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Theater

Hermann Bahr: Theater - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleTheater
publisherS. Fischer
addressBerlin
firstpub1897
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060427
projectid3bd51929
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Drittes Kapitel

Den anderen Tag ließ ich mir in der Früh die Zeitungen holen und las die Rezensionen. Ich konnte sehr zufrieden sein: ich wurde überschwenglich gelobt. Nur Speidel war etwas kühl. Er tadelte das Stück nicht gerade, aber ich konnte merken, daß es ihm eigentlich nicht gefallen hatte. »Einen bedeutenden Kunstverstand«, schrieb er, »wird man dem Verfasser nicht abstreiten können; aber der holde Unverstand, der der Kunst nicht fehlen darf, ist ihm versagt geblieben. Mit Hochachtung, doch ohne Schwärmerei wird man seinen Namen aussprechen. Er sollte beherzigen, daß eine Gleichung noch kein Schauspiel ist.«

Nun kamen Briefe und Telegramme von Direktoren und Agenten, Verleger boten sich an, Photographen wollten mich aufnehmen. Es war so, wie ich es mir manchmal vorgestellt hatte. Nur hatte ich es mir angenehmer gedacht. Ich staunte, daß es mich so wenig freute. Ich ließ alles von Lotten in ihrer sanften und bedächtigen Art erledigen und ging fort. Ich mußte zur Bastante. Mit diesem Gedanken war ich aufgewacht. Er wich nicht mehr von mir. Ich mußte zu ihr.

Ich ging ins Theater, um nach ihrer Adresse zu fragen. Vor dem Tore stand ein großer Wagen. Dekorationen und Kulissen wurden verladen. In der Sonne sahen sie seltsam aus, so fahl und verloschen, ganz schmutzig. Man konnte kaum erkennen, was sie vorstellen sollten. Da war der Garten zum Don Carlos, den ich so liebte, mit seiner strengen Pracht und ungnädigen Würde. So verwischt und elend lag er in der Sonne da, daß ich ganz traurig wurde. Nachdenklich habe ich zugesehen, wie die Diener die grauen und schmierigen Fetzen schleppten, die abends solche Wunder sind.

Ich trat ein; ein neues Stück wurde zum erstenmal gestellt; die Schauspieler murmelten verdrossen, die Herren schlugen die Kragen der Mäntel auf, die Damen hatten dicke Tücher um, wie schwarze Raben flogen die heiseren Fragen des Regisseurs krächzend durch das finstere Haus und es war ein fader, abschmeckender Geruch von Gas; im Parterre trieb sich Merz mit ein paar Mädchen grinsend herum, ein altes Weib kehrte die Logen aus. Ich ließ mir die Adresse der Bastante geben. Ich mußte zu ihr.

Sie wohnte in der Schwindgasse, auf der Wieden. Bei einem Gärtner wollte ich ein Bukett für sie kaufen, aber ich ließ es bei ein paar Veilchen bewenden. Diese trug ich behutsam, fast zärtlich und wollte mir dazu was recht Schönes ausdenken, recht innige und warme Worte, so wie mir ums Herz war. Es fiel mir aber gar nichts ein, doch ärgerte ich mich nicht, sondern ich lachte mich aus. Es ist töricht, diese winzigen und albernen Dinge zu berichten, aber ich kann mich von ihnen noch immer nicht trennen. An jenem Tage schien mir alles wunderbar, alles winkte mir zu, jedes arme alte Weib hätte ich umarmen mögen, so dankbar schritt ich dahin.

Sie schlief noch, als ich kam. Doch hatte sie dem Mädchen befohlen, mich nicht fortzulassen und sie gleich zu wecken; ich möchte einen Augenblick warten. Ich wunderte mich gar nicht, daß sie es gewußt hatte; alles war so selbstverständlich. Ich wartete in einem großen Zimmer. Es war noch nicht aufgeräumt: auf dem Tisch Teller, Flaschen, Zigarren, Blumen, ihr Schmuck, ihre Handschuhe, auf dem Boden der Pelz und die Schuhe. Mich fröstelte, die Läden waren zu und ein alter Dunst von Wein und Rosen und Zigaretten lag da. Draußen wurde ein paarmal eine zornige Stimme laut, Türen schlugen zu. Dann war es wieder still. Ich saß geduldig und wartete, die Dinge herzlich betrachtend, die jetzt meine Freunde werden sollten.

Das Mädchen kam zurück und bat mich, ihm zu folgen. Wir gingen durch ein paar Zimmer und traten dann in ein schmales Gemach; sehr blasse Tapeten von einem milden, verloschenen Violett, eine Menge Körbe mit welken Blumen, ein leiser Duft von Iris, dazu der brenzliche Geschmack von Zigaretten, dicke, schwere Teppiche. Sie lag auf einer großen, breiten, niedrigen Ottomane mit sehr vielen Kissen und Polstern und Decken; ein Tischchen mit Zigaretten und Chartreuse stand bei ihr; es war gar kein Sessel da, nur Polster. Kein Bild an der Wand, keine Verzierung, aber alles war von Puppen voll. Es gab da große und kleine, manche prächtig gekleidet, andere im bloßen Hemd, rohe aus Holz, dürftig bemalt, und sehr künstliche, die Augen und Hände bewegen und sich verneigen konnten, runde mit roten Backen und hagere in wallenden, heraldisch gefalteten Roben, Lilien in der schmalen Hand. Es war nämlich ihre Manie, mit Puppen zu spielen; stundenlang konnte sie auf dem Sofa liegen, die Zigarette im Mund und so ein künstliches Geschöpf im Arm; nie fuhr sie aus, ohne eine Puppe mitzunehmen, die dann in einer zu der ihrigen passenden Toilette gravitätisch neben ihr saß; sogar in die Garderobe ließ sie sich von ihr begleiten, wo sie ihr dann nach jeder Szene zu erzählen pflegte, wie es ging und wer im Hause war. Nichts freute sie mehr, als eine neue Puppe, die dann feierlich getauft, mit Schmuck behängt und köstlich gekleidet wurde. Wer mit ihr soupierte, mußte in dem Kabinett für drei Personen servieren lassen; stets saß die Puppe, die gerade in der Gnade war, bei diesen sonst nicht immer allzu kindlichen Unterhaltungen dabei. Sie hielt mir ihre liebe, nervöse Hand hin, lächelte ein wenig und sagte: »Das ist schön von Ihnen. Aber erlauben Sie!« Und sie raffte das Kleid auf, neigte sich ein wenig vor, indem sie auf die Zehen trat, nahm mich an der Hand und sagte zu den Puppen, feierlich und sehr zeremoniös, wie wenn sie mich einer großen Gesellschaft vorstellen würde: »Das, meine Damen, ist der berühmte Herr Maurus Mohr, unser größter Dichter seit gestern – Sie werden es ja wohl bereits in den Zeitungen gelesen haben. Übrigens fragen Sie nur Fräulein Mizi, die war ja dabei. Sie hat mir gesagt, daß sie sich seit Jahren an keinen solchen Erfolg zu erinnern weiß. Nicht wahr, Komtesse Mizi?« So ging es fort. Sie führte mich einer Puppe nach der andern vor, wußte von jeder eine Geschichte und hatte immer wieder ein liebes Wort der Bewunderung für mich. Es mag lächerlich klingen, aber von allen Schmeicheleien, die mir damals wurden, hat mich diese Huldigung der Puppen doch am meisten gefreut.

Wir plauschten über allerhand gewöhnliche Dinge, dabei sahen wir uns so an und lachten uns selber aus. Wir wußten es ja doch schon. Manchmal sprang sie auf, tanzte durch das Zimmer und drehte sich närrisch. Dann sprachen wir wieder gründlich über das neue Stück, das ich jetzt schreiben sollte, von den großen Rollen, die ihr der Direktor gestern noch versprochen: denn sie war ja jetzt berühmt, berühmt! Und da sahen wir uns in die Augen und mußten beide lachen, weil wir so berühmt waren. Dann nahm sie eine große Puppe mit schweren Locken und einer ungeheuren Krinoline und wälzte sich mit ihr auf dem Teppich und puffte sie: »Ja, meine dumme Prinzessin, jetzt ist's aus mit dem Respekt, jetzt bin ich mehr als du, jetzt bin ich berühmt, berühmt, berühmt!« Dabei gingen ihr die Haare auf und es schien heller im Zimmer zu werden, sie blendeten wie eine Sonne. Dann kam sie wieder zu mir und sah mich mit ihren großen blauen Augen so fromm, so flehentlich an, wie ein Kind, das zu keck war und sich fürchtet. Damals waren sie blau wie Glockenblumen; manchmal wurden sie plötzlich hell und grau und sie konnten auch grün sein, wenn sie zornig wurde. »Ich bin dumm, gelt?« sagte sie dann. »Aber einmal im Leben, nur einmal.« Sie lehnte sich zurück, schloß die Lider und lag nun starr, ohne sich zu regen; ihr Gesicht war sehr weiß, um den kleinen dünnen Mund hatte sie jetzt einen harten Zug, das Näschen zuckte. Ich nahm leise ihre schmale, unruhige Hand und mein ganzes Leben hätte ich sie so anschauen mögen. Sie sah wie ein schlafender schöner Knabe aus und hatte doch etwas Böses. Wie oft ist sie gemalt worden! Aber es gibt kein gutes Bild von ihr. Und ich kann sie auch nicht schildern. Nein, sie läßt sich nicht schildern.

Auf einmal sagte sie: »Jetzt muß ich Ihnen noch mein Herzbinkerl zeigen.« Sie zog unter dem Polster ein winziges Ding hervor, löste es aus seinen Windeln und hielt es mir hin. Das Herzbinkerl war eine elende, dumme Puppe, ganz klein, mit schiefen, glotzenden Augen, jämmerlich bemalt. »Es ist ja schief«, sagte ich. »Das ist schon wahr, aber es hat halt gar so ein gutes Gemüt. Gelt, Herzerl? Ja, du bist ja lieb! Aber jetzt sei auch schön brav und gib dem Onkel ein Bussel!« Und sie hielt mir das schnöde Ding hin. Ich stand vor ihr und mußte mich ein wenig beugen, um die Puppe zu küssen. Da ließ sie sie los und ich lag in ihren Armen.

Es war sechs Uhr, als ich ging; sie mußte ins Theater. Man sagt oft von Leuten, ihr Geist sei umnachtet. Umnachtet, das wäre das Wort für meinen Zustand. Eine tiefe Nacht war auf mich gefallen. Betäubt ging ich heim.

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