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Theater

Hermann Bahr: Theater - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleTheater
publisherS. Fischer
addressBerlin
firstpub1897
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Seit ich der Alten das Geld gegeben hatte, war mein Verhältnis zur Familie anders geworden. Ich wurde nun sozusagen offiziell anerkannt. Freilich hatten wir vor, unser süßes Geheimnis auch ferner zu bewahren, und gaben unsere liebe Wohnung nicht auf. Aber es hatte doch eigentlich keinen rechten Sinn mehr. Wir spürten, daß es eine Komödie war, immer noch heimlich zu tun, als ob es niemand ahnen dürfte. Früher hatten wir uns das noch einbilden können. Jetzt wußten wir doch, daß es schon die ganze Stadt wußte. So bekamen unsere früher so reinen, ja ich fürchte das Wort nicht: heiligen Abende in der Salesianergasse jetzt etwas von einer Maskerade. Wozu schlichen wir eigentlich noch, wenn es dunkelte, ängstlich nach unserer stillen Wohnung, da man doch schon in allen Cafés ungeniert davon sprach? Der liebe Schleier war nun doch einmal von unserem Glück gezogen.

Dazu kam, daß es uns auf die Dauer auch unbequem wurde. Es war viel einfacher, wenn ich zu ihr ins Haus kam. Ich konnte sie dann schon Vormittag sehen, holte sie von der Probe ab, aß bei ihr, sie ließ die Schneiderin herein und probierte vor mir. Hier und da trafen wir uns wohl noch in der Salesianergasse, aber wir hatten nicht mehr dasselbe Gefühl; es war eher wie ein Besuch bei unserer Vergangenheit. So fühlten wir es und das machte uns traurig. Wir gestanden es uns ja nicht ein, wir hatten Angst, davon zu reden. Wir trösteten uns, daß es eben jetzt im Winter nicht gehe, da sie sehr viel zu spielen hatte. War erst der Frühling da, dann wollten wir wieder dort leben.

In ihrem Hause nun wurde unser Verhältnis ganz anders. Das war gar nicht zu vermeiden. Das tägliche Leben drang nun auf uns ein. Dort waren wir wie auf einer seligen Insel gewesen, die Welt hörten wir nur in der Ferne dunkel rauschen. Nun trat unser Glück unter die Menschen und sollte sich da bewegen lernen.

Ich kam nun meistens gegen elf Uhr zu ihr. Wenn sie keine Probe hatte, schlief sie gewöhnlich noch. Oft blieb sie auch den ganzen Tag liegen. Die Alte störte uns nicht. Sie aß in der Küche. Doch waren wir selten allein. Entweder kamen Kolleginnen oder Journalisten oder jene Mäzene, die es sich etwas kosten lassen, bei Schauspielerinnen verkehren zu dürfen. Nachmittag war die Maniküre da, dann ließ sie sich Karten aufschlagen, Stunden vergingen mit der Wahl der Nummern, die sie in die Lotterie setzte, später fuhren wir dann spazieren. Auch abends gab es fast immer Gäste. Ich wurde nun erst mit jener Welt bekannt, die die Leute vom Theater um sich haben.

Diese Welt ist seltsam, so bunt, so laut, so groß, wie sie kein anderes Metier in seinem Umkreise hat. Das Theater zieht jeden Menschen an, er sei nun ein Minister oder ein Kommis. Ich glaube, das kommt daher, weil es fähig ist, für jeden Menschen etwas anderes zu bedeuten. An sich selbst scheint es gar nichts zu sein, das ist immer mehr mein Gefühl geworden. Jeder Mensch prägt dem Theater seinen eigenen Sinn ein und es wird für ihn, was er verlangt. Dem Unbefangenen jedoch, der nichts verlangt, sondern bloß erfahren möchte, wie es wirklich ist, gibt es gar nichts. Ich konnte es hundertmal um sein Wesen fragen, es hat mir nicht geantwortet. Was ist das Theater eigentlich? Ein Geschäft, sagt man sich oft; nichts als ein Geschäft, unter dem Gesetz von Nachfrage und Angebot: wer die Mode wittert und die Ware liefert, die den Geschmack der Menge trifft, gedeiht und von irgendeinem Magazin ist es nicht zu unterscheiden. Aber daneben sieht man die reinsten Künstler, unirdische Naturen, in allen täglichen Dingen fremd, Toren, die verirrt durchs Leben gehen, und man glaubt in einem Haine von Poeten, in einem entlegenen Tal bei Priestern der Schönheit zu sein. Doch wird ihre fromme Weise gleich durch den Tumult wüster Begierden gestört, und nun sieht das Theater wieder wie ein Pranger aller bösen Triebe, ein wilder Ort der Häßlichen, recht wie eine Kirche des Teufels aus; dann kommt einem das bißchen Schauspielerei nur wie eine Maske verruchter Gelüste vor. So weiß man am Ende nicht, ob sie Spekulanten, Schwärmer oder Satanisten sind. Das Geschäft geht in eine Messe, die Messe in eine Orgie aus; Nüchternes, Erhabenes und Schimpfliches mischt sich. Nun mag sich jeder nehmen, was nach seinem Sinne ist; jeder findet sich selbst im Theater. An sich ist es gar nichts: will man es angreifen, ist es schon entglitten und so schillert es als ein so tückisches, veränderliches und betörendes Rätsel wie das Leben selbst. Ich glaube auch, es drängt so viele Leute zum Theater hin, weil sie vermuten, in diesem engen Kreise die ganze weite Welt zu finden. Verzeihen Sie mir – ich bin nun einmal ein theoretischer Mensch: ich muß für alles meine Formel haben. Es scheint mir die Formel des Theaters, daß es sozusagen ein kleiner Handatlas des Lebens ist, da kann sich jeder leicht über seine Neigungen und Triebe orientieren. Darum laufen so viele hin. Anders kann ich seinen Reiz nicht begreifen. Die Dichter leben für sich, Maler haben ihre kleinen Gemeinden, aber alle Menschen rennen den Schauspielern nach. Warum? Ich glaube, es ist ein dunkler metaphysischer Trieb: sie möchten von ihnen erfahren, was denn das Leben eigentlich bedeuten soll.

Nie ist mir das klarer gewesen, als wenn der Erzherzog Peter zu uns kam. Er pflegte Mascha jede Woche zweimal zu besuchen. Ich wunderte mich anfangs. Was konnte der alte Herr eigentlich von ihr wollen? War er verliebt? Aber er kam doch nicht bloß zu ihr, er ging jeden Nachmittag zu einer anderen Schauspielerin. Auch machte er ihr gar nicht den Hof. Schüchtern, verlegen, fast ängstlich saß er bei ihr und fragte. Er fragte nämlich in einem fort. Darin war er unermüdlich. Mit mir sprach er immer über Zeitungen. Wie eine Zeitung gemacht wird, wie es denn immer kommt, haß es immer gerade auf sechzehn Seiten ausgeht, nicht mehr und nicht weniger, was die Journalisten tun würden, wenn einmal gar nichts geschehen würde, wie sich die Redakteure untereinander vertragen, ob die Herausgeber grob sind, wie die Gagen sind, kein Detail war ihm zu klein. Um wieviel Uhr kommen Sie gewöhnlich ins Bureau? Was geschieht da zuerst? So, und wenn Sie die Briefe gelesen haben, beantworten Sie sie dann gleich alle? Und was sind das für Briefe? Wer schreibt Ihnen, was schreibt man Ihnen? Bekommen alle Redakteure so viele Briefe? Haben Sie viele Besuche? Wie benehmen sich diese Leute? Aha, Sie werfen auch manchmal jemanden hinaus! Aber wie ist das? Wie geht das vor? Wie spielt sich das ab? Bitte, erzählen Sie mir das ganz genau; das ist sehr interessant! Stundenlang konnte er so fragen, wie man etwa einen Japaner befragen würde, der zu uns kommt und uns nun die Sitten in seinem Lande schildern soll: wir ahnen sie nicht und deshalb wird uns alles, wie klein und nichtig es auch sein mag, teuer und bedeutend scheinen. So ein Japaner war der Wiener Journalist für den Erzherzog. Ich glaube, er kam zu den Schauspielerinnen, um zu erfahren, wie es denn in der Welt eigentlich zugehen mag. Wie die Menschen, die wirklichen Menschen, die die Bevölkerung ausmachen, diese vielen Menschen, die da draußen, da unten, so weit weg, leiden oder sich freuen, lechzen oder entsagen, traurig oder glücklich sind, wie diese fernen Leute denn wohl aussehen, reden, denken, fühlen und sich unter sich benehmen mögen, das hätte er gern gewußt. Einmal kam die Wäscherin, während er da war. Er bat, sie vorzulassen, ohne ihr jedoch seinen Rang zu sagen. Sie trat ein, war sehr geschwätzig, erzählte von ihrem Schatz, und nun ließ er sie gar nicht mehr los. Es war unglaublich, was er sie alles fragte. Wo sie wohnte, was sie für ihr Zimmer bezahlte, wie es eingerichtet war, wann sie aufstand, wann sie schlafen ging, was sie aß, wovon die Mädchen bei der Arbeit redeten, ob sie gern tanzte, wo sie tanzte, wann sie tanzte, ob sie heiraten würde – es war eine ganze Enquete. Oft dachten wir, er müßte ihr nun doch endlich alles abgefragt haben. Dann hielt er inne, schwieg, neigte sich ein wenig vor und decktet die großen, so neugierigen Augen, die scheu waren und nirgends verweilen konnten, mit seiner sehr langen, gelben, schmalen Hand zu, wie um bei sich nachzudenken und, was er vernommen hatte, kritisch zu ordnen. Und plötzlich fing er wieder an, es schien ihm noch immer nicht zu stimmen, er war noch immer nicht gewiß. Wie ein Schüler saß er da, der das Leben leinen will, und war ganz selig, wenn er wo ein kleines Fenster fand, das ihn auf die Menschen sehen ließ.

Am liebsten plauderte der Erzherzog mit Frenkel, dem Gouverneur der ungarischen Bank. Sie kennen Frenkel gewiß, man sieht ihn ja überall, und jedenfalls sind Ihnen schon seine prachtvollen russischen Jucker aufgefallen. Er ist noch nicht lange in Wien; es mag vier, fünf Jahre her sein, daß er, ein starker Vierziger, aus Odessa kam, um nun bei uns seine Operationen zu beginnen. Bald war er der König aller Spekulanten und Spieler. Er wagte alles und alles gelang ihm. Man betete sein Glück, sein Genie an. Sie haben ihn gewiß einmal gesehen: groß, plump, aufgedunsen, mit einem ungeheueren spitzen Bauch, schwülstigen, kurzen, wie Fische fetten Händen und lüsternen, trüben Augen, die rote Ränder haben, wie einer von den alten Herren, die Forain den kleinen Mädchen nachsteigen läßt; sehr lebhaft, turbulent, fuchtelt mit den Händen, spuckt beim Reden, wackelt mit dem ganzen Leib und hat immer den schwarzen Rock voll Schuppen. Er sieht sehr schäbig aus, ist schmierig und hat unmögliche Manieren. Aber man läßt sich alles von ihm gefallen, er wird ja auf vierzig bis fünfzig Millionen geschätzt. Berühmt ist die Geschichte, wie er einmal den Statthalter im Hemd empfangen hat. Er hatte damals eine ungeheure Stiftung gemacht, ich glaube ein Landesspital für Niederösterreich, das ein paar Millionen gekostet hat. Nun kam der Statthalter zu ihm, um ihm im Namen der Provinz zu danken. Er hatte nichts als ein Hemd an, genierte sich aber gar nicht, sondern sagte dem Statthalter, daß man von einem armen rumänischen Bauer, der vor zwanzig Jahren noch Schweine gehütet hätte, es nicht besser erwarten könne. Das war seine ständige Phrase. »Aber Exzellenz!« sagte er dem Minister, der ihn auf dem Industriellenball anzusprechen geruhte, »zu viel Ehre für einen armen rumänischen Bauer! Belieben meine Hand zu drücken, die Schweine getrieben hat, veritable Schweine! Wer hätte das gedacht!« Und er hielt dem Minister seine aufgeschwollene, triefende Hand hin, fuchtelte hin und her und ließ sie triumphierend bewundern. Das war sein Stolz. So hatte er auch die Manie, alle Schauspielerinnen von Schönheit oder Talent zu besitzen. Dazu konnte er unsinnige Summen verschwenden. Er gab den Mädchen die schönsten Wagen, die teuersten Pferde, Toiletten, die ein Vermögen kosteten, und ließ sie königlich prunken. Dafür verlangte er nichts, als daß sie ihn als ihren Gebieter anerkannten. Er hatte einen Schlüssel zu ihrer Wohnung, kam oft mitten in der Nacht, und nun mußte die Arme aus dem Bett, rasch nach Gästen schicken und ein großes Fest abhalten; oder er fuhr mit ihr spazieren, in einer Karosse, daß die Leute stehen blieben, aber selbst defekt gekleidet, mit einem elenden und struppigen Zylinder, die Hand auf ihrer Schulter. Das machte ihm Vergnügen. Man sollte ihm den rumänischen Bauer ansehen, aber zugleich fühlen, wie weit es ein Schweinehirt bringen kann. Bei den Schauspielern war er sehr beliebt. Er hieß hier nur der Baron Schweinehirt und hörte sich gern so begrüßen. Oft gab er sehr feierliche und pompöse Bankette, die Herren im Frack, die Damen in großer Toilette – »alles wie bei einer Hoftafel,« pflegte er zu sagen; Blumen aus Nizza, Kellner aus Paris und Tafelaufsätze von Tilgner. Da saß er dann gern in der Mitte, zog sich den Rock aus, knöpfte sich die Weste auf, legte die Füße auf den Tisch und war der besten Laune. Dann konnte ein Wort genügen, um das Glück irgendeines armen Teufels zu machen: hundert Maler hatte er nach Italien geschickt, hundert junge Schauspieler ausbilden lassen. Aber man mußte ihm immer schmeicheln. Wurde er wild, hatte er das Gefühl, daß sich ihm jemand nicht fügen wollte, bann konnte er einen Menschen gelassen verderben. Man erzählte sich, daß er gegen einen alten, sehr gutmütigen, nur etwas pedantischen Hofrat im Ministerium, der sich einmal seinen gewaltsamen und herrischen Ton verbat, solange gehetzt und mit Verleumdungen intrigiert hatte, bis der Minister, der sich die Gunst des Millionärs nicht verscherzen wollte, schließlich den braven alten Herrn pensionieren mußte. So hatte er auch einen jungen, etwas hochfahrenden Grafen, dem es nicht paßte, den rumänischen Juden im Riedhof am Tische der Dragoner zu finden, von Wucherern einfangen, zu tollen Verschwendungen verleiten und zuletzt so peinigen lassen, daß der Unglückliche sich erschoß. Er konnte mit seiner Macht, seiner Schlauheit und seiner unfehlbaren Berechnung der menschlichen Natur recht unangenehm werden. Aber er wurde es nur, wenn man ihn in seinem Stolz beleidigte. Stolz ist eigentlich nicht einmal das rechte Wort. Man konnte ihn verspotten, karikieren; er hörte gemütlich zu, lachte selber mit. Aber als Herrn mußte man ihn gelten lassen. Sei es als einen lächerlichen, albernen, grotesken Herrn, dagegen hatte er nichts; aber man mußte sich seiner Herrschaft fügen. Was die Leute über ihn dachten oder sagten, war ihm gleich. Er sagte selber oft, es sei doch eigentlich eine Schande und ein Skandal, daß ein gemeiner rumänischer Bauer jetzt der mächtigste Mann in Österreich sei. Wollte man sich aber seiner Macht entziehen, dann war er unversöhnlich.

Er kam ziemlich oft zu uns. Ungeheure Körbe mit Weinen, Früchten und seltenen Delikatessen kündigten ihn an. Der brutale Mann hatte da sogar gewisse zarte Aufmerksamkeiten, die man ihm nicht zugetraut hätte: er verkehrte doch gewiß bei dreißig oder vierzig Schauspielerinnen und doch wußte er genau, was jede liebte, welche Blumen sie vorzog, was sie gern trank, kannte ihre kleinen Passionen und vergaß ihren Geburtstag nie, ja er erinnerte sich, wann sie debütiert hatte, und ließ es zu diesem Tage an einem freundlichen Zeichen nicht fehlen. Sein Gedächtnis war überhaupt unglaublich. Er notierte sich nie etwas und doch kam es nicht vor, daß er etwas vergaß. Er hatte alles im Kopf. Von jedem Menschen, den er kannte, wußte er das Alter auswendig, die Verhältnisse seiner Eltern, seine Erziehung, sein Einkommen und seine Adresse. Wir zogen ihn oft damit auf: wir sagten Namen her und er mußte uns die Adressen nennen; und er hatte immer recht. Er war überhaupt bei uns sehr lustig und gemütlich. Was zur Kunst gehört, Theater, Malerei oder auch noch Literatur, behandelte er gut. Ich glaube, wir waren für ihn wunderliche, ja rätselhafte Geschöpfe, welchen er eine mitleidige Bewunderung nicht versagen konnte. Malen können, singen können, Verse machen können – das imponierte ihm; alles Können schätzte er sehr. Er wunderte sich nur, daß wir es schlecht verwendeten und schließlich doch kein Geld hatten.

Am schlechtesten war Frenkel auf die Beamten zu sprechen. Diese mochte er gar nicht. Wir hatten ein paar dilettierende, Verse machende Hofräte, die gern um die Damen vom Theater schwärmten. Diese waren ihm ein Greuel. Sie sind nichts, sie haben nichts, sie stehlen nur die gute Luft weg, pflegte er zu sagen; also was macht man mit ihnen so viele Geschichten? Unter diesem Hasse hatten besonders ein paar artige junge Leute aus dem Finanzministerium zu leiden, die viel bei uns verkehrten. Sie betrugen sich sehr nett, waren gefällig, immer zu Diensten und Kommissionen bereit, und ich bedauerte sie eigentlich, wenn Frenkel über sie kam. Sie konnten sich ja nicht wehren, sie durften es sich doch mit einem so einflußreichen Herrn nicht verderben. So saßen sie denn befangen da, lächelten bloß verlegen und ließen sich seine Sottisen geduldig gefallen. Auf den einen hatte er es besonders scharf. Das war der Doktor Claudius Ritter von Legg. Ich sollte ja bei diesen Figuren gar nicht so lange verweilen, sie streifen doch eigentlich mein Abenteuer nur. Aber ich habe das Gefühl, daß Ihnen etwas fehlen würde, wenn Sie nicht unsere ganze »Menagerie« kennen, wie Mascha zu sagen pflegte. So dürfen Sie nicht ungeduldig werden, wenn ich manchmal etwas abzuschweifen scheine; es gehört schon irgendwie dazu. Also, der Doktor von Legg war der Sohn eines Polizeikommissärs in Ried und hatte unter harten Entbehrungen studiert, mit Stipendien, Stunden gebend, im Reichsrat stenographierend, aber bei aller Armut nicht ohne das Talent, sich immer ein gewisses Ansehen zu geben, elegant oder doch anständig aufzutreten und in alle guten Häuser zu kommen. Als ein flotter Tänzer, Arrangeur lebender Bilder, Kopist der Hofschauspieler, machte er sich da nützlich und beliebt; der »Ritter« zählte wohl auch mit. Die Töchter der Hofräte hatten ihn gern, weil er sehr verwendbar war, halb Vertrauter, halb Dienstmann. Besonders zu Geburtstagen war er sehr gesucht: er konnte Girlanden aufhängen, machte Verse, zeichnete Tischkarten, komponierte Walzer und sprach Toaste. Von allen Dingen hatte er gerade soviel, als man zur Geselligkeit braucht. So fing er schon auf der Universität an, zu den Leuten zu gehören, die man kennt. Er war überall zu sehen, immer sich liebenswürdig verbeugend, nach dem werten Befinden fragend und das Neueste erzählend. Er wußte nämlich alles, trug die Witze der Minister herum, kolportierte Anekdoten und meldete alle Verlobungen zuerst. Dabei vermied er Nachrichten, die verletzen konnten. Seine Neuigkeiten waren immer angenehm. Jemand mußte schon ganz fertig sein, wenn er sich erlaubte, ihn mit einer leichten Ironie zu behandeln; er war gar nicht boshaft. Die gesellschaftlichen Pflichten, Visiten, Gratulationen, Kondolenzen kann man nicht genauer nehmen. Den Juli war er immer in Aussee. Er wohnte da in einer elenden kleinen Kammer, den ganzen Tag auf Besuch, bald in Alt-Aussee, bald am Grundlsee, bald in Ischl, Tennis spielend, tarokierend, segelnd, wie man es gerade brauchte, genau über alle Familien Buch führend, um nur ja nichts zu versäumen. So konnte es ihm nicht fehlen, er galt überall als ein »hoffnungsvoller junger Mann« und hatte bald im Ministerium eine leichte, seinem ganzen Wesen gemäße Stellung, indem er nicht viel zu arbeiten bekam, sondern eigentlich nur seinen Chef unterhalten sollte. Auch bereitete er junge reiche Leute auf die Staatsprüfungen vor. Diese Kurse waren sehr gesucht, weil er auch ganz unfähige und faule Schüler meistens doch rettete: denn er kannte alle Herren, die in den Kommissionen saßen, wußte jeden nach seiner Weise zu behandeln und ließ es sich keine Mühe, keinen Weg, keinen Besuch verdrießen. So verdiente er mehr, als er brauchte. Er hatte ja fast keine Bedürfnisse. Er konnte einen ganzen Abend im Gasthaus sitzen, übermütig und ausgelassen sein und hatte schließlich zwei Glas Bier zu bezahlen. Auf den Eisenbahnen fuhr er umsonst, die Sitze in den Theatern bekam er geschenkt. Sein Leben war ein kleines Wunder von Ordnung und Verstand. Ich sah ihm gerne zu, wie klug und fein er sich betrug und jeden Menschen für sich zu benutzen verstand. Nur mit Frenkel gelang ihm das nicht. Ich wunderte mich: gerade der hätte doch für glatte Streber Sinn haben sollen. Es war auch nicht die Art des jungen Mannes, die Frenkel mißfiel. Aber es ärgerte ihn, so viele Mühe, so viel Witz, so viele Entsagungen an ein so geringes und nach seiner Meinung lächerliches Ziel verschwendet zu sehen. »Um schließlich Hofrat zu werden!« rief er erbittert aus; »mit demselben Aufwand könnte der Mensch in ein paar Jahren Millionär sein und die ganze Gesellschaft anspucken, der er ja so sein ganzes Leben hofieren muß. Aber nein, Hofrat, ausgerechnet! Es ist zu dumm!«

Zu uns kam der junge Legg, um hier neue Verbindungen anzuknüpfen. Seine alten Freunde konnten ihm jetzt nicht mehr viel bieten. Nun wollte er sozusagen die Pferde wechseln. Er hätte nun gern irgendeinen mächtigen Politiker kennen gelernt, und die jungen Leute glauben jetzt, daß bei uns jede große Karriere durch das Budoir einer Schauspielerin gehen muß. Sie meinen, daß sich die Geschichte der Gottinger wiederholen muß. Diese unbegabte, nicht einmal hübsche, nur durch eine wienerisch gemütliche und treuherzige Anmut gefällige Person, der es viele Jahre sehr schlecht gegangen war, hatte auf ihre alten Tage das Herz des Fürsten Lichtenberg betört, der, ohne jemals öffentlich eine Rolle zu spielen, in den Kulissen der Politik sehr mächtig war. Er gehörte zum ältesten böhmischen Adel und wurde, als eine ritterliche, weise, gerechte, besonnene und milde Natur, von allen Parteien verehrt. Stimmte er einem Plane zu, so konnte es nicht fehlen. Wenn er zögerte, so war nichts zu machen. Er hatte die größte Macht, und man wird es ihm nicht vergessen, daß er sie niemals mißbraucht hat. Er protegierte niemanden, hatte keine Günstlinge und ließ sich von Niemandem bestimmen. Es war nicht seine Schuld, wenn die Leute, die emporkommen wollten, sich bemühten, jede seiner kleinen Launen zu erraten. Nun schien er wirklich eine leidenschaftliche und tiefe Neigung zur Gottinger zu haben. Es war gar nicht die Art des edlen Greises, Frauen auf seine Entschlüsse einwirken zu lassen; auch hätte er das Mädchen, froh, endlich versorgt zu sein, wahrscheinlich gar nicht zu versuchen gewagt. Und doch waren nun ihre Freunde mit einem Schlage gemachte Leute. Nun, das ist auch so eine Frage, die ich nicht beantworten kann: wie man denn in der heutigen Welt zu Macht gelangt. Ein kleiner Bankier, der der Gottinger aus Gutmütigkeit, als es ihr schlecht ging, die Schulden bezahlte und zu ihr gehalten hatte, war nun auf einmal der große Mann. Warum? Ich glaube, der Fürst kannte kaum seinen Namen. Aber die Streber sagten sich: er ist doch schlauer als wir alle gewesen, er hat es vorausgesehen, der Mann versteht sich auf die Konjunktur. Das brachte ihm den Ruf eines Diplomaten ein, plötzlich war er angesehen. So ging es nun allen Freunden der Gottinger. Sie konnten, ohne daß der Fürst es bemerkte, ja wahrscheinlich sogar hinter dem Rücken der kleinen Schauspielerin, eine Art von Nebenregierung bilden, die mächtiger war als die offizielle, oder es doch schien. Das ist nun seitdem der Traum aller Wiener Schauspielerinnen, und jede »Solodame«, die hübsch ist, hat seitdem einen ganzen Hof um sich. Nämlich, die dummen Streber bemühten sich noch, bei der Gottinger anzukommen. Die klügeren sagten sich: da ist jetzt doch nichts mehr zu machen, die läßt niemanden mehr zu, da sind schon alle Posten besetzt; aber der alte Fürst wird auch nicht ewig leben, dann ist es mit dieser Clique aus und es fragt sich nur, wer es bis dahin verstanden haben wird, sich durch Geist, Takt und Anstand am Hofe, dem Adel und in der Politik so zu empfehlen, daß es ihm gelingen kann, jene Macht zu erben – – er sitzt vielleicht jetzt noch als kleiner Statthalter in einer Provinz und wer wird seine Egeria sein? Ja, das konnte man nicht wissen, es war die reine Lotterie: man muß halt recht viele Nummern setzen und ein bißchen Glück haben. Daher unsere jungen Herren aus dem Finanzministerium, daher die Bankiers und Advokaten, die bei uns antichambrierten. Mascha war ihre Nummer in der Lotterie. Ich hatte immer gedacht, was bei Schauspielerinnen verkehrt, sei eine flotte Gesellschaft von unbesonnenen und liederlichen Leuten. Nun fand ich sehr kluge, berechnende Pedanten da, gar nicht zum Vergnügen, sondern weil es nun einmal zur Karriere gehört.

Es amüsierte mich, Mascha mit diesen Menschen zu sehen. Sie hatte gelernt, daß es sich eine Schauspielerin mit niemandem verderben darf. Sie war also höflich. Sie nahm auch an, daß ein Hofrat oder ein Millionär etwas ist. Da sorgte schon die Alte, daß sie das nicht vergaß. Aber sie wußte mit ihnen nichts anzufangen. Sie hörte zu, sie lächelte gnädig, aber meistens hatte sie gar keine Ahnung, wer denn überhaupt da war und jetzt mit ihr sprach. Einer kam ihr wie der andere vor, sie konnte sich keinen merken. Es gefiel ihr niemand und es mißfiel ihr auch niemand. Ich habe keinen Menschen gekannt, der so unempfindlich war. Sympathien oder Antipathien schien sie nicht zu haben. Jeder war ihr recht und jeder war ihr gleich. Es gab eigentlich nur fünf Menschen, die für ihr Gefühl existierten: sie schwärmte für ihren Vater, die Mutter haßte sie, die Olga war ihre Freundin, über den Merz konnte sie soviel lachen, und vom Direktor sagte sie oft, er sei doch ein fescher Kerl.

Mit der Olga war sie in die Schule gegangen. Es wird mir schwer, diese Dame zu schildern. Ich konnte sie nicht leiden. Ich lasse mir ja manches gefallen, aber sie war doch gar zu gemein. Ihr liederliches Leben hätte mich nicht geniert, daran muß man sich in dieser Welt gewöhnen. Aber ich konnte sie nicht ausstehen. Schon ihre heisere, dürre, ausgetrocknete Stimme machte mich nervös, und ein Korporal drückt sich anständiger aus. Dabei log sie, verleumdete und hetzte. Aber da war bei Mascha alles Reden umsonst. Nicht als ob sie sich über sie getäuscht hätte: sie nannte sie nur das »Luder«. Wie gemein sie ist, sagte sie oft, wissen die Leute ja gar nicht. Aber sie kam von ihr nicht los. Ich weiß nicht, was es war. Wie oft hat sie geschworen, sie nicht mehr zu sehen! Es ekelte und graute ihr vor ihr. Und sie hielt es doch ohne sie nicht aus. La nostalgie de la boue, sagen die Franzosen; das wird es wohl gewesen sein.

Olga kam fast täglich. Oft brachte sie ihren Verehrer mit, einen kleinen, schielenden, semmelblonden Jüngling, der sehr scheu und ungeschickt war und neben dem massiven Weibe mit seiner winzigen und bedrückten Gestalt und den kläglichen dünnen Beinen beinahe verschwand. Es war der junge Jantsch, der Sohn des früheren Ministers. Sein Vater hatte ihn zur Olga sozusagen in die Kur geschickt; sie sollte ihn »ausbilden«. Es war freilich eine eigene Art von »Bildung«, die der Minister meinte. Nun, er dachte eben an seine eigene Karriere. Er war Mathematiker, wurde mit zweiundzwanzig Jahren Supplent an einer Realschule, um schon mit dreißig ihr Direktor zu sein, ging dann in die Politik, ein heftiger Agitator der Liberalen, bald sehr beliebt, als Redner berühmt, und kam in das Parlament. Da schien er nicht zu halten, was er versprochen hatte, schonte sich und war schon mit sechsunddreißig Jahren zum erstenmal Minister. Er blieb es nicht lange; er war unpopulär, man warf ihm allerhand Spekulationen und Geschäfte vor. Nun wurde er zum Generaldirektor der Eisenbahnen ernannt, da war er in seinem Element. Er hatte ein großes Talent zu organisieren, zu verhandeln, zu vermitteln. Dabei war er ein Meister der kleinen Gefälligkeiten. Jedem Menschen hatte er einmal einen Gefallen erwiesen, in jeder Verlegenheit konnte er helfen. Wo es etwas zu vertuschen gab, wurde er angerufen. Wie schlimm die Sache lag, er wußte immer noch Rat. Er war so nach und nach der Beichtvater aller guten Familien geworden. Auch hatte er die Gabe, allen Leuten zu gefallen. Er war ritterlich, leutselig, von jener brutalen Gemütlichkeit, die alte Generäle haben. Er konnte sich jeden Spaß erlauben, ohne sich doch etwas dabei zu vergeben. Er duzte alle Fiaker, ging zum Stalehner, war Präsident eines Athletenklubs und Preisrichter bei allen Fechttournieren, selbst ein berühmter Schläger, wie er auch ein berühmter Reiter war, der es bei seinen fünfzig Jahren noch mit dem jüngsten Leutnant aufnahm. Auch schwärmten die Frauen für den schlanken, eleganten und kräftigen Kavalier mit den hellen, harten Augen. So mochte er tun, was er wollte; man hatte sich angewöhnt, ihm alles zu verzeihen. Ein solcher Vater konnte nun mit diesem Sohn nicht zufrieden sein. Er hätte sich einen ungestümen wilden Knaben gewünscht, von demselben Schlage der Eroberer. Aber Edi war ein furchtsames, immer kränkelndes, langsam wachsendes Kind von scheuem und bedenklichem Wesen, das sich unter seiner herrischen Zucht immer mehr verschloß und immer ängstlicher, immer empfindsamer wurde. Das einzige, was der Vater gelten ließ und achtete, die Energie eines heftigen, sich unbekümmert durchsetzenden Willens, fehlte dem Sohne ganz. Er war am liebsten einsam und hatte weibliche Beschäftigungen, Stickereien und Lackmalereien gern. Der Minister scheute kein Mittel, um ihn tüchtiger zu machen. Der Jüngling mußte turnen, reiten, fechten; mit achtzehn Jahren kam er zu den Dragonern. Die Ärzte hatten ihn für untauglich erklärt, der Vater setzte es durch, daß er behalten wurde, und gab ihn in das Welser Regiment, das ein Jugendfreund von ihm als Oberst kommandierte, der, durch seine Roheit, seine Strenge und seine tollen Bravouren berüchtigt war. Aber im dritten Monat fiel Edi so unglücklich vom Pferde, daß er superarbitriert werden mußte, ein leises Hinken ist ihm am linken Fuße davon geblieben. Nun hatte er eine böse Szene mit dem Alten. Er hätte gern Kunstgeschichte studiert, um Konservator an einem Museum zu werden. Das Studium griechischer Vasen sagte seiner stillen, nachdenklichen und zögernden Natur zu. Aber dem Minister war es unerträglich, sich den Sohn auf einem nach seinem Gefühl subalternen Posten zu denken, wo man zu keiner Macht gelangen kann. Wenn es schon mit dem Militär nicht gegangen war, so sollte er Jurist werden und die politische Karriere versuchen. Der Vater tröstete sich ja noch immer: manche entwickeln sich eben langsam, dem Buben werde schon auch noch der Kopf aufgehen. Endlich hatte er sich zu einer radikalen Kur entschlossen. Wenn gar nichts mehr hilft, helfen die Weiber. Er übergab ihn der Olga zur Behandlung, sie sollte ihn »erziehen«. Sie bekam eine genaue Instruktion: je toller, desto besser, das war die Maxime. Sie wurde dafür sehr gut bezahlt, und gelang es ihr wirklich, aus dem schüchternen, uneleganten und verträumten Studenten, der sich wie ein armer Hofmeister betrug, einen »feschen jungen Herrn« zu machen, dem kein Abenteuer zu wild war, so hatte ihr der Baron noch eine Villa im Kottage versprochen. Sie wurde nun im Theater nur noch die »Amme« genannt. Der Baron hatte übrigens ganz recht: wenn es eine gab, der das gelingen konnte, so war es Olga. Unersättlich im Gemeinen, mit einer gierigen, an der Wurzel verdorbenen Phantasie, lüstern, zynisch, roh, dabei von bösen und gewaltsamen Launen, konnte sie einem Sentimentalitäten wohl abgewöhnen. Und ich muß sagen: sie gab sich alle Mühe. Es war nicht bloß wegen der Villa: es reizte sie, diese feine und edle Natur zu degradieren und zu sich zu ziehen. Auch wollte sie sich vor den Leuten nicht blamieren. »Was macht der Kleine?« fragten die Kollegen, wenn sie zur Probe kam. »Ist er brav?« Manchmal ärgerte sie sich, aber es schmeichelte ihr doch. Sie wollte einmal ihre Kunst beweisen. Es wurde ihr ja nicht schwer, ihn im »Lumpen« zu unterrichten. In zehn Jahren der Galanterie war sie so verkommen, daß sie ohne Rausch nicht mehr leben konnte. Sonst lag sie wüst und vertiert auf dem Sofa, stierte vor sich hin, hatte Schmerzen, jammerte laut und wollte sterben; sie hatte sich schon einmal angeschossen, ein anderes Mal mit Phosphor vergiften wollen. Aber beim vierten Glase Kognak freute sie das Leben wieder. Kognak war ihre Leidenschaft. Da wachte sie auf und wurde wieder jung, wie eine Mänade konnte sie dann rasen. Das war ihre Spezialität. Ihre welke, wüste, verdunsene Person mit den glotzenden Augen reizte nicht mehr, sondern die Herren nahmen sie nur mit, um ihren Räuschen zuzusehen. Mir ist das furchtbar gewesen. Ich habe nie einen solchen Ekel vor dem Weibe empfunden und ich haßte sie, weil in ihrer Nähe Mascha schlecht und anders wurde. Mit großen Augen stand Mascha hämisch lachend da und funkelte von böser Lust, wenn sie sich auf dem Boden wälzte und sich die Meider vom Leibe riß. Es gab häßliche Szenen. Oft bin ich dabei mit Edi still in einer Ecke gesessen, wir haben nie von unserem Schicksal gesprochen. sondern er las mir gern mit seiner traurigen, kranken Stimme griechische Gedichte vor, aus der Anthologie; seltsam klang das Kreischen der Weiber dazu.

Auch Merz kam oft zu uns. Mascha unterhielt sich gern mit ihm, und mich reizte es, ob nicht doch hinter allen Masken einmal sein wirkliches Gesicht zu sehen wäre. Er war einer der amüsantesten Menschen. Er war es freilich nicht umsonst: wenn er schon den Narren gab, sollte man ihm bezahlen; er war ein großer Schmarotzer. Ja, er schämte sich nicht, die alte Garderobe der Kollegen zu tragen. Wenn man ihn deshalb verspottete, pflegte er zu sagen: »Die Fetzen sind noch immer viel zu schön für mich. Braucht ein Gaukler elegant zu sein? Wir sind ja doch nur Gaukler und Akrobaten. Eigentlich sollten wir vor jeder Vorstellung in Trikots durch die Stadt ziehen und trommeln.« Was er eigentlich mit seiner Gage tat, wußte niemand. Er lebte wie ein Bettler. Er hatte eine winzige Stube in Währing gemietet, in der Edelhofgasse, da standen ein paar Kisten mit alten Kostümen und ein Kasten mit Wäsche, man mußte durch die Wohnung eines Flickschneiders durchgehen, um zu ihm zu kommen; aber er war fast nie daheim. Wann und wo er eigentlich schlief, erfuhren wir nicht. In aller Frühe konnte man ihn schon auf der Bank vor dem Theater sehen, während die Dekorationen verladen wurden. Da sprach er mit den Arbeitern und hielt sozialistische Reden, schmähte die Ungerechtigkeit und Torheit unserer Welt und hetzte gegen die heutige Ordnung. Man hat seinen Vansen sehr bewundert. Den spielte er täglich in der Früh den Arbeitern vor dem Theater vor. War es dann zehn, so ging er hinein. Er war bei jeder Probe, auch wenn er nichts zu tun hatte. Es zog ihn auf die Bühne wie in sein Element. Dann ließ er sich zum Essen einladen, spielte den ganzen Nachmittag Billard, abends war er wieder im Theater. Nachts zog er in allerhand Spelunken herum; er wußte Lokale, die nicht einmal die Polizei kennt. Da saß er mit Dirnen und Zuhältern und Verbrechern, gebärdete sich als ihr Tribun und hielt große Reden. In schönen Nächten konnte er wohl auch allein stundenlang durch die Straßen laufen, einer fixen Idee nach, die er hatte. Ich weiß freilich nicht, ob es ihm ernst war. Man kannte sich ja bei ihm nie aus. Doch tat er sehr wichtig und behauptete sogar, ein Buch zu schreiben, ein großes systematisches Werk, das es unwiderleglich beweisen werde. Er hätte nämlich die Idee, daß der Mensch fliegen könne; es handle sich nur um die innere Energie. Das ganze Geheimnis bestehe bloß darin, den Leib einzuziehen und den Geist aufzublasen. Woher kommt es denn, daß der Mensch laufen kann? Das wäre doch unerklärlich, hätte er nicht eine bewegende Kraft in sich. Wenn er aber in sich eine bewegende Kraft hat, warum soll diese denn nur nach vorne bewegen und nicht nach oben? Aber wir müssen erst lernen, sie zu dirigieren. Die bewegende Kraft ist doch auch in dem Kinde schon da, und doch kann es nicht gehen: sein Geist muß erst lernen, sie anzuwenden. Warum wenden wir sie nun bloß nach vorne an, warum nicht auch nach oben? Der Kraft ist es ganz gleich, ob sie so oder so wirkt. Es hat nur der Geist noch nicht den Mut. Freilich wird es nicht gleich gelingen. Das Gehen gelingt dem Kinde auch nicht gleich und es mag Jahrhunderte gedauert haben, bis die Menschen gehen lernten. Das Gehen mußte erst erfunden werden: Irgendein tapferer und seiner Instinkte sehr bewußter Mensch mag zuerst den Reiz zum Gehen gespürt haben. Die anderen haben damals gewiß auch gesagt: Das ist ein Narr. Jede Erfindung ist eben zuerst ein Wunder und dann wird sie selbstverständlich. Das Fliegen müßte nur erst einmal erfunden sein, dann werden es alle können. Man wird es dann gar nicht mehr glauben wollen, daß es jemals Leute gegeben haben sollte, die es nicht konnten. Diese auf der Erde hinkriechenden, niemals sich erhebenden, niemals in der Luft aufatmenden Menschen wird man dann wie Tiere verachten. Es wäre ja auch zu sonderbar, wenn der Mensch nicht fliegen könnte. In seinem Begriffe liegt es doch, alles zu können, was die Tiere können. Alle Gaben der Tiere machen zusammen den Menschen aus. Er schwimmt wie der Fisch, er klettert wie der Affe und nur fliegen sollte er nicht können? Das müßte ein Irrtum der Natur sein, übrigens ist die Erfindung des Fliegens im Prinzip schon gemacht. Das Fliegen ist ja nichts als ein konsequentes Springen. Wenn der Springende genug Charakter hat, im Springen nicht nachzulassen, so fliegt er. Wir kriegen nur noch immer Angst und drehen wieder um, das müssen wir uns noch abgewöhnen. Das Wesentliche des Fliegens, das Abstoßen von der Erde, können schon alle; sonst könnten sie ja nicht springen. Wir brauchen nur noch etwas mehr Charakter. Das ganze Fliegen ist bloß Sache des Charakters. Diese Idee konnte er unermüdlich in dem ruhigen, sachlichen Ton eines Dozenten, der jungen, etwas zerstreuten Leuten eine ewige, unumstößliche, nur nicht gleich evidente Wahrheit erklärt, vor uns verteidigen. Ging man in der Nacht mit ihm spazieren, so nahm er in leeren Straßen gern seine Übungen vor. Es war komisch und unheimlich zugleich, seine hagere Gestalt mit den langen Armen, die wie Stangen aussahen, hüpfen, springen und durch die Luft rudern zu sehen, bis er endlich atemlos auf dem Pflaster lag. Einmal, behauptete er, sei es ihm bereits gelungen. Er sei nachts allein tmrch die Teinfaltstraße gegangen und plötzlich, ohne daß er sich besonders anstrengte, sei ihm wunderbar leicht geworden, er habe nichts mehr unter den Füßen gespürt und sich langsam wiegend bewegt. Leider habe ihn an der Ecke, als er eben mit neuem Schwung über den Ring zum Rathaus fliegen wollte, plötzlich ein Wachmann am Fuße gepackt und gewaltsam auf die Erde gezogen. Er pflegte dieses Abenteuer mit großer Entrüstung zu erzählen und hatte in der Tat an die Polizeidirektion eine lange Beschwerde gerichtet. Dieses Dokument, das er gern vorlas und auch allen Ministern zuschickte, war sehr lustig. Er sagte darin, er gebe ja zu, daß das Fliegen in Osterreich bisher verboten gewesen sei; es stehe nirgends, daß es erlaubt ist, und was nicht durch ein besonderes Gesetz ausdrücklich erlaubt, ist bei uns immer verboten. Auch begreife er, daß man im Interesse des öffentlichen Verkehrs und der Sicherheit der Passanten ungeübte Flieger nicht auf die Straße lassen dürfe. Doch sei er bereit, sich einer Prüfung bei der Polizei zu unterziehen, man solle es wie mit dem Radfahren machen und Erlaubnisscheine und Nummern ausgeben; die Polizei hätte ja ein Interesse daran, die neue Erfindung zu begünstigen, indem diese sicherlich eine Reform des ganzen Verkehrswesens bringen würde. Mit dieser Eingabe lief er bei Advokaten, Journalisten und Abgeordneten herum. Es war die einzige Sache, die er doch ernst zu nehmen schien. Unsterblich gedachte er durch das Fliegen zu werden und er versicherte oft, er hoffe, daß auch auf seinen elenden Stand dann ein Strahl von seinem Ruhme fallen werde. Das war auch ein Thema, das er liebte. Er verachtete nämlich seine Kunst; ja er wurde schon wütend, wenn man sie eine Kunst nannte. Es sei unverschämt von den Schauspielern, sich als Künstler aufzuspielen. Ein Künstler ist wer eine Seele hat, die sich den Menschen mitzuteilen weiß. Aber das Wesen des Schauspielers ist es, gar keine Seele zu haben, sondern bloß einen Leib, der jede Seele annehmen oder doch so tun kann. Hanswurste sind wir, schrie er dann, Feuerfresser und Gaukler, und hängt man uns jetzt auch Titel und Orden an, wir werden doch nie ehrliche Leute werden. Das läßt ja das gesunde Gefühl nicht zu! Menschen, die um Geld ihr Herz herzeigen, pfui Teufel! So pflegte er es auch dem Direktor zu motivieren, wenn er eine bessere Gage wollte. Wie er in einer neuen Rolle gefiel, setzte er sich gleich hin und verlangte wieder um fünzig Gulden monatlich mehr. Er schäme sich zu sehr, schrieb er, und traue sich schon gar nicht mehr auf die Straße. Diese Schande müsse ihm doch vergütet werden. Nicht für seine Leistungen verlange er Honorar, sondern für die Infamie seines Gewerbes, um sein lautes und klagendes Gewissen zu beschwichtigen. Solche Briefe schickte er dem Direktor jedes Quartal und er spielte ihm dann in der Kanzlei Szenen von solcher Zerknirschung und Reue vor, daß ihm zuletzt seine unverschämten Forderungen immer bewilligt wurden. Er hatte überhaupt die angenehme Stellung, daß man ihm alles verzieh, weil ein so verrückter Mensch unverantwortlich und ein so interessanter, seiner Sache so gewisser und drastischer Schauspieler unentbehrlich war. Mir ist er immer ein Rätsel geblieben. Wir verkehrten jetzt sehr viel. Er kam fast täglich. Er aß jede Woche ein paarmal bei uns und gab Mascha auch Unterricht im Fliegen, die Stunde für zwanzig Kreuzer. Ich saß oft dabei und mußte lachen, wenn er mit der gestrengen und würdigen Miene, die er als Malvolio hatte, die Grundbegriffe dozierte und dann sehr ernst und pedantisch, beinahe feierlich, mit seinen hageren Armen das Tempo zeigte, während Mascha in einem eigenen phantastischen Kostüm mit großen weißen Flügeln leidenschaftlich tanzte und sprang. Auch habe ich ihn manchmal auf seinen nächtlichen Wanderungen begleitet und ihn so in allen möglichen Stimmungen und Launen gesehen, bei Tag, nachts, auf der Bühne, im Salon, in den Spelunken, betrunken und verkatert, in der Nervosität vor einer Premiere und im Rausch nach einem Erfolg. Und doch ist er mir immer nur fremder geworden. Ich bemühte mich umsonst, einen Zugang zu seinem Wesen zu finden. Ich hatte immer noch das Gefühl, als ob ich ihn nur von der Bühne her, nur als Schauspieler kennen würde und nun doch auch einmal im Leben sehen möchte. Wie er wirklich war, das wußte ich noch immer nicht, seine natürliche Stimme hatte ich noch immer nicht gehört, ich kannte noch immer sein erstes Gesicht nicht. Die einfachsten Fragen hätte ich nicht beantworten können: ich wußte nicht, ob er jähzornig oder gutmütig, heftig oder gelassen, sinnlich oder nüchtern war. Gar nichts schien er mir zu sein, er schien mir alles immer nur zu spielen.

Manchmal ließ sich auch der Direktor sehen. Er wurde mir immer sympathischer. Zuerst habe ich ihn bloß für einen großen Pfiffikus gehalten, der immer nur noch schlauer als die Schlauesten sein wollte und sich freute, jeden Tag einen anderen Mimen »hineinzulegen«. Merkwürdig war es nun, daß dieser so kluge und berechnende Mensch, den seine Gegner einen Intriganten nennen, sich doch in allen Entschließungen von sehr starken und gewissen Instinkten beherrschen ließ. Schien er aus der Ferne einem feinen und kalten Diplomaten der alten Schule zu gleichen, so war er in der Nähe eine rasche, laute und gewaltsame Natur der instinktiven Entschließung. Ich unterhielt mich oft mit ihm über das Theater. Nun weiß ich ja nicht, ob er mir seine ganze Meinung gesagt hat. Man muß ja bei ihm immer auf der Hut sein. Er spricht, wie er es gerade braucht, und bedenkt sich nicht, seine Ansichten nach seinen Absichten ein bißchen zu fälschen. Er behauptete gern, die Dichter hätten für das Theater nicht viel zu bedeuten; es sei der Ort der Schauspieler; nur zur Bedienung der Schauspieler sozusagen seien die Dichter da. Ein Direktor muß trachten, die Natur des Schauspielers zu verstehen. Er schilderte nun gern, wie der Schauspieler eigentlich gar kein Mensch, sondern nur eine Trompete seines Talentes ist. Der Schauspieler existiert eigentlich nur von sieben bis zehn Uhr abends, wenn er auf der Bühne steht. Dann ist er edel oder gemein, sanft oder zornig, gut und böse, was eben die Rolle verlangt. Hat er keine Rolle an, so ist er gar nichts. Die Stunden, die er nicht spielt, sind Pausen in seinem Wesen, wo es schläft; es wird erst auf der Bühne wach. Man sollte bedenken, daß die Schauspieler eigentlich im Leben spielen und nur, wenn sie spielen, erst leben. Es sei darum ungerecht, sie nach unseren bürgerlichen Begriffen zu messen. Ihr Talent habe seine eigene Moral. Ein Schauspieler tut recht, wenn er bei Tage so handelt, daß er abends in der Laune ist, gut zu spielen. Alles andere sei Unsinn. Wollte man sich bei ihm über das ärgerliche Leben eines Schauspielers beschweren, so nannte er einem die Rollen, in welchen er gut war. »Sehens«, sagte er, »das andere geht den Direktor nichts an; da müssens schon zum lieben Gott geh'n!« Und er konnte sehr böse werden, wenn man ihm Anfänger zu empfehlen glaubte, weil sie aus guter »Familie« seien. »Ich pfeif' auf die gute Familie, Talent sollen sie haben, und dann kann der Vater meinetwegen ein Nastelbinder und die Mutter eine Zigeunerin sein. Sie verwechseln das Theater mit dem Theresianum!« In solchen Paradoxen gefiel er sich und es war schwer, ihm zu widersprechen. Manchmal hatte ich auch den Verdacht, als ob er gegen unser Verhältnis sei und sich freuen würde, es zu stören. Er meinte, daß ernste Leidenschaften dem Talent der Schauspieler schaden. Ich hätte mich gern einmal mit ihm ausgesprochen. Aber er vermied es und entwich mir immer. Waren wir allein, so fing er sofort von meinem neuen Stück zu sprechen an und ließ mich nicht abschweifen. Das war so seine Art, sich unbequeme Leute durch sachliche Gespräche vom Halse zu halten.

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