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Arnold Bennett: Theater - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorArnold Bennett
titleTheater
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
editorThomas Mann
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131001
projectidfbeb8f6a
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Viertes Kapitel. Herr Machin lernt die Welt des Theaters kennen

I

Einst vor langer Zeit hatte Edward Henry gelegentlich eines kurzen Besuchs in London eine halbe Krone bezahlt, um sich Eintritt in einen engen Raum mit sehr niederer Decke zu verschaffen, in dem etwa dreihundert Menschen bereits dichtgedrängt saßen oder standen. Er hatte sich an den einzigen noch freien Platz hinter einem Pfeiler gestellt. Er mußte seinen Kragen in die Höhe schlagen, um sich vor dem scharfen Zugwind zu schützen, der unaufhörlich von der Straße hereinblies. Vor dem Raum, in dem er stand, konnte er mit einiger Anstrengung einen noch größeren sehen, der ebenfalls dicht mit Menschen gefüllt war. Nachdem er eine halbe Stunde gewartet, hatte ein Orchester in einer unglaublichen Entfernung zu spielen begonnen, das den Straßenlärm übertönte. Nach einer zweiten Pause hatte sich ein rechteckiger Raum, der noch weiter entfernt war als das Orchester, plötzlich erhellt, und wenn Edward Henry seinen Hals bald um die eine Seite des Pfeilers und bald um die andere bog, konnte er hier und da einen Blick in das Innere einer Puppenstube werfen, in der männliche und weibliche Puppen sich zu bewegen schienen. Und er konnte nur die untere Hälfte der Puppenstube teilweise sehen; die obere Hälfte wurde ihm durch die niedere Decke des Raums, in dem er stand, entzogen. Die Puppen redeten, aber er konnte nur hier und da ein paar Worte von dem verstehen, was sie sagten. Jetzt war eine besondere Puppe in das Zimmer getreten, und bei ihrem Anblick hatten die fünfhundert Menschen vor ihm und zahllose andere Menschen, die sich irgendwo höher oben befanden und die er nicht sehen konnte, in die Hände geklatscht und geschrien. Auch er hatte geklatscht und Bravo gerufen. Diese Puppe war ein Wunder an rührender Anmut gewesen und hatte eine Stimme, die, wenn er sie überhaupt vernahm, ihm ans Herz griff. Sie sah außerordentlich elegant aus und schien in der Blüte der Jugend zu stehen.

Als das Ganze vorüber war und die besondere Puppe einer männlichen Puppe in die Arme sank, von der sie grausam getrennt worden war, und sich dann wieder aufrichtete, um mit einem entzückenden und selbstbewußten Lächeln den rasenden Applaus in Empfang zu nehmen, glaubte Edward Henry, noch niemals einen so begeisterten Triumph erlebt zu haben. Er hatte den Schmerz in seinen Halsmuskeln vergessen und die Luft in dem Raum, die zum Ersticken war, und war auf die Straße hinausgetreten mit dem unklaren Gefühl, daß diese Puppe göttlich war. Und mit unendlicher Befriedigung hatte er nachher in Bursley erzählt: »Ja, ich habe Rose Euclid in ›Herzblume‹ gesehen.«

Und er hatte sie niemals wiedergesehen bis zu diesem Tag. Heute im Restaurant und jetzt wieder in seinem Salon sah er ein verblühtes, eher dickes Frauenzimmer, das zwar teuer, aber keineswegs elegant gekleidet war, mit wäßrigen Augen und einem müden, nervösen Blick, einer unnatürlichen blaß-violetten Gesichtsfarbe, verrunzelter Haut und gefärbtem Haar; eine Frau, die beinahe Großmutter sein konnte, wenn sie nicht Großmutter war, – und er sollte glauben, daß sie und Rose Euclid ein und dieselbe Person war! Es war eine der erschütterndsten Erfahrungen seines nicht unbewegten Lebens.

Er hätte Rose Euclid nie wiedererkannt. Gewiß, seit jenem Abend im Stehparterre waren fünfzehn Jahre vergangen. Aber in seinem Geist war Rose Euclid unverändert geblieben. Er hatte von ihrem unerhörten Ruhme gehört, seitdem er überhaupt vom Theater gewußt hatte. Trotzdem hatte er ihr nie gestattet, älter als ein- oder höchstens zweiunddreißig Jahre zu werden. Und jetzt sah er, daß auch die wundervolle Puppe, die er an jenem Abend gesehen, schon damals mindestens fünfunddreißig alt gewesen sein mußte. Er empfand ein verächtliches Mitleid und fühlte sich betrogen. »Ist das alles? So ein Schwindel!« dachte er, während er die zertrümmerten Bruchstücke seines Idealbildes zu einer ganz anderen Form zusammenfügte.

Er gab schließlich widerstrebend zu, daß Rose Euclid nichts dafür konnte, daß sie älter wurde. Aber sie hätte doch jedenfalls im Alter schöner sein, eine anmutige Würde bewahren können! Und wenn das nicht ging, dann hätte sie sich aufs Land zurückziehen und von ihren Erinnerungen und dem Geld, das ihr blieb, leben sollen.

Sie wußte nicht einmal etwas zu sagen. »Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Herr Machin«, hatte sie ungeschickt mit schwacher Stimme herausgebracht, und mit einem nervösen Lachen war sie dann verstummt.

»Sehr erfreut, Sie kennenzulernen«, sagte Herr Seven Sachs, und dann sank auch der berühmte amerikanische Schauspieler und Komödienschreiber in Schweigen. Aber das Schweigen Herrn Seven Sachs' war anders als das Rose Euclids. Er war nicht befangen. Ein dunkelhaariger, schöner, ruhiger, noch ziemlich jung aussehender Mann, mit einem mächtigen, aber wohlgerundeten Kinn, sah er fast genau so aus wie auf der Bühne; außerdem schien Schweigen bei ihm natürlich. Er stand in anmutiger Haltung gelassen da und wartete. Herr Bryany hinter ihm schien ganz klein geworden und gleichsam für seine Anwesenheit unter so viel Größen um Entschuldigung zu bitten. Aber er tat wenigstens den Mund auf.

Er sagte: »Tut mir leid, zu hören, daß Sie nicht ganz beisammen sind, Herr Machin!«

»Ach ja!« platzte Rose Euclid heraus. »Es war wirklich freundlich von Ihnen, uns heraufzubitten.«

Herr Seven Sachs war der gleichen Meinung und hoffte, daß Herr Machin nicht ernstlich krank sei.

Nein, er sei nicht ernstlich krank, sagte Edward Henry. »Aber wollen Sie sich nicht alle setzen? Miß ... Euclid ... bitte ...«

Alle setzten sich, bis auf Herrn Bryany.

»Setzen Sie sich, Bryany«, sagte Edward Henry. »Ich freue mich, Ihre Gastfreundschaft im Türkenkopf erwidern zu können.«

Der Hieb saß. Herr Bryany wurde noch bescheidener, während er mit gespielter Munterkeit nach einem Stuhl griff. »Wenn ich denke, daß Sie die ganze Zeit hier waren!« sagte er, »und ich Sie überall suchte ...«

»Herr Bryany,« unterbrach ihn Seven Sachs ruhig, »haben Sie meine Briefe abgeschickt?«

»Noch nicht.«

»Sie müssen, glaube ich, heute noch abgehen«, sagte Herr Seven Sachs mit liebenswürdigem Lächeln.

»Ja, gewiß«, gab Herr Bryany bereitwillig zu und schritt nach der Tür.

»Hier ist der Schlüssel zu meinem Salon«, rief Seven Sachs ihm nach.

Während Herr Bryany den Schlüssel nahm, begegneten seine Augen denen Edward Henrys, und er wurde feuerrot. Im nächsten Augenblick war Edward Henry mit den zwei schweigenden Berühmtheiten allein.

»Nun,« sagte er zu sich selbst, »ich hab' mir's selber eingebrockt. Was habe ich hier zu suchen?«

Rose Euclid hustete und strich die Falten ihres Kleides glatt.

»Wie die meisten Amerikaner, sehen Sie sich vermutlich alles an«, sagte Edward Henry zu Seven Sachs – die Fünf Städte werden viel von Amerikanern besucht. »Wie gefällt Ihnen mein Schlafrock?«

»Erstklassig!« sagte Seven Sachs mit einem ganz leichten Zwinkern in den Augen. Rose Euclid lachte ihr unwillkürliches, nervöses Lachen.

Der Mann geht, dachte Edward Henry.

Der Kammerherr vom Dienst trat mit der Abendkarte ein.

Dem Himmel sei Dank! dachte Edward Henry. Er bat Rose Euclid, die Speisen zu wählen; sie starrte einige Augenblicke auf die Karte, dann sagte sie, sie wüßte nicht, was sie bestellen sollte.

»Vielleicht Artischocken?« fragte Edward Henry freundlich.

Wieder das nervöse Lachen, worauf diesmal ein Erröten folgte. Und da erkannte Edward Henry das bezaubernde Geschöpf von vor fünfzehn Jahren wieder. Sie hatte den Kopf zurückgelegt und griff mit der linken Hand, mit ihren langen schönen Fingern hinter sich, nach irgend etwas suchend; sie fand die Armlehne eines anderen Stuhls und ließ die Finger aufgeregt über sie hingleiten. Er erinnerte sich ganz genau an die gleiche Bewegung, als sie in »Herzblume« aufgetreten war. In der entscheidenden Szene hatte sie damals eine erschütternde Wirkung ausgeübt. Auch ihr Gesicht erkannte er jetzt wieder.

»Hat Herr Bryany Ihnen gesagt, daß auch meine zwei Jungen heraufkommen werden?« sagte sie. »Sie hatten nur noch für mich zu telephonieren.«

»Ich bin entzückt!« sagte Edward Henry. »Je mehr, desto besser!« Aber er dachte: Ihre zwei Jungen?!

»Der eine ist Herr Marrier, ein junger Impresario«, fuhr sie fort. »Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen; er ist sehr begabt. Und Carlo Trent.«

»Heißt genau so wie mein Hund«, murmelte Edward Henry taktlos. Im Geist sah er sein Haus in Bursley, und das Hotel und alle darin schienen ihm einen Augenblick unwirklich geworden. »Ich bin entzückt!« sagte er wieder. Wenigstens waren die zwei Jungen nicht ihre eigene Nachkommenschaft. Das war immerhin beruhigend.

»Sie wissen doch, der Dramatiker«, sagte Rose Euclid, offenbar von der geringen Wirkung, die der Name Carlo Trent auf Edward Henry gemacht hatte, enttäuscht.

»So?« sagte Edward Henry. »Hoffentlich nimmt er es mir nicht übel, daß ich im Schlafrock bin.« Der Herr in Seidenstrümpfen hatte indessen in höflicher Ungeduld das Essen selbst zusammengestellt. Er wollte das Zimmer eben verlassen und öffnete die Türe für Herrn Marrier und Herrn Carlo Trent, die mit auffallender Unbefangenheit, laut redend, eintraten, in einem Ton, den man in den Fünf-Städten den »äh-äh-Ton« oder »kensingtonisch« nennt.

II

Weniger als zehn Minuten später war die Abendgesellschaft des Herrn Stadtrat Machin bei Wilkins so wunderbar verändert, daß Edward Henry sie fast selber nicht wiedererkannte.

Die Bedienung im Wilkins, in dem man die menschliche Natur genau kannte, war höchst verständnisvoll. Irgendwo in einem Zentralbüro des Hotels saß ein Psycholog, der unter anderem wußte, daß ein Essen, das in plötzlicher Laune bestellt wird, auch augenblicklich da sein muß, wenn man sich daran erfreuen soll. Jede Verzögerung bei diesen improvisierten Festen schwächt die Begeisterung ab und verringert dadurch die Aussicht, daß andere ähnliche Mahlzeiten in dem gleichen Lokal bestellt werden. Der Herr in Kniestrümpfen war daher kaum mit der Bestellung verschwunden, als auch schon mehrere Knappen mit den Bestandteilen eines Tisches erschienen, den sie in Edward Henrys Salon aufstellten und mit einem Damasttischtuch bedeckten. Auf das Damasttischtuch setzten sie Blumen, Gläser und Teller und legten einen besonderen Draht von der Wandleiste beim Kamin zu einer Stelle auf dem Tisch, wo Edward Henrys linke Hand sich befand, so daß er bei dem geringsten Anlaß und ohne die geringste Anstrengung dienstbereite Höflinge herbeirufen konnte. Dann erschienen sofort braunes Brot und Butter, Zitronen und roter Pfeffer, von Austern gefolgt, denen wieder Flaschen mit Weißwein folgten, und zwar sowohl Mosel als Sekt, und so befanden sich die Speisenden, noch ehe die Hauptgerichte in den fernen Küchen zu brodeln begannen, bereits in der Illusion, daß das ganze Souper vor der Türe war.

Die Ankunft der jungen Leute hatte Rose Euclid vollkommen umgewandelt, und mit ihr wandelte sich die ganze Stimmung. Edward Henry saß an der einen Seite des Tisches, Herr Seven Sachs ihm gegenüber, Herr Marrier, der sehr, sehr begabte junge Impresario, saß zur linken Seite Edward Henrys, während Rose Euclid und Carlo Trent beide an der rechten Tischseite saßen.

Trent und Marrier waren beide etwa dreißig Jahre alt. Trent hatte eine tiefe Stimme und ungewöhnlich leuchtende Augen, die unaufhörlich bewundernd auf Rose Euclid ruhten. Austern und Bewunderung war offenbar alles, was sie in diesem Erdental brauchte, und beides hatte sie jetzt in unbegrenzter Menge.

»Austern sind wonnig«, sagte sie, als sie die erste schluckte.

Carlo Trent küßte ihr ehrerbietig die Hand, denn sie war alt genug, um seine Mutter zu sein. »Und Sie sind die größte Tragödin der Welt, Rose!« sagte er mit seiner tiefen Stimme.

Wenige Augenblicke vorher hatte Rose Euclid Edward Henry zugeflüstert, daß Carlo Trent der größte Dramatiker der Welt war. Unter der Sonne dieser dunkelglänzenden Augen und dem sanften Regen der Bewunderung des größten Dramatikers der Welt blühte sie auf. Sie schien wirklich jünger zu sein. Jedenfalls wurde sie mädchenhafter und ihre Stimme klang besser. Dann begannen die Flaschen zu knallen und es war, als ob mit dem Entkorken des Weins sich auch die Herzen automatisch geöffnet hätten. Herr Seven Sachs, der sehr gerade und aufrecht dasaß, lächelte Edward Henry über den glänzenden Tisch vergnügt an und trank ihm zu. Der kleine Marrier, der die ganze Zeit begeistert lächelte, tat das gleiche. Fünf Gläser begegneten sich über dem Aufsatz mit Chrysanthemen, der die Mitte des Tisches schmückte. Edward Henry war glücklich. Wenn auch von Rätseln umgeben, – denn er hatte keine Ahnung, weshalb Rose Euclid die drei Männer mitgebracht hatte, – war er nichts destoweniger in gehobener Stimmung. Er sah um sich, auf den reichen Tisch, sah nach dem funkelnden Kronleuchter über ihm, obwohl der in seinem eigenen Hause schöner war, auf den weiten weichen Teppich, die Seidentapeten an den Wänden, die üppigen Vorhänge, die zwei tadellosen bedienenden Herren, sowie Josef, der seinen Platz hinter Edward Henrys Stuhl eingenommen hatte, und er kam zu dem berechtigten Schluß, daß Geld etwas Wunderbares und die Ergebnisse des Handels von geheimnisvoller Schönheit waren. Er hatte den Sparverein in den Fünf Städten erdacht; die Arbeiter und Arbeiterfrauen in den Fünf Städten zahlten wöchentlich ihre zwei Pence oder sechs Pence oder Schillings ein und hatten einen wirklichen Nutzen davon, – und er konnte Berühmtheiten bei Wilkins bewirten.

Denn es waren Berühmtheiten. Er wußte, daß Seven Sachs eine Berühmtheit war, weil er ihn in seinem eigenen Stück auftreten gesehen hatte, und weil sein Name in fußhohen Buchstaben auf allen Anschlägen in den Fünf Städten geprangt hatte. Und berühmter als Rose Euclid konnte man gar nicht sein. So mächtig war der Nimbus, daß trotz der schrecklichen ersten Enttäuschung Edward Henry auch jetzt nicht ohne befangenes Zögern und leichten Schauer ihren Namen aussprechen konnte. Sein Urteil über sie wurde günstiger, selbst ihr Alter schätzte er jetzt jünger ein. Vorhin beim Eintritt war sie offenbar ebenso überrascht gewesen wie er und ihr gezwungenes Benehmen war offenbar durch ein schlechtes Gewissen verschuldet, weil sie sich erinnerte, bei Tische zu ihrer Freundin etwas zu deutliche Bemerkungen über das Artischocken-Essen des Herrn am anderen Tische gemacht zu haben. Die Vermutung schmeichelte ihm. Er wünschte übrigens, daß sie die junge Freundin, die mit ihr über seine Artischocken gelächelt hatte, mitgebracht hätte. Und was die beiden anderen Männer betraf, so wollte er gerne glauben, daß Carlo Trent der größte dramatische Dichter der Welt war, und das außerordentliche Talent Herrn Marriers zum Impresario zugeben. Kurz, alle vier waren zweifellose Berühmtheiten. Übrigens war auch er eine Berühmtheit. Irgend etwas in der Haltung seiner vier Gäste bewies deutlich, daß sie auch in ihm eine Berühmtheit sahen, und nicht nur eine Berühmtheit, sondern eine Nummer, – Bryany mußte von ihm erzählt haben, – und der Gedanke machte ihn glücklich. Noch glücklicher machte ihn sein herrlicher Appetit. Und zu denken, daß Brindley ihm zu all der Freude noch eine halbe Krone schuldete!

»Mir gefällt Ihr Schlafrock, Herr Machin«, sagte Carlo Trent plötzlich, nach dem ersten Löffel Suppe.

»Dann brauche ich mich nicht zu entschuldigen«, antwortete Edward Henry.

»Es ist der Schlafrock meiner Träume«, fuhr Carlo Trent fort.

»Nun,« sagte Edward Henry, »da wir einmal bei dem Thema sind, mir gefällt Ihr Frackhemd.«

Carlo Trent trug ein ungestärktes Hemd. Die anderen drei Hemden waren gestärkt. Bis dahin hatte Edward Henry geglaubt, daß ein elegantes Frackhemd ein kugelfester Panzer sein müßte. Jetzt fand er eine gefältelte und sanft fließende Hemdbrust äußerst vornehm, besonders, wenn ein breites purpurnes Band, an dem ein Monokel befestigt war, darauf hin- und herglitt. Rose Euclid blickte mit züchtiger Begeisterung auf Carlos Brust.

»Die Farbe,« fuhr Carlo fort, ohne von Edward Henrys Komplimenten Notiz zu nehmen, »die Farbe hat etwas Anregendes. Ebenso das Gewebe. Ich kann mich an einem Stoff erfreuen wie eine Frau. Ich könnte in einem solchen Schlafrock zweifellos bessere Hexameter machen.« Obwohl Edward Henry infolge einer unglücklichen Lücke in seiner Bildung nicht wußte, was ein Hexameter war, war er doch Künstler genug, um den Einfluß der Kleidung auf schöpferische Tätigkeit zu begreifen, denn er hatte bemerkt, daß er selbst mehr Geld verdienen konnte, wenn er bestimmte Krawatten trug, und wählte daher instinktiv seine Krawatte mit besonderer Sorgfalt an Tagen, an denen er eine größere Sache vorhatte.

»Warum schaffen Sie sich keinen an?« meinte Marrier.

»Glauben Sie wirklich, daß ich es wagen könnte?« fragte Carlo Trent, als ob die Möglichkeit unerreichbar fern wie ein Regenbogen schimmerte ...

»Aber ja!« sagte Marrier lächelnd. »Ich möchte eine Fünfer-Note wetten, daß der Schlafrock Herrn Machins von Drook in Old Bond Street ist.«

»So ist es auch«, gab Edward Henry zu, und Herr Marrier strahlte.

»Drook, sagen Sie«, murmelte Carlo Trent. »Old Bond Street«, und er schrieb die Adresse auf seine Manschette.

Rose Euclid sah ihm zu, während er schrieb. »Ja, Carlo«, sagte sie. »Aber meinen Sie nicht, daß wir jetzt über das Theater sprechen sollten? Sie haben mir auch noch nicht gesagt, ob Sie Longay am Telephon erreicht haben.«

»Natürlich haben wir ihn erreicht«, sagte Marrier. »Er ist auch der Meinung, daß ›Theater der Intellektuellen‹ besser ist.«

Rose Euclid klatschte in die Hände. »Ich freue mich!« rief sie. »Was halten Sie von dem Namen, Herr Machin, ›Das Theater der Intellektuellen‹? Sie begreifen, wie wichtig es ist, daß wir uns vor allem über den Namen einig werden. Meinen Sie nicht auch?«

Edward Henry fühlte einen kalten Schauer über seinen Rücken laufen, und es war ihm, als versänke der solide Stuhl, in dem er saß, unter ihm in den Boden. Er hatte das ganze gesunde Mißtrauen des richtigen Engländers gegen das blutlose Wort »intellektuell«. Er konnte es nicht leiden. Wenn er es überhaupt in den Mund nahm, gebrauchte er es nicht allein, sondern sagte »intellektuell und dergleichen«! in einem Ton und mit einer Miene, als schöbe er etwas von sich weg. Der Gedanke, ein Theater so zu nennen, erfüllte ihn mit Schrecken. Aber es galt, seine Nerven und seinen Ruf nicht zu verlieren. Er trank also noch etwas Champagner und lächelte nachlässig, wie ein furchtloser Duellant lächelt, während die Pistolen nachgesehen werden.

»Nun ...« murmelte er.

»Sehen Sie«, unterbrach ihn Marrier mit ekstatischem Lächeln und beinahe auf seinem Stuhl tanzend. »Wir dürfen uns auf kein Kompromiß einlassen. Kompromisse sind immer der Fluch unseres Landes gewesen. Das unintellektuelle Drama ist tot, tot! Das kann niemand leugnen. Alle Theaterbüros im Westen bestätigen es ...«

»Würden Sie Ihr Stück intellektuell nennen, Herr Sachs?« fragte Edward Henry über den Tisch hinüber.

»Ich weiß nicht«, sagte Herr Seven Sachs ruhig. »Ich weiß nur, daß ich es fünfzehnhundertundzweimal gegeben habe, ohne von meinen drei Tochtergesellschaften zu sprechen, die noch auf der Tournee sind.«

»Was ist das für ein Stück von Herrn Sachs?« fragte Carlo Trent verstimmt.

»Aber Sie wissen es doch, Carlo«, und Rose Euclid streichelte ihn. »Belauscht!«

»So? Ich hab' es nicht gesehen.«

»Aber es war doch überall angezeigt!«

»Ich lese keine Anzeigen«, sagte Carlo. »Ist es in Versen?«

»Nein, gewiß nicht«, erwiderte Herr Seven Sachs kurz. »Aber ich habe über sechshunderttausend Dollar damit gemacht.«

»Dann ist es auch intellektuell!« versicherte Herr Marrier. »Das beweist es. Ich bedauere, es gleichfalls nicht gesehen zu haben; aber es muß intellektuell sein. Die Zeit des unintellektuellen Dramas ist vorüber. Das Publikum will nichts mehr davon wissen. Und wir müssen ans Publikum glauben, und wir zeigen unseren Glauben dadurch, daß wir unserem Theater den richtigen Namen geben: ›Theater der Intellektuellen‹!«

»Sein Theater!« dachte Edward Henry. »Was hat er damit zu tun?«

»Ich weiß nicht, mir gefällt ›Intellektuell‹ nicht so sehr«, murmelte Carlo Trent.

»Nicht?!« protestierte Rose Euclid, beinahe verletzt.

»Gewiß nicht«, sagte Carlo. »Ich habe Ihnen schon vorhin gesagt, und ich sage es Ihnen jetzt wieder, daß das Theater nur einen Namen haben kann, ›Theater der Musen‹!«

»Vielleicht haben Sie recht«, gab Rose zu, und als wäre ihr eine plötzliche Offenbarung zuteil geworden: »Ja, Sie haben recht.«

»Das wird eine nette Partnerin,« dachte Edward Henry, »die jede halbe Minute ihre Meinung ändert.« Der Appetit war ihm vergangen. Er konnte nur noch trinken.

»Natürlich habe ich recht! Wir wollen es doch mit meinem Stück eröffnen, und mein Stück ist doch in Versen! Sie werden mir sicher recht geben, Herr Machin, wenn ich sage, daß nur das Vers-Drama das wirkliche Drama ist.«

Edward Henry wußte nicht, was er sagen sollte. Ihm war zumut, als ertränke er in dem Schlafrock, der für das Dichten in Hexametern so geeignet war. »Verse ...« begann er ungewiß.

»Jawohl«, sagte Carlo Trent. »Verse, mit einem Wort: Poesie!«

»Ich habe noch nie in meinem Leben Poesie gelesen«, sagte Edward Henry wie ein Verbrecher, den man zur Verzweiflung getrieben hat. »Nicht eine Zeile!«

Carlo Trent sprang von seinem Stuhl auf, und sein Augenglas schaukelte vor ihm. »Herr Machin«, sagte er mit Wärme. »Das ist das interessanteste, was ich noch erlebt habe. Wissen Sie, daß Sie der Mensch sind, den ich immer gesucht habe? ... Der jungfräuliche Boden. Das unbeschriebene Blatt ... Wissen Sie, daß Sie der Mensch sind, für den ich schreibe?«

»Sehr liebenswürdig von Ihnen«, sagte Edward Henry mit schwacher Stimme: er fühlte sich vollständig geschlagen. Und er dachte: »Was würde Nellie denken, wenn sie mich hier sehen würde?«

Carlo Trent aber wandte sich zu Rose Euclid: »Rose, wollen Sie uns die Verse von Nashe rezitieren?«

Rose Euclid errötete. »Das kleine Stückchen, das Sie mich vorgestern gelehrt haben?«

»Nur die drei Verse! Nicht mehr! Sie sind reinste Poesie, ihr Kern und Wesen. Wir wollen sehen, wie sie auf Herrn Machin wirken. Wir wollen einmal sehen. Es ist die ideale Gelegenheit, meine Anschauung zu erproben. Also, seien Sie ein gutes Mädel und sprechen Sie!«

»Nein, ich kann nicht, unmöglich. Ich bin zu nervös«, stammelte Rose.

»Sie können und Sie müssen«, sagte Carlo mit einem Blick der Huldigung. »Kein Mensch in der Welt kann diese Verse so sprechen wie Sie. Also!«

Rose Euclid stand auf. »Einen Augenblick!« sagte Carlo. »Es ist zu viel Licht. Es geht nicht bei so viel Licht. Sie gestatten doch, Herr Machin?«

Er machte eine Handbewegung, und alle Lampen erloschen bis auf eine auf dem Kaminsims, und in dem plötzlich verdunkelten Raum sah man nur Rose Euclids Gesicht, das von den Strahlen dieser einsamen von einem seidenen Schirm gedämpften Glühlampe beleuchtet war. Sie griff mit der Hand hinter sich, fand das Tischtuch und begann mit den Fingern aufgeregt darauf zu kratzen. Sie hob ihr Haupt. Jetzt war sie wieder Schauspielerin, die jeden in ihren Bann zwang, und Edward Henry fühlte ihre Gewalt. Dann begann sie:

»Tag wird düstrer Nacht zum Raub;
Junge schöne Königinnen starben;
Helenas Augen verschließet der Staub.«

Sie verstummte und setzte sich nieder. Ein Schweigen entstand. »Bravo!« murmelte Carlo Trent.

»Bravo!« murmelte Marrier.

In der Finsternis sah Edward Henry Herrn Seven Sachs' unverändertes beobachtendes Lächeln jenseits des Tisches.

»Nun, Herr Machin?« fragte Carlo Trent.

Der Klang von Rose Euclids Stimme hatte Edward Henry durchbebt. Aber die Worte, die sie gesprochen, hatten in seinem Geist kein klares Bild hervorgerufen; er hatte die Vorstellung von einem unbestimmten Raubanfall und einem jungen Frauenzimmer, das Helena hieß und an einem windigen Tag durch Trafalgar Road in Bursley ging, wobei ihr der Staub in die Augen kam. »Ist das alles?« fragte er schließlich.

Carlo Trent sagte: »Es ist aus Thomas Nashes ›Sang von der Pest‹. Die Schlußzeilen der Strophe sind:

»Ich bin krank, ich muß sterben –
Gott erbarme sich meiner!«

»Der Schluß gefällt mir«, sagte Edward Henry, der sich gesammelt hatte. »Der Schluß scheint mir sehr richtig.«

Herr Seven Sachs, dem offenbar ein Schluck Wein in die unrechte Kehle gekommen war, drohte zu ersticken.

III

Herr Marrier war der erste, der sich von dem Schlag erholte. Oder richtiger, er hatte ihn nicht gefühlt. Seine überschäumende Lebenslust war davon nicht berührt worden. Er war ein geborener und unerschütterlicher Optimist. »Ich habe eine Idee«, rief er. »Wir sollten uns alle photographieren lassen. Das würde sehr gut sein.« Und er warf Rose Euclid einen ermutigenden Blick zu. »Es kommt in die illustrierten Zeitungen ›Abendgesellschaft im Hotel Wilkins. Miß Rose Euclid rezitiert Verse bei der Besprechung der Pläne für ihr neues Theater in Piccadilly. Von rechts nach links: Herr Seven Sachs, der berühmte Schauspieler und Autor, Miß Rose Euclid, Herr Carlo Trent, der berühmte dramatische Dichter, Herr Stadtrat Machin, der bekannte Kapitalist aus Mittel-England‹, und so weiter, und so weiter!«

»Es wäre ein Gedanke«, sagte Rose Euclid träumerisch.

»Aber wie sollen wir jetzt photographiert werden?« fragte Carlo Trent in gereiztem Ton.

»Nichts leichter als das!«

»Jetzt?«

»In zehn Minuten. Ich kenne einen Photographen in Brook Street.«

»Der jetzt kommt?« und Carlo Trent sah finster auf seine Uhr.

»Ja, ja! Er kommt!« sagte Herr Marrier begütigend und ging ans Telephon. Aus seinem fröhlichen Knabengesicht strahlte die Versicherung, daß noch nichts im Leben ihn so beglückt hatte, wie dieser Versuch, einen Photographen herzuschaffen.

Aber während Herr Marrier, als er die Verbindung mit dem Photographen erlangt hatte, siegreich ins Telephon sprach: »Ja, Wilkins. Nein, oben, privat. Miß Rose Euclid ist hier und Herr Seven Sachs ...« Und während er so seine Liste von Stars aufzählte, dachte Edward Henry: »Jetzt ist es ihr neues Theater! Vor fünf Minuten war es seines! ... Der wohlbekannte Kapitalist aus Mittel-England, aha!« Er trank. »Ich hab' von diesem greulichen gasigen Zeug schon mehr als ich vertragen kann!« sagte er zu sich und meinte den Champagner. »Wenn ich das Glas austrinke, habe ich eine schlechte Nacht.« Er trank das Glas dennoch aus und stellte es hart auf den Tisch. »Wenn wir photographiert werden sollen,« sagte er laut und scheinbar vergnügt, »dann werden wir etwas mehr Licht brauchen.«

Josef eilte bereits an den Schaltknopf.

»Bitte!« Carlo Trent hob beschwörend die Hand. Das Licht wurde nicht angedreht. In dem verdunkelten Raum blickten die größte Tragödin der Welt und der größte dramatische Dichter der Welt einander in die Augen und genossen ihre gegenseitige Bewunderung.

»Wie wäre es, wenn man es das ›Euclid-Theater‹ nennen würde?!« fragte sie nebenhin, ohne die Augen von ihrem Gegenüber abzuwenden.

»Herrlich!« rief Herr Marrier vom Telephon.

»Es kommt darauf an, ob genug Hörer der Mathematik in London sind, um das Theater jeden Abend zu füllen«, sagte Edward Henry.

»So? Glauben Sie wirklich?« murmelte Rose überrascht, ohne zu begreifen.

Jetzt wäre Edward Henry am liebsten aus dem Zimmer gestürzt, um den Nachtschnellzug nach den Fünf Städten zu benützen und sich nie wieder in die Gefahren von London zu wagen, wenn nicht Carlo Trent sich umgewendet und durch ein kurzes widerwilliges Lachen verraten hätte, daß er den Witz verstanden. Denn auf Herrn Seven Sachs konnte sich Edward Henry nicht mehr verlassen. Herr Seven Sachs beherrschte seine Gesichtsmuskeln mit äußerster Anstrengung. Wenn er nur im geringsten nachgegeben hätte, hätte er wieder ersticken müssen.

»Nein«, sagte Carlo Trent. »›Das Musentheater‹ ist der einzig mögliche Name. Nur mit dem Vers-Drama ist Geld zu machen.« Und er sah Edward Henry scharf an, als wollte er die Erinnerung an den Mißerfolg der Verse aus seinem Gedächtnis bannen. »Ich für meine Person begehre kein Geld. Schon das Wort und der Begriff Geld ist mir verhaßt. Aber Geld ist der einzige Beweis, daß das Volk unser Werk begriffen hat und zu schätzen weiß, und das brauche ich. Das braucht jeder Künstler ... Glauben Sie nicht, daß man mit dem Vers-Drama Geld machen kann, Herr Sachs?«

»Nicht in Amerika«, sagte Herr Sachs. »Aber London ist ein sonderbarer Ort.«

»Sehen Sie nur, wie oft die Stücke von Stephen Phillips gegeben werden!«

»Ja gewiß ... Ich kenne nur Amerika; nicht London.«

»Bedenken Sie, was Pilgrim mit Shakespeare verdient hat.«

»Ich dachte, Sie redeten von Poesie«, sagte Edward Henry voreilig.

»Und ist Shakespeare etwa keine Poesie?« fuhr Carlo Trent auf.

»Nun ja, wenn Sie es so auffassen wollen, kann man es sagen«, gab Edward Henry eingeschüchtert aber immer noch mit Vorbehalt zu. Es war sein Nachteil, daß er niemals etwas von Shakespeare gesehen oder gelesen hatte. Sein sicherer Instinkt hatte ihn stets davor behütet.

»Und ist die Constanze nicht Miß Euclids herrlichste Rolle?«

»Ja, ich ... ich ...« wollte Edward Henry einwenden, aber Carlo Trent fuhr fort:

»Miß Euclid in König Johann ...«

»Ich habe König Johann nicht gesehen«, sagte Edward Henry.

»Wollen Sie ernstlich behaupten,« erwiderte Carlo Trent mit Nachdruck, »daß Sie Rose Euclid nie als Constanze gesehen haben?«

Edward Henry schüttelte gedemütigt den Kopf und erkannte, daß er umsonst gelebt hatte.

Carlo versank in Träume. »Es ist eine der frühesten und köstlichsten Erinnerungen aus meiner Knabenzeit«, murmelte er, weicher gestimmt, und sah zur Decke empor. »Es muß 18 ...«

Rose Euclid ließ von dem Eis ab, das man ihr gerade serviert hatte, und machte Carlo mit einer einzigen entschiedenen Gebärde klar, wie ungeschickt es von ihm war, Jahreszahlen aus ihrer Laufbahn feststellen zu wollen. Sie errötete wieder.

Herr Marrier, der von seinem erfolgreichen Telephongespräch an den Tisch zurückgekehrt war, sagte strahlend, während er sein Eis nahm: »Es war doch Ihr Auftreten als Constanze, das zu Ihrer Freundschaft mit der Gräfin von Chell führte, nicht wahr, Rose? Sie müssen wissen,« sagte er zu Edward Henry gewendet, »daß Miß Euclid und die Gräfin intime Freundinnen sind.«

»Ja, ich weiß«, sagte Edward Henry trocken, und Rose errötete wieder. Ihre aufgeregte Hand strich über die Rückenlehne des Stuhls hinter ihr.

»Selbst Sir John Pilgrim gibt zu, daß ich Shakespeare spielen kann«, sagte sie mit schwerer trauervoller Stimme und sah auf das Tischtuch nieder, als sie den großen Namen des ersten Schauspielers von England aussprach. »Es wird Sie vielleicht überraschen, Herr Machin, aber vor etwa einem Monat, als er sich mit Selina Gregory zerstritten hatte, hat Sir John mich gefragt, ob ich ihn als Star auf seiner Shakespeare-Welttournee im nächsten Frühjahr begleiten wollte. Ich hätte es getan, wenn er auch Carlos Versdrama ›Die Perle des Orients‹ gleichfalls aufführen wollte, aber er wollte nicht! Er wollte nicht! Und wen hat er jetzt? Die kleine Cora Pryde! Sie ist noch keine zweiundzwanzig und soll die Julia spielen! Kann man sich so was vorstellen! Als ob ein so junges Mädel die Julia spielen könnte!«

Carlo betrachtete die reife Schauspielerin mit Befriedigung; er war stolz auf sie und stolz auf sich.

»Ich würde jetzt nicht mehr mit Pilgrim auftreten,« rief Rose leidenschaftlich, »und wenn er mich kniefällig darum bitten würde!«

»Und nichts in der Welt könnte mich bewegen, ihm ›Die Perle des Orients‹ zu überlassen!« versicherte Carlo Trent nicht minder heftig. »Das hat er sich für immer verscherzt!« fügte er grimmig hinzu. »Er wird den Vorteil davon nicht einstecken! Das werden wir selber tun!«

»Nicht, wenn er mich kniefällig darum bittet!« wiederholte Rose glutvoll.

Über Edward Henry war die Ruhe der Verzweiflung gekommen. Er kannte sich, er wußte, daß er augenblicklich etwas tun mußte. Er suchte in den Taschen des gelben Schlafrocks, der der Traum des größten Dramatikers der Welt war, und fand das, was er brauchte: ein Stückchen Papier. Es war ein Kohlendurchschlag der Quittung; oben stand der Name der Firma in großem schwarzen Druck und darunter in schwachem Blau die Ziffer: 4 Pfund 4 Schilling. Er nahm einen Bleistift aus der Westentasche und schrieb auf den Zettel: »Gehen Sie hinaus und kommen Sie nach ein paar Minuten wieder und melden Sie mir, daß jemand mich dringend zu sprechen wünscht.«

Dieses Dokument übergab er Josef so unmerklich als möglich, und Josef, der offenbar bei Sir Nicholas manches gelernt hatte, verschwand, ohne einen Versuch, den Zettel noch im Zimmer zu lesen.

»Ich hoffe,« sagte Edward Henry zu Carlo Trent, »daß Sie dieses Stück, mit dem man soviel Geld machen kann, für das neue Theater reservieren?«

»Ganz und gar«, sagte Carlo Trent.

»Und Miß Euclid spielt die Hauptrolle?«

»Das meine ich!« sang Herr Marrier, »das meine ich!«

»Ich werde nie an einem anderen Theater auftreten, Herr Machin«, sagte Rose tragisch erregt, und wieder griffen ihre Finger nach der Lehne des anderen Stuhls. »Darum hoffe ich auch, daß wir gleich mit dem Bau beginnen werden. In weniger als sechs Monaten müssen wir die Eröffnungsvorstellung geben.«

»Nichts leichter als das!« sang der Optimist.

Josef trat wieder ein und versuchte, seinem Herrn leise etwas zu sagen. »Was ist denn?« fragte Edward Henry ärgerlich. »Sprechen Sie doch laut!«

»Es ist ein Herr da, der Sie einen Augenblick sprechen möchte.«

»Jetzt kann ich nicht!«

»Er sagte, es sei außerordentlich dringend.«

Verärgert stand Edward Henry auf. »Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick«, sagte er. »Hier ist der Likör. Ihr Burschen könnt jetzt gehen, glaube ich.« Der letzte Satz war an die Herren in Kniestrümpfen gerichtet.

Das Zimmer nebenan war das große Schlafzimmer mit den zwei Betten. Edward Henry verschloß die Türe sorgfältig und zog die Portiere vor. Dann lauschte er. Kein Laut drang aus dem Speisezimmer. »Ist denn kein Telephon hier in diesem Zimmer?« sagte er zu Josef. »Ja, da ist es! Sie können gehen!«

Edward Henry setzte sich auf das eine Bett, neben dem das Telephon hing, und dachte nach. »Also ich bin ein jungfräulicher Boden, ein unbeschriebenes Blatt? So? ... Sie haben noch nicht einmal von der Option Gebrauch gemacht und streiten schon um den Namen! So soll man Geschäfte machen! Intellektuelle! Musen!! Perle des Orients!!! ... Die Person ist mindestens fünfzig – darauf könnte ich schwören ... Nicht ein vernünftiges Wort den ganzen Abend! Nun ja, er ist ein Dichter. Ein eingebildeter Esel ist er! Bryany ist besser als die Bande ... Sachs gefällt mir. Aber der macht ja den Mund nicht auf ... Der Kapitalist bin ich! ... Dabei haben sie mir den Appetit verdorben, und ich mag keinen Champagner! ... Das Geld haßt er, der Dichter! Schon das Wort und den Begriff Geld kann er nicht vertragen! ... Und alle Augenblicke ändert sie ihre Meinung! Die halten mich für ihren Narren ... Ich wäre auch ein schöner Narr! Denen werde ich eine Lektion geben!« Er griff nach dem Telephon. »Hallo!« sagte er, »bitte verbinden Sie mich mit dem Salon von Flucht Nr. 48. Wen? Mich! Ich bin im Schlafzimmer von Flucht Nr. 48. Machin, Stadtrat Machin. Danke.« Er wartete. Dann hörte er Marriers Stimme fragen, wer da sei. »Ist dort Herr Machin?« antwortete er, indem er die näselnde elegante Stimme Marriers nachahmte. »Ist Miß Rose Euclid dort? Ja? Bitte, sagen Sie ihr, der Privatsekretär von Sir John Pilgrim wünscht sie zu sprechen. Danke. Danke. Ich bleibe am Apparat.« Nach einer Pause hörte er Roses Stimme am Telephon und fuhr fort: »Miß Euclid selbst? Ja. Sir John Pilgrim. Vergebung! Banks? Oh, Banks! Nein, ich bin nicht Banks. Sie meinen wohl meinen Vorgänger. Er ist nicht mehr da. Vergangene Woche. Ich weiß nicht warum. Ich soll Sie von Sir John fragen, ob Sie und Herr Trent morgen um halb zwei mit ihm frühstücken können? Was? Oh, bei ihm, in seinem Haus ... ja, Wohnung meine ich natürlich. Wohnung! Sagte ich nicht Wohnung? Sie können?« Wieder gab es eine Pause. Er hörte, wie sie Carlo Trent rief. »Danke. Nein, ich weiß nicht genau, was«, fuhr er fort. »Ich weiß nur, daß die Sache mit Miß Pryde sich zerschlagen hat. Und Sir John braucht schnellstens ein Stück. Ja, gleich, sofort! Ja. ›Die Perle des Orients‹, ja, das war es. Erst im Königlichen Theater und dann für die Welttournee. Wenigstens für fünfzehn Monate, höre ich. Natürlich ist das nicht offiziell; ich vermute es nur. Also, vielen Dank. Sehr liebenswürdig. Ich kann also Sir John sagen, daß er auf Sie rechnen kann. Morgen um halb eins, auf Wiedersehen!«

Er hing den Hörer wieder an. Die erregte, eifrige, mehr als liebenswürdige Stimme Rose Euclids klang ihm noch im Ohr. Er griff nach seiner Stirn. Er schwitzte. »Denen werde ich eine Lehre geben«, murmelte er. »Geschieht dir recht ... ›Nie trete ich wieder an einem anderen Theater auf, und wenn er mich kniefällig bittet!‹ ... ›Ganz und gar‹ ... Das wären mir schöne Partner!«

Er wartete noch ein wenig und kehrte dann zu seiner Gesellschaft zurück. Niemand sagte ein Wort von dem Telephongespräch. Nur, daß Rose Euclid und Carlo Trent wie Verschworene aussahen und Herrn Marriers Lebensfreude ein klein wenig gedämpft schien.

»Ich bitte sehr um Entschuldigung!« begann Edward Henry rasch, und ohne die Wünsche des Dichters zu berücksichtigen, drehte er alle Lichter wieder an. »Glauben Sie nicht, daß wir jetzt über die Option sprechen sollten? Freitag läuft sie ab.«

»Nein,« sagte Rose Euclid, und sie sprach wie ein Backfisch, »morgen läuft sie ab. Darum ist es ja ein solches Glück, daß wir Sie heute noch erreicht haben.«

»Herr Bryany sagte mir doch Freitag. Und das war auch das Datum auf der Kopie.«

»Offenbar ein Schreibfehler,« meinte Herr Marrier strahlend, »aber das macht ja nichts.«

»Nun,« bemerkte Edward Henry beifällig, »das nenne ich kaltes Blut. Aber, wie Herr Marrier ganz richtig sagt, es macht ja nichts. Eins aber muß ich wissen: wenn ich mich in die Sache einlasse, kann ich also auf Sie und auf Herrn Trent absolut zählen?« Er versuchte zu reden, als ob er sein ganzes Leben mit Schauspielerinnen und Dichtern verhandelt hätte.

»Absolut!« sagte Rose, und Carlo Trent nickte.

»Judasse!« dachte Edward Henry, »solche Judasse!«

Der Photograph trat mit seinen Kästen ein, und Rose Euclid und Carlo Trent setzten sich instinktiv zurecht. Edward Henry aber dachte vergnügt: »Innerlich gratulieren sie sich dazu, daß der Sekretär von Sir John Pilgrim gerade in dem Augenblick anrief, als ich nicht im Zimmer war!«

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