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Arnold Bennett: Theater - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorArnold Bennett
titleTheater
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
editorThomas Mann
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131001
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Neuntes Kapitel. Die Eröffnungsvorstellung

I

Eines Abends im Juni – es war ein schöner Abend, an dem man die ganze leichte Traurigkeit des Sommers in der Stadt fühlte –, stand Edward Henry an einem Fenster und trommelte auf die Scheibe, wie er einst, als ein minder erfahrener Mann mit etwas weniger grauem Haar, auf den Tisch des mächtigen und arroganten Herrn Slosson getrommelt hatte. Das Fenster war das des Direktionszimmers im Regententheater. Er selbst konnte es kaum glauben, – kaum glauben, daß er nicht träumte, denn das Zimmer war tapeziert, mit einem Teppich belegt und sonst möbliert und eingerichtet. Nur die elektrische Lichtanlage war noch eine provisorische, der weiße Plafond zeigte ein Loch und ein Bündel von Drähten, wie den Nerv eines hohlen Zahns. Dort sollte einer von Edward Henrys geliebten Kronleuchtern hängen.

Das ganze Theater war wenigstens so weit fertig wie dieses Zimmer. Ein guter Teil war weiter; z. B. der Zuschauerraum, das Foyer und die Büfetts, die vollkommen fertig waren, soweit irgend etwas in dieser unsicheren Welt je vollkommen fertig wird. Es waren Wunder geschehen. Herr Alloyd hatte so viel zu tun gehabt, daß er nicht einmal mehr vom russischen Ballett sprach. Herr Alloyd hatte, obschon er immer wieder Edward Henry gegen Mitternacht durch selbsterlebte Geschichten beweisen wollte, daß die Frauen samt und sonders ihn schändlich behandelten, doch als Architekt Edward Henrys volle Achtung errungen. Er hatte sein Wort gehalten: man konnte von jedem Platz im Zuschauerraum hören und sehen, so daß das Theater geradezu einzig in London war. Und er hatte dafür gesorgt, daß der Bauaufseher dafür sorgte, daß der Bauführer in dem Wettlauf mit der Zeit nicht den Mut verlor.

Außerdem hatte er sich mit dem schrecklichen Londoner Grafschaftsrat zu verständigen gewußt, dessen Inspektionsbüros sämtlich insgeheim beschlossen zu haben schienen, daß das Theater nicht, wie Edward Henry wollte, im Juni dieses Jahres, sondern an irgendeinem fernen Tag um die Mitte des Jahrhunderts eröffnet werden sollte. Viele Monate früher hatte Edward Henry angeordnet und angekündigt, daß das Regententheater an einem bestimmten Tag im Juni, im vollen Glanz der Londoner Saison, eröffnet würde, und er hatte die ganze Welt des Theaters in Erstaunen gesetzt, da er durch dick und dünn an diesem Datum festhielt. Er galt infolgedessen um so mehr für einen Sonderling, denn die ältesten Bühnenmitglieder konnten sich an keinen Fall erinnern, in dem die Eröffnung eines neuen Theaters nicht für mindestens drei weit auseinanderliegende Tage versprochen und immer wieder verschoben worden war.

Edward Henry war nun am Vorabend des gefürchteten Tages angekommen, und wenn das in verhältnismäßiger Sicherheit gelungen war und er erwarten konnte, einem schmachvollen Zusammenbruch zu entgehen, so gab er zu, daß das mindestens ebensosehr Herrn Alloyds Verdienst war wie das seine. Das bestätigte nur seinen alten Eindruck, daß Architekten zwar sonderbare Leute sind, in manchem so wie Künstler und Dichter, aber doch mit einer soliden Basis aus Zement und Backstein.

Sein eigener Anteil an der Unternehmung war theoretisch darauf beschränkt, die richtigen Leute für jede Sache auszusuchen und Schecks zu unterschreiben. Er hatte sich wesentlich auf Herrn Marrier verlassen, dessen Miene täglich strahlender wurde und der sich allmählich zu einem pausbäckigen Napoleon entwickelte, dem es ein ungeheures Vergnügen machte, jede Einzelheit zu erledigen und alle Augenblicke Handlanger für beträchtliche Honorare anzustellen. Herr Marrier überließ ihm sowenig als möglich. Er half Carlo Trent bei der Inszenierung und bei der Regie. Er trocknete die Tränen junger Damen bei den Proben. Er half die Parkettsitze numerieren. Er nahm ein leidenschaftliches Interesse an dem Mosaikboden der Eingangshalle. Er lehrte die Maschinschreiberin im Direktionszimmer Tee aufgießen. Er ging zu Hitchin, um einen mittelalterlichen Stuhl zu finden, der im dritten Akt gebraucht wurde, und fand ihn auch. Kurz, er war der wirkliche Theaterleiter. Er leitete alles und jeden, ausgenommen Edward Henry und den Presseleiter, dessen Überzeugung von seiner eigenen Unentbehrlichkeit und Bedeutung so tief gewurzelt war, daß selbst Marrier sie teilte und diesen Bismarck in seiner diplomatischen Tätigkeit nicht störte. Der Presseleiter, der des Nachts in einem Operettenchor mitsang, war sich dessen voll bewußt, daß, wenn das Regententheater Erfolg hatte, es nur sein Verdienst war.

Und doch hatte Edward Henry, obschon er so tüchtige Hilfskräfte für alles hatte, enorm zu tun gehabt und fühlte sich gründlich erschöpft. Darum trommelte er an die Scheibe. Darum fühlte er den törichten Wunsch, die Scheibe einzuschlagen. Nachmittags hatte er zwei Auftritte mit Vertretern von Theaterkassen gehabt, die sich geweigert hatten, seine Billetts zum Vorverkauf zu übernehmen. Er hatte einen Prozeß gegen eine Plakatfirma eingeleitet. Er hatte einen drohenden Streik der Beleuchtungsarbeiter beigelegt, der auf Herrn Cosmo Clarks Ansichten über Bühnenbeleuchtung zurückzuführen war. Er hatte neunundsiebzig Antwortschreiben auf neunundsiebzig Beschwerdebriefe ihm völlig unbekannter Personen diktiert, die empört waren, keine Freikarten für die erste Vorstellung bekommen zu können. Er hatte einem Kritiker abschlägig geantwortet, der eine Abschrift des Stückes zu haben wünschte, weil er taub war. Er hatte einen Beamten des Grafschaftsrats, der an der Rauchklappe über der Bühne etwas auszusetzen gehabt, beruhigt, und einem anderen Beamten des Grafschaftsrats über die elektrische Signalglocke befriedigende Aufklärung gegeben. Er hatte die Neugier eines dritten Beamten des Grafschaftsrats befriedigt, der das Funktionieren der eisernen Kurtine noch einmal zu prüfen kam. Aber er war gegen einen vierten Beamten des Grafschaftsrats, der die Leitungsdrähte in den Garderoben beanstandete, beinahe grob geworden. Und in einem Brief an Slossons, die mit dem Schloß an der Türe von Lord Woldos Privateingang nicht zufrieden waren, war er wirklich grob geworden, und das hatte ihm Vergnügen gemacht. Und er hatte mit dem Vertreter der hauptstädtischen Polizei alles für die Zufahrt und Abfahrt der Wagen geregelt.

Und jetzt hatte er genug davon. Seine Nerven begannen allmählich zu versagen, obschon er dies nie zugegeben hätte und sich dessen auch nicht bewußt war. Darum war die Scheibe in Gefahr. Durch die Scheibe konnte er im letzten Tageslicht ein Stück der Shaftesbury Avenue sehen. An einem Laternenpfahl lehnte ein alter Zeitungsverkäufer und zeigte ein Plakat, in dem von Isabel Joy die Rede war. Wiederum Isabel Joy! Auch das ärgerte ihn. Seiner Ansicht nach hätten die Zeitungen, angesichts der Wichtigkeit des Theaters und des Gehalts, das er seinem Presseagenten zahlte, sich ausschließlich mit den Angelegenheiten Herrn Edward Henry Machins beschäftigen müssen. Aber diese schändliche Isabel hielt London im Atem. Sie war, von Westen kommend, auf ihrem Siegeszuge, der sie jetzt heimwärts führte, in Chikago angelangt und hatte, wie sie sich im voraus gerühmt, erreicht, dort verhaftet zu werden; aber sie fand es jetzt schwieriger, das Gefängnis in Chikago zu verlassen, als hinein zu gelangen. Und die Frage wurde eine brennende, ob die Propagandistin der streitbaren Suffragetten innerhalb der festgesetzten hundert Tage wieder in London eintreffen würde. Darum hielt ganz London den Atem an. Denn London bleibt wohl ruhig in kleineren Krisen – wie bei einem Generalstreik, oder wenn das Haus der Lords abgeschafft werden soll –, aber wenn es sich um wirklich aufregende Dinge handelt, dann geht es in London los.

»Bitte, Herr Machin ...«

Er drehte sich um. Es war seine Maschinenschreiberin, Miß Lindop, ein junges Mädchen von etwa fünfunddreißig Jahren, mit einem Teetablett.

»Ich habe ja schon Tee getrunken«, sagte er ärgerlich.

»Aber Sie haben noch nicht zu Abend gegessen, Herr Machin, und es ist halb neun!« sagte sie flehend.

Er kannte das Mädchen seit noch nicht vier Wochen und er zahlte ihr weniger Schillinge in der Woche, als sie Jahre zählte, und sie verehrte ihn bereits und sorgte für ihn, wobei sie offenbar von der Vorstellung ausging, daß er nicht imstande war, für sich selber zu sorgen. In ihren flehenden Augen war zu lesen, daß sie für ihn zu sterben bereit war.

»Und man will Sie wegen des Linoleumteppichs auf der Treppe zur Galerie sprechen«, fügte sie schüchtern hinzu. »Der Mann vom Grafschaftsrat sagt, er muß abgenommen werden.«

»Der Linoleumteppich auf der Galerie!« Jetzt war es ihm zuviel. Er rannte die junge Dame mit dem Teetablett beinahe um. »Ich werde ihnen Linoleum geben!« rief er böse und verschwand.

II

Als er »ihnen Linoleum gegeben« oder vielmehr bei dem Versuch es zu tun einen vollkommenen Mißerfolg erlitten hatte, stieg Edward Henry die rechte Galerietreppe empor und gelangte in den Zuschauerraum, in dem zu seinem Erstaunen eine gute Anzahl von elektrischen Lichtern – die Kilowattstunde zu einem Penny drei Heller – brannten. Von jedem Sitz in der engen und hochgebauten Galerie, in dem die Knie jedes Zuschauers in gleicher Höhe mit dem Hut des Zuschauers in der Reihe vor ihm sein mußten, hatte man einen vollkommenen Überblick über die Bühnenöffnung. Edward Henry überzeugte sich von dieser nie dagewesenen Tatsache, indem er bis zum obersten Ecksitz emporstieg und von dort die Bühne übersah, deren Alleinherrscher er war. Die Logen waren noch in ihren neuen weißen Staubhüllen; desgleichen die durcheinanderstehenden Sperrsitze, die noch nicht am Fußboden festgeschraubt waren, bis auf drei oder vier in der Mitte der ersten Reihe, von denen auch die Staubhüllen entfernt waren. Auf einem dieser Sitze, so weit er auch von ihm entfernt war, konnte er eine Papiertüte sehen, die vermutlich belegte Brötchen enthielt, auf einem anderen ein Paar Handschuhe und einen Spazierstock. Einige lebhafte Damen mit Skizzenbüchern schritten unruhig in den Gängen zwischen den Sitzreihen umher. Das Orchester war in seiner Versenkung verborgen und schien im Schlaf zu murmeln. Der großartige Zwischenvorhang, den Herr Saracen Givington, Mitglied der Malerakademie, entworfen hatte, schloß die Bühne ab.

Jetzt erschienen Herr Marrier und Carlo Trent durch die eiserne Türe, die Eingeweihten ermöglichte, aus den Kulissen in den Zuschauerraum zu gelangen, und setzten sich ins Parkett. Der Vorhang ging rauschend in die Höhe und zeigte die erste Dekoration der »Perle des Orients«.

»Was ist mit dem Ambralicht, Cosmo?« rief Herr Marrier, der eben ein belegtes Brötchen verzehrte, mit vollem Mund.

»Alles in Ordnung!« tönte es zur Antwort.

»Schön!« sagte Herr Marrier. »Klopfen!«

»Noch nicht klopfen!« widersprach Carlo Trent.

»Klopfen, sage ich! Wir müssen mit dem zweiten Akt weiter kommen.« Die Stimmen klangen sonderbar durch das leere Theater. Arbeiter strömten auf die Bühne, noch ehe der Vorhang sich wieder senkte.

Edward Henry hörte trippelnde Schritte hinter sich. Es war die treue Maschinenschreiberin.

»Hören Sie,« sagte er, »können Sie mir vielleicht sagen, was da unten vorgeht? Ich hatte allerdings so viel zu tun, daß ich beinah vergaß, daß ein Theater ein Ort ist, an dem man Stücke aufführt.«

»Es ist die Generalprobe, Herr Machin«, sagte die Schreiberin erschreckt und sich gleichsam entschuldigend.

»Die Generalprobe war doch für drei Uhr angesetzt und muß längst zu Ende sein.«

»Ich glaube, sie sind gerade mit dem ersten Akt fertig«, flüsterte das Mädchen. »Ich weiß, sie haben erst um sieben angefangen. Mich geht es ja nichts an, Herr Machin, aber ich war schon in vielen Theatern beschäftigt und ich glaube, es ist ein großer Fehler, bei der Generalprobe niemanden da zu haben. Wenn man so etwa hundert Leute im Parkett hat, also Publikum da ist, dann geht alles viel schneller und besser. Aber wenn niemand da ist, dann ist die Generalprobe so wie jede andere Probe.«

»Vielleicht noch weniger«, sagte Edward Henry lächelnd.

Er sah, daß seine Zustimmung sie beglückte; aber er sah auch, daß er ihr damit Macht gegeben hatte. »Ich habe Ihnen den Tee heraufgebracht,« sagte sie im Ton einer Krankenschwester, »wollen Sie ihn nicht trinken?«

»Wenn er nicht schon ganz eingekocht ist«, murmelte er.

Sie protestierte: »Ganz gewiß nicht, ich habe ihn von den Blättern abgegossen; das ist eine neue Kanne.«

Sie trat hinter die Schranke und kam mit einer Teetasse und einer Schnitte Kuchen auf der Untertasse wieder zurück. Während sie sie ihm reichte, sah sie ihn an, und ihre Augen schienen zu sagen: »Du armer Mensch!«

Nun haßte er nichts so sehr, wie wenn man ihn bemitleidete. »Gehen Sie jetzt nach Hause!« befahl er.

»Aber ... bitte ...«

»Sie gehen jetzt nach Hause! Verstanden?« sagte er drohend. »Wenn Sie jetzt nicht augenblicklich schauen, daß Sie weiterkommen, so schmeiße ich diese Tasse mitsamt der Untertasse ins Parkett hinab.«

Entsetzt eilte sie davon. Er seufzte erleichtert auf.

Eine Weile später kletterte der Dirigent auf seinen Stuhl, das Orchester begann zu spielen, der Vorhang ging wieder in die Höhe, und der zweite Akt des Meisterwerks in Hexametern begann. Die neuen Dekorationen, auf denen Edward Henry mit großartigem Mut bestanden hatte, und die Saracen Givington an Stelle der unverständlichen Farbenflecke bei der Aufführung in der Azur-Gesellschaft hatte herstellen müssen, gefielen ihm. Die Farbe war angenehm, und sie sahen doch wie irgend etwas aus. Man konnte, wenn auch vielleicht nicht ohne Mühe, erkennen, was sie darstellen sollten. Das Stück ging vorwärts, und der Gesamteindruck war zu seiner Überraschung ein guter. Und jetzt trat Rose Euclid als Haïdi in der großen Szene des zweiten Aktes auf. Von der entfernten Galerie sah sie verhältnismäßig jugendlich aus und fraglos war sie in ihrem glänzenden Kostüm eine imponierende Erscheinung. Sie wirkte unvergleichlich besser als bei den wenigen früheren Proben, die Edward Henry mitgemacht hatte. Der Unterschied war erstaunlich. Er fühlte sich an den hinreißenden Eindruck erinnert, den sie, als er sie zum erstenmal spielen sah, auf ihn gemacht hatte.

»Manchen Leuten wird das vielleicht gefallen!« gab er mit einer Spur von Optimismus zu. Denn bis jetzt hatte er durch viele Wochen diesem Tag mit dem kältesten und überzeugtesten Pessimismus entgegengesehen. Es war ihm zumut, als wäre er in eine ungeheure Maschinerie hineingezogen, deren Kolben und Räder er nicht mehr anhalten konnte, wenn er das Theater nicht mit Dynamit in die Luft sprengte. Dabei schien ihm alles unwirklich, die Verträge, die er unterschrieb, die Druckbogen, die er imprimierte, die Plakate, die er an den Häusermauern sah, und die Anzeigen, die er in den Zeitungen las. Nur die Schecks, die er unterschrieb, waren völlig real. Jetzt aber, nachdem er einige Augenblicke auf die Bühne geschaut, sah er wie in einem Zauberlicht alles verändert. Er witterte den Triumph, wie man den Seetang von weitem riecht. Für den nächsten Morgen erwartete er Nellie, und während er bisher vor ihrem unerbittlich nüchternen, völlig untheatralischen gesunden Menschenverstand wirklich Angst gehabt hatte, sah er dem Wiedersehen jetzt hoffnungsvoll entgegen. Am liebsten hätte er »Kikeriki!« gerufen. All das war, wie er selbst zugab, höchst sonderbar.

Einige Worte, die Rose Euclid sprach, waren ihm entgangen. Und jetzt konnte er sie wieder nicht hören. Und je erregter die Szene wurde, desto weniger Worte wurden auf der Galerie vernehmbar. Schließlich wurde sie vollkommen unverständlich, er sah sie unten toben und sich gleichsam in einem Gewirr sinnloser Hexameter sträuben.

Verzweiflung ergriff ihn. Jeder Nerv war auf der Folter. Rasend sprang er auf und rief mit lauter Stimme durch den weiten Raum: »Bitte deutlicher zu sprechen!«

Eine furchtbare Stille trat ein. Die Probe hörte auf. Das Gebäude schien in seinen Grundfesten zu wanken. Jemand hatte tatsächlich verlangt, daß die Worte auf der Bühne verständlich gesprochen werden sollten!

Herr Marrier wendete sich gegen den Störenfried, entschlossen, solchen Absonderlichkeiten ein für allemal ein Ende zu machen. »Wer ist denn da oben?« rief er.

»Ich!« rief Edward Henry hinunter. »Und ich verlange in meinem Theater, daß jeder Schauspieler überall verständlich sein muß. Es ist wahrscheinlich sehr sonderbar, aber ich will es nun einmal so.«

»Wen meinen Sie, Herr Machin?« fragte Marrier in verändertem Ton.

»Miß Euclid natürlich. Ich hab' Unsummen für die Akustik in diesem Theater ausgegeben, und dabei kann ich kein Wort verstehen, das sie spricht. Die anderen verstehe ich. Und wir sind bei der Generalprobe!«

»Sie müssen bedenken, daß Sie auf der Galerie sind«, sagte Herr Marrier fest.

»Nun, und? Die Galeriesitze werden nicht verschenkt. Auch nicht morgen abend. Die halben Sperrsitze werden verschenkt. Für die Galeriesitze wird gezahlt.«

Wieder entstand ein Schweigen.

Dann sagte Rose Euclid scharf, und Edward Henry konnte jedes Wort aufs deutlichste verstehen: »Ich habe die Leute satt, die sagen, sie können mich nicht verstehen! Man schreibt mir schon Briefe darüber. Ich habe es bis daher. Wozu brauchen die Leute zu verstehen, was ich sage?«

Und sie verließ die Bühne.

Wieder war ein Schweigen.

»Lassen Sie den Vorhang herab«, sagte Herr Marrier mit bebender Stimme.

III

Bald darauf betrat Herr Marrier das Direktionsbüro, in dem jetzt Licht brannte. Edward Henry diktierte seiner Maschinenschreiberin und Krankenschwester, die in Hut und Jacke im Theatereingang erreicht und zurückgeholt worden war, und die jetzt seine Worte direkt in die Maschine schrieb.

Der Alleineigentümer des Regententheaters war in bester Laune. »Nun Marrier, mein Junge,« begrüßte er seinen Geschäftsführer und Oberregisseur, »wie geht's mit der Probe?«

»Gar nicht geht es«, sagte Herr Marrier. »Miß Euclid weigert sich absolut weiterzuspielen. Sie ist in ihrer Garderobe.«

»Aber warum?« fragte Edward Henry mit sanftem Erstaunen. »Will sie von ihren jungen Verehrern auf der Galerie denn nicht gehört werden?«

Herr Marrier versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nur halb. »Seit dreißig Jahren hat niemand so zu ihr gesprochen«, sagte er.

»Ja, geben Sie mir nicht recht?« fragte Edward Henry.

»Ja,« sagte Marrier, »ich gebe Ihnen recht ...«

»Und will Ihr Freund Carlo denn nicht, daß man seine wundervollen Hexameter auch hört?«

»Wir geben Ihnen beide recht«, sagte Marrier. »Wir haben auch beide alles getan, was wir konnten, aber es ist alles umsonst. Sie ist herrlich, aber ...« er hielt inne.

»Aber man kann nicht den zehnten Teil von dem verstehen, was sie spricht«, setzte Edward Henry fort. »In meinem Theater darf das nicht sein.« Es machte ihm ein besonderes Vergnügen, die Worte »mein Theater« zu betonen.

»Das ist alles ganz schön«, sagte Marrier. »Aber was soll man jetzt tun? Ich habe alles versucht. Verzeihen Sie, wenn ich es sage, aber durch Ihr Dazwischentreten ist die ganze Sache zusammengekracht.«

»Was man tun soll?« rief Edward Henry. »Das ist doch ganz einfach. Sie müssen handeln. Du lieber Gott, Sie bekommen doch jetzt fünfzehn Pfund die Woche und sind mein Geschäftsführer. Also führen Sie doch! Sie haben schon genug angedeutet. Sie haben bemerkt, daß Andeutungen nichts nützen. Wenn Sie in den Fünf Städten auf die Welt gekommen wären, mein lieber Marrier, dann würden Sie das längst wissen. Also handeln Sie, mein Junge!«

»Aber wie? Wenn sie nicht spielen will, spielt sie nicht. Da hilft nichts.«

»Ist die zweite Besetzung im Theater?«

»Ja. Für Miß Euclid ist Miß Cunningham da.«

»Welches Gehalt bekommt sie?«

»Zehn Pfund wöchentlich.«

»Wofür?«

»Nun – vermutlich dafür, daß sie die Rolle lernt.«

»Also lassen Sie sie ihr Gehalt verdienen. Setzen Sie die Probe fort, Sie soll die Rolle morgen abend spielen. Wetten, daß sie todfroh ist?«

»Aber ...«

»Miß Lindop,« unterbrach ihn Edward Henry, »wollen Sie, bitte, Herrn Marrier vorlesen, was ich eben diktiert habe?« Er wendete sich zu Marrier. »Es ist nur ein Interview mit mir für eine von den Morgenzeitungen.«

Mit Tränen in der Stimme, wenn nicht in den Augen, gehorchte Miß Lindop, zog das Papier aus der Maschine und las laut vor.

Herr Marrier fuhr entsetzt zurück – wörtlich, nicht bildlich gesprochen –, als er das Interview hörte.

»Sie werden das doch nicht veröffentlichen!« rief er.

»Warum nicht?«

»Keine Zeitung wird das abdrucken!«

»Mein lieber Marrier,« sagte Edward Henry, »seien Sie doch kein kleines Kind. Sie wissen so gut wie ich, daß ein halbes Dutzend Zeitungen es mit Freuden abdrucken wird. Und alle anderen werden es nachdrucken. Morgen wird ganz London davon sprechen und Isabel Joy wird vergessen sein.«

»Ich habe so etwas noch nie gehört!« sagte Herr Marrier.

»Sehr schade!«

Herr Marrier schritt zur Tür. »Sagen Sie,« murmelte er stehenbleibend, »glauben Sie nicht, daß Sie es erst Rose vorlesen sollten?«

»Ich werde es Rose sogleich vorlesen«, sagte Edward Henry.

Zwei Minuten später – es war unmöglich in geringerer Zeit aus dem Direktionszimmer nach den Ankleidezimmern zu kommen – klopfte er an ihre Türe. »Wer ist da?« sagte eine Stimme. Er trat ein und erwiderte: »Ich bin's.«

Rose Euclid rauchte eine Zigarette und kratzte die Lehne eines Fauteuils, der hinter ihr stand. Ihr Mädchen stand neben ihr mit einem Glas Whisky und Soda.

»Es tut mir zu leid, daß Sie nicht weiterproben können, Miß Euclid«, Edward Henry sprach sehr rasch. »Wir müssen uns helfen, so gut wir können. Aber Herr Marrier meinte, das hier würde Sie interessieren. Es ist ein Teil eines Interviews mit mir, das morgen früh in die Zeitung kommt.«

Und ohne innezuhalten, las er vor: »Ich traf Herrn Stadtrat Machin, den Helden der Fünf Städte, der morgen das neueste, modernste und intellektuellste Theater Londons eröffnen wird, umgeben von Telephonapparaten und Schreibmaschinen in seinem Direktionszimmer im Regenten-Theater. Er empfing mich sehr liebenswürdig. ›Ja,‹ sagte er auf meine Frage, ›das Gerücht ist völlig wahr. Die Hauptrolle in der ›Perle des Orients‹ wird am ersten Abend statt von Miß Euclid von Miß Olga Cunningham, einer jungen Dame von hervorragender Begabung, gegeben werden. Nein, Miß Euclid ist nicht erkrankt, sie ist völlig wohl. Aber zwischen ihr und mir hat sich eine ernste Meinungsverschiedenheit ergeben. Es handelt sich darum, ob Miß Euclids Worte im Zuschauerraum deutlich verstanden werden müssen oder nicht. Meine Ansicht ist, sie müssen verständlich sein. Ich habe vielleicht völlig unrecht. Es ist vielleicht die Ansicht eines Provinzlers, aber es ist und bleibt meine Ansicht. Während der Generalprobe saß ich auf der Galerie und konnte die Verse, die sie sprach, nicht verstehen. Ich beanstandete das. Sie weigerte sich, auf meine Forderung einzugehen oder an der Probe weiter teilzunehmen. Hinc illae lachrymae!‹ ... ›Keineswegs,‹ sagte Herr Machin auf meine Frage, ›ich hege die höchste Bewunderung für Miß Euclid. Sie ist ein Genie. Ich würde mir nie erlauben, ihr auf dem Gebiet ihrer Kunst etwas vorzuschreiben. Sie hat eine lange, eine sehr lange Bühnenerfahrung hinter sich und versteht das alles zweifellos besser als ich. Aber das Regenten-Theater ist zufällig mein Theater, und ich bin dafür verantwortlich. Wer im Zuschauerraum meines Theaters sitzt, der wird den vollen ungestörten Blick auf die Bühne haben und soll jedes Wort verstehen, das auf der Bühne gesprochen wird. Ich weiß, ich bin ein Sonderling. Aber ich gelte schon lange für einen Sonderling und muß diesen Ruf aufrechterhalten. Und nebenbei bemerkt, ich bin ganz überzeugt, daß Miß Cunningham einen Riesenerfolg haben wird.‹«

»Nicht, solange ich hier bin!« brauste Rose Euclid auf; sie hatte sich erhoben und sprach diese Worte mit wunderbarer Deutlichkeit.

Edward Henry warf nur einen Blick auf sie und fuhr fort zu lesen: »Als Überschrift wird vorgeschlagen: ›Pikanter Streit zwischen einem Direktor und seinem weiblichen Star‹ oder ›Eine unerhörte Situation‹ oder ›Schwierigkeiten im Regenten-Theater‹.«

»Herr Machin,« sagte Rose Euclid, »Sie sind kein Gentleman.«

»Man möchte es kaum glauben, nicht?« sagte Edward Henry sinnend, als hätte diese neue Entdeckung Miß Euclids ihn nur oberflächlich interessiert.

»Maria,« sagte die berühmte Schauspielerin zu ihrem Mädchen, »sagen Sie Herrn Marrier, ich komme gleich.«

»Und ich gehe wieder auf die Galerie,« sagte Edward Henry, »das ist der richtige Platz für Leute wie mich, meinen Sie nicht? Und dieses Papier hier werden wir wahrscheinlich später zerreißen, Miß Euclid, – das wird sich noch zeigen.«

IV

Am nächsten Abend konnte man eine männliche Gestalt im Frack und hellem Überzieher an der Ecke des Piccadilly-Cirkus und der Unteren Regent-Street stehen und auf ein elektrisches Zeichen in Form eines Schildes starren sehen, auf dem in zitternden glühenden Buchstaben zu lesen war:

Regenten-Theater
Rose Euclid
in
»Die Perle des Orients«

Die Gestalt überquerte den Platz und starrte nach dem Zeichen. Dann schritt sie die Coventry Street entlang und betrachtete das Schild wieder von einer anderen Stelle. Dann erreichte sie Shaftesbury Avenue und sah wieder danach. Dann kehrte sie zur ersten Stelle zurück. Es war Edward Henry Machin, der sich an dem großartigen elektrischen Schild erfreute, von dem er geträumt hatte. Er zündete sich eine Zigarette an und dachte an Seven Sachs, wie er nach dem Namen Seven Sachs in feurigen Buchstaben an der Fassade eines Theaters am Broadway in New York starrte. War die Lichterscheinung in London nicht mindestens ebenso schön? Seiner Meinung nach gewiß. Das Regenten-Theater war da. Dort stand es, und was für ein ausgezeichneter Name für ein Theater! Alle Fenster waren beleuchtet. Die Torlaternen badeten das Straßenpflaster in Licht, und in diesem strahlenden Licht standen der Portier und die Theaterdiener in ihren neuen Uniformen mit militärischem Stolz. Überall an den Haupteingängen standen die Reihen wartender Automobile, sie zogen sich um dunkle Straßenecken durch Hintergassen bis gegen Golden Square. Marrier hatte die Automobile zählen lassen und ihm die Zahl genannt, aber er war so aufgeregt, daß er sie wieder vergessen hatte. Auf einer Anzahl von Pappschildern, die auf dem Pflaster an die Mauer gelehnt standen, war zu lesen »Parkett ausverkauft«, »Logen ausverkauft«, »Erster Rang ausverkauft«, »Zweiter Rang ausverkauft«, »Parterre ausverkauft«, »Galerie ausverkauft«. Und an dem Eisengestell des Glasdachs über dem Eingang war ein langes Plakat befestigt, das all dies in kürzerer Form sagte: »Theater ausverkauft.« Das Regenten-Theater hatte tatsächlich eine Menge Geld zurückweisen müssen. Die Eröffnung eines neuen Theaters war selbst in London ein Ereignis! Bedeutende Persönlichkeiten hatten geradezu darum gebeten, Sitze für den vollen Preis kaufen zu dürfen, und hatten es nicht erreichen können. Unwichtigere Persönlichkeiten, – darunter solche, die sich rühmten, seit zwanzig, dreißig, ja fünfzig Jahren keine Premiere im Westen Londons versäumt zu haben, hatten versucht, Sitze zu den höchsten Preisen zu bezahlen, und hatten es nicht erreicht; und dies war eine Tragödie. Edward Henry hatte im letzten Augenblick den Parkettsitz seiner Frau einem Staatsminister überlassen, der ihn dringend darum gebeten hatte, und hatte sie, auf Lady Woldos ebenso dringende Bitte in Lady Woldos Loge untergebracht, in der sich auch Miß Elsie April befand, die »ja schon das Vergnügen gehabt hatte, Frau Machin kennenzulernen«. Edward Henrys Premiere war ein großes Ereignis. Und er allein hatte dieses Ereignis geschaffen. Sein Wille hatte das großartige Gebäude ins Leben gerufen, dessen hellgelbe Mauern jetzt im Glanz zahlloser elektrischer Birnen durch die geheimnisvolle Nacht glänzten.

»Da stecken beinah vierzigtausend Pfund von meinem Geld drin!« dachte er aufgeregt. Und er dachte auch: »Ich bin schließlich jemand.«

Dann blickte er die Untere Regent Street entlang und sah das viel größere Theater Sir John Pilgrims, das jetzt verpachtet war und von dem gleichfalls ein verschwenderisches Licht ausstrahlte; und er bedachte, daß Sir John Pilgrim in seinen Premieren nicht nur all das zu tun hatte, was er getan, sondern auch noch die Hauptrolle auf der Bühne spielte, und er bewunderte die erstaunliche unerhörte Energie dieses Mannes und gab neidlos zu: »Der ist auch jemand! Ich möchte wissen, welchen Weltteil er jetzt illuminiert!«

Edward Henry verhehlte sich nicht, daß er äußerst nervös war. Er war nicht imstande, auch nur der bloßen Möglichkeit, daß das erste im neuen Theater aufgeführte Stück ein Mißerfolg sein könnte, ins Auge zu sehen. Er hatte der Aufführung inkognito unter der Menge im Parterre oder auf der Galerie beiwohnen wollen. Aber als er wenige Augenblicke, ehe der Vorhang in die Höhe ging, das Parterre betrat, hatte der hartherzige Leichtsinn, mit dem sich die Leute dort über alles mögliche unterhielten, ihn entsetzt. Sie schienen keinen Augenblick zu denken, daß da ein Vermögen, daß der Ruf und die Laufbahn vieler Menschen auf dem Spiele stand. Es hatte gar keinen Einfluß auf sie. Und er war aus dem dichtgefüllten Parterre geflohen. Von der Galerie hatte er ohnedies genug. So war er denn durch die Gänge geirrt, in seinem eigenen Zimmer und in den Kulissen hin und her gegangen und zuletzt im Souterrain, nervös wie eine Katze, die sich verlaufen hat, oder wie ein Autor; befangen wie ein Verbrecher, der weiß, daß er jeden Augenblick entdeckt werden muß. Er konnte keinem Menschen in die Augen sehen. Der erste Akt war im ganzen freundlich aufgenommen worden, und er hatte Höllenqualen ausgestanden, als er auf den Applaus wartete. Der erste Zwischenakt schien nahezu drei Monate zu dauern. Seine Länge war wie ein Alpdruck, der ihn beinahe zum Wahnsinn brachte. Der zweite Akt schien besser zu gehen, irgendwie drang die Empfindung auf mystischem Weg bis in sein Versteck, und als der Vorhang zum zweitenmal fiel, war der Beifall enthusiastisch gewesen. Enthusiastisch! Seltsamerweise trieb ihn gerade der Umschlag aller Empfindungen, den diese neue Hoffnung verursachte, während des dritten Akts aus dem Theater. Seine Hoffnungen brauchten Ozon. Er mußte die Brust auf den weiten Strecken des Piccadilly-Cirkus dehnen. Er mußte mit den Füßen schreiten, mit den Armen schlenkern.

Jetzt überquerte er den Platz wieder zu seinem Hause zurück und betrachtete seine Plakate wie ein Fremder. Auf mehreren stand, in einem scharlachroten Kreis, lediglich der Name Rose Euclid. Das war sehr eindrucksvoll. Viel kleiner stand darüber: »E. H. Machin, Alleineigentümer.« Und während seine Augen unruhig von dem Plakat weg über den Platz blickten, der jetzt, von einigen umherstrolchenden unheimlichen Gestalten abgesehen, leer und verlassen war, fragte er sich unparteiisch: »Hätte ich dieses Interview in die Zeitungen gesetzt oder nicht? ... Ich weiß es nicht. Manche Leute werden denken, daß ich im ganzen nicht gerade nett gegen Rose war, seit wir uns zum erstenmal begegneten! ... Nun, jedenfalls spricht sie heute abend deutlich!« Und er lachte kurz auf.

Ein Zeitungsjunge kam eilig über den Platz. Er trug ein Plakat, auf dem in großen Buchstaben der Name Isabel Joys stand.

»Weg mit dir!« dachte er. Diese Konkurrenz war ihm jetzt gleichgültig.

In diesem Augenblick öffnete sich eine kleine Türe in der Mauer dicht neben dem Platz, wo er stand, und eine Dame in einem eleganten Theatermantel trat auf die Straße hinaus. Es war die besondere Türe, die zur Privatloge Lord Woldos führte, die er als Grundeigentümer vertragsmäßig besaß. In der Dame erkannte er betroffen Elsie April, mit der er seit jenem Abend in der Azur-Gesellschaft nicht mehr allein gewesen war.

»Was machen Sie hier draußen, Herr Machin?« begrüßte sie ihn freundlich und ruhig.

»Ich denke nach«, sagte er.

»Alles geht glänzend«, bemerkte sie. »Wirklich! ... Ich eile jetzt rundherum zum Bühnenausgang, um meine liebe Rose zu treffen, wenn sie herauskommt. Was für ein reizendes Geschöpf Ihre Frau ist! So hübsch und so gescheit!«

Und sie verschwand um die Ecke, noch ehe er auf diese Komplimente für seine Frau die entsprechende ehemännliche Antwort gefunden hatte.

Jetzt schienen die Diener am Theatereingang zum Leben zu erwachen. Mehrere in Gedanken versunkene Männer kamen rasch aus dem Theater, die ihre Überröcke zuknöpften und wie Gespenster in die Nacht verschwanden ... Es waren Kritiker auf ihrem Wege zum Zerstörungswerk!

Die Aufführung mußte ihrem Ende zugehen. Er folgte eilig in der gleichen Richtung, die Elsie April eingeschlagen hatte.

V

Er stand in den Kulissen auf der linken Seite, vom Zuschauerraum gesehen. Dicht neben ihm stand der Inspizient, ein nachlässig gekleideter Jüngling mit schlechten Zähnen, der das rotangestrichene Manuskript der »Perle des Orients« fest umklammert hielt. Mehrere der Mitwirkenden, Schauspieler und Schauspielerinnen von verschiedenen Sterngraden, saßen und standen in den reichen Kostümen, die Saracen Givington, Mitglied der Akademie der bildenden Künste, entworfen hatte, umher. Im Hintergrund stand überselig Miß Lindop; über ihre Wangen liefen die Tränen wie auf einer Rennbahn. Fern in der Mitte der Bühne stand Rose Euclid allein, prunkend in Grün und Silber, und verbeugte sich immer wieder und wieder vor dem Sturm des Beifalls und der Zurufe, die aus dem Zuschauerraum über die Rampenlichter drangen. Mit einem Geräusch, wie wenn Seide zerrissen wird, oder wie das tiefe Altsummen einer riesigen Mücke, sauste der Vorhang nieder und wieder in die Höhe und wieder herunter. Blumensträuße flogen aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, ein Gebrauch, den Miß Euclid neuerdings aus den Vereinigten Staaten herübergebracht und eingeführt hatte, obwohl es den strengeren Formen des Londoner Geschmacks widersprach. Die Schauspielerin hielt bereits eine gewaltige Trophäe in Gestalt eines Kranzes an die Brust gepreßt. Sie zögerte einen Augenblick, dann eilte sie nach den Kulissen, packte wie in einem wilden Impuls Edward Henry am Handgelenk, und sie schüttelten einander in Ekstase die Hände.

Es war, als ob einer im anderen plötzlich eine unerhörte Bedeutung, eine fabelhafte persönliche Größe entdeckte, es war, als ob Worte die tiefe Wertschätzung, Liebe und Bewunderung, die sie füreinander empfanden, niemals auszudrücken vermocht hätten, es war, als ob dieser Augenblick einem Zwillingsdasein, dessen lange treue Kameradschaft niemals auch nur durch den leisesten Schatten eines Mißtrauens getrübt worden war, die letzte endgültige Weihe gegeben hätte. Noch immer war Rose Euclid der unvergleichliche Star, ein Bild von Anmut, Schönheit und Macht auf der Bühne. Und doch sah Edward Henry ganz deutlich neben sich das runzlige, abgeblühte gemalte Gesicht eines alten Weibes; aber es hatte nichts zu bedeuten.

»Rose!« rief eine Stimme mit Aufgebot aller Kräfte, und Rose Euclid riß sich von ihm los und taumelte halb schluchzend in die Arme Elsie Aprils.

»Sie haben uns das intellektuelle Theater gebracht, mein Junge! Das haben Sie getan!« Es war Marrier, der ihm jetzt die Hand schüttelte. Und Edward Henry war vollkommen überzeugt, daß dem so war.

Noch immer nahm der Beifall an Heftigkeit nicht ab. Durch den schweren klatschenden Regen hörte man das monotone, beharrliche Donnern der Silben: »Autor! Autor! 'tor! 'tor! 'tor!«

Dann folgte ein zweites Wort: »Reden! Reden! Reden! Reden!«

Mechanisch zündete Edward Henry sich eine Zigarette an. Er wußte nicht, daß er es tat.

»Wo ist Trent?« fragten Leute neben ihm.

Carlo Trent erschien auf einer Treppe hinter der Bühne.

»Sie müssen hinausgehen«, sagte Marrier. »Raffen Sie sich zusammen. Das große Tier verlangt Sie. Sagen Sie ein paar Worte.«

Und Carlo Trent ergriff seinerseits Edward Henrys Hand und schüttelte und drückte sie, als wäre es die Hand eines Intellektuellen und poetisch Gleichgestellten gewesen.

»Kommen Sie doch!« mahnte ihn der strahlende Marrier und drängte ihn hinaus.

»Was soll ich sagen?« stammelte Carlo.

»Was Ihnen in den Kopf kommt.«

»Schön! Ich werde irgendwas sagen.«

Ein Mann in einer schmutzigen weißen Schürze schob die schwere Masse des Vorhangs um etwa anderthalb Fuß breit zur Seite, Carlo Trent trat vor, und der grelle Schein der Rampenlichter beleuchtete sein weißes Gesicht. Der Beifall vervielfältigte sich und wurde betäubend, und er wich wie vor einem Strom nach dem Vorhang zurück. Seine Lippen bewegten sich, er vergaß sich zu verbeugen und stand regungslos da.

»Komm zurück, du Dummkopf!« flüsterte Marrier.

Und Carlo Trent trat in den sichern Schutz der Kulissen zurück.

»Warum haben Sie denn nichts gesagt?«

»Ich k–k–k–onnte nicht«, stammelte der größte dramatische Dichter der Welt und begann zu weinen.

»Reden! Reden! Reden! Reden!«

»Da!« sagte Edward Henry grob. »Gehn Sie doch wenigstens aus dem Weg! Ich werd's machen! Gehn Sie aus dem Weg!« und er durchbohrte Carlo Trent mit einem Maschinengewehrfeuer zorniger und verächtlicher Blicke.

Der Mann in der weißen Schürze schob gehorsam den Vorhang wieder zur Seite, und eine Sekunde später stand Edward Henry vor einem Publikum, in dem all seine Gönner versammelt waren. Alles drängte sich in den Zwischengängen und an den Eingangstüren, mindestens die Hälfte der Leute winkten und über ein Viertel schrie. Er verbeugte sich mehrmals. Eine Ewigkeit verging. Der betäubende Lärm war noch in seinen Ohren. Aber sein Hirn schien mit vollkommener Klarheit zu arbeiten. Er erkannte, daß er sich über die »Perle des Orients« vollkommen getäuscht hatte, und daß seine Ratgeber recht gehabt hatten. Er hatte den Reiz und die Gewalt des Stücks nicht begriffen. Aber dieses Publikum, dieses großartige erlesene Publikum, das aus ganz London auf dem glänzenden Höhepunkt der Saison ausgewählt war, hatte sie begriffen.

Er hob die Hand, und als er sie erhob, bemerkte er, daß die Hand eine angezündete Zigarette hielt. Eine magische Stille kam über die erlesenen Zuhörer, denen die endlose Reihe von Automobilen draußen gehörte. In dieser Stille steckte Edward Henry seine Zigarette in den Mund und tat einen Zug.

»Meine Damen und Herren,« sagte er, seine Stimme so hoch als möglich erhebend – seine politische Tätigkeit in der Gemeinde der Fünf Städte hatte aus ihm einen erfahrenen Redner gemacht, »ich beglückwünsche Sie. Heute abend haben ... Sie Erfolg gehabt!«

Ein verworrenes und fröhliches Geschrei antwortete ihm, ein heiteres Protestieren. Und ganz deutlich hörte er einen Mann in der ersten Parkettreihe sagen: »Nun, das nenne ich ...!« und dann hell auflachen.

Er lächelte und zog sich zurück.

Marrier übernahm ihn. »Sie verdienen einen ganzen Blumenladen!« rief er starr vor Staunen, bewundernd und jubelnd.

Edward Henry hatte nicht die Absicht gehabt, sich einen Kranz zu verdienen. Er hatte nur ausgesprochen, was er dachte. Aber er begriff, daß er ein Publikum des Londoner Westens behandelt hatte, wie dieses Publikum noch nie behandelt worden war, und daß seine Keckheit gesiegt hatte. Er entschloß sich daher, den Kranz nicht abzulehnen.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, ich werd's schon machen?« sagte er.

Das Orchester spielte die Nationalhymne.

VI

Eine Stunde später, in dem Schlafzimmer mit zwei Betten im Majestic, in dem seine Frau bereits zu Bette lag, während er eine verdrückte weiße Krawatte umsichtig zusammenlegte und sein Kinn im Spiegel besah, hatte er das Gefühl, nach einem unermeßlichen Zeitraum zum erstenmal wieder auf dem harten Felsboden der Wirklichkeit zu stehen. Nellie war, obwohl er jetzt nur ihr Gesicht sehen konnte, und das nur im Spiegel – schließlich doch das Realste in seinem Dasein, und sie besaß die seltene Gabe, alles Unreale um sich her zunichte zu machen.

»Nun,« sagte er, »wie war's in der Loge?«

»Oh!« antwortete sie, »mit der Woldo kam ich ganz gut aus. Die ist von unserer Art. Aber für deine Elsie April bin ich weniger eingenommen.«

»Der verflixte Kragen!«

»Und ich kann dir noch etwas sagen,« fuhr Nellie fort, »ich beneide Herrn Rollo Wrissell nicht.«

»Was hat denn Wrissell damit zu tun?«

»Den will sie doch heiraten.«

»Elsie April will Wrissell heiraten?«

»Er ging doch den ganzen Abend in der Loge aus und ein. Es war so klar wie Kloßbrühe.«

»Was paßt dir denn an ›meiner‹ Elsie April nicht?« fragte Edward Henry.

»Sie ist für meinen Geschmack um ein Atom zu liebenswürdig«, antwortete Nellie.

Erstaunlich, mit welchem Argwohn man in den Fünf Städten Liebenswürdigkeit betrachtet, selbst Frauen, die, wenn es drauf ankommt, Engel sein können!

VII

Mehrmals in dieser kurzen Nacht blickte er schläfrig nach den unbestimmten Umrissen des anderen Bettes hinüber und sann über die merkwürdige Natur des weiblichen Gewissens nach. Seine Frau schlief wie die Unschuld selbst. So schlief sie immer. Es war, als ob sie jeden Abend sanft gestorben wäre und am nächsten Morgen frisch und strahlend ins Leben zurückkehren würde. Die hellen Stunden zwischen drei und sieben Uhr morgens schienen ihm sehr lange; aber sechs hatte er nicht schlagen gehört: das bewies immerhin, daß er in der Zwischenzeit ein wenig geschlafen hatte. Fünf Minuten nach sieben glaubte er ein leichtes Geräusch auf dem Gange zu hören, und er stand auf, ging auf den Zehen zur Tür und öffnete sie. Ja, das Majestic hatte seine guten Seiten. Er hatte angeordnet, daß man ihm die Morgenausgaben aller Tageszeitungen Londons so früh als möglich vor die Zimmertür legen sollte, und da lag auch der Stoß, noch ein wenig feucht, frisch wie vom Baum gepflücktes Obst, und roch wie nach Tinte. Er nahm die Blätter herein.

Das Herz schlug ihm, als er damit wieder ins Bett kletterte, die Kissen so richtete, daß er sitzen konnte, und das erste Blatt öffnete. Nellie hatte sich nicht gerührt.

Wieder hatte er sich über die Bedeutung getäuscht, die die mächtige Presse Londons seinem Unternehmen zuschrieb. In dem ersten Blatt, das ein sehr bedeutendes war, fand er nicht eine Zeile über die erste Vorstellung im Regenten-Theater. Dagegen war beinahe eine ganze Seite der unvermeidlichen Isabel Joy gewidmet, die sich durch die Zeitungen an den Präsidenten der Vereinigten Staaten gewendet hatte. Isabel hieß jetzt die »Weltumkreiserin«, und die Sonderberichterstatter der ganzen Welt waren um ihre teppichbelegte Zelle versammelt. Man hatte immer noch Hoffnung, daß sie London vor Ende des hundertsten Tages erreichen würde. Ein unbekannter Freund der Sache, für die sie litt, hatte versprochen, zehntausend Pfund für die Bewegung zu spenden, wenn es ihr gelang. Außerdem erhielt sie etwa sechzig Heiratsanträge per Tag. Und so weiter, und so weiter! All dies ersah er in einem Augenblick aus den bloßen Überschriften. Es war ekelhaft! Nicht minder verdrießlich war, daß in demselben Blatt anderthalb Spalten der Grundsteinlegung der ersten neutheosophischen Kirche in Dean Street, Soho, nur wenige hundert Schritt von der ursprünglichen Stelle, gewidmet waren. Er haßte die neutheosophische Kirche, wie man immer das haßt, dem man einen Schaden zugefügt hat.

Endlich fand er, was er suchte: »Regenten-Theater. Aufführung eines poetischen Dramas in Londons neuestem Schauspielhaus.« Es hatte doch einen ganz guten Platz in dem Blatt, auf einer wichtigen Seite, und mehr als eine Spalte. In seiner Aufregung hatte er es nicht gleich gefunden. Jetzt las er es. Mehr als die Hälfte war eine Erörterung des Don-Juan-Stoffes und der Bedeutung der Byronschen Haïdi – dieser Teil war offenbar schon vor der Vorstellung geschrieben. Eine Schilderung der Handlung folgte; der Artikel schloß mit einer Bemerkung über die Darsteller: »Miß Rose Euclid in der schwierigen und stellenweise schönen Rolle der Haïdi leistete alles, was ihre Bewunderer von ihr erwarten durften ... Miß Cunningham war in der kleinen Rolle der Botin ausgezeichnet in Sprechart und Haltung.« Die letzten Worte waren: »Die Aufnahme war im ganzen eine freundliche.«

»Im ganzen eine freundliche«, wahrhaftig! Edward Henry überlief es kalt. Mein Himmel, war die Aufnahme nicht eine ekstatische, eine wahnsinnig begeisterte gewesen? Ich habe doch noch nie eine derartige Aufnahme gesehen! dachte er. Das war ganz richtig, aber er war auch noch nie bei einer Premiere gewesen. Er war verletzt und empört. Durch Wochen hatten alle Zeitungen in ihrer Theaterchronik sehr freundlich von seiner Unternehmung gesprochen. Nach dem, was man dort gelesen hatte, war er ein wunderbarer Mensch und das Theater ein wunderbares Haus, das beste aller möglichen Theater, und Carlo Trent ein großer Schriftsteller, und Rose Euclid heute noch genau so wunderbar wie ein Vierteljahrhundert vorher, und die Aussichten des intellektuell-poetischen Dramas in London so günstig, daß der Erfolg sicher war. In den Spalten der Theaterchronik war die Theaterwelt vollkommen und fehlerlos. In diesen Spalten war kein Stück je durchgefallen, höchstens, daß manchmal eines mit Bedauern und gegen den Wunsch des Publikums vom Spielplan abgesetzt wurde, um ein anderes Stück an die Reihe kommen zu lassen. In jenen Spalten waren Theaterleiter, Schauspieler und noch mehr die Schauspielerinnen, und sogar die Autoren, Wohltäter des Menschengeschlechts und wurden darum mit all der Ehrerbietung, der Liebenswürdigkeit und tiefempfundenen Sympathie behandelt, die Wohltäter des Menschengeschlechts verdienen.

Der Ton, in dem die erste Vorstellung besprochen wurde, war ein anderer. Der Unterschied war unmerklich, aber es war ein Unterschied.

Die nächste Zeitung, die er öffnete, erklärte das Stück für schlecht und das Publikum für sehr nachsichtig. Carlo Trent kam übel darin weg, während die Schauspieler sehr gut besprochen waren; sie wurden als brave Leute hingestellt, die sich vor einer unangenehmen Aufgabe sahen; besonders gelobt wurden Rose Euclid und die Botin. Die dritte Zeitung nannte das Stück ein Meisterwerk und sagte, daß es in jedem Lande dafür gelten würde, außer in England. In England natürlich ...! Unglücklicherweise war dies ein Blatt, dessen politische Haltung Edward Henry tief mißbilligte. Die nächste Zeitung lobte alles und sagte, das Stück sei mit stürmischem Enthusiasmus aufgenommen worden. Edward Henry hatte ein Gefühl, als ob jemand sein Gesicht für ein geröstetes Brötchen gehalten und mit Butter bestrichen hätte. Selbst die Erklärung des Blattes, daß die Zukunft des höheren Dramas in London nunmehr unfraglich gesichert sei, befreite ihn nicht von dieser unangenehmen Vorstellung, in Butter zu greifen. Die beiden nächsten Blätter gaben Schilderungen und machten auch Bemerkungen über Edward Henrys Rede, die in eine Art Warnung ausklangen. Drei illustrierte Zeitungen brachten Photographien einzelner Szenen und Personen, aber ihre Besprechungen wollten nicht viel sagen. Die übrigen waren »nicht Fisch, nicht Fleisch«. Im ganzen hatte die Aufführung eine unverständliche, verwirrende und überraschende Presse, die einem den Appetit verderben konnte, und dennoch nicht hoffnungslos war.

Aus allem, was er gelesen, konnte er entnehmen, daß der Autor langweilig und anspruchsvoll, ein Verbrecher und ein Genie war, daß die Schauspieler und Schauspielerinnen glänzend waren und sich sehr viel Mühe gegeben hatten, wenn auch ein oder zwei von ihnen vor unmögliche Aufgaben gestellt waren, die ihrer Persönlichkeit nicht entsprachen. Er selbst war ein Napoleon, ein verwegener Mensch, ein unverständliches Individuum. Übrigens war die Zukunft des intellektuell-poetischen Dramas in London keine so wichtige Frage ... Traurig gedachte er der Schilderungen in den höchsten Superlativen, die die gleichen Zeitungen ein oder zwei Wochen vorher von seinem Theater gebracht hatten, dem einzigen Theater, in dem man von jedem Sitz die Bühne vollkommen übersehen konnte! Auf diese Tatsache allein hin hätte er eine anständige Behandlung verdient!

In diesem Augenblick wachte Nellie auf und sah die umherliegenden Zeitungen. »Nun,« fragte sie, »was sagen sie?«

»Ach!« antwortete er obenhin mit Lachen, »wie man's erwarten konnte. Du weißt ja doch, wie das Premieren-Publikum ist. Viel zu freundlich. Und unseres war das ganz besonders. Dafür hat Miß April gesorgt. Sie hatte die Azur-Gesellschaft hinter sich. Sie wollte Rose Euclid einen Erfolg verschaffen. Aber schließlich ist es ganz gut gegangen; ja, man kann sagen, daß es ganz gut gegangen ist. Ich sagte dir ja, es ist ein Glücksspiel.«

Als Nellie, während sie sich anzog, sagte, sie würde heute gerne nach Hause fahren, widersprach er nicht. Es war ihm eher recht. Nicht, daß er die ganze Zeit im Theater zu verbringen wünschte, ohne durch Frauen aus der Provinz behindert zu sein. Im Gegenteil, er fühlte nicht die geringste Lust, ins Theater zu gehen. Er lag im Bett und beobachtete gleichgültig, wie rasch Nellie sich ankleidete. Er ließ sich das Frühstück auf den Toilettentisch bringen, denn er war hier nicht im Wilkins noch im Grand Babylon. Dann half er ihr packen und begleitete sie schließlich auf den Euston-Bahnhof, wo sie ihn liebevoll und verständig küßte und mit dem Zwölf-Uhr-Fünfer-Zug abfuhr. Er war froh, daß niemand aus den Fünf Städten mit dem gleichen Zug reiste.

Als er längs des abfahrenden Zuges zurückging, waren gerade die Abendzeitungen gekommen. Er kaufte die vier wichtigsten Blätter – eins war grün, eins gelblich, eins weiß und eins rosenrot – und sah sie nicht ohne Befangenheit auf dem Bahnsteig durch. Das weiße Blatt hatte eine gute Oberschrift: »Wiedergeburt des intellektuellen Dramas in London. Was ein Mann aus der Provinz geleistet hat. Was führende Persönlichkeiten davon denken.« Zwei ganze Spalten! Aber es stand nicht viel in den zwei Spalten. Die führenden Persönlichkeiten äußerten sich sehr vorsichtig. Gleich der gesamten Presse warteten sie offenbar darauf, wohin der große Elefant, das Publikum, sich wenden würde. Wenn das riesige Tier seinen Sprung getan, dann konnten alle rufen: »Was habe ich gesagt?« Die anderen Kritiken waren farblos. Am Ende der grünen Kritik stand folgender Satz: »Nichtsdestoweniger muß man billigerweise feststellen, daß das Stück von einer dem Anschein nach begeisterten Menge freundlich aufgenommen wurde.«

»Nichtsdestoweniger!« ... »Dem Anschein nach!«

Edward Henry schlug die Theateranzeigen auf. Da stand: »Regenten-Theater. (Zwanzig Schritte vom Piccadilly-Cirkus.) ›Die Perle des Orients‹ von Carlo Trent, mit Miß Rose Euclid. Jeden Abend um halb neun; jeden Mittwoch und Sonnabend Nachmittagsvorstellungen um halb drei. Die Kasse ist geöffnet von zehn Uhr vormittags bis zehn Uhr abends. E. H. Machin, Alleineigentümer.«

Es war unwahrscheinlich! Phantastisch! War er das, Edward Henry? Seiner Mutter Sohn?

Aber da stand: »Jeden Mittwoch und Sonnabend Nachmittagsvorstellungen.« – » Jeden Mittwoch und Sonnabend.« Dieses Wort bedeutete notwendigerweise eine lange Spielzeit, eine Spielzeit von Monaten. Das Wort beruhigte ihn. Obschon er genau wußte, daß Marrier die Anzeige aufgegeben hatte, und daß er selbst sie bezahlte, beruhigte sie ihn. Er war wie ein Kind.

VIII

»Wissen Sie, daß die Cunningham es getroffen hat?« schrie Herr Marrier ihm beinahe zu, als er das Direktionszimmer im Regenten-Theater betrat.

»Cunningham? Wer ist das?« Dann erinnerte er sich. Es war das Mädchen, das die Botin spielte. Sie hatte nur drei Worte zu sprechen, immer wieder die gleichen Worte; und sie hatte eingeschlagen.

»Haben Sie die Besprechungen gesehen?« fragte Marrier.

»Ja. Was ist damit?«

»Nun ja!« sagte Marrier gedehnt. »Was kann man anderes erwarten?«

»Genau das gleiche habe ich auch gesagt!« bemerkte Edward Henry.

»So!? Wirklich!? Haben Sie das?« rief Herr Marrier, als ob diese Bestätigung seiner Ansicht sein höchstes Interesse erregt hätte.

Carlo Trent trat ein; er sagte, er sei zufällig vorübergekommen. Aber man sprach nicht weiter über die Sache.

An diesem Abend war das Haus beinahe voll, mit Ausnahme des Parterres und der Galerie, die beinahe leer waren. Der Beifall war knapp.

»Wieviel?« fragte Edward Henry den Kassierer, als dieser seine Rechnung abschloß.

»Einunddreißig Pfund zwei Schilling!«

»Hm!«

»Natürlich,« sagte Herr Marrier, »im Höhepunkt der Saison, wo es so viele andere Attraktionen gibt! Außerdem müssen die Leute sich doch an die Neuheit der Sache erst gewöhnen!«

Edward Henry erbleichte nicht. Aber er war sich bewußt, daß jeder Abend ihn die Kleinigkeit von mehr als sechzig Pfund kostete, die Kosten der Aufführung selbst und die Tantiemen des Autors nicht eingerechnet. Die Summe würde noch höher gewesen sein, wenn er nicht als Miete nur die Grundpacht, vermehrt um sechs Prozent der Baukosten, berechnet hätte.

Was ihn verdroß, war die Doppelzüngigkeit des Premierenpublikums. Bei sich selbst sagte er: Ich hatte eben recht, und ich wußte das! Diese Idioten! Diese Schafsköpfe! Ich hatte natürlich recht!

Am dritten Abend brachte das Haus siebenundzwanzig Pfund und sechs Pence.

»Natürlich,« sagte Herr Marrier, »bei dieser Hitze! Einen so heißen Juni habe ich noch nie erlebt! Die Leute gehen dorthin, wo man im Freien sitzen kann. Ich hab' heute gehört, daß die ›Weiße Stadt‹ so voll ist, daß man sich nicht rühren kann. Die Leute wissen nicht, wohin mit ihrem Geld.«

An diesem Tag zahlte Edward Henry die Gehälter aus. Halb London schien auf seine Kosten zu leben: Geschäftsführer, Regisseure, Hilfsregisseure, Requisitenpersonal, Bühnenarbeiter, Elektriker, Inspizienten, Pagen, Logenschließer, Theaterdiener, Friseure, Lohndiener, Programmverkäuferinnen, Reinmachefrauen, Schauspieler, Schauspielerinnen, Ersatzpersonal, von Rose Euclid nicht zu sprechen, die ein rein nominelles Honorar von hundert Pfund wöchentlich erhielt. Die Pächter der Büfetts schimpften, aber die mußten zum Glück ihm zahlen.

Der nächste Tag war Sonnabend. Es regnete – ein Gewitter nach dem anderen. Die Nachmittags- und die Abendvorstellung zusammen ergaben achtundsechzig Pfund.

»Ja,« sagte Marrier, »bei diesem Wetter kann man nicht erwarten, daß die Leute ausgehen! Dazu das verwünschte Weekend ...!« Erklärungen, die nicht viel an der harten Tatsache änderten, daß Edward Henry täglich über dreißig Pfund verlor; das bedeutete mehr als zehntausend Pfund im Jahr. Den Sonntag verbrachte er teils in seinem Hotel, teils in seinem Klub und sagte sich immer wieder, daß Montag eine neue Woche begann und am Montag etwas geschehen mußte.

Und es geschah auch etwas.

Carlo Trent kam zeitig in das Büro geschlendert. Es zog ihn immer wieder nach dem Theater, wie mit einer unsichtbaren, aber mächtigen elastischen Schnur. Die Zeitungen waren mehr als je voll von Isabel Joy, denn sie war von einem Gerichtshof in Chikago strafgerichtlich verurteilt worden. Aber ein großartiger Rechtsanwalt aus Sankt Louis war in Chikago erschienen, hatte die Akten des Falls geprüft und hoffte die Aufhebung des Urteils durchzusetzen. Er hatte entdeckt, daß in ein und demselben Aktenstück der Name einmal Isabel und einmal Isobel geschrieben war und, was schlimmer war, ein nachlässiger Schreiber hatte Illinois mit einem »l« geschrieben! Er war überzeugt, daß er durch den Nachweis dieser beiden schweren Formfehler die Revision erreichen konnte.

Plötzlich sah Edward Henry von der Zeitung auf. Es war ihm ein Gedanke gekommen. »Hören Sie, Trent,« bemerkte er völlig unvermittelt, »Sie sehen gar nicht gut aus. Ich brauche gleichfalls eine Luftveränderung. Ich habe Lust, Sie auf eine Seereise mitzunehmen.«

»Ich kann mir keine Seereisen gestatten«, brummte Trent.

»Aber ich!« sagte Edward Henry. »Und ich werde Sie doch nicht die Kosten tragen lassen. Ich bin durchaus kein Menschenfreund, aber ich weiß so gut wie irgend jemand, daß es im Interesse von uns Theaterdirektoren ist, wenn Sie gesund bleiben.«

»Sie wollen doch nicht etwa das Stück absetzen?« fragte Trent argwöhnisch.

»Ganz gewiß nicht!« sagte Edward Henry.

»Was für eine Seereise wollen Sie denn machen?«

»Nun, wie wär's mit dem Atlantischen Ozean? Waren Sie schon in New York? ... Ich auch nicht! Fahren wir hin. Einfach, um die Fahrt zu machen. Es wird uns gut tun.«

»Sie meinen das doch nicht ernst?« murmelte der größte dramatische Dichter, der noch nie weiter gekommen war als bis nach der Insel Wight. Sein Monokel schaukelte hin und her.

Edward Henry tat, als wäre er beleidigt. »Natürlich meine ich es ernst. Halten Sie mich für einen Schwätzer und Windbeutel?« Er stand auf. »Marrier!« rief er, und noch lauter: »Marrier!« Herr Marrier trat ein. »Wissen Sie etwas über die Abfahrten nach New York?«

»Doch!« sagte Herr Marrier strahlend. Er war wirklich unbezahlbar.

»Wer weiß, vielleicht bringen wir eine Aufführung in New York zustande«, sagte Edward Henry geheimnisvoll zu Carlo.

Herr Marrier sah erst den einen und dann den anderen an, ohne zu begreifen.

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