Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Beer >

Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 77
Quellenangabe
pfad/beer/teutwint/teutwint.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
Schließen

Navigation:

XIV. Capitul. Jost macht Hochzeit. Schrecklicher Tumult auf dem Schlosse. Der Irländer bringt sie auf einen guten Weg. Sie resolvieren sich all, ein frommes Leben zu führen. Damit schreitet dieses ganze Buch zum Ende.

Die Welt mit ihrer Lust ist Nacht,
Wohl dem, der hier sein Heil betracht.

Indem kommt mein Jost die Treppe heraufgegangen, und weil ich vor meinem Stüblein wenig Trabanten hatte, die da mit Partisanen und Spießen Schildwache stunden, ging er gleich zu. »Herr,« sagte er, »ich hab mich nun eines andern bedacht. Wenns Euch und der Frauen recht war, so wollte ich die kleine Viehmagd und sie wollt mich heiraten. Bitte Euch derowegen, Ihr wollet Euren guten Willen nicht bergen, und weil ich Euch schon eine ziemliche Zeit treulich und mit Fleiß gedienet, so gebt mir doch einen guten Rat, wie die Sach aufs beste ausschlagen möchte.« – »Ja,« sagte ich, »du auf sie allein und keine anderer Leut, dieses ist der beste Ausschlag.« Jost schmunzelte über diese Antwort und drehete sein ledernes Käpplein immer in der Hand herum wie einen Katzenschwanz. »Herr,« sagte er, »das wäre freilich der beste Handel, und drauf gehe ich auch um.« – »Du garstiger Esel,« sprach meine Frau, »du hast einen schönen Heiratsvortrag!« Damit eilete sie wieder hinweg. Aber ich gab dem Jost einen guten Anschlag und sprach: »Wie willst du dich denn ernähren mit deiner Trautl?« – »Herr,« gab er zur Antwort, »ich muß halt fleißig arbeiten, wie Ihr selbst wohl wißt. Man erspart nit viel im ledigen Stand, und wenn man auf den Tanz kommt, so verzettelt sichs Geld ins Bier und in die Sackpfeifen, daß es ain schlet ins Herz verdrießt. So denk ich auch, das Mensch sei an und vor sich gut genug.« »Ja, ja,« sagte ich, »das glaube ich auch, daß sie vor sich gut genug ist, wie meinst du aber, daß sie hinten beschaffen sei?« – »Herr,« sprach er, »Ihr könnt Euer Keyverig nicht bleiben lassen, wann, meint Ihr denn, daß wir Hochzeit halten könnten?« – »Ja,« sagte ich, »wenn dir die Braut nicht davonlauft, so kann es sein, wann du willst.« – »Ha,« sagte er, »ich wills schon wacker anködern, davor dörft Ihr Euch keinen grauen Bart wachsen lassen.« – »Nun,« sagt' ich, »wenn es denn dein Ernst ist, so besinne dich erst recht, mein lieber Jost. Man fähret nicht stracks in Ehestand, wie du in deine Stiefel hineinfährest. Wers da glücklich treffen will, muß die Augen weit aufreißen.« Als ich dieses sagte, riß Jost ein Paar Augen auf, wie eine Katz, die mit einem Kettenhund anbinden will. Ich mußte aber seiner Einfalt lachen. Und weil an seinem Ehestand wenig konnte verbessert oder verschlimmert werden, zumalen er sich ohnedem schlecht genug behelfen mußte, nahm ich auch zugleich das kleine Viehmensch, als seine zukünftige Braut, vor und sprach zu ihr:

»Es hat Gegenwärtiger, der viel ehr- und tugendbegabte, in seiner Arbeit treu fleißiger Pferd striegelnder und Mist austragende Monsieur Jost, als mein respective getreuer und sorgfältiger Stall-Inspector und Hof-Reformierer, bei mir einen rittermäßigen, wohlstilisierten und trefflich ausspintisierten Orations-Anwurf getan und vorgegeben, dich zu heiraten und deine Person zu seinem getreuen Ehegemahl und Hausfrau zu erkiesen und zu erwählen. Willst du ihn haben, so sprich ja, aber fein laut, daß mans hören kann.« Damit schrie die Magd so hell und stark, daß es in den herumhängenden Geigen und Instrumenten resonierte. Damit mußten sie beide die Tatzen aneinandergeben, und ich machte mit meiner Frauen Anstalt zur Hochzeit, auf welcher alle diejenigen erscheinen sollten, bei denen ich ehedessen auf ihren Schlössern bin fröhlich und lustig gewesen. Sie machte sich demnach mit einer guten Küche fertig, und ich schrieb an alle meine Bekannte, absonderlich aber an Ludwigen, folgenden Brief:

›Nunmehr ist die Ordnung an mir, Dich samt allen unsern guten Bekannten auf mein Schlößlein einzuladen, und zwar zu einer Hochzeitfreude des Hoch-Edel Gestrengen, Viel Ehr- und Mannfesten Herrn Josten, welcher sich mit der Viel Ehr- und Tugendbegabten Madamoiselle Traute, meiner kleinen Viehmagd, in ein ehliches Verbündnis eingelassen. Solches zu vollentziehen wird ohne Deine Gegenwart nicht wohl möglich sein, bitte also, mir die Ehr und Kurzweil zu vergönnen, daß ich mich auch an meinem Ort mit Euch lustig machen könne. Sinne unterdessen auf eine lustige Schalkheit, die wir dem Bräutigam erweisen können. Den disputierenden Doctor mag ich nit einladen. Der Narr bildet sich ein Haufen ein und meinet, wer nicht mit ihm disputieren kann, der sei gar ein Narr. Wo mir Deine Frau den Gefallen erweisen und meinem Weib kochen helfen wollte, wärs mir lieb. Sie muß aber künftige Woche gewiß hier sein. Wegen der Spielleute lasse ich Dich sorgen. Mich hat der Teufel mit dem neulichen Musico, Stadtpfeifern und solchen Narren beschissen, daß ich fast nichts mehr mit ihnen mag zu tun haben. Indessen lebe wohl. Den Zwanzigsten dieses Monats ist der Hochzeittag aufgesetzet, darnach wirst Du Dich zu richten und mit Pulver zu Gesundheittrünken vorzusehen wissen. Vale! Dein mehr als vertrauter Zendorio.‹

*

Auf dieses abgegebene Brieflein erhielt ich folgende Antwort:

›Vielgeliebter Herzensfreund! Dein Schreiben ist mir durch unsern Ordinar-Post-Meister gar recht überliefert worden, wünsche dem Bräutigam zu seinem Beilager tausend Glück. Er ist ein einfältiger Tropf, redlich in Worten und fleißig in seiner Arbeit, er wird ohne allen Zweifel einen hübschen und fein geduldigen Hahnrei abgeben. Du schreibest wegen der Spielleute, daß Du nichts damit mögest zu tun haben. So wärs mein Rät, wir verschrieben von einer lateinischen Schul vier oder fünf Schulfüchse, die machen uns Lärmen genug, und wenn wir sie vollsaufen, so hat man mehr über sie als über zwölf Narren zu lachen. Sie nehmen auch mit einem Taler vorlieb, da man die andern Esel kaum mit achten bescheiden kann, schieben auch nicht so viel Braten, Torten und Kuchen in Sack. Aber da sieh wohl zu, daß Du den Spieltisch weit von der Hochzeittafel stellest, sonst kriechen uns die Läuse auf die Kleider. Lebe wohl, mein Weib will gewiß kommen, daraufhat sich Deine Frau zu verlassen. Dein Contra-Servus

Ludwig.‹

Solche und dergleichen Antworten bekam ich fast von allen denjenigen, welche ich zu dieser Hochzeit eingeladen habe. Jost war indessen beschäftiget, eine neue Hosen von Schafleder machen zu lassen, und der Braut kaufte er einen grünen Rock von Carmasin. Das war auf beiden Seiten der ganze Hochzeitschmuck. Denn der Schelm, ob er gleich in die anderthalbhundert Gülden an barem Geld hatte, fing er doch auch an, allgemach zu schaben, vielleicht, weil er bei dem kargen Edelmann Crispan aufgezogen worden. Nach acht Tagen kam einer nach dem andern auf mein Gut, und ich war froh, daß ich Gesellschaft bekam, mich rechtschaffen lustig zu machen. Denn was hat der Mensch mehr auf Erden zu seinem Besten als eine frohe und fröhliche Stund? Viel Geld machet nur Sorgen und große Güter große Aufsicht. Aber ein kurzweiliges Stündlein versüßt alle Mühe, und ein guter Trunk Wein ist das beste Pflaster wider alle Sorgen und Grillen.

Mein Schlößlein war nicht weit vom Rhein abgelegen. Deswegen hatte ich meinen Keller, ob er schon nicht gar groß war, dennoch voll vom köstlichen Bacheracher. Da hieß es: ›Unser guter Bacheracher, unser Rausch- und Freudenmacher. O edler Rinkauer, du köstlicher Wein, es trinkt dich kein Bauer, du bist ihm zu rein.‹ Solchergestalten fingen wir das Jubelfest vor der Zeit in meinem Hause an, und ich gab alles preis, was nur konnte gefressen oder getrunken werden. Indem kommt Ludwig mit fünf Schülern auf meinem Wagen gefahren. »Siehest du,« sagte er zu mir, »da bring ich meine Musensöhne. Wer aber ihre Mutter gewesen, weiß ich nicht. Dieser«, sagte er, auf den mit der Baßgeige deutend, »ist von Purmesquick, wo man die kleinen Löcher drehet, der wird dir mehr Spaß machen als ein halb Dutzet Sackpfeifer.« Damit kam Jost und empfing seine Hochzeitgäste. »Jost,« sprach Ludwig, »wieviel sind Narren hier?« – »Laßt sehen,« sprach Jost, auf die Schüler schauend, »ich bin einer vor mich, und da sind ihrer fünfe vor Euch, was Ihr seid, weiß man ohnedem.« Hiemit entstund ein großes Gelächter, und Ludwig fragte: »Jost, was bin ich denn?« – »Herr,« sprach Jost, »Ihr seid der größte!« Damit eilete er in den Hof, und Ludwig wurf ihm seine Reisemütze auf den Buckel.

Es ist nicht zu sagen, wie wir darauf die ganze Nacht geturnieret. Wir ritten auf Sessel und Bänken in dem Haus hin und wider, bald eine Treppe hinauf, die andere wiederum hinunter, wir tanzten in Hemden und sprangen mit allerlei Instrumenten in dem Hof herum. Jost mußte allenthalben dabeisein, und solchergestalten hatten wir genug zu lachen über die Löcher, die er in seinem Hemd hatte. Weil auch dazumal in meiner nah gelegenen Stadt großer Jahrmarkt war, kamen dahin allerlei Vaganten, unter welchen die Italiener, so da die schöne Raritäten und Spielwerk herumtrugen, nit die Geringsten waren. Weil nun fast die meiste mein Schlößlein vorbeireisen mußten, bekam ich derer etliche Stücke zusammen, die mußten mir alle zugleich ihre schöne Raritäten und Spielwerke herumdrehen. Und da konnten wir uns samt dem Frauenzimmer, welches in häufiger Anzahl gegenwärtig war, nicht genugsam zerlachen, wenn die Jungens so abscheulich zusammen schrien und von der Bella Catharina sangen. Unter solchem Tumult mußten auch die fünf Studenten mit Geigen das Ihrige tun, darzu wir Edelleute auf Jägerhörnern geblasen. So mußte mir auch der Dorfhirte mit seinem Hörn darzu blasen, und was sonsten kein Instrument hatte, dem gab ich einen Schlüssel in die Hand, das war ein Gepfeife und Raspeln untereinander wie auf einer Stampfmühl. Bald stiegen wir in den Kamin und ruften die Stund-Uhr zum Fenstern hinaus, bis endlich der Hochzeittag vor die Tür kam.

So lustig wir zuvor gewesen, so lustig waren wir auch auf dieser. Der Pfarrer mußte uns wider seinen Willen Erlaubnis zu turnieren geben. Den Josten und seine Braut satzten wir an der Tafel oben an und machten eine lateinische Schrift auf die Oberdecke, die hieß: locus supremus inter nos supremum stultum capit. »Herr,« sprach Jost zu dem Schüler mit der Baßgeige, »was heißt das auf teutsch?« Der Schüler antwortete geschwind: »Gut Essen kommt vom guten Koch, wollt Ihrs nicht glauben, schabt mirs Loch.« – »Ja, ja,« sagte Jost, »Herr Ludwig hats hinaufgeschrieben, er ist unterweilen fein grob und lustig, man muß ihm nichts vor übel halten.« – »Freilich«, sagte der Schüler, »darf man den Edelleuten nichts vor ungut ausrechnen, man muß zu all ihrem Tun lachen, und sollten sie gleich sagen: leckt mich woanders!« – »Ihr sagt die Wahrheit«, sprach Jost. Damit erhebte sich ein großes Gelächter, denn etliche hatten den Discurs zwischen ihnen beiden gar zu wohl observieret und in acht genommen. Darum satzte man den Baßgeiger zu uns an die Tafel, damit wir daselbst seiner Unterredung desto füglicher genießen könnten.

Er gab darauf in der Stille einen Vorschlag, wie man dem Bräutigam einen guten Possen reißen könnte, machte demnach Anstalt, daß man aus dem Brautbett den Boden herausmachte und unter dasselbe eine Wanne voll frisches Wasser satzte. Nach solchem ließ er eine saubere Zieche, gleich als wäre das Bett hübsch neu gemachet, überziehen und die Kissen samt dem Deckbett mit kleinen Nägeln annageln. Als nun der Bräutigam abends mit der Braut zu Bette gehen wollte, machte er mit der Braut eine große und häufige Ceremonie. Es wollte keines das erste zu Bette sein, und wir hatten durch heimlich gebohrte Löcher genug an diesen Complimenten zu betrachten. Endlich kamen sie nach langen Wortwechseln dahin, daß sie zugleich hineinstiegen, aber potz Velten! wie fielen sie ins Wasser hinein. Sie hatten genug zu tun, sich wieder in die Höhe und aus der Zieche zu wickeln. »Schelm, Dieb, Bärnhäuter,« sprach Jost, »Galgenvögel haben mir dieses Bad zugerichtet. Hei, ich wollte, daß dir die Finger krumm würden, du Schelm samt deiner Wanne voll Wasser.« Damit eileten wir in der Finster in die Kammer, löschten das Licht aus und zerpritschten den Bräutigam samt der Braut, daß es klatschte. Etliche spritzten mit Wasser um sich, und solchergestalten verderbten wir unsere gute Kleider, bis wir endlich die Bettstatt in kleine Stücken zerrissen und des Josten samt seiner Braut Hochzeitkleider zum Fenster ausgeworfen haben.

Wie Jost sah, daß es nicht anders werden wollte, gab er sich endlich mit Geduld drein, faßte einen andern Mut und machte so gut mit als keiner unter uns. Daraufbrachten wir ihn mit uns wieder herunter, und die Studenten machten ihn im Hemd zum Magister Philosophiæ, darzu sich der baßgeigerische Galgenvogel pickelheringhaftig gebrauchen ließ. Andere brachten die Braut herunter, und weil sie beide noch pfitznaß waren, banden wir sie mit den Hemdzipfeln zusammen und jagten sie beide wieder über die Treppe in eine andere Kammer hinauf.

Nichts war artiger als ein Schüler, der sich in der Frauen Ludwigin ihre Schwester, die Jungfer Magdalena, verliebte. Diese, weil sie eine spitzfindige Dam war, sagte zu dem Schüler, daß er sich von seinen Gesellen abstehlen und heimlich in den Kamin hinter dem Keller steigen sollte, daselbst wollte sie, nachdem alle schlafen wären, zu ihm kommen. Das Bürschlein glaubte ihren Worten so gut als einer Regel im Syntax. Macht sich derowegen heimlich aus dem Staub und klettert so gut hinauf, als er kann. Aber sie eröffnete uns indessen die Invention. Da kam der Baßgeiger mit Feuer unter denselben Kamin und gibt vor, er wolle Bratwürste braten. Also zwang er den verliebten Affen durch den Rauch dergestalten, daß er endlich ganz ohnmächtig herunterfiel. Er hatte den Kopf zwischen den Beinen, daß man ihn vielmehr vor eine Sackpfeife als vor einen Menschen urteilen können, und das Gelächter der Umstehenden war so groß, daß man kaum gesehen hat, wie und auf was Weis er aus dem Feuer herausgesprungen sei.

Damit fingen wir die vorige Musik aufs neue an, und damit das Frauenzimmer nicht vergessen würde, tanzten etliche so lange, bis sie schläfrig geworden, alsdann fingen wir erst an, rechtschaffen zu turnieren. Wir gössen den Wein nicht allein in die Gurgel, sondern auch auf den Kopf. Sooft ein Glas ausgeleeret war, schmiß mans auf die Gasse hinunter und schoß eine Pistole oder einen Carbiner los. Letztlich ließ ich alle Ratschen im ganzen Dorfe zusammensuchen, damit fingen wir ein Gerumpel an, daß einem das Gehör davon hätte verfallen mögen. Da nun fast alle Gläser zerbrochen waren, trunken sie aus andern Geschirr, als Laßköpfen, blechernen Streubüchsen, Pantoffeln, Pulverhörnern, Pinkelscherben, davon einer unter den Tisch, der andere über das Fenster hinausgespien. Alsdann hatten wir erst die größte Lust, da die Schüler trunken waren. Denn da fingen sie an, miteinander zu disputieren und endlich gar in die Haare zu fallen, daß wir genug an ihnen zu wehren hatten. In solchem Rausch und Dummel trugen wir einen dahin, den anderen dorthin, einen auf den Heustadel, den andern in den Taubenkobel, und den dritten stackten wir ins Ofenloch hinein. Summa summarum, wir trieben das Spiel bis an den hellichten Morgen, bis endlich einer da, der andere dort hingefallen, voll vom Wein und Tumult, nicht wissend, ob es Tag oder Nacht war.

Ich wurde von einem Schlag erwecket, und als ich in dem Hause, allwo ich unter andern von Adel auf dem Stroh gelegen, erwacht und mit halben Augen in die Höhe guckte, sah ich einen Mönch mit einem langen Sack über die Achsel unter uns stehen, welcher mit seinem Stecken an die Speisekammer geschlagen hatte. »Wie ist es,« sprach er, »bin ich unter Menschen, oder bin ich unter Vieh? Finde ich hier eine Vernunft, oder komme ich zu sinnlosen Leuten, die nicht bei sich selbst sind? Ach, Zendorio, ach, Ludwig, ach, Caspar, ach, Isidoro, ach, Ergasto und ihr übrigen guten Freunde, wie seid ihr in diese Schwelgerei geraten? Heißet das, die Gaben des Himmels recht gebrauchen? Wo ist euer Vernunft? Wo ist euer Licht? Wo ist euer gutes Exempel? Heißt das, sein Leben bessern? Heißet das, sein Leben glückselig und friedsam zubringen? Ach, stehet auf aus dem Grab zum Leben, erwachet von den Sünden zur Tugend, eröffnet eure Augen zu dem Guten und bessert euch.« Es erwachte endlich einer nach dem andern, und wie wir den Mönch recht betrachteten, war es der Irländer, welcher als ein Einsiedler das Land auf und ab bettelte.

Wie sehr wir darob erschrocken, ist nicht genug zu sagen, denn wir haben ehedessen seine Lebensart nicht gar zu gut geheißen, und dannenhero hatte er gute Gelegenheit, uns unsern Fehler vor diesmal fein vor die Nase zu reiben. »O ihr Brüder,« sprach er ferner, »ich komme nicht her, euch zu züchtigen, sondern zu vermahnen, daß ihr munter werdet nicht allein aus dem Schlaf, sondern auch im Geist. Leget ab diese schändliche Höllenlarven der zeitlichen Lust und bemühet euch vielmehr, in steter Buße dem Himmel zu dienen. Was hilft es euch, euer Leben in einem solchen Zustande zu verbringen, da ihr alle Augenblick den ewigen Tod zu fürchten habet. Die wahre Glückseligkeit stehet nicht im Besitz großer Mittel, sondern wie man dieselbe mit christlicher Bescheidenheit zu gebrauchen weiß. Ich trage zwar einen rauhen Rock auf meinem Leibe, aber dennoch dabei ein unverletztes Gewissen in dem Herzen, welches das höchste Kleinod des menschlichen Lebens ist.

Nach diesem sehnet euch, nach diesem bemühet euch, welches, so ihr solches gewonnen habt, wird sie tauglich sein, euch mit der wahren Glückseligkeit, das ist: mit dem ewigen Leben zu beschenken. Was nützt es euch, eure Leiber mit Schwelgerei und stetem Gastieren hinzurichten? Ihr begrabt euch dardurch nicht allein vor der Zeit, sondern schadet noch darzu dem Heil eurer Seelen. Fasset eine andere Resolution und verändert euer Leben nicht mir, sondern euch selbst zu Gefallen, denn die Welt stirbt in ihren Lastern. Darum verlasset sie, auf daß ihr nicht mit ihr zugleich sterben müsset.« Mit diesen Worten ging er weg, und: »Wie?« sprach Ludwig, »war nicht dieses unser Irländer?« – »Ja,« antwortete ich, »er war es und redete mehr als wahr.« – »Ich«, sprach Ludwig, »fühle alle seine Reden im Gewissen.« – »Und ich«, sprach Caspar, »bin voller Reue.« – »Darum«, antwortete ich, »lasset uns aufstehen von unserm Unwesen und auf einer andern Bahn gehen, unserm ewigen Heil nachzustreben.«

Hiermit stunden wir auf und erweckten zugleich die andern, und weil der Einsiedler uns noch immer in Gedanken lag, eilete jeder seinen Weg nach Hause mit steifem Vorsatz, sein bisher geführtes Leben zu bessern und in einem gottseligen Wandel zuzubringen. Damit wir endlich nach diesem vergänglichen Erdentand und flüchtiger Eitelkeit gelangen möchten zu dem Triumph der unzergänglichen Ewigkeit, wo die rechte beständige Ruhe und der wahre Friede ohne Falsch, Vergnügung ohne Mangel, Liebe ohne Haß, Einigkeit ohne Zwietracht, Leben ohne Tod und alle sattsame Glückseligkeit blühen und grünen wird, ohne Aufhören und ohne Ende.

 << Kapitel 76  Kapitel 78 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.