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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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VI. Capitul. Eine harte Wette. Die alte Kupplerin erzählet eine artige Buhlerei und hilft ihnen dardurch aus dem Traum.

Ein Vogel, der gefangen ist,
Sucht zu der Ausflucht Weg und List.

Diese Erzählung dieses jungen Edelmanns war das einzige Mittel, welches mich meiner bishero heftig quälenden Gedanken enthoben. Ich machte ein Kreuz hin, das andere wieder her und mußte mich ausdermaßen verwundern, daß mir so unverhofft auf diesem einsamen Schlosse aus dem Traum geholfen worden. Denn diejenigen wissen gemeiniglich das meiste um unser Anliegen, die wir zum wenigsten davor ansehen, und also hat der geneigte Leser umständlich verstanden und ist zugleich mit mir aus dieser Unordnung herausgekommen, in welcher ich bis gegenwärtige Stund dergestalten verwickelt war.

»Vielgeehrter Patron,« sagte ich darauf zu dem Edelmann, »seine Höflichkeit spielet nur mit Dero Dienern, zumalen ich mich viel zu wenig befinde, seine Gutwilligkeit gleichzumachen. Er hat sich im geringsten nicht zu bedanken noch mich um Verzeihung zu bitten, daß ich wegen seiner ein so Unverhofftes ausgestanden, weil ich nicht solches Geschicke seiner Person, sondern vielmehr dem wunderbaren Glücke zuzuschreiben habe. Denn hätte mich solches nicht so unverhofft in die Straßenherberge getragen, so hätte sich Monsieur in meinen Kleidern nimmermehr verstellen können; aber über nichts muß ich mehr lachen als über den Brief und über den Jäger. Hätte die Gräfin den Possen gewußt oder wüßte ihn noch, ich glaube, sie sollte sich ärger darüber verwundern als wir beide. Unter anderm, so mein Herr vorgebracht, wundert mich nicht ein wenig, daß der Graf so geschwind zur Execution ist. Ha, man henkt nicht gleich, und wenn ich den Betrug gemerkt hätte, ein Schelm will ich sein, ich wollte einen solchen Spaß angefangen haben, darüber das ganze Hoflager lachen sollen, aber nun ist es zu spat, und auf eine andere Weise hätte ich nimmermehr so umständlich hinter die Springe kommen können. Nur dieses möchte ich noch wissen, was es mit dem Hurenpack über der See vor einen Ausgang genommen. Denn nach der Abreise des Schergens habe ich selbigen Abend keinen Gefangenen, viel weniger ein Hurenpack gesehen, weiß also nicht, ob was an der Sach war oder nicht.«

Der Edelmann sagte, es würde hieran gar ein weniges gelegen sein, und in solchem Gespräche brachte eine Magd, welche ich vor die Beschließerin hielt, das Essen herauf, welches er indessen zu einem Glas Wein hatte zurichten lassen. Es ist gewiß, daß mir dieser Cavalier alle Höflichkeit erzeiget und in dem geringsten nichts ermangeln lassen, was zu meiner Aufwartung dienlich war. Wir speiseten unter einem sehr angenehmen Gespräche wohl drei Stunden, und weil das Stüblein wegen anhaltender Kälte eingeheizet war, stieg mir nebenst der Ofenwärme der hitzige Wein zugleich in den Kopf, also daß ich fast einen Dummel fühlete.

Er erzählte mir beinebens, wie er ohngefähr vor vier Wochen mit einem von Adel gewettet und dreihundert Ducaten pariert hätte, daß er sich, mit Erlaubnis seiner Frauen, zu ihr ins Bett legen wollte, ehe ein Jahr vorüberginge. Der andere hätte gesagt, das wäre so unmöglich, als unmöglich es sei, daß man das Gras von dem Himmel herunter schnitte, und es wäre die Frau selbst bei dem Contract gestanden, im Beisein vieler andern Cavalier, welche als Zeugen mit zugehöret hätten. Deswegen bat er mich, ihm eine Invention zu communicieren, aber ob ich gleich ziemlich nachsinnete, konnte ich doch keinen Weg erdenken, auf welchem ihm der Gewinst vom Gewette hätte zufallen können. Solchermaßen hebte die vorige Magd wiederum auf, denn der Edelmann wollte nicht viel Diener oder andere Leute einlassen, weil er, sich verborgen zu halten, anhero gekommen und sich ein neu Kleid verfertigen ließ, mit solchem unbekannterweise hinwegzureisen an solche Örter, allwo er sich am tauglichsten aufzuhalten vermeinte.

Auf dieses zog er mein Felleisen hinter dem Ofen hervor und wies mir auch in der anstehenden Kammer mein abgeschobenes Kleidlein. Ich mußte von Herzen lachen, daß es dannoch so wohl aufgehoben ward, und nach solchem führte er mich mit sich in die Hofstube, nachdem er das Tor stark zuriegeln und verschließen lassen. Bei Überreichung der Schlüssel vermeldete der Torwärter, daß der Gärtner gekommen, welcher mitgebracht, die alte Edelfrau würde über drei Stunden nicht mehr außen bleiben, weil sie schon bei seiner Abreise von der Tafel aufgestanden wären. Dieses zu verstehen, berichtete mich der Edelmann, daß seine Frau Mutter vor zwei Tagen auf eine adelige Hochzeit abgereiset, von welcher sie heute wieder zurückegelangen würde. Der Weg erstreckte sich auf drei Meil Weges, und dannenhero wäre sie an den Ort gefahren, hätte aber außer dem Gärtner niemand als einen Gutscher mit sich genommen, weil der Landadel dieses Orts wenig auf große Kostbarkeiten, sondern vielmehr auf ein gut Stücke Geld sein Absehen hätte.

Nach diesem Bericht gab er dem Torwärter, welcher mich diesen Tag so spöttlich von dem Schlosse hinweggewiesen, nebenst einem guten Filz wegen meiner, zugleich Befehl, fleißige Obsicht auf die Fraue zu haben, damit sie bei dem Tor nicht lange halten dörfte. Solchergestalten gingen wir in die Hofstuben, allwo sich wohl eilf Weibesbilder befanden, welche teils aus dem Dorfe, teils aus dem Schlosse zusammengekommen, daselbsten ihr Garn und Werg zu spinnen, denn die Edelfrau wendete auf solche Arbeit gewisse Kosten, dadurch sie einen ziemlichen Particul von Hausleinwand zusammenbrachte. Der junge Edelmann war ein ausdermaßen lustiger Kopf, und allem Ansehen nach waren unsere Affecten in einem Model gegossen. Dahero hielt ich mich sehr vertrauet zu ihm, und er sagte, daß ihm durch meine Gegenwart die Zeit noch so angenehm falle, weil er ohnedem in der Langweil hätte sitzen und vergebliche Grillen fangen müssen.

Indem satzten wir uns an einen Tisch unfern des Ofens, allwo er den Weibern befahl, etliche Märlein zu erzählen, bis seine Frau Mutter nach Hause käme. »Ja wohl, Märlein,« sagte ein altes Rabenstück, so eine Hechel zwischen den Beinen hatte und das Werg dadurchzog, »mein lieber Junker, ich will Euch wohl was anders erzählen als ein Märlein!« Als sie nun der Edelmann gebeten, sie möchte es immer und fein balde tun, fing sie mit unserer großen Verwunderung an, folgendes zu erzählen, nachdem wir uns beide bei einem Licht in eine Ecke gesetzet.

»Ich habe von Jugend auf viel Schnacken gehöret, aber so artlich war gewiß keiner, als welcher mich gestern betroffen. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so könnt Ihr leichtlich aus meinem Alter ermessen, mit was ich mich bei so beschaffenen Zeiten ernähren muß. Das Spinnen und Hecheln tut es wahrlich nicht allein, sondern ich habe ehedessen, als ich noch ein junges Mägdlein, solche Griffe gelernet, die nicht eine jede kann.«

Hiermit fing sie an zu lachen und sagte weiter: »Ihr Herren, mit einem Wort: eine alte Frau, die nicht kuppeln kann, ist keines lausigen Pelzes wert, ja, dieses Handwerk ist mir oft in einer Stunde zuträglicher gewesen, als ob ich sonsten eine ganze Woche weiß nicht was gearbeitet und verrichtet habe. Aber gestern hätte ich bei einem Haar den Teufel zu braten bekommen, indem etwan zwei Meilen von hier bei der großen See aus meinem Antrieb etliche Edelleute und Kaufmannsdiener zusammengekommen, welchen ich fünf schöne Dirnen zugeführet. Der Landrichter dieses Orts ist auf die Huren so scharf wie der Henker selbst. Aber wie man sagt, so treibet ihn zu solchem Eifer niemand mehr an als seine stolze und hochtrabende Frau, die es vor diesem ebensowohl als die heutigen Huren getrieben; und ich gedenke wohl der Zeit, da ich manchen Reichstaler von ihr bekommen, daß ich ihr einen wackern Galan zugepartieret habe. Ha, ha, ich weiß es gar wohl.

Dem sei nun, wie ihm wolle, so wurde doch wegen unserer Zusammenkunft bald eine Kundschaft nach dem Schlosse geschicket, und ehe wirs gewahr wurden, war unser Haus mit vielen Schergen umringet, und hörten schon die Ketten klingen, in welche wir sollten geschlossen werden.

Es war eine unter dem Haufen, die überaus schön war und ehedessen bei dem Landrichter als eine Kammermagd gedienet hatte, derselben war ausdermaßen angst und bang. Sie bat und flehete mich an, ich sollte doch auf Mittel und Wege gedenken, daß ich sie sicher und ohne Anstoß hindurchbrächte, aber es mangelte mir am allerbesten Mittel, nämlich an der Gelegenheit. Die Herren Galanen wollten des Ausgangs auch nicht erwarten, sondern sprangen mit Gefahr Leibes und Lebens über das Fenster in einen Garten, in welchen die Schergen nicht kommen konnten. Solches war nun dem Weibesvolk unmöglich zu tun, und wenn es auch schon wäre möglich gewesen, so hatte doch keine das Herz, voran zu springen, und also stunden wir in Angst und Jammer; denn die Schergenknechte hatten Befehl, sobald die Huren würden zur Tür hinaustreten, solche gefangenzunehmen und mit sich auf das Schloß zu führen.

Wie wir nun fast eine halbe Stunde untereinander beratschlaget und das Geräusche der Ketten immer je größer vor der Tür wurde, entschlossen sich die drei, an einem Betttuch zum Fenster auszusteigen und sich an solchem all sachte hinunter zu lassen. Es ging perfect an, aber die schöne Kammermagd, auf welche eigentlich die ganze Karte angesehen war, wollte sich nichts entschließen, denn sie fürchtete, sich über das Fenster tot zu fallen, weil sie vor Furcht am ganzen Leibe zitterte. In solchem gefährlichen Zustand kommt ihr der Hausknecht zu Hülfe, welcher ein rechter Ausbund aller Schelmen ist. Er brachte ihr ein altes Mannskleid, und dasjenige, so sie antrug, stopfte er mit Heu aus, legte auch solches in ein Bett und gab bei den Schergen vor, die andern wären schon längst durch den Garten entflohen, aber die schöne Kammermagd läge in der obern Kammer ganz krank und matt darnieder, weil sie wegen ihrer Ankunft unvergleichlich erschrocken.

Wie es nun den Schergen zu lang wurde, bekamen sie vom Landrichter Befehl, mit Gewalt in das Haus zu treten und die übrige Huren hinwegzunehmen. Das geschah, aber die Kammermagd wischte ganz unvermerkt zwischen ihnen hindurch, und ich steckte mich indessen in das Heu, so tief und weit ich nur konnte.

Es ist nicht zu sagen, wie die Schergen auf den Hausknecht gefluchet, und es stund dahin, so hätten sie den Gesellen bei einem Haar anstatt der Hurer mit sich hinweggeführet, wenn er sich nicht so hurtig unter ihnen herumgezanket und vorgegeben hätte, er wollte von dem Landrichter solche Stücklein an Tag bringen, die ihn mehr als zuviel beschämen sollten. Hiermit mußten die Spürhunde fein sauber passen und vor dieses Mal leer nach Hause gehen. Ich begab mich nach ihrem Hinscheiden auch heimlich aus dem Staube wiederum hieher in das Dorf und lachte sie heimlich wacker aus.«

Unter solcher Erzählung stieß ich den Edelmann und er mich wieder bald mit dem Ellenbogen, bald mit dem Fuße, und nach Vollendung derselben mußten wir uns verwundern, wie unter artige Stücklein wir diesen Tag gerieten. Denn dieses war nach allen Umständen kein anders Hurenpack als ebendasjenige, von welchem mir der Kerkermeister in der Custodia erzählet, daß er solches über der See fangen und mit sich anhero bringen solle. Solchermaßen kam ich aus aller Irre und verwunderte mich über die leichtfertige Vettel, daß sie sich mit ihrer Profession noch zu rühmen gesuchet, die doch des Henkers viel mehr als des Eigenlobs würdig gewesen. Aber der Edelmann sagte, ich solle mir solche Gedanken aus dem Kopfe schlagen, die Leute machten es doch nicht anders, wer vor sich selbst fromm leben könnte, der hätte sich solches vor eine absonderliche Glückseligkeit zu rechnen; und indem er also fortreden wollte, höreten wir schon ein Gerassel in dem Hofe, daraus wir schlossen, es würde die alte Frau Mutter sein.

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