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Arnold Bennett: Theater - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorArnold Bennett
titleTheater
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
editorThomas Mann
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131001
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Achtes Kapitel. Elsie

I

Das Hauptquartier der Azur-Gesellschaft befand sich in Marloes Road – rein zufällig! Wenn auch einzelne berühmte Leute in Marloes Road wohnen, gibt es doch kaum eine weniger elegante Straße, als diese lange und langweilige Häuserzeile, die noch dazu so weit vom Mittelpunkt der Welt entfernt liegt.

»Zur Azur-Gesellschaft, Sie wissen doch!« fügte Edward Henry hinzu, nachdem er dem Chauffeur die genaue Adresse angegeben hatte.

Der Chauffeur wußte es indessen nicht und schien sich seiner Unwissenheit keineswegs zu schämen. Seine Haltung verriet, daß er die Straße geringschätzte und durchaus nicht begeistert war, mit seinem Fahrzeug dort gesehen zu werden, noch dazu an einem regnerischen Abend, sich aber trotzdem bemühen würde, die Adresse zu finden. Als er sie gefunden hatte und die große Zahl glänzender Automobile sah, die sich im Regen bis vor das erleuchtete Tor durcharbeiteten, gestand sich der Chauffeur, daß er sich dies eine Mal geirrt hatte, und er nahm sein Fahrgeld achtungsvoll entgegen.

Das Hauptquartier der Azur-Gesellschaft war einst eine Mädchenschule gewesen. Die Gründlichkeit, mit der das Haus umgebaut worden war, bewies, daß es der Gesellschaft nicht an Mitteln fehlte. Die ehrerbietigen Lohndiener an den Türen und die hübschen Mädchen in weißen, plissierten Schürzen, die die Programme im Foyer verteilten, bewiesen, daß die Gesellschaft sich zwar sehr für das Fortleben des Individuums nach dem Tode interessierte, aber im Leben keineswegs an demokratische Reformen dachte. Mit so irdischen und vorübergehenden Dingen gab sie sich nicht ab, sie widmete sich den höheren Fragen der Unsterblichkeit, der Unendlichkeit, des Geschlechtslebens und der Kunst, Fragen, die in eleganten Räumen von elegant gekleideten Leuten mit leiser und vornehmer Höflichkeit erörtert wurden.

Edward Henry hatte sich verspätet, gleich zweihundert anderen Personen, die zumeist elegante Damen waren und Pariser Teekleider trugen, oder doch Kleider, die beinah aus Paris waren. Als er sich in dem Menschenstrom durch die Gänge des Hauses nach dem winzigen Theater schieben ließ, war er stolz darauf, hier eingeladen zu sein, und verachtete doch gleichzeitig als ein Sohn der Fünf Städte das Getue und das gezierte Ästhetentum der Leute um ihn her. Als er auf seinem Ecksitz im Zuschauerraum saß, fühlte er noch größere Befriedigung, als verschiedene Leute ihn grüßten und ihm zulächelten, denn das Theater war so winzig und das Publikum so gewählt, daß es eine große Ehre war, unter den Eingeladenen zu sein. Zu dem ersten Abend, an dem die dramatische Soiree der Azur-Gesellschaft hatte stattfinden sollen, hatte er keine Einladung erhalten. Erst als sie infolge der Erkrankung Elsie Aprils verschoben werden mußte, hatte ihn ein von Marrier eigenhändig adressierter Umschlag, in dem die geheiligte Karte lag, in Bursley erreicht. Er hatte sie zwei Tage lang nicht beachtet, bis er in einer Ecke die Buchstaben »E. A.« bemerkte und sich wunderte, wie es ihm nicht gleich einfallen konnte, daß sie Elsie April bedeuteten oder doch bedeuten konnten!

Nachdenken macht weise. Er war bald vollkommen überzeugt, daß E. A. Elsie April bedeutete, und da es ihm töricht und feige schien, die persönliche Bitte einer bezaubernden jungen Dame – denn das war die Einladung schließlich – abzulehnen, im letzten Augenblick nach London gefahren; nicht sehr ausgeschlafen, da er am Abend vorher an einer Schmauserei in den Fünf Städten hatte teilnehmen müssen, aber er war gekommen! Marrier hatte er noch nicht gesehen. Marrier war durch die dramatische Soiree der Azur-Gesellschaft sehr in Anspruch genommen, und Edward Henry nahm es ihm übel. Wofür zahlte er ihm die drei Pfund wöchentlich?

Und nun saß er hier, selbst eine Berühmtheit, die »Nummer«, die einen Sir John Pilgrim in die Lüfte gehoben hatte, und vermutlich der einzige Theaterbesitzer in der dichtgedrängten schweigenden Zuhörerschaft. Und er wartete sehnsüchtig darauf, Elsie April im Rampenlicht zu sehen. Er hatte sie seit der Nacht im Theater, vor mehr als einer Woche, nicht wiedergesehen, auch nicht versucht, sie wiederzusehen. Damals hatte er auf die leisen Töne ihrer schwach flüsternden, bezaubernden Stimme gelauscht und sein Bedauern ausgesprochen, daß Rose Euclid sich in so schlimmer Lage befand. Mehr hatte er nicht getan. Was hätte er sonst tun sollen? Er konnte doch nicht Geld anbieten, um Rose Euclid zu helfen, die die Kusine eines so reichen und so hilfsbereiten Mädchens wie Elsie April war. Das wäre beleidigend für Elsie gewesen. Und dennoch fühlte er sich schuldig. Die leisen Töne von Elsies schwach flüsternder, bezaubernder Stimme auf dem Gerüst klangen ihm im Ohr, während er hier saß und wartete, bis der Vorhang sich hob.

Diskretes Beifallklatschen erscholl, und alle Köpfe wendeten sich nach der rechten Seite. Edward Henry blickte in der gleichen Richtung. Aus einer der zwei Logen im ersten Rang verbeugte sich Rose Euclid. Sie war sogleich erkannt und begrüßt worden und nahm den Beifall als selbstverständlich entgegen. Wie berühmt mußte sie trotz allem sein, wenn dieses Publikum ihr derart huldigte! Sie war bleich, in glänzende weiße Seide gekleidet und schien jünger, anmutiger und viel hübscher zu sein. Wer hätte geahnt, daß sie kaum zehn Tage vorher mit gebrochenem Herzen und völlig ruiniert auf der »Minnetonka« in Tilbury angekommen war?

»Sie ist doch nicht so verstaubt!« sagte Edward Henry in der unverständlichen Geheimsprache der Fünf Städte zu sich selbst. Es war ein großes Kompliment für Rose Euclid, die fünfzig Jahre alt war und kaum über dreißig zu zählen schien.

Er fühlte sich schuldig. Er mußte die Augen senken, um nicht den ihren zu begegnen. Schuldbewußt betrachtete er das Programm und las: »Der neue Don Juan, ein Schauspiel in drei Akten und in Versen«; der Autor war ungenannt. In diesem Augenblick ging der Vorhang in die Höhe.

II

Damit begann Edward Henrys Qual und Verwirrung. Die Dekoration war eine Leinwand, auf der rechts ein mächtiger, sich windender, purpurfarbener Tintenfisch gemalt war, dessen dünnere Saugarme sich über dem Bogen des Proszeniums verloren, und links ein ungeheurer, viereckiger, karminroter Fleck mit einem Loch darin. Er befragte das Programm und las: »Erster Akt. Ein Schloß in einem Walde«, und darunter: »Dekorationen und Kostüme, entworfen von Saracen Givington, Mitglied der Akademie der bildenden Künste.« Der Tintenfisch war offenbar der Wald oder vielleicht ein Baum im Wald, und der viereckige Fleck war ein karminrotes Schloß. Die Bühne blieb leer, und Edward Henry hatte Zeit zu bemerken, daß die Rampenlichter nicht brannten und das Licht nur von der Decke und aus den Kulissen kam.

Er sah sich um. Niemand schien überrascht. Völlig verwirrt befragte er abermals das Programm und entzifferte in der Finsternis: »Beleuchtung von Cosmo Clark.«

Zwei gelb gekleidete Gestalten, deren Geschlecht nicht bestimmbar war, wurden sichtbar, und bei ihren ersten Worten hörte Edward Henrys Herz auf zu schlagen. Ein Schrecken ergriff ihn. Nach wenigen Worten wurde seine Angst zur Gewißheit; das Unheil war da. »Der neue Don Juan« war einfach ein Pseudonym für »Die Perle des Orients« von Carlo Trent! Er hatte es ja im voraus gewußt. Seitdem er die Einladung anzunehmen beschlossen hatte, lebte er in dieser Angst. »Die Perle des Orients« schien ihn zu verfolgen wie ein düsteres Schicksal.

Ermattet forschte er abermals im Programm. Eine der Personen hieß »Haïdi«, und sie wurde von Elsie April gespielt. Er erwartete ihr Auftreten; sonst interessierte ihn nichts an diesem Abend, und er wartete lange. Ein junger weiblicher Troubadour, im Programm »Die Botin« genannt, trat aus den Tiefen des Waldes und rief dem Helden und seinem Freund zu: »Das Weib erscheint!« Aber es war nicht Elsie, die erschien. Sechsmal trat die Botin aus dem Walde und rief: »Das Weib erscheint!«, und jedesmal wurde Edward Henry enttäuscht. Aber bei der siebenten Ankündigung, als die siebente und höchste Heldin dieses Dramas in Hexametern, erschien Elsie.

Und Edward Henry war glücklich. Er verstand von dem Stück heute ebensowenig wie bei dem historischen Frühstück bei Sir John Pilgrim; er fühlte sich in seiner Ansicht bestätigt, daß das Stück so sinnlos war, wie ein Stück in Versen notwendigerweise sein mußte; seine männliche Verachtung für Verse und Poesie war fester gegründet als je, aber Elsie April sah reizend aus zwischen Schloß und Wald; und wenn sie sprach, überlief es ihn. Und wenn sie ewig auf der Bühne geblieben wäre, so würde er ewig nach ihr gesehen haben, ohne müde zu werden und ohne mehr zu verlangen. Leider blieb sie nicht ewig auf der Bühne. Verzweifelt sah er sie abtreten, und der Aktschluß schmeckte wie Asche in seinem Munde.

Der Beifall war ungeheuer. Nicht so ungeheuer, wie nach dem Tellerzerschmettern im Empire zu Hanbridge, aber doch mehr als genug, um Edward Henry zu verblüffen. Seine kalte Gleichgültigkeit mußte in der allgemeinen Begeisterung so auffallen, daß er wider Willen mitklatschen und lächeln mußte, und es durchfuhr ihn der schreckliche Gedanke – wie der erste Schauer vor einem fernen Erdbeben, das alles einzustürzen droht –: »Sind die Ansichten, die man in den Fünf Städten hat, falsch? Bin ich am Ende doch ein Provinzler?«

Denn wenn er auch oftmals sich gesagt hatte, daß er ein Provinzler war, hatte er das doch nie aufrichtig gemeint; es war mehr ein Scherz gewesen, den er mit sich selbst machte.

III

»Haben Sie schon je solche Dekorationen und Kostüme gesehen?« fragte ihn jemand plötzlich, als der Applaus sich zu legen begann. Es war Herr Alloyd, der aus einer der rückwärtigen Sitzreihen durch den Gang herangekommen war.

»Nein, niemals«, gab Edward Henry zu.

»Einfach wunderbar, wie Givington es verstanden hat, sich von dem kindischen Realismus des modernen Theaters frei zu machen, ohne lächerlich zu werden!«

»Meinen Sie?« sagte Edward Henry mit der Miene eines Kenners. »Die Frage ist, ob es ihm wirklich gelungen ist?«

»Wollen Sie damit sagen, daß es für Sie noch zu realistisch ist?« rief Herr Alloyd. »Sind Sie aber fortgeschritten! Ich wußte gar nicht, daß Sie solch ein Antinaturalist sind!«

»Ich auch nicht«, sagte Edward Henry. »Was halten Sie vom Stück?«

»Nun,« erwiderte Herr Alloyd leise und vorsichtig mit einem beinah verschämten Grinsen, »unter uns, ich halte das Stück für Kohl.«

»Aber, aber!« murmelte Edward Henry, als müßte er protestieren. Das Wort »Kohl« war das erste, was er von dem Gespräch verstanden hatte, und der ehrliche und vertraute Ausdruck tat ihm wohl. Aber er bewahrte seine Geistesgegenwart und hatte nicht offen zugestimmt. Er fragte sich, was in aller Welt »Antinaturalist« bedeuten mochte. Er hörte allenthalben ähnliche Gespräche, die sehr deutlich vernehmbar waren, denn die Zuhörerschaft war eine intellektuelle und wollte reden, und so hatte die Direktion weise kein Orchester bestellt, das Lärm und Kosten verursacht hätte. Der Zwischenakt war gleichsam ein Zusammenstoß aller Kulturen.

»Sie müssen uns in Ihrem Theater solche Dekorationen und Kostüme sehen lassen«, sagte Alloyd, ehe er ihn verließ. Die Bemerkung traf ihn wie ein Nadelstich; der Schmerz war sogleich vorüber, aber er hinterließ eine unbestimmte Furcht, als drohte die Verletzung tödlich zu werden. Er wurde rot und verdrossen, ohne zu wissen warum. Dann sah er halb schüchtern, halb herausfordernd um sich. Eine großartig gekleidete Frau, die etwas weiter rechts in der Reihe vor ihm saß, legte sich zurück und sagte hinter ihrem Fächer: »Sie sind der einzige Theaterleiter hier, Herr Machin. Sie sind einer der Lebendigen!« Ihre Stimme schien schwer von verhaltenem Sinn.

»Glauben Sie?« sagte Edward Henry. Er hatte keine Ahnung, wer sie war, vermutlich hatte er sie bei seiner Ecksteinlegung kennengelernt, aber ihr Gesicht vergessen. Er war bereits eine jener Größen, die von viel mehr Leuten gekannt werden, als sie kennen.

»Ein herrliches Stück!« sagte die Frau. »Es ist nicht nur poetisch, sondern auch intellektuell! Und eine ungemein scharfe Kritik der modernen Zustände!«

Er nickte. »Was halten Sie von den Dekorationen?« fragte er.

»Nun, aufrichtig gesprochen,« sagte die Frau, »mir scheinen sie albern. Ich bin vielleicht altmodisch ...«

»Vielleicht«, murmelte Edward Henry.

»Man hat mir schon gesagt, daß Sie ein Spötter sind«, sagte sie verwirrt.

»Man?« Wer? Wer in London hatte ihn als Spötter bezeichnet? Er war stolz darauf.

»Ich hoffe, wenn Sie ein derartiges Stück geben – und Sie sind unser aller Hoffnung, Herr Machin,« sagte die Dame, »so hoffe ich doch, Sie werden uns nicht solche Kostüme und Dekorationen vorsetzen. Das geht einfach nicht!«

Wieder der feine Nadelstich. »Nein, es geht nicht«, sagte er.

»Ich bin entzückt, daß Sie so denken«, sagte sie.

Ein orangefarbenes Telegramm ging in der Sitzreihe von Hand zu Hand, übersprang ein paar Personen und erreichte die wundervoll gekleidete Dame. Sie las es und reichte es Edward Henry.

»Herrlich!« rief sie. »Herrlich!«

Edward Henry las: »Wieder frei. Isabel.« – »Was bedeutet das?« fragte er.

»Von Isabel Joy, aus Marseille.«

»Wirklich?!«

Edward Henrys Ahnungslosigkeit und Unkenntnis von den Vorgängen im Mittelpunkt des Weltalls war manchmal betrübend, besonders für ihn. Und bitter tadelte er Marrier im Geist, der es versäumt hatte, ihn über Isabel Joy aufzuklären. Wie konnte Marrier ehrlicherweise seine drei Pfund wöchentlich annehmen, wenn er Tag und Nacht damit beschäftigt war, derartige Ästheten-Soireen zu veranstalten? Edward Henry beschloß, ihm bei der ersten Gelegenheit seine Meinung zu sagen.

»Wissen Sie denn nicht?« fragte die Dame.

»Woher denn?« entgegnete er. »Ich bin doch nur aus der Provinz.«

»Das müssen Sie doch wissen,« fuhr die Dame fort, »daß wir sie rund um die Welt geschickt haben. Sie fuhr auf der ›Kandahar‹, auf der Sir John Pilgrim sich einschiffen sollte. Sie ersetzte ihn beinahe in Tilbury. Es waren immerhin fünfundzwanzig Reporter da!«

Edward Henry schlug sich heftig auf den Schenkel, was in den Fünf Städten bedeutet: Nächstens werde ich noch meinen eigenen Namen vergessen.

Natürlich. Isabel Joy war die Propagandistin der Suffragetten, die sie ausgeschickt hatten, um in den hauptsächlichsten Hafenstädten der Welt Reden zu halten. Sie hatte versprochen, rund um die Erde zu reisen und innerhalb von hundert Tagen wieder in London zu sein, in mindestens fünf Sprachen zu sprechen und wenigstens dreimal unterwegs verhaftet zu werden ... Natürlich! Ihre Reise hatte einen guten Teil der Zeitungen am Tag vor der Ecksteinlegung gefüllt, aber Edward Henry war damals zu sehr mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen, um ihre Laufbahn zu verfolgen. Seine augenblickliche Vergeßlichkeit war schließlich entschuldbar.

»Es war ein großartiger Anfang!« sagte die Dame, indem sie das Telegramm wieder an sich nahm und es nach einer anderen Reihe hinüberreichte. »Und ehe drei Monate um sind, wird die ganze Welt von ihr sprechen. Sie werden sehen!«

»Sind alle hier Suffragetten?« fragte Edward Henry, da seine Augen sahen, welche Befriedigung das wandernde Telegramm verbreitete.

»So ziemlich«, sagte die Dame. »Diese Dinge gehen immer Hand in Hand«, fügte sie bedeutungsvoll hinzu.

»Was für Dinge?« fragte der Mann aus der Provinz. Aber in diesem Augenblick ging der Vorhang hoch und der zweite Akt begann.

IV

»Wollen Sie nicht in Miß Aprils Garderobe hinaufkommen?« sagte Herr Marrier, der noch während des donnernden Beifalls nach dem zweiten Akt plötzlich über ihn gebeugt stand, wie ein Geist, der aus dem Nichts erschienen war.

Edward Henry war sanft entschlummert, wie ein unschuldiges Kind. Das tiefe Dunkel im Saal, seine Müdigkeit und zum Teil auch die eigentümliche Wirkung der Poesie auf seine Nerven, hatten ihn in diesen friedlichen Schlaf versenkt. Er hatte sich ohne Mühe während des ersten Teils des Akts wach gehalten, in dem Elsie April, die Perle des Orients, eine lange rührende und tränenreiche Szene, wie es Edward Henry schien, großartig gespielt hatte, trotz der Lächerlichkeit der Rolle; aber als die liebliche Haïdi verschwunden war und die verhängnisvolle Botin wieder ihre Ankündigungen begonnen hatte, »Das Weib erscheint!«, da war Edward Henrys Seele seinem Körper und der Versuchung des nächtlichen Dunkels erlegen. Die aufgedrehten Lichter und die lauten Lobpreisungen hatten ihm sein Vergehen bewußt gemacht, aber er war noch nicht ganz klar bei Sinnen, als Marrier ihn aufschreckte.

»Ja, ja! Natürlich! Ich komme schon«, antwortete er etwas ärgerlich. Aber nichts konnte dem strahlenden Optimismus in Herrn Marriers Zügen etwas anhaben. Nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, hätte Marrier nicht nur den Abend organisiert und geleitet, sondern auch das Stück geschrieben, jede Rolle selbst gespielt, die Azur-Gesellschaft gegründet und das kleine Theater erbaut haben können. Er schien der Held der Stunde.

Elsie Aprils Garderobe war klein und schon sehr voll, und der Eingang war durch Leute versperrt, die halb drinnen und halb draußen standen. Aber Herr Marrier bahnte sich einen Weg. Der erste, den Edward Henry in dem engen, vollen Raum erkannte, war Herr Rollo Wrissell, den er seit ihrem Zusammentreffen bei Slossons nicht wiedergesehen hatte.

»Herr Wrissell,« sagte Marrier strahlend, »gestatten Sie mir, Ihnen Herrn Stadtrat Machin vom Regenten-Theater vorzustellen.«

Ungeschickter Esel! dachte Edward Henry und stand wie erstarrt.

Aber Herr Wrissell streckte ihm die Hand mit der vollkommensten Liebenswürdigkeit entgegen. »Wie geht es Ihnen, Herr Machin?« sagte er. »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, daß ich Ihren Rat nicht befolgt habe.«

Für Edward Henry war es eine Lehre. Er begriff, daß man sich nie verletzt zeigen, womöglich nie verletzt fühlen soll. Er gab zu, daß in diesen Einzelheiten des gesellschaftlichen Lebens London den Fünf Städten über sein mochte, wenn man auch in den Fünf Städten bedeutend aufrichtiger war.

Auch Lady Woldo war in der Garderobe, in herrlichem Schwarz. Ihre Schönheit war geradezu verwirrend, um so mehr, als sie sich eben über die verblühte Rose Euclid beugte, die, von einem Hof umgeben, in einer Ecke saß. Dieser Hof, der aus verhältnismäßig unberühmten jungen Damen und Herren bestand, lauschte achtungsvoll auf das Gespräch zwischen der großen Dame, die die berühmte Schauspielerin »Meine Liebe« nannte, und dem schon ziemlich bekannten Herrn aus den Fünf Städten, Stadtrat Machin.

»Miß April ist großartig, nicht wahr?« sagte Edward Henry zu Lady Woldo.

»O ja, gewiß!« erwiderte Lady Woldo freundlich und warm, aber doch eher kurz. Edward Henry begriff nicht, daß nicht jedermann von Elsies entzückender Darstellung begeistert war. Und Lady Woldo fügte hinzu: »Aber was wäre das für eine Rolle für Miß Euclid! Was für eine Rolle!«

Und alle murmelten Beifall.

Rose Euclid saß blaß und müde da und sah Edward Henry an. Sie sah hier viel weniger gut aus als in der Loge. Aber ihr angstvoller Blick berührte ihn wieder mit jenem feinen Nadelstich, jenem Vorgefühl von Gram und Pessimismus, als drohte ein unsichtbarer und geheimnisvoller Rächer ihn früher oder später einzuholen.

»Ja, gewiß!« sagte er, und er dachte: Jetzt müßte ich mich wieder wie Edward Henry Machin benehmen und diesen Leuten eine Lehre geben! Aber er vermochte es nicht.

Ein hübsches junges Mädchen nahm all ihren Mut zusammen und sprach den mächtigen Besitzer des Regenten-Theaters an, ohne ihm vorgestellt zu sein, und sagte mit einem reizenden Ernst und einem nervösen Lispeln: »Halten Sie es nicht für ein großartiges Stück, Herr Machin?«

»Natürlich!« erwiderte er, während er innerlich die furchtbarsten Flüche dachte.

»Wir wußten es im voraus, daß Sie so denken!« und die jungen Leute sahen einander mit der Befriedigung von Propheten an, deren Voraussagen eingetroffen sind.

»Wissen Sie, daß kein anderer Bühnenleiter anwesend war!« sagte eine zweite ernste junge Dame.

Edward Henry fühlte sich befangen. Er hätte viel Geld dafür gegeben, allein auf einer Insel im Indischen Ozean zu sein. Mit seinem geistigen Auge sah er zur Erde und bemerkte, daß all diese klugen und eifrigen Leute, Männer und Frauen, blaue Strümpfe oder Socken trugen.

»Miß April ist jetzt frei«, sagte ihm Marrier ins Ohr.

Im nächsten Augenblick sprach er in einer anderen Ecke allein mit Elsie, während die übrigen Leute im Zimmer achtungsvoll herübersahen.

»Sie waren also doch so gütig, zu kommen!« sagte Elsie April. »Sie haben meine Karte erhalten.«

Ein wenig Schminke schadete ihr nicht, und die Betonung ihrer Augenbrauen und Lippen, die gewollte Unordnung in ihrem Haar tat ihrer strahlenden Erscheinung keinen Abbruch. In ihrem Kostüm von Grün und Silber sah sie großartig, ja überwältigend aus. Ihre modulationsfähige Stimme und ihr Blick, der zugleich aufrichtig, schüchtern und doch kühn war, weckten seltsame Gefühle hinter Edward Henrys plissiertem weichen Frackhemd. Ihm war, als hätte er nie ein so verwirrendes und doch so angenehmes Erlebnis gehabt als jetzt, da er vor ihr stand. Ich müßte ihr jetzt etwas Liebenswürdiges sagen, dachte er, aber offenbar, weil er in den Fünf Städten auf die Welt gekommen war, fiel ihm nichts Liebenswürdiges ein.

»Nun, was halten Sie davon?« fragte sie, ihn voll ansehend, und der Blick schien eine seltsame Bedeutung zu haben; er schien zu fragen: Sind Sie ein Mann, oder sind Sie keiner?

»Sie waren großartig!« rief er.

»Bitte, nein!« wehrte sie ab. »Beginnen Sie nicht auch damit. Ich weiß, ich bin ganz gut für eine Dilettantin ...«

»Nein, wirklich! Ich sage es ganz im Ernst.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie scheint Ihnen die Rolle für Rose? Würde sie nicht einfach gewaltig darin sein? Einfach gewaltig? ... Wäre es nicht ein Glück!«

Er hatte ein peinliches Gefühl, aber selbst dieses peinliche Gefühl war wonnig. »Ja,« gab er zu, »ja.«

»Oh, da ist Carlo Trent«, sagte sie.

Er hörte Trents triumphierende Stimme, der beim Eintreten weiter sprach: »Wenn er nicht abgereist wäre,« sagte Carlo Trent, »hätte Pilgrim es aufgeführt. Pilgrim ...« Die Augen des Dichters begegneten denen Edward Henrys, und er sprach den Satz nicht zu Ende. »Wie geht es Ihnen, Machin?« murmelte er.

Eine Glocke begann zu klingeln und klingelte ohne aufzuhören weiter. Das Zimmer leerte sich. »Sie bleiben doch zum Empfang nachher?« sagte Elsie April.

»Ist ein Empfang?«

»Natürlich.«

Es war, als ob sie einander geheime Mitteilungen machten.

V

Einige Zeit, nachdem der letzte Hexameter verklungen und der Vorhang zum letztenmal über dem ungeheuren und hinreißenden Erfolg von Carlo Trents Schauspiel in drei Akten und in Versen gefallen war, schritt Edward Henry über die mit Menschen gefüllte Bühne, auf der der Empfang stattfand, und traf Elsie April, die noch ihr prächtiges grün und silbernes Gewand trug. Sie plauderte mit Marrier, der sie sogleich verließ, taktvoll, wie ein Brotherr es von einem Faktotum erwarten durfte, dem er drei Pfund in der Woche zahlte.

Edward Henrys Herz begann in einer Weise zu schlagen, die ihn verwirrt machte. »Nicht viel Platz hier!« sagte er leichthin. Er wollte auf der Höhe der Situation bleiben. Sie sah ihn unter ihren betonten Augenbrauen an. Er bemerkte kleine Tupfen von Rot an ihrer entzückenden Nase. »Nein«, antwortete sie einfach. »Wollen wir's woanders versuchen?«

Und sie kehrte all dem liebenswürdigen und intellektuellen Geschwätz den Rücken, stieg drei Stufen an der linken Seite der Bühne hinab und öffnete eine Tür. Die Schleppe ihres Brokatkleides glitt hörbar und sinnlich rauschend über den Boden. Er folgte ihr in ein ziemlich dunkles Zimmer, in dem mehrere Gestalten sich hin und her bewegten und leise miteinander sprachen.

»Was ist das hier?« fragte er, und unwillkürlich sank seine Stimme zu einem Flüstern.

»Es ist eines der Diskussionszimmer,« sagte sie, »es war früher wahrscheinlich ein Schulzimmer, ehe die Gesellschaft das Gebäude übernahm. Das Theater war der große Schulsaal.«

Sie setzten sich unauffällig in eine Fensterecke. Keine der geheimnisvollen auf und nieder schreitenden Gestalten schien sie zu bemerken.

»Aber warum reden sie im Finstern?« fragte Edward Henry leise.

»Es ist ja nicht ganz finster,« sagte sie, »das Licht der Straßenlaterne fällt ja durchs Fenster. Aber es hat sich gezeigt, daß sich ernste Dinge viel besser im Dunkeln erörtern lassen ... Ich meine es ganz ernst.« Es war, als ob ihre Ohren in der Finsternis sein höhnisches Lächeln vernommen hätten.

In diesem Augenblick sagte die Stimme einer der Gestalten: »Können Sie mir sagen, was den Verfall des Realismus verursachte? Können Sie mir das sagen?«

In dem Schweigen, das hierauf folgte, tönte plötzlich ein leises metallenes Geräusch, und eine kleine elektrische Taschenlampe blitzte auf. Die Hand, die die Lampe hielt, war die Carlo Trents. Er ließ den zitternden Strahl auf das Gesicht des Fragers fallen. Edward Henry erinnerte sich an Carlos Widerstreben gegen allzuviel elektrisches Licht in seinem Privatsalon im Wilkins.

»Warum stellen Sie diese Frage?« erwiderte Carlo Trent, während der Schein seiner Lampe über den anderen glitt: »Ich frage Sie: warum fragen Sie das?«

Der andere zog gleichfalls seine Taschenlampe, richtete sie auf Carlo Trent und beleuchtete seine Züge. So standen die beiden, Statuen gleich und beleuchtet, von schattenhaften Zeugen ihres Gesprächs umgeben.

Die Tür knarrte in ihren Angeln, und eine neue Gestalt, deren dunkle Umrisse sich einen Augenblick gegen die helle Bühne abhob, trat in das Diskussionszimmer. Der Strahl von Carlo Trents Taschenlampe glitt über ihre Hosenbeine und Socken. »Der Champagner und die belegten Brötchen sind aufgetragen«, sagte der Neugekommene.

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, schleuderte Carlo Trent seinem Gegner entgegen. »Sie haben sie nicht beantwortet.«

Darauf erloschen die Lampen, alle schritten hinaus, die Türe fiel zu, und Edward Henry und Elsie April saßen einsam und schweigend im Licht der Straßenlaterne.

Was an heimatlicher Klugheit in Edward Henrys Wesen war, der Gatte, der Vater, der Sohn, versuchten zu sagen: Wollen wir auch zum Champagner und zu den belegten Brötchen gehen? und vermochten doch nicht diese rettenden Worte zu sprechen. Und der romantische, abenteuerliebende Tor in ihm freute sich, daß es ihnen nicht gelang. Denn er fühlte sich wie in einem seligen Abenteuer in der Nähe dieses einfachen und aufrichtigen Geschöpfes. Er fühlte sich so glücklich und sein Herz war so voll, daß er nicht einmal eine spöttische Bemerkung über das seltsame Gebaren der Personen machte, die sie soeben allein gelassen hatten. Er war auch stolz, weil er in fast völligem Dunkel allein mit einer verführerischen und reichen Schauspielerin saß, wenn es auch nur eine Dilettantin war, die soeben an einem Triumph teilgehabt hatte, dem die ganze geistige Aristokratie Londons beiwohnte.

VI

Zwei Gedanken schossen durch seinen Kopf, schossen hin und her, während er sein kompliziertes Glücksgefühl genoß. Der eine war, daß er, so unternehmend er auch immer gewesen, er noch nie so in der Klemme gesessen hatte wie jetzt; der zweite, daß weder Elsie April noch irgend jemand sonst, mit dem er in London zu tun hatte, ihn je gefragt, ob er verheiratet sei, noch durch irgend etwas im Benehmen verraten hatte, daß man auch nur an die Möglichkeit dachte, er könnte verheiratet sein. Er hätte natürlich dem und jenem sagen können, daß er Frau und Kinder hatte, aber das wäre doch nicht anders gewesen, als ob er einen Zettel angesteckt hätte, auf dem »verheiratet« geschrieben stand, und hätte unglaublich nach Provinz geklungen.

Elsie April sprach kein Wort. Und da sie nichts sagte, mußte er schließlich etwas sagen, und wäre es nur, um ihr und sich selber zu beweisen, daß er kein befangener Provinzler war. Er sagte also: »Wissen Sie, daß ich mich hier in dieser Gesellschaft gar nicht am Platz fühle?«

»Nicht am Platz?« rief sie und ihre Stimme bebte, als nähme sie ihm seine Selbstunterschätzung übel.

»Es ist mir alles zu hoch, wirklich zu hoch!«

»Herr Machin,« sagte sie, ihre volle tiefe Stimme ein wenig senkend, »ich verstehe wohl, daß an unserer Gesellschaft manches ist, was Ihnen nicht gefällt, worüber Sie sogar gerne spotten möchten. Ich weiß das. Viele von uns wissen es. Aber das ist bei solch einer Organisation, wie die unsere, unvermeidlich. Es ist sogar nötig. Seien Sie nicht zu hart gegen uns. Verhöhnen Sie uns nicht zu sehr!«

»Aber ich denke nicht daran, zu höhnen!« protestierte er.

»Ehrlich und aufrichtig?« und sie wandte sich rasch zu ihm. Er konnte im Dunkel ihr Gesicht sehen, wie sie ihre Schultern vorbewegte, während sie sich mit Armen und Händen auf den Stuhl stützte, und wie ihr ägyptischer Schal an ihrem vorgeneigten Körper niederfiel.

»Ehrlich und aufrichtig!« erklärte er feierlich. Es lag in diesen einfachen Worten eine solche Vertraulichkeit, daß sie ihr ganzes Gespräch auf einen anderen Plan erhob. Es war wie eine Abmachung, daß sie hinfort nur mit vollkommener Aufrichtigkeit miteinander reden müßten und von nun an gewissermaßen eine eigene kleine Verbindung idealster Art bildeten.

»Dann sind Sie zu bescheiden«, sagte sie mit Entschiedenheit. »Nicht ein Mensch war heute abend da, der mehr die allgemeine Achtung genießt als Sie. Nicht einer! Sobald ich zum erstenmal mit Ihnen gesprochen hatte – Sie erinnern sich vielleicht nicht an den Nachmittag in Grand Babylon! – wußte ich auch schon, daß Sie nicht wie die anderen Leute sind. Ich' kenne die Leute doch so gut! Nur zu gut kenne ich sie!«

»Aber woher wußten Sie, daß ich nicht wie die anderen bin?« fragte Edward Henry. Der Gang, den ihr Gespräch genommen hatte, überraschte und entzückte ihn; das Kompliment, das sie ihm in so ernstem und dringendem Ton machte, war höchst angenehm zu hören, und zugleich eine völlig neue Erfahrung für ihn. Er dachte: »Diese Londoner Frauen sind wirklich wunderbar! Sie sind geradeso aufrichtig und ernst, wie die besten in unserer kleinen Stadt. Aber sie haben noch etwas Besonderes, man kann sie gar nicht vergleichen! Sie sind einfach köstlich!« Was mußte das für ein Leben mit solchen halbgöttlichen Geschöpfen sein! Er träumte von künstlerisch ausgestatteten Räumen, in sanfter mitternächtlicher Beleuchtung. Und selbst über Poesie und Verse dachte er milder.

»Woher ich wußte, daß Sie nicht wie die anderen sind?« sagte sie. »Ich sah es Ihnen an. Ich erkannte es an Ihrer Art zu sprechen. Wir alle wissen es. Und Sie sind sicherlich mehr als gescheit genug, um zu erkennen, daß wir alle es wissen. Haben Sie nicht bemerkt, wie alle Sie heute abend ansahen?«

Ja, er hatte tatsächlich bemerkt, daß man ihn ansah.

»Ich muß Ihnen auch noch sagen,« fuhr sie fort, »daß ich unrecht hatte, als ich damals im Auto mit Ihnen von meiner Kusine sprach. Sie hatten ganz recht, sie nicht zur Partnerin zu wollen. Sie sieht das selber ein. Wir haben die Sache besprochen und sind ganz einig darin. Natürlich war es damals schwer für sie, und ihr Mißerfolg in Amerika machte es noch schlimmer. Aber Sie hatten ganz recht. Sie arbeiteten viel besser allein. Sie haben das offenbar instinktiv empfunden, und weit schneller als wir.«

»Ich weiß nicht recht ...« murmelte er verwirrt. War das dieselbe Frau, die über seine Schwierigkeiten mit der Artischocke so offen gelächelt hatte?

»Oh, Herr Machin!« rief sie aus. »Sie stehen vor einer Gelegenheit ohnegleichen, und dem Himmel sei Dank, Sie sind der Mann, sie zu nützen! Wir alle erwarten so viel von Ihnen, und wir wissen, Sie werden uns nicht enttäuschen!«

»Meinen Sie das Theater?« fragte er; ihm war zumute, als ob Wasser rings um ihn steigen würden.

»Das Theater!« sagte sie ernst. »Sie sind der Mann, der London retten kann. Kein anderer in London vermag das! ... Sie haben das unerhörte Glück, Ihre Sendung zu kennen, und zugleich zu wissen, daß Sie ihr gewachsen sind. Welch ein einziges Glück! Ich wollte, ich könnte das von mir sagen. Ich möchte so gerne etwas leisten! Ich versuche es! Aber was kann ich tun? Nichts ... Nichts! Sie kennen die schreckliche Einsamkeit nicht, die aus dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit kommt.«

»Einsamkeit?« wiederholte er, »aber, Sie ...!« Er hielt inne.

»Einsamkeit!« wiederholte sie. Ihr kleines Kinn ruhte auf ihrer kleinen Hand, ihr Gesicht im matten Licht der Lampe war emporgewandt.

Und plötzlich ergriff ihn ein Gefühl ungeheuren Schreckens; er hatte mehr Angst, als er je gefühlt, und doch hatte er sich schon ein- oder zweimal im Leben gefürchtet. Sein Gefühl der richtigen Perspektive, eine seiner wertvollsten Eigenschaften war ihm wiedergegeben. Er dachte: Ich muß da loskommen. Die Türe war schließlich nicht versperrt. Er brauchte nur auf die Klinke zu drücken, und jenseits der Türe war Sicherheit. Er brauchte nur aufzustehen und zur Türe zu gehen. Aber er vermochte es nicht. Es war nicht anders, als wenn er gefesselt in einer Gefängniszelle gesessen hätte. Er stand unter einem Bann.

»Ein Mann,« flüsterte Elsie, »ein Mann kann nie die ganze Einsamkeit begreifen ...« Sie hielt inne.

Er bewegte sich unruhig. »Was das Stück betrifft ...«, hörte er sich sagen. Warum erwähnte er das Stück in seiner Angst? Er glaubte nicht zu wissen, warum, aber er wußte es. Mit sicherem Instinkt hatte er in dem Stück den Weg der Rettung gesehen.

»Ist es nicht wunderbar?« fragte sie.

»O ja,« sagte er, und fügte zu seinem eigenen höchsten Erstaunen hinzu, »ich werde es aufführen.«

»Wir wußten es«, sagte sie ruhig. »Ich jedenfalls wußte es ... Sie werden das Theater natürlich damit eröffnen?«

»Ja«, antwortete er verzweifelt. Und mit außerordentlicher Tapferkeit fuhr er fort: »Wenn Sie darin auftreten.« Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als er schon wußte, daß sie töricht gewesen waren und seine Tapferkeit nur übereilt, denn die Gebärde, mit der Elsie darauf erwiderte, erfüllte ihn von neuem mit dem süßen Schrecken, den er eben zu beschwören begonnen hatte. »Sie meinen, Miß Euclid sollte die Rolle spielen«, fügte er rasch hinzu, ehe sie sprechen konnte.

»O ja! Das meine ich!« rief Elsie bestimmt und eifrig. »Rose wird das einfach wunderbar machen. Sie kann Verse sprechen. Ich kann's nicht. Ich bin niemand. Ich übernahm die Rolle nur, weil ...«

»Sie sind niemand?« widersprach er. »Sie niemand? Ich kann Ihnen sagen ...«

Da kam der wonnige Schrecken wieder! Eine erstaunliche Situation!

Aber die Türe knarrte, das lärmende Geschwätz auf der Bühne drang in den Raum. Eine Sekunde später war die Bezauberung gelöst. Mehrere Personen traten ins Zimmer. Edward Henry seufzte, und innerlich sagte er zu den Störenden: Ich hätte jedem von euch gern hundert Pfund gegeben, wenn ihr fünf Minuten früher gekommen wärt.

Und doch tat es ihm zugleich leid, daß sie gekommen waren. Und seltsamerweise, obschon er sich der warnenden Worte, die Herr Seven Sachs zu ihm über Elsie April gesprochen hatte, gut erinnerte, hielt er sie nicht für gerechtfertigt. Sie hatte ihn gar nicht zu überreden versucht ... Nur ...

VII

Er setzte sich an sein Pianisto mit einem seltsamen und angenehmen Gefühl der Sicherheit. Zwar war der Salon durch das Frühlings-Großreinemachen – figürlich gesprochen – auf den Kopf gestellt. Aber es lag ihm nichts daran. Er war ganz unerwartet zu Hause eingetroffen und hauste zufrieden zwischen aufgerollten Teppichen, einem in Tücher gehüllten Kronleuchter, aufeinandergetürmten Stühlen und Wänden mit viereckigen hellen Flecken, dort, wo sonst Bilder hingen. Nach einer kurzen Nacht, die er zum Teil im Bett und zum Teil in wachem Durchdenken der unmittelbaren Vergangenheit und der nächsten Zukunft verbracht hatte, war er am frühen Morgen zu seinem Pianisto und in sein Haus zurückgekehrt, zu den Wesen und Dingen, die er kannte und die ihn kannten.

Im Zug hatte er das Vergnügen genossen, in verschiedenen Zeitungen zu lesen, daß die Perle des Orients von Carlo Trent, der mit großer Achtung und Bewunderung erwähnt war, am Abend vorher in der dramatischen Soiree der Azur-Gesellschaft in ihrem Privat-Theater zu Kensington mit dem bei dieser Gesellschaft üblichen Geheimnis und all ihrer Exklusivität aufgeführt worden und auf der Stelle von Herrn E. H. Machin, dem »jüngsten, unternehmendsten und fortschrittlichsten Theaterleiter Londons«, zur Aufführung im neuen Regenten-Theater angenommen worden war. Ferner stand da, daß Herr Machin das Theater mit dem Stück eröffnen wollte; und ferner, daß die Wahl dieses Stücks, das die Poesie Herrn W. B. Yeats mit der kritischen Intelligenz Herrn Bernard Shaws vereinigte, glänzende Aussichten für Londons dramatische Zukunft böte, und daß nur niemand denken sollte, daß die neue Bewegung mißglückt sei, weil in der jüngsten Vergangenheit gewisse unkluge Versuche unerfahrener Personen, sie in eine bestimmte Richtung zu drängen, fehlgeschlagen waren. Ferner stand da, daß er, Edward Henry, Miß Rose Euclid für die Hauptrolle engagiert hatte, vielleicht die größte tragische Schauspielerin, die die angelsächsischen Länder je hervorgebracht hatten, die man leider in der letzten Zeit nicht oft genug auf der Londoner Bühne gesehen hatte, und die in diesem Stück zum erstenmal nach ihren jüngsten Erfolgen in den Vereinigten Staaten wieder auftreten würde. Und endlich, daß Herr Marrier, dessen Name in Verbindung mit ... und so weiter und so weiter, noch in bester Erinnerung sein dürfte, Herrn E. H. Machins Regisseur und technischer Berater wäre. Edward Henry erkannte Marders Hand in dem ganzen Artikel. Marrier hatte keine Zeit verloren.

Die ältere Frau Machin trat in den Salon, gerade als er die Tannhäuser-Ouvertüre spielen wollte. Es war eines seiner Lieblingsstücke.

»Das ist kein Aufenthalt für dich, mein Junge,« sagte Frau Machin scharf, »ich will dir nur sagen, daß der Braten schon fünf Minuten auf dem Tisch steht und kalt wird. Du sagtest doch, du seist hungrig.«

»Verlier nur die Ruhe nicht, Mutter«, sagte er aufspringend. Kaum zwölf Stunden waren vergangen, seit er unter den Auserwählten, den Ästheten, den Intellektuellen, den Aristokraten gesessen und in ihrer gezierten Sprache mit ihnen gesprochen hatte, unter den Leuten, die »äh, äh« sagten und kensingtonisch sprachen, unter rot geschminkten Lippen, blauen Strümpfen und preziösen Kindereien im Mittelpunkt des Weltalls. Und er hatte sich ganz geschickt unter ihnen bewegt. Niemand in der Gesellschaft des vergangenen Abends hätte aus dem Schnitt seiner farbigen Weste oder aus den klugen und abgewogenen Antworten, die er auf Bemerkungen über Verse und Drama gegeben hatte, schließen können, daß seine Frau eine weiße Schürze trug, und daß seine Mutter – so war, wie sie war! Er hatte die Art dieser Gesellschaft nicht ungeschickt nachgeahmt. Aber wo waren sie jetzt? Er war wieder Edward Henry, nein, er war beinahe wieder der kleine Junge.

»Wer hat diesen Hammelbraten besorgt?« fragte er, als er sich über das saftige Stück beugte und mit einem scharf geschliffenen Tranchiermesser köstliche dicke Schnitten davon abschnitt.

»Ich, wenn du's wissen willst,« sagte seine Mutter, »ist was damit los?«

»Nein. Es ist ausgezeichnet.«

»Ja«, sagte sie. »Ich möchte wissen, ob du in deinen großartigen Hotels irgendwas so Gutes bekommst.«

»Nein«, sagte Edward Henry. Erstens war es wirklich so; und zweitens wollte er liebenswürdig sein, denn er hatte einen Plan, den er durchzusetzen wünschte.

Er sah seine Frau an. Sie war nicht sehr gesprächig, aber sie hatte ihn liebevoll empfangen, wenn auch ein wenig geistesabwesend, weil das Haus in solchem Zustand war. Sie hatte nicht wie seine Mutter bittere Bemerkungen über die männliche Störung im Großreinemachen geäußert und einer unsichtbaren Zuhörerschaft mitgeteilt, »sie begreife nicht, warum jemand, der in London ist, nicht noch eine Weile in London bleiben könne, bis alles vorüber war«. Außerdem, obwohl das Großreinemachen ihr ein volles Recht gab, bei Tisch eine weiße Schürze zu tragen, trug Nellie keine weiße Schürze, ein Beweis, daß sie ihn noch genug liebte, um ihm etwas zu Gefallen zu tun. Im ganzen war er optimistisch, begann aber doch erst, als die Mahlzeit zu Ende ging und ein von seiner Mutter zubereiteter Apfelkuchen verzehrt wurde, von seinem Plan zu sprechen.

»Nell,« sagte er, »du würdest jetzt wohl nicht gerne mit mir nach London kommen?«

»Oh!« antwortete sie lächelnd. Es war ein ganz besonderes Lächeln. Es war erstaunlich, wie diese einfache Frau genau ein Zehntel Prozent Ironie mit einem gutmütigen Lächeln verbinden konnte. »Was soll das bedeuten?« fragte sie und wurde rot. Dieses Erröten rührte Edward Henry.

»Ist es zu glauben,« dachte er, »daß ich noch gestern nacht mit Elsie April im Dunklen saß, und jetzt hier?« Dabei erinnerte er sich des herrlichen Gewandes, das Elsie getragen, ihrer aufregenden Stimme und ihrer Haltung, als sie sich in dem schwachen Licht so plötzlich vorgebeugt hatte. »Nun,« sagte er laut in so natürlichem Ton als möglich, »das Theater steht nun so halbwegs, und ich möchte es dir gern zeigen.«

Das war ein schwieriger Schritt gewesen; denn es geschah zum erstenmal, daß er in Gegenwart seiner Mutter offen vom Theater sprach. Im Schlafzimmer hatte er schon davon gesprochen, aber selbst da nicht ohne eine gewisse Befangenheit und gleichsam so nebenhin. Seine Mutter blickte gerade vor sich mit einem Ausdruck, auf den sie allein unter allen Menschen das Monopol hatte.

»Ich möchte ganz gern«, sagte Nellie großmütig.

»Also,« sagte er, »ich muß morgen wieder hin. Willst mitkommen, Mädel?«

»Du mußt nichts Dummes verlangen, Edward Henry«, sagte sie. »Ich kann doch Mutter nicht mitten im Großreinemachen allein lassen!«

»Du brauchst Mutter nicht allein zu lassen. Wir nehmen sie auch mit«, sagte Edward Henry leichthin.

»Das wirst du nicht, mein Junge!« bemerkte die alte Frau Machin.

»Ich muß morgen fahren, Nell,« sagte Edward Henry, »und ich dachte, du könntest gleich mitkommen. Es wird eine Abwechslung für dich sein.« Und zu sich selbst sagte er: »Und ich muß nicht nur morgen hinfahren, sondern du mußt auch unbedingt mitkommen, mein Kind. Es bleibt nichts anderes übrig.«

»Es wäre eine Abwechslung für mich«, gab Nellie zu; sie fühlte sich sichtlich geschmeichelt und still erfreut »Aber ich kann unmöglich schon morgen mitkommen. Das mußt du doch einsehen, Schatz.«

»Nein, das sehe ich nicht ein!« rief er ungeduldig. »Was liegt denn dran? Mutter ist ja hier. Den Kindern wird's an nichts fehlen. Schließlich ist doch ein Großreinemachen nicht das Jüngste Gericht.«

»Edward Henry,« sagte seine Mutter, wie scharfer Stahl dazwischen fahrend, »ich wünschte, daß du nicht so leichtfertig redetest. Das kannst du in London tun, aber hier sind wir in Bursley.« Und sie sagte nichts mehr.

»Es ist ganz ausgeschlossen, daß ich morgen mitkomme. Ich muß Zeit haben. Unbedingt.«

Und Edward Henry sah mit Bestürzung, daß Nellie sich entschieden hatte, und daß die stille Freude über seinen Vorschlag aus ihrem Gesicht geschwunden war. »Der Teufel soll alle guten Hausfrauen holen!« dachte er und begab sich kurz darauf unter allerlei Gedanken nach dem Büro des Sparvereins.

VIII

Er kam pünktlich zurück, ging geradeswegs die Treppen hinauf nach dem Zimmer, das bald Maisies Zimmer und bald das Kinderzimmer genannt wurde, und fand die drei Kinder allein. Sie hatten schon gegessen, waren gewaschen und in ihren Nachthemden; es war der Augenblick, in dem die Kinderfrau die Folgen unbotmäßigen Verhaltens im Badezimmer und an anderen Orten beseitigte, und sie sich selber überlassen blieben. Robert lag auf dem Ofenvorleger und rieb seine weichen rosenroten Füße an dem Fell, die Ellbogen waren darin vergraben, sein Kinn ruhte auf seinen Fäusten, und vor ihm lag ein Buch. Ralph, den Bücher weniger interessierten als kühne Abenteuer, war auf das Messinggitter von Maisies neuem Bett geklettert und versuchte dort ein Kunststück, das er kürzlich im Zirkus gesehen hatte. Maisie lag im Bett, wie sie sollte; sie lag auf dem Rücken und sang unbekümmert zur Decke hinauf. Carlo lag gelangweilt in einer Ecke.

»Hallo, Kinder!« begrüßte sie Edward Henry. Da er sie vor dem Mittagessen gesehen hatte, war die feierliche Begrüßung nach der Heimkehr, die man in den Fünf Städten so wenig liebt, glücklich vorüber.

Robert wendete nur ein wenig den Kopf, betrachtete seinen Vater mit einem kritischen Blick, der beinahe feindselig war, und kehrte zu seinem Buch zurück.

»Würde jemand glauben,« sagte Edward Henry zu sich selbst, »daß der Mann, der eben hier eingetreten ist, einer der ›unternehmendsten und fortgeschrittensten Theaterleiter‹ von London ist?«

»Hallo, Vater!« schrie Ralph, »komm, hilf mir auf dem Drahtseil stehen.«

»Das ist kein Drahtseil,« sagte Robert vom Ofenvorleger her, ohne sich zu rühren, »es ist eine Messingstange.«

»Nein, es ist ein Drahtseil, weil es sich unter mir biegt,« erwiderte Ralph, »und es soll einfach ein Drahtseil sein.«

Maisie steckte ein paar Finger in den Mund, legte sich auf die Seite und lächelte ihren Vater mit himmlischer und mutwilliger Koketterie an.

»Was liest du denn da, Robert?« fragte Edward Henry so väterlich er konnte, halb mit Strenge und halb mit Humor, während er gleichzeitig in Ralphs Zirkustruppe eintrat.

»Ich lese nicht, ich übe Buchstabieren«, erwiderte Robert.

»Übe Buchstabieren ... wer?« sagte Edward Henry, da der anständige Ton im Hause unbedingt erhalten bleiben mußte.

»Übe mein Buchstabieren, Vater«, wiederholte Robert mit der erbitterten Miene eines Menschen, der den unvernünftigen Forderungen affektierter Narren nachgibt. Warum sollte man auch im Gespräch jeden Satz mit dem Namen oder Titel der Person enden, zu der man sprach?

»Würdest du gern mit mir nach London kommen?«

»Wann?« fragte der Junge vorsichtig. Er rührte sich nicht, aber er schien die Ohren zu spitzen.

»Morgen.«

»Danke, nein ... Vater.« Seine Neugier war erloschen.

»Nein? Warum nicht?«

»Weil Freitag Prüfung im Buchstabieren ist, und ich will der erste werden.«

Tatsächlich konnte der Junge, der sich stets ein seiner Meinung nach unveränderliches Programm machte, die schwersten Worte buchstabieren. Vermutlich besser als sein Vater, dem es gelegentlich noch begegnete, daß er »seperat« statt »separat« schrieb.

»In London ist's schön«, sagte Edward Henry.

»Ich weiß«, sagte Robert.

»Wie groß ist die Bevölkerung von London?«

»Ich weiß nicht«, sagte Robert kurz; nach einer Pause fügte er hinzu, »aber ich kann Bevölkerung buchstabieren: B, e, v, ö, l, k, e, r, u, n, g.«

»Ich komm' nach London, Vater, wenn du mich mitnimmst«, sagte Ralph mit gutmütigem Grinsen.

»Kommst du mit?!« sagte sein Vater.

»Fawa,« fragte Maisie, sich im Bett windend, »hast du mir eine Puppe mitdebacht?«

»Leider nicht, Kind.«

»Mutti hat desagt, du bingst eine.«

Es war in der Tat von einer Puppe die Rede gewesen, und er hatte es vergessen. »Ich werde dir sagen, was wir tun«, meinte Edward Henry. »Ich nehme dich mit nach London und du kannst dir in London eine Puppe aussuchen. Solche Puppen, wie es in London gibt, hast du noch nie gesehen. Da gibt's Puppen, die können die Augen auf und zu machen und Papa und Mama sagen, und man kann ihnen die Kleider anziehen und ausziehen.«

»Sagen sie auch ›Vater‹?« fragte Robert mürrisch.

»Nein«, sagte Edward Henry.

»Warum nicht?«

»Wann nimmst du mi mit?« Maisie quiekte beinahe.

»Morgen.«

»Danz dewiß, Fawa?«

»Ja.«

»Du verspichst es, Fawa?«

»Ja, ich verspreche es.«

Robert stand auf, um diese sonderbare Idee seines Vaters, Maisie nach London mitzunehmen, besser zu überdenken. Er begriff, daß er trotz allem Buchstabieren doch Maisie nicht allein nach London gehen lassen konnte. Und er wollte eben seinen Vater einem Kreuzverhör unterwerfen, als Edward Henry Ralph, der an ihm emporgeklettert war wie an einer Telegraphenstange, auf das Bett legte, ans Fenster trat und nervös an die Scheibe klopfte. Carlo folgte ihm und wedelte mit seinem ungekämmten Schweif.

»Hallo, Trent!« murmelte Edward Henry und beugte sich zu dem Hund und streichelte ihn.

Ralph brach in lautes Gelächter aus. »Vater hat Carlo ›Trent‹ genannt,« brüllte er, »Vater, hast du vergessen, daß er Carlo heißt?« Es war einer der besten Witze, die Ralph je gehört hatte.

Nellie kam eilig ins Zimmer und Edward Henry ging mit den Worten: »Ich darf mich nicht verspäten« ebenso eilig hinaus.

Drei Minuten später, er stand gerade über das Waschbecken gebeugt, kam jemand ins Badezimmer. Er hob sein mit Seife bedecktes Gesicht. Es war Nellie; sie sah aufgeregt aus. »Was bedeutet das, daß du Maisie versprochen hast, sie morgen nach London mitzunehmen, damit sie sich eine Puppe aussuchen kann?«

»Ich nehme sie alle mit,« antwortete er mit unbegreiflicher Leichtfertigkeit, »und dich auch!«

»Ich bitte dich ...« sagte sie schmollend, als wollte sie sagen, er solle sich doch nicht lächerlich machen.

»Jetzt hör' einmal, hol's der Teufel,« sagte er heftig, »ich wünsche, daß du mitkommst. Und zwar morgen. Ich weiß ganz genau, daß du nicht von den Kindern weg willst. Du wirst mir doch nicht einreden wollen, daß du es nicht so einrichten kannst, – eine Frau wie du!«

Sie zögerte. »Und was soll ich mit drei Kindern in einem Hotel in London tun?«

»Ganz einfach, die Kinderfrau mitnehmen.«

»Die Kinderfrau mitnehmen?« rief sie.

Er ahmte ihr mit grotesker Übertreibung nach, indem er laut heulte: »Die Kinderfrau mitnehmen?« und er hinterließ einen Seifenfleck auf ihrer frischen Wange.

Sie wischte sich sorgfältig ab und schlug ihn auf den Arm. Im nächsten Augenblick war sie fort, ohne die Türe zu schließen.

»Er will durchaus, daß ich morgen mit ihm nach London fahre«, hörte er sie zu seiner Mutter auf dem Treppenabsatz sagen.

Hol's der Teufel! dachte er, das wußte sie doch schon zu Mittag!

»Oh, du lieber ...!« sprach die Stimme seiner Mutter.

»Und er will die Kinder mitnehmen und die Kinderfrau!« fuhr seine Frau in einem Ton fort, der bewies, daß die unglaublichen Ideen ihres Mannes sie ebenso betroffen machten wie ihre Schwiegermutter.

»Der Junge ist ganz sein Vater!« sagte seine Mutter. Und das machte sogar auf Edward Henry Eindruck, denn es kam kaum einmal in sieben Jahren vor, daß seine Mutter seinen Vater erwähnte.

Sie nahmen den Tee in großer Aufregung.

»Du tätest besser auch mitzukommen, Mutter«, sagte Edward Henry verlegen. »Wir schließen das Haus einfach zu.«

»Ich komm' nicht nach London«, sagte die alte Frau.

»Schön, dann kannst du so viel Auto fahren wie du willst, während wir fort sind.«

»Ich fahre nicht im Auto wie so eine Dame,« sagte seine Mutter, »ich werde genug zu tun haben, das Haus in Ordnung zu bringen, bis ihr wiederkommt.«

»Ich hab' absolut nichts zum Anziehen!« sagte Nellie mit dem Gesicht einer Märtyrerin.

»Na,« dachte er, »sie ist doch wenigstens ein Weib!«

Er ging früh zu Bett. Es war ihm, als ob seine Frau, seine Mutter und die Kinderfrau bis Mitternacht im Hause geschäftig herumgeisterten und flüsterten. Er stand nicht spät auf; aber alle drei waren schon vor ihm auf, geschäftig und flüsternd.

IX

Am Morgen, nachdem die höchst komplizierte Aufgabe, seine Familie von Bursley nach London zu schaffen, gelöst war, fand er daselbst mehr zu tun als je. Er war jetzt nicht nur der Besitzer eines nahezu fertigen Theaters, sondern auch ein Theaterdirektor, der ein Stück aufzuführen, Künstler zu engagieren und das Publikum zu gewinnen hatte. Er hatte für diesen Vormittag zwei Rendezvous im Majestic verabredet, das eine um neun mit Marrier, das andere um zehn mit Nellie und der ganzen Familie. Er war nicht im Grand Babylon abgestiegen, weil seine Frau einmal mit ihm im Majestic gewohnt hatte und er zu seinen Sorgen nicht noch die hinzufügen wollte, sie an ein neues und teureres Hotel zu gewöhnen. Er hoffte mit Marrier vor zehn Uhr fertig zu werden.

Unter den Briefen, die Marrier ihm aus dem Grand Babylon und von verschiedenen anderen Stellen brachte, befand sich der folgende:

Buckingham, Palace Hotel.

»Lieber Freund! Wir sind alle so stolz auf Sie. Ich würde gerne unser unterbrochenes Gespräch zu Ende führen. Wollen Sie an einem der nächsten Tage um halb zwei hier mit mir frühstücken? Sie brauchen mir nicht zu schreiben. Ich weiß, wie beschäftigt Sie sind. Telephonieren Sie einfach, daß Sie kommen. Aber nicht zwischen zwölf und eins, denn da mache ich immer meinen Spaziergang im St. James Park. – Ihre E. A.«

»Das ist etwas stark!« dachte er, »sie hat mir einen Dramatiker aufgehalst, an den ich nicht glaube, ein Stück, an das ich nicht glaube, und eine Schauspielerin, an die ich nicht glaube, und jetzt ...«

Aber damit suchte er sich nur selbst zu täuschen. Während er Elsie April so abzutun versuchte, sah er sie, reizend und verwirrend, im Geist. Ein so gescheites Geschöpf! Unheimlich gescheit! Und reich! Noch nicht dreißig! Großzügig! Ohne die Vorurteile der Provinz! ... Und ihre Stimme, bei der es ihn immer überlief! Ihre entzückenden Schmeicheleien! ... Und sie war keine schlechte Schauspielerin! Und so verführerisch und voll der verschiedensten Reize! Kurz, sie war eine Weltdame, wie man sie in Romanen findet ... wenn man Romane lesen würde! ... Und er sah sich wieder mit ihr in dem dunkeln Diskussionszimmer im Gebäude der Azur-Gesellschaft sitzen, und sein Herz klopfte.

»Bah! ...« Er zerriß den Brief mit einem Ruck und warf ihn in einen der roten geflochtenen Papierkörbe, mit denen das riesige und ziemlich schäbige Schreibzimmer des Majestic reichlich versehen war.

Noch ehe er die zehntausend Fragen und Vorschläge Herrn Marriers erledigt hatte, schlug die Uhr zehn, und Nellie kam. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid und eine goldene Kette. Wie sie gesagt hatte, hatte sie nichts anzuziehen und mußte daher zu dem unvermeidlichen Reservekleid jeder gutbürgerlichen Frau greifen. »Nichts anzuziehen« bedeutet in dieser Schicht »nichts außer meinem schwarzen Seidenkleid«, wenigstens in den Fünf Städten.

»Herr Marrier – meine Frau. Nellie, das ist Herr Marrier.« Herr Marrier war unerschöpflich an Höflichkeiten; kein anderes Wort könnte sein Verhalten schildern. Nellie war schüchtern wie ein junges Mädchen. Trotz der schwarzen Seide sah sie sehr jugendlich aus.

»Das also ist dein Herr Marrier? Ich dachte, er sei ein Schreiber!« sagte Nellie in beißendem Ton, plötzlich wieder eine kluge Matrone geworden, sowie Herr Marrier mit unerschöpflichen Komplimenten gegangen war. Sie hatte sich unter Marrier eine Art Penkethman vorgestellt.

Edward Henry hatte das Zusammentreffen zu vermeiden gehofft. Er zuckte nur die Achseln. »Wo sind die Kinder?« fragte er.

»Sie warten in der Halle mit der Kinderfrau, wie du es gewünscht hast.« Ton und Miene sagten ihm, daß, solange sie in London wären, seine Laune für sie Gesetz sein sollte, dem sie gehorchte, auch wenn sie es nicht begriff.

»Schön,« fuhr er fort, »ich denke, sie werden gern in einen Park gehen. Wie wäre es, wenn wir sie mitnähmen und ihnen einen der Parks zeigten? Wollen wir? Sie müssen ja auch frische Luft haben.«

»Gut,« sagte Nellie, »ist es nicht zu weit?«

»Wir werden schon alle in ein Auto gehen«, sagte Edward Henry.

Und sie gingen alle in ein Auto, und die Kinder fanden ihren Vater glänzend gelaunt. Maisie erinnerte an die Puppe, und eine Minute später hielt das Auto vor einer Spielwarenhandlung, die ihre kühnsten Träume übertraf, und sie traten in den Laden wie eine Armee. Als sie nach einer beträchtlichen Zeit wieder herauskamen, trug die Kinderfrau eine gewaltige Puppe, Nellie trug Maisie, und Ralph streichelte liebevoll die echten Lederschuhe, die die Puppe trug. Robert verharrte in tiefem Schweigen, wie er es bereits im Zuge getan.

»Du hast nicht viel zu sagen, wie es scheint, Robert«, bemerkte sein Vater, als das Auto weiterfuhr.

»Ich weiß«, sagte Robert mürrisch. Unter anderem war er böse, weil er seinen Sonntagsanzug an einem Wochentag tragen mußte.

»Wie gefällt dir London?«

»Ich weiß nicht«, sagte Robert. Seine Augen wichen nicht vom Wagenfenster.

Dann besuchten sie das Theater, und das war recht ermüdend und machte Edward Henry nervös. Er benahm sich so ungeschickt bei der Führung durch das unfertige Haus, wie ein junger Vater, der seinen Erstgeborenen zeigt. Scham und Stolz kämpften miteinander. Nellie war höchsten Lobes voll. Ralph freute sich über die vielen Leitern.

»Hör' einmal,« sagte Nellie, als sie wieder auf dem Straßenpflaster standen, und sah besorgt auf Maisie, »das Kind ist schon ganz erschöpft. Wie groß ist denn der Park? Weder die Kinderfrau noch ich können sie lange tragen.«

»Wir kaufen einen Kinderwagen«, sagte Edward Henry. Er starrte gerade auf ein Zeitungsplakat, auf dem stand: »Isabel Joy wieder auf dem Kriegspfad. Wird sie siegen?«

»Aber ...«

»Oh, doch. Wir kaufen einen Kinderwagen! Chauffeur! ...«

»Der Kinderwagen allein hilft nicht. Wir brauchen auch Decken für sie; es ist zu windig.«

»Schön, dann kaufen wir eben so viel Daunendecken als nötig«, sagte Edward Henry. »Chauffeur! ...«

Es war keine Kleinigkeit! Denn außer all diesen Einkäufen mußte er auch seine ganze Herde in einer Teestube füttern, in der Maisie und ihre sprechende, augenschließende Puppe bei den unbeschäftigten Kellnerinnen Triumphe feierten. Und es war immer noch Zeit.

Um viertel eins zeigte er seiner Familie die wechselnden landschaftlichen Schönheiten des Parks. Ralph bestand darauf, auf die Brücke über den See zu gehen, und Robert war schweigend gleichfalls dafür. Daher gingen alle auf die Brücke. Aber Maisie hatte Angst vor dem Wasser und schrie. Wenn aber Maisie einmal zu schreien begann, war es sehr schwer, sie wieder zu beruhigen. Selbst die wunderbarsten Puppen waren machtlos dagegen.

»Lassen Sie mir einmal den Kinderwagen, Kinderfrau«, sagte Edward Henry. »Ich werde sie schon kurieren.«

Aber er kurierte sie nicht. Grimmig schob er den Kinderwagen vor sich hin. Nellie trippelte mit zierlichen Schritten und in schwarzer Seide daneben. Die Kinderfrau führte Ralph, der ein Durchgänger war, an der Hand. Robert stelzte schweigend für sich allein und schätzte London ein, und nicht sehr hoch.

Plötzlich hielt Edward Henry mit dem Kinderwagen an, ließ ihn los und zog den Hut. Eine äußerst elegante junge Dame, die ein chinesisches Hündchen an einer silbernen Kette führte, blieb, wie vom Donner gerührt, stehen und sah starr auf die Gruppe.

»Guten Tag, Miß April, wie geht es Ihnen?« sagte Edward Henry laut. »Ich hoffte Sie hier zu treffen. Dies ist meine Frau. Nellie – dies ist Miß April.«

Nellie grüßte steif in ihrem schwarzen Seidenkleid. Sie hatte jetzt nichts von einem jungen Mädchen. Und es muß gesagt werden, daß Elsie April bei all ihrer strahlenden Jugendlichkeit und obschon sie eine Weltdame war, nicht minder steif blieb. »Und das sind meine zwei Jungen. Und das ist mein kleines Mädchen, hier im Kinderwagen.« Maisie schrie und schmiß die kostbare Puppe aus dem Kinderwagen. Edward Henry ergriff sie gerade noch an einem Fuß und rettete sie. »Und das ist ihre Puppe, und das ist die Kinderfrau«, schloß er. »Schöner Tag heute, nur etwas windig. Nicht wahr?«

Nach geraumer Zeit bewegten beide Teile sich wieder weiter.

»Nun, das wäre überstanden!« murmelte Edward Henry zu sich selbst. Und er seufzte.

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