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Arnold Bennett: Theater - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorArnold Bennett
titleTheater
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
editorThomas Mann
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131001
projectidfbeb8f6a
wgs9110
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Drittes Kapitel. Hotel Wilkins

I

Er fuhr nach London mit dem Morgenschnellzug von Knype, am zweiten Montag nach dem Abend im Empire. In der Zwischenzeit hatte er mit Herrn Bryany einige Briefe über die Option gewechselt, die ziemlich allgemein gehalten waren, und hatte Herrn Bryany mitgeteilt, daß er einige Tage vor dem Verfallstermin in London sein würde. Ein bestimmtes Datum hatte er nicht genannt. Die ganze Sache war noch völlig ungewiß und schwebte in der Luft, und gerade das machte ihm Spaß; und obwohl er seiner Frau versichert hatte, daß es sich um eine äußerst wichtige geschäftliche Angelegenheit handelte, betrachtete er seinen Abstecher nach London in Wirklichkeit überhaupt nicht als eine Geschäftsreise, sondern als einen einfachen Ausflug, den er aus Laune und um der Luftveränderung willen unternahm. Der einzige sichere Posten in der ganzen Sache war, daß er eine sehr beträchtliche Summe in barem Geld mithatte, um, wie er hoffte, von der Option im richtigen Augenblick Gebrauch zu machen. Aber er war keineswegs sicher, daß er es tun würde.

Nellie, tadellos bis zuletzt, begleitete ihn im Auto bis nach Knype, dem Bahnhof der Hauptstrecke. Die Fahrt, die äußerlich eine vergnügte schien, war in Wirklichkeit peinlich gewesen. Neun Tage lang hatte man im Hause scheinbar fröhlich von Vaters Reise nach London gesprochen, als ob man sich um Vaters willen darüber freuen und gleichzeitig seine Abwesenheit liebevoll bedauern müßte. Die offizielle Theorie war, daß in dieser besten aller möglichen Familien alles aufs beste bestellt war, und diese Theorie wurde mit wunderbarem Geschick aufrechterhalten. Und doch wußte jeder, selbst die kleine Maisie, daß dem nicht so war; jeder wußte, daß der Herr und die Frau des Hauses, wie ruhig und liebevoll sie sich auch gegeneinander benehmen mochten, sich in einem stillschweigenden, aber schrecklichen Konflikt befanden, in einem geheimnisvollen Kampf ohne Worte, der irgendwie mit der Fahrt nach London im Zusammenhang stand.

Edward Henry hatte bis jetzt gehofft, daß noch auf der Fahrt nach Knype irgendein entscheidendes Ereignis eintreten würde, ein Ton, eine Bewegung, ein Blick, ein Händedruck, die letzte Möglichkeit einer wirklichen Versöhnung. Nichts dergleichen geschah. Sie sprachen mit der gleichen falschen Herzlichkeit miteinander, wie sie es seit dem Abend des Hundebisses getan hatten. An jenem Abend hatte Nellie sich in einen Engel von schmerzlicher Vollkommenheit verwandelt, und in dieser unnahbaren Höhe war sie geblieben. Sie hatte ihm täglich morgens und abends einen Kuß gegeben – aber was für einen Kuß! Es waren Küsse, die keine Küsse waren! Elende Imitationen, wie alkoholfreies Bier! Und wenn er sie umgebracht hätte, er hätte ihr keinen Fehler in ihrem Verhalten als Gattin vorwerfen können! Sie wäre als Siegerin gestorben.

Sein Vergnügungsausflug begann also nicht sehr glücklich. Und als er auf dem Bahnsteig in Knype mit ihr auf den Zug wartete, fühlte er dies mehr und mehr. Sein alter Buchhalter, Penkethman, war auf dem Bahnhof, um letzte Instruktionen für den Sparverein entgegenzunehmen, und Nellie benahm sich so reizend gegen den alten Mann, und der alte Mann war so selig darüber, daß Edward Henry wild wurde. Will sie mir das Vergnügen an der Reise verderben? fragte er sich.

Da erschien Brindley auf dem Bahnhof. Auch Brindley fuhr nach London. Und Nellies zuckersüße Versicherungen, daß Edward Henry wirklich eine Luftveränderung brauche, trieben diesen vollends zur Verzweiflung. Nicht einmal das lärmende Auftreten zweier fröhlicher Gemischtwarenhändler en gros, der Herren Garvin & Quorrall, die gleichfalls nach London fuhren, vermochte seine trübe Stimmung aufzuheitern.

Als der Zug hereindampfte, schob Edward Henry den Abschiedskuß so lang als möglich hinaus. Er ließ Brindley zuerst in das Abteil zweiter Klasse steigen, brauchte absichtlich lange, um Kleingeld für den Träger zu finden, dann beugte er sich zu Nellie. Sie hob ihren weißen Schleier, hob ihr Gesicht mit dem Engelsausdruck; sie küßten einander, mit dem gleichen falschen Kuß, sie zog ihre Lippen zurück, aber plötzlich küßte sie ihn eine Sekunde lang zum zweitenmal, beinahe krampfhaft. Es war ein Nichts. Niemand hatte es bemerken können. Sie selbst tat, als wäre es nicht gewesen; und auch Edward Henry mußte tun, als hätte er es nicht bemerkt. Und doch bedeutete es alles. Sie hatte nachgegeben. Das Zeichen war von ihr gekommen. Sie wünschte, daß er sich an seinem Ausflug freuen sollte. Und er sagte zu sich selbst: Ich schreibe ihr jeden Tag!

Er beugte sich aus dem Fenster, als der Zug abfuhr, und winkte und lächelte ihr zu, ohne seine Gefühle zu verbergen; und auch sie verbarg die ihren nicht, als sie sein Winken erwiderte. Hätte aber der Zug sie nicht so rasch und unweigerlich voneinander fortgeführt, die Versöhnung wäre nicht so offensichtlich geworden. Wenn der Zug aus irgendeinem Grunde wieder in den Bahnhof eingefahren wäre und die Passagiere ausgestiegen wären, beide Gatten würden im Augenblick wieder jede Empfindung unterdrückt haben. So ist die menschliche Natur in den Fünf Städten.

Als Edward Henry seinen Kopf aus dem Fenster zurückzog, bemerkten Brindley und Mr. Garvin, der im Seitengang stand, sogleich, daß seine Laune sich erstaunlich gebessert hatte. Und in ihrer Blindheit hielten sie Edward Henrys Freude, eine gewisse Zeit dem Familienleben entkommen zu sein, für die Ursache!

Mr. Garvin war aus dem benachbarten Abteil erster Klasse herübergekommen, um eine Partie Bridge vorzuschlagen. Die Herren Garvin & Quorrall reisten mindestens einmal wöchentlich nach London und hatten Jahreskarten erster Klasse. Brindley meinte, er hätte nichts gegen eine Partie, aber er denke nicht daran, deshalb für erste Klasse nachzuzahlen. Aber Herr Garvin sagte, er solle nur herüberkommen und sich auf die Firma Garvin & Quorrall verlassen. Edward Henry, der sonst kein leidenschaftlicher Kartenspieler war, war diesmal leidenschaftlich dafür und erklärte, es liege ihm nichts daran, und wenn er vierzigmal nachzahlen müsse. Worauf Robert Brindley neidisch brummte: »Millionäre können sich das eben erlauben.« ... Aber beide folgten Herrn Garvin in das Abteil erster Klasse, und es zeigte sich, daß der Zug der Firma Garvin & Quorrall gehörte, und daß beide in der Londoner Nordwestbahn tun und lassen konnten, was sie wollten.

»Bringen Sie uns ein Kissen, ja?« sagte Herr Quorrall zu dem Schaffner, der die Fahrkarten nachzusehen kam. Und der Beamte tat, um was er gebeten wurde. Ein langes Sitzkissen wurde aus einem anderen Abteil geraubt. Die vier Herren legten es über ihre Knie, und die Partie begann. Der Schaffner prüfte die Fahrkarten Brindleys und Edward Henrys und sah merkwürdigerweise nicht, daß sie nicht von der richtigen Farbe waren. Und auf diesen Beweis ihrer Macht und ihres Einflusses waren die Herren Garvin & Quorrall insgeheim nicht wenig stolz.

Der letzte Robber war zu Ende, als sie in der Nähe von Willesden waren, und Edward Henry, der anderthalb Schilling gewonnen hatte, war voll hoher Freude, denn die Herren Garvin, Quorrall und Brindley waren sämtlich berühmte Bridgespieler. Sie warfen das Kissen in eine Ecke, und in den wenigen Minuten, die ihnen noch blieben, wechselten sie gelegentlich ein paar Worte.

»Wo steigen Sie ab?« fragte Brindley Edward Henry.

»Im Majestic«, sagte Edward Henry. »Und Sie?«

»Vermutlich im Kingsway.«

Das Majestic und das Kingsway gehörten zu dem halben Dutzend großer und höchst mittelmäßiger Hotels in London, welche aus Ursachen, die niemand und insbesondere kein Amerikaner je zu ergründen vermochte, von den Provinzlern aus Mittelengland bevorzugt werden, wenn sie »auf einen Sprung« nach London kommen. Beide Hotels hatten in den Fünf Städten einen außerordentlichen Ruf. Da es über das Majestic und das Kingsway nichts Neues zu sagen gab, stockte das Gespräch, bis Herr Quorrall Seven Sachs erwähnte. Der große Seven Sachs in seinem weltberühmten Stück »Belauscht« hatte in der letzten Woche in den Fünf Städten alle anderen Gesprächsthemen verdrängt. Durch sechs Abende hatte er das Theater gefüllt und das Empire halb geleert; ähnliches war noch nicht vorgekommen. Zufällig war er gerade in den Fünf Städten in »Belauscht« zum fünfzehnhundertsten Mal aufgetreten, und die Bevölkerung der Fünf Städte war über diese Tatsache so beglückt, als ob ein besonderes Verdienst, das ausschließlich ihnen gebührte, damit erworben oder anerkannt worden wäre. Seven Sachs' Tournee war nun zu Ende, und er war Sonntag nach London abgereist, um nach Amerika zu fahren.

»Wie ich höre, wohnt er im Wilkins«, sagte Herr Garvin.

»Erzählen Sie das Ihrer Großmutter!« Mit diesen Worten versuchte Brindley Herrn Garvin kleinzukriegen.

»Ich habe nicht gesagt, daß er im Wilkins wohnt,« erwiderte Herr Garvin, der nicht so leicht kleinzukriegen war, »ich sage nur, daß ich gehört habe, er wohne dort.«

»Man nimmt ihn dort nicht auf!« behauptete Brindley, und sogar Herr Quorrall schien ihm stillschweigend recht zu geben. Schon der Name Wilkins war seiner Natur nach so exklusiv, daß die große Mehrzahl sonst kundiger Provinzler ihn nie gehört hatte. Man kann zehn wohlinformierte Leute aus der Provinz fragen, welches das erste Hotel in London ist, und neun von zehn werden antworten, das »Grand Babylon«. Nicht, daß selbst sehr vermögende Leute aus den Industriebezirken im Grand Babylon absteigen würden! O nein! Edward Henry zum Beispiel war niemals im Grand Babylon abgestiegen, so wenig, wie er jemals ein Billett erster Klasse gelöst hatte. Der Gedanke wäre ihm nie gekommen. Es gibt eine gewisse verschwenderische Eleganz, die unter soliden reichen Leuten aus der Provinz nicht als gute Art angesehen wird. Wozu soll man erster Klasse reisen, sagen sie, da doch die zweite ebensogut ist, und, wenn man erst im Zug sitzt, niemand einen Unterschied bemerkt? Wozu die Art einer anderen Gesellschaftsschicht nachäffen? Sie lesen gerne von Diners und Abendgesellschaften im Grand Babylon; aber sie fühlen keinen Ehrgeiz und ahmen niemandem nach. Höchstens, daß sie einmal im Grill-Room des Grand Babylon frühstücken oder speisen würden; der Grill-Room gilt als ein neutraler Ort. Und selbst das ist ein abenteuerlicher Ausnahmefall. Aber Hotel Wilkins in Devonshire Square ist an Fürstenhöfen weit besser bekannt als in den Fünf Städten, und während die Hälfte der europäischen Monarchen den Namen zwar falsch, aber mit einer gewissen Vorliebe aussprechen, haben die wenigsten Großindustriellen aus der Provinz es auch nur gesehen. Die Menschenklasse, die das Rückgrat Englands bildet, überließ dieses Hotel den Fürstlichkeiten und ihren aristokratischen Schmarotzern.

»Ich wüßte nicht, warum man ihn dort nicht aufnehmen sollte?« sagte Edward Henry herausfordernd.

»Sie scheinen es wirklich nicht zu wissen, mein lieber Stadtrat!« sagte Brindley.

»Warum sollte ich nicht im Wilkins absteigen?« beharrte Edward Henry.

»Das möchte ich einmal sehen«, sagte Brindley höhnisch.

»Nun gut,« sagte Edward Henry, »ich wette eine Fünf-Pfund-Note mit Ihnen, daß ich hingehe.« Hatte er nicht anderthalb Schilling gewonnen und mit seiner Frau Frieden geschlossen?

»Um Fünf-Pfund-Noten wette ich nicht«, sagte der vorsichtigere Brindley. »Aber um eine halbe Krone will ich mit Ihnen wetten.«

»Gemacht!« sagte Edward Henry.

»Wann werden Sie hingehen?«

»Entweder heute oder morgen. Ich muß zuerst ins Majestic, weil ich ein Zimmer bestellt habe und die Post hinkommt.«

»Aha!« stieß Brindley hervor, wie um anzudeuten, daß Edward Henry bereits Ausflüchte suchte. Aber im Grunde kannte er Edward Henry zu gut. Ja, er hoffte, die halbe Krone zu verlieren. In seinem Gesicht und in denen der beiden anderen war deutlich zu lesen, daß sie das Vergnügen von den Erlebnissen des Stadtrats Machin, ihrer großen Nummer, im Wilkins zu hören –, falls es ihm gelang, hineinzukommen –, mit einer halben Krone nicht zu teuer bezahlt fanden.

»Euston!« riefen die Träger.

II

Es war schon spät am Nachmittag, als Edward Henry vor dem Hauptportal des Hotel Wilkins ankam. Er kam in einem Taxameter, und obwohl die Entfernung vom Majestic zum Wilkins keine allzu große ist, und obwohl er nachmittags nichts zu tun gehabt, hatte er doch fast drei Stunden dazu gebraucht, von dem Portal des einen Hotels zu dem des anderen zu gelangen. Zweidreiviertel Stunden davon hatte er damit verbracht, den nötigen Mut zu sammeln. Und selbst jetzt hatte er sein Gepäck nicht mitgebracht. Er hatte sich gesagt, daß er sich die Sache erst einmal ansehen wollte; und bei dieser gefährlichen Arbeit, gleichsam dem Auskundschaften des Schlachtfeldes wünschte er gänzlich unbelastet zu sein; auch mußte er, falls er abgewiesen wurde oder ihm sonst etwas zustieß, eine Operationsbasis haben, nach der er einen geordneten Rückzug antreten konnte.

Er sah das Hotel zum erstenmal im Leben, und seine Angst steigerte sich noch. Es war nicht größer als das Majestic; es war eher kleiner; man sah nicht mehr Terrakotta, Spiegelscheiben und Stuckgesimse als am Majestic. Aber es hatte etwas an sich ... der ganze Platz, auf dem es lag, machte einen Eindruck ... vor jedem Fensterbrett, nicht nur des Hotels, sondern all der stolzen Häuser auf dem Platz, waren Kästen mit herrlichen blühenden Pflanzen angebracht. Er konnte sie in der Oktoberdämmerung deutlich sehen, und sie waren bereits eine Wundererscheinung, mochte der Oktober in diesem Jahr auch noch so milde sein. Eine erhabene Ruhe lag über dem Platz; ein Wächter in Livree sperrte soeben das Tor des Gartens, der in der Mitte des Platzes lag, zu, und es sah aus, als ob gekrönte Häupter ihn eben verlassen und durch ihren Besuch den Ort geheiligt hätten. Zwischen dem heiligen Hain und den schweigenden Fassaden der stattlichen Häuser schossen lautlose, teure Automobile hin und her, die von Chauffeuren in mattgrauer oder dunkelpurpurbrauner Livree gelenkt wurden, Chauffeuren, die sich beim Lenken zurücklehnten und neben denen Bediente saßen, die sich gleichfalls zurücklehnten und über die Höhen des irdischen Daseins nachzudenken schienen. Edward Henrys Taxameterdroschke sah auf diesem Platze aus wie eine armselige verirrte Hauskatze, die in eine Ausstellung vornehmer Angorakatzen geraten ist.

In demselben Augenblick, in dem die Taxameterdroschke unter der Säulenvorhalle des Hotels hielt, trat eine Art Kammerherr in weißen Handschuhen vor, die er unerschrocken befleckte, als er den elenden Messinggriff faßte und aufdrückte. Er verbeugte sich vor Edward Henry und half ihm aus dem Auto auf den roten Teppich, der über den Torstufen und dem Bürgersteig lag. Der Droschkenführer sah mit deutlicher und heiterer Verachtung auf den Kammerherrn, aber Edward Henry sah bescheiden fort und stieg in Gedanken versunken die breiten teppichbelegten Stufen empor.

»Na, und was ist mit mir?« rief der Droschkenführer, der offenbar ein unverschämter Sozialist oder bestenfalls ein Republikaner war.

Schmerzlich berührt, warf der Kammerherr Edward Henry einen hilfeflehenden Blick zu, um in dieser Krise bei ihm Weisung und Stütze zu finden.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Sie warten sollen?« sagte Edward Henry, der jetzt einige Stufen höher als der Droschkenführer stand.

»Nee, das haben Sie nicht!« sagte der Droschkenführer.

Mit einer unbeschreiblichen Gebärde gab der Kammerherr ihm einen Wink, der ihn schweigend nach irgendeinem Dämmerort wies, wo Automobile zu warten hatten.

Ein Page öffnete eine Flügeltür, ein zweiter Page öffnete eine zweite Flügeltür, und beide taten es mit dem ganzen Zeremoniell des achtzehnten Jahrhunderts. Edward Henry stand in der Halle von Wilkins' Hotel. Er war erfolgreich ins Heiligtum gedrungen. Noch hatte niemand einen Ausweis von ihm verlangt! Er schöpfte Atem.

Äußerlich schien ihm Hotel Wilkins so wie andere Hotels, etwa so wie das Majestic. Und er irrte nicht. Einst hatte es nicht so ausgesehen wie andere Hotels. Durch lange Jahre hatte es sich entschlossen geweigert, die Tatsache anzuerkennen, daß das neue Jahrhundert angebrochen war, und seine großartige und ehrwürdige Unbequemlichkeit war eine Hauptanziehung für die Auserwählten gewesen, die in ihm verkehrten. Denn die Auserwählten begehrten nichts anderes, als nur ihre eigene bevorzugte Gesellschaft, um sich in einem Hotel glücklich zu fühlen. Ein Sitzbad auf einem Leinwandtuch auf dem Boden des Schlafzimmers genügte ihnen, wenn sie nur davor gesichert waren, auf dem Korridor oder an der Table d'hôte Leuten zu begegnen, die nicht zu den Auserwählten gehörten. Aber die steigende Flut der Demokratie, das Durcheinanderwerfen der Schichten, hatte ihre verhängnisvolle Wirkung selbst auf das Hotel Wilkins geübt. Der Sturz Kaiser Maximilians von Mexiko hatte schon vor langer Zeit die Direktion des Hotels zu traurigen Betrachtungen angeregt, und die unverkennbare Schwächung des monarchischen Gefühls im allgemeinen hatte das Hotel tief erschüttert. Und so war der Tag gekommen, an dem man selbst im Wilkins erkennen mußte, daß es nicht möglich war, sich den Welttendenzen entgegenzustemmen, und mit einer stolzen Geste hatte man sich zum Umbau und zur Renovierung des Hauses entschlossen.

Seitdem glich es anderen Hotels. Bis auf die Inserate! Das Majestic mochte seine modernen Badezimmer anpreisen, als ob nicht jedes Mietshaus seit dreißig Jahren Badezimmer hätte. Hotel Wilkins hatte die großartigsten Badezimmer, aber es sprach nicht davon. Hotel Wilkins dachte so wenig daran, seine zweihundert Badezimmer zu rühmen, als es zweihundert Kopfkissen angezeigt hätte. Und andere Hotels glichen dem Hotel Wilkins in manchem. Auch das Majestic hatte einen Kämmerer am Hauptportal stehen, und ein Assortiment von Pagen, um seinen Klienten zu beweisen, daß sie auch nicht die kleinste Sache selber tun konnten. Trotzdem bestand ein ungeheurer Unterschied zwischen dem Wilkins und dem Majestic; und doch war dieser Unterschied so subtil, daß Edward Henry nicht gleich sagen konnte, worin er lag. Dann aber begriff er es. Der Unterschied zwischen dem Wilkins und dem Majestic lag in den Grundsätzen, in der Theorie, auf der seine Eigenart und seine Atmosphäre beruhten, und diese Theorie war, daß jede Person, die sich im Hotel aufhielt, bis zum Gegenbeweis von königlichem Blute war.

Im Hotel war es bereits dunkel.

Befangen durchschritt Edward Henry die erleuchtete Halle, in der sich einzelne elegante Gestalten bewegten. Er wußte nicht, wohin er ging, bis er zufällig ein goldenes Gitter erblickte, über dem das Wort »Bureau« in goldenen Buchstaben leuchtete. Hinter diesem Gitter und hinter einem imponierenden Mahagonipult standen in anmutiger und lässiger Haltung drei elegante junge Leute. Er näherte sich ihnen. Der furchtbare Augenblick war gekommen. Nie im Leben hatte er so ehrlich Angst gehabt. Jämmerliche Schande konnte in den nächsten zehn Sekunden sein Schicksal sein.

Er wandte sich an den eleganten Herrn, der der mittlere von den dreien war, und brachte leise die Worte hervor: »Was für Zimmer haben Sie?«

Hätten die Fünf Städte ihn jetzt sehen können, wie er in plebejischer Unsicherheit und provinzlerischer Befangenheit dastand und wartete, nie hätten sie ihre »Nummer«, nie ihren kühnsten und unternehmendsten Mitbürger erkannt!

Der elegante Herr machte eine Verbeugung: »Brauchen Sie eine Flucht?«

»Natürlich!« sagte Edward Henry. Er hatte es zu schnell gesagt, zu trotzig, beinahe unhöflich. Ein Stammgast würde dem eleganten jungen Mann nie so brutal zu verstehen gegeben haben, daß man ihm nicht zumuten konnte, ein elendes Zimmer zu nehmen. Aber der elegante junge Mann lächelte nur, er nahm Edward Henrys plötzliche Anmaßung hin und befragte eine Art Pentateuch, der vor ihm auf dem Pult lag.

Kein Mensch in der Halle sah, wie Edward Henry seinen Hut in die Luft schleuderte, und wie der Hut wieder auf seinen Kopf fiel. Aber in seiner Phantasie hatte Edward Henry das getan.

Er war gerettet. Er hatte gesiegt. Mit welchem Stolz wollte er es Brindley erzählen! Dabei war die Sache ganz einfach. Man ging hinein, und die Leute fielen einem um den Hals oder küßten einem die Füße. Was war Wilkins?

Ein auffallend hübscher Diener, der nicht nur weiße Handschuhe, sondern auch weiße Strümpfe trug, bat ihn mit flehendem Ausdruck, in den Aufzug treten zu wollen. Und als er den Aufzug wieder verließ, erwartete ihn wieder ein eleganter Herr im Gehrock mit Verbeugungen. Bisher hielten ihn offenbar alle für ein Mitglied eines regierenden Hauses oder mindestens einer Seitenlinie.

Man bat ihn, eine herrliche Zimmerflucht zu betreten, die aus einem eigenen Korridor, einem vornehmen Salon, in dem das Porträt Seiner Majestät, des Königs von Spanien, an der Wand hing, einem großen Schlafzimmer mit zwei Betten aus Seidenholz, einem kleinen Schlafzimmer und einem Badezimmer bestand, die mit allem Nötigen in Porzellan und Silber eingerichtet waren; sein Haus in den Fünf Städten wies nichts Besseres auf.

Er wurde gefragt, ob diese Zimmer ihm paßten, und er sagte, sie »gingen«, womit er anzudeuten versuchte, daß er schon schönere gesehen. Der elegante Herr zog ein Notizbuch und einen Bleistift hervor und wartete regungslos. Die furchtbare Tatsache, daß er nicht zu den Erwählten gehörte, konnte nicht länger verborgen bleiben.

»E. H. Machin aus Bursley«, sagte er kurz; dann fügte er hinzu: »Stadtrat Machin.« Es war schließlich keine Schande, daß er Stadtrat war.

Zu seinem Erstaunen lächelte der elegante Herr nur besonders freundlich, wenn auch mit tiefster Ehrerbietung.

»Ach ja!« sagte er, und schien sagen zu wollen: »Wir haben schon lange gewünscht, daß ein so berühmter Mann uns den Vorzug geben möchte.«

Edward Henry begriff es nicht. Seine Meinung von dem Hotel wurde immer geringer.

Er folgte dem enteilenden Herrn auf den Korridor bis an die Eingangstür seiner Flucht, in der vergeblichen Hoffnung, zu erfahren, was die Flucht per Tag kostete. Nicht ein Wort brachte er über seine Lippen. Der elegante Herr verbeugte sich und verschwand. Edward Henry stand einsam an seiner Tür und sein Auge fiel auf eine Anzahl Koffer, die vor einer anderen Tür des Hauptganges lagen. Der Anblick dieser Koffer erschütterte ihn tief. Er schloß seine Tür und blieb in seinem Privatkontor und dachte nach. Er erkannte nur zu klar, daß er sein Gepäck, das sich im Majestic befand, nie nach diesem Hotel bringen lassen konnte. Es war nicht elegant genug. Der Straßenanzug, den er trug, mochte gehen; aber sein Gepäck war unmöglich. Nie noch war ihm der Gedanke gekommen, daß es irgendwelche Wichtigkeit im Dasein eines Menschen haben könnte, wie sein Gepäck aussah. Er lernte zu, und er gestand sich offen, daß er sich in unerhört schwieriger Lage befand.

III

Er hatte einen längeren Rundgang durch sein neues ausgedehntes Gebiet vollendet und noch keinen Entschluß gefaßt, wie er vorgehen sollte. Manches an seinem seltsamen Erlebnis gefiel ihm, zum Beispiel die Art, wie der elegante Herr seinen Namen erkannt und gleichsam begrüßt hatte. Er begriff es zwar nicht, aber es war ihm doch ein gewisser Trost in seiner schwierigen Lage. Auch die »Flucht« gefiel ihm; ja, sie imponierte ihm durch ihre Pracht, und verschiedene neuartige Einrichtungen, wie die vielen Umschalter und Steckkontakte, die er sämtlich versuchte, und die Doppelfenster; all dies interessierte ihn, der im Einrichten eines Hauses soviel Erfahrung hatte. Er hatte sogar einmal schon daran gedacht, in seinem schönsten Schlafzimmer zu Hause Doppelfenster anbringen zu lassen; es wäre ein schwerer Schlag für die elektrische Straßenbahngesellschaft gewesen, deren Hauptbestreben war, jeden Menschen des Nachts und in der Morgendämmerung möglichst am Schlafen zu hindern.

Er konnte indessen nicht ewig in der schimmernden Einsamkeit seiner Zimmerflucht auf und nieder gehen. Etwas mußte geschehen. Es fiel ihm ein, daß er an Nellie schreiben könnte; er hatte sich gelobt, ihr täglich zu schreiben; damit verging auch Zeit, und es kam ihm vielleicht ein Gedanke. Er setzte sich an einen zierlichen Schreibtisch im Stil Louis XVI., auf dem sich eine Bibel, ein Adelskalender, ein Telephonbuch, ein Telephonapparat, eine elektrische Lampe und das eleganteste Briefpapier befanden. Zwischen den fransenbesetzten Plüschvorhängen, die in großartigen Falten wie Theatervorhänge fielen, blickte er nach den Lichtern auf dem Platz, von dem kein Laut herauftönte. Dann drehte er die Lampe an und schraubte seinen Füllfederhalter auf.

»Liebe Frau ...« So begann er stets, bei Sturm oder Sonnenschein. Nellie begann stets: »Lieber Schatz!«, aber er warf mit solchen Worten wie »Schatz« nicht um sich. Das tun die Männer in den Fünf Städten nicht. Er dachte vielleicht »Mein Schatz«, aber er schrieb es nicht, und er sprach es auch nicht aus, höchstens in spöttischer Weise.

Nach diesen zwei Worten kam der Brief ins Stocken. Was sollte er Nellie schreiben? Er konnte ihr doch nicht sagen, daß er eine Zimmerflucht bei Wilkins gemietet hatte, ohne zu wissen, was sie kostete. Hotel Wilkins blieb überhaupt besser unerwähnt. In dem Augenblick bemerkte er, intelligent wie er war, daß sowohl der Briefbogen als der Umschlag den Namen »Hotel Wilkins« trug. Er zerriß das Blatt und suchte nach Papier ohne Aufdruck. Auf dem Schreibtisch lag gewöhnliches Briefpapier, Trauerbriefpapier, Postkarten, Kartenbriefe und Umschläge; es war für jede Art der Korrespondenz und für jede Stimmung gesorgt; aber auf jedem Stück war der historische Name in vornehmem, blauen Reliefdruck zu lesen. Das schien immerhin einen Mangel an Voraussicht von Seiten der Direktion zu verraten. In dem großen politischen Klub, dessen Mitglied Edward Henry war, und in den er gelegentlich kam, um sich und anderen zu beweisen, daß er zu einem Klub gehörte, wie andere elegante Leute, war auf allen Schreibtischen für einfaches Papier ohne Aufdruck gesorgt, zum Gebrauch für Ehemänner, die irgend etwas zu verschweigen hatten. Wie war es möglich, daß dies im Wilkins nicht so war? Andererseits, warum sollte er seiner Frau nicht auf dem Papier des Hotels schreiben? Fürchtete er sich etwa vor seiner Frau? Nein, gewiß nicht. Die Nachricht, daß er im Wilkins abgestiegen war, mußte schließlich auch nach Bursley dringen. Trotzdem fand er nicht den Mut, Nellie auf dem Papier zu schreiben, das den Aufdruck »Hotel Wilkins« trug.

Er sah sich um. Er befand sich in fürchterlicher Einsamkeit. Er mußte, und wäre es nur für einen Augenblick, ein menschliches Gesicht sehen. Er klingelte.

Im nächsten Augenblick, als wäre er auf einem fliegenden Teppich direkt vom österreichischen Kaiserhof hierhergeweht worden, stand eine Art Kammerherr vom Dienst in schwarzen Seidenstrümpfen und Kniehosen in der Tür des Salons und verbeugte sich.

»Bitte, geben Sie mir etwas einfaches Briefpapier ohne Aufdruck.«

»Sehr wohl, mein Herr.« Unmöglich, zu schildern, wie tadellos Ton und Haltung des Mannes waren. Drei Minuten später wurde ihm das einfache Briefpapier mit den dazugehörigen Umschlägen auf einem silbernen Tablett überreicht. Während er danach griff, sah er den Kammerherrn fragend an, doch dieser ertrug seinen Blick mit undurchdringlicher Ehrerbietung. Edward Henry fühlte sich geschlagen; für ein menschliches Gesicht haben sie hier offenbar keine Verwendung, dachte er und nahm selbst die Maske eines Erbprinzen an. Die schwarzen Seidenstrümpfe trugen ihren unbefleckten Träger hoch über alle irdischen Bande dahin und hinaus.

Nun schrieb er einen ganz netten Brief an Nellie über die Reise und das Wetter; er teilte ihr auch mit, daß London voll wie immer war, und daß er den Abend möglicherweise ins Theater gehen würde, aber noch nicht sicher sei. Er datierte den Brief vom Hotel Majestic.

Er hatte ihn noch nicht völlig geschlossen, als geheimnisvolle Schritte in seinem privaten Korridor ihn störten; eine Zeitlang versuchte er sie zu ignorieren, aber irgendeine unbestimmte Besorgnis zwang ihn schließlich nachzusehen. Ein kleiner blasser Mann in mittleren Jahren, mit langer Nase und langem Schnurrbart, der eine schwarz und rot gestreifte Ärmelweste und eine weiße Schürze trug, befand sich im Korridor. Im Türkenkopf würde das der Hausdiener gewesen sein. Aber Edward Henry erinnerte sich, unter der Klingel einen kleinen Anschlag gelesen zu haben, in dem die Gäste gebeten wurden, einmal nach dem Kellner zu klingeln, zweimal nach dem Stubenmädchen und dreimal nach dem Kammerdiener. Dies also war der Kammerdiener. Das Hotel hatte seine Koketterien.

»Was wollen Sie?«

»Ich wollte nur sehen, ob Ihr Gepäck schon gekommen ist, mein Herr. Ihr Bedienter ist wohl unterwegs damit und bringt es. Kann ich dabei helfen?« Der Mann drehte nachdenklich an seinem Schnurrbart. Es war ein furchtbarer Formfehler, aber der Mann war stolz auf seinen Schnurrbart.

Endlich ein menschliches Gesicht! dachte Edward Henry, den auch ein Schimmer in den Augen dieses Korridorbewohners anzog. Sein Bedienter ..., natürlich. Er sah, daß etwas geschehen mußte, und rasch. Das Hotel stellte »Kammerdiener« für einen Notfall zur Verfügung, aber es erwartete offenbar, daß die Gäste unbedingt ihre eigenen Bedienten mitbrachten. Ein Dasein ohne eigenen Bedienten konnte man sich hier offenbar nicht vorstellen.

»Die Sache ist die,« sagte er, »daß ich in einer sehr peinlichen Lage bin.« Er zögerte und dachte über diese Lage nach.

»Ich bedaure sehr, mein Herr«, sagte der Kammerdiener.

»Ja, in einer sehr peinlichen Lage.« Er überlegte wieder und fuhr fort: »Ich habe Kabinen für mich und meinen Bedienten auf der ›Minnetonka‹ genommen, die heute mittag von Tilbury abfährt, und habe ihn mit meinen Sachen vorausgeschickt, und im letzten Augenblick wurde ich durch einen ganz dringenden Zwischenfall an der Abreise verhindert. Nun sitze ich hier ohne meine Sachen.«

»Das ist wirklich unangenehm. Und er ist auf dem Schiff?«

»Natürlich. Das Schiff ist längst fort, und er hat vielleicht erst jetzt entdeckt, daß ich nicht mit an Bord bin. Sie wissen, welch ein Gedränge und welche Verwirrung auf den großen Ozeandampfern bei der Abfahrt herrscht.« Edward Henry hatte einst und unter sehr dramatischen Umständen die Abfahrt eines Amerikadampfers von Liverpool beobachtet.

»Ja, natürlich.«

»Und nun sitze ich hier ohne Diener und ohne Gepäck; ich habe nicht einmal einen Anzug!« Er war sehr mit sich zufrieden. Eine bessere Geschichte hätte er nicht erfinden können. Er hoffte nur, der Mensch werde nicht etwa die Schiffsnachrichten nachsehen, um festzustellen, ob die »Minnetonka« wirklich heute von Tilbury abgefahren war. Vielleicht fuhr die »Minnetonka« niemals von Tilbury ab. Vielleicht war sie schon lange verkauft. Er hatte den ersten Schiffsnamen genannt, der ihm eingefallen war. »Mein Diener«, fügte er hinzu, »kann frühestens in drei Wochen zurück sein.«

Der Kammerdiener vom Hotel antwortete beinahe mit Wärme: »Wenn Sie für die Zwischenzeit einen Bedienten brauchen, mein Herr, mein Sohn ist gerade außer Stellung. Es ist nicht seine Schuld. Er ist ein sehr guter Bedienter und begreift bald, wie ein Herr es haben will.«

»Ja,« sagte Edward Henry nachdenklich, »das ginge allenfalls. Die Frage ist nur, ob er augenblicklich kommen kann?« Und er sah auf seine Uhr, als ob noch eine einzige Stunde ohne Bedienten mehr gewesen wäre, als die menschliche Natur ertragen kann.

»In einer kleinen Stunde kann er da sein, mein Herr«, sagte der Kammerdiener, der dies vollkommen begriff. »Er ist in Norwich Mews; das ist bei Berkeley Square, mein Herr.«

Edward Henry überlegte, dann sagte er streng: »Also gut. Schicken Sie nach ihm. Ich will ihn sehen.« Und er dachte: »Hol's der Teufel! Ich bin nun einmal im Wilkins; nun soll's auch so sein!«

»Sehr wohl, mein Herr, ich danke sehr, mein Herr.« Der Kammerdiener wollte eben gehen, als Edward Henry ihn zurückrief.

»Warten Sie einen Augenblick. Ich gehe aus. Helfen Sie mir in den Überzieher.«

Der Mann sprang geradezu. »Und Sie könnten mir eine Zahnbürste besorgen«, bemerkte Edward Henry leichthin, »und diesen Brief auf die Post geben.«

Als er über den dunklen Platz schritt, summte er vor sich hin. Ein sicheres Zeichen, daß er sich befangen und unsicher, aber nicht unglücklich fühlte. In einem kleinen, aber teuren Wäscheladen in einer Seitenstraße kaufte er ein Hemd und Pyjamas und ließ sich auch verleiten, ein paar besondere Kopfbürsten zu kaufen, die der Besitzer des Ladens unter seinen Galanteriewaren hatte. Als er das mächtige Wort »Wilkins« aussprach, versprach der Mann mit leidenschaftlicher Bereitwilligkeit, die gekauften Waren augenblicklich hinüberzuschicken.

Edward Henry machte einen ziemlich langen Spaziergang, um seine Erregung zu kühlen; endlich um halb acht betrat er wieder die äußere Halle des Hotels und setzte sich darin nieder, um sich die Leute anzusehen. Er wußte instinktiv, daß auch der beste Straßenanzug um diese Stunde nicht weiter als bis in die Außenhalle im Wilkins vordringen durfte.

Automobile kamen vorgefahren. Der vornehmste und hochmütigste Teil der Londoner Gesellschaft kam, das Abendessen in dem unvergleichlichen Restaurant zu nehmen. Gäste, die in dem Hotel wohnten, kamen in die Halle, um Freunde zu begrüßen, die sie eingeladen hatten. Was Edward Henry an glänzenden Frauentoiletten und an äußerster Korrektheit der Erscheinung bei den Herren sah, überwältigte ihn derart, daß er nicht mehr wußte, wo er sich verbergen sollte, so schämte er sich seines grauen Straßenanzugs und der Falten im Leder seiner Schuhe. In weniger als einer Viertelstunde erkannte er mit schmerzlicher Klarheit, daß seine ganze Lebensauffassung bis dahin falsch gewesen war, und daß er von Anfang an alles ändern mußte. Nichts, was er in seinem Gepäck im Majestic hatte, war hier möglich. Seine Socken waren unmöglich, seine Schuhe desgleichen, die Bügelfalte in seinen Hosen, seine Manschettenknöpfe, seine genähte weiße Krawatte, die Zahl der Hemdknöpfe, sein Rockkragen, nichts, nichts war möglich. Für den nächsten Tag hatte er vollauf zu tun.

Schüchtern wagte er sich in den Aufzug. In seinem Privatkorridor stand ein junger Mann, der, den Hut in der Hand, ehrerbietig wartete; an seiner Seite erblickte er die väterliche rot und schwarz gestreifte Ärmelweste, die offenbar der Vorstellung wegen da war. Der junge Mann trug einen ziemlich schäbigen blauen Anzug, aber einen prachtvollen und vornehmen Überzieher, der ihm nicht paßte. Fünf Minuten später hatte Edward Henry einen geschulten Bedienten namens Josef aufgenommen, der vierundzwanzig Jahre alt war, ein vortreffliches Zeugnis von Sir Nicholas Winkworth vorweisen konnte und einen wöchentlichen Lohn von einem Pfund erhielt.

Josef wartete auf seine Befehle. Und wieder war Edward Henry in Verlegenheit. Er wußte nicht, ob das kleine Schlafzimmer seiner Zimmerflucht für ein Kind oder für die Jungfer seiner Frau oder für seinen eigenen Bedienten bestimmt war. Vermutlich war es eine Entweihung, für die es keinen Präzedenzfall gab, wenn er einen Bedienten in dem kleinen Schlafzimmer unterbrachte. Vermutlich gab es im Wilkins ein eigenes Stockwerk unter dem Dach, in dem Privatbediente untergebracht wurden. Aber es war ebensogut möglich, daß das kleine Schlafzimmer gerade für den Bedienten bestimmt war. Er fand keine Lösung, und im Augenblick war die Meinung, die Josef von ihm fassen konnte, für ihn das wichtigste in der Welt.

Aber schließlich mußte etwas geschehen. »Sie werden hier in diesem Zimmer schlafen«, sagte er auf die Tür weisend. »Vielleicht brauche ich Sie bei Nacht.«

»Jawohl, mein Herr,« sagte Josef – »Sie werden wohl hier oben speisen«, fügte Josef mit einem Blick auf den Straßenanzug hinzu. Sein Vater hatte ihm bereits mitgeteilt, in welcher Lage sich sein neuer Herr befand.

»Ja, ich werde hier speisen,« sagte Edward Henry, »Sie können mir das Menü bringen.«

IV

Er verbrachte eine sehr schlechte Nacht, zum Teil offenbar, weil die ungewöhnliche Umgebung ihn störte, und weil der Bediente, der in seiner Nähe schlief, ihn noch besonders beunruhigte; aber der Hauptgrund war zweifellos die furchtbare Sorge, wie er einen erstklassigen Schneider finden sollte. In seinem neuen Leben war ein erstklassiger Schneider unentbehrlich, und er kannte keinen in London. Er verstand nicht allzuviel von Anzügen, obschon er für einen Provinzler nicht schlecht gekleidet war, aber er verstand genug, um zu wissen, daß man den Rang eines Schneiders nicht nach seinem Schild beurteilen konnte, und daß, wenn er in den ersten besten Laden in der Umgebung von Bondstreet trat, der anständig aussah, er leicht »hineinfallen« konnte. Er brauchte eine absolut verläßliche Adresse.

Er klingelte. Aber da es nicht die richtige Klingel war, so erschien zunächst der aufwartende Kammerherr, und erst auf diesem Umweg wurde Josef herbeigerufen. Aber so schnell paßt sich die menschliche Natur ihrer Umgebung an, daß dieser Irrtum, der ihn am vergangenen Abend in Schweiß versetzt hätte, ihn heute morgen nur noch amüsierte.

»Guten Morgen, Herr«, sagte Josef.

Edward Henry nickte ihm zu. Er lag auf dem Rücken und hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt. Er beschloß, die Initiative Josef zu überlassen. Dieser zog die Jalousien in die Höhe und schloß die oberen Fenster, während er die unteren weit öffnete.

»Regnerisches Wetter, Herr«, sagte Josef und ließ die Luft von Devonshire Square in mächtigen Strömen ein. Sir Nicholas Winkworth war offenbar ein Herr gewesen, der frische Luft liebte.

»So?« murmelte Edward Henry. Er fühlte eine lässige Verachtung für Josefs Lakaieneifer. Bis dahin hatte er Bediente, Kammerdiener und alle männlichen Bediensteten dieser Art für einen ganz überflüssigen Auswuchs am sozialen Körper gehalten. Ihr bloßer Anblick hatte ihn oft geärgert, während er gegen die Dienstfertigkeit eines hübschen Stubenmädchens nie etwas einzuwenden hatte; sie machte ihm eher Vergnügen. Jetzt erkannte er, daß es menschliche oder halbmenschliche Geschöpfe gab, die zur Selbsterniedrigung geboren waren, und daß, wenn ihre Bestimmung sich erfüllen sollte, es notwendigerweise Bediente geben mußte. Er empfand kein Mitleid mit Josef, noch schämte er sich, ihn zu verwenden; er verachtete ihn nur. Dabei war sein Wunsch, daß Josef seinerseits ihn achten und für einen wirklich eleganten Herrn halten sollte, keineswegs geringer geworden.

»Soll ich das Bad bereiten, Herr?« fragte Josef, bescheiden am Bette stehend.

Edward Henry hatte einen Einfall: »Haben Sie schon gebadet?« fragte er scharf. Er sah sogleich, daß Sir Nicholas diese Frage nie gestellt hatte.

»Nein, Herr«, antwortete Josef.

»Was, Sie haben nicht gebadet? Was soll das heißen? Augenblicklich nehmen Sie Ihr Bad!«

»Jawohl, Herr«, sagte Josef, und ein schwaches serviles Lächeln ließ seine Züge aufleuchten. Und Edward Henry dachte: Es ist doch erstaunlich, wie die Leute einem in der Seele lesen. Der Kerl hat schon erkannt, daß ich eine Nummer bin. – »Nehmen Sie Ihr Bad hier im Badezimmer!« sagte er laut. »Aber daß dann alles wieder für mich in Ordnung ist!«

»Jawohl, Herr.«

Sowie Josef das Zimmer verlassen hatte, sprang Edward Henry aus dem Bett und lauschte. Er hörte, wie er diskret und leise die Badezimmertür verriegelte. Er aber schlich mit geräuschloser Schnelligkeit in das kleine Schlafzimmer, das er in Unordnung und schlecht gelüftet fand. Der prachtvolle vornehme Überzieher hing an dem Messinghaken. Er griff danach, untersuchte die Schlinge und las in gelben Buchstaben »Quayther & Cuthering, 47 Vigo Street, W.« Das waren also die Schneider gewesen, die für Sir Nicholas arbeiteten, und zweifellos erstklassig. Über die bedenkliche Frage, ob der Überzieher ein Geschenk war oder Josef sich ihn angeeignet hatte, dachte er nicht weiter nach, er hoffte das beste und verließ sich auf die Anständigkeit der menschlichen Natur; er zog es vor, an Sir Nicholas Freigebigkeit zu glauben.

Als er wieder an der Badezimmertür vorüberkam, klopfte er laut an die Scheibe. »Brauchen Sie nicht den ganzen Tag!« rief er. Er hatte jetzt Eile.

Eine Stunde später sagte er zu Josef: »Ich gehe zu Quayther & Cuthering.«

»Jawohl, Herr«, sagte Josef, offenbar um eine Sorge erleichtert.

Schafskopf! dachte Edward Henry. Der dumme Kerl hat eine bessere Meinung von mir, weil ich einen erstklassigen Schneider habe. Er merkte gar nicht, daß er selbst eine bessere Meinung von sich hatte, seitdem er zu einem erstklassigen Schneider ging.

Vor der Eingangstüre zu seinen Räumen fand er eine Geschäftskarte der »Automobilverleih-Agentur des Westens«. Lediglich, um den Portier auf sich aufmerksam zu machen, zeigte er diesem Wesir die Karte mit der hingeworfenen Frage: »Sind die Leute gut?«

»Eine ausgezeichnete Firma, mein Herr.«

»Was verlangen sie?«

»Per Woche, Herr?«

Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er: »Ja, per Woche.«

»Zwanzig Pfund in Gold, Herr.«

»Schön, Sie können um ein Auto für mich telephonieren. Können Sie es gleich herbestellen?«

»Natürlich«, und der Wesir begab sich nach dem Telephon in seiner Loge.

»Einen Augenblick ...«, sagte Edward Henry.

»Bitte?«

»Eines wird doch genug sein?«

»Gewöhnlich, ja,« sagte der Wesir gelassen, »manchmal muß ich auch für eine Familie zwei bestellen.«

Obwohl er im Scherz gefragt hatte, war Edward Henry erschlagen. »Eines wird genügen,« sagte er, »ich werde vielleicht meinen eigenen Wagen kommen lassen.«

Er fuhr zu Quayther & Cuthering in seinem elektrischen Auto und ließ dort wie zufällig den Namen Winkworth fallen. Heiter erzählte er sein sonderbares Mißgeschick mit der »Minnetonka« und hatte sehr viel Erfolg damit, solchen Erfolg, daß er selbst an das Abenteuer zu glauben begann und einen unvernünftigen Drang fühlte, seinem verlassenen Kammerdiener an Bord der »Minnetonka« eine drahtlose Nachricht zu schicken.

Er machte noch einige Wege in der Nachbarschaft, deren Ergebnis um halb zwölf in der Gestalt von vielen Paketen und Schachteln ins Hotel gebracht wurden. Sie enthielten verschiedene Dinge, die ein eleganter Mann in London braucht, von Krawattenhaltern bis zu Schrankkoffern.

Er selbst kam spät zum Lunch zurück und schritt lebhaft in den großen herrlichen Speisesaal und bestellte eine entsprechende Mahlzeit. Er war in dem Straßenanzug, der noch für die nächsten zwei Tage sein einziger Anzug blieb, aber das Bewußtsein, daß Quayther & Cuthering in Vigo Street herrliche Anzüge für ihn zuschnitten, stärkte ihm das Rückgrat und gab auch dem Straßenanzug bereits einen besonderen Schnitt.

Beim Frühstück machte er einen Fehler und hatte andererseits ein bemerkenswertes Glück.

Der Fehler war, daß er Artischocken bestellt hatte. Er wußte nicht, wie man Artischocken ißt. Er hatte es nie getan, und sein erster Versuch in dieser schwierigen Kunst war ein trauriger Mißerfolg. Es hätte nichts gemacht, wenn nicht am nächsten Tisch zwei offenbar erfahrenere Damen gesessen hätten, die eine nicht gut angezogen, mit einem roten Hut, die andere sehr gut angezogen, mit einem blauen Hut; die eine in mittleren Jahren, die andere viel jünger; aber beide beobachteten ihn. Und selbst das hätte nicht viel gemacht, wäre nicht die jüngere so schlank und hübsch und anziehend gewesen. Während ihm an der Meinung der nichthübschen Dame in mittleren Jahren mit dem roten Hut nicht besonders gelegen war, wünschte er vor dem entzückenden jungen Geschöpf im blauen Hut eine gute Figur zu machen. Sie verfolgten sein Vorgehen gegenüber der Artischocke mit Interesse und konnten ihre Heiterkeit nicht vollkommen verbergen. Dem blauen Hut verzieh er, aber dem roten nahm er es übel. Prinzessinnen konnten es nicht sein, nicht einmal höhere Adlige; vermutlich nur Damen des Landadels.

Das Glück bestand darin, daß die Gräfin von Chell, die er in stürmischeren Tagen gekannt und die eben in Gesellschaft hier gefrühstückt hatte, durch das Restaurant kam. Die Gräfin grüßte die Dame im roten Hut mit leichtem Nicken, und die im roten Hut dankte beflissen. Es schien hier so zuzugehen, wie es in den Fünf Städten nicht mehr zuging: alles kannte sich. Vielleicht waren die zwei Damen doch von höherem Adel, dachte er. In diesem Augenblick erblickte ihn die Gräfin und blieb starr stehen, so daß ihre Gesellschaft hinter ihr auch stehenbleiben mußte. Edward Henry errötete und erhob sich.

» Sind Sie es, Herr Machin?« murmelte die immer noch schöne Frau warm. Und sie schüttelten einander die Hände. Noch nie hatte ein gesellschaftliches Erlebnis ihn so beglückt. Das Gespräch war nur kurz. Er erlaubte sich keine Vertraulichkeit. Er wußte, daß er hier »nicht auf seiner Aschengrube stand«, wie man in den Fünf Städten sagt. Die Gräfin und ihre Gesellschaft schritten vorbei, und Edward Henry setzte sich wieder. Gelassen warf er einen Blick nach den beiden Damen am anderen Tisch, aber er genügte. Die Sache mit der Artischocke war für immer getilgt.

Nach dem Frühstück fuhr er wieder in seinem elektrischen Auto aus. Das Wetter hatte sich aufgeheitert. Die Sonne schien in den reichen eleganten Straßen. Und als er einen Laden nach dem anderen betrat und man ihm überall mit Verbeugungen, Huldigungen, Höflichkeiten, Ergebenheit und Unterwerfung entgegenkam, begriff er allmählich, wie verschiedene Sphären es in der Welt gibt, und daß, wer zur Größe berufen ist, sich würdevoll in das Zeremoniell schicken muß, das mit irdischer Größe untrennbar verbunden ist. Noch nie war die Welt ihm so schön erschienen, und kein Abenteuer hatte ihn je so unterhalten und in so gehobene Stimmung versetzt.

Als er ins Hotel zurückkam, lagen in seinem Privatkorridor die eleganten Pakete gehäuft. Josef nahm ihm Überzieher, Hut und einen neuen Schirm ab und schob ihm einen Lehnstuhl im Salon ans Fenster.

»Lassen Sie sich meine Rechnung geben«, sagte er kurz zu Josef, während er sich in den vergoldeten Sessel fallen ließ.

»Sehr wohl, Herr.« Einer der Vorteile eines Kammerdieners war, wie er bemerkte, daß man ihm Dinge auftragen konnte, für die man selber nicht den nötigen moralischen Mut aufbringen würde.

Der dienende Kammerherr in den schwarzen Seidenstrümpfen brachte die Rechnung. Sie lag auf einem silbernen Tablett, zusammengefaltet, offenbar um den Nervenschock für den Hotelgast abzuschwächen. Edward Henry griff danach. »Warten Sie einen Augenblick«, sagte er. Und er las die Rechnung: »Zimmer 8 Pfund, Dinner 1 Pfund 2 Schilling, erstes Frühstück 6 Schilling 6 Pence, Frühstück 18 Schilling. Eine halbe Chablis 6 Schilling 6 Pence, Kammerdiener-Pension 10 Schilling. Eine Zahnbürste 2 Schilling 6 Pence. – Das ist ein bißchen stark,« sagte er zu sich selbst, »eine halbe Krone für diese Zahnbürste! Aber ...«, jetzt erschrak er wirklich. »Hüt!« rief er unhörbar: »Für Taxameter ausgelegt 2 Pfund 3 Schilling 6 Pence.«

Er hatte die Taxameterdroschke vollständig vergessen, und er bewunderte die Kaltblütigkeit, mit der das Hotel solche Kleinigkeiten selbstverständlich auslegte, ohne den Gast mit einer Frage zu belästigen. Das Hotel stieg wieder in seiner Achtung.

Die gesamte Rechnung betrug über dreizehn Pfund. »Schön«, sagte er zu dem Herrn in schwarzen Seidenstrümpfen.

»Reisen Sie heute, mein Herr?« erlaubte dieser sich zu fragen.

»Ich denke nicht daran! Ich habe doch eben erst ein elektrisches Auto für eine Woche gemietet!« fuhr Edward Henry auf. »Ich darf doch wohl wissen, wieviel ich im Tag ausgebe!«

Der Kammerherr vom Dienst verbeugte sich demütig und ging.

Als Edward Henry sich in seinem luxuriösen Zimmer wieder allein befand, zog er eine dicke Brieftasche hervor und untersuchte ihren Inhalt; die dünnen knisternden Scheine boten einen schönen und beruhigenden Anblick. »Pah!« sagte er. Wenn er hier fünfzehn Pfund im Tag ausgab, so machte das fünftausendfünfhundert im Jahr. Die Einkäufe zählte er nicht, sie stellten Geldanlagen dar. »Billig!« murmelte er. »Einmal lebe ich eben meinem Einkommen entsprechend!«

Es war eine ganz neue und erlesene Situation. Er bestellte Tee; dann fühlte er sich schläfrig und schlief auch ein.

Das Klingeln des Telephons weckte ihn. Es war vollkommen dunkel. Das Telephon klingelte fort. »Josef!« rief er. Der Diener trat ein. »Wieviel Uhr ist es?«

»Nach zehn Uhr, Herr.«

»Donnerwetter, wirklich?!« Er hatte über vier Stunden geschlafen! »Gehen Sie doch an das verwünschte Telephon!«

Josef gehorchte. »Ein Herr Bryany, Herr, wenn ich richtig verstehe.«

Bryany! Seit vierundzwanzig Stunden hatte er kaum mehr an Bryany gedacht, noch auch an seine Option. »Bringen Sie mir den Apparat her«, sagte er. Die Schnur reichte gerade bis zu seinem Stuhl. »Hallo! Bryany! Sind Sie das?« rief er vergnügt.

Er hörte die schwache Stimme Herrn Bryanys sagen: »Guten Abend, Herr Machin. Ich suche Sie schon seit zwei Tagen, und jetzt höre ich, daß Sie im selben Hotel wohnen wie Herr Sachs und ich!«

»Oh!« sagte Edward Henry. Jetzt begriff er, warum der elegante Herr am Abend vorher, als er ihn in seine Zimmerflucht führte, bei dem Namen Stadtrat Machin so verständnisvoll gelächelt hatte, und warum Josef den Befehl zu baden so natürlich gefunden hatte. Bryany hatte von ihm erzählt und verbreitet, was er für eine Nummer war.

Bryanys Stimme fuhr fort: »Hören Sie! Miß Euclid und ein paar Freunde von ihr sind hier bei mir. Sie möchte Sie natürlich gleich sprechen; können Sie herunterkommen?«

»Hm ...« Er überlegte. Er konnte natürlich nicht hinunterkommen. Vor übermorgen hatte er keinen Abendanzug.

Bryanys Stimme fragte: »Was?«

»Nein, ich kann nicht,« sagte Edward Henry, »ich bin nicht ganz wohl. Aber hören Sie, kommen Sie doch alle in meine Zimmer herauf zum Abendessen, ja? Flucht Nummer 48.«

»Ich muß die Dame fragen«, sagte Bryanys Stimme in verändertem Ton, und ein paar Sekunden später: »Wir kommen.«

»Josef!« Und Edward Henry gab rasch seine Befehle, während er den Rock ablegte und die Brieftasche herausnahm. »Ich bin nicht wohl, verstehen Sie? Nicht wohl. Nehmen Sie den Rock hier und bringen Sie mir den neuen Schlafrock aus der grünen Pappschachtel von Rollet. Das muß sie sein. Und dann bringen Sie mir die Abendkarte. Ich bin sehr hungrig. Ich habe nicht gespeist.«

Ehe eine Minute vorüber war, saß er in einem großartigen gelben Schlafrock da. Es war gerade noch Zeit. Herr Bryany trat ein, und nicht nur Herr Bryany, sondern auch Herr Seven Sachs, und nicht nur dieser, sondern auch die Dame mit dem roten Hut vom Frühstück.

»Miß Rose Euclid«, sagte Herr Bryany und verbeugte sich; er blähte sich vor Stolz.

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