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Arnold Bennett: Theater - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorArnold Bennett
titleTheater
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
editorThomas Mann
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131001
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Zehntes Kapitel. Isabel

I

Während der ganzen überfahrt der »Lithuania« von Liverpool nach New York hatten Edward Henry und mit ihm zweitausend andere Passagiere an Bord des Schiffs das Gefühl, angestrengt zu eilen. Wer in einer Droschke verspätet zu einer wichtigen Besprechung fährt, kommt müde an, weil er im Geist dem Pferd geholfen hat, den Wagen rascher zu ziehen. So wurden auch Edward Henry und die anderen Leute müde, und um so viel mehr müde, als die »Lithuania« größer als eine Droschke war.

Denn die »Lithuania« war in Liverpool aufgehalten worden, weil dort Leute lächerlicherweise streikten, um den phantastischen Lohn von einem Pfund wöchentlich zu erlangen, und sie war jetzt bemüht, einen neuen Rekord aufzustellen. Jeder einzelne Passagier war persönlich entschlossen, daß es ihr auch gelingen sollte. Und obgleich gegen Ende Juni und der Fahrt sehr schlechtes Wetter eintrat, fuhr sie an einem herrlichen Montag Morgen an der »Battery« So heißt die Spitze der Halbinsel Manhattan. vorüber und hatte einen neuen Rekord aufgestellt.

So weit stand es gut um Edward Henrys Plan. Aber er hatte sehr viel zu tun und sehr wenig Zeit dazu, und während die anderen Passagiere ausruhen konnten, als das Schiff in den Hafen fuhr, mußte Edward Henry seine Muskulatur noch mehr anspannen. Er hatte erwartet, Herrn Seven Sachs auf dem Uferkai zu sehen, denn auf sein Telegramm aus Queenstown hatte ihm der berühmte Schauspieler und Schriftsteller einen liebenswürdigen drahtlosen Gruß über den Atlantischen Ozean zugeschickt, den er auf hoher See erhielt; dies hatte Edward Henry angeregt, sich mit großen Kosten aus London und New York drahtlose Nachrichten zu verschaffen. Aus dem Osten hatte er täglich Mitteilungen über die immer geringeren Eingänge im Regenten-Theater und aus dem Westen täglich Mitteilungen über Isabel Joy erhalten. Das aber hatte er nicht erwartet, Herrn Seven Sachs ins Musikzimmer der »Lithuania« treten zu sehen, eine volle Stunde, ehe das Schiff an den Uferkai stieß. Und doch war es dies, was Herr Seven Sachs tat, dank der geheimnisvollen Macht, über die einflußreiche Personen in demokratischen Ländern verfügen.

»Und was wollen Sie hier machen?« fragte Herr Seven Sachs herzlich.

Edward Henry senkte die Stimme: »Ich will gutes Geld schlechtem nachwerfen«, sagte er.

Herrn Seven Sachs' freundlicher Händedruck tat ihm wohl, beruhigte ihn und machte ihm Mut. Die Reise hatte ihn sehr ermüdet, und die poetische Gesellschaft Carlo Trents desgleichen. Trents Überfahrt hatte ihn dreißig Pfund gekostet, außerdem hatte der Dichter ihn sehr gelangweilt, und in den letzten Tagen hatte er ihn noch pflegen müssen. Ein dramatischer Dichter, der gesunden Appetit hatte, war reichlich genug für Edward Henry; aber ein dramatischer Dichter, der im Bette lag und nach Sodawasser und dem festen Land jammerte, war mehr als er vertragen konnte.

Er lenkte Herrn Sachs' Aufmerksamkeit auf das hinfällige und jammervolle Geschöpf, das einst Carlo Trent gewesen war. Und Herr Sachs zeigte so viel Mitgefühl, daß Carlo Trent ihn zu vergöttern begann, während Edward Henry sich beunruhigt fragte, ob er Herrn Sachs' gesunden Verstand nicht zu hoch eingeschätzt hätte. Aber in einem günstigen Augenblick flüsterte Herr Sachs ihm heiter die Frage ins Ohr: »Wozu haben Sie denn den mitgebracht?«

»Um ihn hier abzusetzen.«

Während sie durch das lärmende Gedränge des gewaltigen Schiffs sich ihren Weg bahnten und von der schwindelnden Höhe des Oberdecks durch Aufzüge und über Leitern auf den windigen sonnenbeschienenen Felsboden von New York herabstiegen, sagte Edward Henry: »Ich will Ihnen gleich sagen, Herr Sachs, daß ich nicht eine Minute zu verlieren habe. Ich habe gerade eiligst gefrühstückt.«

»Fahren Sie weiter nach Chikago?«

»Sie ist doch nicht in Chikago?« fragte Edward Henry erschrocken. »Ich dachte, sie wäre bereits in New York?«

»Wer?«

»Isabel Joy.«

»Ach so! Isabel ist hier in New York. Ganz bestimmt. Es heißt, sie wird mit der ›Lithuania‹ fahren müssen, wenn sie es schaffen will.«

»Was schaffen?«

»Die Kuh in den Stall treiben.«

Der Ausdruck erinnerte Edward Henry an einen Abend im Wilkins und machte ihn vergnügt. »Auch ich muß mit der ›Lithuania‹ zurück!« sagte er. »Aber das darf Trent nicht wissen! ... Und ich kann Ihnen sagen, daß sie mit einer Eile umkehren soll, wie es hier noch nie vorgekommen ist. Der Kassierer hat mir gesagt, daß, wenn nicht die Welt untergeht, sie morgen mittag abfährt. Und nun, in welches Hotel soll ich gehen?«

»Sie wohnen natürlich bei mir.«

»Aber nein ...« wollte Edward Henry einwenden.

»O ja, gewiß. Sie machen mir eine große Freude.«

»Aber ich muß Trent im Auge behalten.«

»Er wohnt eben auch bei mir. Ich wohne im Hotel Stuyvesant auf der Fünften. Ich hab' dort eine hübsche Reihe von Zimmern. Ich werde heut abend ein kleines Essen geben. Und ich habe mein Automobil hier.«

»Sollte ich Ihnen einmal das Leben gerettet und es völlig vergessen haben?« rief Edward Henry. »Oder sind Sie gegen jeden so?«

»Wir kümmern uns um unsere Freunde«, sagte Herr Sachs einfach.

In dem schrecklichen Wirrwarr auf dem Kai, auf dem Gruppen von Passagieren wie Wachhunde über Bergen von Gepäck standen, vermittelte Herr Sachs zwischen den Reisenden und den strengen Beamten und dem Mißtrauen der stolzen Republik. In der geringstmöglichen Zeit war Edward Henrys prächtiger Koffer und die bescheidenen Gepäckstücke des Dichters auf dem Dach von Herrn Sachs geräumigem Wagen untergebracht. Die drei Männer saßen drinnen, und der Wagen hüpfte und schaukelte wie ein Motorboot in voller Fahrt über das jammervolle Pflaster einer mittelalterlichen Straße.

Nur schnell! dachte Edward Henry. Ich habe keine Minute zu verlieren!

Es schien, als ob der Chauffeur sein Stoßgebet gehört hätte. Reden im Wagen war schwer; Carlo Trent stöhnte. Jetzt waren sie auf Asphalt, und die Fahrt schien weniger gefährlich, obschon der Wagen noch schwankte. Edward Henry steckte unaufhörlich den Kopf in die Fensteröffnung, um die Dächer der Gebäude zu sehen, und vermochte nie ein Dach zu erblicken.

»Jetzt sind wir in der Fünften«, sagte Herr Sachs, nach einem furchtbaren Stoß, mit Stolz.

Flaggen, hohe Gesimse, dichtgedrängte Menschen auf dem Pflaster, bunt glänzender Marmor hinter Glas, ein tosendes, märchenhaftes Gewühl rasender und drohender Fahrzeuge flogen vorüber.

Und Edward Henry dachte: Das ist ein Ort für mich!

Das Stoßen begann von neuem. Carlo Trent flog in die Höhe und sank schlaff auf den Sitz zurück, er stöhnte zwischen Kissen und Wagenwand. Edward Henry suchte so zu tun, als ob er keine Angst hätte. Und jetzt kam ein Stoß wie bei dem Zusammenprall zweier Felsblöcke. Eine Glasscheibe von Herrn Seven Sachs' Limousine war zersplittert, und der Wagen stand still.

»Wahrscheinlich ist eine Feder gebrochen!« bemerkte Herr Sachs ruhig. »Das kommt vor!«

Alle stiegen aus. Herr Sachs hatte richtig vermutet. Eines der Hinterräder hatte nicht vermocht, über ein etwa achtzehn Zoll tiefes und zwei Fuß langes Loch im Asphalt der Fünften Avenue hinüberzuspringen.

»Was ist das für ein Loch?« fragte Edward Henry.

»Nun,« sagte Herr Sachs, »eben ein Loch. Wir wollen lieber einen Taxameter nehmen.« Und ruhig gab er seinem Chauffeur die nötigen Anweisungen.

Vier leere Taxameter kamen die sonnige Pracht der Fünften Avenue entlang, ohne sich um Herrn Sachs' dringende Zeichen zu kümmern. Das fünfte Auto hielt an. Das Gepäck wurde hinaufgeschafft und mit Riemen und Stricken festgebunden: das brauchte eine geraume Zeit. Edward Henry, den der Aufenthalt wild machte, sah sich um. Ein gelassener Polizist auf einem prachtvollen Pferd hielt in der Mitte der Straße. Straßenbahnwagen überquerten unaufhörlich die Straße und schnitten sich eine Bahn durch die brandenden Fluten des Verkehrs, wie Moses durch das Rote Meer. Von Zeit zu Zeit versuchte eine Gruppe von Menschen, furchtsam und wagemutig zugleich, die Reise von einem Bürgersteig zu dem gegenüber; es gab keine Zufluchtsinsel auf halbem Weg für diese Abenteurer wie in dem schwächlichen London; einige schienen auch hinüberzugelangen; andere schienen für immer in dem fieberischen Getriebe wahnsinniger Bewegung zu verschwinden, ohne daß man je wieder von ihnen gehört hätte. Der Polizist, gänzlich ungestört durch das unruhige Tanzen seines Tieres, sah zerstreut nach Edward Henry, und Edward Henry sah erst nach dem Polizeimann, dann nach den großartigen Gebäuden und wieder nach der altassyrischen Taxameterdroschke, in der Herr Sachs soeben Carlo Trent mit vieler Kunst unterbrachte. Und er dachte: Leben ist in der Straße, das muß man sagen. Aber was für Friedhöfe sie hier haben müssen! Und er folgte Carlo vorsichtig ins Innere der Droschke. Dann folgte ein schwieriges und heikles Verfahren, um noch eine dritte Person in dem gleichen Fahrzeug unterzubringen. Es gelang; drei Kinne und sechs Knie stießen brüderlich zusammen; dafür ging die Türe nicht zu. Niesend, schnaubend, schüttelnd, ächzend fuhr der Taxameter langsam fort, während Herrn Sachs' prachtvolles Auto einsam mit seinem Chauffeur zurückblieb. Herr Sachs lächelte nur: »Ich habe noch zwei Autos«, sagte er. Sechzig Sekunden später hielt der Taxameter vor dem ungeheuren Glasvordach des Hotels. Das Gepäck wurde losgeschnallt; die Passagiere wurden einzeln aus dem Innern gezogen, und Edward Henry sah, wie Herr Sachs dem Fahrer zwei Dollarscheine gab.

»Herr du meine Güte!« murmelte er.

»Bitte?!« fragte Herr Sachs höflich.

»Oh, nichts!« sagte Edward Henry.

Sie gingen ins Hotel und kamen durch eine lange Reihe von Gängen und weiten Sälen, in denen ein dichtes Gedränge von wohlgekleideten Männern und Frauen hin und her wogte.

»Warum ist denn diese Menschenmenge hier?« fragte Edward Henry.

»Wo denn?« fragte Herr Sachs überrascht.

Edward Henry erkannte, daß er sich eine Blöße gegeben hatte.

»Ich wohne lieber höher oben«, bemerkte Herr Sachs, als sie in einem vergoldeten Aufzug aufwärts flogen und rasch Stockwerk eins bis vierzehn passierten.

Der Aufzug war zuviel für Carlo Trent. Er sank zusammen. Herr Sachs betrachtete ihn und sagte: »Ich glaube, ich werde für Herrn Trent ein besonderes Zimmer nehmen. Er muß zu Bett.«

Edward Henry stimmte begeistert zu. »Und auch drin bleiben!« sagte er.

Der bleiche Dichter ließ sich auch zu Bett bringen. Aber als er darin lag, wurde er anspruchsvoll. Er hatte Angst um seine Wäsche. Herr Sachs telephonierte am Bett, und eine Wäscherin erschien. Nun war er um seinen besten Straßenanzug besorgt. Herr Sachs telephonierte, und ein Hoteldiener erschien. Dann wollte er Sodawasser, und Herr Sachs telephonierte und ein Kellner kam. Dann wünschte er eine Zeitung, Herr Sachs telephonierte und ein Page kam. Alle diese Angestellten und außer ihnen noch zwei Reporter befanden sich nun mehr oder weniger gleichzeitig in Herrn Trents Schlafzimmer. Edward Henry hatte den glänzenden Einfall, auch noch einen Doktor kommen zu lassen, einen Doktor, den Herr Sachs kannte, und der feststellen sollte, daß das Bett der einzig richtige Platz für Carlo Trent war.

»Jetzt,« sagte Edward Henry, als er und Herr Sachs in dessen glänzenden Zimmern im Stuyvesant ein kleines Frühstück nahmen, das von finster schweigenden Kellnern serviert wurde, »ist mir völlig klar geworden, daß ich in New York bin. Sobald wir gegessen haben, muß ich einfach Isabel Joy finden. Sie müssen wissen, daß auf dieser Reise New York für mich nur die Stadt ist, in der Isabel Joy sich gerade zufällig befindet.«

»Schön«, erwiderte Herr Sachs. »Ich glaube, ich kann Ihnen dabei helfen. Um zwei Uhr wird sie bei Rentoul Smiles photographiert. Ich weiß es zufällig, weil Rent mein besonderer Freund ist.«

»Er ist Photograph?«

Herr Sachs beherrschte sich. »Wollen Sie wirklich sagen, daß Sie noch nichts von Rentoul Smiles gehört haben? ... Man nennt ihn den Männerphotographen. Er hat noch nie eine Frau photographiert! Tut es unter keiner Bedingung! Oder tat es wenigstens nicht! Aber Isabel photographiert er. Sie können sich also denken, daß er Isabel für keine gewöhnliche Frau hält, was?«

»Und was nützt mir das?« fragte Edward Henry.

»Nun, ich bringe Sie zu Rent,« beruhigte ihn Herr Sachs, »es ist gleich nebenan – Ecke der Neununddreißigsten Straße und der Fünften.«

»Sagen Sie mir,« fragte Edward Henry, außerordentlich erleichtert, »sie ist hier noch nicht verhaftet worden?«

»Nein, und sie wird auch nicht verhaftet!«

»Warum nicht?«

»Die Polizei ist informiert«, sagte Herr Sachs.

»Informiert?«

»Ja. Informiert!«

»Ich verstehe«, sagte Edward Henry.

Aber er verstand nicht. Oder er verstand nur halb.

»Die Sache ist so,« sagte Herr Sachs, »Isabel kann die Sache nur schmeißen, wenn sie die Polizei dazu bringt, sie für ein paar Stunden einzusperren. Und das wird ihr nicht gelingen. Nächsten Sonntag sind ihre hundert Tage in London um. Sie hat also keine Möglichkeit mehr, sich verhaften zu lassen und gegen Kaution wieder entlassen zu werden, außer in Liverpool oder in Fishguard. Das ist die einzige Möglichkeit. Ich habe sie gesehen, und wenn Sie meine Meinung wissen wollen, sie ist fertig.«

»Das macht nichts!« sagte Edward Henry sehr vergnügt.

»Ich kann mir schon denken, was Sie von ihr wollen«, sagte Herr Seven Sachs mit vielsagender Miene.

»Ei, wirklich?!«

»Ja, mein Lieber! Und ich kann Ihnen sagen, daß schon ein Dutzend hinter ihr her gewesen sind. Aber sie haben nichts erreicht! Sie geht auf nichts ein.«

»Das macht nichts!« sagte Edward Henry lächelnd.

II

Als Edward Henry neben Herrn Sachs in einem Vorraum stand, der halb von einer Portiere geschlossen war, und, ohne selbst gesehen zu werden, in das große Atelier Herrn Rentoul Smiles blickte, da begriff er erst, eines wie mächtigen Schutzes er sich in New York erfreute. Am Hauseingang in der Fünften Avenue waren er und Sachs durch eine kleine Ansammlung meist junger Männer gekommen, die Sachs lächelnd und freundlich mit den Worten »Nun, Jungens!« begrüßt hatte. Drinnen im Hause standen wieder Männer. Einer fuhr mit ihnen im Aufzug empor, kam aber nicht weiter mit. Es waren Berichterstatter der Presse der ganzen Welt, und jedem war Isabel Joy zur Sonderberichterstattung zugewiesen. Sie warteten und erklärten, weiter warten zu wollen.

Da Herr Rentoul Smiles schon vorher durch das Telephon vom Besuch seines lieben Freundes Seven Sachs verständigt war, waren Herr Sachs und sein englischer Schützling an der Eingangstür von einem Angestellten empfangen worden, der genaue Instruktionen hatte und sie auch ausführte.

»Ist sie da?« hatte Herr Sachs leise gefragt.

»Jäh«, hatte der Angestellte nachlässig erwidert.

Und jetzt erblickte Edward Henry das Ziel seiner Pilgerfahrt, die Frau, deren Persönlichkeit, deren Bild und deren Abenteuer während der letzten drei Wochen die Zeitungen der ganzen Welt beschäftigt hatten. Sie sah ihren Bildern nicht durchaus ähnlich. Ein kleines, mageres, blasses, sichtlich nervöses Frauenzimmer, die jedes Alter zwischen fünfunddreißig und fünfzig haben konnte, mit hellem, schlecht frisiertem Haar und hellen blaugrauen Augen, die die Träumerin, die Idealistin und die unerbittliche Fanatikerin verrieten. Sie sah aus, als ob ein Luftzug sie umwerfen könnte, aber sie sah auch für den schärferen Beobachter so aus, als ob sie vor keiner Grausamkeit und auch vor keinem eigenen Schmerz zurückschrecken würde, wenn es ihr Ziel zu erreichen galt. Die blinde nachtwandlerische Energie, die unter ihrer scheinbaren Zartheit verborgen war, konnte jeden Mann, der intelligent genug war, sie zu erkennen, mit Schrecken erfüllen. Edward Henry fühlte einen leisen Schauder. Ich möchte nicht krank sein und die zur Pflegerin haben! dachte er.

Seine Gedanken flogen zu Nellie und von ihr zu Elsie April. Also sie heiratet den Wrissell! dachte er. Er konnte es kaum glauben.

Dann zwang er seine Gedanken zu seiner unmittelbaren Aufgabe zurück. Er fragte sich, warum Isabel Joy einen steifen runden Hut und eine senffarbene Jacke trug, die wie ein Männersportüberzieher aussah, und warum beides ihr stand. Mit einer Reitpeitsche in der Hand hätte man sie als Jockey malen können; und dabei war sie doch ein Weib und sogar sehr weiblich, und vermutlich alt genug, um Elsie Aprils Mutter zu sein! Eine erstaunliche Welt, dachte er.

Der »Männerphotograph« – die Bezeichnung war in großen kupfernen Buchstaben unten auf der Straße und in goldenen Lettern an seiner Wohnungstüre zu lesen – war ein großer schlottriger Mensch, der gleichsam drohend vor und über der winzigen Isabel stand, wie eine schwere Wolke über einer Schafherde auf einer weiten Wiese. Edward Henry konnte nur seinen breiten gekrümmten Rücken sehen, während er in athletischer Haltung hinter seiner Kamera beschäftigt war.

Plötzlich stürzte Rentoul Smiles nach einem elektrischen Schalter, und Isabels nachdenkliches Gesichtchen verwandelte sich in das einer Wasserleiche; eine schreckliche Harmonie grüner und purpurner Farben beleuchtete sie.

»Wir wollen,« sagte Rentoul Smiles mit tiefer Stimme, die wie eine üppige Salbe wirkte, »wir wollen es noch einmal versuchen. Wir wollen zunächst über die Stelle hingleiten. Sehen Sie mir in die Augen. Nicht nach meinen Augen, meine liebe Frau, in meine Augen! Noch ein wenig mehr herausfordernd – ein klein wenig mehr! So, so ist's gut. Blinzeln Sie nicht, um Gottes willen! So, jetzt!«

Er ergriff einen Gummiballon am Ende eines Schlauches und quetschte ihn mit tragischem und erbarmungslosem Ausdruck, während er sich selbst wand, als ob er mit dem Ballon litte; dann warf er ihn mit einer mächtigen Gebärde oben auf die Kamera und rief laut: »Ha!«

Ich würde zehn Pfund dafür geben, dachte Edward Henry, wenn ich zusehen dürfte, wie Rentoul Smiles Sir John Pilgrim photographiert! Aber im nächsten Augenblick erinnerte er sich, welche Eile er hatte. Schnell, schnell machen, Rentoul Smiles! dachte er. Er hatte nur den einen brennenden Wunsch, seine Sache zu erledigen und New York wieder zu verlassen.

»Und jetzt, Miß Isabel,« fuhr Herr Smiles fort, mit einer Bedächtigkeit, die Edward Henry zur Verzweiflung trieb, »wissen Sie, daß ich mich beinahe schuldig fühle? Ich habe eine kleine Farm draußen in Westchester, und ich lege eben einen kleinen englischen Fußweg durch den Garten an, mit einer Türe am Ende. Als ich heute morgen erwachte, da dachte ich über diese Türe nach, die eine besondere zierliche englische Türe werden soll.« Er hob einen Finger empor. »Darüber dachte ich nach. Aber ich hätte an Sie denken sollen. Ich hätte mir sagen sollen: ›Heute soll ich Isabel Joy photographieren‹, und ich hätte versuchen sollen, das Geheimnis Ihrer Persönlichkeit zu erfassen. Es tut mir sehr leid! Bitte, reden Sie nicht! Bleiben Sie so, wie Sie jetzt sind. Drehen Sie Ihren Kopf! Noch mehr! Noch mehr! Drehen Sie ihn, fürchten Sie sich doch nicht! Sie sind hier zu Hause. Das Haus gehört Ihnen. Sie können machen, was Sie wollen. Wir haben Leute genug, die alles wieder in Ordnung bringen können, wenn Sie fort sind ... Wissen Sie, wozu ich mein Geld verdient habe? Ich habe mein Geld verdient, damit ich in der Lage bin, heute nachmittag Sie vorzunehmen, und einen Kunden, der zweihundert Dollar bezahlt, zum Teufel schicken kann. Zu diesem Zweck habe ich Geld gesammelt. Lehnen Sie Ihren Rücken an die Stuhllehne, wie eine Engländerin. So ist's gut. Nein, reden Sie nicht, sage ich Ihnen. Sehen Sie doch vergnügt aus, zum Teufel! Vergnügt ...! Nein, nein! Vergnügt heißt doch nicht verzerrt! Es muß aus der Tiefe kommen. So, so!«

Und die tiefe üppige Stimme rollte und hallte, während Rentoul Smiles an seiner Kamera hantierte. Er faßte den Ballon wieder und warf ihn dann wieder mit einer dramatischen Gebärde von sich.

»Fertig!« sagte er. »Erwarten Sie nichts Großartiges, Fräulein Isabel. Was ich heute nachmittag versucht habe, ist nur die Auffassung, die ich mir von Ihrer Persönlichkeit gebildet habe, als ich Ihre Reden las. Wenn ich völlig an Ihre Sache glauben würde, oder gar nicht daran glauben würde, dann wäre meine Arbeit nicht gelungen. Wenn sie etwas wert ist, so ist es die Folge der sympathischen Unparteilichkeit in meiner seelischen Haltung. Obwohl« – und er drohte ihr mit der Vertraulichkeit, die das Vorrecht des Philosophen ist – »obwohl ich sagen muß, daß ich wohl gefühlt habe, wie Sie mir die ganze Zeit entgegenarbeiteten ... Durch diese Türe, bitte!«

Edward Henry, der sich der verhältnismäßigen Einfachheit erinnerte, mit der der Londoner Photograph im Wilkins zu Werke gegangen war, dachte: Wie sie das Geschäft verstehen, in Amerika!

Isabel Joy war aufgestanden, sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann folgte sie der Richtung, die die Hand des Mannes ihr wies, und verschwand.

Rentoul Smiles aber wendete sich augenblicklich zur anderen Tür.

»Wie geht's, Rent?« sagte Seven Sachs eintretend.

»Wie geht's, Seven?« blinzelte Herr Rentoul Smiles.

»Hier ist mein lieber Freund, Stadtrat Machin, der Theaterdirektor aus London.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Sie ist doch noch nicht fort?« fragte Sachs rasch.

»Nein, meine Haushälterin wollte noch mit ihr sprechen. Kommen Sie.«

In dem Wartezimmer, in dem die Ergebnisse der seelischen Haltung Herrn Rentoul Smiles zu seinen Mitmenschen in reicher Fülle zu sehen waren, wurde Edward Henry Miß Isabel Joy vorgestellt. Im nächsten Augenblick hatten die beiden Männer und die Haushälterin sich unauffällig zurückgezogen, und er war allein mit dem Gegenstand seiner Sehnsucht. Seven Sachs war wirklich ein großartiger Organisator.

III

Sie saß in einer gemütlichen Ecke, die Füße auf einem Schemel, und als er vor ihr stand, sah sie wirklich wie ein Nichts aus. Und das war sie, die die gesamte Polizei und die Gerichte in Chikago über den Haufen gerannt hatte, die alle Zungen des Pfingstfestes sprach, die die Erde umkreist hatte und nach den Berechnungen der Blätter mehr als eine Viertelmillion Menschen in Marseille, Athen, Port Said, Candy, Kalkutta, Bangkok, Hongkong, Tokio, Hawaii, San Franzisko, Salt Lake City, Denver, Chikago und zuletzt New York, gefesselt hatte. Das war sie!

»Wie ich höre, fahren wir auf dem gleichen Schiff zurück!« sagte er.

Sie sah beinahe flehend zu ihm empor: »Sie werden mich unterwegs doch nicht sehen«, sagte sie.

»Und warum nicht?«

»Sagen Sie mir,« sprach sie, ohne seine Frage zu beantworten, »was sagt man von mir in England? Nicht die Zeitungen. Sondern was sagt man wirklich, z. B. in der Azur-Gesellschaft? Kennen Sie sie?«

Er nickte.

»Sagen Sie mir's«, wiederholte sie.

Er berichtete ihr von dem Telegramm bei der ersten privaten Aufführung der »Perle des Orients«.

Da brach sie in einen Sturm von Beschwerden aus, die ihn nicht interessierten. »Die Polizei von New York hat mich nicht anständig behandelt. Es wäre ihr ein leichtes gewesen, mich zu verhaften und mich wieder freizulassen. Aber sie wollte es nicht. Jeder einzelne Schutzmann – Sie hören, jeder einzelne – hat den strengen Befehl erhalten, mich unbehelligt zu lassen. Es scheint, daß sie mir mein Verfahren gegen die Polizei von Chikago übelnahmen, weil dort vier Beamte meinetwegen entlassen wurden, sagen sie. Muß ich mir gefallen lassen, daß man mich so boykottiert? Ist das ein Grund, Herr Machin, beweist das etwas? Antworten Sie mir. Sie sind ein Mann, aber sagen Sie ehrlich, beweist das etwas? Ich finde es genau so gemein und verächtlich wie die brutale Gewalt.«

»Ich gebe Ihnen völlig recht«, sagte Edward Henry milde.

»Glauben die Leute wirklich, daß das unserer Sache schaden wird? Glauben sie das wirklich? Nein, es schadet nur mir. Ich habe eine verfehlte Taktik eingeschlagen, ich Törin verließ mich auf die Ritterlichkeit der Vereinigten Staaten. Ich hätte mich in einem Dutzend Städte verhaften lassen können, aber ich habe es mir absichtlich für Chikago und New York aufgespart, weil das mehr Propaganda macht, verstehen Sie! Das hätte ich mir nie träumen lassen ...! Nun ist's zu spät. Ich bin geschlagen! Ich werde genau am hundertsten Tag in London eintreffen. Ich habe überall gesprochen. Aber ich habe eine Verhaftung zuwenig. Und nun gehen zehntausend Pfund der Sache verloren. Die streitbaren Suffragetten hier – sie mögen sein wie immer – sind ebenso empört wie ich. Aber mich verachten sie. Und mit Recht! Und mit Recht! Für den Besiegten darf es keine Gnade geben.«

»Miß Joy,« sagte Edward Henry, »ich bin von London herübergekommen, nur um Sie zu sprechen. Ich werde Ihnen den Verlust dieser zehntausend Pfund vergüten, so gut ich kann. Ich will es Ihnen sogleich erklären. Ich führe in meinem neuen Theater am Piccadilly Cirkus ein poetisches Stück vom höchsten literarischen Wert auf, ›Die Perle des Orients‹. Wenn Sie eine kleine Rolle darin übernehmen wollen, eine Rolle von nur drei Worten, so zahle ich Ihnen ein Spielhonorar, wie es noch nie bezahlt worden, Sechsundsechzig Pfund dreizehn Schilling und vier Pence per Wort, macht zweihundert Pfund die Woche!«

Isabel Joy sprang auf. »Sind Sie auch so einer?« rief sie, »ich glaubte nach Ihrem Aussehen, Sie wüßten, wie man sich gegen eine Dame benimmt! Haben Sie sich wirklich für den tausendsten Teil einer Sekunde eingebildet, ich würde mich dazu hergeben ...«

»Hergeben?« rief Edward Henry. »Mein Theater ist kein Tingeltangel ...!«

»Sie wollen es dazu machen!« unterbrach sie ihn. »Ich gehe. Ich muß mich wohl wieder mit den Journalisten einlassen. Auch die ...! Ich bin allein hergekommen, um ihnen zu entgehen. Aber es war hoffnungslos. Außerdem bin ich ja schließlich nicht verpflichtet, ihnen auszuweichen.« Bei den letzten Worten war sie schon in der Türe.

»Wo ist sie?« fragte Seven Sachs.

»Fort!« sagte Edward Henry.

»Alles in Ordnung?«

»Vollkommen!«

Herr Rentoul Smiles trat ein.

»Herr Smiles,« sagte Edward Henry, »haben Sie jemals Sir John Pilgrim photographiert?«

»Jawohl, bei seinem letzten Besuch in New York. Da haben Sie ihn!« Und er wies auf eine der Photographien.

»Was halten Sie von ihm?«

»Ein großer Schauspieler, aber ein Scharlatan.«

Im Verlauf des Nachmittags sah Edward Henry ganz New York aus Seven Sachs' zweitem Automobil, und noch Teile von Bronx und Yonkers Ein Stadtteil und eine Vorstadt von New York.. Im dritten Automobil seines Wirts fuhr er ins Theater und sah Seven Sachs vor einem vollen Hause spielen, das mehr als zweitausend Dollar einbrachte. Zuletzt nahm er noch an einem Abendessen teil und hielt eine Rede. Aber er bestand darauf, die übrigen Stunden der Nacht an Bord der Lithuania zu verbringen. Am anderen Morgen zeitig kam Isabel Joy an Bord und verschwand endgültig in ihrer Kabine. Von diesem Augenblick an verwendete Edward Henry seine ganze geheime Seelenkraft darauf, die schleunige Abfahrt der Lithuania glühend herbeizuwünschen. Um zwei Uhr, um zwei Stunden verspätet, fuhr sie auch ab. Edward Henry nahm nur zerstreut Abschied von dem bewundernswerten und gastfreundlichen Herrn Seven Sachs, denn im Geist war er schon in London. Immerhin hatte er noch genügend Geistesgegenwart, um bestimmte letzte Abmachungen zu treffen.

»Halten Sie ihn wenigstens noch eine Woche fest,« sagte Edward Henry zu Seven Sachs, »und Sie verpflichten mich auf ewige Zeit.« Er sprach von Carlo Trent, der noch immer bettlägerig war.

Als er von dem dahingleitenden Schiff zerstreut nach dem unpassenden Wort blickte, das in drei Sprachen gleich lautet, und das das erste ist, was der ankommende Fremde in riesigen Buchstaben erblickt, und das letzte, was der Abreisende sieht, dachte er: Was man davon erzählt, daß das Leben in den Vereinigten Staaten so teuer ist, ist sicherlich übertrieben.

Denn seine gesamten Ausgaben, seitdem er den Hafen verlassen hatte, betrugen genau einen Cent, den er für eine Abendzeitung gezahlt hatte, in der ein kurzes Interview mit ihm über die Zukunft des intellektuellen Dramas in England erschien. Er hatte dem Mann von der Presse gesagt, daß »Die Perle des Orients« es zu hundert Aufführungen bringen werde. Abgesehen davon, daß statt »Die Perle des Orients« »Die Kerle des Orients« gedruckt war, und zweihundert Aufführungen statt einhundert, war das Interview verhältnismäßig richtig wiedergegeben.

IV

Zwei ganze endlose Tage der Reise vergingen, ehe es Edward Henrys Schlauheit gelang, Isabel Joy auf dem Schiffe zu treffen, die bekannteste und am wenigsten sichtbare Person an Bord. Er erinnerte sich ihrer Worte: »Sie werden mich nicht sehen.« Es war ein leichtes gewesen, die Kabinennummer festzustellen, ein Zimmer mit zwei Betten, in dem sie allein wohnte. Aber es war viel schwieriger gewesen, ausfindig zu machen, ob sie es je verließ, und wenn sie es tat, zu welcher Tageszeit. Er konnte nicht in dem langen Korridor Schildwache stehen; und die Stewardessen auf der Lithuania waren reife, erfahrene und schweigsame Frauenzimmer, deren einzige Schwäche war, daß sie sich gelegentlich einbildeten, daß sie und nicht der Kapitän auf dem Dampfer zu befehlen hätten. Aber zuletzt erreichte Edward Henry sein Ziel. Am dritten Morgen kurz vor sechs Uhr, traf er eine eingehüllte Isabel Joy auf dem D-Deck. Das D-Deck war naß, weil es gerade aufgewaschen wurde, und ein Boot, das für die tägliche Übung mit dem Rettungsboot an diesem Morgen gedient hatte, stieg hinter ihnen von der Wasseroberfläche zu dem hohen Oberdeck empor; auf der anderen Seite einer eisernen Schranke standen früh aufstehende Passagiere dritter Klasse in zahlreichen Gruppen und schwatzten oder starrten auf das schmale Stück Meer, das man vom D-Deck sehen konnte. Es war das erstemal, daß Edward Henry Zwischendeckpassagiere sah; mit der ganzen Einbildung des Bewohners einer teuren Salonkajüte hatte er unbewußt angenommen, daß nur er und seinesgleichen sich auf dem Schiffe befanden.

Isabel erwiderte seinen Gruß mit großer Unbefangenheit. Die herbe Frische des Sommermorgens auf dem Meer übte auf beide eine anregende Wirkung aus; und Edward Henry stürzte sich sofort auf den Gegenstand, der ihn allein beschäftigte und quälte. Sie schien es nicht übelzunehmen.

»Sie hätten die Befriedigung, einer Sache zu dienen, für die alle Ihre Freunde eintreten«, erklärte er. »Nur Sie können es tun. Ohne Sie ist nichts zu machen. Sie würden eine Menge Geld verdienen, das Sie für Ihre Zwecke verwenden können. Und vor der Öffentlichkeit fürchten Sie sich doch nicht!«

»Nein«, gab sie zurück. »Vor der Öffentlichkeit fürchte ich mich nicht.« Ihre graublauen Augen leuchteten, als sie das geheime Traumziel im Geiste sah, das ihr immer unsichtbar in der Luft vorschwebte. Und trotz des Männerschnitts ihres Kleides hatte ihr Gesicht einen seltsam sehnsüchtigen, gebrechlichen, sehr weiblichen Ausdruck.

»Nun, dann ...«

»Aber sehen Sie denn nicht, daß es eine Erniedrigung ist?« rief sie.

»Es kann nicht erniedrigend sein, wenn man etwas tut, was man gut macht – und ich weiß, daß Sie es gut machen –, und ein großes Honorar dafür kriegt und einem großen Unternehmen zum Erfolg verhilft. Wenn Sie das Stück kennen würden ...«

»Ich kenne das Stück«, sagte sie. »Eine Menge von uns haben es schon längst im Manuskript gelesen.«

Diese Mitteilung verblüffte Edward Henry einigermaßen. »Nun, was halten Sie davon?« fragte er.

»Ich finde es herrlich!« sagte sie begeistert.

»Und wird es etwa schlechter, wenn Sie eine kleine Rolle darin spielen?«

»Nein«, sagte sie kurz.

»Ich darf wohl annehmen, daß Sie es für ein Stück halten, das möglichst viele Leute sehen sollten, oder nicht?«

»Jawohl, Herr Sokrates«, gab sie zu.

Er begriff nicht, was sie meinte, und fuhr fort: »Was also liegt daran, aus welchem Grund die Zuschauer ins Theater gehen, wenn sie nur hineingehen und das Stück anhören?«

Sie seufzte. »Es hat keinen Zweck, mit Ihnen zu reden«, murmelte sie. »Sie stellen sich die Sachen zu einfach vor. Ich glaube, daß Sie es ehrlich meinen, aber da ist so viel, was Sie nicht verstehen. Sie können es offenbar überhaupt nicht verstehen.«

»Besten Dank!« erwiderte er und suchte sich zu fassen. »Reden wir einmal rein geschäftlich. Wenn Sie in dem Stück auftreten, so gebe ich Ihnen nicht nur zweihundert Pfund wöchentlich, sondern sage Ihnen auch ein Mittel, wie Sie nochmals verhaftet werden können und doch vor Sonntagmitternacht triumphierend in London eintreffen.«

Sie trat einen Schritt zurück und sah empor. »Und wie?« fragte sie wie aus der Pistole geschossen.

»Ah!« sagte er. »Ja, wie? Darauf kommt's an. Wollen Sie's mir versprechen?«

»Ich habe alles bedacht«, sagte sie nachdenklich. »Wenn der letzte Tag nicht ein Sonntag wäre, könnte ich bei der Landung verhaftet und noch am selben Tag gegen Kaution wieder freigelassen werden und vor Abend in London eintreffen. Aber Sonntags nicht! Also brauchen Sie nicht weiter drüber zu reden.«

»Und dennoch läßt es sich machen«, sagte er.

»Wie?« fragte sie.

»Werden Sie einen Vertrag mit mir unterschreiben, wenn ich es Ihnen sage? ... Denken Sie an den Empfang in London, wenn Sie trotz allem gewinnen! Denken Sie daran!«

Die blaßgrauen Augen funkelten; denn Isabel Joy hatte die lärmende Schmeichelei zustimmender und feindseliger Volksmengen gekostet, und es hungerte sie wieder danach; das Verlangen danach war ihr zur zweiten Natur geworden.

Sie machte ein paar Schritte von ihm fort, die Hände in den Taschen ihres Ulsters, und kehrte wieder um. »Welchen Plan haben Sie?«

»Werden Sie unterschreiben?«

»Ja, wenn die Sache gelingt.«

»Ich kann mich auf Sie verlassen?«

Das kleine Frauenzimmer von etwa vierzig oder mehr Jahren brauste auf. »Sie brauchten mich nicht noch zu beleidigen, indem Sie an meinem Wort zweifeln«, sagte sie.

»Verzeihen Sie! Bitte, verzeihen Sie!« sagte er.

V

An demselben Abend saß Edward Henry in dem kolossalen Speisesalon der Lithuania wie gewöhnlich links neben dem leeren Stuhl des Zahlmeisters an dessen Tisch mit noch etwa einem Dutzend anderer Herren. Ein Page brachte ihm ein drahtloses Telegramm.

Er öffnete es und las das einzige Wort »Neunzehn«. Es waren die Einnahmen des vorhergehenden Abends im Regenten-Theater in Pfund. Er verlor jetzt durchschnittlich vierzig Pfund an jedem Abend, die Kosten seiner Reise nicht mitgerechnet. Als die Suppe aufgetragen wurde, begann die Kapelle zu spielen, während das Schiff sanft und höflich, aber unverkennbar schlingerte, jedes Schaukeln währte etwa sechzehn Takte der Musik. Plötzlich geriet der ganze Saal in Aufregung. Isabel Joy war eingetreten. Sie saß allein an einem kleinen Tisch auf der Galerie, in der Nähe des Orchesters. Jeder Mann im Saal wußte es im Augenblick, und alle Hälse unten reckten sich, um die Berühmtheit oben zu sehen. Sie trug ein prachtvolles Abendkleid und man machte Bemerkungen darüber.

Es gab jetzt an allen Tischen nur ein Gespräch. Und man redete bereits lebhaft davon am Tisch des Zahlmeisters, als der Zahlmeister selbst, wie gewöhnlich etwas verspätet, weil seine Stellung auf dem Schiff ihn zu sehr in Anspruch nahm, eintrat und sich niedersetzte. Der Zahlmeister stammte aus dem Norden, aus Durham, war reizend im Verkehr, wenn er gut aufgelegt war, aber storr, mit einem starken Autoritätsgefühl. Er interessierte sich für Hunde und erzählte gern, daß, wenn er und seine Frau vor ihrem Yorkshire-Terrier etwas verbergen wollten, sie das Wort buchstabieren mußten, denn wenn sie es regelrecht aussprachen, verstand der Hund jedes Wort. Die Ansichten des Zahlmeisters über die Sache, für die Isabel Joy kämpfte, waren völlig klar. Niemand konnte sich darüber täuschen, und die wenigen Bemerkungen, die er kurz ins Gespräch warf, wirkten nicht ermunternd, so daß ein Schweigen entstand.

»Was würden Sie tun, Herr Zahlmeister,« sagte Edward Henry, »wenn sie hier mit ihren Scherzen anfinge?«

»Wenn sie auf diesem Schiff mit einem von ihren Scherzen anfinge,« antwortete der Zahlmeister, indem er die Hände auf seine kräftigen Knie legte, »dann würden wir schon wissen, was wir zu tun haben.«

»Können Sie sie verhaften lassen?«

»Ganz bestimmt. Ich könnte Ihnen Sachen erzählen ...« Der Zahlmeister hielt inne, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, Passagieren gegenüber sehr vorsichtig zu sein, wenn er nicht mindestens zehnmal mit ihnen gefahren war. Er schloß daher: »Der Kapitän hat das englische Gesetz auf einem englischen Schiff zu wahren.«

Das Orchester machte eben eine Pause, und plötzlich hörten alle im Speisesaal eine helle durchdringende Frauenstimme, die zuerst mit rednerischem Pathos und dann rascher sprach: »Meine Damen und Herren, ich möchte heute abend einige Worte zu Ihnen über die Ungerechtigkeit sprechen, mit der Männer die Frauen behandeln.« Isabel Joy stand über das Geländer der Galerie gelehnt. Als sie fortfuhr, verwandelte sich das erste Schweigen der Überraschung in heftigen Lärm. Durch den Lärm war hier und da ein einzelner Satz vernehmbar wie: »Zum Beispiel, dieses von Männern geführte Schiff ...«

Vielleicht war es dieser Satz, der den Mann aus dem Norden im Zahlmeister reizte. Er stand auf und sah sich nach dem Platz des Kapitäns um. Aber der Kapitän speiste an diesem Abend nicht mit im Salon. Darauf schritt er in die Mitte des Saals, gerade unter die berühmte Kuppel, die so oft für die illustrierten Zeitungen aufgenommen wurde, und suchte Isabel Joy mit einem einzigen scharfen Seemannsblick zu vernichten. Als ihm dies mißlang, rief er laut empor: »Seien Sie still, gnädige Frau. Gehen Sie an Ihren Platz.«

Isabel Joy hielt eine Sekunde inne, warf ihm einen weit tödlicheren Blick zu, als der seine gewesen war, und sprach weiter.

»Steward,« rief der Zahlmeister, »entfernen Sie diese Frau aus dem Speisesaal.«

Sämtliche Passagiere erster Klasse hatten sich erhoben, und viele sahen, wie ein Teller von oben heruntergeflogen kam und die Schulter des Zahlmeisters streifte. Mit der Schnelligkeit eines Rekordläufers verschwand der Mann des Gesetzes aus Durham aus dem Saal und war einen Augenblick später auf der Galerie sichtbar ... Wie die Sachen sich danach genau zutrugen, darüber widersprechen sich die Berichte; so viel ist sicher, daß der Primas des Orchesters um seine Geige kam, die die muntere Isabel am Kopf des Zahlmeisters entzwei schlug. Später erfuhr man, daß Isabel zwar nicht in Ketten gelegt worden war, aber doch Zimmerarrest in ihrer Kabine hatte.

»Darauf hätte sie wirklich selber kommen können, wenn sie so gescheit wäre, wie sie sich einbildet«, sagte Edward Henry zu sich.

VI

Obgleich er auf dem Weg zu großen Erfolgen war, nahm seine Besorgnis mit jeder Stunde zu. Sogleich nach Isabel Joys Verhaftung beschäftigte er den Mann am Marconi-Apparat mehr als je; er schickte die lebhaftesten und dringendsten Telegramme nach London, ohne die Kosten zu beachten. Am nächsten Tag begannen die Antworten einzutreffen. Es war die interessanteste Reise, die der Mann am Apparat gemacht hatte seit dem Untergang der »Katharina von Siena«, bei dem seine Schnelligkeit mindestens zweihundert Menschen das Leben gerettet hatte. Edward Henry konnte kaum schlafen, so sehr wünschte er den Sonntagabend herbei, so groß war seine Sehnsucht, mit Isabel Joy sicher in London zu sein. Denn die Lithuania fuhr gar nicht so schnell. Sie schien es absichtlich zu tun, um ihn zugrunde zu richten. Bei dem täglichen Wetten über den Schiffsrekord gewannen immer die, die à la baisse spekuliert hatten. Sie machte nicht einmal mehr fünfhundertvierzig Knoten in vierundzwanzig Stunden, und niemand gab eine Erklärung dafür. Als man von New York ausfuhr, war davon die Rede gewesen, daß das Schiff Fishguard Sonnabend abend erreichen würde. Jetzt war die Ankunft für Sonntagmittag prophezeit. Edward Henrys einziger Trost war, daß bei der Fahrt in östlicher Richtung jeder Tag nur dreiundzwanzig Stunden hatte.

Außerdem war er nicht ohne Sorge für Isabel Joys persönliche Freiheit. Sie hatte das verabredete Programm überschritten. In seinem Plan war nicht davon die Rede gewesen, daß sie Teller schleudern oder Geigen auf dem kahlen Haupt der geheiligten Person des Zahlmeisters zerbrechen sollte. Der Zahlmeister war sehr böse, und er hatte den Kapitän, der sonst von weicherer Gemütsart war, auf seiner Seite. Als Isabel Joy mit dem Hungerstreik drohte, falls sie nicht augenblicklich freigelassen würde, ließ er ihr sagen, daß sie ruhig hungern möge; er wußte wohl, daß sie unmöglich an Entkräftung sterben konnte, ehe das Schiff in Fishguard ankam.

Die Lage war ernst, weil Isabel Joy einen Präzedenzfall geschaffen hatte. Schutzleute und Minister wurden seit Monaten als rechtmäßige Angriffsobjekte für die streitbaren Suffragetten angesehen; Isabel Joy war die erste, die Köpfe und Sachen beschädigte, die Personen aus einer anderen Schicht gehörten. Die Schiffsbehörden waren ganz entschlossen, Isabel Joy in Fishguard der Polizei zu übergeben. Indessen trat ein Faktor zu Edward Henrys Gunsten ein, der in so viele Situationen rettend eingreift: die öffentliche Meinung. Als man im Speisesaal erfuhr, daß Isabel Joy das, was sie getan, in der reinen und unschuldigen Absicht getan hatte, eine Wette zu gewinnen, da nahm alles, was im Speisesaal angelsächsisch war, für sie Partei, denn das war ernster Sport und nicht nur Politik. Eine Subskription wurde eingeleitet, um eine neue Violine zu kaufen und das zerbrochene Porzellan zu ersetzen. Für den Betrag, der zusammenkam, hätte man nach dem Ersatz des Geschirrs ein Dutzend neuer Geigen kaufen können. So wurde der Überschuß für Marinewaisenhäuser bestimmt. Man sprach mit dem Zahlmeister. Man bestürmte den Kapitän. Mächtige Einflüsse wurden in Bewegung gesetzt. Kurz, all die kleinen Räder, die innerhalb der großen Räder laufen, drehten sich. Und nach vielen Entschuldigungen und Versprechungen für künftiges Wohlverhalten wurde Miß Isabel Joy in Freiheit gesetzt.

Aber sie war verhaftet worden.

Sonntag morgens zeitig geriet das Schiff in einen Sturm, der den Schiffsgottesdienst arg störte; einen Sturm von solcher Heftigkeit, daß er selbst die Herren mit Messingknöpfen auf den Brücken besorgt machte. Es ging das Gerücht, daß der Kapitän bei solchem Wetter nicht in Fishguard anlegen könnte. Diese Krise, in der Edward Henry beinahe den Geist aufgab, dauerte zwei Stunden. Der Kapitän legte doch in Fishguard an, bei strömendem Regen, und Zeitungsverkäufer kamen an Bord und verkauften Sonntagsausgaben, deren Spalten voll von Isabels Verhaftung an Bord und von dem nahen Triumph ihrer Ankunft in London waren. Auch Zeitungsberichterstatter kamen an Bord, und auf dem ganzen Weg auf dem Leichter, im Zollschuppen und im Zug wurden Edward Henry und Isabel Joy scharf interviewt. Um neun Uhr abends fuhr der Zug in Paddington ein. Isabel hatte gewonnen, sie war drei Stunden vor Ablauf des hundertsten Tages eingetroffen. Der ganze Bahnhof war gedrängt voll Neugieriger, die mit offenem Munde starrten. Edward Henry ließ seine kostbare Beute nicht aus den Augen, aber er schickte Marrier ein Telegramm für Nellie, die er bis dahin beinahe vergessen hatte.

Und auch jetzt war er noch nicht völlig ruhig. Noch vierundzwanzig sorgenvolle Stunden lagen vor ihm.

Am nächsten Abend stand er auf der Bühne des Regenten-Theaters, gerade bevor der Vorhang in die Höhe gehen sollte. Und er zitterte, nicht vor Furcht, aber vor Aufregung.

Was für einen Tag hatte er hinter sich! Am Morgen war Probe gewesen; sie war ganz gut gegangen, nur daß Rose Euclid sich unmöglich benommen und die kleine Cunningham, die in dem Stück solchen Erfolg gehabt hatte und jetzt ihre Rolle aufgeben sollte, den ganzen Raum mit ihrem Jammer und ihrer Empörung erfüllt hatte.

Dann war der schreckliche Auftritt mit Rose Euclid gewesen. Als Rose aus dem Theater kam, um zu Mittag zu essen, hatte sie Arbeiter gesehen, die ihren Namen von der elektrischen Lichtanzeige entfernten und den Isabel Joys dafür einsetzten. Sie war ein Weib und eine Künstlerin; es wäre übrigens nicht anders gewesen, wenn sie ein Mann und ein Künstler gewesen wäre. Diesen unerhörten Affront nahm sie nicht hin. Sie verzichtete auf ihre Rolle. Sie zerriß ihren Vertrag in kleine Stücke und warf die Stücke in den Wind. Im ganzen war Edward Henry froh darüber. Er hatte sofort nach Miß Cunningham geschickt, hatte ihr die nötigen Instruktionen gegeben, eine neue Probe für den Nachmittag angesetzt, und dabei gut die Hälfte von Isabel Joys ungeheuerlichem Honorar gespart. Dann hatte er finanzielle Verhandlungen mit vier Abendzeitungen angeknüpft und ihre Inhaltsverzeichnisse für diesen Abend zu hohem Preis gekauft. Und im ganzen Westen liefen Männer und Knaben umher, die Plakate trugen, auf denen die Worte standen: »Isabel Joys Auftreten im Regenten-Theater heute abend.« Eine großartige Neuheit.

Und jetzt sah er durch das Guckloch des Vorhangs auf ein dichtgedrängtes und bis zur Raserei aufgeregtes Publikum.

Der Hilfsregisseur wies ihn von der Bühne. Der Vorhang ging in die Höhe, und das Drama in Hexametern begann. Er wartete in den Kulissen und sprach beruhigend mit Isabel Joy, die in dem luftigen Kostüm der Botin sehr jugendlich aussah und begierig und aufgeregt auf ihr Stichwort wartete ... Er hörte den donnernden Applaus, der ihr Auftreten begrüßte. Den Satz, den sie zu sprechen hatte, hörte er nicht. Er trat auf die Glasveranda an der Fassade hinaus, wo die eleganten jungen Leute in den Zwischenakten Zigaretten rauchten, die Mädchennamen trugen. Der Ausblick ging auf den Piccadilly Cirkus, der ganze Platz war von einer Menschenmenge erfüllt, die der bloße Anblick von Isabel Joys Namen in farbigen Lichtbuchstaben glücklich machte. Er kehrte in das Direktionszimmer zurück. Marrier war im Zimmer voll Bewunderung für seinen Helden.

»Haben Sie die Ziffern?« fragte er.

Marrier strahlte: »Zweihundertsechzig Pfund. Solange es anhält, bedeutet es einen Überschuß von zweihundert pro Abend!«

»Aber Mensch, das Haus hat doch nur Sitze für zweihundertunddreißig Pfund.«

»Mein lieber Herr,« sagte Marrier, »die Leute zahlen zehn Schilling für einen Stehplatz im ersten Rang.«

Edward Henry ließ sich in einen Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen. Auf dem Schreibtisch lag ein Telegramm für ihn. »Was ist das?« fragte er.

»Eben gekommen.«

Er öffnete es und las: »Ich verbiete unbedingt diesen ungeheuerlichen Frevel an einem Kunstwerk. Trent.«

»Bißchen spät angekommen, nicht?« sagte Edward Henry und zeigte Marrier das Telegramm.

»Außerdem«, bemerkte dieser, »wird er ganz anders reden, wenn er weiß, wie hoch seine Tantieme ist.«

»Also«, sagte Edward Henry, »ich gehe schlafen.« Und er gähnte laut und lange.

VIII

Eines Nachmittags saß Edward Henry in dem großartigsten aller Klubsessel im Salon seines Hauses in Bursley. Obschon es September und das Wetter selbst für September warm war, war eine mit Schwanendaunen gefütterte Decke über seine Knie gebreitet. Sein Gesicht war blaß, seine Hände noch blasser; aber sein Auge war klar und seine Züge strahlten. Sein Bart hatte beinahe wieder seine ursprüngliche Länge erreicht. Auf einem Stuhl neben ihm lagen eine Anzahl Briefe, auf die er gerade die Antworten diktiert hatte. An einem Tisch in der Nähe saß ein junger Buchhalter an einer Schreibmaschine. Auf dem Sofa ausgestreckt lag Robert Machin und las die zweite Ausgabe des »Anzeigers«. Robert hatte, da er mit allen Büchern, die er in die Hand bekommen konnte, durch war, in seinen Ferien ein lebhaftes Interesse am Zeitungswesen entwickelt, und gab im Kinderzimmer großartige Berichte von den sensationellen Ereignissen, die er jeden Tag im »Anzeiger« fand. Während er lag und las, schlug er die Fersen müßig aneinander.

Eine mächtige Stimme tönte im Vorzimmer und Dr. Stirling trat mit Nellie ein.

»Nun, Doktor!« begrüßte ihn Edward Henry.

»Sie sind also wieder in vollem Feuerbetrieb!« bemerkte der Doktor. Er gebrauchte das Bild, das der Bevölkerung eines Bezirks geläufig war, in dem der Lärm der Schmelzöfen durch die Nächte tost.

»O nein!« protestierte Edward Henry, wie es alle Kranken tun. »Ich behalte nur ein oder zwei besonders dringende Angelegenheiten im Auge.«

»Natürlich ist er in vollem Feuerbetrieb!« sagte Nellie ruhig.

»Was hör' ich denn da, daß Sie Sonnabend ans Meer wollen?« fragte der Doktor.

»Darf ich das denn nicht?« sagte Edward Henry.

»Sie dürfen«, sagte der Doktor. »Lassen Sie sich mal ansehen!«

»Was sagten Sie, hätte ich gehabt?« fragte Edward Henry.

»Kolitis.«

»Ja, das ist's. Ich wußte, ich irrte mich nicht. Na, Sie hätten das Gesicht meiner Mutter sehen sollen, als ich es ihr sagte. Wissen Sie, was sie sagte: ›Er kann's ja so nennen, wenn er Lust hat, aber zu meiner Zeit nannten wir es anders.‹ Sie hätten sie sehen sollen, wie sie die Nase hochzog! ... Übrigens, Doktor, wissen Sie, daß Sie mich jetzt schon beinahe drei Monate festhalten?«

»Nee,« sagte Stirling, »Ihr Starrsinn hält Sie fest, Mensch. Wenn Sie Ihrem Londoner Doktor gefolgt hätten, so hätten wir Sie nicht im Krankenwagen heraufbringen müssen. Wenn Sie nicht das Unglück hätten, daß Sie als ein eigensinniger Narr auf die Welt gekommen sind, könnten Sie schon seit sechs Wochen wieder auf sein. Aber mit so einem Genie ist ja nichts zu machen. Es sind die Nerven, und immer wieder die Nerven bei Leuten wie Sie.«

»Die Nerven!« rief Edward Henry, als ob er entrüstet wäre. In der Tat machte ihm die Diagnose große Freude.

»Die Nerven!« wiederholte der Doktor fest. »Da rutschen Sie nach Amerika, lassen sich in Theatersachen ein ... Wie steht's übrigens mit dem Theater? Ich habe gelesen, daß Ihr famoses Stück nächste Woche abgesetzt wird.«

»Nun, und?« sagte Edward Henry, um jeden Ruf besorgt und nicht zum wenigsten um seinen eigenen. »Es ist hundertundeinmal gegeben worden. Und noch dazu im August! Kein modernes Stück in Versen hat je in London solchen Erfolg gehabt, und kein anderes wird je solchen Erfolg haben. Ich habe eine Propaganda für das intellektuelle Theater gemacht, wie es sie nie gegeben hat. Und habe daran noch Geld verdient. Ich hätte allerdings mehr verdient, wenn ich es schon vor vierzehn Tagen abgesetzt hätte; aber ich habe mir nun einmal vorgenommen, daß es über hundertmal gegeben werden sollte. Und das wird auch geschehen!«

»Und was werden Sie dann geben?«

»Nichts werde ich dann geben, Doktor. Ich habe das Regenten-Theater auf fünf Jahre für siebentausendfünfhundert Pfund jährlich an eine Operettengesellschaft verpachtet, da Sie sich so dafür interessieren. Und wenn ich Bodenpacht und Steuern, notwendige Reparaturen und etwas für einen Amortisationsfonds und sechs Prozent Kapitalzinsen zahle, bleibt mir noch ein Reingewinn von etwa zweitausend Pfund jährlich. Sie können sagen, was Sie wollen, aber ich nenne das ein Geschäft!«

Als Edward Henry dem Doktor diese Mitteilungen machte, die er gar nicht verlangt hatte, war es ihm in Wirklichkeit darum zu tun, sich gegen Vorwürfe seiner Frau zu verteidigen, Vorwürfe, die sie zwar nie ausgesprochen hatte, die er aber manchmal in ihrem Gesicht zu lesen glaubte. Er hätte natürlich seiner Frau diese erfreulichen Mitteilungen auch direkt und unter vier Augen machen können, aber er war ein Ehemann, und zog wie viele Ehemänner unter Umständen den indirekten Weg vor.

Nellie sprach kein Wort.

»Also geben Sie das Londoner Geschäft auf?« sagte der Doktor, sich erhebend.

»Jawohl«, sagte Edward Henry und errötete beinahe.

»Warum?«

»Nun«, antwortete das Genie. »Die Theaterangelegenheiten sind mir zu aufregend und riskant. Und man hat mit so einem verrückten Volk zu tun. Ich bin ja noch gut dabei weggekommen, aber ... Kurz und gut, ich bin nicht mehr so jung wie ich war. Ich bin mit London fertig. Die Fünf Städte sind gut genug für mich.«

Nellie, unfähig, ihren Triumph zu verbergen, machte mit jener Miene überlegener Gescheitheit einer Frau, die die Männer zur Wut und zu jeder Torheit treibt, die unvorsichtige Bemerkung: »Das möchte ich auch meinen!«

Edward Henry sprang vom Stuhl auf und die Schwanendecke fiel zu seinen Pantoffeln hinab. »Nell«, rief er mit geballter Faust. »Wenn du das noch einmal in diesem Ton sagst – noch einmal, hörst du! –, so fahre ich morgen nach London und nehme dort eine Wohnung!«

Der Doktor bog sich vor Lachen. Nellie lächelte. Selbst Robert, der sich um das Eintreten des Doktors nicht gekümmert hatte, sah mit hochgezogenen Brauen um sich.

»Setz dich doch, Liebling«, sagte Nellie beruhigend zu dem Kranken.

Aber er wollte sich nicht setzen und, um seine Unabhängigkeit zu beweisen, begleitete er Stirling mit seiner Frau ins Vorzimmer.

Als Robert mit dem jungen Buchhalter, um den sich niemand gekümmert hatte, und der jetzt auf den Tisch klopfte, allein war, wendete er sich zu ihm und sagte mit seiner bedächtigen, überlegenen, kindlichen Stimme: »Ist Vater nicht ein komischer Mensch?«

 

Ende.

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