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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 71
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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VIII. Capitul. Die Köchin hätte lieber den Schreiber.

Viel lieber hätt der Küchenratz
Den Schreiber als den Baur zum Schatz.

Der Freier stund nach ihrem Abschied da, wie man ihn ans Ohr geschlagen hätte, und mich verwunderte es, daß sich die Köchin so einen Haufen einbildete und keinen Bauren heiraten wollte. »Lieber Freund,« sagte ich zu ihm, »dein Anbringen hat einen schlechten Anfang, aber die Winde, welche sich anfangs still erheben, haben auf die letzte einen größern Nachdruck. Eine Vestung wird nit stracks auf einen Sturm eingenommen, mußt du dahero sehen, wie du deine Sachen anstellest, daß du sie besser aus dem Sattel heben mögest. Wie hoch erstreckt sich dein Vermögen?« – »Euer Gestreng,« antwortete er, »an baren Mitteln habe ich zweihundert gute und harte Reichstaler.« – »Ha,« sagte ich, »vor die Köchin ist ein Harter schon genug.« Hiermit lief mein Weib auch davon, und ich blieb allein bei dem Bauerknecht stehen, welcher schon ein wenig zu schmunzeln anfing; »Was hast du denn noch weiter?« sagte ich zu ihm. »Weiter«, antwortete er, »hab ich vierhundert Scheffel Wintergersten und neun Morgen Landes. Das ist all mein Reichtum, und wenn mich die Köchin nicht nehmen will, so muß ich halt schauen, wie es in einem andern Haus beschaffen sei.« Ich sagte zu ihm: »Wenn du so viel vermagst, so bist du wohl ein Narr, daß du nicht wacker den Huren nachlaufest, dadurch du wohl ledig bleiben und dich mit der Haushaltung nit viel schleppen darfst.« – »Nein, Herr,« sagte er, »huren ist verboten. Ich hätte lieber ein Weib als eine Hure. Es gewinnt keiner nichts mit der Hurerei, und unsers Nachbars Stoffel hat oft gesagt, wenn er den Huren nit so nachgelaufen wäre, er wollte jetzo um hundert Gulden reicher sein.«

»Mein lieber Kerl,« sagte ich zu dem Bauerknecht, »du bist in diesem Stück viel glückseliger als mancher großer Hans, dem es an der Erkenntnis dieses Lasters ein merkliches mangelt. Aber ich höre, du seiest sonsten an dem Leib schlecht genug beschaffen, denn man sagt, du wärest vor diesem geschnitten worden und hättest also gar ein geringes Vermögen, ein Frauenzimmer zu befriedigen.« – »Ei, Herr,« sagte der Bauernknecht, »ists möglich, wer hat das Ding gesagt? Ich glaub, die Leut sind Narren oder werden noch zu Narren werden. Hat sich wohl, geschnitten sein! Narrenpossen, deswegen wollt ich mit der Köchin schon übereins kommen, wenn sie mich nur sonst haben möchte.« – »Nein,« sagte ich, »du magst machen, was du willst, ich kann keines darzu zwingen. Will dich die Köchin, so kriegst du die Köchin, will sie dich nit, so kriegst du sie auch nit.« – »Herr,« sagte der Bauer, »das hätt mir wohl ein Narr gesagt. Drum frag ich Euch um Rat, wie ich die Köchin bei der Cartausen kriegen und zu meinem Weib bekommen könnte. Hört Ihrs nicht, zwölf Taler will ich Euch schenken, Herr, zwölf Taler, zwölf Taler!«

Mit diesen Worten stieß er mit dem Stock auf den Boden, und weil die Köchin geglaubet, ich klopfte, kam sie wieder herauf und fragte, was ich zu befehlen hätte? »Nichts anders,« sagte ich, »als daß du dich entschließest, wessen sich dieser ehrliche Mensch gegen dich zu versehen habe. Nimm dir etliche Tage vor, alsdann will ich dir wieder zusprechen und deine Antwort abholen lassen, es werde darnach gleich etwas draus oder nicht.« – »Ach, Herr,« sagte die Köchin, »einen Bauren zu heiraten kann ich nicht über mein Herz bringen. Wenn Ihr mir aber zu einem Schreiber oder zu dem Schulmeister in unserm Dorfe helfen wollet, dann wollte ich mich bald herauslassen, was ich zu tun gesonnen sei.« Entzwischen ging der Bauerkerl wieder fort und schüttelte den Kopf mit etlichen Worten, die er in der Stille herausgemurmelt.

»Der Teufel hat dich beschissen,« sagte ich zu der Köchin, »daß du den ehrlichen Kerl nicht willst. Ihr Narren hätt gerne einen in weiten Hosen, und wenn ihr ihn bekommet, so habt ihr oft das Brot kaum zu fressen. Was geht dem Kerl ab? Er ist wohlgestalt vom Leib, und ist er schon ein Bauer, so ist er doch kein Narr. Er bekommt wohl allenthalben ein Weib, aber du nicht stracks einen Mann, wie dirs gefällt. O meine Köchin, da hast du noch weit hin! Glaube sicherlich, daß dir die Gelegenheit nicht alle Tage vor der Küchentür stehen und dir einen Tanz auf dem Hackbrett aufspielen wird. Früh gefreit, hat niemand gereut, wenn es billig zugegangen. Und meinst du denn mit einem Schreiber so viel auszurichten? Köchin, Köchin, du irrest gar weit! Du wirst noch einmal die Finger darnach ablecken, wenn du einen solchen braven und jungen Bauernknecht bekommen sollst.

Ihr Eselsköpfe macht euch selbst untereinander so hoffärtig, und wenns dazu kommt, sitzt ihr bis über die Ohren in Elend und Jammer. Du meinest und bildest dir ein, an dem Schulmeister ein Haufen zu erhaschen. Was willst du aber mit dem dalketen Narren anfangen? Er kann und versteht ja nichts, und wie ich ihn neulich zu Gast hatte, seichte er gar in die Hosen, als ich ihm nur ein paar Gläser Wein zugetrunken.

Er hat einen zornigen und hartnäckigen Kopf, spielt gern und zanket sich fast öfter, als er betet. Wenn ich dir erzählen sollte, was er bei denen vor ein Lob hat, welchen er von Jugend auf beigewohnet, so würdest du ihn vielmehr auslachen als lieben. Man beschimpfet ihn allenthalben, und so sehr man ihn angreifet, wehret und bessert er sich doch nicht. Darum kannst du schließen, daß er nicht gar viel auf sich halte. Es kanns kein Mensch in dem ganzen Dorf sagen, daß er die Zeit seines Lebens einem eine Höflichkeit erwiesen. Aber er hauet hingegen alle Leute bei mir hinein und ist ein solcher Fuchsschwänzer, daß nichts darüber. Er hält sich bloß an meiner Gunst, und wenn ich ihn absetzte, so mußt du mit ihm betteln gehen und bist also schon zeitlich verdorben. Darum so resolviere dich mit wenigem, ich will dich weder nötigen noch von deinem Vorhaben mit dem Schreiber oder dem Schulmeister abwendig machen. Allein, es ist an allen beiden nicht gar viel übriges. Mein Rat wärs, du nähmest den Bauernknecht, stinkt er schon nach Mist, so stinkt er doch auch nach Reichstalern, die findet man heutzutage nicht überall. Manche heiratet lieber einen Soldaten als einen Bauren, und wenn man abdankt, so kommt sie doch wohl mit zweien Kindern auf dem Rücken vor des Bauers seine Haustür und bettelt um ein Stück Brot. Wer einen gewinnenden Pfenning erheiraten kann, ist heutzutag glückselig genug, und dergleichen Gelegenheiten werden dir wahrhaftig nicht alle Tage offenstehen. Sophia, was denkst du?«

»Gestrenger Herr,« antwortete sie, »Er weiß und ist Ihm zur Genüge bekannt, daß ich all meine Tage und meine meiste Zeit unter dem adeligen Frauenzimmer zugebracht. Und wenn ich nun sollte einen Bauer und Landmann heiraten, hilf Gott, wie sollten mich diejenige auslachen, die mich zuvor gekannt oder um mich gelöffelt hätten. Gestrenger Herr, mit klatschenden Händen würden sie über den Köpfen zusammenschlagen und sprechen: ›Seht mir doch den Handel an! Die Sophia, des Herrn Zendorii Köchin, hat einen Bauerknecht geheiratet. Der und der ist ihr viel zu schlecht gewesen, nun ist sie eine Viehmagd worden.‹ Gelt, Euer Gestreng, das Ding sollte mich trefflich im Bauche vexieren.«

»Narrenpossen,« sagte ich, »wenn dich der Bräutigam nicht besser in dem Bauche vexieret als diese Reden deiner Bekannten, so ist der Handel schon geschlossen. Ihr seid halt Affen und Narren. Durch die Heirat suchest du deine eigne Glückseligkeit. Triffst du es wohl, so hast du es auch wohl, und hilft oder schadet nichts, die Leute mögen davon sagen oder urteilen, was sie wollen. Was ist dir geholfen, wenn du den Schulmeister heiratest und mit ihm betteln mußt? Ist gleich sein Amt was reputierlicher als des Bauern, so ist doch auch hernachmals das Elend desto größer. Ich halte es viel besser, in einem niedrigen Stand ein Stücklein Brot vermögen, als in einem hohen Hunger leiden müssen. Sophia, Sophia! Du weißt noch nicht, wie es in der Welt hergehet. Das Reden der Leute tut nichts zur Sache. Wenn sie sagen: ›PfuiTeufel, die Sophia hat einen Bauern genommen‹, und du issest einen guten Braten, so ists besser, als wenn sie sagen: ›Ach, wie wohl hat Sophia getan; daß sie den Schreiber geheiratet‹, bei welchem du doch Sauerkraut essen mußt. Gelt, meine liebe Sophia, du merkest wohl, daß nichts an dem Urteil der Menschen gelegen.«

»Euer Gestreng,« sagte die Sophia, »Sie sollten bald einen wunderlichen Entschluß aus mir bringen. Hat denn der Kerl was im Vermögen?« – »Sein Vermögen«, sagte ich, »ist so liederlich nicht, als du dir wohl einbildest. Er hat nebenst ziemlichem Stücke Geld viel Getreid liegen und noch darzu seines Vaters Gut zu hoffen. Der Haussegen bestehet nicht in großen Mitteln, sondern wie man mit wenigem sich in die Höhe und emporschwinget. Er hat zweihundert Taler in specie und viel Getreid auf dem Boden liegen. Das ist dasjenige, was er bis anhero mit seiner Arbeit erworben, und sein Vater gibt ihm auf das wenigste eine Heimsteuer von fünfzig Gülden. Er hat überdieses ein liegend Feldgut, von welchem ihr das Jahr Brot genug zu essen habet. Dahingegen mancher großer Prahler das Geldlein dort und dar zusammenklauben muß, wenn er das Wochenbrot kaufen soll. Lasse andere immer sagen, was sie wollen, wenn du deine eigene Frau bist, hast du dich wenig nach fremden Leuten zu kehren. Mancher wird deinen Stand auslachen, der doch wohl froh ist, wenn du ihn zu Gast bittest und eine Mahlzeit vorsetzest, die er oft nicht zu bezahlen hat.

Ich bin ein Cavalier von sattsamen Mitteln, und solchergestalten hätte ich schon lang ein Minister bei einem Hofe sein können. Aber die Vergnügung, welche ich in der Niedrigkeit finde, hält mich billig ab von einem Ruhm, der nur in der hinschwindenden Eitelkeit bestehet. Du siehest, daß ich hier ein schlechtes Geiglein in der Hand habe, und bin damit nicht halb mit so hochwichtigen Sorgen belegt, als wenn ich statt dessen einen Scepter führte. Diese Geige ist vor mich, aber der Scepter ist vor andre Leute, und brauchet große Mühe, klug regieret zu werden. Du bist zwar nur eine Köchin und um zwei Grad nicht von dem Bauerstand erhoben. Und wenn ich dich betrachte, wovon du hergekommen, so sehe ich nicht, was du vor Ursach habest, dich so sehr wider diesen Kerl zu sperren, denn deine Mutter ist eine schlechte Leinweberin gewesen. Dahero mußt du betrachten, wo du her bist, und nicht, in was vor Frauenzimmer du dich aufgehalten und gearbeitet hast. Du bist überdieses keine unter den Schönsten, und es ist um ein paar Jährlein zu tun, so bist du schon voll Runzel. Und sooft du in den Spiegel sehen wirst, wird es dich gereuen, daß du die Gelegenheit, zu heiraten, dir selbsten zum Verdruß so jämmerlich hast vorbeistreichen lassen.«

»Herr,« sagte die Köchin zu mir, »ich will mich darüber besinnen. Was Euer Gestreng vorgebracht, ist wohl die gründliche Wahrheit, ich wills versuchen, wie es tut, aber vier Wochen nehme ich Bedenkzeit.« Solchergestalt ließ ich den Bauerknecht wieder rufen, und er war wegen des Entschlusses wohl zufrieden, nahm auch hinfüro mit meiner Erlaubnis einen freien Zutritt in das Schloß, damit er die Köchin und sie ihn hinwieder besser kennenlernete.

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