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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 73
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid96c6f564
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X. Capitul. Lustige Comödia daselbst samt andern Sachen.

Wer seine Meinung nicht läßt fahr'n,
Wird oft darüber gar zum Narr'n.

Der Leser verwundere sich nicht, warum ich in dem vorhergehenden Capitul so kurz abgebrochen, denn weil alles so sehr zu der Action eilete, konnte ich mich billig länger darinnen nicht aufhalten. Die ganze Gesellschaft wurde unter Trompeten- und Paukenschall in eine große Tafelstube geführet, allwo das Theatrum aufgeschlagen war. Actores hatte Isidoro so gut aufgebracht, als er sie auf unterschiedlichen Schulhäusern in den umliegenden Dörfern antreffen können. Das Theatrum selbst bestund meistens in Vorhängen und auf Bretter gepappten Tapezereyen. Dahero ist leichtlich zu schließen, daß es sehr schlechte Maschinen und dahero gar wenig Verwendungen abgegeben.

Man hatte gegen dem Theatro über etliche erhabene Sitzbänke verfertiget, und als die anwesende Hochzeitgäste sich in ihre Ordnung gesetzet, ließ sich über dem Theatro eine gemachte Taube herunter, die pfiff die Wort » Der verliebte Österreicher« ganz hell und deutlich, denn Isidoro hatte ehedessen nicht ein weniges in der Mathematik getan, und war ihm also gar nichts Neues, gewisse Wort in ein hölzernes Instrument zu schließen und dieselben zu gewisser Zeit wieder herauszulassen.

Es schien fast, als wollte man in einer erdenen Schüssel ein herrlich Gericht auftragen, ich meine, als sollte auf diesem lumpichten Theatro eine herrliche Action präsentiert werden. Deswegen gab man gar beflissenes Gesicht, unerachtet einer gar viel Niespulver auf die Sitzbänke gestreuet, dardurch die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu zerstören, aber ehe sie sichs versahen, hebte sich an

Actus primus. Sana prima Jorgias und Rutilio.

Jorgias. Ich weiß in der Wahrheit nicht, was ich anfange oder auf was vor eine Weise ich zu dem Ausgang meiner Liebe gerate. Zur Rechten druckt mich das Unvermögen, auf der Linken die Verachtung, dadurch ich allem Frauenzimmer verhaßt bin. Aber hier wohnt ein Philosophus, der ist ein mächtiger Doctor. Er weiß sich in seinem Mantel viel mehr als alle Windmüller in spanischen Niederlanden. Er mischt sich in alles wie eine Sau, die man im Frühling zum erstenmal auf das Feld treibet, und wovon man ihm sagt, darinnen ist er Magister. Sein Name heißt Rutilio. Darum werde ich ihn zu Rate ziehen und sehen, was seine Meinung wegen meiner Liebe sei. Sehet, hier kommt er erwünscht.

Rutilio. Das ist ein Flegel! Der Bärnhäuter will behaupten, Erfurt in Thüringen sei keine Stadt, sondern sagt simpliciter hinweg: Erfurt ist ein Dorf, ein Reichsdorf, das größte Dorf in Teutschland. O der Bärnhäuter! Er hat Zeit gehabt, daß er mir aus dem Auditorio entlaufen, ich wollte dem Schlingel sonsten argumentiert haben, daß ihm die Nasen bluten soll! O du Bärnhäuter!

Jorgias. Herr Doctor, einen guten Tag!

Rutilio. Hör mir nur ein Mensch die Consequenz an: Omne id, quod est pagus, non est civitas. Erfurdium est pagus, ergo non est civitas. O du Esel, du impertinenter Erzflegel mit deinem Argument!

Jorgias. Herr Doctor, wie wird mirs doch mit meiner Liebe gehen?

Rutilio. Ich wollte, daß du mit deinem Argument an den Galgen gehen müssest. Der Narr kann nicht distinguieren inter esse politicum & inter esse physicum. O du Erzgrobianus! Alia enim est intentio entis politici, alia entis physici.

Jorgias. Mein Herr Rutilio, hört Ihr mich denn nicht? Ich wollte gern ein Wort mit Euch sprechen!

Rutilio. Ach, daß ich dem Bachanten keine Ohrfeige gegeben! Erfurdium enim considero aut physice, aut politice; si considero physice est civitas, si politice est pagus imperii. So ist die Sach ausgemacht.

Jorgias. Ei, was hab ich mit Erfurt zu schaffen! Sagt mir doch, ob mir meine Liebste wird getreu sein!

Rutilio. Secundo antworte ich so: ubi non habitant rustici, ibi non est pagus. Erfurdii non habitant rustici, ergo Erfurdium non est pagus. Die Sache ist so klar als die Sonn am Himmel.

Jorgias. Laßt mich doch nicht so vergebens hier stehen.

Rutilio. Was wollt Ihr denn?

Jorgias. Mein Herr Doctor, wie ratet Ihr mir, soll ich in meiner Liebe mit der Schneiderstochter fortfahren oder nicht?

Rutilio. Tertio sage ich so: quod vulgariter vocatur civitas, illud est civitas; Erfurdium vulgo vocatur civitas, ergo Erfurdium est civitas. Wer beißt mir die Nuß auf?

Jorgias. Was, Nuß aufbeißen? Nuß aufbeißen? Hört mich doch nur ein Wort!

Rutilio. Du Schlingel, samt deiner Logik, sollst du sagen, esse physicum sei eine Moraldisciplin? So argumentiere ich: esse tuum, est esse physicum, ergo tu es homo moralis, quod est absurdum.

Jorgias. Herr Rutilio, höret mich!

Rutilio. Ich höre Euch schon, aber der Esel, der Impertinent, will mich mit Gewalt überstreiten, Erfurt sei keine Stadt. Ehe daß ich dieses affirmieren wollte, daß Erfurt ein Dorf wäre, ehe wollt ich sagen: quod forma et figura dijferant realitate intrinseca, quod etiam est absurdum.

Jorgias. Herr Rutilio, Ihr habt philosophische Grillen, sagt mir doch, was soll ich denn mit meiner Liebsten anfangen?

Rutilio. Und was noch das allermeiste ist, so affirmiert der Galgenvogel, quod per esse intentionis intelligantur realitates animi? Quod est contra rationem. Jorgias. Herr Rutilio, kommet mir nur dieses Mal mit Eurem Rat zu Hülf.

Rutilio. Si enim esse intentionis spectat realitates animi, sequitur, quod cantus sit esse intentionis, quod est absurdissimum.

Jorgias. Soll ich denn wieder hinweggehen?

Rutilio. Insuper so sagt der Bärnhäuter: qualitates rationis sunt coadaequatae species intentionis, quod est risibile.

Jorgias. Mein Herr Rutilio, ich glaube Euch alles, sagt mir doch, wie ich mich in meiner angefangenen Liebe zu verhalten habe?

Rutilio. Ja, ja, es ist nicht anders: notio prima est qualitas rationis, ergo notio prima est species intentionis, non est credibile, es ist unmüglich.

Jorgias. Hat mich der Teufel mit Eurem Disputieren beschissen?

Rutilio. O der Bärnhäuter, der ungehobelte Bärnhäuter, darf mich fragen: quid sit musica? Narr, die Musik ist eine Kunst dem, der sie nicht kann, und dem, der sie kann, ists eine Wissenschaft. Res est clarissima.

Jorgias. Ich glaub, er disputiert sich heute noch närrisch.

Rutilio. Omne enim, quod scio, non scio, ut artem, sed ut scientiam. Da steckt das Fundament.

Jorgias. Herr Rutilio, Herr Rutilio!

Rutilio. Was hab ich mit Euch zu schaffen? Scientia est effectus artis, ergo quod per artem didicimus, hoc necessario scimus. (Gehet ab.)

*

Actus primus. Scena secunda Strabo, ein Philosophus. Jorgias.

Strabo. Ich suche den ehrlichen Rutilio, mich mit ihm zu unterreden, was er von der Sach statuiert, die ich heute mit meinen Auditoribus vorgehabt. Aber wen sehe ich hier?

Jorgias. Mein Herr, ich bin Jorgias, der verliebte Österreicher, und habe mich bei dem Rutilio Rats erholet, aber er ist ein halber Narr und antwortet mir gar nichts zur Sache.

Strabo. Was? Rutilio ein Narr? Sollt Ihr einen meinesgleichen so unhöflich beschimpfen? Ich schwöre, Euchs bei den Göttern nicht zu vergessen, sondern Euer unbescheiden Maul in allen Schulen bekannt zu machen.

Jorgias. Wie? Ist mein Herr auch ein Gelehrter?

Strabo. Freilich, und zwar ein vollkommen Gelehrter, dergleichen sonst in der Welt nicht ist.

Jorgias. Mein Herr, ich bin hergekommen ...

Strabo. Ihr müßt nicht sagen: ›Ich bin hergekommen‹ sondern: ›Es gedünkt mich, ich sei hergekommen.‹

Jorgias. Und dahero bitte ich Euch ...

Strabo. Ihr müßt nicht sagen: ›Ich bitte Euch‹, sondern: ›Es gedünkt mich, ich bitte Euch.‹

Jorgias. Weil, ich bin der verliebteste Mensch.

Strabo. Ihr seid kein Mensch, sondern ein Esel, id probo sequentibus: Asinus habet duas aures, tu habes duas aures, ergo es asinus.

Jorgias. Herr Philosophus, wer zwei Ohren hat wie ich, der ist sowohl ein Esel als ich. Ihr habt auch zwei Ohren wie ich, ergo seid Ihr auch ein Esel wie ich.

Strabo. Was sagst du, du Bärnhäuter?

Jorgias. Ein Schelm seid Ihr!

Strabo. Das will ich dem Richter klagen, daß du mich einen Schelm geheißen.

Jorgias. Herr, Ihr müßt nicht sagen: ›Ich wills dem Richter klagen‹, sondern: ›Es gedünkt mich, ich will ihms klagen.‹ Auch nicht, daß ich Euch einen Schelm geheißen, sondern: Es gedünkt Euch, ich habe Euch einen geheißen.

*

Sie wollten weiter miteinander fortreden, so fiel aber zu allem Unglück das Theatrum über den Haufen, und wurden ihrer viel nicht ohne Gefahr verletzet, daß also diese lustige und kurzweilige Action nicht konnte zum erwünschten Ende gebracht werden, so sehr auch diejenige darnach verlanget, welche ehedessen auf Schulen das Ihrige getan. Aber Isidoro mußte es wider seinen Willen so dabei verbleiben lassen; weil etliche Hauptpersonen von der eingefallenen Wand in dem Gesicht verletzt worden und dahero große Pflaster aufzulegen genötiget wurden.

Aus dieser Ursach verschob man die Action bis zu einer andern Zeit, denn Isidoro berichtete, daß noch zwei Philosophi darinnen wären, welche mit dem Pickelhering ihre Propositiones haben würden. Dahero gaben sich die Cavalier in etwas zufrieden, und das Frauenzimmer waren indessen geschäftig, damit der Tanz gehalten wurde, nach welchem aufs neue sehr magnific tractiert worden.

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