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Arnold Bennett: Theater - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorArnold Bennett
titleTheater
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
editorThomas Mann
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131001
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Zweiter Teil

Siebentes Kapitel. Der Eckstein

I

An einem Frühlingsmorgen stieg Edward Henry aus einem Schnellzug am Euston-Bahnhof, der nicht aus den Fünf Städten, sondern aus Birmingham kam. Er war am Tag vorher in vorteilhaften Geschäften nach Birmingham gerufen worden, war dort über Nacht geblieben und hatte nach Hause telegraphiert, daß er nach London fahren müßte. Er machte seine Besuche in London meistens in dieser unauffälligen Weise. Nicht, daß er sich vor seiner Frau fürchtete! Nicht, daß er sich etwa vor seiner Mutter fürchtete! O nein! Er fürchtete sich im Grunde vor sich selber, vor seiner eigenen wirklichen Meinung von dieser hauptstädtischen, fremdartigen und vielleicht unvorteilhaften Spekulation, in die er sich eingelassen hatte. In der Tat konnte er den Frauen kaum ins Gesicht sehen, wenn er von London sprach. Er deutete unbestimmte Unternehmungen in »Grundstücken« an, die er nicht weiter erklärte. Die Frauen stellten keine Frage und sagten auch nichts weiter darüber. Trotzdem ...!

Die Episode im Hotel Wilkins war begraben, aber das Begräbnis war nur unvollkommen. In den Fünf Städten wußte man, daß er einer Wette wegen im Wilkins gewohnt und daß Brindley die Wette verloren und bezahlt hatte. Gerüchte von seinem Kammerdiener, seinem zweisitzigen elektrischen Wagen, seinen Abendgesellschaften mit Theaterleuten schwebten geheimnisvoll wie Nebel in den Straßen der Fünf Städte. Und Streifen von diesem Nebel waren irgendwie in sein Haus gelangt, obschon niemand je davon sprach. Dieses diskrete Schweigen war ihm keineswegs angenehm. Zum Glück stand er mit seiner Frau, die ein Engel war, ganz ausgezeichnet. Sie war so engelhaft, daß sie nicht einmal auf der Abschaffung Carlos bestand; und die plötzliche und überraschende Eleganz seiner Anzüge hatte sie sogar gelobt; aber sie selbst blieb bei ihrer weißen Schürze.

Obwohl nicht viel weniger als fünfunddreißigtausend Pfund in dem Unternehmen steckten, abgesehen von der Verpflichtung, vierundsechzig Jahre lang nahezu dreitausend Pfund Grundpacht jährlich zu zahlen, sah Edward Henry im ganzen nicht allzu düster in die Zukunft. Er war unzweifelhaft magerer geworden; die neuen Aufgaben und Sorgen, der beständige Verdruß darüber, daß er vom Technischen seiner Unternehmung absolut nichts verstand, hatte ihn einige Pfund Fett gekostet. Und das war ihm nicht unangenehm. Auf der anderen Seite bewies sein Kinn, daß das Leben des Lebens wert war und daß er einen neuen Glauben daran und eine neue Jugend gefunden hatte: er hatte sich den Bart abnehmen lassen!

»Da sind Sie!« grüßte ihn eine hoffnungsvolle und fröhliche Stimme, sowie sein Fuß den Bahnsteig berührte. Es war die Stimme Herrn Marriers. Edward Henry und Herr Marrier standen jetzt in regelmäßiger Geschäftsverbindung. Noch ehe Edward Henry seine endgültige Rechnung im Hotel Wilkins bezahlt, seinen Kammerdiener und sein elektrisches Auto entlassen und selbst seinen sagenhaften Diener an Bord der Minnetonka für immer abgefertigt und sein ursprüngliches Gepäck aus dem Hotel Majestic hatte fortschaffen lassen, hatte Herr Marrier ihn aufgesucht und ihm einen Vorschlag gemacht. Und so groß war der Einfluß, den Herrn Marriers unheilbares Lächeln hatte, sein sicherer Optimismus und sein zweifelloses Talent, alles auf der Stelle durchzusetzen – wie z. B. die Photographie an jenem Abend –, daß sein Vorschlag angenommen worden war. Herr Marrier war Edward Henrys »Vertreter« in London. Seinen Busenfreunden im Bühnenklub erzählte Herr Marrier, daß er Edward Henrys vertrauter Berater sei. Im Türkenkopf in Hanbridge erklärte Edward Henry seinen Busenfreunden, daß Herr Marrier sein Faktotum, sein Mädchen für alles sei. Als Kompromiß zwischen diesen beiden recht verschiedenen Auffassungen von seiner Stellung war das Wort »Vertreter« gefunden worden. Die Wahrheit war, daß Edward Henry Herrn Marrier angestellt hatte, um ihn auszufragen. Er zapfte ihn an, so oft es ihm nötig schien, und ein Strom wertvoller Informationen über die Welt des Theaters ergoß sich über ihn. Ohne es zu ahnen, füllte Herr Marrier nach und nach die weite Lücke in Edward Henrys Kenntnissen aus.

Edward Henry hatte der Gehaltsfrage mit einiger Sorge entgegengesehen. Er hatte bereits in den ersten Tagen erfahren, daß hundert Pfund wöchentlich bei der Bühne eine Kleinigkeit waren. Er hatte von Schauspielern gehört, die für ein »nominelles« Honorar von vierzig bis fünfzig Pfund in der Woche »arbeiteten«. Für einen Regisseur oder Geschäftsführer schienen zwanzig Pfund wöchentlich eine gewöhnliche Ziffer zu sein. Aber in den Fünf Städten werden drei Pfund wöchentlich als eine ganz schöne Besoldung für einen Angestellten angesehen, und Edward Henry konnte sich nicht mit einem Schlag von seinen heimischen Maßstäben losreißen. So hatte er, nicht ohne eine gewisse Befangenheit, dem aristokratischen Marrier drei Pfund wöchentlich angeboten. Aber Herr Marrier hatte es nicht ausgeschlagen, noch aufgehört zu lächeln. Mit drei Pfund wöchentlich besuchte er die besten Restaurants und andere Vergnügungslokale, fuhr stets im Auto und schien immer weit besser angezogen als Edward Henry, besonders was die Krawatten betraf.

Auch jetzt wartete bereits eine Taxameterdroschke gegenüber dem Waggon, aus dem Edward Henry stieg. Diese förderliche Aufmerksamkeit machte ihn seinem Brotgeber allmählich teuer.

»Wie gehen die Sachen?« sagte Edward Henry kurz, während sie zum Grand Babylon-Hotel fuhren, das jetzt Edward Henrys regelmäßiges Hauptquartier in London war.

»Sie haben wohl gesehen, daß wieder einer von ihnen zum Ritter gemacht worden ist?« sagte Herr Marrier.

»Nein,« sagte Edward Henry, »wer?« Er wußte, daß Herr Marrier unter »ihnen« die großen Schauspieler verstand.

»Gerald Pompey. Er ist ja auch Beamter der City, wissen Sie. Ich wette, was Sie wollen, daß er nur deshalb sich von der Stadt anstellen ließ, um nicht hinter Pilgrim zurückzustehen. Ich weiß es sogar bestimmt. Und jetzt hat er's mit einer Grundsteinlegung geschafft.«

»Einer Grundsteinlegung?«

»Ja. Das neue Haus der Stadtgilde. Da kommt immer jemand vom Hof dazu, es werden Reden gehalten, alle höheren Beamten der Stadt sind da, und man wird geadelt. So macht man's!«

»So?« sagte Edward Henry. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Schade, daß wir keine Grundsteinlegung haben können!«

»Nebenbei, der Pilgrim steckt schön drin, höre ich. Er soll außer sich sein. Man erzählt's in allen Klubs. Ich sagte Ihnen doch, daß er seine große Tournee antritt. Der Abschied sollte großartig sein. Aber seit der große Dampfer der P. & O.-Linie an der Goodwin-Sandbank untergegangen ist, weigert Cora Pryde sich absolut, von Tilbury abzufahren, ab–so–lut! Sie schwört, sie wird sich erst in Marseille einschiffen. Und Pilgrim bleibt auch nichts anderes übrig.«

»Warum?«

»Ja, Pilgrim kann doch keinen großen Abschied haben, wenn die erste Dame der Truppe nicht dabei ist. Er soll rasend sein.«

»Warum geht er nicht mit ihr nach Marseille?«

»Warum nicht? Weil er feierlich eine große Abschiedsfeier angekündigt hat! Die Einladungen sind verschickt. Eine eigene Barke soll von London Bridge nach Tilbury gehen usw.! Er braucht eine gute Ausrede, die Feier abzusagen. Er kann doch nicht zugeben, daß er absagen muß, weil Cora Pryde es so haben will! Er möchte gern gut dastehen.«

»Nun ja«, sagte Edward Henry zerstreut. »Es ist eine komische Welt. Haben Sie ein Zimmer im Babylon für mich bestellt?«

»Gewiß.«

»Dann wollen wir uns erstmal unser Theater ansehen«, sagte Edward Henry. Er hatte den Wunsch kaum ausgesprochen, als Herrn Marriers Hals sich bereits aus dem Fenster bog und drei Worte zum Chauffeur diesen veranlaßten, die Richtung zu ändern.

Edward Henry war von einer fast kindlichen Neugier nach seinem Bau erfüllt. Er fuhr zu den sonderbarsten Zeiten plötzlich nach dem Bauplatz, um einen Blick darauf zu werfen. So fühlte er auch gerade jetzt den heftigen Wunsch, ihn zu sehen. Das Auto schoß in voller Fahrt die Shaftesbury Avenue hinab, bog nach rechts ab, und ... da lag es, eine unwahrscheinliche Frucht seiner Laune und Herrn Alloyds schöpferischer Phantasie! Die Mauern standen bereits fünfzehn Fuß hoch; und ein paar Dutzend Fuß höher ragten die Kräne im Sonnenschein und schwangen Ziegelladungen im Blau. Scharenweise krochen und bewegten sich die Arbeiter unter diesen Ungeheuern hin und her. Und sein Entschluß hatte das geschaffen! Er sprang aus dem Auto, trat in den umzäunten Raum und sah sich um. So eine Unternehmung war wohl etwas Wunderbares und Erschreckendes zugleich! Sie konnte das Grab seines Namens werden oder ihn zu ganz neuen Höhen tragen. »Sagen Sie,« bemerkte er, »glauben Sie, daß Sir John Pilgrim schon auf sein wird?« Er sah nach seiner Uhr; es war ungefähr elf.

»Er wird beim Frühstück sein.«

»Ich werde ihn aufsuchen. Wo wohnt er?«

»25 Queen Anne's Gate. Aber kennen Sie ihn denn? Ich kenne ihn. Soll ich mitkommen?«

»Nein,« sagte Edward Henry kurz, »Sie fahren mit meinen Koffern zum Babylon und besorgen mir ein anderes Auto. Ich treffe Sie in meinem Zimmer im Hotel um dreiviertel eins, ja?«

»Gerne!« sagte Herr Marrier gehorsam.

II

»Besitzer des Regententheaters.« Dies waren die Worte, die Edward Henry auf seine Visitenkarte schrieb und die ihm augenblicklich den Einlaß und das einzigartige Schauspiel verschafften, Sir John Pilgrim beim Frühstück zu sehen.

Sir John Pilgrim saß an einem großen sechseckigen Mahagonitisch in einem geräumigen Vorderzimmer seiner Mietwohnung, deren Gobelins und wunderbares Parkett so berühmt sind. Auf die eine Seite des Tisches war ein schmales viereckiges weißes Damasttuch gelegt, auf dem ein Apparat zum Kochen der Eier, ein zweiter zum Brotrösten und ein dritter zur Zubereitung des Kaffees stand. Sir John aß und trank; ein junger Chinese und ein Foxterrier, der hin und her schoß, halfen ihm dabei. Sonst lagen auf der glänzenden Mahagonifläche des riesigen Tisches nur ein paar Zeitungen und geöffnete sowie uneröffnete Briefe, die Sir John umherwarf. Ihm gegenüber saß eine Sekretärin, die mit ihrem gewellten Haar, in ihrer netten weißen Bluse und in ihrer Jugendlichkeit vor dem mächtig gebauten berühmten Mann hilflos und zerbrechlich aussah. Sir Johns linker Fuß in einer karminroten Socke, die aus dem linken Bein einer entzückenden neuen braunen Hose zum Vorschein kam, ruhte auf einem Bogen weißen Papiers. Vor diesem weißen Papier kniete ein Mann im Gehrock, der mit einem Bleistift die Umrisse von Sir Johns Fuß auf dem Papier nachzog.

»Sie sind ein Schuhmacher, nicht wahr?« fragte Sir John nebenhin.

»Jawohl, Sir John.«

»Schön!« sagte Sir John, »ich wollte mich nur vergewissern. Nach der Art, wie Sie mein Hühnerauge mit Ihrem Bleistift umschmeichelten, glaubte ich schon, Sie könnten ein Zeichner von einer illustrierten Zeitung sein. Verzeihen Sie, ich habe mich geirrt!« Er beugte sich vor. Dann richtete er sich wieder scharf auf und rief durch das Zimmer: »Sagen Sie, Givington, haben Sie meine Haltung und meinen Ausdruck bemerkt, als ich das Wort ›umschmeichelte‹ sagte? Würde das nicht gehen?«

Jetzt erst bemerkte Edward Henry, daß in einer Ecke des Zimmers ein Mann vor einer Staffelei stand und mit Kohle irgend etwas in großen Umrissen skizzierte. Dieser Mann sagte: »Wenn Sie mich in Ruhe lassen, Sir John,– ich werde Sie in Ruhe lassen.«

»Ah, Givington, mein lieber Givington!« murmelte Sir John heiter – beim Frühstück war er immer heiter –, »Sie sind jemand geworden. Sie sind nicht nur Akademiemitglied; Sie verdienen auch Geld! Vor einem Jahr hätten Sie nie gewagt, so zu mir zu sprechen! Nun, empfangen Sie meine aufrichtigen Glückwünsche ... Das ist die Rechnung vom Zahnarzt, Snip, zerreiße sie, zerbeiße sie! So – braver Hund! Reiße sie in Fetzen!« Der Hund knurrte über dem zerrissenen Papier unter dem Tisch. »Fräulein Taft, Sie könnten ein Communiqué an die Zeitungen geben, daß ich heute Herrn Saracen Givington, Akademiemitglied, zum erstenmal für mein Porträt saß. Herrn Givingtons künstlerische Tätigkeit interessiert die Welt, und mit Recht! Kommen Sie lieber einmal rund um den Tisch nach der anderen Seite zu meinem rechten Fuß, Herr Schuhmacher. Die Reise ist nicht kostspielig.«

Jetzt erst, nicht einen Augenblick früher, wendete Sir John Pilgrim sein mächtiges blondes Gesicht – das schöne Gesicht eines Herrn in mittleren Jahren – dem Stadtrat Edward Henry Machin zu. »Verzeihen Sie meine Neugier,« sagte er, »aber wer sind Sie?«

»Mein Name ist Machin – Stadtrat Machin,« sagte Edward Henry, »ich schickte Ihnen ja meine Karte, und Sie baten mich herein.«

»Ha!« rief Sir John und griff nach einem Ei, »wollen Sie ein Ei mit mir verzehren, Herr Stadtrat? Ich kann mit jedermann ein Ei essen.«

»Danke, gerne«, sagte Edward Henry und schritt an den Tisch. Sir John sah sich um. Obwohl er sein Entsetzen mit schauspielerischer Kunst verbarg, war er doch vom Erstaunen überwältigt. Im Laufe der Jahre hatte er Hunderte von Besuchern heiter aufgefordert, ein Ei mit ihm zu essen – es war einer seiner beliebtesten Scherze –, aber noch nie hatte jemand die Kühnheit gehabt, die Einladung auch anzunehmen.

»Chung, Chung!« sagte er mit schwacher Stimme, »bringen Sie ein Gedeck für den Stadtrat.«

Und Edward Henry setzte sich dicht neben Sir John. Er konnte Sir Johns Gesicht und seinen Anzug in allen Einzelheiten beobachten. Die gewaltige Berühmtheit trug einen Straßenanzug, ungefähr vom Schnitt des seinen, nur statt des Rocks eine blaue Hausjacke mit roter Verschnürung; die Ärmel endeten in ziemlich langen Manschetten, die nicht geschlossen waren, die Manschettenknöpfe von Opal hingen je aus einem einzigen Knopfloch. Vielleicht zum erstenmal im Leben begriff Edward Henry vollkommen, was eigenartige Eleganz war. Die Persönlichkeit Sir John Pilgrims strahlte fühlbar von ihm aus und schüchterte ihn ein, die Härte, die Rücksichtslosigkeit, die furchtbare, eherne Ich-Sucht des Mannes schüchterte ein. Sir Johns Blick verriet die vollkommenste Anmaßung, die Edward Henry je vorgekommen war. Dieser Blick verschwieg nichts. Und Edward Henry dachte: Wenn der Kerl stirbt, stirbt er öffentlich, die Reporter um sein Bett und eine Privatsekretärin, der er noch ein Communiqué über sein Ableben diktiert.

»Das ist wirklich spaßig«, sagte Sir John, der sich von seinem Schrecken zu erholen begann.

»Ja, wirklich«, sagte Edward Henry, der jetzt zu seinem Glück die Situation begriff. »Es soll ein Spaß werden«, sagte er zu sich selbst.

Sir John diktierte Fräulein Taft einen Brief, und ehe er damit fertig war, hatte der grinsende Chung einen Teller für Edward Henry besorgt, und Snip hatte ihn inspiziert und gut befunden.

»Sagte ich nicht, dies ist spaßig?« erkundigte sich Sir John, als der Brief beendet war.

»Ich weiß nicht mehr«, sagte Edward Henry.

»Denn ich liebe es nicht, dasselbe zweimal zu sagen, wenn ich es vermeiden kann. Aber es ist spaßig, nicht wahr?«

»Oh, zweifellos«, sagte Edward Henry, indem er gelassen ein Ei aufschlug. »Ich hoffe nur, ich störe Sie nicht.«

»Nicht im geringsten,« sagte Sir John, »beim Frühstück habe ich meine einzige freie Zeit. Eine halbe Stunde später, und ich bin bereits mit drei oder vier Sachen auf einmal beschäftigt.« Er beugte sich zu Edward Henry hinüber. »Aber so unter uns, mein Stadtrat, wenn es nicht unhöflich ist, möchte ich Sie ganz im Vertrauen fragen, was wünschen Sie hier bei mir?«

»Nun,« sagte Edward Henry, »wie ich auf meine Karte schrieb, bin ich Alleinbesitzer des Regententheaters ...«

»Es gibt aber doch kein Regententheater«, unterbrach ihn Sir John.

»Nein. Noch nicht. Aber es wird eines geben. Es befindet sich im Bau. Wir sind schon beim ersten Stockwerk.«

»So? Ein Vorstadttheater?«

»Wollen Sie wirklich sagen, Sir John«, rief Edward Henry, »daß Sie nichts davon wissen? Es liegt wenige Schritte vom Piccadilly Cirkus.«

»In der Tat?« sagte Sir John. »Wissen Sie, mein Theater liegt in Regent-Street, und ich gehe grundsätzlich nie über den Piccadilly Cirkus. Fräulein Taft, wie lange ist's her, seit ich zum letztenmal den Platz betreten habe? Verzeihen Sie, meine junge Dame, ich vergaß, Sie sind noch nicht alt genug, um das zu wissen. Nun, lassen wir die Details ... Und was ist am Regententheater Merkwürdiges, mein Stadtrat?«

»Ich beabsichtige daraus ein erstklassiges Theater zu machen, Sir John«, sagte Edward Henry. »Nur das Allerbeste wird über die Bretter gehen.«

»Daran ist nichts Merkwürdiges, mein Stadtrat, das beabsichtigen wir alle. Sollte Ihnen das noch nicht aufgefallen sein?«

»Dann zweitens,« sagte Edward Henry, »bin ich einziger und alleiniger Besitzer. Ich habe keine Finanzleute hinter mir, keine Hypotheken, keine Teilhaber. Ich habe noch nicht einen einzigen Vertrag geschlossen.«

»Das«, sagte Sir John, »ist nicht unmerkwürdig. Ja sogar, viele Personen, die nicht meine robuste Glaubensfähigkeit besitzen, würden Ihrer Behauptung keinen Glauben schenken.«

»Und drittens,« sagte Edward Henry, »jede Person im Zuschauerraum, selbst in den Logen und auf den teuersten Plätzen wird den vollen Ausblick auf die gesamte Bühne, oder bei Matineen auf einen Damenhut haben.«

»Stadtrat, Stadtrat,« sagte Sir John ernst, »bevor ich Ihnen ein zweites Ei anbiete, möchte ich Sie davor warnen, in der Merkwürdigkeit zu weit zu gehen! Man könnte Sie für einen exzentrischen Sonderling halten, wenn Sie es so treiben. Es gibt, wie man mir sagt, Leute, die keinen Ausblick auf die Bühne zu haben wünschen.«

»Dann sollen sie lieber nicht in mein Theater gehen«, sagte Edward Henry.

»Aber all das«, bemerkte Sir John, »erklärt mir noch immer in keiner Weise, warum Sie hier neben mir sitzen und ruhig meine Eier und meine Brötchen essen und meinen Kaffee trinken.«

Edward Henry hätte zugeben müssen, daß er nervös war, daß er ein Provinzler vor einer der berühmtesten Persönlichkeiten des Britischen Weltreichs war. Trotzdem beherrschte er seine Nervosität und dachte: »Kein anderer Mensch aus den Fünf Städten würde wagen, was ich wage. Und dieser Kerl ist ein Scharlatan. In den Fünf-Städten würden die Leute vor ihm Kotau machen und ihn auslachen. Sie würden ihn bald durchschauen. Warum also soll ich nervös sein! Ich bin so gut wie er«, und er schloß mit dem Gedanken, der schon manchen ängstlichen Mann in einer verzweifelten Krise mit neuem Mut erfüllt hat: »Der Kerl kann mich schließlich nicht fressen.« Dann sagte er laut: »Ich bin gekommen, um Ihnen eine Frage zu stellen, Sir John.«

»Nur eine?«

»Nur eine. Sind Sie der erste Schauspieler in London oder Sir Gerald Pompey?«

» Sir Gerald Pompey?«

» Sir Gerald Pompey. Haben Sie die Zeitungen von heute morgen nicht gelesen?«

Sir John Pilgrim wurde bleich. Er sprang auf, griff nach dem obersten Blatt eines Stoßes von Tageszeitungen und öffnete es aufgeregt. »Bah!« murmelte er.

Er ahmte im Leben immer sein Verhalten auf der Bühne nach. Sein Benehmen beim Frühstück, das so berühmt war, kam daher, daß er einmal einen millionenreichen Botschafter gespielt hatte, der beim Frühstück mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit denen der Welt scherzte.

»Das haben sie nur getan, um mich zu ärgern, weil ich gerade jetzt meine Weltreise antrete«, murmelte er, während er rings um den Tisch lief. Dann blieb er stehen und sah Edward Henry an. »Er ist aus politischen Gründen zum Ritter geschlagen worden,« sagte er, »es hat nichts mit der Bühne zu tun. Er ist nicht Ritter geworden, wie ich Ritter geworden bin!«

»Gewiß«, gab Edward Henry zu. »Aber Sie wissen, wie die Leute reden, Sir John. Die Leute laufen schon heute herum und sagen überall, Sir Gerald ist jetzt der erste Schauspieler Englands. Darum bin ich hierher gekommen, um Ihre Meinung darüber zu hören. Ich weiß, Ihr Urteil ist ein unbefangenes.«

Sir John setzte sich wieder. »Was Pompeys künstlerische und geistige Bedeutung anbelangt, so wüßte ich nichts darüber zu sagen. Ich kenne sie nicht. Aber ich glaube, er hat ein gutes Herz. Ich habe ihn nur zweimal im Leben gesehen, einmal auf der Bühne und einmal auf der Straße. Ich würde mein Urteil etwa so zusammenfassen: auf der Bühne sieht er eleganter aus, als man aussehen soll, auf der Straße könnte man ihn für einen Schauspieler halten ... Wie scheint Ihnen das?«

»Es ist eine ganz gute Charakteristik«, sagte Edward Henry.

»Stadtrat!« rief Sir John, »ich glaube, wenn ich mich nicht so fest in der Hand hätte, ich würde anfangen, an Ihnen Gefallen zu finden. Nehmen Sie doch eine zweite Tasse Kaffee. Chung! ... Auf Wiedersehen, Schuhmacher, auf Wiedersehen!«

»Ich möchte nun bestimmt wissen, wer der erste Schauspieler Englands ist,« sagte Edward Henry, »denn meine Absicht ist, den ersten Schauspieler Englands einzuladen, den Eckstein meines neuen Theaters zu legen.«

»Ah?!«

»Wann treten Sie Ihre Weltreise an, Sir John?«

»Ich verlasse Tilbury mit meiner ganzen Truppe, Dekorationen und Requisiten, Dienstag in acht Tagen auf der ›Kandahar‹. Mein erstes Auftreten findet in Kairo statt.«

»Wie ärgerlich!« sagte Edward Henry. »Ich wollte Sie gerade bitten, den Stein am Abend danach, am Mittwoch, zu legen!«

»So?!«

»Ja, Sir John. Es wird eine ganz neue einzigartige Feier!«

»Eine Grundsteinlegung!« sagte Sir John sinnend. »Aber wenn Sie schon beim ersten Stockwerk sind, wie können Sie Mittwoch in acht Tagen den Grundstein legen?«

»Ich habe nicht vom Grundstein, sondern vom Eckstein gesprochen. Es ist etwas vollständig Neues. Darum können wir unmöglich vor nächstem Mittwoch so weit sein.«

»Und Sie möchten für Ihr Haus Reklame machen, indem Sie den ersten Schauspieler Englands dazu bitten?«

»Genau das ist meine Absicht.«

»Nun,« sagte Sir John, »was Ihnen immer sonst fehlen mag, Herr Stadtrat, an Selbstvertrauen fehlt es Ihnen nicht, wenn Sie glauben, daß Sie das erreichen werden.«

Edward Henry lächelte. »Ich habe auf Umwegen gehört,« erwiderte er, »daß Sir Gerald Pompey die Sache ganz gerne übernehmen würde. Die Schwierigkeit liegt nur darin, daß ich von Natur ein wahrheitsliebender Mensch bin. Wer immer die Feierlichkeit vornimmt, den muß ich natürlich in meinem eigenen Interesse überall für den ersten Schauspieler Englands erklären, und ich möchte nichts sagen, was nicht der Wahrheit entspricht.«

Es trat eine Pause ein.

»Sagen Sie, Sir John, könnten Sie nicht ein oder zwei Tage länger in London bleiben und sich in Marseille einschiffen, statt in Tilbury?«

»Aber ich habe schon alle Vorbereitungen getroffen. Die ganze Welt weiß, daß ich mich in Tilbury einschiffe.«

In diesem Augenblick wurde die Türe geöffnet und ein Diener meldete: »Herr Carlo Trent.«

Sir John Pilgrim stürzte wie eine Lokomotive zur Schwelle und faßte beide Hände Carlo Trents mit solcher Heftigkeit der Begrüßung, daß Carlo Trents Monokel aus seinem Auge fiel und an dem purpurfarbenen Band auf seiner Brust tanzte.

»Herein, herein!« sagte Sir John, »und fangen Sie sofort an zu lesen! Seit einer Viertelstunde stehe ich am Fenster und schaue nach Ihnen aus. Stadtrat, das ist Herr Carlo Trent, der wohlbekannte dramatische Dichter. Trent, dies ist eines der größten Genies in London ... ah! Ihr kennt euch schon? Das überrascht mich nicht! Reicht euch nicht erst die Hände. Da setzen Sie sich, Trent. Da auf diesen Stuhl ... Hier, Snip, nimm den Hut. Zerreiße ihn! Zerbeiße ihn! Nein, Trent, mir dürfen Sie nicht vorlesen. Das könnte Sie nervös machen. Lesen Sie Miß Taft und Chung und Herrn Givington drüben vor. Stellen Sie sich vor, daß sie das große und erleuchtete Publikum sind. Sie haben doch die nötige Phantasie? Sie müssen sie haben, da Sie ein Dichter sind.«

Sir John hatte seine Stimmung mit der Schnelligkeit eines Verwandlungskünstlers geändert. Carlo Trent nahm ein wenig atemlos ein Manuskript aus seiner Tasche, öffnete es und verkündete: »Die Perle des Orients!«

»Ach!« hauchte Edward Henry.

Etwa dreißig Minuten hindurch lauschte er den Hexametern, den ersten, die er je gehört hatte. Ihre Wirkung auf seinen Organismus war noch schlimmer, als er gedacht hatte. Er blickte sich nach den anderen Zuhörern um. Givington hatte einen Farbenkasten geöffnet und verrieb die Farben auf seiner Palette. Die Augen des Chinesen waren geschlossen, während sein Gesicht weiter grinste. Snip schlief auf dem Parkett. Miß Taft kaute mit ihren hübschen Zähnen an ihrem Bleistift. Sir John Pilgrim lag ausgestreckt auf einem Sofa und wechselte gelegentlich die Beinstellung. Edward Henry verzweifelte in seiner Not. Aber gerade, als seine Verzweiflung zu heftig war, um ertragen werden zu können, rief Carlo Trent: »Der Vorhang fällt.« Es war das erste Wort, das Edward Henry verstanden hatte.

»Das war der erste Akt«, sagte Carlo Trent, sich den Schweiß abwischend. Snip wachte auf.

Edward Henry erhob sich, ging in der plötzlichen Stille auf den Zehen rund um das Sofa. »Leben Sie wohl, Sir John«, flüsterte er.

»Sie wollen schon gehen?«

»Jawohl, Sir John.«

Der erste Schauspieler Englands richtete sich auf. »Wie recht Sie haben!« sagte er, »wie recht Sie haben! Trent, ich wußte schon bei den ersten Worten, es geht nicht. Es fehlt an Farbe. Ich brauche etwas Karminrotes, mehr so wie die helleren Stellen meiner Hausjacke, etwas ...« Er bewegte beide Hände in der Luft. »Der Stadtrat ist ganz meiner Ansicht. Er will gehen. Lesen Sie nicht weiter, Trent. Aber kommen Sie, wann Sie wollen, wann Sie wollen! Chung, wieviel Uhr ist es?«

»Es ist beinahe Mittag«, sagte Edward Henry im Ton eines alten Freundes. »Also, es tut mir furchtbar leid, daß Sie das nicht für mich tun können, Sir John. Ich gehe nun zu Sir Gerald Pompey.«

»Ja, wer sagt denn, daß ich es nicht für Sie tun kann?« erklärte Sir John. »Können Sie wissen, welche Opfer ich im Berufsinteresse zu bringen imstande bin? Stadtrat, Sie ziehen Ihre Schlüsse mit der Behendigkeit eines Akrobaten, aber Ihre Schlüsse sind falsch! Miß Taft, geben Sie mir den Telephonapparat! Chung, meinen Rock! Leben Sie wohl, Trent, leben Sie wohl!«

Eine Stunde später traf Edward Henry Herrn Marrier im Grand Babylon. »Sie sind der größte Mann, der je da war!« sagte Herr Marrier.

»Und warum?«

Herr Marrier zeigte ihm ein Abendblatt; unter den Nachrichten »Nach Schluß des Blattes« las er: »Sir John Pilgrim hat seine feierliche Abreise von Tilbury aufgegeben, um Mittwoch in acht Tagen den Eckstein des neuen Regententheaters zu legen. Er und Miß Cora Pryde werden sich erst in Marseille auf der ›Kandahar‹ einschiffen.«

»Sie brauchen gar keine Propaganda zu machen,« sagte Herr Marrier, »die macht schon Pilgrim.«

III

Edward Henry und Herr Marrier arbeiteten an diesem Nachmittag an den Vorbereitungen für die Feier. Sie arbeiteten vortrefflich zusammen. Es war klar, daß ganz London an der Feier teilnehmen mußte. Zufällig hatte Herr Marrier auch bereits ein Verzeichnis von ganz London in der Tasche und Edward Henry war zufriedener mit ihm als je. Aber gegen vier Uhr merkte Edward Henry mit Verdruß und sogar mit einiger Besorgnis eine rätselhafte Veränderung in Marriers Zügen. Sein sicherer Optimismus war geschwunden. Er war unruhig, geistesabwesend und brachte nichts zustande. Als die Uhr vier schlug, und Edward Henry nicht darauf achtete, sagte er: »Ich fürchte, ich werde mich jetzt beurlauben müssen.«

»Warum?«

»Ich sagte Ihnen ja, daß ich um vier eine Verabredung zum Tee habe.«

»So? Was für eine Verabredung?« fragte Edward Henry mit der selbstverständlichen Annahme des Brotgebers, daß man für drei Pfund wöchentlich nicht nur das Gehirn eines Menschen, sondern auch seine Seele kauft.

»Ich erwarte eine Dame zum Tee. Unten natürlich.«

»Hier im Hotel?«

»Ja.«

»Wen denn?« fuhr Edward Henry leichthin fort, denn obwohl er Herrn Marriers Dienste schätzte, verachtete er ihn doch zugleich. Immerhin hatte er den Takt, hinzuzufügen: »Wenn man fragen darf?«

»Miß Elsie April.«

»Hören Sie, Marrier,« sagte Edward Henry, »haben Sie wirklich Miß Elsie April all die Zeit her gekannt und mir nie etwas davon gesagt? ... Es ist doch wohl dieselbe? Die Kusine oder sonst eine Verwandte von Rose Euclid?«

Herr Marrier nickte. »Die Sache ist die,« sagte er, »wir, sie und ich, haben die Vorbereitung der Jahresversammlung der Azur-Gesellschaft übernommen. Sie wissen, die Gesellschaft steht an der Spitze der neutheosophischen Bewegung in England.«

»Das haben Sie mir auch nie gesagt.«

»Nicht? Ich ahnte nicht, daß es Sie interessieren würde. Außerdem sind wir beide, Miß April und ich, noch nicht lange Mitglieder.«

»So?« sagte Edward Henry im Ton des schlauen Provinzlers, der sich seiner überlegenen Klugheit bewußt ist; und er wiederholte dieses »So?« nachdrücklich, um auch dem anderen die gleiche Überzeugung beizubringen. In seinem Unterbewußtsein aber war der Gedanke: »Wie kann dieser Mensch, dessen Gehirn mir gehört, etwas organisieren, wovon ich nichts weiß und auch nichts zu wissen wünsche?«

»Ja«, sagte Herr Marrier bescheiden.

»Hören Sie,« fragte Edward Henry, »wer ist sie eigentlich?«

»Wer sie ist?« wiederholte Herr Marrier ohne recht zu begreifen.

»Ja. Was macht sie?«

»Nichts macht sie«, sagte Herr Marrier. »Eine sehr gute Amateurschauspielerin ist sie! Auch viel in Gesellschaft. Ihre Mutter war Schauspielerin; mit einem reichen Korsettfabrikanten en gros verheiratet!«

»Wer? Miß April?« Edward Henry fühlte einen schmerzenden Stich.

»Nein. Ihre Mutter. Beide Eltern sind tot, Miß April hat ein beträchtliches Vermögen.«

»Was nennen Sie beträchtlich?«

»Fünf- oder sechstausend jährlich.«

»Alle Wetter!« murmelte Edward Henry.

»Hat in letzter Zeit vielleicht etwas verloren,« schränkte Herr Marrier seine Worte ein, »aber nicht viel, nicht viel!«

»Und wie«, sagte Edward Henry lächelnd, »steht es mit meinem Tee? Soll ich allein Tee trinken?«

»Wollen Sie mit hinabkommen und sie kennenlernen?« Herrn Marriers Ausdruck war geradezu sehnsüchtig.

»Nun,« sagte Edward Henry, »es wäre vielleicht ein Gedanke. Warum soll ich der einzige Mensch in London sein, der Miß Elsie April nicht kennt?«

Es war zehn Minuten nach vier, als sie die elektrisch erleuchteten Gesellschaftsräume des Grand Babylon betraten. Die Musik spielte, das Porzellangeschirr klapperte, die Kellner glitten hin und her, und die großen Damenhüte mit nickenden Federn drängten sich immer dichter und dichter um die Tische, aber nirgends sahen sie eine Spur von Elsie April. »Vielleicht war sie schon da und ist wieder fortgegangen«, sagte Edward Henry besorgt.

»O nein, sie geht nicht fort«, sagte Herr Marrier bestimmt; und mit dem Ton eines Mannes, der ein Einkommen von mindestens zweihundert Pfund die Woche hat, bestellte er einen Tisch für drei Personen.

Zehn Minuten vor fünf Uhr sagte auch er: »Ich hoffe nur, sie ist nicht hier gewesen und wieder fortgegangen.«

Edward Henry begann schlechter Laune und ärgerlich zu werden. Die künstliche Heiterkeit in den mit Menschen gefüllten Räumen verdroß ihn. Wenn Elsie April dagewesen und wieder gegangen war, so mußte ihn ein so törichtes weibliches Gebaren ärgern. Wenn sie sich nur verspätete, so fand er eine derartige Unpünktlichkeit unentschuldbar. Er gab Herrn Marrier die Schuld. Da er ihm wöchentlich drei Pfund zahlte, fühlte er das Recht, ihn zu tadeln. Und außerdem sehnte er sich nach seinem Tee.

Jetzt aber wurden ihre vier Augen, die seit vierzig Minuten kaum von der Eingangstreppe gewichen waren, belohnt. Sie erschien im Pelz, mit langen weißen Handschuhen, goldenen Ketten, einem goldenen Beutel, einem schwarzen Samthut. »Ich komme doch nicht etwa spät?« sagte sie nach der Vorstellung.

»Nein«, erwiderten beide, und sie meinten es auch. Sie war wie schönes Wetter. Die vierzig Minuten, die sie gewartet hatten, waren vergessen, aus der Erinnerung geschwunden, so wie die Erinnerung an einen Monat Regen durch einen leuchtenden Sonnentag getilgt wird.

IV

Der schlechte Tee schmeckte Edward Henry außerordentlich gut. Miß Elsie Aprils Gegenwart hob seine Stimmung, während Herr Marrier seltsamerweise in eine immer tiefere, bei ihm ganz ungewohnte Melancholie versank. Edward Henry fand Miß April genau so pikant, anziehend und entzückend, wie an dem Tag, als er am nächsten Tisch im Wilkins die Artischocke gegessen hatte. Sie sah genau so aus, wie er ihr Bild in Erinnerung hatte, nur daß sie ein wenig stärker geworden war. Sie war, es gab kein anderes Wort dafür, eine strahlende Erscheinung. Man konnte sie nicht schön nennen, weil sie eine Stupsnase hatte; aber dieser Reiz! Jede Bewegung, jedes Wort bezauberte ihn, und nicht nur hie und da irgendeine zufällige Gebärde, ein Ton, sondern die ganze Zeit, ob sie ernst war oder lächelte, nach ihrer Teetasse griff oder ihren Pelz über die Schulter zurückschob, ob sie vom Wetter sprach oder von der sozialen Krise, ob sie scherzte und sich einen Augenblick gehen ließ, – genau so wie damals bei der Artischocke. »Das ist das schönste Weib, das ich je gesehen!« dachte er. Selbst Frauen, die er bewunderte und gern hatte, wie die Gräfin von Chell und Lady Woldo, verschwanden neben ihr. Und es war nicht ihr Verstand, noch ihre Schönheit, noch ihre Eleganz, sondern ein geheimnisvolles und berauschendes Etwas, das in ihrer ganzen Persönlichkeit lag.

»Ich habe sie oft und oft wiederzusehen gewünscht, und jetzt trinke ich Tee mit ihr!« dachte er und war glücklich.

»Haben Sie die Liste, Herr Marrier?« fragte sie mit ihrer tiefen und aufregenden Stimme. Bei diesen Worten hob sie die Augenbrauen erwartend hoch, was unter dem halb emporgeschlagenen weißen Schleier entzückend aussah.

Herr Marrier zog ein Papier hervor. »Das ist ja meine Liste!« sagte Edward Henry.

»Ihre Liste?«

»Das ist so ...« und Herr Marrier versuchte die Sache rasch aufzuklären. »Herr Machin braucht eine Liste der richtigen Leute, die man zur Ecksteinlegung für sein Theater einladen soll. Da benützte ich diese Liste als Basis.«

Elsie April lächelte. »Sehr gut«, sagte sie.

»Und wozu dient Ihre Liste, Marrier?« fragte Edward Henry.

Elsie antwortete für ihn: »Es sind die Leute, die zur dramatischen Soiree der Azur-Gesellschaft eingeladen werden müssen. Wir geben sechs Abende im Jahr. Der Titel wird nicht angezeigt. Niemand außer einem Dreierkomitee kennt auch nur den Namen des Dichters, dessen Stück aufgeführt wird. Alles bleibt geheim. Auch der Autor weiß nicht, daß sein Stück gewählt worden ist. Ist das nicht eine entzückende Idee?«

Er gab zu, daß die Idee entzückend war. »Werde ich auch eingeladen?« fragte er.

»Das weiß ich nicht«, antwortete sie ernst.

»Werden Sie auftreten?«

Zögernd sagte sie: »Ja.«

»Dann müssen Sie mich einladen. Da wir von Stücken sprechen ...« er hielt inne. Er wollte gerade scherzhaft von der Vorlesung bei Sir John Pilgrim erzählen. Aber er hielt rechtzeitig inne. Wenn »Die Perle des Orients« am Ende das Stück war, das die Azur-Gesellschaft aufführte! Es war nicht unmöglich! Es war gerade die Art Stück, die so eine Gesellschaft wählen konnte. Dennoch wünschte er mehr als je Elsie April spielen zu sehen. Sie mußte jedes Stück heben. Selbst seine tiefe Verachtung für die neutheosophische Bewegung, – von der er übrigens nicht das geringste wußte, – verlor sich infolge der bezaubernden Art, wie Elsie April die Worte »Azur-Gesellschaft« flüsterte.

»Wann findet die Aufführung statt?« fragte er.

»Mittwoch in acht Tagen«, sagte sie.

»Also am selben Tag wie meine Ecksteinlegung«, sagte er. »Aber das macht ja nichts. Mein kleines Fest findet nachmittags statt.«

»Aber das ist unmöglich«, sagte sie entschieden. »Das stört unsere Sache oder wir die Ihre. Unsere Versammlung findet auch nachmittags statt, und ganz London kommt hin.«

Ein wenig beschämt sagte Herr Marrier: »Das ist es ja eben, Herr Machin! Ich habe tatsächlich übersehen, daß die Azur-Vorstellung am selben Tag ist! Bis heute nach drei Uhr habe ich einfach nicht daran gedacht! Ich wußte nicht, was ich Ihnen sagen sollte. Ich begreife auch nicht, wie ich es übersehen konnte.«

Nun war es heraus, was auf Herrn Marrier gelastet hatte, und er sank in Edward Henrys Achtung. Herr Marrier fürchtete sich vor ihm. Seine Liste war kein Wunder an Voraussicht gewesen; sie war ein bloßer Zufall. Er begann sich zu fragen, ob Herr Marrier seine drei Pfund in der Woche verdiente. Eine napoleonische Erbarmungslosigkeit kam über ihn. Er fühlte sich imstande, die ganze Azur-Gesellschaft und die neutheosophische Bewegung in Grund zu bohren.

»Sie müssen Ihr Fest verschieben. Bitte, tun Sie es!« sagte Elsie April; sie setzte den rechten Ellbogen auf den Tisch und stützte ihr Kinn darauf, so daß alle drei inmitten der schmetternden Musik und der Menschenfülle des weiten Raumes in einer Art häuslicher Intimität beisammen saßen.

»Nein, das kann ich nicht«, sagte er vertraulich. Sie hatte sich so wie damals bei der Artischocke benommen, so daß er diesen Ton annehmen durfte. »Unmöglich!« wiederholte er. »Ich habe Sir John gesagt, daß ich keinen Tag früher fertig sein kann, und am Tag nachher ist er auf dem Weg nach Marseille. Außerdem will ich es gar nicht verschieben. Es steht ja schon in allen Zeitungen.«

»Sie haben unserer Bewegung schon genug Schaden zugefügt«, sagte Elsie April fest. Dennoch klang es entzückend.

»Ich, Ihrer Bewegung? Schaden?«

»Haben Sie nicht den Bau unserer Kirche verhindert?«

»Oh! Sie kennen Herr Wrissell?«

»Sehr gut.«

»Jeder an meiner Stelle würde das gleiche getan haben!« verteidigte sich Edward Henry. »Ihre Kusine, Miß Euclid, würde es auch getan haben, und Marrier war damals ihr Partner.«

»Aber wir gehörten damals noch nicht zur Bewegung! Wir wußten noch nichts davon ... Sehen Sie, Herr Machin, Sir John Pilgrim ist natürlich eine große Anziehung. Aber selbst wenn Sie ihn haben und ihn behalten, wir würden Sie doch schlagen. Sie bekommen nie das Publikum, das Sie brauchen, wenn Sie den Tag nicht ändern. Die Zahl der Leute in London, die überhaupt zählen, ist sehr klein. Und wir haben fast alle. Sie ahnen gar nicht ...«

»Es muß bei Mittwoch in acht Tagen bleiben«, sagte Edward Henry. Daß er ihr so Trotz bot, regte ihn auf und gab ihm zugleich ein besonderes Glücksgefühl.

»Mein lieber Herr Machin ...«

Er fühlte den Zauber, den sie ausübte, und merkte, daß er ihm leicht widerstehen konnte. »Meine liebe Miß April,« sagte er, »bitte, versuchen Sie nicht, Ihre Schönheit gegen mich auszuspielen.«

Sie richtete sich auf. Sie maß sich offenbar mit ihm. »Sie wollen also wirklich den Tag nicht ändern?« sagte sie mit unverminderter Freundlichkeit.

»Nein«, antwortete er mit leichtem Lachen. »Sie haben wahrscheinlich mit Leuten von meiner Art noch nicht zu tun gehabt, Miß April.« Sie mochte mit Herrn Seven Sachs fertig werden, aber nicht mit Edward Henry Machin aus den Fünf Städten! »Marrier!« sagte er plötzlich und heiter. »Sie spielen hier eine recht ungeschickte Rolle, nicht? Und außerdem müssen Sie noch vor sechs mit Alloyd sprechen. Also gehen Sie. Ich übernehme Miß April.« »Ich werde es diesen Londonern schon zeigen!« sagte er zu sich selbst. »Man wird ganz leicht mit ihnen fertig, wenn man einmal weiß wie.« Und er wurde Herrn Marrier tatsächlich los, nachdem dieser noch einiges mit Miß April für die Azur-Gesellschaft besprochen hatte.

»Ich muß gleichfalls gehen«, sagte Elsie ruhig und ohne zu verraten, was sie dachte.

»Nur einen Augenblick«, bat er und winkte Marrier gebieterisch, sich zu entfernen. Schließlich zahlte er dem Menschen drei Pfund die Woche.

Sie folgte Marrier mit den Blicken, während er sich zwischen den Tischen seinen Weg bahnte, und sie hatte bereits ihre Handschuhe an. »Ich muß gehen«, wiederholte sie. Ihre vollen roten Lippen waren fest geschlossen.

»Haben Sie ein Auto hier?« fragte Edward Henry.

»Nein.«

»Dann, wenn Sie erlauben, bringe ich Sie nach Hause.«

»Gut«, sagte sie mit einem vollen Blick auf ihn, der ihn überraschte und verwirrte.

V

»Sind wir Freunde?« fragte er scherzend.

»Ich hoffe«, sagte sie, blieb aber so unerforschlich wie vorher.

Sie saßen in einer Taxameterdroschke und fuhren das Themseufer entlang nach dem Buckingham Palace Hotel, wo sie wohnte. Er war glücklich. »Warum bin ich glücklich?« dachte er. »Was ist an ihr, das mich glücklich macht?« Er wußte es nicht. Er wußte nur, daß er noch niemals in einem Taxameter oder sonst irgendwo mit einer auch nur halb so eleganten Frau gewesen war. Ihre Eleganz schmeichelte ihm außerordentlich. Hier saß er, ein Geschäftsmann aus der Provinz, und tat es den Ersten gleich! ... Und sie war noch jung bei all ihrer mondänen Reife. Sie konnte höchstens siebenundzwanzig Jahre alt sein. Sie sah gerade vor sich hin mit einem leichten Lächeln ... Oh, er wußte, daß er verheiratet war. Ganz deutlich sah er Nellie, die engelhafte, die drei Kinder und seine Mutter in der Ferne, aber es schien ihm, als wäre sein Fall irgendwie gänzlich verschieden von allen ähnlichen Fällen, die irgendein anderer verheirateter Mann erlebt haben mochte. Und sorgenlos genoß er die lebhafte Freude des Augenblicks.

»Aber,« sagte sie, »ich hoffe, Sie werden nicht kommen, mich spielen zu sehen.«

»Warum nicht?«

»Es ist mir lieber. Ihre Anwesenheit würde mich stören.«

»Wie ist das möglich?«

Mit einer raschen Bewegung, die den ganzen Faltenwurf ihres Kleides verschob, wendete sie sich zu ihm und sah ihn an: »Herr Machin,« sagte sie, »wissen Sie, warum ich Ihre Begleitung angenommen habe?«

»Weil Sie ein liebenswürdiger Mensch sind.«

Sie wurde sehr ernst und schüttelte den Kopf: »Nein, sondern weil ich Ihnen sagen wollte, daß Sie meine Kusine Rose zugrunde gerichtet haben.«

»Miß Euclid? Ich hätte Miß Euclid zugrunde gerichtet?«

»Ja. Sie nahmen ihr das Theater weg; es war ihre letzte Aussicht.«

Edward Henry errötete. »Entschuldigen Sie,« sagte er, »aber ich habe nichts dergleichen getan. Ich habe ihr einfach ihre Option abgekauft. Es stand in ihrem Belieben, sie zu behalten oder herzugeben.«

»Das ändert nichts an der Tatsache,« sagte Elsie April, und ihre Augen wurden feucht, »daß sie ihr Herz an dieses Theater gehängt hatte, und daß Sie sie im letzten Augenblick im Stich ließen. Sie hatte nichts, und Sie bekamen das Theater. Ich glaube gern, daß Sie das Gesetz auf Ihrer Seite haben. So dumm bin ich nicht. Aber Rose ging verzweifelt nach Amerika und sie spielt dort vor leeren Häusern! vor leeren Häusern! Und wenn sie jetzt hier wäre und ihr Theater hätte, könnte sie mit großen Erfolgen rechnen!«

»Davon ahnte ich nichts«, sagte Edward Henry leise. »Das tut mir furchtbar leid.«

»Ja, gewiß. Aber das ändert nichts an den Tatsachen.«

Sie schwiegen beide. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Er fühlte sich einerseits unschuldig und doch auf der anderen Seite schwer schuldig. Die Gewissensbisse wegen des Streichs, den er Rose Euclid am Telephon gespielt hatte, erwachten aus langer Vergessenheit und quälten ihn wieder ... Er war unschuldig; er sagte es sich selber, daß er nichts dafür konnte, und dennoch ...!

Noch nie war eine Taxameterdroschke so schnell gefahren. Ehe er sich noch gesammelt hatte, hielt sie unter dem Vordach des Buckingham Palace Hotels.

Seine letzten Worte zu ihr waren: »Ich kann den Tag für meine Feier nicht ändern. Aber sorgen Sie nicht um Ihre Soirée. Es wird alles gehen.« Er sagte es in heiterem Ton; es sollte eine Liebenswürdigkeit sein. Aber im Herzen fragte er sich, ob sie ihn nicht bei der ersten Begegnung geschlagen hatte. Übrigens, Seven Sachs mochte sagen, was er wollte – gar so unwiderstehlich war sie nicht.

Als er seinen Untergebenen um viertel auf Sieben wieder sah, sagte er zu ihm: »Sie, Marrier, ich habe eine großartige Idee. Wir veranstalten eine nächtliche Feier für unsere Ecksteinlegung. Nach dem Theater, so um halb zwölf. Bei Fackellicht und Feuerwerk von den Kranen! Das wird etwas für Pilgrim sein. Innen lasse ich ein Zelt aufstellen, mit einer zusammenlegbaren Bretterwand ausgekleidet, und ein paar rauchlose Öfen zur Heizung. Elektrisches Licht kann leicht eingerichtet werden. Es wird die sensationellste Grundsteinlegung, die je da war. Die Presse der ganzen Welt schreibt darüber. Denken Sie nur! Fackeln! Feuerwerk von den Kranen! Aber das Datum ändere ich nicht – auch nicht für Miß April! für niemanden!«

Herr Marrier erschöpfte sich in Lobsprüchen.

VI

»Kommen Sie da herauf, Sir John!« rief Edward Henry. »Von hier können Sie besser sehen und sind das Gedränge los. Und ich muß Ihnen etwas zeigen.«

Er stand in seinem Pelz am oberen Ende einer kurzen Treppe mit ungehobelten Stufen zwischen zwei ungetünchten Wänden, die für einen Notausgang aus dem ersten Rang des Theaters bestimmt war. Am Fuß der Treppe stand Sir John Pilgrim, gleichfalls im Pelz, im vollen Schein einer Bogenlampe, die seinen Schatten fast bis zu Edward Henrys Füßen warf. Ringsum waren die mächtigen und geheimnisvollen Umrisse der Gerüste sichtbar, hier in schwarzem Schatten, an anderen Stellen von hellen Strahlen beleuchtet, die von der Festlichkeit unten heraufschossen, während hier und da ein farbiger Damenmantel durch eine Ritze in dem provisorischen Bau sichtbar wurde. Hoch über ihnen verschränkten zwei riesige Krane ihre eisernen Arme, und noch höher oben schimmerten die Sterne in der klaren Frühlingsnacht.

Es war beinahe halb zwölf. Die Feier war erfolgreich beendet. Ganz London war da gewesen. Die halbe Aristokratie Englands, und weit mehr als die halbe Aristokratie der Bühne. Was es an Ästhetentum in der Hauptstadt gab! Journalisten, die Einfluß genug hatten, um Europa in den Krieg zu treiben! In einer kurzen Stunde hatte Edward Henrys rechte Hand hunderte der berühmtesten Hände Englands gedrückt. Wenn er künftig durch die eleganten Straßen des Westens ging, konnte er unaufhörlich stehenbleiben und mit hohen und berühmten Bekannten plaudern und seinen Hut vor reizenden Damen abnehmen, die in mächtigen Automobilen vorbeischossen und ihm zunickten. Edward Henry war überrascht zu sehen, wieviel berühmte Leute es gab, die anscheinend nichts anderes zu tun hatten, als an mitternächtlichen oder anderen Feiern teilzunehmen. Wie Marrier vorausgesagt, hatte Sir John Pilgrim für die Propaganda gesorgt. Aber Edward Henry hatte dabei geholfen. Und am letzten Tag waren die Abendzeitungen nicht mehr zu halten gewesen und mit seiner Feier einfach durchgegangen. Sie stand in den Inhaltsverzeichnissen der Blätter, noch ehe sie stattgefunden hatte. Edward Henry war mehrmals interviewt worden, und es hatte ihm ganz gut gefallen. Er merkte, daß seine neue Idee den Leuten gefallen hatte. Für eine Nacht zum mindesten war er berühmt – so berühmt wie nur irgendein anderer.

Sir John hatte großartig ausgesehen, als er in einer erhöhten Ecke des menschengefüllten, beflaggten Zeltes eine Kelle schwang und von dem großen und erleuchteten Publikum, von der Mission des Dramas, von der Pflicht des Künstlers, die Menschen zu erheben, von der schweren, verantwortlichen Stellung des Bühnenleiters sprach und versicherte, daß die Welt der Bühne keine kleinlichen Eifersüchteleien kennt! Die Menge hatte lauten Beifall gespendet, während die Bleistifte der Reporter über die Seiten ihrer Notizbücher flogen. »Esel!« hatte Edward Henry heimlich, aber kräftig und aufrichtig gesagt und Sir John gemeint, während er so laut Beifall klatschte wie irgendein anderer. Denn er war aus den Fünf Städten, und dort sind die Leute nun einmal so! Dann hatte Sir John den Eckstein feierlich für gelegt erklärt – es war die Ecke, von der das elektrische Licht den Theaterbesuchern die Wege weisen sollte –, und nachdem Edward Henry ihm seinen Dank ausgesprochen, hatte er zerstreut ein paar Hände geschüttelt und war endlich im Büro des Bauleiters angelangt, in dem Edward Henry Erfrischungen für den Ecksteinleger und einige auserlesene Freunde beiderlei Geschlechts vorbereitet hatte.

Er hatte gehofft, daß auch Elsie April den Weg in das kleine Büro finden würde. Aber Elsie April war nicht erschienen. Sie war nicht wohl. Ihre Abwesenheit war der einzige dunkle Flecken an der sonst so gelungenen Festlichkeit gewesen. Elsie April hatte durch eine Erkältung ihre Stimme verloren, derart, daß die Vorstellung im Dramatischen Klub der Azur-Gesellschaft, die ganz London so begierig erwartete, verschoben werden mußte. Edward Henry hatte das Mißgeschick der Azur-Gesellschaft gleichmütig ertragen, aber er war tief enttäuscht, daß Elsie April zu seinem Fest nicht erschienen war. Seine Augen vermißten sie sehr.

Sir John, der offenbar aus einem Traum erwachte, als Edward Henry ihn zum zweitenmal anrief, kletterte die unebenen Stufen empor und folgte seinem Wirt und jüngstem Konkurrenten über die unsicheren Brettergänge im ersten Stockwerk des Regenten-Theaters.

»Kommen Sie weiter hinauf«, sagte Edward Henry und stieg zu dem angefangenen Mauerwerk des zweiten Stockwerks empor, über dem vom größeren der beiden Krane der mächtige käfigartige Tragkorb hing, in dem Ziegel und Quadersteine vom Erdboden hinaufbefördert wurden.

Die beiden Pelze standen dicht beisammen. »Nun, junger Mann,« sagte Sir John Pilgrim, »Ihre Schwierigkeiten werden bald beginnen.«

Edward Henry liebte es nicht, wenn man ihn »junger Mann« anredete, besonders nicht in dem gönnerhaften Ton, in dem Sir John es tat. Außerdem hatte er den Verdacht, daß Sir John sich für den eigentlichen Schöpfer des Regenten-Theaters hielt und in der Illusion lebte, daß ohne seine Mitwirkung an der Ecksteinlegung es nie zustande gekommen wäre.

»Sie meinen, meine Schwierigkeiten als Direktor?« sagte er unfreundlich.

»Heute in einem Jahr, noch ehe ich von meiner Weltreise zurückkomme, werden Sie so weit sein, daß Sie diesen Bau zu jeder Bedingung abgeben werden. Sie werden wünschen, Sie hätten mein Beispiel befolgt und wären dem Piccadilly Cirkus ferngeblieben. Piccadilly Cirkus bringt Unglück, mein Stadtrat – er bringt Unglück!«

»Kommen Sie in den Korb, Sir John,« sagte Edward Henry, »Sie werden noch eine bessere Aussicht haben. Aber auch von hier ist der Blick schön!«

Er kletterte in den Korb und half Sir John hinein. In dem tiefen Schweigen, das sie umgab, murmelte Sir John gefühlvoll: »Wir sind allein mit London!«

»Pinsel!« dachte Edward Henry.

Sie hörten Fußtritte über lose Bretter in der Ferne hallen. »Wer ist denn da?« rief Edward Henry.

»Nur ich!« rief eine Stimme zurück. »An mich denkt niemand!«

»Wer ist denn das?« flüsterte Sir John.

»Alloyd, der Architekt«, antwortete Edward Henry, und laut rief er: »Kommen Sie hier herauf, Alloyd!«

Die eingehüllte Gestalt kam näher, zögerte und folgte schließlich den beiden anderen in den Korb. »Gestatten Sie mir, Herrn Alloyd, unseren Architekten, vorzustellen – Sir John Pilgrim«, sagte Edward Henry.

»Ah«, sagte Sir John, indem er sich zu Alloyd niederbeugte. »Sind Sie das Genie, das all die netten kleinen Striche und Linien auf Ölpapier zeichnet, Herr Alloyd? Sagen Sie, sind sie für einen Bau wirklich nötig, oder machen Sie die nur zur eigenen Unterhaltung? Ganz unter uns, wissen Sie! Ich habe mich das oft gefragt.«

Mit blassem Lächeln antwortete Herr Alloyd: »Natürlich macht jedermann mit dem Architekten seinen Witz!«

Es folgte eine unangenehme Pause.

»Sie versprachen uns Raketen, Herr Machin,« sagte Sir John, »meine Seele lechzt nach Raketen.«

»Recht haben Sie!« sagte Edward Henry. Dicht in ihrer Nähe, nur etwas höher, befand sich die Maschinerie des Krans, von einem Mechaniker bedient, dem Edward Henry Überstunden bezahlte. Auf ein gegebenes Zeichen stieg der Tragkorb mit dem Eigentümer und dem Architekten des Theaters und Sir John Pilgrim mit einem plötzlichen Ruck in die Lüfte. Gleichzeitig begann er sich rasch um sich selbst zu drehen, wie es derartige Tragkörbe am Drahtseil tun, ob sie mit Ziegelsteinen oder mit Berühmtheiten gefüllt sind.

»Oh!« rief Sir John schreckensbleich und hielt sich an der Korbwand fest.

»Oh!« schrie Herr Alloyd und hielt sich gleichfalls fest.

»Ich will Ihnen einmal London zeigen«, sagte Edward Henry, der die Sache schon kannte.

Der Wind blies kalt über die Schornsteine. Genau an der Spitze des anderen Kranes hielt der Korb an. London lag zu ihren Füßen. Die Kurven von Regent-Street und Shaftesbury-Avenue sowie die geraden Linien Piccadillys, der Unteren Regent-Street und Coventry-Street zeichneten sich wie auf einer beleuchteten Karte ab, über die winzige Menschen und Spielzeugautobusse hinkrochen. Dicht unter ihnen glitt eine lange Reihe von Autos fort, die eines nach dem anderen die Gäste des Abends davontrugen. Die Riesenstadt dehnte sich zu ihren Füßen, sie hob sich gen Norden und senkte sich gegen Süd zu dem glitzernden Strom, an dessen gekrümmten Ufern Lichtbotschaften emporstiegen, die Whisky, Tee und Bier anpriesen. Der nächtliche Lärm der Stadt, der jetzt mit jedem Augenblick geringer wurde, stieg wie aus einer anderen Welt zu ihnen empor.

»Sie verlangten nach einer Rakete, Sir John,« sagte Edward Henry, »Sie sollen sie haben.«

Er hatte eine Schachtel mit Zündern aus der Tasche gezogen. Seine Gefährten in dem schaukelnden Korb sahen eine gewaltige Rakete an der Spitze des anderen Krans befestigt. Edward Henry steckte den Zünder an ... ein Augenblick tödlicher Erwartung folgte ... und dann schoß die Rakete mit einem furchtbaren Knall und wildem Zischen und Sprühen zum Himmel empor und zerplatzte unter dem Gewölbe zu unzähligen roten Blüten, die auf einer Quadratmeile alle Dächer beleuchteten und sacht und langsam über Westend niedergingen wie ein himmlischer Segen.

»Sie wollen doch alles karminrot haben, nicht wahr, Sir John?« sagte Edward Henry, und seine fröhliche Stimme beruhigte allmählich die Besorgnis zweier höchst irdischer Menschen, die zum erstenmal frei über dem Abgrund schwebten.

»Seit dem russischen Ballett habe ich noch nichts gesehen, was so eindrucksvoll gewesen wäre«, murmelte Herr Alloyd.

»Sie müßten einmal nach Sibirien, Alloyd«, sagte Edward Henry.

Sir John Pilgrim, der jetzt eine außerordentliche Furchtlosigkeit mimte, wendete sich plötzlich zu Edward Henry und schüttelte ihm krampfhaft die Hand. »Mein Freund,« sagte er heiter, »mir ist soeben ein Gedanke gekommen: Sie und ich, wir sind die beiden bedeutendsten Männer in London!« Der Tragkorb erzitterte, und er sah empor. »Wie dünn das Stahlseil aussieht!«

Der Korb senkte sich langsam mit vielen Drehungen. Edward Henry sprach kein Wort. Er war von seinem eigenen Triumph zu erregt, um sprechen zu können. Wer außer mir, dachte er jubelnd, hätte diese Sache so durchführen können? Wer hätte gewagt, Sir John Pilgrim wie eine Ladung Ziegelsteine in die Luft zu ziehen und ihn fast zu Tode zu ängstigen?

Als der Tragkorb sich der Plattform des ersten Stockwerks näherte, sah er, daß zwei Personen dort warteten; in der einen erkannte er den treuen, harmlosen Marrier; die andere war eine Frau.

»Hier ist jemand, der Sie dringend zu sprechen wünscht, Herr Machin!« rief Marrier.

»Wetter!« murmelte Alloyd. »Was für eine herrliche Gestalt! Mich wünscht ein so reizendes Frauenzimmer natürlich nie dringend zu sprechen! Manche Leute haben ein Glück!«

Die weibliche Gestalt war ein wenig zurückgetreten, als der Korb landete. Edward Henry folgte ihr über den Bretterboden. Es war Elsie April.

»Ich dachte, Sie wären krank und zu Bett«, flüsterte er erstaunt.

Ihre Antwort war kaum hörbar: »Ich bin nur ganz heiser. Meine Kusine Rose ist heute abend in aller Stille in Tilbury auf der ›Minnetonka‹ gelandet.«

»Der ›Minnetonka‹?!« murmelte er. Welch ein sonderbares Zusammentreffen! Sollte das Unglück bedeuten?

»Sie schickte nach mir,« fuhr das Gespenst einer Frauenstimme fort, »sie ist völlig gebrochen und ruiniert, hat keinen Lebensmut mehr. Es war ein furchtbares Fiasko in Chikago! Sie wohnt in einem kleinen Hotel in Soho. Sie wollte durchaus nicht in mein Hotel kommen. Ich tat, was ich im Augenblick konnte. Da ich hier vorbeifuhr, sah ich die Rakete und dachte an Sie. Ich hielt es für meine Pflicht, Sie davon zu verständigen.« Sie hielt ihren Muff vor den Mund. Sie schien zu zittern.

In diesem Augenblick legte sich eine schwere Hand auf Edward Henrys Schulter. »Entschuldigen Sie, Herr,« sagte eine rauhe Stimme, »sind Sie der Herr, der die Rakete abgefeuert hat? Es ist verboten, das hier zu tun, und Sie müßten das wissen. Tut mir leid, aber ich muß Sie belästigen ...«

Es war ein Schutzmann.

Sir John verschwand unauffällig wie ein Verschwörer die Treppe hinab.

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