich die ganze Geschichte im Grunde nicht das geringste angehe. Der Diplomat hatte sich ebenfalls in eine Droschke geworfen und war im Nebel verschwunden, nachdem er noch einen unglückseligen bojoarischen reisenden Handwerksburschen, der in Paß- oder Wanderbuchangelegenheiten seine Vermittlung suchen wollte, auf der Treppe über den Haufen gerannt hatte.

Ein Uhr!

Das Fieber des Hauses war aufs höchste gestiegen. Von nun an konnten sie in jedem Augenblick zurückkommen, und jeder heranrollende Wagen versetzte uns in fast krampfhafte Zuckungen, unsere Stimmungen durchliefen alle Grade vom Gefrier- bis zum Siedepunkt, und die Familie Billig hatte Grund, die Gattin und Mutter mit Besorgnis im Auge zu behalten. Als dann der so atemlos erwartete Schlag um halb drei Uhr erschütternd niederfiel und der diplomatische Bayer die halb ohnmächtige Thekla aus dem Wagen hob und sie die Treppe hinaufführte, als Strinatzky, der Gemahl, nicht mit der Gattin vom Stadtgericht heimkam, da hätte ein anderer aus dem Fenster und der Stubentür gucken müssen als ein armseliger, verblüffter Studiosus der Philosophie au naturel. Ein Meister vom Stuhl hätte am Tisch sitzen sollen, um die Madam Billig als schätzbares Material zur Kenntnis des menschlichen Herzens für die Zukunft aufzubewahren. Das, was Theklas Heimkehr folgte, drängte für mich alles andere in den Hintergrund, und alles Hohngelächter des Hauses und der Hölle wurde zu einem fernen, milden, unbedeutenden Säuseln: um vier Uhr schickte Thekla eine zerlumpte Iris, die mir ein Kompliment ihrer Herrin brachte und den Wunsch derselben, ich möge die Treppe zu ihr emporsteigen.

Das leise Schluchzen über meinem Haupte hatte mich schon zu einer gelinden Raserei gebracht; – jetzt stürzte ich die Stufen hinauf und erschien mit einem wilden Sprunge vor der schönen Unglücklichen, und nimmer eilte ein Paladin mit besserem Willen zum Trost einer Dame herbei.

Von dem Sofa aus wimmerte mir mein Ideal entgegen:

»Sie sind nicht Theologe? Sie sind hoffentlich nicht Theologe?!«

»Nein, nei – in!« stammelte ich mit nicht ungerechtfertigtem Erstaunen.

»Das freut mich in all meinem Jammer. Aller Trost der Kirche wäre weggeworfen an mich. Ich lasse mich niemals, niemals mehr auf ein anderes Dasein vertrösten; der Gedanke, dem Onkel Krellnagel dort oben wieder zu begegnen, ist zu fürchterlich. Hat man Ihnen schon gesagt, haben Sie schon gehört, wie der Gräßliche an uns gehandelt hat?«

»Unverantwortlich jedenfalls; aber Sie werden es zart finden, daß ich mir vor allen Einzelheiten die Ohren verstopft habe.«

»Hören Sie – Sie sind ein Mensch, ein Jüngling und können nicht zu unserem Elend lachen wie die andern. Mir ist ein großer silberner Suppenlöffel und die Bemerkung vermacht, mit diesem Löffel im Munde sei ich geboren worden, und es sei nicht seine – des Onkels Krellnagel – Schuld, wenn ich ihn gegen einen hölzernen vertauscht habe. Felix hat einen neusilbernen Eßlöffel mit dem Namenszug des Onkels und der Versicherung bekommen, er – der Onkel – lasse sich nicht über einen solchen balbieren! – Sie lachten alle, als ich in Ohnmacht fiel, und sie lachten noch, als ich wieder ins Bewußtsein kam.«

Nimmer bei der Erzählung einer unglückgeschlagenen Dame hatten sich widerstreitendere Gefühle in dem Busen eines Paladins gedrängt! Was soll und kann der Ritter tun und sagen, wenn der Drache oder Riese, der dem Fräulein Gewalt antun will oder angetan hat, ein so unendlich heiterer und munterer Drache oder Riese ist? Aber:

Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt;

ich verbarg meine wachsende Verlegenheit unter einer ängstlichen Frage nach dem Schicksal des Gatten, und Thekla stöhnte:

»Der Schlag, welcher mich traf, hat auch ihn zu Boden geschmettert. Er wußte nicht mehr, was er tat; er legte mich in die Arme des Herrn von Bräuhuber und ist verschwunden. Am Unterbaum wird man ihn schon wiederfinden; ich aber habe ihn nicht zurückgehalten, denn es ist meine feste Absicht, ihm auf seinem feuchten Wege nachzufolgen.«

»Thekla!« rief ich; »Madam Strinatzky?!«

»Jawohl, es wird so kommen; – ich sehe keinen andern Weg der Rettung aus dieser bodenlosen Verlorenheit.«

»Ich halte es für unsere Pflicht, ihn zu suchen – nämlich den Herrn Gemahl«, sprach ich mit einem über meine Jahre hinausgreifenden Verständnis der Lage. »Was wollen Sie den sich nahenden Kondolenzbesuchen gegenüber beginnen? Horchen Sie – hören Sie die böse Welt auf der Treppe. Verschleiern Sie Ihre Tränen; die Luft der Gassen wird Ihnen guttun. Nehmen Sie meinen Arm, wenn Sie nicht den des Herrn von Bräuhuber vorziehen –«

»Was ist mir der Herr von Bräuhuber? O Felix, mein armer, armer Felix! Herr Doktor, ich – ich allein habe ihn in alle diese falschen Hoffnungen hineingelockt; ich habe ihm diese tödliche Enttäuschung bereitet. Er liebte mich auch ohne Atlasrobe –«

»Deshalb lassen Sie uns seinen Schritten folgen; lassen Sie uns ihm sagen, daß er nichts verloren habe, da er sein Weib, die Seele seiner Seele, behält.«

Thekla ließ die Hände von den im feuchten Glanz der Wehmut schimmernden Augen sinken, sah mich groß an und sagte:

»Sie sprechen vortrefflich, junger Mann. Wissen Sie, daß Sie mich lebhaft an Herrn Emil Devrient in seiner Szene ›Königin, das Leben ist doch schön!‹ erinnern? Ja, Sie haben recht, und ich verachte diese Wände mit allen ihren Ohren und sämtliche freche Mäuler hinter der Tür. Kommen Sie: Luft, Freiheit, Licht! Lassen Sie uns meinen Mann aufsuchen; wahrscheinlich treffen wir ihn auf seinem Büro. Holen Sie mir meinen Mantel, dort liegt er; hingeschleudert von der Verzweiflung, wird er von der wahren Freundschaft aufgehoben. Sehe ich recht verweint aus? Es wäre kein Wunder; aber die Welt soll doch nicht ihre Lust daran haben. Kommen Sie, ich bin fertig; der Herr Onkel hat mir zwar einen großen Löffel voll Verdruß verschrieben; aber ich fange wieder an, groß zu denken, wenn ich auch nicht auf einem großen Fuße leben kann. Kommen Sie schnell, ja Sie haben dreimal recht, in einer solchen Stunde gehöre ich in die Arme meines Felix.«

Wir schritten, unbekümmert um alle Blicke, alles Gezischel vor und hinter uns, mit erhobenen Häuptern die Treppen hinunter und aus dem Hause. Es war Abend geworden, und Thekla sagte:

»O wie wohl tut mir diese Dunkelheit. Das war ein böser Tag, und hier stehe ich neben meinem zerbrochenen Milchtopf, wenn auch nicht so naiv wie jenes Landmädchen in meinem Schulbuch, – o Himmel, Himmel!«

Sie war unter einer Gaslaterne stehengeblieben, und naiv sah sie wirklich nicht aus; das war aber auch nicht von ihr zu verlangen. Als in diesem Augenblick ein elegantes Coupé mit silbernen Laternen, einer schönen, geputzten Dame und einem riesenbärtigen Kutscher vorüberfuhr, stampfte sie den Boden in einer Weise, welche dem Onkel Krellnagel noch bis ins kühle Grab nachzittern mußte; – im vollen Laufe trieben uns unsere Empfindungen weiter, und im vollen Laufe erreichten wir die Gasse, in welcher sich das Geschäftsbüro des Lotteriekollekteurs befand. An der Ecke hielten wir abermals an, um uns zu sammeln, und ich bin der festen Überzeugung, daß Thekla jetzt, während sie auf meinen Arm gelehnt Atem schöpfte, nicht an den verruchten Seligen, sondern einzig und allein an den unseligen Gatten dachte. Fast auf den Zehen schlichen wir dicht an den Häusern hin bis zu dem Fenster des Kontors.

Ein Lichtschimmer fiel durch die Spalte des Ladens in die Gasse hinaus, und Thekla faßte meinen Arm fester und flüsterte: »O Gott, er lebt, er lebt!«, worauf sie diesmal ganz unnötigerweise in Tränen ausbrach, denn so leicht ließ sich Herr Felix Strinatzky doch nicht mit den Nixen der Spree und den Wächtern des Stromes am Unterbaum in Verbindung bringen.

»Tun Sie mir den Gefallen und sehen Sie zuerst hinein«, hauchte sie; »ich vermag es nicht; o Himmel, sein Testament und eine geladene Pistole liegen vor ihm; klopfen Sie an, lassen Sie mich nicht allzu vorzeitig zur Witwe werden!«

Ich hatte mein Auge der klaffenden Spalte im Laden vorsichtig genähert und flüsterte leise zurück:

»Still, still – Ruhe, ich sehe ihn! Er sitzt am Tische – er hat sein Haupt auf beide Hände gestützt – ein Gefäß steht vor ihm –«

»Gift! Gift!?« schrie Thekla.

»Punsch!« flüsterte ich wieder, und das treue Weib des Unglücklichen beugte sich über meine Schulter, guckte ebenfalls durch die Ritze und sagte nichts als:

»O, meine Ahnung!«

Einen Augenblick darauf bildeten wir die bekannte »Gruppe« um die Bowle, und eine Woche später verließ das Ehepaar das Haus, in welchem wir zusammen gewohnt hatten und so glücklich gewesen waren; mich aber brachte mein Schicksal nicht wieder mit ihm in Verbindung, und nur ein Stuttgarter Julinachmittag des Jahres achtzehnhundertfünfundsechzig war imstande, diese Erinnerung an Theklas Erbschaft und das flüssige Feuer, zu welchem der silberne und der neusilberne Löffel des biedern Onkels Krellnagel für uns geworden waren, zu einer Erfrischung für mich zu machen.








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