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Theater

Hermann Bahr: Theater - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleTheater
publisherS. Fischer
addressBerlin
firstpub1897
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060427
projectid3bd51929
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Neuntes Kapitel

In diesem Schwarm lebten wir dahin. Wir waren jetzt immer zusammen, aber wir waren selten allein. In die Salesianergasse kamen wir fast gar nicht mehr. Ein paarmal gingen wir noch hin, aber wir fühlten, daß es doch nicht mehr dasselbe war. Ich liebte sie noch immer, ja ich liebte sie eigentlich immer mehr; mein Gefühl war schwerer, heftiger und ich möchte sagen: schmerzlicher geworden. Aber es gab jetzt oft Streit und Zank. Es mag meine Schuld gewesen sein. Ich war in dieser Zeit sehr nervös. Das Gerede der Leute, Gedanken an meine Frau, die es ja doch früher oder später erfahren würde, und mein unbehagliches Verhältnis zu der ordinären Alten, die ich gar nicht mehr vertrug, dann auch die Sorge um mein neues Stück, das zum Februar fertig sein sollte, endlich die ganze Hast und Ungeduld unserer Existenz, immer Gäste, immer bis vier Uhr früh, heute die tumultuarisch zechende Olga, morgen Merz mit seinem Kreischen eines Papageis und seinen Verrenkungen eines Affen, dann wieder Frenkel, der oft gleich zehn, zwölf Personen zu uns mitnahm – das alles ging mir auf die Nerven. Man konnte in diesem Hause nirgends ruhig sitzen. Ich war doch an eine gewisse Ordnung gewöhnt. Ich pflegte mir Sonntag einen Plan für die ganze Woche zu machen: an diesem Tage wird gearbeitet, an jenem gehe ich aus, so teilte ich mir alles ein. Das war nun bei Mascha nicht möglich. Man wußte nie, was in der nächsten Stunde geschah. Erwarteten wir Gäste, so schrieb sie ihnen im letzten Moment ab. Wollten wir allein sein, so war das ganze Haus voll. Diese Hast und Ungewißheit unseres liederlichen Lebens konnte ich nicht leiden. Ich wurde heftig, ich machte Szenen oder ich saß ungemütlich und verdrossen da, mit einem bösen Gesicht, ohne ein Wort zu reden. Das Schlimmste war, daß sie mich gar nicht anhörte, wenn ich sie ermahnte. Es wäre ihr doch so leicht gewesen, sich zu bessern. Der Kern ihrer Natur war gut. Es gab Stunden, wo ich mir sagte, daß ich niemals ein edleres und reineres Wesen gekannt. Aber dann kamen wieder Momente – die Mutter war eben an allem schuld. Sie hätte nur ihre Erziehung vergessen müssen, und das konnte doch nicht so schwer sein. Ich gab mir große Mühe, ließ nicht ab und redete ihr zu. Aber sie hörte mich kaum an, spielte mit ihren Puppen, baute mit ihren Steinen und nahm mich dann beim Kopf und lachte: »O, du bist ein schrecklicher Pedant, aber ich hab' dich lieb!« Was sollte ich da noch sagen? Ich hätte sie nehmen sollen und mit ihr fliehen, weit weg, in irgendeinen fernen, stillen Winkel, am Ende der Welt, wo uns niemand kannte, da hätte sie vergessen und zu sich kommen können. Davon haben wir oft geträumt, oft haben wir es uns geschworen. Aber mir fehlte eben doch die Kraft, ich überlegte zu viel, ich rechnete, so verschoben wir es, wir wollten erst mein zweites Stück abwarten. Das ist, jetzt sehe ich es deutlich ein, das ist meine Schuld gewesen, die ich jetzt büßen muß.

So kamen wir an das Ende des Jahres. Zu Weihnachten gastierte sie in der Provinz, dann sind wir zwei Tage in Maria- Zell gewesen. Diese Reife im Schnee, der liebe Ort, der Zauber der pompösen und doch so rührenden Kirche – mir sind die beiden Tage unvergeßlich. Es war wieder wie damals in der Salesianergasse, so zum Weinen schön. Wenn sie immer so gewesen wäre, dieses reine, innig dem Moment ergebene Kind, einem Gedichte gleich! Alle irdische Schwere schien von ihr gestreift, und ich ängstigte mich oft, als ob sie mir gleich entschweben könnte. Leider hatten wir nur zwei Tage. Dann mußten wir in die Stadt zurück. Daß wir damals nicht so stark gewesen sind, uns aller anderen Pflichten zu entschlagen, nur an uns zu denken und in irgendeinem Bauernhaus zu bleiben! Oft haben wir davon gesprochen, mit Leidenschaft nahm sie den Wunsch auf, daß wir uns irgendwo vergraben sollten, und malte es sich aus: ein winziges Haus, mit Efeu und wildem Wein, ganz einfach, nur viele, viele Hühner und Tauben, weiße und ein paar graue, die so gurren, und große böse Hunde, die jeden Fremden beißen, und sie würde selber wirtschaften, mit einer steifen, rauschenden Schürze und einem Häubchen – gleich fing sie an, eine Tracht zu erfinden, nach dem Muster der dortigen Bäuerinnen, das sie nur mit Laune ein bißchen veränderte; es müßte herrlich sein, das ganze Leben eine Bäuerin zu spielen, auf ganz neue Nuancen würde sie mit der Zeit kommen. Wären wir damals mutig gewesen!

Zu Silvester gab Mascha ein großes Fest. Ich wäre lieber mit ihr allein gewesen, aber sie ließ es sich nicht ausreden. Silvester, sagte sie, muß man in der Familie sein, sonst hat man das ganze Jahr kein Glück. Ich glaube, die Alte steckte dahinter. Die Alte wollte überhaupt, daß Mascha ein großes Haus machen sollte, schon wegen der Journalisten. Sie warf ihr vor, sich viel zu wenig um die Presse zu kümmern. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das Kind vor jeder neuen Rolle in alle Redaktionen laufen und sich für jede Rezension persönlich bedanken müssen. Sie hatte einen ungeheuren Respekt vor der Presse. So geizig sie sonst war, den Journalisten, die zu uns kamen, ließ sie es an nichts fehlen. Da gab es Kognak und die besten Zigarren, und besonders glaubte sie sich einzuschmeicheln, wenn sie sie als Manicure bediente, die amerikanische Tasche mit den Feilen und Tinkturen holte und nun begann, dem Reporter die Nägel zu machen. Man muß mit diesen Leuten nett sein, pflegte sie zu sagen; das ist für das Fortkommen mehr wert, als die schönste Rolle und das größte Talent, man hat Beispiele, die Herren sind schließlich auch Menschen! Und so sei es unerläßlich, die Journalisten zu Silvester zu fetieren.

Ich gab endlich nach. Ich wollte nicht das ganze Jahr bei jedem Mißgeschick die Vorwürfe hören. Es sollte ein großes Fest werden, das letzte in dieser Wohnung, die sie im Januar verlassen wollte, um nach dem Opernring zu ziehen. Alles wurde umgeräumt und ausgeschmückt, aufs prächtigste und teuerste. An diesem Tage gab ja jede Schauspielerin ein Fest und keine wollte sich von einer Kollegin beschämen lassen. Ein Hietzinger Gärtner, der Lieferant des Theaters, bediente die Damen, und jede horchte ihn aus, was die anderen vorhatten; er mußte genau beschreiben, wie das Arrangement gedacht und wer eingeladen war. Das war schließlich das Wichtigste. Es kam darauf an, die schönsten Gäste zu haben. Am Tage, das wußte man, sind die großen Herren auch bei kleinen Statistinnen zu treffen, wenn sie nur hübsch und ein bißchen gefällig sind. Aber zu großen Festen, wo es alle Welt erfuhr und sie gefaßt sein mußten, daß es sogar in die Zeitung kam, ließen sie sich lange bitten. Da war es nicht so leicht, mit einem Fürsten zu prunken, mit einem wirklichen Fürsten. Man irrt nämlich, wenn man meint, daß die Schauspielerinnen nach ihren Erfolgen gelten. Sie schätzen sich nach ihren Gästen ab. Solange es eine nicht dahin gebracht hat, das goldene Vließ bei sich zu sehen, weiß sie ganz genau, daß sie eigentlich doch noch nichts ist; darüber kann sie aller Jubel der Galerien nicht trösten. Ich mußte also den ganzen Tag Einladungen an allerhand uninteressante und zuwidere Menschen verfassen. Es war ja niemand im Hause, der verläßlich orthographisch schreiben konnte, der Vater redete sich aufs Italienische, die Mutter aufs Böhmische aus, und Mascha war nicht imstande, zwei Sätze zu stilisieren. So saß ich denn und schrieb an Journalisten, Minister und Grafen, und sie malte dann ihre wunderlichen unbeholfenen Schnörkel hin. Eingeladen waren: der Erzherzog Peter, der auch zugesagt hatte, aber erst nach dem Diner kommen wollte, Frenkel, der auch den Hofrat Lederer mit der Frau mitbringen wollte, seinen »Adjutanten«, wie er ihn nannte, der Direktor, der jedoch auch diesen Abend bis nach elf zu arbeiten hatte und nicht vor Mitternacht erwartet wurde, der Doktor von Legg und die anderen jungen Leute aus dem Ministerium, ein paar Offiziere, ungarische Husaren und von der Garde, lauter Grafen und Barone, der Clan von kleinen Journalisten, den ich ihre offiziöse Presse zu nennen pflegte, und der große Kritiker Spitzer, dem sie eigentlich ihren Ruhm verdankte, die alte Dagmar, die einmal eine berühmte Heroine gewesen sein soll, und noch ein paar Weiber, die ich weiter nicht kannte, kleine Kolleginnen von Mascha, natürlich auch die Olga mit dem jungen Baron Jantsch, und Merz, Otto und Tenzer. Das Diner war vom Sacher, die Musik hatte sich Herr von Legg angeboten zu besorgen.

Ich kam nicht in der besten Stimmung hin. Das Arrangement war furchtbar feierlich. Man glaubte eher zu einem Bankett für einen verstorbenen Diplomaten zu kommen. Vier Diener, ganz schwarz, in Eskarpins und Strümpfen, wie Leichenbitter anzusehen, servierten. Der Chef, der sie anleitete, war ein ungemein distingierter, älterer Herr, der ganz gut einen englischen Staatsmann hätte vorstellen können. Die Alte trug ein schweres schwarzes Kleid, ein großes Kreuz um den Hals, die grauen Haare in der Mitte gescheitelt und über die Schläfen gelegt, eine Ehrfurcht gebietende Matrone. Der Vater war noch etwas mehr Marquis als gewöhnlich und hatte ein merkwürdig gelbes Bändchen im Frack. Mascha hörte ich nebenan mit der Zofe schreien, aufgeregt wie vor einer Premiere. Nichts paßte ihr, sie fand, daß sie schlecht aussah, bekam Krämpfe, zog ein neues Kleid an, warf es wieder weg und ließ sich anders frisieren, wollte den Schmuck anders haben, fühlte sich krank, wollte im letzten Moment absagen, fand das ganze Arrangement abscheulich, verwünschte ihre Mutter und war natürlich, als die ersten Gäste kamen, obwohl sie seit drei Uhr bei ihrer Toilette saß, noch immer nicht fertig. Die Eltern empfingen die Gäste: die Alte mit einer süßlichen und gezierten Würde, geflissentlich laut und lebhaft sprechend, damit man nicht hören sollte, wie Mascha nebenan mit dem Mädchen schrie, der Vater mit seiner nonchalanten Vertraulichkeit, die jeden gleich am Arme nahm und auf die Schulter klopfte. Ich ging nervös im Zimmer herum, gezwungen lächelnd, mit dem Gefühl, eine sehr alberne Rolle zu spielen, beschämt und ärgerlich, daß ich mich dazu hergab und nicht lieber weggeblieben war. Ich hätte mich fortschleichen und irgendwo in der Vorstadt allein, in ein Wirtshaus setzen mögen. Aber das konnte ich doch nicht.

Merz war der erste Gast. Er sah zum Schreien aus. Wie er schon immer eine Rolle spielen und einen Spaß inszenieren muß, so nahm er damals die Haltung und den Ton eines armen, alten, halbverhungerten Komödianten an, eines »Schmieranten«, wie die Schauspieler sagen. »Die berühmte Künstlerin ist so gnädig gewesen, mir zu erlauben – mein Name ist Merz,« sagte er gleich beim Eintritt stotternd zum Chef der Bedienung und verneigte sich tief vor ihm. »Bitte, haben Sie vielleicht ein Tuch, damit ich einpacken könnt', wenn vielleicht etwas übrig bleibt?« Die Alte nannte er »Euer Gnaden« und dem Vater küßte er die Hand. Er sah grotesk aus. Um einen enormen Kragen hatte er eine breite Binde aus schwarzer Seide gewunden, beinahe, wie sich Studenten bandagieren, so enge und steif, daß es ihm schwer wurde, sich zu drehen. Da ragte nun der spitze, wüste Schädel mit der ungeheuren Nase empor. Dazu der elende Frack, die viel zu weiten weißen Handschuhe und die heisere, dumpfe, klägliche Stimme, diese unvergeßliche Stimme alter Komödianten – es war eine unwiderstehliche Charge, aber ich konnte doch nicht lachen, ich ärgerte mich. Ich ärgerte mich auch, daß Mascha noch immer nicht fertig war. Auf sieben Uhr hatten wir die Gäste gebeten, nun war es acht, alle warteten schon. Die Alte lief in die Küche, um den Koch zu beschwichtigen. Lauschend konnte ich bald in der Küche draußen, bald in ihrem Zimmer nebenan Lärm und Disput vernehmen. Wir standen so herum. Ich sprach mit den jungen Leuten aus dem Ministerium, die, sehr korrekt, wie eben aus einer Schachtel gezogen, sich in ihrer stillen, höflichen und offiziellen Weise über den neuesten Klatsch unterhielten. Der alte Bastante ging mit Frenkel auf und ab. Spitzer, der große Kritiker, saß in einer Ecke, sah bedächtig vor sich hin und trank Kognak. Der Chef der Bedienung lehnte an der Kredenz, zog ein süffisantes Gesicht und nahm ein paarmal seine schwere goldene Uhr heraus, öffnete den Deckel, betrachtete sie erstaunt, hielt sie an das Ohr, schüttelte den Kopf und klappte sie zu. Sogar Olga war schon da, die doch immer zu spät kam, sehr feierlich in einem schwarzen Kleid, Frau von Schnoferl nannte sie Merz, weil sie so zimperlich tat. Sie sprach kaum, lächelte gnädig und, was man auch sagte, sie antwortete immer beleidigt. »Aber, Herr Doktor!« Sie hielt es nämlich immer für eine Zote.

Endlich kam Mascha. Sie hatte seit vier Uhr ihre sämtlichen Toiletten probiert und zuletzt den weißen Schlafrock genommen, den sie zu Hause immer trug. Mir gefiel sie ja so am besten, aber ich ärgerte mich doch. Es schien mir nicht schicklich, so bequem zu kommen, ohne Mieder, während wir alle im Frack waren. Aber wir atmeten auf, daß wir uns endlich zum Essen setzen konnten. Erst mußten wir freilich noch die Begrüßung mit Olga bestehen, sie küßten sich ab und waren sehr gerührt. Endlich kam doch die Suppe.

Mascha saß in der Mitte der Tafel, zwischen Frenkel und Spitzer, gegenüber war Olga mit dem jungen Jantsch, die Alte präsidierte oben, der Vater unten mit einer Batterie von Flaschen, Weine und Schnäpse, die er mischte, darin war er Spezialist. Zu ihm hatte sich Merz gesetzt, daneben die Dragoner, wir begannen bald ein wildes Zechen. Ich wollte mich betäuben; auch wußte ich, daß sich Mascha ärgern würde, wenn wir uns laut und zynisch betrugen, und ich hatte das Bedürfnis, sie zu ärgern. Olga wurde es schwer, den noblen Ton von oben zu bewahren, während sie doch lieber mit uns getobt hätte. Sie blinzelte immer zu uns, aber sie traute sich nicht, sie hatte Angst vor Frenkel. Der »Schweinehirt« war sehr feierlich, er trug seine sämtlichen Orden, hatte die Weste offen, um besser zu verschnaufen, und sprach mit dem Baron Lederer von Politik. Er schleppte den Baron jetzt immer mit sich. Er hatte ihn, der Hofrat im Handelsministerium war, aus einer schlimmen Situation gerettet. Die Lederer sind eine alte Familie von Bureaukraten, seit Maria Theresia immer im Dienste des Staates, beim Wiener Kongreß geadelt, also mit dem ganzen Dünkel dieser kaiserlich-königlichen Lakaien, wie Frenkel die Beamten nannte. Er hatte ein Cousine geheiratet, ein unschönes und verkümmertes Fräulein, sehr dumm, sehr spitz, anämisch, mit einer ungeheuren Nase und schmalen, dünnen, leeren Lippen, aber auch sehr stolz, zur regierenden Kaste zu gehören. Sie hatten nichts zu essen, aber sie hätten doch mit keinem Millionär getauscht. Nun war der Hofrat der letzten Ausstellung im Prater als Kommissär der Regierung beigegeben worden. Er nahm die Sache sehr genau und brachte den ganzen Tag und die halbe Nacht in der Rotunde zu, der Aufwand warf sein kleines Budget um. Die Geschäfte, die er in seiner Stellung machen konnte, verschmähte er, so kam er in die Hände von Wucherern. Da befreite ihn Frenkel. Lederer hatte allerhand Bedenken und zögerte. Aber Frenkel wollte ihn wirklich nicht bestechen. Er verlangte nichts, als daß sich der Baron und die Baronin mit ihm zeigen sollten. Sie mußten mit ihm zu den Rennen fahren, in seiner Loge sitzen, bei Meißl mit ihm soupieren, zu seinen Festen kommen, das war ihm die paar tausend Gulden wert. Man sollte sehen, daß auch diese »arrogante Gesellschaft« mit dem »Schweinehirten« verkehrte, und er zwang sie, sich mit Leuten zu befreunden, die sie lieber gar nicht gegrüßt hätten. Das amüsierte ihn. Die Baronin war ja dabei wirklich manchmal sehr komisch, als hätte sie Essig trinken müssen. Ihr waren diese Menschen entsetzlich; sie beleidigten sie durch jedes Wort, jede Gebärde. Was sie sagten und wie sie es sagten, was sie taten und wie sie es taten, es war doch niemals, wie »es sich gehört«. Sie hatte immer unter Leuten gelebt, die sich in jeder Situation nach einer unabänderlichen Regel betrugen. In ihrer Welt gab es genaue Bestimmungen, was man in diesem oder jenem Falle zu reden, wie man sich dabei zu halten, ob man zu sitzen oder zu stehen, wie lange man zu bleiben, wann man zu gehen habe. Aber hier tat jeder, was ihm gefiel. Sie kam sich wie unter Wilden vor. Sie machte ihrem Manne schreckliche Szenen. Bei aller Redlichkeit hätte sie es lieber gesehen, wenn er für jene Summe sein Amt verraten hätte, als daß er gleich ihre ganze Existenz an diesen Juden verkaufte. Frenkel wußte das und das war gerade sein Vergnügen. Sie mußte immer mit, und je mehr sie sich ärgerte, desto größer war sein Spaß.

Die Hofrätin saß zwischen dem jungen Jantsch, der in seiner verträumten und stillen Weise nichts sprach, und einer großen, sehr pompösen Puppe, die wie eine Infantin des Valesquez gekleidet war. Mascha hatte es sich nicht ausreden lassen, daß wenigstens zwei ihrer Puppen, die Isabella, wie sie die Infantin nannte, und die Mischi, ein zerzaustes, struppiges Geschöpf, das gerade jetzt in der Gnade war, mit uns dinierten. Zwischen die zwei Puppen hatte man Spitzer gesetzt, der ja nervös wird, wenn er beim Essen reden soll. Er will in dieser wichtigen Funktion durch nichts gestört sein. Enorm essend, enorm trinkend, ein berühmter Kenner der Küche und ein Zecher, dem niemand gewachsen ist, sitzt er am liebsten allein und fürchtet jedes Gespräch. Der verhaßte Spötter ist nämlich scheu und verlegen im Wesen, und so geschmeidig er schreiben kann, ein wahrer Jongleur mit Worten und Akrobat der Sprache, so schwer wird es ihm, zu sprechen. Er stottert dann, weiß sich nicht zu helfen, das dicke Gesicht wird rot, er keucht und schnauft wie eine Lokomotive und hat große Angst. Er kann nicht widersprechen, er gibt jedem recht. Mit der Feder ein Riese, ist er ein lallendes Kind, wenn er sprechen soll. Er weiß das sehr gut und hütet sich, mit Schauspielern zu verkehren. Wer nämlich je mit ihm gesprochen und ihn gebeten hat, ist vor ihm sicher. Er bringt es nicht mehr über sich, ihn zu tadeln. Mascha hatte er gleich schwärmerisch gelobt, ohne sie zu kennen, noch in den ersten kleinen Rollen. In seinem Feuilleton über das »Kind« wurde sie das »Glück« des Stadttheaters, eine »neue Sonne der deutschen Schaubühne« genannt. Doch gab die Alte nicht nach, bis er sich bewegen ließ, zu Mascha ins Haus zu kommen; der Erzherzog Peter mußte das vermitteln. Sicher ist sicher, sagte sie. Man kannte ja seine Launen. Er war unberechenbar; er setzte heute einen König ein und morgen ab. Was er vor vierzehn Tagen geschrieben hatte, genierte ihn gar nicht, gelassen hob er es nach vierzehn Tagen auf. Mit einer prachtvollen Unschuld gab er sich der momentanen Stimmung hin. Was er eben fühlte, war ihm wahr. Wenn er es nicht mehr fühlte, wurde es falsch. Es genierte ihn gar nicht, einen Liebling von gestern heute zu schmähen. Es genierte ihn gar nicht, den »Stümper« von gestern heute den »größten deutschen Schauspieler« zu nennen. Er war launisch wie ein Sultan. Nur wer ihn kannte und mit ihm verkehrte, konnte vor ihm sicher sein. Es wäre ihm zu peinlich gewesen, einen guten Freund lamentieren zu hören. Mochten ihn die Leute ungerecht und bestechlich nennen! Er wollte Ruhe haben. Wo es ging, vermied er es ja, einen Schauspieler kennen zu lernen. In die Redaktion kam er nie, daheim ließ er sich verleugnen. War es nun aber doch einmal geschehen, so lobte er ihn unermüdlich: denn Klagen und Beschwerden und Bitten konnte er nicht leiden, überhaupt nur kein ernstes Gespräch außer über kulinarische Fragen. Da konnte er sich ereifern, da wurde er lebendig; über Suppen, Saucen und Bowlen sprach er gern und mit Leidenschaft. Sonst saß er lieber stumm, ließ die anderen reden und träumte zechend vor sich hin. Ich habe damals den ganzen Abend kein Wort von ihm gehört; er regte sich nicht, aß und trank mächtig, schnaufte dabei in seiner asthmatischen Weise, und wenn er trank, hielt er das Glas immer zuerst der kleinen Puppe vor die Nase hin, der Mischi, sagte schmunzelnd Prost zu ihr und wackelte vor Vergnügen über den Witz, der ihm sehr zu behagen schien.

Neben der Mischi saß die alte Dagmar. Es heißt, daß sie einst sehr berühmt war. Das muß damals gewesen sein, als die Heroinen noch nach dem Gewicht geschätzt wurden. Damals kam sie an die Burg und hieß die Wiener Klara Ziegler. Aber sie hielt es nicht lange aus, der Ruhm genügte ihr nicht, sie wollte Geld, ging fort und fing mit einer eigenen Truppe zu reisen an. Zwanzig Jahre ist sie unstet durch ganz Europa gezogen. Sie spielte das massive tragische Fach, Medea, Deborah, die Orsina, aber am liebsten männliche Rollen, den Uriel Acosta, den Hamlet und den Demetrius. Immer reisend, in Triumphen, die immer dieselben blieben, nur daß ihre Orte immer kleiner wurden, merkte sie nicht, daß sie nach und nach alterte und einer monotonen und leeren Manier verfiel. Plötzlich wollte man selbst in der Provinz nichts mehr von ihr wissen. Sie war plötzlich lächerlich geworden. Man fand, daß ihre Stimme schepperte, und verhöhnte ihre großen Posen. Lange wehrte sie sich, sie wollte immer noch der berühmte Gast sein, aber es gab bald kein Dorf, keine Schmiere mehr für sie. Und so frech sie einst im Glück gewesen, so unwürdig trug sie jetzt ihre Not. Sie wurde der Schrecken aller Agenten und Direktoren. Wie die Sorge selbst saß sie jetzt in den Kanzleien herum, alt, siech und elend, aber immer noch mit den großen, gezogenen Tönen. Eine Zeit war sie Souffleuse, aber sie fing bei leidenschaftlichen Stellen plötzlich in ihrem Kasten so heftig zu gestikulieren an, daß man sie entließ. Sie wollte dann Friseurin werden, aber es ging mit ihren alten zittrichten Händen nicht mehr. Nun schmarotzte sie herum und bettelte sich durch. Aus »Hetz« wurde sie eingeladen. Der größte Spaß war dann, wenn die alte Person mit ihrer knarrenden Stimme den Monolog aus der Jungfrau sprach. Ich mochte diese Witze mit dem ausgehungerten Geschöpf nicht leiden. Aber Mascha ließ es sich nicht nehmen. Einmal hatte sie ein merkwürdiges Wort gesprochen: »Mir kommt sie wie der Bettler im Verschwender vor, im letzten Akt wird man uns nicht mehr unterscheiden können.«

Sie saß neben der Mutter, gegenüber war Otto. Er kam nur, weil er wußte, daß der Erzherzog zugesagt hatte. Er wollte jetzt vom Stadttheater weg an die Burg und suchte einen Protektor. Aber man sah ihm an, wie er litt. Er war Feste nicht gewohnt. Essen durfte er nicht, aus Angst, dick zu werden, er trank auch nicht. Reden war nicht seine Sache, weil er auch im Leben immer jene düsteren, wilden, heroischen Töne hatte, die in der Konversation nicht möglich sind. Dabei bildete er sich immer ein, daß es ziehen könnte, und spähte besorgt, ob nicht doch ein Fenster offen war. Nun nahm auf seiner sehr expressiven Miene jeder Zug gleiche Größe und Leidenschaft an, und während es ihm nur ein bißchen unbehaglich und unbequem war, sah er wie eine Statue des Entsetzens aus.

Ich muß nun auch von mir sprechen. Es ist nicht leicht, meine seltsame Laune zu schildern. Ich war von Anfang an unwillig, ich ärgerte mich über das ganze Fest, in dieser schlechten Stimmung war ich schon gekommen. Dann hatte ich mich über Mascha geärgert, weil sie nicht fertig wurde; und ich ärgerte mich über jeden Gast. Ich schämte mich auch; gern hätte ich einen Krawall angefangen, weil ich das Gefühl hatte, lächerlich zu sein. Aber ich wollte mir nichts merken lassen, ich zwang mich, lustig zu tun, ich trank dem Alten lärmend zu und schlug einen gewaltsam burschikosen Ton an, der Mascha kränken sollte. Ich trank viel, und Sie erinnern sich, ihr habt mich schon in Berlin ausgelacht, daß ich nichts vertragen kann. Es war aber seltsam, ich wurde nicht betrunken. Ich hatte nicht jene angenehme Dämmerung der Gefühle, nein, es kam mir vor, immer wacher zu werden. Nie waren meine Sinne so flink und scharf gewesen. Unangenehm nahe, ja, wie unter einer Lupe sah ich alle Personen, alle Dinge, und sie schienen doch so fremd, beinahe phantastisch zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie die Zeichnungen von Valloton kennen. Dieser exzentrische Künstler stellt einen Kopf mit ein paar Strichen dar, indem er nur eine Linie gibt, die ihm das Wesentliche scheint, und sich alle Fülle, die weichen Teile, erspart. So genau habe ich damals die Leute gesehen: von jedem Gesicht nur einen Zug, an jedem Körper nur eine Gebärde, aber diese so heftig und grotesk, ich hätte Karikaturen auf den Tisch hinmalen mögen. Dabei fiel mir ein, was ich von jedem wußte; ich sah gleichsam seine Biographie neben jedem Gast geschrieben, in ein paar Worten, kurz und definitiv wie eine Note der Polizei. Es war schon eine Art von Rausch, aber mehr, wie man die Wirkungen des Kokain oder des Äthers schildert: mit intensiven Äußerungen der Sinne und das Wahrnehmen bis zum Hellsehen gesteigert. Ja, Hellsehen, das ist das Wort. So muß das Hellsehen sein.

Während wir unten zechten und renommierten, mehr wie bei einem Gelage als einem Diner, war man oben ungemein »nobel«. Merz behauptete, es müßten sogar die Speisen kachiert sein; so feine Gebärden seien nur beim Markieren möglich. Man hörte kaum ein lautes Wort. Alle lauschten auf Frenkel, der in seiner derben und massiven Art über die politische Krise sprach. »Ja, mein lieber Lederer, da steht's ihr nun wieder am Berg! Es ist immer dieselbe Geschichte. Sechs Monate wurstelt sich so ein neuer Minister durch, länger reicht der Verstand nicht. Es ist ja auch kein Wunder! Die Kerle wissen nichts, kennen das Leben nicht und haben keine Ahnung, wie die Menschen sind, wie man sie nehmen muß, was sie eigentlich wollen. Ich hab' bei meinen Schweinen mehr gelernt als ihr auf euren Universitäten. Wer so ein Vieh zu behandeln weiß, wird auch mit den Menschen fertig. Aber ihr könnt gar nichts! Diese ganz berühmte moderne Erziehung verdummt den Menschen bloß. Da heißt's immer: Bildung, Bildung, Bildung! Der reine Pflanz! Kann man Bildung essen? Kann man in der Bildung wohnen? Kann man mit der Bildung einheizen? Es muß etwas für die Bildung des Volkes geschehen! Na, das wird schön werden! Schließlich werden die Schuster so dumm sein, wie es die Minister schon sind. Mit der ganzen Bildung ist das ein Schwindel! Ich kann nicht einmal orthographisch schreiben, aber ich verstehe mich auf die Menschen, und darum seid ihr alle nichts, und alle müssen tanzen, wie ich pfeife, vom Minister bis zum Portier!«

Mascha hatte keine Ahnung, was er eigentlich meinte, aber sie nahm eine Miene an, als ob sie es verstehen, sich sehr interessieren und ihm zustimmen würde, nickte von Zeit zu Zeit und lächelte fein. Olga ließ sich nicht spotten und tat mit. Sie schienen beide zu den Worten Frenkels zu statieren, so mechanisch und gelernt war ihr eifriges Nicken und Lächeln. Die Hofrätin machte ihr saueres Gesicht und lispelte: »Paradox, aber wahr, wie wahr!« Die falsche Ziegler, die immer schon lauerte, mit Frenkel ins Gespräch zu kommen, erlaubte sich jetzt zu bemerken, daß es beim Theater nichts anderes ist, die Leute können heute nichts mehr; Gott, wenn man sich erinnert, wenn man noch die Großen gesehen hat! Die Mutter mußte ihr erst durch einen Tritt unterm Tisch zu verstehen geben, daß das ja gar nicht paßte. Die jungen Leute aus dem Ministerium freuten sich über den stillen Verdruß des Hofrats, und der Herr Doktor von Legg sagte bedeutsam: »Man darf aber doch auch nicht vergessen, daß schließlich alles seine zwei Seiten hat«. So ging es fort: immer zuerst ein rüdes Wort von Frenkel und dann die leeren und nichtigen Glossen der anderen, die sich vor seinem Geiste wandten. Sogar der stumme Otto wurde lebendig und schien sich aus seiner Verwunschenheit zu regen, indem er mit seiner dunklen tragischen Stimme manchmal rief: »Jawohl, das ist es, jawohl! So wahr mir Gott helfe, so ist es!« Nur der dicke Spitzer kümmerte sich nicht und ließ sich im Schmausen und Zechen nicht stören, ohne ein Wort, nur manchmal mit seinen großen, wasserblauen Augen verwundert über die Tafel sehend.

Wir lärmten unten. Merz reizte den Alten, immer phantastischer zu prahlen, wir fingen schon an, gewisse Anekdoten zu erzählen. Ich hatte eine dumme Wut auf den »noblen Ton«. Das Ganze kam mir wie eine unglaubliche Farce vor; ich wollte es gar nicht glauben, daß vernünftige Menschen da mittun konnten. Am liebsten wäre ich auf den Tisch gesprungen und hätte furchtbar gelacht, mitten in ihre gespreizten und gezierten Gespräche hinein. Wissen Sie, wenn kleine Frauen in der Provinz heucheln, das geht noch, aber wenn bei einer Schauspielerin posiert wird, das ist einem doch zuviel. Komödianten, sollte man meinen, hätten es doch nicht nötig, Komödie zu spielen.

Wir mögen wohl an die drei Stunden beim Essen gesessen sein. Alle atmeten auf, als es endlich aus war. Nun konnte man doch endlich ein bißchen verschnaufen. Die Herren zündeten sich die Zigarren an, Mascha ging zum Klavier und begann zu phantasieren, erst in leisen, strengen Akkorden, dann heiteren Weisen nacheilend; Olga trat zu ihr, eine Zigarette schief im Mund, sehr erhitzt, nach der Melodie die Hüften schaukelnd; die Hofrätin saß sehr steif auf dem Kanapee, fächelte sich und ließ ihre schnellen, boshaften Blicke durch die Lorgnette schießen; der arme Hofrat hatte sich in einen Winkel gesetzt und schlummerte ein wenig, sich immer wieder gewaltsam ermannend, ängstlich, ob es Frenkel nicht bemerken würde. Dieser zog den Rock aus, weil er schwitzte, paffte eine enorme Zigarre, ohne viel zu reden, nur zuweilen eine von den Damen in seiner ausgiebigen Weise auf die Hüften klopfend. Die alte Tragödin war immer hinter ihm, sie wollte ihm um jeden Preis den Monolog der Jungfrau versetzen, aber er behauptete, er ziehe den Schattentanz aus der Grille vor, und redete ihr so lange zu, bis es die Närrin richtig versuchte und, die Kleider aufraffend, wild zu hopsen begann, indem sie dabei verzückt auf Frenkel grinste. Das war das Signal zu einer ungestümen und wüsten Quadrille. Der Doktor von Legg spielte auf, alle fingen zu springen an, Olga hatte sich ein Negligé von Mascha angezogen und ließ nun ihre Künste im Cancanieren los, von Merz gereizt, der sich mit seinen langen, dünnen Beinen unter teuflischen Grimassen in die Luft und auf den Boden warf, während Frenkel in die Hände klatschte und, indem er es zeigte, immer schrie: Höher, noch höher, so hoch, schämtß´s Euch, Kinder, höher, höher!

Da trat plötzlich der Erzherzog ein. Die Alte schrie auf, der Doktor hörte zu spielen auf, Olga rannte weg, um sich zu verstecken. Mascha empfing ihn, knirte feierlich und geleitete ihn dann durch die Zimmer. Man sah es dem Erzherzog an, wie peinlich es ihm war, die Unterhaltung zu stören. Er bat, sich doch nicht zu derangieren, und gab mit der Hand ein Zeichen, daß wir uns doch nicht um ihn kümmern sollten, mit einer Gebärde, wie sich Generale zuweilen die Ehrenbezeugungen der Truppen verbieten. Wir hatten uns indessen gerichtet, Frenkel zog den Frack wieder an und wir formten eine Gasse. Durch diese ging er zum Klavier hin, leicht grüßend, mechanisch lächelnd, in seiner Weise in die Ferne schauend, ohne jemals jemandem ins Gesicht zu sehen. Am Klavier setzte er sich an den zweiten Sessel und nötigte den Doktor von Legg, wieder aufzuspielen; er wolle uns beim Tanzen zuschauen, es sei ihm sehr interessant, einen Cancan kennen zu lernen. Wir fingen also wieder zu tanzen an, aber es war jetzt eigentlich eine Komödie, weil wir nicht mehr unbefangen waren. Die Frauen wandten und zierten sich jetzt, nur Merz ließ sich in seinen wilden Späßen nicht stören. Der Doktor von Legg mußte dem Erzherzog die Gebräuche dieses Tanzes erklären, was die einzelnen Bewegungen eigentlich bedeuten sollen, wie man sie nennt, ob in Wien viel cancaniert wird, wann der Cancan erfunden worden ist, wer ihn aus Paris zu uns gebracht hat – eine ganze Theorie, Geschichte und schematische Darstellung des Cancans fragte er ihm ab. Wenn ihm ein Sprung schwierig zu sein schien, so nickte er leise und gab seinen Beifall zu erkennen, indem er leicht die flachen Hände mehreremale zusammenschlug. Das bewog sogar die saure Hofrätin, zu uns zu treten und mit großer Mühe, indem sie sich sehr plagte, mitzuspringen.

Nachher wurden die einzelnen der Reihe nach vorgestellt. An jeden richtete der Erzherzog einige Worte und fragte ihn über seinen Beruf und seine Verhältnisse umständlich aus. Otto trug mit seiner tragischen, wie aus dem Grabe mahnenden Stimme seinen Wunsch vor, an die Burg zu kommen. Die jungen Leute aus dem Ministerium mußten die Hofräte nennen, bei denen sie arbeiteten. Die stille, traurige Weise des jungen Jantsch schien dem Erzherzog sehr zu gefallen. Er ließ sich mit ihm in ein längeres Gespräch über griechische Lyrik ein. Spitzer war nirgends zu finden. Er hatte sich aus lauter Angst im Schlafzimmer versteckt. Merz nahm die Haltung eines Kanzlers an, der von seinem Monarchen ein neues Gesetz verlangt, so etwa im Tone der Szenen am Hofe im zweiten Faust, und legte seine Meinungen über das Fliegen dar: es sei eine Pflicht der Dynastie, einen solchen Versuch, der Menschheit die Wege zum Himmel zu öffnen, von Staats wegen zu fördern. Als die Reihe an die alte Tragödin kam, machte sie eine sehr dramatische, peinliche Szene. Kaum war ihr Name genannt, so warf sie sich auf die Erde, schluchzte und beschwor den gütigen und väterlichen Fürsten, sie aus ihrer unverdienten Schmach zu ziehen und Gerechtigkeit walten zu lassen. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit! deklamierte sie. Der Erzherzog, der keinen lauten Ton hören mochte, war verlegen, stand ungeschickt auf, beugte sich zu ihr, nahm sie an der Hand und wollte sie beruhigen. Sie bat sich die Gnade aus, ihm etwas vorsprechen zu dürfen, und so mußten wir denn den Monolog der Jungfrau zum zweitenmal an diesem Abend hören. Wer konnte, schlich sich in das andere Zimmer, wo Merz ihre Worte, die durch die Türe zu uns kamen, pantomimisch begleitete, wild die Augen rollend, Fäuste ballend und die Arme werfend; und manchmal kniff er das Gesicht ein, schien gleichsam die Augen zu verschlucken und sagte schmerzlich, als ob man ihn gezwickt hätte: »Es ist nur, damit einem der Abschied vom alten Jahr nicht so schwer wird.«

Als sie zu Ende war, klatschte der Erzherzog in die Hände, stand sehr schnell auf, wünschte Mascha ein glückliches neues Jahr, indem er ihr eine Puppe schenkte, eine Amme darstellend, die in den Armen ein kleines goldenes Glücksschweinchen trug, und ging dann fort, während wir wieder Spalier machten, immer mit derselben ein bißchen müden und schüchternen Huld lächelnd, von Mascha und der Mutter über die Stiege bis an das Tor geführt. Der Vater war gleich anfangs in die Küche gebracht worden und die Diener hatten den Befehl, ihn nicht loszulassen, bis der Erzherzog fort war; denn er hatte einen großen Rausch und bekam dann immer seine republikanischen Anfälle, die Monarchen verwünschend und die Völker ermahnend, ein Ende zu machen. Nun durfte er wieder herein, indes die Alte an das Telephon ging, um den Redaktionen den Besuch des Erzherzogs zu melden, damit er noch in die Morgenblätter käme.

Jetzt kamen immer mehr Gratulanten, Kollegen, Bewunderer, Freundinnen, das Schreien und das Drängen wuchs. Von den vielen Blumen, die sie brachten, zog ein schwerer, dumpfer und betäubender Dampf durch die Zimmer. Wie einem manchmal im Frühling von dem großen Knospen aller Dinge warm wird, so fühlte ich es in mir stoßen und treiben. Dazu der betörende Geruch von russischen Zigaretten, die Luft der schweren Weine und die Parfüms der Frauen. In einem gelinden Taumel schien mir alles hold zu wanken. Es kam mir vor, als ob ich in einer Dampfkammer wäre. Ich hatte beinahe Angst, aber wie vor einem bösen Traum, der nicht enden will; ich wäre gern endlich aufgewacht. Ich erinnere mich, daß da auf einem kleinen Tisch die Präsente standen, die man zum neuen Jahre bringt. Glücksschweine und Rauchfangkehrer in allen Formen, ganz winzige und zierliche von der feinsten Arbeit und plumpe Ungetüme, die man kaum mit beiden Händen heben konnte. Da stand nun Merz, um jedes neue Geschenk, das aufgestellt wurde, feierlich zu begrüßen; er verneigte sich, machte Reverenzen und hielt lange Ansprachen an sie. Die anderen lachten und gebärdeten sich wie toll über seine Spaße. Ich muß gestehen, daß es mir unheimlich war. Da war ein ungeheuer großer Rauchfangkehrer, der, wenn man hinten an einer Schnur zog, sich grüßend mit tiefen Bücklingen verbeugte. Merz verstand es nun, seine steifen und rasselnden Bewegungen so zu imitieren, daß ich schon nicht mehr wußte, wer von den beiden der Mensch und wer der Automat war. Ich hatte das Gefühl, daß das alles nicht mehr wirklich sein konnte. Wie ein beängstigend wüster Traum, in dem alles von ungeheurer Bedeutung scheint und doch keinen Sinn hat, ist mir der ganze Abend in Erinnerung geblieben.

Um halb zwölf wurde ein großer Kessel gebracht, da wollte der Vater seinen berühmten Punsch brauen, eine teuflische Mischung der stärksten Spirituosen. Rheinwein, allerhand Schnäpse, Kölnisches Wasser goß er ein, warf Schnitten von Orangen und Ananas, ganze Pfirsiche und in Äther eingetauchten Zucker dazu und ließ es an Absynth nicht fehlen. Es schmeckte eigentlich greulich, aber wenn man zwei Gläser trank, geriet man in einen so wilden und tobenden Rausch, daß man sich wie in einem verruchten Fieber betrug. Alle waren in einer wahren Wut; die Augen brannten ihnen, sie verzerrten das Gesicht, und jeden sah man mit fanatisierten Sinnen sich einer anderen Manie ergeben. Die Olga konnte keinen Moment mehr stehen oder sitzen; es trieb sie, in einem fort zu springen und zu tanzen, unermüdlich, unersättlich, triefend von Schweiß; wenn der am Klavier erschöpft nicht mehr konnte, raste sie durch die Zimmer, einen um den anderen zu spielen beschwörend, ohne einzuhalten, immer hüpfend, immer springend, in die Hände klatschend und jauchzend. Die Haare waren ihr aufgegangen, ungeduldig riß sie die Kämme aus und warf sie weg, jetzt fielen ihr die dichten, schwarzen, blauschimmernden Flechten bis an die Hüften, rollten über die Wangen vor, ja deckten das ganze Gesicht ein, so daß sie unter einem brausenden Wasserfall, in einer Dusche von schwarzen Strahlen zu tanzen schien. Dabei wurde sie sehr heiß und sie riß Fetzen aus ihrem Kleide, als ob sie sich Luftlöcher machen wollte. Wie ein schwarzer Blitz schlug sie durch die Zimmer, immer sich im Kreise drehend, jetzt die Arme hinter dem Kopf verschränkend, zurückgelehnt, mit gehobener Büste, bald nach den Klängen des Klaviers, bald wieder, wenn niemand spielte, nach einer eigenen Melodie, die sie laut sang, sich bewegend, immer mitten durch diese vielen lärmenden, stoßenden und gestikulierenden Menschen durch, wie eine unaufhaltsam irrende Flamme. Spitzer saß mit seinem Glas in einer Ecke, es stieß ihn auf und er mußte so heftig schluchzen, daß ihm schwere Tränen über seine dicken Wangen liefen. Dabei hörte er geduldig der Tragödin zu, die, von ihrem großen Glücke und der Gnade des Fürsten ganz verzückt, immer noch leise vor sich hin den Monolog der Jungfrau sprach. Der Hofrat schlief in einem Fauteuil, den kalten Stummel einer Zigarre im Munde, das Hemd voll Asche, während seine Frau nebenan mit ein paar Schauspielerinnen und den jungen Leuten Poker spielte. Frenkel hatte sich nun auch die Weste ausgezogen, das Hemd war ihm aufgegangen, so daß man seine zottige Brust sah. Er saß auf dem Klavier, schlenkerte mit den Beinen, regte sich sonst gar nicht, gelassen seine mächtige Zigarre dampfend, und sah mit einem böse lächelnden Blick über die ganze Gesellschaft hin. Von der Ständerlampe neben dem Klavier fiel durch einen gelben Schleier ein merkwürdig heller und kalter Schein auf seinen enormen kahlen Schädel, während der Körper, da er im Schatten war, noch plumper und massiver wurde. Er kam mir da wie irgend ein wüster exotischer Götze vor, von einem trunkenen Pöbel zur Anbetung aufgestellt.

Nun verdunkelt sich meine Erinnerung, ich sehe nur noch einzelne Momente. Ich war sehr betrunken, ich taumelte. Mir war heiß und ich fühlte einen dumpfen Zorn in mir, auf Mascha, auf die ganze Welt, auf mich selbst. Ich weiß noch, daß jetzt jemand an das Klavier trat und Wiener Lieder begann und nun einer nach dem andern, erst summend und sich wiegend, dann laut den Refrain mitsang, bis alle sich an den Händen faßten und in einer langen Kette sich wie Besessene drehten. Dann sehe ich den Direktor, der sehr spät kam, diesen klugen, gefürchteten und berechnenden Direktor, seinen Hut an die Decke werfen, jodelnd und schuhplattelnd, indem er die Frauen an der Hüfte packt, im Kreise schwingt, in die Luft wirft, daß sie kreischen, mit den Armen fängt und dazu jauchzt. Dann hat Olga eine heftige Szene mit ihrem Jüngling: sie ist wie toll, tanzt, springt und wirft dabei ein Stück ihrer Toilette nach dem andern weg. Die Herren stehen herum und rufen ihr zu, um sie noch mehr zu reizen, dem jungen Jantsch wird bange, wie das enden soll, er will sie fortziehen, sie wehrt sich, wird wütend, schlägt wie eine Rasende um sich und muß mit Gewalt zum Wagen getragen werden. Jetzt geht ein Tumult in der Küche los. Man hört kreischen, es wird um Hilfe gerufen, wir stürzen hinaus und finden die Köchin, die sich mit einem großen Löffel gegen den zudringlichen Vater wehrt. Man reißt ihn weg, die Köchin schimpft und schreit, nun kommt noch die Alte, zerrt den betrunkenen Mann fort, der nicht will und flucht und immer noch den Mund zum Küssen spitzt; sie ist nicht stark genug, ihn zu halten, er rutscht aus, und sie liegen beide schnaufend und schreiend auf der Erde und wälzen sich. Endlich gehen wir wieder in die Zimmer, und da sehe ich alle sich lachend um Mascha und Merz versammeln. Mascha hat sich auf den Teppich gelegt, stützt sich auf einen Polster und sieht schwärmerisch vor sich hin. Merz kniet neben ihr, schmunzelt wie ein Faun und macht die laszivsten Gesten. So parodieren sie die Szene aus dem Romeo »es war die Nachtigall und die Lerche«, während rings die betrunkenen Zuschauer johlen. Jetzt kopiert sie die letzte Manier der alten Wolter, er macht das Stammeln und Ächzen und Schluchzen von Sonnenthal nach; dann besteht der Spaß wieder darin, daß sie den süßen Worten zynische Gebärden, unsaubere Blicke geben; dazwischen schreit Merz: »hereinspaziert, meine Herrschaften, nur hereinspaziert, hier sehen Sie die große, einzig wahre, allein echte Julia mit ihrem höchst realistischen Romeo, genau nach der neuesten Berliner Mode!« Und er wackelt lüstern und tätschelt sie. Ich stehe dabei und möchte weinen vor Zorn. Ich habe, indem ich den beiden zusehe, das Gefühl, als ob etwas sehr Heiliges beschmutzt würde. Wie zwei Affen kommen sie mir vor, die eine priesterliche Handlung parodieren würden. Eine große Wut packt mich an, ich taumle vor, balle die Faust und werfe ihnen wüste Worte ins Gesicht. Die anderen wissen nicht gleich, was es bedeuten soll, und meinen, daß es ein neuer Spaß ist. Mascha deklamiert unbekümmert fort: »es war die Nachtigall und nicht die Lerche,« immer dieselbe Zeile, bald mit der Stimme der Hohenfels, bald mit der Stimme der Niese, alle Wiener Schauspielerinnen kopierend. Aber Merz kriecht auf den Knien zu mir her, steckt sein Gesicht in den Teppich und breitet flehentlich die Arme aus, indem er winselt: »Verzeihung, edler Herr, Verzeihung für uns arme Landstreicher, Seiltänzer, Schwertschlucker, Feuerfresser und Gaukler! Wir sind und bleiben nun einmal Vagabunden! Und wenn es auch mancher, der Glück hat, bis zum k. k. Vagabunden mit Dekret bringt, im Grunde sind wir doch alle gleich, halten zu Gnaden, hoher Herr!« Ich höre sein höhnisches Grinsen noch, ich sehe noch seine Grimassen, ich fühle noch, wie mich ekelte. Ich hätte laut weinen mögen, so elend war mir und ich schämte mich sehr. Leise schlich ich mich fort. Unten vor dem Hause trat ich zu der Laterne hin und lehnte mich am Es mochte gegen fünf Uhr sein, längst war alles leer und still, es schneite. Ich stand da, lehnte mich an und dachte an gar nichts, wußte gar nichts, fühlte nichts mehr; den Hut hatte ich abgenommen, mir war so heiß, ich ließ mich anschneien. Plötzlich hörte ich den Direktor neben mir; er schüttelte mich, setzte mir den Hut auf und sagte: »Sie verkühlen sich ja, sind's doch g'scheit! Verschnupfte Kritiker kann ich gar nicht brauchen. Kommen's san mer fesch, gehn mer in die Krieau frühstücken.«

Wir gingen in den Prater, es war kalt, wir liefen mehr, als wir gingen. Lange redeten wir kein Wort. Dann fing der Direktor in seiner pittoresken und drastischen Weise an, die letzte Nacht zu schildern. Er schien mehr zu sich selbst zu sprechen. Er hatte der Reihe nach alle Lieblinge seiner Bühne an diesem Abend besucht, »sonst wär's ja aus«. Nun erzählte er. »Ich wundere mich nur,« sagte er schließlich, »daß mir anständige Leute noch die Hand geben – sie scheinen halt doch vom Theater keine Ahnung zu haben. Wenn man das Theater kennt, ich bitt' Sie; gegen einen Schauspieler ist wirklich ein Sträfling noch ein Ehrenmann. Es ist eben ganz verfehlt, daß man die Schauspieler unter den Menschen frei herumlaufen läßt. Man sollte sie bei Tag in einem Käfig halten, oder sie müßten wenigstens eine Marke um den Hals haben, damit man sie gleich erkennt. Wirklich, ich gehe jede Wette ein, daß die Schauspieler überhaupt gar keine Menschen sind. Wenn ein Schauspieler weint, ist er lustig, wenn's ihm schlecht geht, spielt er den großen Herrn, und wenn er etwas sagt, ist es nie das, was er meint. Er fühlt überhaupt nichts, der Dichter muß ihn erst abends aufblasen, selber hat er keine Luft. Er kann nicht lieben und kann nicht hassen, es schmeckt ihm nichts und es ist ihm nichts zuwider, er will nichts, er lebt überhaupt gar nicht, sondern tut nur so: er ist ein leerer Körper, dem erst der Dichter und der Regisseur Gefühle, Stimmungen und Begierden eingeben. Man sollt' die Schauspieler wirklich, wenn sie nicht spielen, ins Magazin geben, gut abstauben und ausklopfen und dann bis zur nächsten Vorstellung hängen lassen!«

Dann fing er an, von meinem neuen Stücke zu sprechen, es werde nun doch Zeit; er wolle mich nicht drängen, aber es sei ja in meinem Interesse. Ich gestand, daß ich eigentlich die ganze Zeit nichts getan hatte. Ich war sehr kleinlaut. Er sagte: »Aber ich bitt' Sie! Ich möchte das Stück bis Mitte Februar haben, heute ist der erste Jänner, das sind sechs Wochen, der Shakespeare hat zum ganzen Hamlet nicht länger gebraucht, und man verlangt gar keinen Hamlet von Ihnen. Schreiben's halt was! Das Theater ist ja doch eine Lotterie. Haben's Glück, so g'fallt der größte Schmarrn auch, und haben's kein Glück, so nützt Ihnen das beste Stück nix. Also schreiben's halt was, es wird schon gehen!«

Wir gingen lange herum, er redete mir zu und ich fühlte, daß er es nur gut meinte und recht hatte. Aber ich war sehr verzagt und hatte kein rechtes Vertrauen mehr. Ich war an allem irre geworden. Niemals im Leben war mir so bange gewesen. Ich wußte nun gar nichts mehr. Wie wir da gingen, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, als würde ich Mascha gar nicht mehr lieben. Es wunderte mich sehr. Ich ließ den Direktor reden und dachte darüber nach. Es war doch nicht möglich! Dieses schöne Gefühl sollte plötzlich erloschen sein? Dann konnte man sich doch auf gar nichts mehr verlassen. Aber vielleicht bildeten wir uns wirklich alles nur ein. Vielleicht hatte ich sie gar nicht geliebt, vielleicht hätte ich damals jede so geliebt, ich war vielleicht gerade damals in der Laune der Liebe gewesen. Laune mag alles sein. Es gibt keine guten Stücke und keine schlechten, die Laune des Publikums nimmt die einen an, weist die anderen ab. Wir lieben kein Weib, Laune treibt uns jetzt hin, stößt uns dann weg. Wir sind weder froh noch elend, nach unserer Laune bilden wir es uns nur ein. In so müden Gedanken ging ich schwer dahin, ich konnte mich kaum mehr halten, so schläfrig war ich plötzlich geworden. Ich stieg in einen leeren Einspänner, der uns hinter der Rotunde begegnete, und fuhr in die Salesianergasse.

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