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Arnold Bennett: Theater - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorArnold Bennett
titleTheater
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
editorThomas Mann
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131001
projectidfbeb8f6a
wgs9110
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Fünftes Kapitel. Herr Sachs spricht

I

Das plötzliche Aufblitzen des Magnesiumlichts, das er durch die geschlossenen Lider fühlte, bewog Edward Henry zu sofortigem und erbarmungslosem Vorgehen. Er öffnete die Augen und sah die triumphierende Gruppe, während der Photograph selbst in stolzer Pose als Sieger über die Triumphierenden dastand, als wollte er sagen, daß alle Berühmtheiten in letzter Linie nur Objekte für seine Kamera seien.

»Herr Machin,« sagte Rose Euclid, »ich glaube, Sie haben die Augen geschlossen.«

»Ja«, gab Edward Henry zu.

»Aber das verdirbt die Gruppe!«

»Aber gar nicht!« sagte Edward Henry, »ich schließe immer die Augen, wenn ich bei Blitzlicht photographiert werde, ich mache dafür den Mund auf. Das macht doch keinen Unterschied?«

Im letzten Augenblick, als der Photograph die Lage der Hände und die Schulterhaltung der Anwesenden gerichtet hatte, war ihm eingefallen, daß seine Mutter, die nie eine Zeitung las, dafür stets die illustrierte Beilage »Der Film des Tages« durchsah; und der »Film des Tages« brachte vor allem Photographien aus der Theaterwelt. Wie in einer Vision hatte Edward Henry die historische Gruppe in einem der nächsten Hefte gesehen, und zugleich das spöttische Lächeln seiner Mutter, wenn sie ihren Sohn auf dem Bild erkannte; er hörte ihren trockenen verächtlichen Ruf: »Das fehlte noch!« Er hätte ihr nicht mehr in die Augen sehen können. Ihre schweigende Verachtung hätte sein Selbstgefühl einfach aus ihm herausgepreßt. Die Photographie mußte verdorben werden.

»Vielleicht sollte ich doch noch eine Aufnahme machen?« meinte der Photograph, »obschon meiner Meinung nach Herr ... äh ... Herr Machin ganz gut gelungen ist.« Er hatte im letzten Augenblick zu sehr auf sein Bild geachtet, um die Gesichter jedes einzelnen überwachen zu können.

»Ja, natürlich bin ich gelungen!« sagte Edward Henry beinahe brutal. »Bitte, nehmen Sie jetzt das ganze Zeug weg, und rasch. Wir haben Geschäfte.«

»Jawohl«, sagte der Photograph und sah nicht mehr wie ein Sieger aus.

Edward Henry drückte auf die Glocke unter seiner linken Hand, und zwei dienende Herren erschienen. »Räumen Sie diesen Tisch sogleich weg!«

Bei dem befehlenden Ton, in dem er sprach, sahen alle überrascht auf, ausgenommen die dienenden Herren und Herr Seven Sachs. Rose Euclid lachte ihr nervöses Lachen. Der Dichter und Herr Marrier versuchten unbekümmert und würdevoll auszusehen, aber in der Tat waren sie verlegen und schuldbewußt, und sie verachteten sich dafür. Ihre Blicke sagten: »Er ist der Kapitalist. Er hat bares Geld in unbegrenzter Menge und darf sich daher etwas erlauben.« Auch Edward Henrys Charakterstärke beruhte zum großen Teil auf dem Bewußtsein, daß er tatsächlich einen großen Geldbetrag hier im Zimmer hatte, mit dem er tun konnte, was er wollte. »Ich werde es ihnen zeigen!« dachte er. »Berühmtheiten oder nicht, ich werd's ihnen zeigen! Wenn die glauben, sie können mich hineinlegen ...!«

Das sind die schädlichen Folgen, wenn man zuviel Geld hat. Er warf der größten Schauspielerin und dem größten Dichter vor, daß sie ihn betrogen, und dachte gar nicht daran, daß er sie zuerst betrogen hatte! »Also,« begann er, mit der Gewichtigkeit des Vorsitzenden eines Verwaltungsrats, sowie der Tisch weggeräumt war und die dienenden Herren, der Photograph und sein Apparat den Raum verlassen hatten, »sehen wir einmal, wie die Sache liegt.« Und er sah Rose Euclid an, die seinen Blick mit der Miene tiefster geschäftlicher Einsicht erwiderte.

»Ja«, antwortete sie lebhaft. »Sehen wir, wie die Sache liegt.«

»Also die Option muß morgen erledigt werden. Gut. Das ist klar. Es kam etwas plötzlich, aber es ist jetzt klar. Morgen also müssen 4500 Pfund Sterling bar bezahlt werden, um die auf dem Grund stehenden Gebäude zu kaufen und so weiter ...?«

»Ja. Das hat Ihnen doch Herr Bryany alles gesagt. Oder nicht?« sagte Rose mit hellem Blick.

»Herr Bryany hat es mir gesagt«, gab Edward Henry ernst zu. »Aber wenn Herr Bryany sich über das Datum irren kann, dann kann er sich möglicherweise auch über ein paar Nullen am Ende einer Geldsumme irren.«

Zur allgemeinen Überraschung brach Herr Seven Sachs sein Schweigen und sagte: »Die Ziffer stimmt.«

Edward Henry wartete auf weitere Mitteilungen, die nicht erfolgten. Herr Seven Sachs gehörte zu den seltenen Personen, die nicht weiterreden, wenn sie fertig sind. Er schwieg, heiter und unbefangen, wie zuvor. Und Edward Henry bemerkte, daß er ihn stetig beobachtete; und er dachte: »Der Mann ist neugierig, was ich tun werde. Bryany hat ihm von mir erzählt, und er erwartet etwas Ungewöhnliches.« Er sah zu dem elektrischen Kronleuchter hinauf; aber an elektrischem Licht kann man keine Banknote anzünden. Außerdem befanden sich Tausende von Streichhölzern auf dem Tisch, und vor allem hatte er das schon einmal gemacht und durfte sich nicht wiederholen. Er fuhr fort: »Dieses Geld muß morgen, Mittwoch, an Slossons, die Vertreter Lord Woldos, gezahlt werden, ob schön, ob Regen?« Er endete in fragendem Ton, und da niemand antwortete, klopfte er auf den Tisch und wiederholte beinahe drohend: »Morgen, ob schön, ob Regen!«

»Ja«, sagte Rose Euclid, indem sie sich schüchtern vorbeugte und aus einem goldenen Etui, das auf dem Tisch lag, eine Zigarette nahm. Alle ihre Bewegungen zeigten, daß sie einen geschäftstüchtigen Eindruck machen wollte.

»Sie sind also in der Lage, Miß Euclid,« fuhr Edward Henry nachdrücklich fort, und sein Ton schien einen leichten Unglauben zu verraten, »Ihren Anteil morgen zu bezahlen?«

»Selbstverständlich!« sagte Miß Euclid; sie schien schmerzlich berührt sagen zu wollen: »Zweifeln Sie etwa?«

»Morgen vormittag?«

»Ja...a.«

»Das heißt also, daß Sie für morgen vormittag 2250 Pfund in bar, klingende Münze oder Banknoten, bereitliegen haben?«

Miß Euclids freie Hand griff wieder nach rückwärts nach irgendeinem Gegenstand, an dem sie ihre Aufregung zum Ausdruck bringen konnte: »Ich möchte ...« sie hielt verwirrt inne.

»Erstaunliche Leute!« dachte Edward Henry, »sie hat das Geld nicht. Ich wußte es.«

»Die Sache liegt so, Herr Machin«, begann Marrier.

»Entschuldigen Sie, Herr Marrier«, und Edward Henry wendete sich zu ihm, entschlossen, den Optimismus aus diesem strahlenden Gesicht zu löschen. »Jeder Freund von Miß Euclid ist mir ein willkommener Gast; aber Sie haben heute schon einmal von diesem Theater als von ›unserem‹ Theater gesprochen, und ich möchte gerne wissen, was Sie damit zu tun haben?«

»Was ich damit zu tun habe?« lächelte Marrier, völlig unerschüttert. »Miß Euclid hat mich zum Direktor des Theaters ernannt.«

»Mit welchem Gehalt, wenn die Frage nicht unhöflich ist?«

»Oh, die Einzelheiten haben wir noch nicht erledigt. Das Theater ist ja auch noch nicht gebaut.«

»Ach ja!« sagte Edward Henry. »Das hatte ich ganz vergessen! Ich dachte im Augenblick, das Theater sei schon fix und fertig und wird morgen abend mit der ›Perle des Orients‹ eröffnet. Haben Sie schon viel Erfahrung in der Leitung von Theatern, Herr Marrier? Offenbar?«

»O ja!« rief Herr Marrier. »Ich war zwar ursprünglich in einem Anwaltsbüro ...«

»Ich auch«, warf Edward Henry dazwischen.

»Wie interessant!« murmelte Rose Euclid mit Gefühl und blies eine lange Rauchwolke von sich.

»Aber, ich warf den Beruf hin«, fuhr Marrier fort.

»Ich nicht«, sagte Edward Henry. »Ich wurde hinausgeworfen!« Und seltsamerweise war er in diesem Augenblick stolz darauf, daß er aus seiner ersten Stellung entlassen worden war, und seltsamerweise hatten alle Anwesenden eine höhere Meinung von ihm, weil er entlassen worden, und Marrier bedauerte, daß es bei ihm nicht auch der Fall gewesen! Der Besitz von sehr viel Geld hat seine Strahlungen, die in die Vergangenheit wie in die Zukunft wirken.

»Ich warf es hin,« sagte Marrier, »weil die Bühne eine unwiderstehliche Anziehung für mich hatte. Ich führte schon damals die Regie in Liebhabervorstellungen. Dann wurde ich ernstlich als Regisseur einer Gesellschaft angestellt, die mit ›Onkel Toms Hütte‹ reiste. Dabei blieb ich sechs Jahre. Dann gab ich es auf und leitete eine Tournee Miß Euclids in der Provinz. Aber erst seitdem ich unseren Freund Trent kennengelernt, habe ich die Möglichkeit, meine Ideen, wie man Stücke auf die Bühne bringen muß, wirklich zu zeigen. Ich bilde mir ein, daß meine Inszenierung von Trents Einakter nicht so bald vergessen werden wird ... Ich meine die ›Nymphe‹ – Sie haben doch davon gelesen?«

»Nein,« sagte Edward Henry, »wie oft wurde sie gespielt?«

»Oh, das war nicht die Absicht; sie sollte nicht oft gespielt werden. Es war eine einmalige Matinee der ›Gesellschaft für moderne Inszenierung‹ im Court-Theater. Vor den intellektuellsten Personen Londons. So ein Publikum gibt es in der Welt nicht wieder!« Sein pausbäckiges Gesicht glühte von Begeisterung. »Aber das war nur nebenbei. Mein wirklicher Beruf ist die Gesamtleistung, die Direktion. Und ich darf wohl sagen, daß ich mich darauf verstehe.«

»Offenbar!« gab Edward Henry zu. »Werden Sie eine andere Stellung aufgeben müssen, um das Musentheater zu übernehmen? Denn dann ...!«

Herr Marrier erwiderte: »Nein.«

Und Edward Henry sagte: »So?!«

»Aber,« sagte Marrier beruhigend, »wenn nötig, würde ich jede andere Stellung aufgeben, verstehen Sie mich wohl, jede, zugunsten des Theaters der Intellektuellen, wie ich es lieber nennen möchte. Sie begreifen, da ich einen Teil der Option besitze ...«

Bei diesen Worten wurde Edward Henry starr.

»Ich vergaß Ihnen zu sagen, Herr Machin,« sagte Rose Euclid rasch, »ich habe ein Viertel meiner Hälfte der Option Herrn Marrier abgetreten. Es schien uns besser, wenn er am Theater auch materiell interessiert wäre.«

»Natürlich!« rief Herr Marrier, schon wieder in gehobener Stimmung.

»Nun gut,« sagte Edward Henry nach einem tiefen Atemzug, »ein Viertel. Das bedeutet, daß Sie bis morgen 562 Pfund 10 Schilling aufbringen müssen, Herr Marrier.«

»Ja.«

»Morgen vormittag – Sie haben das Geld bereit?«

»Nun, ich will nicht schwören, daß ich es schon morgen vormittag erlegen kann, aber bis nachmittag schaffe ich das Geld jedenfalls. Ich habe zwei Leute in der Stadt, einer von beiden ist mir gewiß.«

»Welcher?«

»Ich weiß nicht, welcher«, sagte Herr Marrier. »Aber jedenfalls können Sie auf meine Wenigkeit zählen.«

Es entstand eine Pause.

»Vielleicht sollte ich Ihnen sagen,« sagte Rose Euclid lächelnd, »daß auch Herr Trent Teilhaber ist. Er hat ein weiteres Viertel meiner Hälfte erworben.«

Edward Henry beherrschte sich. »Ausgezeichnet!« sagte er fröhlich. »Herr Trent hat das Geld auch bereit?«

»Ich strecke ihm den größten Teil vor ... für eine Zeit«, sagte Rose Euclid.

»Sehr wohl. Sie haben also drei Viertel des Betrags von 2250 Pfund bereit?«

Rose Euclid blickte nach Herrn Seven Sachs. »Hab' ich es bereit, Herr Sachs?«

Herr Sachs zögerte einen Augenblick, dann verbeugte er sich zustimmend.

»Herr Sachs«, fuhr sie fort, »beteiligt sich zwar nicht gerade an der Spekulation, aber er leiht uns das Geld auf unsere Anteile. So ist es doch richtig ausgedrückt, Herr Sachs?«

Herr Sachs verbeugte sich abermals.

Edward Henry aber rief: »Jetzt ist mir die Sache klar!« Und er warf Herrn Seven Sachs über den Tisch einen Blick zu, der bedeutete: »Sie haben sich also auch in die Geschichte eingelassen? Ich habe Sie wirklich für gescheiter gehalten. Sind wir nicht beide richtige Narren?«

Und unter der Wirkung dieses Blicks verlor Herr Seven Sachs seine Ruhe, wie er sie noch niemals auf der Bühne verloren hatte. Offenbar vermochte Miß Rose Euclid alle Arten von Männern zu bezaubern wie eine Sirene. Aber Edward Henry kannte eine Art Männer, vor denen ihr Zauber seine Wirkung verlor, nämlich die Männer, die in den Fünf Städten geboren und aufgewachsen sind. Niemals war er fester davon überzeugt gewesen, daß nur in den Fünf Städten der richtige und solide gesunde Menschenverstand zu finden ist. Einer, der schlau genug ist, kann London und Amerika hineinlegen, aber nicht die Fünf Städte. Rose Euclid sollte nur einmal versuchen, in den Fünf Städten die Sirene zu spielen, sie würde bald entdecken, daß sie es dort mit einer ganz besonderen Art von Menschen zu tun hätte!

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten alle drei, Rose Euclid, die vor wenigen Stunden noch ein großer glänzender Name, ein herrliches Fabelwesen für ihn gewesen war, und Carlo Trent und Herr Marrier, alle zusammen im Augenblick keine zehn Pfund; dieser Marrier, der fünf Pfundnoten wetten wollte ...! Er fühlte ein verächtliches Mitleid mit ihnen; und im Grunde auch mit Seven Sachs, dessen Erfolg offenbar nur ein Zufallserfolg war, und der, wie ein Kind, nicht wußte, was er mit seinem so leicht verdienten Geld anfangen sollte.

II

»Soll ich Ihnen jetzt sagen, was ich zu tun beschlossen habe?« fragte Edward Henry.

»Bitte, ja!« sagte Rose Euclid mit innigem Ton.

»Ich habe beschlossen, Ihnen meine Hälfte der Option zum Geschenk zu machen.«

»Ja, machen Sie denn nicht mit?« rief Rose starr vor Schreck.

»Nein, meine Gnädige.«

»Aber Herr Bryany hat uns doch positiv gesagt, Sie machen mit! Er sagte, es sei alles abgemacht!«

»Herr Bryany muß vorsichtiger sein«, sagte Edward Henry. »Wenn er nicht acht gibt, wird er noch nächstens geradezu lügen.«

»Aber Sie haben doch die halbe Option gekauft!«

»Nun wohl«, sagte Edward Henry erklärend. »Was ist eine Option? Eine Option bedeutet, daß man etwas nehmen oder nicht nehmen kann. Ich nehme es nicht.«

»Aber warum?« fragte Herr Marrier mit verdüsterter Miene.

Carlo Trent spielte mit seinem Monokel und sprach kein Wort.

»Warum?« antwortete Edward Henry. »Einfach deshalb, weil ich fühle, daß ich für das Geschäft nicht tauge. Ich verstehe nicht genug davon. Ich würde die Sache nicht richtig anfassen. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, daß man zuerst den Namen des Theaters wissen muß, bevor man noch den Grund hat, auf dem man es bauen will. Ich bin überhaupt altmodisch. Ich hasse es, irgend etwas auf den letzten Augenblick zu verschieben; aber in Theaterangelegenheiten ist der letzte Augenblick offenbar der, in dem alles erledigt werden muß. Ich fürchte, man muß sich in diesem Beruf zu oft und zu sehr auf die Vorsehung verlassen. Ich verlasse mich auch auf die Vorsehung, aber man darf die Vorsehung nicht überanstrengen. Und ich habe mich noch nie für intellektuell gehalten, ich habe geradezu Angst vor Dramen in Versen ...«

»Sie haben mein Stück ja noch nicht gelesen!« murmelte Carlo Trent.

»Allerdings nicht«, gab Edward Henry zu.

»Wollen Sie es lesen?«

»Herr Trent,« sagte Edward Henry, »ich bin nicht mehr so jung wie ich war.«

»Wir sind ruiniert!« seufzte Rose Euclid mit tragischer Gebärde.

»Ruiniert?« meinte Edward Henry lächelnd. »Niemand ist ruiniert, der weiß, wo er die nächste Mahlzeit nehmen kann. Wollen Sie mir sagen, daß Sie nicht wissen, wo Sie morgen frühstücken sollen?« Und er sah sie scharf an.

Der Hieb saß. »O ja,« sagte sie mit ihrem nervösen Lachen, »das weiß ich!«

Nee, das weißt du nicht! antwortete er ihr, aber nur im Geist. Du glaubst, du wirst morgen mit Sir John Pilgrim frühstücken. Aber das wirst du nicht Und Recht geschieht dir! – »Außerdem,« fuhr er laut fort, »wie können Sie sagen, Sie sind ruiniert, wenn ich Ihnen ein Geschenk mache, für das ich hundert Pfund bezahlt habe?«

»Aber wo soll ich die andere Hälfte der Summe finden, noch 2250 Pfund?« brach sie aus. »Wir haben ganz bestimmt auf Sie gerechnet. Wenn ich es nicht auftreibe, verfällt die Option, und die Option ist sehr wertvoll.«

»Um so leichter muß es sein, das Geld zu finden!«

»Was? In weniger als vierundzwanzig Stunden? Unmöglich! Nicht in ganz London!«

»Herr Marrier wird es finden ... bei einem von den zwei Personen, die ihm gewiß sind!« Edward Henry lächelte, wie man in den Fünf Städten lächelt.

»Vielleicht finde ich es wirklich!« sagte Marrier, der für den Bruchteil einer Sekunde wieder heiter wurde.

Aber Rose Euclid schüttelte den Kopf.

»Vielleicht bei Herrn Seven Sachs?« schlug Edward Henry vor.

»Es wäre mir die größte Freude gewesen«, sagte Herr Sachs, vollkommen ruhig und liebenswürdig. »Aber ich kann bis morgen nicht noch einmal 2250 Pfund aufbringen.«

»Dem Herrn Bryany werde ich meine Meinung sagen!« rief Rose Euclid mit dem Ton einer Mörderin.

»Das sollten Sie wirklich«, stimmte Edward Henry zu. »Aber das ändert nichts an der Sache. Ich fühle mich ein wenig verantwortlich, um so mehr, da es sich um eine Dame handelt. Sie besitzen noch ein Viertel der Option, Miß Euclid. Ich will es Ihnen zu dem Preis abnehmen, den Bryany mir berechnete. Meine Hälfte kostete hundert Pfund; Ihr Viertel ist also fünfzig Pfund wert. Ich bin bereit, Ihnen fünfzig Pfund dafür zu bezahlen.«

»Und was soll dann geschehen?«

»Dann lasse ich die ganze Sache fallen.«

»Aber damit komme ich nicht zu meinem Theater!« sagte Rose Euclid schmollend. Aber sie war nicht mehr so unglücklich, wie sie zu sein vorgab; Edward Henry hatte sie an das Frühstück mit Sir John Pilgrim erinnert, und sie träumte bereits Welttriumphe für sich selbst und für Trents Stück. Sie war beinahe froh, die ganze Geschichte los zu sein.

»Ich habe die Banknoten da«, lockte Edward Henry.

Sie ließ den Kopf sinken. Edward Henry aber erhob sich in seinem unvergleichlichen gelben Schlafrock, schritt ein wenig hin und her, brachte aus seinem geheimen Vorrat ein Paket mit Noten, zählte fünf Zehner ab, trat hinter Roses Stuhl und legte den Schatz im Schein des Kronleuchters auf den Tisch. »Ich möchte nicht, daß Sie etwas gegen mich haben«, sagte er noch lockender.

Schweigen herrschte im Zimmer. Edward Henry setzte sich wieder auf seinen Platz und sah Rose Euclid an. Sie war mindestens zwölf Jahre älter als seine Frau und sah noch um vieles älter aus. Sie hatte kein Heim, keinen Mann, keine Kinder, keine feste Stellung. Sie ließ sich die Huldigung junger Leute gefallen, die, außer in einem wichtigen Punkt, gescheiter als sie waren. Sie lebte in Restaurants, Hotels und Schnellzügen. Sie führte ein Leben, das nicht gesund sein konnte. Sie hatte etwas Backfischhaftes im Benehmen, das, wenn man ihr Alter, ihren Körperumfang und ihren Teint bedachte, lächerlich war. Seine Frau würde sich vor ihr gefürchtet und sie zugleich verachtet haben. Sie war Abend für Abend den Blicken des gaffenden Publikums ausgesetzt, und das hatte sie irgendwie vergröbert. Keine zwei Frauen konnten einander so unähnlich sein wie Rose Euclid und Nellie in ihrer Zurückhaltung und geschützten Enge ... Und doch, als Edward Henry sah, wie Rose Euclids zögernde Finger zuletzt mit sichtlicher Erleichterung nach den Banknoten griffen, da hatte er ein angenehmes und gütiges Gefühl, daß alle Frauen gleich seien, zum mindesten in dem einen, daß sie einen Schutz und Schirm, eine starke und freundliche männliche Hand brauchen. Es rührte ihn zu sehr, wie Rose Euclid mit naiver Freude wie ein ganz junges Geschöpf vor wirklichen Banknoten aufleuchtete, und zugleich rührte ihn der Gedanke, daß Nellie und seine Kinder in der Ferne, die in Frieden und Reichtum lebten, doch so ganz und gar auf ihn angewiesen waren.

»Und was ist mit mir?« knurrte Carlo Trent.

»Mit Ihnen?«

Der Mensch war nur ein Dichter. Edward Henry schob ihm nachlässig fünf Fünfpfundnoten als seinen Anteil am Wert der Option zu.

Herr Marrier sagte nichts, aber sein Blick begegnete dem Edward Henrys, und schweigend reichte dieser auch ihm fünf Fünfpfundnoten über den Tisch ... Es war so leicht, diesen Menschen Freude zu machen, die offenbar nur selten wirkliches bares Geld sahen.

»Der Ordnung wegen könnten Sie mir jeder eine Empfangsbestätigung geben«, sagte Edward Henry.

Es geschah, und die drei erhoben sich. »Da wir beide hier im Hotel wohnen, Herr Sachs,« sagte Edward Henry, »könnten wir noch ein Glas zusammen trinken und plaudern.«

Herr Sachs nahm höflich an. Edward Henry begleitete das Trio von Verehrern und Verehrten bis zur Eingangstür seiner Flucht, aber nicht weiter, des Schlafrocks wegen. Rose Euclid hatte einen großartigen Theatermantel umgenommen. Sie klingelten nach dem Aufzug; Lakaien verbeugten sich demütig; sie redeten von Autos und anderen Herrlichkeiten. Sie waren in dem vornehmen Hotel völlig zu Hause. Als sie in dem erleuchteten Aufzug versanken und ihre lächelnden Gesichter verschwanden, schienen sie die reichsten Leute. Im Augenblick fühlten sie sich auch als solche. Sie hatten gewisse Hoffnungen aufgegeben, aber sie hatten auch unverhofftes Glück gehabt; und zwei von ihnen erwarteten mit vollkommener Sicherheit eine angenehme und geschäftlich vorteilhafte Mahlzeit mit Sir John Pilgrim für den nächsten Tag.

»Merkwürdiger Ort, dieses London!« sagte der Provinzler zu sich selbst, als er wieder in den Salon trat.

III

»Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet,« sagte Herr Seven Sachs, »Sie haben mich aus einer nicht sehr angenehmen Situation befreit.«

»Wollten Sie wirklich loskommen?« fragte Edward Henry.

»Ja,« antwortete Herr Sachs, »es waren mir zu viele Teilhaber.«

Sie saßen jetzt viel vertraulicher beisammen; nur ein kleiner Tisch mit den Gläsern stand zwischen ihnen, und wenn Edward Henry in der vergangenen Woche von Herrn Bryany in einem Privatsalon im Türkenkopf zu Hanbridge bewirtet worden war, so erstattete er dies gewissermaßen zurück, indem er Herrn Bryanys Chef in einem Privatsalon bei Wilkins in London bewirtete. Der einzige Unterschied zugunsten Herrn Bryanys war, daß er Zigaretten und Whisky gestellt hatte, während Edward Henry nur Zigaretten und Mineralwasser anbot. Herr Seven Sachs nahm keinen Whisky; und wenn Edward Henry seine Leidenschaft für Mineralwasser beherrschen konnte, so nahm er es diesmal, weil er einmal gelesen hatte, daß Wasser von Vichy gut für die Verdauung sei. Josef war schlafen geschickt worden.

»Und nicht nur das,« nahm Herr Seven Sachs seine Rede wieder auf, »sondern Sie haben auch eine wertvolle Sache an sich gebracht. Es war wirklich meisterhaft! Am Schluß sah es noch so aus, als ob Sie den anderen einen Gefallen täten.«

»Ja, glauben Sie nicht, daß ich ihnen einen Gefallen getan habe?«

Herr Sachs dachte nach und lachte. »Ja, es ist so. Das ist das Schöne daran. Aber Sie haben die Kuh in Ihren Stall getrieben!«

Instinktiv begriff Edward Henry, was Herr Seven Sachs meinte, und er lachte gleichfalls. Er fühlte sich unendlich geschmeichelt. Seitdem die Gräfin von Chell sich von ihm in verborgenen Konditoreien in Hanbridge mit chinesischem Tee, Sahnenbaisers und Berliner Pfannkuchen hatte bewirten lassen, hatte er sich nicht wieder so geschmeichelt gefühlt, und das war schon sehr lange her.

»Glauben Sie wirklich, daß an der Sache was ist?« fragte Edward Henry, denn er war keineswegs davon überzeugt. Aber Herr Seven Sachs überzeugte ihn, nicht durch Gründe, sondern durch den Ernst, mit dem er sprach. Unzweifelhaft wußte Herr Seven Sachs, was er sagte. Man brauchte nur sein Kinn anzusehen, und man wußte, daß dieser Mann kein Schwätzer war. Alles an ihm flößte Vertrauen ein. Sein Schweigen wirkte mehr als Beredsamkeit und machte seine Worte, wenn er sprach, bedeutungsvoll. Er war ein hübscher dunkelhaariger Mann und vermutlich ein halbes Dutzend Jahre jünger als Edward Henry. Die stets beherrschte Bewegung im Rampenlicht kam ihm zugute; seine Haltung war immer anmutig; und sein Lächeln, in den seltenen Augenblicken, in denen er lächelte, war das eines großen Jungen.

»Natürlich«, sagte er. »Wenn Miß Euclid für einen Gran Verstand hätte, hätte sie sehr viel damit machen können. Wenn Sie mich fragen – die Option allein ist zehntausend Dollar wert. Aber die Leute haben ja nicht den geringsten Verstand. So liegt die Sache.«

»Sie würden mir also raten, die Sache auf eigene Hand zu machen?«

Herr Seven Sachs beugte sich vor, und seine schwarzen Augen zwinkerten. »Sie sehen so aus, als ob Sie Rat brauchten!« sagte er mit heiterer Intimität.

»Wer weiß?!« sagte Edward Henry, als spaßte er. In der Tat hatte er die Sache wirklich aufgeben wollen, weil er nicht gewiß war, sie meistern zu können. Ohne es zu ahnen, suggerierte Herr Seven Sachs ihm den Glauben an sich selbst auch auf diesem ihm fremden Gebiet; ihr Gespräch wurde herzlicher, und beide hatten das Gefühl, daß ihre Beziehungen zueinander sich angenehm verändert hatten.

Es geht aufwärts mit mir, dachte Edward Henry. Brindleys halbe Krone steigt. Die Londoner mochten ihn einen Provinzler nennen; er selbst fühlte sich so in den Straßen von London. Und doch hatte er die Londoner hineingelegt, und Herr Seven Sachs, dessen Name weltberühmt war, sprach ihm seine bewundernde Anerkennung aus. Und jetzt machte er die wichtige Entdeckung, die im Leben jedes Mannes, der überhaupt so weit gelangt, eine Epoche bildet – daß weltberühmte Leute ziemlich genau so sind wie andere Leute. Diese Entdeckung machte ihn glücklich und stolz, und ein leiser Wunsch stieg in ihm auf, Herrn Seven Sachs seine Geschichte zu erzählen oder wenigstens doch die interessantesten Abschnitte daraus. Denn auch er war ein berühmter Mann in seinen Kreisen, und hier im Salon plauderten zwei Berühmtheiten miteinander. Brindley konnte sich heimgeigen lassen. Er fühlte sich glücklich sowohl im Bewußtsein dessen, wie weit er es gebracht hatte, als auch in der Erwartung romantischer Erlebnisse, die vor ihm standen. Und doch war ein bitterer Tropfen in seinem Glück. Er fühlte Gewissensbisse, die er nicht loswurde. Das gehörte sonst nicht zu seinen Fehlern. Er fühlte Gewissensbisse wegen des falschen Telephonanrufs, bei dem er sich für den neuen Privatsekretär Sir John Pilgrims ausgegeben hatte, um Rose Euclids Verläßlichkeit zu prüfen. Und es hatte doch gar keinen Schaden gestiftet, im Gegenteil, das Ergebnis war vortrefflich. Rose Euclid und ihr jugendlicher Verehrer waren nicht schlimmer dran als vorher. Vorher hatten sie geglaubt, daß sie von seiten Sir John Pilgrim nichts zu erwarten hätten, und in der Tat hatten sie nichts von ihm zu erwarten. Es hatte sich also nichts verändert. Vor dem Anruf hatten sie nicht erwartet, am nächsten Tag mit dem gewaltigen Sir John zu frühstücken, und in der Tat hatten sie keine Aussicht, mit ihm zu frühstücken. Darin hatte sich also auch nichts geändert. Und niemals würde Edward Henry mit dem Trio ein Quartett gebildet haben. Selbst wenn er von Roses Verläßlichkeit und Loyalität so überzeugt gewesen wäre, wie er von ihrer Unzuverlässigkeit überzeugt war, würde er nie so unvorsichtig gewesen sein, sich mit solchem Volk einzulassen. Also auch darin war nichts geändert! Er hatte die Gewißheit bekommen, daß sie falsch war; diese Gewißheit hatte es ihm leichter gemacht, sie zu enttäuschen; und die Aussicht auf ein vorteilhaftes Frühstück mit dem großen Mann hatte es ihr ermöglicht, die Enttäuschung tapfer zu tragen. Allerdings standen ihr und Carlo Trent für den nächsten Mittag einige unangenehme Augenblicke und wahrscheinlich sehr viel Ärger bevor; aber dieser Nachteil war schließlich durch freudige Erwartungen während eines halben Tages mehr als ausgeglichen. Außerdem hatten sie fünfundsiebzig Pfund wiederbekommen, die schon so gut wie verloren waren.

Und trotz all diesen guten Gründen fühlte er Gewissensbisse, und Rose Euclid tat ihm leid.

»Wissen Sie, was ich gemacht habe?« sagte er plötzlich vertraulich und erzählte Herrn Seven Sachs den ganzen Streich mit dem Telephon. Zu seinem Erstaunen sprach Herr Seven Sachs ihm aufs neue seine bewundernde Anerkennung aus.

»Ein bißchen gemein, nicht?« wendete Edward Henry ein.

»Aber gar nicht!« rief Herr Sachs. »Es ist ihr nur recht geschehen.«

So beruhigt, war er nun völlig entschlossen, Herrn Seven Sachs einen kurzen Abriß seiner Laufbahn zu erzählen. Er suchte nur nach einem richtigen Anfang. »Ich bin neugierig, wie es schließlich mit ihr enden wird«, sagte er, um von diesem Ende auf ihre und seine Anfänge zurückzukommen.

»Mit Rose Euclid?«

»Ja.«

Herr Sachs schüttelte mitleidig den Kopf.

»Wie ist Herr Bryany zu ihr gekommen?« fragte Edward Henry.

»Bryany ist ein merkwürdiger Mensch,« sagte Herr Seven Sachs vertraulich, »er ist sehr brauchbar, solange man ihn fest in der Hand hat. Er ist geschaffen, Zeitungsberichterstattern zu imponieren.«

»Ich habe allerlei mit ihm geredet«, sagte Edward Henry.

»Ich weiß! Er hat mir ausführlich von Ihnen erzählt.«

»Ich habe ihm nichts von mir erzählt«, sagte Edward Henry rasch.

»Nein, aber er hat ganz gute Augen und Ohren. Es scheint, daß die Leute in den Fünf Städten überhaupt von nicht viel anderem reden als von Ihnen, Herr Machin. Ich habe selber manches von Ihnen gehört, obschon ich nicht viel ausgehe, wenn ich auf der Tournee bin. Ich glaube, ich könnte bereits Ihre Lebensgeschichte schreiben.«

Edward Henry war entzückt und enttäuscht zugleich, Herrn Sachs bereits so vollkommen unterrichtet zu finden, aber er wollte sich dadurch nicht hindern lassen, ihm die Geschichte noch einmal In seiner Weise zu erzählen. »Sie werden auch Ihre Erlebnisse gehabt haben«, warf er hin, teils aus Höflichkeit, teils, um nicht nur von sich selbst zu sprechen.

IV

»Und ob ich sie gehabt habe!« gab Herr Seven Sachs herzlich zu; er warf das letzte Stück seiner Zigarette in den Aschenbecher, legte die Hände hinter den Kopf und schlug die Beine übereinander. Eine kleine Pause entstand. Dann begann Edward Henry:

»Ich erinnere mich, wie ...«

»Sie haben sicher davon gehört ...« begann Herr Seven Sachs gleichzeitig.

Sie waren in der Lage von zwei Männern, die gleichzeitig einen zu engen Gang passieren wollen. Edward Henry, als der Wirt, trat zurück. »Verzeihung!« sagte er.

»Oh, nichts«, sagte Seven Sachs. »Ich wollte nur sagen, Sie haben vermutlich davon gehört, daß ich stets der Konkurrent von Archibald Florance war.«

»Ja, wirklich?« murmelte Edward Henry, wider Willen beeindruckt. Denn Archibald Florance war noch berühmter als Seven Sachs; sie waren wie Sonne und Mond, und der Ruhm des anderen der ältere und fester begründete. Rose Euclid war nichts dagegen. Außer dem unvergleichlichen Henry Irving gab es vielleicht keinen modernen Schauspieler, dessen Ruhm und Größe die jenes amerikanischen Sterns überragte. Als Archibald Florance sich wenige Jahre vorher von der Bühne zurückgezogen hatte, waren die rötlichen Strahlen dieses Sonnenuntergangs über den Atlantischen Ozean bis nach London, bis in den Garrick-Klub gedrungen, und die Mitglieder dieses ältesten Schauspielerklubs hatten die Hände vor die geblendeten Augen halten müssen. Edward Henry hatte Archibald Florance nie gesehen, aber er wußte, wie berühmt er war. Kein Mann in der Weltgeschichte war öfter photographiert worden, und von wenigen wurden so viele Anekdoten erzählt.

»Er muß heute ein vermögender Mann sein«, sagte Edward Henry.

»Vermögend!« rief Herr Sachs. »Er ist der reichste Schauspieler in Amerika, also in der ganzen Welt. Er ist noch immer der schönste Mann in den Vereinigten Staaten mit seinen weißen Haaren. Man hat behauptet, er wäre auch der unnahbarste gewesen, aber das ist nicht wahr. Gegen die Mitglieder seiner Truppe konnte er allerdings fürchterlich sein.«

»Und Sie kannten ihn?«

»Ob ich ihn kannte! Freunde hat er nie gehabt, aber ich kannte ihn so gut, wie man ihn kennen konnte. In San Franzisko begleitete ich ihn einmal nach dem Theater zu seinem Hotel. Und dann ging er mit mir zurück zu dem meinen, und so immer wieder hin und her, bis drei oder vier Uhr morgens. Wir konnten nicht mit dem Reden aufhören, wenn seine Zigarre nicht gerade zu Ende war, als wir vor dem Hoteltor standen. Wenn die Zigarre noch nicht zu Ende war, dann ging er wieder ein Stück mit mir zurück und zündete sich unterwegs eine neue an. Er rauchte die besten Zigarren in Amerika. Er hat mir einmal gesagt, daß das Stück drei Dollar kostete.«

Jetzt erkannte Edward Henry eine neue tiefe Wahrheit. Es war seine zweite grundlegende Entdeckung an diesem denkwürdigen Abend, nämlich die, daß, wie hoch man auch steigen mag, man immer Leute findet, die noch höher gestiegen sind. Man muß schon eine beträchtliche Spitze erreicht haben, um die Höhe der mächtigeren Gipfel überhaupt abschätzen zu können. Er selbst stand hoch, und so konnte er die größere Höhe, auf der Herr Seven Sachs stand, beurteilen; und so vermochte er sich auch von dem erhabenen Gipfel, auf dem der große Archibald Florance stand, ungefähr eine Idee zu machen. Nie hätte er sich träumen lassen, daß es einen Menschen gab, der täglich Zigarren rauchte, die das Stück zwölf Schilling kosteten, und er hatte geglaubt, etwas von Zigarren zu verstehen!

Ich bin noch nichts! dachte er bescheiden. Aber obgleich es angenehm war, so Intimes von Archibald Florance zu hören, hatte er doch im Augenblick genug von ihm und beschloß, Herrn Sachs die berühmte Episode seines Lebens zu erzählen, in der die Gräfin von Chell und ein Maultier die Hauptrolle spielten. »Ich erinnere mich, wie ...« begann er wieder.

»Meine erste Begegnung mit Archibald Florance war sehr amüsant«, fuhr Herr Seven Sachs ihn höflich überhörend fort. »Ich war in New York am Verhungern, ich versuchte neue Rasiermesser mit Provision zu verkaufen, und ich war entschlossen, zur Bühne zu gehen. Ich hatte gerade noch eine Visitenkarte übrig. Ich schrieb das Wort ›äußerst wichtig‹ darauf und schickte sie zu Wunch hinauf. Ich weiß nicht, ob Sie je von Wunch gehört haben. Wunch war Archibald Florances Regisseur und beinahe so berühmt wie Archibald selbst. Nun gut, Wunch ließ mich auf sein Zimmer kommen, aber als er fand, daß ich nur ein gewöhnlicher junger Mensch war, der wie gewöhnlich Beschäftigung suchte, ließ er mich hinauswerfen, Ich hätte kein Recht, ›äußerst wichtig‹ auf eine Visitenkarte zu schreiben, sagte er. ›Schön,‹ sagte ich zu mir selber, ›und ich werde doch in das Theater hineinkommen!‹ Ich ging nach Archibalds Privatwohnung – ich glaube, es war in der sechzigsten Straße –, verlangte ihn zu sprechen und wurde vorgelassen. Er saß am Schreibtisch und schrieb noch einige Minuten, dann drehte er sich auf seinem Stuhle um. ›Was wünschen Sie?‹ sagte er. ›Brauchen Sie keinen Schauspieler, Herr Florance?‹ sagte ich. ›Sind Sie Schauspieler?‹ sagte er. ›Ich möchte einer werden‹, sagte ich. ›Gleich um die Ecke ist eine Schauspielschule‹, sagte er. ›Würden Sie mir nicht eine Empfehlung für die Schule geben?‹ Er gab mir seine Karte. Ich aber ging nicht nach der Schule, sondern geradewegs zurück zum Theater und schickte sie Wunch hinauf. Auf der Karte stand: ›Empfiehlt Herrn Sachs, einen jungen Mann, der es zu etwas bringen möchte.‹ Wunch hielt es für einen Befehl, mich unterzubringen. Alle Stellen waren besetzt, und er warf daher einen überzähligen armen Teufel hinaus und stellte mich ein. Er glaubte von da an, daß ich ein Protegé Archibalds sei und kümmerte sich um mich. – Wie scheint Ihnen das?«

»Glänzend!« sagte Edward Henry. Die Einfachheit des Verfahrens imponierte ihm. Er hatte in der Schule einmal ein Stipendium erlangt, indem er die Zahl der guten Noten hinter seinem Namen vermehrte, als er das Blatt auf dem Pult des Lehrers liegen sah; seitdem hatte er nie wieder etwas auf so einfache Weise erreicht. Nichts bin ich, dachte er, die Fünf Städte sind nichts! Alles, was man von den Amerikanern und den Vereinigten Staaten erzählt, stimmt. Auf das Vorwärtskommen versteht sich niemand so wie sie; darin schlagen sie uns platt. Aber ich muß ihm die Geschichte von der Gräfin und dem Maultier erzählen ...

»Ja,« fuhr Herr Seven Sachs fort, »Wunch war sehr nett gegen mich, aber er hatte sich zuschanden gearbeitet und ging; Archibald nahm einen neuen Regisseur und ich avancierte zum Hilfsregisseur. Aber ich bekam darum kein größeres Gehalt. Wir hatten zwei weibliche Stars in der Truppe; Archibald spielte damals ›Die Neunundvierziger‹. Ein romantisches Drama, hier würden sie es ein Melodrama nennen. Er hat immer nur solches Zeug gespielt. Beide Frauen traten in dem Stück auf, und wenn der Vorhang nach dem ersten Akt fiel, dann warteten sie schon beide, welche Archibald zuerst zu fassen kriegen würde. Sie waren so eifersüchtig aufeinander, daß eine die andere am liebsten ermordet hätte. Archibald war die Sache gräßlich, aber er konnte ihnen nicht entgehen. Sie kamen von beiden Seiten, und so mußte er sich einfach mit ihnen ins Gespräch einlassen. Ich hatte gewöhnlich in der Nähe zu tun, um die Requisiten für den nächsten Akt in Ordnung zu bringen. Eines Abends kommt Archibald auf mich zu und sagt: ›Herr ... wie heißen Sie?‹ – ›Sachs, Herr Florance‹, sage ich. ›Passen Sie auf, wenn die zwei Damen nach dem ersten Akt auf mich losgehen. Sowie sie mit mir reden, kommen Sie an und unterbrechen das Gespräch‹, sagte er. ›Was soll ich sagen, Herr Florance?‹ – ›Sie klopfen mir auf die Schulter und sagen, daß man mich dringend zu sprechen verlangt. Verstanden?‹

Am nächsten Abend, als die Weiber ihn angekriegt hatten, kam ich denn auch gerade dazwischen und klopfte ihm auf die Schulter. ›Herr Florance,‹ sagte ich, ›etwas sehr Dringendes.‹ Er wendete sich um und machte ein Gesicht. ›Um was handelt es sich?‹ sagte er und sah sehr böse aus. Es war glänzend gespielt, so gut, daß ich zuerst selbst glaubte, er sei wirklich böse. ›Um was handelt es sich?‹ sagte er noch einmal, lauter. Und ich antwortete: ›Das dringendste, Herr Florance, ist, daß ich eine höhere Gage bekomme!‹ Diesmal, glaube ich, blieb ihm die Spucke weg.«

Edward Henry brach in ein schallendes Gelächter aus. Auf so etwas wäre ich nicht gekommen, dachte er.

»Und haben Sie sie bekommen?« fragte er.

»Der Alte sagte kein Wort«, fuhr Herr Seven Sachs in demselben gleichmäßigen, ruhigen, lächelnden Ton fort. »Aber am nächsten Zahltag merkte ich, daß ich zehn Dollars wöchentlich mehr bekam. Und nicht nur das, Herr Florance bot mir eine Rolle mit Gesang in seinem neuen Stück an, falls ich Mandoline spielen könnte. Ich sagte ihm natürlich, daß ich mein Leben lang Mandoline gespielt hätte; dann ging ich aus, kaufte eine Mandoline und nahm einen Lehrer. Der wollte mich Mandoline spielen lehren, während ich wollte, daß er mir nur diese eine Begleitung beibringen sollte. Ich schmiß ihn daher hinaus und übte allein Tag und Nacht eine ganze Woche lang. Es gelang mir durch die Proben zu kommen, ohne zu spielen. Das machte ich ganz schlau, und kam immer durch. Aber bei der ersten Vorstellung war ich so nervös, daß ich die Mandoline kaum halten konnte. Ich hatte das Zeug ja noch nie jemandem vorgespielt, nur oben in meinem Schlafzimmer. Sowie ich die erste Saite anschlug, merkte ich, daß das verwünschte Instrument nicht auf das Orchester gestimmt war. So tat ich nur, als ob ich spielte, und quäkte mein Lied heraus, und berührte die Saiten nicht wirklich mit den Fingern. Der Alte wartete in den Kulissen auf mich; ich wußte, jetzt werde ich hinausgeschmissen. Aber keine Rede. ›Sachs,‹ sagte er, ›die Begleitung war ausgezeichnet, ein so zartes Spiel habe ich noch nie gehört. Ich gratuliere Ihnen.‹ Er sprach ganz im Ernst, und alle Leute sagten das gleiche. Glück, was?«

»Das will ich meinen«, sagte Edward Henry, der an Herrn Seven Sachs' Irrfahrten Interesse zu finden begann. »Ich erinnere mich an eine komische Sache, die mir einmal passiert ist ...« begann er.

»Leider«, fuhr Herr Sachs gelassen fort, »war das Stück ein Mißerfolg. Archibald ging mit einer Truppe nach Europa, um ›Die Neunundvierziger‹ aufzuführen. Ich sollte nicht mit. Das ärgerte mich, nachdem mein Mandolinenspiel ihm so gefallen hatte. Ich ging daher eines Abends in seine Garderobe und hielt es ihm vor. Er gab es mir gründlich. Dann gab ich es ihm. Ich wollte eine bestimmte Antwort haben. ›Ich bin nicht gewöhnt, mich in meiner Garderobe verhören zu lassen‹, rief er. Mir lag schon an nichts mehr, und ich erwiderte: ›Und ich bin nicht gewöhnt, mich so behandeln zu lassen, wie Sie mich behandeln.‹

Plötzlich wurde er ganz ruhig und klopfte mir auf die Schulter. ›Sie kommen ganz gut vorwärts, Sachs‹, sagte er. ›Sie sind jetzt erst ein Jahr beim Theater. Ich habe fünfundzwanzig Jahre gebraucht, um es zu dem zu bringen, was ich bin.‹

Ich war aber schon zu wütend, um mich damit abspeisen zu lassen. ›Sie sind gewiß ein großer und beneidenswerter Mann, Herr Florance,‹ sagte ich, ›aber ich habe mir vorgenommen, fünfzehn Jahre zu ersparen. Ich will schon in zehn Jahren so weit sein, wie Sie jetzt sind, oder noch weiter.‹

Er schob mich zur Tür hinaus ... buchstäblich. Darauf begann ich Stücke zu schreiben. Florance schrieb seine Stücke manchmal selbst; aber nur sein Spiel und sein Gesicht hielt sie. Sie waren auch zu amerikanisch. Er hat nur in einem Stück außerhalb Amerikas wirklich großen Erfolg gehabt, und das war nicht von ihm. Mir war's ums Geld zu tun. Mir ist es heute noch ums Geld zu tun. Ich wollte dem größtmöglichen Publikum gefallen. Wenn ich ein Stück schreibe, muß es auch einem englischen, deutschen, französischen Publikum gefallen. Amerika ist groß, aber nicht groß genug für mich ... Kurz, wie ich sagte, bald darauf wurde ein Einakter von mir in Hannibal, Missouri, aufgeführt. In der gleichen Woche spielte eine Truppe in einem anderen Theater ›Die Neunundvierziger‹. Und am nächsten Morgen hatte die Theaterkritik in der ›Courier-Post von Hannibal‹ die Überschrift: ›Rivalisierende Kunstgenüsse‹: ›Die Neunundvierziger von Archibald Florance und ein neues Stück von Seven Sachs.‹ Ich schnitt die Überschrift aus und schickte sie dem Alten nach London und schrieb darunter: ›So weit bin ich nach sechs Monaten.‹ Als er zurückkam, stellte er mich wieder in seine Truppe ein ... Wie gefällt Ihnen das?«

Edward Henry konnte nur nicken. Der sonst so schweigsame Seven Sachs entlockte ihm eine stumme, aber tiefe Bewunderung.

»Etwa fünf Jahre später bekam ich eine Weihnachtskarte von Florance. Es waren die gewöhnlichen gedruckten Wünsche ›Fröhliche Weihnachten‹ und so weiter, aber darunter hatte Archibald mit Bleistift geschrieben: ›Sie haben nur noch fünf Jahre.‹ Da krempelte ich die Ärmel auf. Nun, lange Zeit später stand ich an der Ecke des Broadway und der 44. Straße und sah nach meinem Namen, der in mächtigen farbigen Buchstaben über dem Criterion-Theater leuchtete. Es war das erstemal, daß ich ihn auf dem Broadway in Lichtreklame las. Es war die erste Vorstellung von ›Belauscht‹. Florance spielte im Hudson-Theater, das weiter oben in der 44. Straße ist, und auch sein Name war in Lichtreklame, aber weiter entfernt vom Broadway als der meine. Ich schlenderte hin, aus bloßer Neugier, und da stand der Alte allein am Theatereingang. ›Hallo, Sachs,‹ sagte er, ›ich freue mich, daß ich Sie sehe. Das erspart mir fünfundzwanzig Cents.‹ – ›Wieso?‹ fragte ich. ›Ich wollte Ihnen eben ein Glückwunschtelegramm schicken.‹ Der Alte hatte mich gern. Er hat mich heute noch gern. Aber ich war noch nicht fertig mit ihm. Im Frühjahr wohnte ich bei ihm in seinem Haus auf Long Island. ›Entschuldigen Sie, Herr Florance,‹ sagte ich zu ihm, ›wieviel Truppen haben Sie unterwegs?‹ – ›Oh,‹ sagt er, ›ich hab' jetzt nicht viele. Fünf glaube ich.‹ – ›Nun,‹ sag' ich, ›ich hab' sechs hier in den Vereinigten Staaten, zwei in England, eine in Österreich und eine in Italien.‹ Darauf sagte er: ›Nehmen Sie eine Zigarre, Sachs; Sie haben mich geschlagen!‹ Er lebte ganz allein in dem großartigen Haus mit einem ganzen Regiment Dienerschaft.«

V

»Sie sind ein großer Mann!« sagte Edward Henry.

»Nein, das bin ich nicht«, sagte Herr Seven Sachs. »Aber ich habe ein Einkommen von vierhunderttausend Dollars jährlich, und es ist noch im Steigen, und nur darum ist mir es zu tun.«

»Sie sind ein großer Mann!« wiederholte Edward Henry, und im stillen dachte er: Auch ich bin ein großer Mann, ich werde es den Leuten schon zeigen. Herr Sachs, der seine Last losgeworden war, war wieder in Schweigen versunken und bereit, zuzuhören. Aber Edward Henry hatte die Lust verloren, sich mit seiner ereignisreichen Vergangenheit zu beschäftigen. Er dachte an die größere Zukunft. Nach einer Weile fragte er langsam und nachdenklich: »Glauben Sie ehrlich, daß ich ein Theater leiten könnte?«

»Sie sind der geborene Theaterleiter«, sagte Seven Sachs.

Edward Henry fühlte beinahe einen Schauer über seinen Rücken laufen und erwiderte: »Dann werde ich den Leuten im Anwaltsbüro, den Slossons, schreiben und ihnen mitteilen, daß ich morgen um elf mit dem Geld bei ihnen sein werde.«

Herr Sachs stand auf. Eine Uhr hatte mit zarten Klängen zwei geschlagen. »Wenn Sie jemals nach New York kommen und ich etwas für Sie tun kann ...« sagte er herzlich.

»Schönen Dank«, sagte Edward Henry, und sie schüttelten einander die Hände. »Eins möchte ich Sie noch fragen,« fuhr Edward Henry fort, »aus welchem Grund versprachen Sie Rose Euclid und ihren Freunden das Geld? Sie mußten doch wissen ...«, und er hob beide Hände in die Höhe.

Herr Sachs antwortete: »Ich will aufrichtig gegen Sie sein, ihre Kusine hat mich dazu gebracht, Elsie April.«

»Elsie April? Wer ist das?«

»Oh, Sie müssen sie doch zusammen gesehen haben, sie und Rose Euclid. Sie sind beinahe immer zusammen.«

»Ich sah sie heute hier im Restaurant mit einem hübschen Mädel in einem blauen Hut.«

»Das ist sie. Wenn Sie sie kennenlernen, werden Sie manches begreifen«, sagte Herr Seven Sachs.

»Ich bin ja nicht Junggeselle wie Sie«, sagte Edward Henry lächelnd.

»Warten Sie, bis Sie sie kennengelernt haben«, sagte Herr Sachs. Mit dieser rätselhaften Warnung ging er und verlor sich in der Unendlichkeit des nächtlich mattbeleuchteten und schweigenden Hotels.

Edward Henry aber setzte sich nieder, um mit der Frühpost an Slossons zu schreiben. Aber während er schrieb, sagte er zu sich selbst: »Also Elsie April heißt sie! Und es ist ihr gelungen, Sachs, diesen Sachs, zu einer Dummheit zu verleiten!«

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