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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 75
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII. Capitul. Der Irländer wird ein Einsiedler. Redet von der Welt Eitelkeit.

Der Tor sucht Freude, Ehr und Geld,
Der Kluge haßt und fleucht die Welt.

Er hätte weiter fortgeredet, wenn er nicht durch einen hellen Glockenklang daran wäre verhindert worden, und weil solcher auf unserer linken Seite in einem tiefen Tal gehöret wurde, wandten wir die Pferde und sahen in die Tiefe, allwo ein alt ruiniertes Kloster gestanden, aus welchem wir einen jungen Mönch herausgehen gesehen, mit einem großen Sack über der Achsel. Wir hielten ihn erstlich vor einen Conventbruder, welcher den andern im Kloster Wohnenden das Brot in der umliegenden Gegend erbetteln sollte. Dannenhero blieben wir so lange stehen, bis er die Höhe zu uns heraufkam. Ludwig redete ihn an, und unerachtet er ihm solche freundliche Worte gab, ging er doch gleichsam in den tiefsten Gedanken bei uns vorbei und sah sich nicht um. »Bruder,« sagte Ludwig weiter, »seid Ihr ein Esel oder seid Ihr ein Mensch?« – »Mein Herr,« sagte dieser, sich zurücksehend, »Ihr haltet mich gleich vor einen Esel oder Menschen, so gehöre ich doch in Eure Gesellschaft.«

Aus dieser Antwort verstunden wir beide, daß es der ehrliche Irländer sei, welcher von der Welt abgesondert sein übriges Leben in einer absonderlichen Einsamkeit zuzubringen sich ehedessen entschlossen. Ludwig ergriff ihn hierauf bei seinem Bettelsack, und der Irländer machte vor großer Verwunderung ein Kreuz vor sich, weil er so unverhofft zu uns und wir zu ihm geraten. Er erzählte uns seinen jetzigen Zustand, wie es ihm zeit seiner Einsiedlerei in diesem Tale gegangen und daß nebenst ihm nur noch ein alter Einsiedler darunten wohnete, mit dem er all seine Zeit zu vertreiben pflegte. »Ich habe die Welt«, sagte er zu uns, »schon lange aus meinem Herzen verbannet, denn sie gibt endlich nichts als schmerzlichen Verdruß und kann sich in der Anfechtung selbst nicht trösten. Ich habe abgesagt aller hohen Ehre und streite um nichts mehr als die tiefeste Niedrigkeit, solang ich leben werde. Die Lüste des Fleisches und den heimlichen Künsten des bösen Feindes bin ich von Herzen zuwider, denn sie ermorden die Seele und können sie hernach viel mehr peinigen, als sie zuvor ergötzet haben. Ich verachte allen Reichtum der ganzen Welt und halte keinen Schatz vor beständig als denjenigen, welchen sich die Menschen in dem Himmel sammeln. Den eiteln Ruhm und das nichtige Lob der Menschen halte ich vor ganz nichtig und elend, weil mancher, durch das zeitliche Lob gekitzelt, der ewigen Schmach und Schande zueilet. Ich verdamme allen Stolz und Hochmut, weil sie ein Strick sind, der viel tausend arme Seelen fesselt und führet an den Ort, wo der hoffärtige Geist in Ewigkeit brennet und bratet. Ich vermaledeie den schändlichen Geiz und greife darvor nach der freigebigen Hand des Himmels, welche den Dürftigen reichlich mitzuteilen pfleget.

Ich stoße von mir alle Rache und vergebe allen denjenigen von Grund meines Herzens, welche mich heimlich oder öffentlich, wissent- oder unwissentlich, in oder außer Landes an meinen Ehren oder sonsten verletzet und beleidiget haben. Ich bitte es auch insonderheit einem jeden ab und bitte, ingleichem mir zu verzeihen von denjenigen, die auf gleiche Weise von mir sind verletzet oder beleidiget worden. Ich verfluche alle Laster insgesamt, von welchen die schnöde Erde verblendet der unendlichen Qual zulaufet. Ich hasse sie, ich fliehe sie und verdamme sie. Alle Eitelkeit der Welt läuft meinem Geist zuwider, und ich wollte, daß ich schon begraben und meiner Mutter, der Erden, in ihrem Schoß ruhete, in welcher wir alle noch werden verwandelt werden. Fahret wohl, ihr meine gewesene Güter, lebt wohl, ihr meine geweste Freunde, ich bin von euch geschieden und werde nicht wieder zurücke kommen. Ich liebe die Einsamkeit mehr denn eure Gesellschaft, denn dardurch fliehe ich keine geringe Gelegenheit zu sündigen.

Ich hasse ein großes Wortgespräch, denn die Einsamkeit lehrt mich, auf mich selbst merken und nur zu reden von solchen Sachen, die nimmermehr vergehen können. Glückselig ist derjenige, der dich, o eitle Erde, erkennet, der dich nicht liebet! Noch glückseliger, der dich fliehet! Du machst viel Wort, aber beweisest sehr wenig in dem Werk, versprichst deinen Dienern einen guten Lohn, und endlich bezahlst du sie mit dem Schwert. Nein, nein, ich gebe dir eine gute Nacht; denn ich hänge schon an demjenigen Gut, außer welchem kein größers kann gefunden werden.«

Mit diesen Worten machte der Irländer in seiner braunen Kutte ein kleines Reverenz und ging seine Wege. Ludwig lobte sein gutes Vorhaben und sagte, daß die Welt an ihm ein sonderliches Muster der Höflichkeit verloren. »Seine Lebensart«, sagte er, »ist christlich genug, aber in der Wahrheit nicht vor alle Menschen tauglich. Zwar, wenn wir das Ende dieser Erde und ihre Herrlichkeit betrachten, ist es nicht ohne, daß wir dardurch zuweilen recht innerlich bewegt und zu einer neuen und reinern Lebensart angefrischet werden. Der Irländer hat nicht übelgetan, und ich glaube, daß seine Lebensvergnügung die unserige weit übertrifft, weil die Zufriedenheit des Geistes des Leibes Ergötzlichkeit weit übersteiget. Ich wollte wünschen, daß ich ein solches Gemüt von Natur eingepflanzet bekommen hätte, auf daß ich, gleich dem Irländer, mich in einer unbekannten Wüstenei oder in einem großen Wald, gleichwie du vor diesem getan, aufhalten möchte. Aber ich befinde mich sowohl innerlich als äußerlich zu diesem Werk ganz ungeschickt und verdrossen. Was hilft es uns, ob wir gleich in aller Glückseligkeit auf diesem Runde herumwallen, große Dinge tun, unsern Namen dardurch groß und unsterblich zu machen! Wahrhaftig, es ist nur ein Wahn, der in dem Grund niemand mehr betrügt als denjenigen, welcher gar zu viel darauf bauet. Der Irländer beurlaubet die Begierde des fleischlichen Wohllebens nicht ohne Ursach; denn es ist gewiß und unleugbar, daß durch diese sündliche und beweinenswürdige Seuche viel unzählig tausend Menschen in den ewigen Abgrund gestürzet werden. Und was richten wir endlich mit unsern Wollüsten anders aus, als daß wir durch dieselbe ein Grab bauen, in welches wir oftermalen unser zeitliches und ewiges Wohlergehen einscharren. Oh, der Irländer ist in diesem Stücke wohl gefahren, und seine Meinung, sich der Welt zu entreißen, wird ihn zu dem Himmel leiten, sofern er in seinem angefangenen Werk eifrig und unablässig fortfähret.

Was hilft es uns Menschen, daß wir die Länder mit Krieg einnehmen, dieselben verheeren und versehren, auch unter unsere Botmäßigkeit bringen? Mancher streitet und überwindet seinen äußerlichen Feind und lasset sich doch nichtsdestoweniger von dem innerlichen und unsichtbaren so liederlich besiegen, welcher doch oftermalen durch einen einzigen frommen Gedanken kann zurück- und abgetrieben werden. Was hat nun die elende Veronia von ihrer Unreinigkeit? Ihre Lust war kurz, ihre Vergnügung unvollkommen, ihre Ergötzlichkeit lasterhaftig, ihre Ehe befleckt, das Leben verkürzet und, welches ich doch nicht glauben will, ihre Seele vielleicht ewig verloren! Solche Früchte bringt die Unreinigkeit des Fleisches, und diese hat sie auch genossen, weil sie niemalen erkennet hat denjenigen Fehler, in welchem sie sich so greulich verstiegen.« Diese Wort waren die letzte, welche Ludwig auf der Straßen zu mir redete, weil er kurz darauf in das vorerwähnte Ort eingeritten, da er wegen der Schuldforderung zu tun hatte. Hiermit beurlaubete ich ihn und ritt mit meinem Josten sporenstreichs nach Hause, allwo ich nunmehr einen jungen Erben antraf.

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