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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 74
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI. Capitul. Das Ende des Lebens der Veronia.

Wer Gift verschluckt, der würgt das Herz,
Auf Laster folget Pein und Schmerz.

Nebenst dieser Erzählung auf dem Tanzboden genossen wir sonst eine treffliche Lust mit den Klopffechtern, welche das Land auf und ab zu fahren und ihre Fechtschulen an die Rathäuser anzuschlagen pflegen. Es war eine ziemliche Partei Marxbrüder und Federfechter, und dannenhero mußten sie sich drei Tage nacheinander auf dem Schloßhofe herumschlagen, so gut sie es von ihrem Obermeister gelernet hatten. Der weißköpfichte Beck tat mit der Stange das Beste, und der schwarze teilete gute Kopfnüsse aus. Der Bruder Hansel hielt sich auf der Federfechter Seiten nicht gar übel. Aber mit dem Dusacken kriegte er unterweilen eine weidliche Huschen über seine lederne Hosen, darüber ich noch lachen muß, sooft ich mir einbilde, wie eine artliche Positur er dazumal gemachet. Ich und Bruder Ludwig als zwei alte redliche Marxbrüder saßen nächst beisammen, und als ich ihn fragte, was er sowohl wegen der vorigen Comödia als dieser Fechtschule vor Gedanken hätte, gab er zur Antwort, daß er zwar die vorige Action noch niemalen gesehen, aber seines Entsinnens bei dem Herrn Molier in französischer Sprache eine solche ehedessen gelesen hätte.

Es würden in derselben die Philosophi nicht allein billig durchgezogen, sondern auch mit ihren wunderlichen Grillen wacker ausgelachet. »Denn, es ist keine geringe Aberwitz,« sagte er, »sich von einem philosophischen Argument dergestalt einnehmen zu lassen, darob man alle Gesellschaft der Menschen vergisset und oft nicht höret, was ein anderer sagt oder redet. Bei dem andern Philosopho haben wir zu sehen, daß es vor diesem eine Anzahl dergleichen Narrenköpfe gegeben, die geglaubt, es könne gar kein Mensch wahrhaftig sagen, das und das sei geschehen, sondern sie vermeinten, es wäre viel besser, wenn man sagte: mich gedünkt, es sei geschehen. Aber aus diesem Philosophieren ists hernachmals geschehen, daß, wenn einer unter den Philosophis auf offener Gasse oder sonsten geprügelt worden, daß der Richter keinen gewissen Ausspruch tun können, denn wenn der geprügelte Philosophus gleich geklagt und gesagt hat: es gedünke ihn, wie er von dem und dem sei geprügelt, abgeschmiert und wacker zersauset worden, so sagte der Richter: ›Wenn es Euch nur so gedünkt und Ihr die Sache nicht gewiß zu berichten wisset, so kann ich Euch mit meinem Urteil nicht an die Hand gehen.‹ Dieses halte ich von der vorübergegangenen kurzen Action, und es verdrießt mich, daß die Wände so bald über den Haufen gefallen. Sonst würden wir noch artliche Sachen und Schosen angehört haben, denn Isidoro sitzt fleißig über den Büchern. Aber was noch mehr ist, so hat er einen sehr fertigen Kopf, eine Invention an den Tag zu bringen, darüber man genug zu lernen und zu lachen hat.

Die gegenwärtige Klopffechter anbelangend, liebe ich zwar die Art und ihre Manier zu fechten, aber ihnen selbsten bin ich nicht gar zu gewogen. Denn ihre Profession ist eine unter den miserabelsten, und zwar die allererste, die auf der Welt vor einer andern wohl möchte abgeschaffet werden. Die Leute schlagen einander die Leiber ungesund, daß sie nur andern um einen schlechten Gewinst zu lachen machen. Ich glaube nicht, daß eine Profession unter der Sonnen sei, aus welcher man so gar nichts lernen kann. Das Seiltanzen taugt endlich zur Leibsbewegung. Die Taschenspieler brauchen eine subtile Verzauberung der Augen. Ein Gassenarzt hilft endlich noch denjenigen, die an seine ausgegebene Sachen einen festen Glauben haben, so schlecht und nichtswürdig auch seine Medicamenten seien. Diejenige, so die Tier sehen lassen, Feuer fressen, Messer verschlucken und dergleichen, geben doch verwunderlich zu verstehen, wie unglaubliche Sachen können ins Werk gestellet werden und wie die Natur so manch abenteuerliches Tier an allen Orten der Erden bestellet. Hingegen weiß ich nicht, was ich von dem Klopfobes Klopfuntes halten solle. Aber das weiß ich wohl, daß die Zuseher oftermalen größere Narren seien als die Fechter selbsten, weil man ihrer gar viel nach geendigter Fechtschul hat in die Haare fallen und untereinander wacker zerzausen und zerklopfen gesehen. Die Kerl reisen von einer Stadt zur andern, und weil sie kein recht christliches Leben führen, so sterben sie auch selten christlich. Es wäre besser, sie fechteten wacker mit ihrem Handwerk.«

Zwischen solchem Gespräch, welches er mit vielen Exempeln untermischte, endigte sich die Fechtschule, nachdem beide Parteien wacker aneinander abgeklopfet und die Kolben gelauset hatten. Isidoro führte uns nach diesem wieder in den großen Tanzsaal, allwo wir zum Abendmahl durch das Zeichen einer Glocke berufen worden. Über der Tafel wurde aufs neue allerlei gediscurrieret, absonderlich aber von der Liebe, welcher Discurs dem Frauenzimmer zum allerangenehmsten war. Des andern Tages prelleten wir dreihundert und etliche dreißig Füchse, und nach diesen wurden zwei Wildschweine gehetzet, mit welcher Lust wir vor diesmal insgesamt Urlaub genommen.

Ich war trefflich begierig, nach Hause zu gelangen. Denn ich bekam Zeitung, daß meine Caspia mit nächstem würde Kindsmutter sein, und die Cavalier sagten mir einhellig zu, alle meine Gevattern zu werden. Mit solchem Versprechen schied ich neben vielen andern aus dem Schloß, und weil Monsieur Ludwig an der Straße einen Schuldmann zu besuchen hatte, ritt er fünf Meilen mit mir. Und ich erzählte ihm unterweges die Geschieht meines Jostens, die sich mit ihm und der Veronia zugetragen, fragte ihn auch beinebens, ob er seitdem keine Nachricht von derselben erhalten.

»Liebster Bruder,« antwortete Monsieur Ludwig, »nunmehr hat sichs gewiesen, was ein solches Leben endlich vor ein Ende nimmet, nämlich mit Schrecken. Sie ist vor ungefähr drei Wochen mit einem Galan durchgegangen. Ihr Herr aber folgete in verkleideter Gestalt dem Räuber nach und erwischte ihn in einer kleinen Stadt außer Landes, allwo er sich nicht enthalten können, mit einem versteckten Puffer hervorzuwischen und seinem Ehrenschänder mit zwei Kugeln das Leben zu nehmen. Er hätte ihr noch Genad erwiesen, so sie ihn um Vergebung gebeten, aber in dem Zorn und in der Furcht konnte sich keines unter beiden begreifen. Dahero wurde sie von ihrem Herrn mit einem italienischen Dolchen jämmerlich erstochen, und man sagt vor ganz gewiß, daß sie über achtzehn Wunden in der Brust gehabt.

Solche Comödien nehmen gemeiniglich einen solchen Ausgang, und es wäre zu wünschen, daß die abscheulich gestrafte Veronia nicht in eine größere Pein eben in der Stunde gefahren, in welcher sie gestorben, nämlich in den Pfuhl, welcher allen solchen Gemütern zum ewigen Schrecken brennet.«

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