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Theater

Hermann Bahr: Theater - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleTheater
publisherS. Fischer
addressBerlin
firstpub1897
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060427
projectid3bd51929
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Fünftes Kapitel

Ich will also erzählen, was mir nach und nach, teils durch sie selbst, teils durch andere, von ihrem Leben bekannt geworden ist.

Ihre Mutter heißt eigentlich Barbara Kratochwil und ist, es mag etwa vierzig Jahre her sein, aus ihrem mährischen Dorf als Amme nach Wien gekommen. Was sie dann alles gewesen ist, weiß ich nicht. Eine Zeitlang hatte sie ein Dienstbotenbureau, das aber bald von der Behörde geschlossen wurde. Sie hat dann auch einige Monate gesessen. Später diente sie im Russischen Bad Ottakring, das nach dem Tode des Besitzers auf eine nicht ganz klare Weise in ihre Hände kam. Daneben lieh sie auf Pfänder, Studenten versetzten bei ihr um ein paar Gulden den Index, schlug Karten auf, verkaufte geheime Arzneien und hatte für jede Verlegenheit Rat und Hilfe. So brachte sie es bald zu einem kleinen Kapital; der Geiz scheint ihre große Leidenschaft gewesen zu sein, stärker sogar als ihre wüsten Neigungen, bis sie den Bastante kennen lernte, nach dem sich die Tochter nennt. Er handelte im Prater mit Salami und Käse und hieß bei den Köchinnen, die ihm Sonntag ein Nachtmahl zahlten, der schöne Veroneser, obwohl er eigentlich aus Rovereto war. Er war wirklich sehr schön und noch ganz jung. Früher hatte er daheim Koffer getragen und Fässer gezogen. Ein Maler sah ihn, bewunderte die edle Pracht seiner Linien, die Grazie seiner Gebärden und nahm ihn als Modell nach Wien mit. Er war es zufrieden; er dachte sich das sehr angenehm, im Atelier zu liegen, bewundert und gemalt zu werden. Als er dann sah, daß es doch nicht so einfach war, und ordentlich sitzen sollte, wurde es ihm zu viel und er lief davon. Eine alte Selcherin gab ihm die Mittel, das ambulante Geschäft im Prater zu beginnen. Rufend von Tisch zu Tisch zu schlendern, mit den Mädchen zu kokettieren und nachher mit Kavalieren in der Czarda zu sitzen, um ihnen italienische Lieder vorzusingen, das gefiel ihm. So lernte ihn die Barbara kennen, die damals schon an die vierzig war. Es muß eine tolle Leidenschaft gewesen sein. Er konnte mit ihr machen, was er wollte, er schlug sie, er schrie sie an; nur wenn er wieder Geld brauchte, wurde er zärtlich. Bald war alles hin, das Bad wurde verkauft, er konnte nicht genug bekommen. Er mußte immer die schönsten Kleider haben und Ringe, Ketten und Nadeln; eine besondere Passion hatte er, in einem feschen Zeugel zum Heurigen zu kutschieren; dort saß er dann mit Grafen, warf den Spielern die Zehner hin und war ein großer Herr. Als sie nichts mehr hatte, verschwand er. Nun stand sie da, arm und schwanger. Sie lebte jetzt davon, daß sie auf der Schmelz Schnaps und Wecken den Soldaten verkaufte; als die Manöver anfingen, lief sie mit den Truppen meilenweit, um bei der Rast ein paar Kreuzer zu verdienen! Früh um vier rannte sie schon zur Kaserne, ging mit dem Regiment, hörte die Späße der Infanteristen an, mußte sich mit den anderen Weibern prügeln, und elend, staubig, verhöhnt, wankte die Schwangere mit. Im Spital wurde das Kind geboren, bei armen Leuten in Favoriten, weit draußen, wurde es erzogen. Sie hoffte von Tag zu Tag, daß es bald sterben werde. Aber es wuchs gesund und kräftig auf.

Da draußen hat Mascha elend, hungernd, frierend ihre ersten Jahre verlebt. Als sie kaum laufen konnte, wurde sie auf die Straße betteln geschickt. Sie lernte sich an die Passanten hängen und jammern und lügen. Mit verdorbenen Buben, dem Gesindel der »Linie«, trieb sie sich herum. Als sie älter wurde, mußte sie mit Veilchen oder Erdbeeren, je nach der Saison, in die Häuser schleichen, besonders wo alte Herren wohnten, da sollte sie ihr Glück versuchen. Von jener Zeit konnte sie nicht sprechen, ohne sich aufzuregen; ihr Gesicht wurde dann noch weißer, sie bekam jenen harten und feindlichen Zug um den Mund, und ich fühlte ihre lieben, empfindlichen Finger beben. Schreckliches muß ihr damals geschehen sein, das das Gemüt des Kindes verstörte. Wer Geld hat, pflegte sie zu sagen, ahnt ja gar nicht, wie grauslich die Menschen sind.

Die Mutter kümmerte sich nicht um sie. Monate blieb sie oft die Kost für sie schuldig. Jahre hat sie sie gar nicht besucht. Es ging ihr schlecht. Wieder hat sie allerhand dunkle Geschäfte getrieben; endlich kam sie doch wieder auf. Die Karten waren ihr Glück; es wurde Mode, sich von ihr aufschlagen zu lassen. Der große Maler Benesch hörte von ihr, ließ sie kommen und wurde ihr Gönner. Benesch war sehr abergläubisch und fragte immer die Karten; um keinen Preis hätte er ein Bild begonnen, wenn sie schlecht lagen. Sie ließ er bestimmen, ob er sich an einer Konkurrenz beteiligen, ob er eine Ausstellung beschicken, ja, ob er heute ins Theater gehen oder daheim bleiben sollte. Seine schwere, indolente Natur konnte sich von selbst nicht entschließen. Das verstand sie zu benützen und es gelang ihr, ihm unentbehrlich zu werden. Ganze Tage hatte er sie bei sich, wenn jene Beklemmungen und Depressionen kamen, die den großen, dicken und strotzenden Mann betäubten wie eine hysterische Frau. Zigaretten rauchend stieg er dann in dem großen Atelier mit seinen langsamen, weiten Schritten hin und her, die Alte saß an einem Tischchen und legte Patiencen. Gab sie dann vor, daß die Karten etwas wollten, und er zauderte noch immer, so warnte sie ihn, sich nicht zu versündigen, schrie ihn an, wurde böse, drohte, nicht mehr zu kommen, und warf die Karten hin, bis er sich fürchtete und ihr alles versprach. Hatte sie ihn so aus seiner Lethargie gerissen, dann konnte er ihr in seiner enthusiastischen und überschwenglichen Art nicht genug danken. Allen Leuten redete er von ihr vor und pries ihre Kunst, und er war ja damals der Liebling der Gesellschaft. Man wurde neugierig, das Extrablatt brachte ihr Bild, Aristokraten und Schauspielerinnen rissen sich um sie. Sie benutzte das, um einen Handel mit alten Toiletten anzufangen; einer Schauspielerin schmeichelte es, auf der Bühne in einem Kleide zu erscheinen, das eine Fürstin auf dem letzten Hofball getragen, und Gräfinnen verschmähten es nicht, im Schlafrock der Feodora zu paradieren. Auch sonst verstand sie es, ihren Kunden gefällig zu sein, half ihnen mit Geld aus und vermittelte alles. Sie hatte das Talent, überall die Vertraute zu werden, und konnte schweigen. So fehlte es ihr nicht an einem gewissen Ansehen, sie kam in die besten Häuser und hatte bald wieder ein kleines Vermögen.

Indessen war das Kind zehn Jahre alt geworden. Da erinnerte sich die Mutter. Eines Tages kam sie gefahren, sah sehr vornehm aus, lohnte die Leute ab und nahm es mit, es sollte jetzt bei ihr wohnen. Auch von dieser Zeit hat sie mir nicht gern gesprochen. Sie wollte nicht erinnert sein. Mit dreizehn Jahren ist sie dann zu Benesch gekommen. Davon konnte sie mir nicht genug erzählen. Wie ein häßlicher und wüster Traum fiel da die Vergangenheit von ihr ab und nun wurde es Frühling in ihrem Leben.

Ihre Mutter war Benesch unentbehrlich geworden. Er hatte sich nie auf Geschäfte verstanden, er wurde gleich nervös, es störte ihn in seinen Träumen. Nun ließ er von ihr alle Verträge und Lieferungen besorgen. Sie nahm ihm alles ab. Sie schrieb an die Ausstellungen, sie verpackte und verzollte, sie empfing Kritiker, Händler und Mäzene, forderte und feilschte, sie lief in die Redaktionen, wenn er ein Bild verkauft oder einen Preis bekommen hatte, und sie besorgte ihm die Modelle. Das war immer sein größter Kummer gewesen, daß er nie die rechten Modelle fand. Was sich ihm anbot, war nicht zu brauchen, und er hatte nicht die Geduld, selber zu suchen. Sie verstand es, aus ein paar Worten und vagen Gebärden zu erraten, was er sich eigentlich dachte, und sie fand es immer. Nun fing er seine Diana an, die niemals fertig geworden ist: Diana, atemlos hinter einem Eber her, schon hebt sie den Speer, um nach dem grimmigen Tiere zu stoßen. Da ging es ihr schlecht, nichts war ihm recht. Eine sehr schlanke, ganz junge und doch üppige Gestalt, hart und doch betörend, mehr einem Knaben gleich und doch mit allen weiblichen Reizen, Lust und Schrecken zugleich, verlockend und bedrohend – so etwas Unaussprechliches schwebte ihm vor. Den Zauber einer abweisenden, unzärtlichen Natur wollte er malen, die doch alle Begierden wecken sollte. Das Tragische der Jungfrau, sagte er, wollte er malen. So konnte ihm kein Modell genügen. Bald waren sie ihm zu jung; das ist ja ein Kind, schrie er dann, ein Weib brauch' ich, ein Weib, das ganz Weib ist, je weiblicher, desto besser! Bald waren sie ihm wieder zu lüstern, zu bewußt; gibt es denn keine reine Linie mehr? klagte er verzweifelt. Alle schickte er weg. Noch nie war er so unzufrieden mit ihr gewesen. Er jammerte, daß sie ihn nicht mehr verstand und sich keine Mühe gab und zu faul war, und war sehr zornig. Um ihm doch ihren guten Willen zu beweisen, bot sie ihm endlich ihre Tochter an. Von jenem Tage an, da er sie zum erstenmal sah, hat Benesch kein anderes Modell mehr benützt. Er war gleich ganz vernarrt in sie. Er konnte sich gar nicht satt sehen. Das war die Schönheit, die er sein ganzes Leben gesucht, die er in so heißen, aber ach! entrinnenden Träumen begehrt hatte, die er den anderen erst aus seiner Phantasie mit Gewalt antun mußte – hier stand diese verführerisch nervöse und so unklassisch bewegliche Schönheit endlich lebendig vor ihm. Er konnte, wenn sie mit irgendeinem weichen orientalischen Tuche oder einem alten Meßkleide drapiert lag, stundenlang stumm vor ihr sitzen wie im Gebet. Er sprach kein Wort, regte sich nicht, als nur höchstens von Zeit zu Zeit einmal, um sie mit leiser Hand anders zu rücken oder einen anderen Stoff um sie zu legen. Dann trat er wieder weg, lauschte wieder und schien gleichsam mit allen Sinnen an ihrer Schönheit zu saugen. Er gab ihr die prächtigsten Gewänder, zierte sie mit seltenen Steinen, sann neue Frisuren aus, die ihre roten Locken noch seltsamer flimmern ließen. Jede neue Pose schien ihm an ihr ein neues Wunder zu enthüllen, nie hatte er genug. Sie hat mir oft geschildert, wie wunderlich das dem Kinde gewesen ist. Sie hatte oft im Anfang beinahe Furcht vor ihm, wenn er ganze Tage nichts sprach, sondern immer nur vor ihr saß und sie mit seinen wilden, brennenden Blicken ansah; und manchmal seufzte er dann tief. Er hatte vom ersten Tage an ein besonderes Zeremoniell anbefohlen, das sie strenge halten mußte. In der Früh wurde sie um neun Uhr von seiner Equipage abgeholt. Wenn sie dann in den Schwarzenberg-Garten einfuhr, stand er bereits wartend an der Türe des Ateliers. Er nahm seine Mütze ab, gab die kleine hölzerne Pfeife weg, verneigte sich tief, trat heran, öffnete den Schlag und geleitete sie, indem er sie behutsam an den Spitzen ihrer schmalen Finger faßte, sehr feierlich und mit ritterlichem Anstand über die drei Stufen. Auf einem kleinen Tische stand ein Frühstück von Likören und seltenen Früchten bereit. Er aß nicht mit, sondern wartete ihr auf und bediente sie, niemand sonst durfte im Atelier sein. Er redete nichts, sondern sah sie immer nur beinahe lauernd an, um nur ja keine ihrer Bewegungen zu verlieren. Nach einer Stunde verneigte er sich wieder tief und fragte an, ob es ihr jetzt angenehm sei. Dann stand sie auf, er läutete, ihre Mutter kam herein. Diese wußte bereits, welche Pose er heute wollte. Er verließ das Atelier, die Mutter entkleidete sie und gab ihr die Stellung an. Dann wurde es ihm gemeldet, die Mutter verschwand, er kam zurück. Strenge war ihr aufgetragen, ja nichts zu reden; sonst hatte er gedroht, sie sofort zu entlassen. Nun ging er hin und her, zog die Vorhänge auf oder zu, um das Licht zu ändern, streute Rosen hin, stellte Statuen neben sie und änderte, bis er zufrieden war. Dann rückte er sich einen Stuhl hin und saß nun da, das Kinn auf die Hand gestützt. Manchmal stand er plötzlich auf und fing mit lauter Stimme zu singen an, am liebsten die einfachen und mächtigen Klänge irgendeines Chorals oder alter religiöser Lieder; oder er trat auch an das Klavier, nicht um zu spielen, sondern nur leise Akkorde zu greifen; dann neigte er sich beinahe ängstlich vor, belauschte den Klang und sah dabei aufmerksam auf sie, wie um Gesicht und Gehör zu vergleichen. Erst nach zwei oder drei Stunden begann er zu malen; da ächzte und stöhnte er, fluchte auch laut und zornig; oder er faltete die Hände und blickte von dem Bilde auf sie, von ihr auf das Bild zurück, mit einer unbeschreiblichen Angst in der Miene. Manchmal hat sie ihn bitterlich weinen gesehen. Dann holte er oft alte Mappen, nahm die Monna Lisa oder sonst ein berühmtes Bild her, legte es auf die Knie und verglich es mit ihr, das schien ihn zu trösten. Er drehte die Staffelei um, schob den Sessel wieder vor sich hin und saß nun wieder untätig in beglückter Haltung da. Später ist er immer trauriger geworden; oft wagte er es kaum mehr, sie anzusehen, wie beschämt und schuldig schlich er herum. Er war damals schon sehr krank. Nach zwei Jahren ist es ausgebrochen, er hat eines Tages alles zertrümmert und seine Bilder in kleine Streifen zerschnitten. Man mußte ihn in eine Anstalt bringen, sechs Monate später war er tot.

Was mag damals in dem Kinde alles vorgegangen sein? Sie kam aus dem Elend, in Schmutz hatte sie gelebt. Nun wurde sie hier wie eine Prinzessin, ja eine Heilige gehalten, bei einem Manne von seltsamer, doch gebietender Art, der kaum mit ihr redete und sie doch in seine stillsten Verzückungen, in seine heimlichsten Verzweiflungen sehen ließ. Dabei war sie immer in einem schweren Taumel, wie in einem gelinden Rausch. Es strengte sie sehr an, so starr und gierig betrachtet zu werden und selbst immer ins Licht zu schauen. Die Posen ermüdeten sie sehr; bis zu einem heftigen stechenden Schmerz konnte diese Ermüdung oft anwachsen. Der Leib wurde ihr schwer, und sie hatte ein Gefühl, wie von ganz seinen Nadeln am Rücken gekitzelt zu werden; es wurde ihr sehr heiß, die große Stille schien zu brausen, es war ein Getöse draußen und es flimmerte und flirrte ihr vor den blinzelnden und verlöschenden Blicken von zuckenden und zitternden Farben. Alles schien dann ins Unermeßliche zu wachsen, das Licht schien ihr große Flügel zu haben, die es langsam, mit rauschender Gewalt auf- und niederschlug, er selber wurde wie ein Riese, seine Schritte dröhnten, und sie ängstigte sich, daß er bis zum Dache wachsen, es einbrechen und an die Sonne stoßen würde. Dabei wurde sie ein geheimes schmerzliches und doch süßes Zucken nicht los; es knisterte in ihr, pflegte sie es zu nennen, als würde sie mit einer stacheligen Bürste gestreichelt; nur beim Elektrisieren sagte sie ähnliches empfunden zu haben. Wie aus einer tiefen Ohnmacht wachte sie auf, wenn er sie endlich entließ, und hatte Mühe sich wieder zu besinnen. Alles schien ihr nun draußen so klein und leer, so abgeblaßt und grau, so nichtig, als ob sie aus einer tropischen Natur in eine kahle und elende Gegend käme. Wenn er sie entlassen hatte, fuhr sie an schönen Tagen oft über den Ring nach dem Prater und wunderte sich, wie klein und komisch ihr das Gedränge der Menschen schien, wie bloß für Kinder zum Spielen aus einer Schachtel aufgestellt. Wenn sie dann von der unersättlichen und geizigen Alten immer noch zu häßlichen Dingen gezwungen wurde, ekelte sie und sie konnte Anfälle von Wut haben, daß ihre Leute erschraken. Ihre tiefe Erbitterung gegen die Mutter stammt aus dieser Zeit.

Sie war fünfzehn, als Benesch starb. In seinem Testament vermachte er ihr fast sein ganzes Vermögen. Sie hatte aber nicht viel davon, da die Mutter, solange sie lebte, die Zinsen genießen sollte; und der Geiz der Alten war unersättlich, wie besessen war sie und ließ nicht ab, das Kind immer in neue Erniedrigungen und schändliche Abenteuer zu hetzen.

Noch bei Benesch hatte Mascha den alten Grafen Bubay kennen gelernt. Der nahm sie jetzt zu sich. Benesch hat den eleganten Ungarn oft gemalt; das Bild, das ihn, aufrecht stehend und mit seinen leuchtenden Blicken gebietend, in der Tracht der Magnaten zeigt, ist unvergessen, es hängt jetzt hier in der Pinakothek. Die sehr prächtige Gestalt, der edle Kopf, die Würde der ganzen Haltung, die befehlenden Augen, der ungeheure weiße Bart – so stellt man sich etwa den alten Tizian vor. Der schöne Graf ist in Wien immer sehr populär gewesen, schon als Figur, dazu ein berühmter Reiter und Fechter und ein verschwenderischer Mäzen der Künste. Nun war er schon sehr alt, an die neunzig, und wenn man es ihm auch nicht ansah und er immer noch ritt und focht, so nahmen seine Kräfte doch ab. Er hörte fast nicht mehr, vergaß alles und dämmerte nur so hin, fast immer, auch wenn er im Wagen fuhr oder im Theater saß, leise schlafend. Aber er wollte es sich nicht merken lassen, um keinen Preis hätte er bei einem Rennen, bei einer Premiere gefehlt, immer trachtete er noch, sich mit einem jungen und eleganten Geschöpf zu zeigen. Die Mutter hatte schon, als Benesch noch lebte, sich an den Kammerdiener des Grafen gemacht, der mehr ein Sekretär und sein Vertrauter war, und fädelte es jetzt ein, daß dieser Mascha dem Grafen empfahl. Sie gefiel ihm und er hatte sie bald sehr gern, weil er an ihr seiner Passion für Kostüme frönen konnte. Fünf-, sechsmal im Tage mußte sie sich umziehen, und er ließ eigene Figurinen für sie malen. Sonst verlangte er von ihr nur noch, daß sie täglich eine Stunde mit ihm baute. Er hatte einen großen Saal mit Baukästen und Bausteinen und liebte es, allerhand Bauten, Tempel und Villen, zu machen. Dabei half sie ihm gern. Stundenlang knieten sie, er auf der einen, sie auf der anderen Seite, und setzten geduldig, ohne ein Wort zu sprechen, einen Stein auf den anderen; oft geschah es dann, daß ihm die Hände ermüdeten und der Kopf herabsank, und er schlief auf den Knien ein. Aber sie baute unverdrossen fort. Diese Leidenschaft hat sie noch heute. Wenn sie nicht mit ihren Puppen spielt, pflegt sie zu bauen. Anders kann sie sich die Zeit nicht vertreiben. Ich glaube, sie hat in ihrem Leben noch kein Buch gelesen. Klavier spielt sie ein wenig, aber selten, es mache sie zu traurig.

Der Graf hielt sie sehr gut. Er schenkte ihr eine Villa in Hietzing mit einem wunderbaren Garten. Sie hat da freilich kaum vierzehn Tage gewohnt, sie hielt es nicht aus. Sie kann auf dem Lande nicht leben. Die weiten Blicke, die leeren Wege ängstigen sie und sie wird ganz krank. Sie fürchtet sich, sagt sie, es kommt einmal ein Wind und bläst sie weg. Wind kann sie überhaupt nicht leiden. Sie zog bald auf den Ring zurück, später in die Krugerstraße, dann wieder auf die Wieden, nirgends hielt sie es lange aus. Sechs Monate in einer Wohnung, das war die Regel. Sie suchte so gerne. Fand sie eine, so war sie selig, die Zimmer einzuteilen, mit dem Tapezierer zu beraten, die Stoffe zu wählen, und ging wochenlang in ihren Plänen auf. War es fertig, so gefiel es schon nicht mehr. Es war doch immer nicht das, was sie sich gedacht hatte. Es sah immer so ganz anders aus, schwer und ernst und strenge, und sie hatte es sich so heiter, so leicht, so zierlich gedacht. Nach ein paar Wochen fuhr sie schon wieder eine andere Wohnung suchen.

Der Graf war es auch, der sie zum Theater brachte. Sie hatte niemals daran gedacht, sie kannte das Theater kaum; auch war es gar nicht ihr Amt, etwas zu wollen. Sie lebte wie im Traum dahin, nahm an, was mit ihr geschah, und war es zufrieden, wenn man sie nur mit ihren Puppen spielen und mit den Steinen bauen ließ. Es war ihr selten etwas zuwider und sie hatte eigentlich nichts gern. Die meisten Dinge schien sie gar nicht zu bemerken. Sie hatte auch keine Ahnung von den Personen, die mit ihr verkehrten. Sie sprach mit allen in demselben Ton und hatte immer dasselbe kalte und mechanische Lächeln einer Fürstin, die ausfährt. Die Leute waren ihr nicht angenehm und nicht unangenehm, es war ihr alles gleich, sie bemerkte es gar nicht. So ging sie auch zum Theater, ohne Lust, doch ohne Angst. Der Graf wollte es und ihr war es gleich. Das Stadttheater gehörte einem Verein, der es durch einen Direktionsrat verwalten ließ, diesem stand der Graf als Protektor vor. Er kümmerte sich um die Geschäfte nicht, kam zu keiner Sitzung und saß nur in den Generalversammlungen sehr würdig und dekorativ auf dem Podium. Auch sah man ihn bei allen Premieren in seiner Loge, im Zwischenakt ging er wohl einmal auf die Bühne, um dem Dichter oder einem Schauspieler zu gratulieren; er hatte dem Theater einen Vorhang nach einer Skizze von Benesch geschenkt und jedes Jahr wurde ein klassisches Stück auf seine Kosten mit großer Pracht ausgestattet. Man hatte ihn also sehr gern. Mascha wurde denn auch sofort engagiert. Man ließ sie kleine Rollen in modernen Stücken spielen, die nichts als Eleganz und schöne Toiletten verlangen. Sie wissen, daß das zwei Jahre lang so blieb, bis zu meinem Stücke. Da wurde sie erst »entdeckt« und war nun auf einmal ein »Stern«.

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