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Theater

Hermann Bahr: Theater - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleTheater
publisherS. Fischer
addressBerlin
firstpub1897
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060427
projectid3bd51929
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Siebentes Kapitel

Ich habe schon gesagt, daß nun auch der Vater wieder da war, der alte Bastante. Ich lernte ihn kennen. Mascha hatte ihn sehr gern und ich kann nicht leugnen, daß ich auch meine Freude an ihm hatte. Man durfte ihn freilich mit moralischen Begriffen nicht messen, aber er trieb seine unsauberen Dinge mit einer so frechen Laune, einer so behaglichen Ironie und ich möchte fast sagen: einer so tiefen Unschuld, daß man ihm nicht bös sein konnte. Er war geboren, andere auszubeuten, sich auf fremde Kosten gut zu tun und schön durch das Leben zu lungern, während andere für ihn arbeiten und sorgen mochten. Er verstand es nun einmal nicht anders; es hätte nichts geholfen, ihm Moral zu predigen. Er war zum Abenteurer geboren. Er sah, wenn er so sein edles, mächtiges Haupt in der Loge zeigte, wie ein Marchese aus, und niemand hätte vermutet, daß dieser aristokratische und dekorative Kavalier, der ein bißchen dem Viktor Emanuel glich, vor zwanzig Jahren im Prater mit Salami und Käse ging. Er mochte jetzt einige vierzig Jahre sein, aber er sah viel jünger aus und wenn er seine Tochter führte, schienen sie eher Geschwister. Man kann sich ein schöneres Paar nicht leicht denken: so graziös, so edel, so zierlich schritten sie dahin, daß es eine Lust war, ihre ungemein köstlichen Bewegungen zu betrachten. Wie vor einer besseren Rasse wichen ihnen die Leute aus, wenn sie über die große Treppe des Theaters kamen. Dann leuchteten seine verwegenen Augen, er lächelte lässig und kein Held, kein Fürst konnte majestätischer unter seinem Volke gehen.

Wir wußten nicht, wo er die ganze Zeit gewesen war. Sechzehn Jahre hatte er nichts von sich hören lassen und blieb verschollen. Er mußte viel herumgekommen sein, fremde Länder und ferne Menschen gesehen und manche Abenteuer erlebt haben, soviel konnte man aus seinen dunklen und etwas mysteriösen Andeutungen vermuten. Er sprach stets mit einer sehr bedeutenden, verheißenden Miene von dieser Zeit, wie ein Diplomat, der viel sagen könnte, wenn er nur dürfte. Er mischte gern spanische und portugiesische Worte ein und liebte es, von Mexiko und Kuba zu erzählen. Mascha konnte ihm dann stundenlang zuhören, ohne sich zu regen, ganz verloren und verzückt. Sie war so stolz, einen so ritterlichen Vater zu haben; Desdemona kann dem Mohren nicht zärtlicher, nicht inniger gelauscht haben. »Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand«, und seine Gefahren waren noch viel schrecklicher, weil er sie doch immer wieder verschwieg und nur so aus der Ferne vage ahnen ließ. Es blieb immer ungewiß, ob er denn eigentlich von sich oder von einem anderen sprach; auf nähere Bestimmungen ließ er sich nicht ein. Mascha verlangte das auch gar nicht, sondern war selig, sich dem großen Rhythmus seiner schönen Lügen hinzugeben. Sie konnte sich im seiner vollen, warmen, ein bißchen falschen Stimme nicht satt hören. Er hatte einen sonoren Ton, der ihr imponierte, und war der richtige père noble. Sie verehrte ihn, obwohl sie von seinen liederlichen Streichen wußte; aber er war so edel, und sie konnte seinen großen Worten nicht widerstehen. Wenn er ihr so, mit pompösen Deklamationen, die Verdorbenheit der Menschen schilderte, sie vor den Gefahren warnte, die rings einem unerfahrenen Mädchen drohen, und ermahnte, das ewige Glück der Tugend nicht der eitlen und leeren Lust der Sünde zu opfern, wurde sie oft so gerührt, daß sie laut zu schluchzen anfing. Erlaubte ich mir dann einmal, mit aller Schonung zu bemerken, daß er doch an ihrer Mutter nicht gerade schön gehandelt und sich etwas spät auf seine väterliche Würde besonnen hätte, so wurde sie böse und schien es nicht zu verstehen. Das war doch ganz gleich, was er getan hatte und noch tun mochte, aber er sprach so schön, er hatte so rührende und erhabene Worte und konnte einem mit solcher Macht ins Gewissen reden, daß man sich wirklich schämte und ganz zerknirscht war. Das tat ihr so wohl, das war doch zu schön.

Wir gingen manchmal nach dem Theater mit den Eltern ins Gasthaus. Es war mir nicht sehr behaglich, vor den Leuten mit der verrufenen Alten und dem grotesken Papa zu sitzen, aber ich konnte es in meiner Rolle des Hausjournalisten nicht gut abschlagen. Auch behauptete Mascha in einem Ton, den sie von ihrem Vater annahm: sie sei das ihrer Familie schuldig. Wir gingen entweder zum Sacher oder ins Imperial; ihm War es ja nirgends »fein« genug. Ein paar Gecken und »Bewunderer« kamen gewöhnlich mit, der Alte hielt große Reden, es war sehr gespreizt. Nach einer Stunde hatte er gewöhnlich schon einen schweren Rausch, nun hörte er zu predigen auf und fing mit den Kellnern Krawall an. Das Ende war meistens, daß er zu toben begann, Gläser, Flaschen und Teller zerbrach und am liebsten alles demoliert hätte. Irgendein Bewunderer mußte ihn dann nach Hause bringen. Ich wunderte mich dabei oft über Mascha. Ich hätte gedacht, solche Szenen müßten ihr widerlich sein. Aber es schien ihr gar nichts zu machen. Sie nahm den Tumult und Lärm ganz gelassen hin, duckte sich nur ein wenig, wenn die Gläser flogen, und schien weder ängstlich noch betrübt. Ich bemerkte auch, daß es ihrem Respekt vor dem Vater nicht schadete. Er konnte heute schreien und rasen, morgen hörte sie doch seine Lehren wieder mit derselben Liebe an. Seltsam war es auch, wie sich die Alte dabei verhielt. Sie tat sehr zärtlich und schmeichelte ihm, aber eine große Angst wollte sie nicht verlassen, sie sah ihn immer nur so von der Seite an und hatte etwas von einem verprügelten Hund. Er behandelte sie mit einer burschikosen und derben Galanterie, wie man etwa mit einer alten Haushälterin oder Amme ist, die man ja am Tische mitsitzen läßt, aber doch zuweilen erinnert, daß sie nicht zu frech werden soll. Er sprach nicht viel mit ihr und meistens nur, um etwas zu verlangen; bald mußte sie ihm die Tabatiere aus seinem Mantel holen, bald dem Kellner nachlaufen und, wenn er etwas fallen ließ, hob sie es auf, ohne daß er gedankt hätte. Er ließ sich von ihr bedienen. Sie tat es gehorsam, er war offenbar stärker als sie, aber man sah ihr bei aller Demut doch bisweilen einen tiefen, gierigen Haß an.

So mochten uns etwa vier Wochen vergangen sein. Wir hüteten uns noch immer, unser Glück zu bekennen; die Leute sollten nichts merken, besonders vor der Alten ängstigte sich Mascha. Es schien uns auch zu gelingen; wir hätten geschworen, daß kein Mensch etwas ahnte. Später habe ich freilich erfahren, daß man lange schon in der ganzen Stadt davon sprach.

Eines Abends saßen wir in unserer lieben Wohnung. Sie spielte nicht und so hatte sie schon um fünf Uhr kommen können. Ich war schon vor ihr da. Diese süßen Stunden der Erwartung werde ich nie vergessen. Ich brachte immer etwas mit, eine kleine Überraschung, irgendeinen Scherz, bald einen schweren Stoff von edler Farbe, um die Türe zu drapieren, bald einen Engel aus Holz oder auch alte Teller und Schüsseln, was ich eben gerade bei Antiquaren fand. Nun stellte ich die Möbel um, vertauschte die Bilder, sie sollte jedesmal meinen, in eine neue Wohnung zu kommen. Das enge Gemach war nach und nach ein kleines Museum geworden. Neben den Pferden des alten Reitlehrers hingen jetzt große Photographien von ihr in allen möglichen Rollen, Lorbeerkränze waren da und eine Büste, die ein enthusiastischer junger Künstler von ihr gemacht hatte, ein bißchen schwer, zu groß für ihr feines und zierliches Wesen, doch recht dekorativ. Da räumte ich nun herum und malte mir aus, was sie dazu sagen würde, wie sie mit ihrer hellen Stimme, die in Momenten der Erregung noch spitzer wurde, vor Vergnügen piepsen würde, wie sie dann in die lieben schmalen, so nervösen Hände klatschen würde, wenn es ihr gefiel. Hatte ich dann alles gerichtet, eingeheizt und die Lampe geputzt, dann ging ich mit stillen Vorgedanken auf und ab und wartete. Sooft ein Wagen fuhr, blieb ich stehen und horchte, ob er halten würde. Gern hätte ich hinausgesehen, aber ich wagte es nicht. Ich lernte allmählich, wie es klingt, wenn ein Wagen unten vom Heumarkt und wenn er oben vom Rennweg kommt, wie Equipagen ein anderes Geräusch haben als Fiaker und wie man es den Pferden schon aus der Ferne beim Einfahren anhören kann, ob sie in der Straße halten werden. Lauter solche dumme Sachen machten mir viel Vergnügen. Es gab freilich auch böse Momente. Sie verspätete sich bisweilen. Dann bekam ich eine unbeschreibliche Angst. Ich sagte mir wohl, daß es töricht war; es war wahrscheinlich ein Besuch bei ihr oder es konnte auch eine Abänderung im Theater sein. Aber es nützte mir nichts, ich konnte doch meine Verzweiflung nicht beherrschen. Erst wenn endlich der Wagen unten hielt und ich dann unsere dünne, heisere Klingel scheppern hörte, dreimal ganz kurz und ungeduldig, wie es ihre Art war, atmete ich auf.

An jenem Abend hatte es stark geschneit. Ganz erfroren war sie gekommen, aber übermütig; denn sie liebte den Winter. Sie brachte einen großen Schneeballen aus dem Hof mit und nun rieb sie sich das Gesicht damit, dann warf sie ihn nach mir, so jagten wir herum. Sie kochte, ich deckte, sie hatte ein Häubchen auf und eine Schürze vor, ich trug auf und servierte. Wir saßen und plauschten und lachten oder wir schwiegen auch lange und sahen uns nur an. So war es neun Uhr geworden, da läutete es plötzlich. An der dünnen, heiseren Klingel wurde mit Gewalt gezogen. Wir erschraken. Es kam doch nie jemand zu uns. Wer konnte das sein? Ein Bettler? Irgendein Händler? Dazu war es doch zu spät. Sie zitterte und wollte mich durchaus nicht öffnen lassen. Die Klingel schepperte wieder. Ich machte ihr begreiflich, daß es doch nicht anging, einfach nicht zu öffnen; was sollte denn auch für eine Gefahr dabei sein? Es war wahrscheinlich die Hausmeisterin, die irgend etwas zu besorgen hatte. Aber Mascha ließ sich nicht beruhigen, weinte laut und beschwor mich, nicht zu öffnen. Indessen schepperte die heisere Klingel immer fort. Ich konnte doch nicht das ganze Haus alarmieren lassen. Ich ging hinaus und öffnete. Da stand auf dem Korridor die Alte vor mir.

Ich war so verblüfft, daß ich sie eintreten ließ. Sie wollte Mascha sprechen. Ich stotterte, daß Mascha doch nicht hier sei, wie käme denn Mascha zu mir? Sie bat mich, ich möchte keine Komödie spielen, dazu sei die Sache zu ernst, es handle sich um das Glück der ganzen Familie. Während ich noch stammelte und ihr etwas vorlügen wollte, kam Mascha aus dem Zimmer. Ich hatte sie nie so gesehen: das Gesicht von solcher Wut verzerrt, daß ich sie an der Hand nahm, um die Alte zu schützen. Wie ein wildes Tier wäre sie auf sie gesprungen; ich hatte kaum die Kraft, sie zu bändigen. Die Mutter hatte noch kein Wort gesagt. Sie hob nur ein wenig die Hand, als ob sie sie streicheln wollte, um sie zu beschwichtigen. Dann duckte sie sich wieder und hörte ihre Verwünschungen und Bedrohungen geduldig an. Es gelang mir endlich, sie wenigstens in das Zimmer zu drängen, damit nicht noch das ganze Haus von dem Geschrei rebellisch würde. ,

In ihrer Wut hatte Mascha so geschrien, daß sie gar keinen Atem mehr hatte. Wie ein Sack fiel sie jetzt auf das Sofa hin. Während sie dalag, ächzte und von heftigen inneren Stößen gerüttelt, ja förmlich geschleudert wurde, die Fäuste in Krampf geballt, rückte sich die Alte einen Stuhl hin und begann ihr leise zuzureden, wie zu einem törichten und tranken Kinde. Sie hätte es doch längst gemerkt und sie gönne es uns ja von Herzen, das sollte ihr Liebling doch wissen. Sie habe sich freilich ein bißchen gekränkt, daß wir es ihr verheimlichen wollten. Zur Mutter muß ein Kind doch Vertrauen haben.

Mühsam hob Mascha den Kopf und fragte mit harter, heiserer und feindlicher Stimme: »Also was ist denn schon wieder? was hast du denn? was willst du denn schon wieder von mir?«

»O mein Kind,« sagte die Alte ganz sanft und einschmeichelnd, »rege dich nur nicht auf, wir können ja nichts dafür, aber du mußt uns helfen, es handelt sich um die Ehre der Familie.«

Sie wurde nun recht theatralisch, hatte die Gebärden und Töne einer schlechten Königin Elisabeth in der Provinz und schwelgte in falschen Phrasen. Sie verdrehte die Augen, rang die Hände und rief den Himmel an. Es dauerte lange, bis sie endlich merken ließ, was sie eigentlich wollte. Es war natürlich wieder eine Geschichte mit dem Vater. Soweit ich sie, in diesen Dingen unerfahren und mit solchen Geschäften nicht vertraut, ungefähr verstehen konnte, handelte es sich um folgendes: Der Vater hatte sich verleiten lassen, an der Börse zu spielen. Er kannte irgendeinen kleinen Bankier, der ihm die Vorteile der gegenwärtigen Konjunktur bewies; nie hätte man leichter mit einem Schlag ein Vermögen gewinnen können; es sei ein Verbrechen, das nicht zu benützen. Er nannte ihm ein Papier, das in der nächsten Zeit kolossal steigen würde; das könne er nach seinen ganz sicheren und untrüglichen Nachrichten verbürgen. Nun hatte aber der Vater kein Geld. Daran lag nichts, da der Bankier aus Freundschaft bereit war, die Spekulation auch so für ihn zu führen. Nur müßte er ihn für alle Fälle decken, eine bloße Formalität, da ja an einen Verlust nicht zu denken sei. Bloß der Ordnung wegen, weil es schon einmal Sitte sei, müsse er ein solches Dokument verlangen. Aber da der Vater selbst nichts besaß, konnte seine Unterschrift nicht genügen. Der Bankier riet ihm, seine Frau darum zu bitten, die ja für wohlhabend galt, und das Ganze sei ja doch nur eine bloße Formalität. Da es doch nur eine Formalität war, hielt es der Vater nicht für nötig, über die Sache erst mit seiner Frau zu sprechen, sondern er machte es sich bequem und schrieb einfach selbst ihren Namen hin, weil er ja ganz sicher zu sein glaubte. Allein die Nachrichten des Bankiers mußten doch nicht so untrüglich gewesen sein: die Spekulation gelang nicht. Nach zehn Tagen war der Vater dreitausend Gulden schuldig; diese forderte der Bankier, der selber starke Verluste hatte und sich um jeden Preis Geld verschaffen mußte, nun ungestüm ein. Der Vater bat um ein wenig Geduld, flehte, versprach das Doppelte, wenn er ihm nur ein bißchen Zeit lassen würde. Der Bankier blieb unerbittlich. Es stellte sich heraus, daß er gar kein eigentliches Geschäft hatte, sondern nur ein Wechsler war, der selber bloß so von der Hand in den Mund lebte. Da er immer zudringlicher wurde, ja endlich drohte, den Vater beim Gericht anzuzeigen, weil er Ursache hätte, eine Fälschung zu vermuten, blieb dem armen Mann schließlich nichts übrig, als sich endlich seiner Frau zu entdecken. Das war heute nachmittag geschehen. Nun galt es um jeden Preis, das Geld zu beschaffen. Bis morgen um zwölf hatte der Bankier zu warten versprochen, nicht eine Stunde länger. War morgen um zwölf das Geld nicht da, so drohte er, sofort zu seinem Advokaten zu gehen und es beim Gericht anzuhängen. So erzählte die Alte und schilderte die Verzweiflung des Vaters und ihren Schrecken.

Mir kam nun das Ganze nicht gar so arg vor, wie es die Frauen machten. Ich war gewohnt, den alten Bastante als eine ganz romaneske und keineswegs nach bürgerlichen Begriffen verantwortliche Gestalt anzusehen, über Falstaff oder den Don Cäsar wird man sich nicht moralisch entrüsten, weil sie eben gar nicht in die Region der sittlichen Maximen gehören. Er war ein Zigeuner, ein schöner Strolch. Den starken Reiz seiner pittoresken Natur empfindend, durfte man von diesem angenehmen Vagabunden nicht einen anständigen Menschen verlangen. Ich muß sagen, daß ich mich über seinen neuesten Streich nicht einmal wunderte. Ich konnte auch die Aufregung der Frauen nicht recht begreifen. Es war ja kein Vergnügen, plötzlich dreitausend Gulden zu zahlen, aber man schätzte die Alte doch auf Hunderttausende. Ich hatte schon gefürchtet, es sei wirklich ein Unglück geschehen. Nun war ich beinahe froh und ärgerte mich nur, daß mit einer so läppischen und albernen Sache soviel Lärm und Spektakel war. Ich begriff noch nicht, was denn die Alte eigentlich überhaupt von uns wollte.

Mascha sagte kein Wort, während die Alte sprach. Ihre Miene war immer hämischer, beinahe drohend geworden. Ein Zug von böser Freude lauerte in ihr. Immer langsamer, immer breiter erzählte die Alte und legte allerhand Fragen ein, um die Tochter nach und nach in das Gespräch zu ziehen. Es gelang ihr nicht. Mascha blieb stumm. Zuletzt fing sie laut zu klagen an, als ob er schon eingesperrt wäre, so eine Schande, so eine Schande, sie würde das nicht überleben, man hatte ja nichts auf der Welt als seinen guten Namen! So weinte sie und schien zu erwarten, daß man sich ihrer annehmen, ihr zureden und sie trösten würde.

Ich ging unschlüssig im Zimmer auf und ab. Ich ärgerte mich über Mascha. Ich konnte ihr Betragen nicht verstehen und war beinahe bereit, für die Alte einzutreten, die ich doch sonst nicht leiden konnte. Ich hatte wieder dasselbe häßliche Gefühl wie damals in der Kirche. War denn das noch meine Mascha? Ein Stern tanzte, als ich geboren ward, sagt irgendeine der heiteren und strahlenden Frauen bei Shakespeare: das zitierte ich immer von ihr. Das leise Schweben ihres Wesens, das kein irdisches Gewicht zu haben schien, liebte ich an ihr. Wie auf einem hohen Berge, wo einem das Blut schneller rinnt und man den Leib gar nicht mehr zu spüren glaubt, fühlte ich mich sonst in ihrer heiteren und reinen Nähe. So war es mir schrecklich, jetzt die gemeinen Akzente roher Menschen von ihr zu vernehmen. Ihr höhnisches Grinsen, ihre kreischende Stimme tat mir wehe.

Als die Alte fertig war und nur noch in abgerissenen Exklamationen jammerte und schrie, blieb Mascha lange stumm. Sie ging hin und her, lächelte verächtlich und sah die Mutter mit bösen Blicken an. Endlich trat sie zu ihr und sagte höhnisch:

»Es ist schon genug. Strenge dich nicht so an. Ich fall' ja auf den Schwindel doch nicht herein.« Sie sagte das mit solchem Haß und sah dabei die Mutter so frech an, daß ich mich für sie schämte. Ich begriff weder die Verzweiflung der Alten noch die Wut der Tochter. Erst nach und nach, während sie immer vehementer zankten, jene flehentlich und beschwörend, diese hämisch und gereizt, begann ich zu verstehen. Die Alte behauptete, kein Geld zu haben, die Häuser seien verschuldet, ihr persönlicher Kredit erschöpft; nicht hundert Gulden, jammerte sie, würde sie auftreiben können, nicht hundert Gulden! Sie habe schon alles versucht, seit vier Stunden laufe sie in der ganzen Stadt herum, bei allen Leuten, aber in der Not kann man auf niemanden rechnen. Was sollte sie denn also tun? Sie konnte doch den alten Mann, der ja unschuldig war und gar nicht wußte, was er getan hatte, nicht ins Kriminal sperren lassen! Lieber sterben! Sie würde die Schande nicht überleben.

Nun fing Mascha an, sie zu verhören. Es war ja nicht wahr, daß sie kein Geld habe. Sie rechnete ihr vor, daß mindestens siebentausend Gulden im Hause sein mußten. Am soundso vielten war das und das fällig gewesen, wohin war es gekommen? Was war mit dieser, was mit jener Summe geschehen? Und soundso viel hatte sie doch auf der Bank, warum wollte sie das nicht einfach beheben? Ich staunte, wie genau das poetische Geschöpf alle Zahlen kannte und diese verwickelten Dinge, denen ich gar nicht folgen konnte, wie ein Kassier verstand. Es sei alles nicht war. Die Alte hätte Geld genug und sie brauche nicht einen Kreuzer. Die ganze Geschichte sei überhaupt nur wieder ein Schwindel. Aber diesmal sollte sie sich verrechnen! Nun lasse sie sich nicht mehr würzen. Die Alte heulte noch mehr, beteuerte und schwor. Sie, die immer nur an das Glück ihres Kindes gedacht! Wem verdankte Mascha denn alles? Wer hatte sie denn zu Benesch gebracht? Wer hatte ihr denn, den Grafen verschafft? Und das war jetzt schließlich der Dank! Aber Mascha gab nicht nach. »Das sind lauter Lügen, « schrie sie, lauter Lügen! »Du willst nur wieder erpressen, aber jetzt bin ich nicht mehr so dumm!« Und sie fing von alten Sändlichkeiten an, weckte dunkle, schimpfliche Geschichten aus der Vergangenheit auf und wurde nicht müde, die Mutter zu schmähen. Ich konnte es endlich nicht mehr anhören. Um nur der widerlichen und unerträglichen Szene ein Ende zu machen, bot ich mich an, ihnen die Summe zu leihen. Es war ja nicht so viel; mein Stück wurde jetzt in allen Provinzen gegeben und ich konnte in der nächsten Zeit schöne Tantiemen erwarten, übrigens muß ich gestehen, daß ich gar nicht erst viel überlegte. Hätte ich damals nicht einen Kreuzer besessen, ich würde es doch übernommen haben, um nur der Szene ein Ende zu machen, die mir entsetzlich war.

Nun kniete die Alte vor mir nieder, wollte mir die Hände küssen, nannte mich ihren Sohn, einen Engel, den Retter der Familie, schwor, meine edle Handlung niemals zu vergessen, und rief den Segen des Himmels an; das alles mit einem solchen Aufwand großer Worte, theatralischer Gebärden und einer so unsauberen Begeisterung, daß ich Mühe hatte, meinen Ekel zu verhalten. Dazu schrie mich Mascha zornig an und verhöhnte mich, der Alten auf den Leim zu gehen. Ich wußte mir nicht anders zu helfen: ich lief einfach weg. Unter dem Vorwande, daß ich heute noch einige Anstalten treffen müßte, um das Geld morgen zur rechten Stunde zu haben, verließ ich die keifenden kreischenden Weiber.

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